V.
Das Moulin Rouge übertraf Michaels kühnste Erwartungen – das heißt, wenn er überhaupt irgendwelche Erwartungen an dieses berühmte Etablissement gehabt hätte. Am Boulevard de Clichy gelegen, war das Moulin Rouge zweifellos so etwas wie die unangefochtene Königin der Nacht und das wollte schon etwas heißen, denn im Vergnügungsviertel Pigalle herrschte nicht gerade ein Mangel an Bars, Tanzlokalen, Music-Halls, Varietés, Theatern und anderen amüsanten Attraktionen für unternehmungslustige Nachtschwärmer aller Art.
In Pigalle gab es Zerstreuungen für jeden Geschmack – sogar für die Herren mit einem etwas anrüchigeren Appetit. (Die stark geschminkten und auch sonst farbenprächtig herausgeputzten Paradiesvögel, die unter den wachsamen Augen ihrer Beschützer mit einem entschieden herausfordernden Hüftschwung in dem warmen Dämmerlicht unter den Gaslaternen entlang flanierten, ließen auch daran keinen Zweifel offen!)
Doch das Moulin Rouge vereinigte die Erfüllung aller Wünsche unter einem einzigen Dach – zumindest sah es auf den ersten Blick ganz so aus. Sein Programm war bunt, schillernd, vielfältig und laut.
Es wurde hier wirklich alles geboten, was das Auge erfreute oder die Zuschauer zumindest gut unterhielt: Artisten katapultierten sich in schwindelerregenden Salto-Serien quer über die Bühne und zwangen ihre geschmeidigen Körper in akrobatische Verrenkungen hinein, die gegen die Grenzen von Wirbelsäulen, Gelenken und Sehnen immun zu sein schienen.
Muskulöse Kraftprotze stemmten abwechselnd massive Kugelgewichte und etwas fragiler aussehende Jongleure in einem Hagelsturm aus fliegenden Bällen, Stäben und Kegeln auf ihre breiten Schultern.
Wilde Quadrillen aus Cancan-Tänzerinnen, warfen ihre skandalös sichtbaren, mit schwarzen Netzstrümpfen geschmückten Beine unter den gefältelten Schneewehen ihrer weißen Rüschenunterröcke so hoch in die Luft, als wäre das Gesetz der Schwerkraft eigens für sie aufgehoben worden.
Schrille Kabaretteinlagen verursachten hallende Gelächtersalven in dem begeisterten Publikum, so dass die Pointen der Gags oft ein wenig untergingen (ganz abgesehen davon, dass Michael den witzigen Dialogen dank der Sprachbarriere ohnehin nicht so ganz folgen konnte).
Groteske Pantomimen prunkten mit Schauspielern in zeitgenössischen Kostümen, die unter dramatischem Augenrollen und ähnlich übertriebener Stummfilm-Mimik besonders pikante oder schaurige historische Begebenheiten darstellten. (Die Ermordung von Julius Cäsar durch eine Rotte von dolchschwingenden römischen Senatoren verursachte ein allgemeines schockiertes Ächzen, als der niedergemetzelte Diktator in seinem Todeskampf eine Handvoll schmaler scharlachroter Seidenbänder in Richtung Orchestergraben schleuderte, um effektvoll eine weithin spritzende Blutfontäne anzudeuten, während die erbarmungslos parodierte geplatzte Hochzeitsnacht eines sehr enttäuschten Henry VIII. und seiner wegen extremer Hässlichkeit verschmähten vierten Ehefrau dank ihrer unwiderstehlichen Situationskomik sogar Standig Ovations erhielt!)
Eine gewisse Madame Eglantine in einem rosafarbenen Tutu und Spitzenschuhen ließ ein Dutzend ebenfalls als Ballerinen verkleidete Pudel zu den silbrig perlenden Glockenspiel-Tönen von Tschaikowskis Zuckerfee-Pas de deux graziös auf ihren Hinterbeinen hin und her trippeln und eine als Haremsdame gewandete Schlangenbändigerin präsentierte sich und den Tigerpython, der sich um ihre Arme gewunden hatte wie eine lebende Federboa, als „Salomes Vision", was damit endete, dass sie nach und nach ihre zahlreichen Schleier fallen ließ, einen nach dem anderen, bis der männlichen Vision oder zumindest Fantasie fast nichts mehr zu wünschen übrig blieb.
