VI.
Monsieur Armand Claudel war sich sehr wohl dessen bewusst, was er als Empfangschef eines der exklusivsten Hotels der Welt seinen für gewöhnlich gut betuchten und entsprechend anspruchsvollen Gästen schuldig war. Demzufolge verfügte er nicht nur über ein reichhaltiges und flüssiges Sortiment an angemessen servilen Höflichkeitsfloskeln in praktisch allen Zungen seit dem Turmbau von Babel, sondern auch über das diplomatische Talent und das würdevolle Auftreten eines erfahrenen Botschafters. In seiner mit golden Knöpfen und Litzen besetzten burgunderroten Uniform sah der stattliche Mittfünfziger hinter der fein gemaserten Marmorplatte seiner mit Topfpalmen umrahmten Theke aus wie ein General und er befehligte von diesem Basisstützpunkt aus eine kleine Armee aus ihm untergeordneten Rezeptionisten, Pagen und Liftboys mit der gleichen Autorität wie ein hochrangiger Militär.
In den langen Jahren seiner verdienstvollen Tätigkeit hatte Monsieur Claudel schon alles Mögliche gesehen und auch einiges erlebt – die etwas exzentrischeren Wünsche seiner Klientel sorgten immer wieder dafür. Aus diesem Grund runzelte er jetzt auch nur ganz zart und sehr, sehr unauffällig die Stirn (sozusagen in der Andeutung einer Andeutung!), als er den neuesten Besucher in seinen heiligen Hallen entdeckte, denn Claudels Miene war zweifellos das, was in Spielerkreisen als Pokerface bezeichnet wurde. Nur ein Hellseher oder eine ähnlich empathisch veranlagte Persönlichkeit hätte seine wahren Gefühle erahnen können, als er beobachtete, wie dieser lästige Engländer, der ihn schon seit Tagen immer wieder behelligte, auf ihn zu gehumpelt kam, als wäre er neuerdings mit einem Klumpfuß geschlagen wie der selige Duc de Talleyrand. Bedauerlicherweise gehörte dieses Hinkebein eindeutig zu der britischen Aristokratie, wie er inzwischen herausgefunden hatte, weshalb Vorsicht geboten war. Man wollte ja schließlich nicht mögliche zukünftige Kundschaft vergraulen. Und doch …
Monsieur Armand erlaubte sich einen sehr leisen resignierten Seufzer und machte sich auf das Schlimmste gefasst. Dabei war sein Tag bisher schon unerfreulich genug gewesen. Als Beweis dafür musste man sich nur die Hotelhalle ansehen, in der es zuging wie in einem Taubenschlag. Es war ein ständiges Kommen und Gehen… rein, raus, rein, raus … Die große Drehtür am Eingang war praktisch ununterbrochen in Bewegung wie ein Karussell.
Also wirklich, dieser Krieg machte jetzt schon alle Leute verrückt, insbesondere die Deutschen! Er dachte mit Wehmut an den Baron aus Potsdam (ein ewig polternder preußischer Krautjunker wie aus dem Bilderbuch, aber außergewöhnlich spendabel mit Trinkgeldern!) und an den gemütlichen rheinländischen Textil-Fabrikanten (seit Jahren Stammgast und ein überaus angenehmer Mensch!), die heute morgen zu einer wahrhaft unchristlichen Stunde mit Kind und Kegel und Sack und Pack geradezu fluchtartig abgereist waren, als würden sie jeden Moment damit rechnen, als Personae non grata verhaftet und interniert zu werden. Das war alles sehr verwirrend und sehr, sehr beunruhigend, wie er fand. Und als Krönung jetzt auch noch dieser Lord, der schon seit über einer Woche hier herumgeisterte wie ein Schlossgespenst!
Die in einem Moment von trostlosem Pessimismus herabgesackten Schultern von Claudel strafften sich und er nahm reflexartig wieder Haltung an, als die ausgesprochen beharrliche Lordschaft zielstrebig näherrückte.