Ein Trio aus ebenfalls exotisch und vor allem sehr leicht bekleideten Damen, die laut Michaels Programmheft mit so neckischen Namen wie Cri-Cri (die Grille), Petit Vol-au-Vent (Pastetchen) und Pomme d'Amour (Liebesapfel) geschlagen waren, führte einen orientalisch angehauchten und sehr lasziv-erotischen Reigentanz vor, der aus nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen als „Der Traum des Maharadschas" bezeichnet wurde.
Michael, dem inzwischen schon wieder der Kopf schwirrte, rechnete jeden Moment damit, dass als nächste Nummer auch noch eine Abnormitätenschau präsentiert werden würde (vielleicht so etwas wie eine Wagner-Arie mit einem Tenor singenden Zwerg als Siegfried und einem zweiköpfigen Rehpinscher als Fafnir dem Drachen oder ein Ringkampf zwischen einer bärtigen Dame und einem Wolfsmenschen oder ein Dressurakt, bei dem der dickste Mann der Welt durch Feuerringe springen musste, während sein weibliches Pendant sich als Seiltänzerin betätigte!), aber das blieb ihm zum Glück erspart.
Auch für leibliche Genüsse war bestens gesorgt: Das Essen – eine scheinbar unendliche Abfolge von Haute-Cuisine-Leckerbissen, von Sterneköchen zubereitet – war köstlich und teurer Champagner floss in Strömen.
Aber all diese individuellen Eindrücke lösten sich auf, verflüssigten sich und verschmolzen miteinander wie Eiskugeln in einer Schale und bildeten einen undefinierbaren Mischmasch. Und später verblieben in Michaels Gedächtnis nur ein paar chaotische und etwas verschwommene Schnappschüsse von diesem Abend, Schnipsel von allem, was er gesehen, gehört, gerochen und geschmeckt hatte: Ein Kaleidoskop aus Frauen, deren Köpfe mit wippenden Straußenfedern geschmückt waren wie Zirkuspferde und die in ihren glitzernden Fähnchen in atemberaubenden Tempo durch die Gegend wirbelten wie lebende Katharinenräder, aus Kellnern im Frack, die zischende, überschäumende Flaschen ausgossen und Sektglas-Pyramiden in sprudelnde, schimmernde goldene Wasserfälle verwandelten, aus einer gesichtslosen Menge in eleganter Abendkleidung, die Wolken von teuren Parfüm- und Zigarrenrauchschwaden ausdünsteten, während sie johlten und klatschten und mit den Füßen trampelten, überlagert von dem herben Zitronenaroma der frischen Austern auf der Servierplatte vor ihm, untermalt von den schnellen mitreißenden 2/4-Takt-Klängen von Jacques Offenbachs Musik und beleuchtet von den funkelnden Regenbogenprismen unzähliger Kristalllüster …
Vielleicht war Michaels Verstand überwältigt von diesem Großangriff auf alle seine Sinnesorgane gleichzeitig, vielleicht war er auch einfach nur betrunken. Einen kräftigen Schwips hatte er auf jeden Fall (in seinem ganzen Leben hatte er noch nie so viel Champagner hinunter gegossen!). Und als er sich schließlich weit nach Mitternacht irgendwie draußen auf der Place Blanche wieder fand, registrierte er mit leicht benebelter Verwunderung, dass er tatsächlich ein wenig torkelte.
Verärgert darüber, dass sein Gleichgewichtssinn ihn so im Stich ließ, machte er ein paar schwankende Schritte … und fühlte plötzlich eine harte Hand in seinem Rücken, die ihm einen heftigen Schubs gab …
Er fiel vornüber … direkt auf die Straße … und landete auf allen Vieren … genau vor einem auf ihn zu trabenden Gespann von schwerfälligen Karrengäulen, die ein mit Bierfässern beladenes Fuhrwerk zogen!
Er blieb auf Händen und Knien liegen, in seinem Schock völlig unfähig sich zu bewegen, hilflos wie eine auf den Rücken gedrehte Schildkröte …
Die Zeit stand still …
Er konnte alles sehen, mit der überirdischer Klarheit und der atembeklemmenden Zeitlupen-Langsamkeit eines Alptraums: Die stämmigen Beine und zottigen Fesseln der riesigen Pferde ... stahlgrau und weiß gescheckte Giganten mit wallenden Mähnen wie die Reittiere von Walküren, wie Schlachtrösser aus einem mittelalterlichen Gemetzel … ihre schaumgefleckten roten Nüstern, ihre tellergroßen Hufe, ihre klobigen Eisen, die auf dem buckligen Kopfsteinpflaster Funken schlugen, die auf ihn zu stampften, bereit ihn zu zermalmen ...
Irgendwo hinter ihm stieß irgendeine Frau einen gellenden Schrei aus, eine Alarmsirene in einem hysterischen Falsett …
… und er begriff, dass er so gut wie tot war. Wenn ihn nicht schon die Pferde erledigten, dann würden ihm die Wagenräder den Rest geben – oder auch das schiere Gewicht dieses Gefährts, das über ihn hinweg rollen würde wie eine Dampflok … Er war so gut wie tot …
Doch dann packte ihn etwas … jemand … an den Schultern und riss ihn mit einem kraftvollen Ruck hoch und zurück …
… und im nächsten Augenblick lag Michael Fitzhubert rücklings auf dem Trottoir, außer sich, fassungslos, nach Luft schnappend und zappelnd wie ein Fisch auf dem Trockenen, umringt von zeternden Passanten.
Das Fuhrwerk war unter dem protestierenden Gewieher von zu scharf gezügelten Pferden und dem durchdringenden Quietschen von überlasteten Schleifbremsen zum Stehen gekommen. Der Kutscher, ein grober baumlanger Kerl in einer fleckigen Lederschürze und ausgebeulten Drillichhosen, stand auf seinem Bock wie ein zorniger Titan des Arbeitervolkes, wie ein Krieger auf der Belle-Epoque-Version eines todbringenden Streitwagens, und brüllte einen Schwall von Flüchen und Obszönitäten – jedenfalls hörte es sich so an. Dann knallte er mit seiner Peitsche, das Gespann setzte sich wieder in Bewegung und Michaels Beinahe-Nemesis rollte rumpelnd und grollend wie eine Gewitterwolke auf mit Metallreifen verstärkten Speichenrädern davon.
„Oh, il est blessé!" rief eine ältere Dame, die links neben Michael stand, bestürzt.
Er setzte sich auf, sehr langsam und ziemlich benommen, und sah ein wenig ängstlich an sich hinunter, weil er nach der Mitteilung seiner Nachbarin schon fürchtete, dass ihn der Anblick von klaffenden Wunden erwartete. Aber seine erste Bestandsaufnahme ergab lediglich ein zerschundenes Knie unter einem durchlöcherten Hosenbein und ein verstauchtes Handgelenk, was in Anbetracht der möglichen Unfallfolgen eher harmlos war … Unfallfolgen?!
Das war kein Unfall! Jemand hat mich gestoßen …
„Que s'est-il passé, Monsieur?" erkundigte sich ein angegrauter Herr mit buschigen Koteletten, der offenbar der Partner der aufgeregten Dame war.
„Äääh …" Michael brauchte eine längere Denkpause, um die Situation überhaupt in Worte fassen zu können. „Je suis tombé! Ich bin gestolpert", stammelte er schließlich, obwohl es gar nicht so war.
Aber was sollte er sonst sagen? Abgesehen davon, dass er gerade nicht dazu in der Lage war, kompliziertere Sachverhalte zu erklären, sträubte sich alles in ihm dagegen, noch mehr Aufsehen zu erregen. Vor seinem geistigen Auge sah er sich nämlich schon von aufgescheuchten Flics umzingelt, die ihn in das nächstbeste Polizeirevier schafften, dort mit beruflich bedingtem Argwohn seinen Pass kontrollierten und ihn dann stundenlang verhörten, als wäre er der Missetäter, der nachts umherstreifte, unschuldige Fußgänger anrempelte und sie damit fast umbrachte.
Oh Gott! Alles, nur das nicht …
„Können Sie aufstehen?" fragte jemand.
Michael (heilfroh, dass er verstehen und antworten konnte, ohne sich zuerst sein beduseltes Hirn zermartern zu müssen!) reckte den Hals und entdeckte einen dunkelhaarigen Mann in einem Smoking, der inzwischen rechts von ihm aufgetaucht war.
„Ich … ich kann es ja mal versuchen", erwiderte er.
Und er versuchte es. Aber obwohl er sich Mühe gab, war seine Balance immer noch ziemlich aus der Spur (aus verschiedenen Gründen jetzt!) und der Mann sah sich dazu gezwungen einzugreifen und Michaels Arm zu umklammern, damit er nicht erneut unfreiwillig Bodenkontakt aufnahm.