Die Frage, die nach einer eher flüchtigen Begrüßung gestellt wurde, war dieselbe wie immer und erhielt auch dieselbe Antwort wie immer.
„Ich bedaure unendlich, Mylord, aber Madame la Comtesse ist nicht im Hause. Und nein, ich habe leider, leider keine Ahnung, wo sie ist und wann sie zurückkommen wird", erklärte Monsieur Armand, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Tatsächlich log er mit so viel kaltblütiger Gelassenheit, dass ein Stück Butter in seinem Mund nicht geschmolzen wäre. (Er wusste auch, was er seinem eigenen Ruf schuldig war, und die Trinkgelder von Madames Gefolge waren sogar noch üppiger als die des preußischen Freiherrn von und zu Irgendwas!)
Michael umklammerte den Knauf seines Spazierstocks, der heute ausnahmsweise kein modisches Attribut war, sondern eine echte Stütze. Sein Knie machte ihm wirklich zu schaffen (es war seit seinem sogenannten Unfall trotz Eisbeuteln und stundenlanger Hochlagerung auf einem riesigen Polsterkissen ziemlich angeschwollen!). Und hier herumzustehen wie ein Bittsteller, der demütig auf eine Audienz bei irgendeiner völlig gleichgültigen königlichen Hoheit wartete, fiel ihm fast noch schwerer als das Laufen. Trotzdem wurde er plötzlich von dem aggressiven Wunsch heimgesucht, seine behelfsmäßige Krücke, ein besonders edles Stück aus Malakka-Rohr, hochzureißen wie einen mittelalterlichen Streitkolben und den geschnitzten Griff, einen grimmig aussehenden Löwenkopf, in das glatte selbstgefällige Gesicht jenseits der schützenden Theke zu schlagen. Er unterdrückte diesen ungewohnt rabiaten Impuls natürlich, aber es kostete ihn alles, was er an Selbstbeherrschung aufbieten konnte.
Und vielleicht ließ sein Ausdruck das auch erkennen, denn Monsieur Armand wich prompt einen Schritt zurück und quiekte nervös: „Je suis désolé … Es tut mir ganz außerordentlich Leid, Mylord."
Michael sagte sich, dass es absolut keinen Sinn hatte, den Mann damit zu konfrontieren, dass sein Schwindel aufgeflogen war. (Er selbst wachte schon seit Stunden mit Argusaugen über den mit Säulen gesäumten Vordereingang und wusste daher ganz genau, dass Irma das Gebäude noch gar nicht verlassen hatte – es sei denn, sie wäre im Morgengrauen mit dem Gepäck abreisender Gäste hinaus gekarrt worden oder in Form einer grauschwarz getigerten Katze entwichen, was doch einigermaßen unrealistisch war!) In Anbetracht der Umstände wäre es auch alles andere als ratsam gewesen, seine Beobachtungen auszuplaudern. Es war Zeit, auf Plan B zurückzugreifen.
Also wandte er sich einfach wortlos ab (er würde keinen Atemzug mehr an diesen uniformierten Lackaffen verschwenden!) und hinkte wieder hinaus, nur scheinbar zum Rückzug gezwungen. In Wirklichkeit aber stakste er mühsam zur Rückseite des Ritz.
Er betrat den Hinterhof durch ein schon vorab ausgekundschaftetes Tor, das sonst nur von Lieferanten aller Art genutzt wurde, und legte sich im Sichtschutz einer Phalanx von übelriechenden Mülltonnen auf die Lauer. Sein Zielobjekt war eine schmale vergitterte Tür, der Personaleingang des Hotels. Er musste nicht lange warten, bis seine Zielperson auftauchte.
Der Liftboy (der übrigens immer um diese Uhrzeit hier draußen Pause machte, wie Michael bei früheren Gelegenheiten mehrfach festgestellt hatte!) war ziemlich erstaunt, als er den fremden Gentleman zwischen den Mülltonnen entdeckte, aber durchaus zugänglich für das lukrative Angebot, das ihm gleich darauf unterbreitet wurde.