„Ich hoffe, das wird nicht zur Gewohnheit bei Ihnen – ich will Sie nicht noch mal in letzter Sekunde von der Straße aufklauben müssen", sagte er zu seinem Schützling.
„Das waren Sie?"
„Enfin, sagen wir, ich war zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort", erwiderte sein Schutzengel und dirigierte ihn mit fester Hand den Gehweg entlang.
Michael blinzelte, brachte aber nichts anders heraus als: „Wo gehen wir hin?"
„Nur um die Ecke. Da steht mein Wagen. Ich bringe Sie nach Hause. Sie sollten heute Nacht nicht mehr alleine herumlaufen – schon gar nicht in dieser Gegend."
„Das ist sehr freundlich von Ihnen", murmelte Michael. Er fühlte sich immer noch ziemlich daneben, doch seine Reserviertheit ließ ihn instinktiv vor diesem Ausmaß an Hilfsbereitschaft zurückscheuen. „Aber das ist wirklich nicht nötig. Ich will Ihnen keine Umstände machen. Ich komme schon zurecht. Ein Taxi vielleicht ..."
Er sah sich um, eine abrupte Kopfbewegung, die ihn sofort wieder ins Taumeln brachte, aber natürlich war gerade jetzt weit und breit kein Taxi zu sehen und eine Droschke schon gar nicht. (Offenbar war jedes verfügbare Transportmittel bereits mit anderen späten Fahrgästen unterwegs.)
„Unsinn!" erwiderte sein Retter kurz. „Ich muss sowieso zur Place Vendôme, da kann ich Sie ebenso gut mitnehmen und dort absetzen."
„D...danke … V...vielen Dank ...", stotterte Michael, der plötzlich zitterte wie Espenlaub, was sich auch auf seine Artikulation auswirkte.
Der Mann sah ihn prüfend an, was ihm zum ersten Mal Gelegenheit gab, seinen Helfer etwas eingehender zu betrachten, zumal sie gerade den Lichtkegel einer Straßenlaterne durchquerten. Ein scharfes Raubvogelprofil, kühn und sonnengebräunt, das Gesicht eines Korsaren – ein seltsamer Gegensatz zu dem zierlichen, sorgfältig gewachsten Menjou-Bärtchen, das seine Oberlippe verzierte, und dem vor Brillantine glänzenden dunklen Haar unter seinem eleganten Zylinder. Man hätte bei ihm eher ein schwarzes Kopftuch erwartet (und vielleicht auch noch Ohrringe oder sogar einen breiten goldenen Reif in einem Flügel dieser gebogenen Adlernase oder eine Augenklappe!) und dazu schenkelhohe Schaftstiefel und andere Attribute des klassischen Seeräuber-Outfits statt spiegelblank polierten Lackschuhen und einem Smoking, dessen Schnitt einen erstklassigen Herrenausstatter verriet.
„Sie stehen unter Schock", stellte der Piraten-Samariter fest und das so kühl und sachlich wie ein Geschäftsmann, der einen möglicherweise fehlerhaften Vertrag kritisch begutachtete. „Kommen Sie!"
Und Michael wurde abgeführt, ob er wollte oder nicht.
Sie gingen an einem gutbürgerlichen Wohnhaus voller winziger Balkone mit kunstvollen schmiedeeisernen Gittern vorbei, bogen an einem handtuchschmalen Vorgarten ab, in dem ein einsamer Hibiskusstrauch sein Leben fristete, und standen mit einem Mal tatsächlich vor einem dort geparkten Automobil, einem riesigen bernsteingelben Rolls-Royce, dem sofort ein uniformierter Chauffeur entstieg.
„Vous y êtes enfin, Monsieur le Comte!" rief er mit unübersehbarer Erleichterung seinem Arbeitgeber zu. „Tout va bien?" fügte er etwas erstaunt hinzu, als er Michael entdeckte, der nach dem Halt ein wenig in sich zusammengesackt war und mit seiner zerrissenen Hose auch sonst einen etwas mitgenommenen Anblick bot.
„C'est bon, Thierry", klang es gelassen zurück.
Der Chauffeur riss ohne weitere Nachfragen den Schlag auf und Michael wurde in den Rolls-Royce hinein bugsiert. Da inzwischen vor allem seine Knie schlotterten wie ein Wackelpudding, ließ er es widerstandslos über sich ergehen. Er sank mit einem kleinen Seufzer auf weiche zimtbraune Lederpolster und schloss schicksalsergeben die Augen – bis der unverkennbare Duft von Cognac in seine Nasenlöcher eindrang.
„Trinken Sie einen Schluck!" befahl der aristokratische Freibeuter, der offensichtlich in den exklusiveren Gewässern der Welt auf Kaperfahrt ging und das auch nur mit dem größtmöglichen Luxus. „Sie sehen so aus, als könnten Sie eine kleine Stärkung gebrauchen."
Michael nahm gehorsam den silbernen Flachmann an, der ihm ins Gesicht gehalten wurde, und kippte eine großzügige Portion seines Inhalts hinunter. Er konnte wirklich eine Stärkung gebrauchen. Der Cognac rann durch seine Kehle wie Tropfen von flüssigem Feuer und erfüllte ihn gleich darauf mit einer wohligen, wenn auch nur flüchtigen Wärme.
Sein immer noch namenloser Patron (der Mann hatte offenbar nicht die Absicht, sich ihm vorzustellen!) tippte dem Chauffeur, der gerade den Motor startete, auf die Schulter und kommandierte: „Place Vendôme, Hôtel Le Jardin – mais faites vite, Thierry!"
Vielleicht lag es an der wiederbelebenden Wirkung des Cognacs, vielleicht auch nicht, aber Michael erkannte plötzlich, dass hier etwas äußerst Bemerkenswertes vor sich ging.
„W...woher w...wissen Sie, w...wo ich w...wohne?" (Die vielen W-Laute machten ihm diesen Satz w...w...wirklich zur Qual!)
Der Menjou-Bärtchen-Mann schwieg ein paar Sekunden lang, dann sagte er sichtlich widerstrebend: „Weil ich Sie dort schon mal gesehen habe … vor ein paar Tagen."
„Sie w...wohnen auch im Le Jardin?" fragte Michael voller Skepsis. (Diese markante Erscheinung wäre ihm in seinem geradezu verwaisten Hotel bestimmt aufgefallen, dessen war er sich ganz sicher!)
„Nein. Aber ganz in der Nähe."
Und mit dieser Auskunft musste sich Michael zufrieden geben, denn sein Begleiter entwickelte jetzt unversehens eine Wortkargheit, die er zuvor nicht an den Tag gelegt hatte.
Er beobachtete seinen schweigsamen Gefährten von der Seite her, ziemlich misstrauisch jetzt. Seine Gedanken schlugen Purzelbäume.
Er dachte an den Angriff, dem er erst wenige Minuten zuvor ausgesetzt gewesen war. Ein heimtückischer Angriff von hinten, unvorhersehbar und unmöglich abzuwehren, weil er gar nicht damit gerechnet hatte. Er hatte keine Ahnung, wer ihn attackiert hatte und warum. Er hatte seinen Gegner nie gesehen, nicht einmal seinen Schatten. Es konnte durchaus einer der Passanten gewesen sein, die um ihn herumgestanden hatten, als er auf diesem Trottoir gelegen hatte, wehrlos, ein betrunkener Narr, der nicht auf sich selbst aufpassen konnte. Vielleicht war es sogar der ältere Herr gewesen, der ihn angesprochen hatte … Vielleicht war es sogar dieser Mann gewesen, der jetzt direkt neben ihm saß …
Der Verdacht, der ihn mit einem Mal ohne jede Vorwarnung überkam, ließ seinen Atem stocken. Er spürte, wie ihm kalter Schweiß aus sämtlichen Poren brach. Und einen furchtbaren Augenblick lang war er davon überzeugt, einem skrupellosen Verbrecher in die Falle getappt zu sein, einem gut getarnten Gentleman-Gauner, einer Art realem Arsène Lupin, der im Gegensatz zu seinem fiktiven Romanvorbild nicht vor Gewalt zurückscheute, sondern sich blutrünstigeren Leidenschaften hingab als dem Raub von Juwelen und Kunstwerken. Und jetzt entführte er aus irgendeinem finsteren Grund ausgerechnet Michael Fitzhubert in seiner womöglich nur gestohlenen Nobelkarosse, um ihm in irgendeinem düsteren abgelegenen Winkel ohne lästige Augenzeugen endgültig den Garaus zu machen!