Nach einer kurzen Diskussion, die Gott sei Dank auf Englisch stattfand, und einer noch kürzeren Verhandlung, die bewies, dass dieser pfiffige Gamin aus der Pariser Vorstadt trotz seines zarten Alters schon genauso weltgewandt war wie Monsieur Armand und ungefähr ebenso geschäftstüchtig wie ein besonders durchtriebener arabischer Bazarhändler, wurde die Transaktion erfolgreich abgeschlossen und ein solides Bündel aus großen bunten Franc-Scheinen wechselte den Besitzer.
Nur zehn Minuten später stand Michael Fitzhubert nach einem abenteuerlichen Schleichgang durch die dicht bevölkerte und entsprechend lebhafte Küchenregion und einer Art Amateur-Bergsteiger-Tour über sehr viele enge, gewundene Dienstbotentreppen vor einer hohen weißen Schleiflacktür mit einer schimmernden Messingplakette, die in zierlich geschwungenen Lettern verkündete, dass er das Appartement Imperial vor sich hatte. (Sein wild pochendes Knie ignorierte er mannhaft.)
Und hier angekommen, zögerte Michael, denn jetzt wurde ihm plötzlich klar, dass er bei seinem Notfallplan einen kleinen, aber entscheidenden Punkt völlig übersehen hatte: Wie sollte er die feindliche Bastion stürmen? Er konnte sich nicht einfach so Zutritt verschaffen – oder vielleicht doch?
Sein junger Begleiter schien sein Dilemma zu erahnen, denn er zwinkerte ihm zu, was ihn noch spitzbübischer aussehen ließ als vorher (falls das überhaupt möglich war!), und klopfte markig an die Tür.
„Service de chambre!" schrie er und er tat es mit einer unanfechtbaren Aura von Professionalität.
Prompt ertönte ein Klicken von einem Schlüssel, der im Türschloss umgedreht wurde, und eine unbekannte Frauenstimme röhrte von drinnen gebieterisch: „Entrez!"
Der Liftboy pflückte geistesgegenwärtig ein Gesteck aus gelb-orange geflammten Lilien von dem Konsolentischchen neben ihm und drückte es Michael mit einem schelmischen Grinsen in die Hand, bevor er den Türgriff herunterdrückte.
„Pardon, Mademoiselle. J'ai oublié quelque chose", rief er sodann im Brustton absoluter (und gut geheuchelter!) Zerknirschung. „Mais vous-avez un visiteur. Je vais le laisser entrer … Und jetzt sind Sie dran – na los, machen Sie schon!" zischte er aus dem Mundwinkel in Michaels Richtung.
Noch bevor der so unkonventionell angekündigte Besucher wusste, wie ihm geschah, wurde er von energischen Jungenhänden in ein mit Schatten und indischen Skulpturen auf Podesten gefülltes Vorzimmer hineingeschubst – was ihn mindestens genauso sehr verblüffte wie die riesige bullige Person, die ihn höchst ungnädig in Empfang nahm.
Michael schoss der Gedanke durch den Kopf, dass ihm nie zuvor ein weibliches Wesen begegnet war, an der die typische Kammerzofentracht (schwarzes Kleid mit einem zierlich-verspielten spitzenverzierten weißen Schürzchen darüber und ein ebenso duftig dekoriertes Häubchen als Krönung) unpassender gewirkt hatte als an dieser vierschrötigen Evastochter, die jetzt vor ihm stand wie eine aufgescheuchte Elefantenkuh, sozusagen jederzeit bereit, mit einem furiosen Fanfarenstoß zum Angriff auf den unerwünschten Eindringling zu blasen und ihn danach buchstäblich in den Boden zu stampfen. Alles in allem hätte die Frau besser in die sterile, nach Karbolseife riechende Kluft einer besonders grimmig veranlagten Krankenschwester gepasst oder vielleicht auch in das jede Menschlichkeit verhüllende Habit einer unnachgiebig strengen Nonne. In dieser kokett-femininen Aufmachung sah sie einfach nur absurd aus, geradezu grotesk.