Michael sann gerade über einen etwas verworrenen Plan zu seiner Rettung nach (er konnte seinen Möchtegern-Mörder mit einem angemessen brutalen Ellbogenstoß in seine Nieren vorübergehend kampfunfähig machen und dann mit einem Hechtsprung aus dem nur mit gemächlicher Geschwindigkeit dahinrollenden Rolls hinaus sprinten!), als der mutmaßliche Attentäter ihn leicht alarmiert ansah und mit einer gewissen Schärfe sagte: „Nom de dieu! Sie sind ja leichenblass. Wenn Ihnen schlecht ist, dann sagen Sie es mir bitte, bevor Sie sich auf meine Nubukledersitze übergeben, vous comprenez?"
Und Michael dämmerte es mitten in seiner Panikattacke, dass es wohl eher unwahrscheinlich war, dass ein kaltblütiger Killer sich nur Minuten vor seiner nächsten Bluttat um den Zustand seines künftigen Opfers (oder seiner potenzielll unrechtmäßig angeeigneten Ledersitze!) Sorgen machte. Außerdem befanden sie sich bereits in der Rue du Faubourg Saint-Honoré (Michael konnte den Élysée-Palast sehen!), also auf direktem Kurs zur Place Vendôme, was nicht gerade für seine drohende Verschleppung in die Unterwelt von Paris sprach.
Er trank noch einen Schluck Cognac (um seine Nerven und den vielleicht doch legalen Eigentümer der Nubuksitze zu beruhigen!) und sagte ohne langes Überlegen: „Übrigens … Ich bin vorhin gar nicht gestolpert. Jemand hat mich auf die Straße geschubst. Haben Sie den Kerl hinter mir auch gesehen?"
Der Mann mit dem Menjou-Bart nahm seinen Zylinder ab (was Michael zum ersten Mal bewusst machte, dass er seine eigene Kopfbedeckung am Tatort verloren hatte!) und drehte ihn nachdenklich zwischen langen, sehnigen Fingern mit sorgfältig manikürten Nägeln hin und her. Im Schein der vorüberhuschenden Gaslaternen war deutlich der Siegelring zu sehen, der an seiner linken Hand aufblitzte: Ein in Gold gefasster Malachit, in den ein simples Wappen eingraviert war – ein Turm, der auf einem gezackten Balken stand. Durch sein dichtes schwarzes Haar zogen sich schon die ersten silbernen Fäden. Michael schätzte, dass er etwa im selben Alter sein musste wie Diane Montpellier, also Anfang Vierzig ungefähr.
„Oui, aber nur ganz flüchtig, als er an mir vorbei kam", sagte er nach einer kurzen Pause schließlich.
„Können Sie ihn beschreiben?"
„Ein schmieriger kleiner Kerl mit einem Gesicht wie ein Frettchen. Eine richtige Halunken-Visage und sehr schäbig gekleidet. Bestimmt ein Taschendieb oder so was."
Michael, sofort wieder nervös angesichts dieser Information, tastete unwillkürlich seinen Frack ab, aber sein gut gepolsterter Geldbeutel sorgte immer noch für eine fühlbare Beule und auch seine Taschenuhr war genau da, wo sie sein sollte. Also kein Grund zur Aufregung – jedenfalls nicht an dieser Front. Denn obwohl er gerne daran geglaubt hätte, dass er nur der missglückten Plünderung durch irgendeinen x-beliebigen Ganoven entkommen war, sagte ihm sein Instinkt, dass die Sache nicht ganz so einfach war. Taschendiebe rempelten ihre Beute vermutlich grundsätzlich an (schon zur Ablenkung!), aber stießen sie normalerweise nicht vor die Hufe von rund zwei Tonnen Pferdefleisch, gefolgt von zwei bis drei weiteren Tonnen aus Holz und Stahl und Ladung.
Zu begreifen, wie knapp er davon gekommen war, ließ ihn frösteln. Er setzte den Flachmann zum dritten Mal an und stellte überrascht fest, dass er leer war. Er gab ihn mit einem entschuldigenden kleinen Grinsen an seinen Besitzer zurück.
„Da war ich wohl ein bisschen zu gierig. Excusez-moi … Tut mir Leid."
„Keine Ursache", klang es ausdruckslos zurück. Das Gefäß wurde mit einem ziselierten Deckel zugeschraubt und in dem Smoking-Sakko versenkt. Dann, nach einem weiteren forschenden Blick auf den Gast: „Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf ..."