Aber natürlich war das jetzt seine geringste Sorge. Viel wichtiger war, dass kein Zweifel daran bestand, dass seine Ankunft mehr als nur unwillkommen war – und das bevor auch nur ein einziges Wort gefallen war. Das breite klobige Gesicht seines Gegenübers verkündete ganz unverhohlen Abscheu gegen Michael und möglicherweise sogar gegen jedes maskuline Individuum ganz allgemein.
„So eine Frechheit! Was fällt diesem unverschämten Bengel ein? Einfach so einen wildfremden Kerl in Madames Suite reinzulassen … Was soll denn das? Wir werden uns bei der Geschäftsleitung beschweren!" trompetete die wenig liebliche Vertreterin des zarten Geschlechts empört.
„Ähm … Ich bitte vielmals um Verzeihung, wenn ich störe", stammelte Michael. „Aber es handelt sich hier nur um ein Missverständnis, Mademoiselle … äh … Miss. Der Junge wusste nicht, dass … Also eigentlich bin ich nur hier, um Blumen für Madame abzugeben."
Und mit dieser Notlüge hielt er dem wütenden Wachhund schnell das in weiser Voraussicht von seinem Führer stibitzte Bukett unter die Nase. Die Lilien wurden mit einem abschätzenden Blick begutachtet und offenbar als nicht würdig empfunden, denn gleich darauf landete der Alibi-Strauß achtlos auf einer Kommode, die bereits von prächtigen Orchideendolden in hauchzarten Glasvasen beherrscht wurde.
„Ich werde Madame die Blumen geben", klang es unwirsch zurück. „Und jetzt verschwinden Sie, aber sofort! Sie haben hier nichts verloren."
Michael sah schon seine Felle davonschwimmen, doch er hatte wirklich nichts zu verlieren, also versuchte er es einfach in der Hoffnung, zumindest noch ein oder zwei Minuten zu gewinnen.
„Ich will ja nicht aufdringlich sein, aber ich würde es vorziehen, die Blumen persönlich zu überreichen", erklärte er mit einer Forschheit, von der er gar nicht gewusst hatte, dass er sie besaß.
Doch kein Vorwand, keine Ausrede schien gut genug zu sein, um an diesem zornigen Zerberus vorbeizukommen.
„Das geht nicht. Madame empfängt keine Besucher. Und jetzt raus hier!"
Ein erster Funke von echtem Zorn flammte irgendwo tief im Inneren von Michael auf. Unhöflichkeit konnte er in ganz kleinen bescheidenen Dosen gerade noch ertragen, aber offene Grobheit war zu viel für ihn. (Was bildete sich dieses ungehobelte Trampel eigentlich ein?!)
„Madame und ich sind alte Freunde und ich bin sicher, sie würde sich sehr freuen, mich zu sehen", sagte er (natürlich wider besseres Wissen!) und er sagte es sehr scharf und sehr, sehr laut. „Wie wäre es also, wenn Sie sich dazu herablassen könnten, die Lady einfach zu fragen, ob sie bereit ist, für Lord Michael Fitzhubert eine Ausnahme zu machen oder nicht?"
Der als Kammerzofe verkleidete Koloss würdigte ihn keiner Antwort, walzte aber mit drohender Miene auf ihn zu, das derbe Gesicht rot vor Ärger, die großen plumpen Hände zu fleischigen Fäusten geballt und eindeutig in der Absicht handgreiflich zu werden. Der Ausbruch von Gewalttätigkeiten stand unmittelbar bevor …
… und wer weiß, wie das ausgegangen wäre (Michaels Kavaliersinstinkte waren gerade auf dem absoluten Nullpunkt angelangt!), wenn sich nicht in diesem Augenblick eine andere bis dahin geschlossene Tür geöffnet hätte.