Michael spitzte die Ohren, sofort wieder in Alarmbereitschaft. „Jaaa?" fragte er gedehnt.
„Sie sollten ein heißes Bad nehmen, bevor Sie zu Bett gehen."
Das war nicht das, worauf Michael spekuliert hatte. Er wusste selbst nicht, ob er enttäuscht oder froh darüber war.
„Äh … Ja. Das werde ich vielleicht. Bestimmt."
„Bon!"
Michael, ein wenig verlegen jetzt, spähte durch die Windschutzscheibe. Vor ihnen leuchtete die Fensterfront des Le Jardins auf wie der Scheinwerferstrahl eines Leuchtturms, verheißungsvoll, die Geborgenheit eines sicheren Hafens versprechend.
„Wir sind da", murmelte er.
„Evidemment – das ist nicht zu übersehen", erwiderte sein Begleiter trocken.
Der Rolls-Royce bremste sanfter ab als jeder andere Wagen, in dem Michael Fitzhubert jemals gesessen hatte. Er fragte sich, ob er sich eines fernen Tages vielleicht doch noch dazu durchringen würde, sich ebenfalls ein Automobil zuzulegen.
Violet, ansonsten eine überzeugte Gegnerin jedes Fortschritts, träumte schon seit einer ganzen Weile davon – vor allem dann, wenn sie in den Wintermonaten bei strömendem Regen durch die von eisigen Nordostwinden gepeitschten Alleen zwischen den Parktoren ihrer Nachbarn und denen von Haddingham Hall in einem nicht wirklich wetterfesten Einspänner hin und her gondelte. (Michaels Standardargument, dass es ihr bei Fuchsjagden nicht das Geringste ausmachte, unter genau denselben Wetterbedingungen stundenlang querfeldein hinter einer Beagle-Meute her zu galoppieren, was für gewöhnlich damit endete, dass sie mit frostroten Wangen und kältestarren Händen und Füßen zurückkehrte, völlig zerrauft, klitschnass und mit Schlamm überzogen wie eine Moorleiche, wurde mit einem ungeduldigen Achselzucken und einem verächtlichen kleinen Schniefen abgeschmettert.) Es gab also einiges, was für eine solche Anschaffung sprach.
Doch dann fiel ihm wieder ein, dass Violet vermutlich gar keine Verwendung mehr für ein eigenes Automobil haben würde – nicht, wenn es gleichzeitig von ihrem Ehemann genutzt wurde. Der Gedanke ernüchterte ihn mehr, als ihm lieb war, weshalb er ihn schnell wieder verdrängte.
Er kletterte aus dem Fond des Wagens, steifbeinig und ungeschickt trotz der diskreten Unterstützung von Thierry.
Als er wieder einigermaßen standfest auf seinen Füßen war, drehte er sich um und sagte zu seinem Gastgeber: „Nochmal vielen Dank – für alles." Und nach einem kleinen Zögern: „Ich glaube, Sie haben mir heute das Leben gerettet."
„Ja, das glaube ich auch", sagte der Mann in dem Rolls-Royce ernst.
Und als Michael ihn nur wortlos anblickte, sehr leise, aber unmissverständlich: „Prenez soin de vous – passen Sie gut auf sich auf. Mir scheint, Sie haben es nötig. Bonne nuit, Monsieur Fitzhubert."
Das Automobil fuhr los, bevor Michael reagieren konnte.
Und so stand er einfach nur da, mit hängenden Armen und halboffenem Mund, verblüfft und erschrocken zugleich, und starrte diesem Wagen nach, der im Widerschein seiner flackernden Karbidlampen langsam davon glitt wie eine mit festlichen Lampions illuminierte Barke, bernsteingelb in der lauen Sommernacht …
Fortsetzung folgt ...
Übersetzung:
il est blessé
er ist verletzt
que s'est-il passé?
was ist passiert?
enfin
na ja
Vous y êtes enfin, Monsieur le Comte.
Da sind Sie ja endlich, Herr Graf.
Tout va bien?
Ist alles in Ordnung?
C'est bon.
Alles gut.
Mais faites vite!
Aber machen Sie schnell!
Nom de dieu
Herrje!
Vous comprenez?
Verstanden?
evidemment
offensichtlich
bonne nuit
gute Nacht