Eine filigrane Gestalt in einem fantastischen Kaftan aus türkisgrün und pfauenblau gemustertem Seidensatin erschien so plötzlich wie ein Dschinn, der einer entstöpselten Flasche entwichen war und sich zum ersten Mal vor den erstaunten Augen seines neuen Eigentümers materialisierte.
„Michael!" zwitscherte das überaus lebendige Phantom mit sichtlichem Wohlgefallen, schleuderte temperamentvoll einen dicken hüftlangen Zopf aus rabenschwarzen Locken über eine schmale Schulter und lächelte ihn mit einer Liebenswürdigkeit an, die er niemals erwartet hätte, wenn er bedachte, dass seine Existenz tagelang vollkommen ignoriert worden war.
„Wenn das nicht eine reizende Überraschung ist … Kommen Sie doch rein." Und mit einem abweisenden Wink und sehr viel schroffer zu ihrer Wächterin, die sichtlich gerade zum Protest ansetzte: „Danke, Bridget, ab hier übernehme ich… Kommen Sie mit, mein Lieber, kommen Sie!"
Und schon wurde Michael mit viel Schwung in einen großen lichtdurchfluteten Salon hinein geschoben. Bevor die Tür mit einem kleinen Knall hinter ihm zufiel, warf er noch einen kurzen Blick über seine Schulter. Bridget, die Pitbull-Version einer Kammerjungfer, stand mitten in dem Vorraum wie versteinert, ihre Augen waren weit aufgerissen und ihr halb geöffneter Mund formte ein bestürztes O.
Obwohl er nicht die geringste Sympathie für seine Widersacherin empfand, die ihn immerhin beinahe hinausgeworfen hätte wie einen ordinären Bettler oder einen besonders penetranten Vertreter für Haushaltsartikel, fragte sich Michael, warum die Frau plötzlich so ängstlich aussah. Fürchtete sie um ihren Arbeitsplatz? Falls ja, war ihre Sorge wohl begründet. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand wie Irma ein derart impertinentes Betragen gegenüber ihren Besuchern duldete. Violet hätte jeden Dienstboten, der sich so aufführte, sofort entlassen...
Wie immer in den letzten Tagen schob er jeden Gedanken an seine mutmaßliche bessere Hälfte lieber von sich. Um sich davon abzulenken, sah er sich ein wenig um.
Das Appartement Imperial wurdeseinem royalen Namen durchaus gerecht. Die mit weißen Holzpaneelen getäfelten Wände waren mit vergoldeten Zierleisten geschmückt. Die hohe Decke wies ein prächtiges Trompe-l'oeil auf, ein dreidimensionaler, von Irisbüscheln umkränzter Teich mit einer sehr nackten Nixe vor einem üppigen Märchenwald als Hintergrund, eingebettet in verschnörkelte Stuckgirlanden. Die ganze Einrichtung war wie ein modernes Stilleben, eine einzige Studie in Art nouveau. Kaminverkleidungen, Möbel, Lampen, Bilder, Teppiche, Ziergegenstände – alles zeigte natürliche Formen wie Bäume, Blüten, Pflanzenranken, Insekten und Fische in weichen fließenden Linien und leuchtenden Farben, gefertigt aus Stoff und Metall, Glas, Email, Schildpatt und Horn.
Auf zwei runden Tischen häuften sich weitere indische Figurinen, eine etwas chaotische Sammlung von Shivas und Vishnus aus Granit und Marmor. In der Mitte thronte sogar ein vierarmiger, rüsselbewehrter Ganesha, der Michael sofort an die Vorzimmer-Elefantin erinnerte (obwohl diese freundliche Hindu-Gottheit eine nachsichtige, leutselige Milde ausstrahlte – eine Gemütsverfassung, die Bridget der Barbarin mit Sicherheit völlig fremd war!).
Der ganze Raum war eine einzige Augenweide. Alles hier atmete eine Atmosphäre von erlesenem Luxus und einem Höchstmaß an Kultur aus, eine erfolgreiche, fast symbiotische Verschmelzung aus schier unerschöpflichem Reichtum und einem exzellenten stilsicheren Geschmack. Es war der perfekte Rahmen für eine Frau wie Irma, die inzwischen selbst so etwas wie ein Kunstwerk war – exquisit, edel und von einer sublimen ästhetischen Schönheit, die jeden Betrachter bezaubern musste, sofern er Augen im Kopf hatte.
Jetzt, im Alter von … Michael rechnete schnell nach … ja, tatsächlich schon einunddreißig Jahren, hatte Irma jedes Versprechen eingelöst, das sie mit siebzehn ganz unbewusst gegeben hatte. Wie sie da so vor ihm stand, sah sie aus wie eine Grazie in einem klassischen Nachmittagskleid von Poiret. (Michael hatte das Ding zuerst für einen etwas ausgefallenen Morgenrock gehalten, bis ihm dank der bebilderten Magazine, die in ordentlichen kleinen Stapeln im Boudoir seiner Frau herumlagen wie Bilbeltraktate in einer Kirche, wieder eingefallen war, dass es hier einen Modeschöpfer geben sollte, der seine Kundinnen gerne in japanische Kimonos hüllte oder in tunikaartige Gewänder, die der Garderobe von Scheherazade oder anderen Heldinnen von „Geschichten aus 1001 Nacht" entsprungen zu sein schienen.) Obwohl er irgendwie bezweifelte, dass die durchschnittliche Grazie sich ihrem Betrachter mit einem schlichten Zopf präsentiert hätte. Irmas simple Frisur hatte dazu beigetragen, dass Michael davon ausgegangen war, sie bei einem Nickerchen oder einem anderen Akt der Muße überrascht zu haben.
Aber welche Tätigkeit auch immer sie dazu veranlasst hatte, sich ihm in einer so legeren Aufmachung zu zeigen, es schien Irma keineswegs zu stören, dass er sie dabei unterbrochen hatte. Im Gegenteil: Ihre dicht bewimperten dunklen Rehaugen strahlten ihn voller Wärme an, mit einer sonnigen Herzlichkeit, die Michael etwas verwirrend fand. Es war beinahe so, als hätte ihre letzte Begegnung im Garten von Colonel Fitzhubert nie stattgefunden oder zumindest ein wesentlich erfreulicheres Ende genommen. Es passte irgendwie nicht zu der Art und Weise, in der sie damals auseinander gegangen waren. Und es war alles in allem ein krasser Widerspruch zu dem Verhalten, dass Irma in der vergangenen Woche ihm gegenüber an den Tag gelegt hatte.
„Mein lieber, lieber Michael. Es ist einfach hinreißend von Ihnen, mich hier zu besuchen, es ist ganz und gar hinreißend. Paris ist ja so öde im Sommer – die Stadt ist wie ausgestorben! Alle unsere Freunde sind jetzt an der Côte d'Azur oder Gott weiß wo. Wir hätten auch direkt nach Nizza fahren sollen, statt hierher zu kommen. Aber mein Mann … na ja, ich habe keine Ahnung, was er hier will. Bankgeschäfte regeln? Seinen Schneider besuchen? Ich weiß auch nicht, aber es ist wirklich zu öde! Ich habe mich fast zu Tode gelangweilt. Und plötzlich stehen Sie vor meiner Tür, ganz unerwartet. Was für ein Zufall! Ist das nicht einfach … hinreißend?"
Bei Irma war alles entweder hinreißend oder öde, das war Michael schon bei früheren Unterhaltungen mit ihr aufgefallen. Ein anderes Adjektiv für die Höhen und Tiefen ihres Daseins schien ihr nicht einzufallen. Bei allem Liebreiz, Redegewandtheit hätte ihr niemand nachsagen können, weder damals noch heute. Aber wen kümmerte das schon? Ihn bestimmt nicht. Ihn kümmerte etwas ganz anderes...
Michael blinzelte, jetzt noch ein wenig irritierter als zuvor. Was ging hier eigentlich vor sich? Seit einer Woche kreiste er um Irmas Residenz herum wie eine Motte um das Licht, während sie doch wohl praktisch alles getan hatte, um ihm aus dem Weg zu gehen, um ihn zu meiden. All diese Ausweichmanöver – und jetzt tat sie einfach so, als hätte sie auch davon keine Ahnung!
Er sah sie forschend an, suchte in ihrem Gesicht nach irgendeinem verräterischen Anzeichen dafür, dass er zum Besten gehalten wurde. Machte sie sich über ihn lustig? Oder log sie ihn wirklich nur aus reiner Höflichkeit an? Aber da war nichts. Gar nichts ... außer diesem arglosen offenen Blick, diesem schmelzenden Lächeln …
„Ein Zufall ist das eigentlich nicht, Irma", sagte er. „Tatsächlich versuche ich schon seit Tagen, Sie zu erreichen. Ich habe gleich nach meiner Ankunft in Paris meine Visitenkarte für Sie abgegeben. Und ich habe zigmal hier angerufen und darum gebeten, dass Sie ..."
Er hielt inne, denn jetzt zwinkerte sie ebenfalls und das sichtlich mehr als nur ein wenig irritiert.
„Ach jaaa?", sagte sie gedehnt. „Wie eigenartig. Niemand hat mir etwas davon gesagt. Niemand hat Sie auch nur erwähnt. Also das verstehe ich nicht."
Michael verstand es auch nicht. Kein bisschen. Doch es sah plötzlich beinahe so aus, als hätte irgendjemand sich alle Mühe gegeben, ein Wiedersehen zwischen ihm und Irma zu verhindern. Aber warum?
Er dachte unwillkürlich an Monsieur Claudel, ein geborener Lakai, der für seine Gäste alles tun würde, und dann an Bridget, die ihrer Herrin offenbar mit geradezu fanatischer Treue ergeben war – oder vielleicht doch eher ihrem Herrn? War Irma etwa das Opfer eines eifersüchtigen Ehemannes, der seine Gattin als sein alleiniges Eigentum betrachtete und sie daher bewachte wie ein Drache seinen Schatz, der sie mit Hilfe von blind gehorsamen Dienstboten sogar völlig von der Außenwelt abschirmte?
Und dann fiel Michael natürlich wieder seine Begegnung im Pigalle-Viertel ein und der ausgesprochen seltsame Abschied von seinem namenlosen neuen Bekannten. Aber möglicherweise kannte er den Namen des Mannes doch schon, auch ohne offizielle Vorstellung. Hatte Thierry der Chauffeur ihn nicht mit Monsieur le Comte angesprochen? Wie viele französische Grafen mochten Michael Fitzhuberts Weg kreuzen und seinen Namen kennen, ohne dass er sich offiziell vorgestellt hatte? Gab es überhaupt noch Zweifel daran, wer der Mann mit dem Menjou-Bart war? Eigentlich nicht.
Er betrachtete Irma erneut, er begutachtete sie von Kopf bis Fuß, sehr aufmerksam, fast schon wachsam. Sie sah nicht gerade aus wie ein Opfer, aber dieser Eindruck mochte täuschen. Vielleicht war Bridget da draußen tatsächlich so etwas wie ein Wachhund und Irma eher ihre Gefangene als ihre Herrin. Vielleicht verhüllte dieser luftige seidene Kaftan sogar eine ganze Kollektion an Blutergüssen oder ähnliche Hinweise auf häusliche Gewalt. Vielleicht war diese Schmuckschatulle von einem Zimmer nichts anderes als eine besonders luxuriöse Zelle. Vielleicht musste Irma erneut gerettet werden und dieses Mal ganz bewusst. Und für einen Moment erwachte der sonst eher schlaftrunkene Ritter irgendwo in Michael zu neuem Leben, wenn auch nur mit einem Gähnen und ziemlich widerwillig …
„Das ist wirklich seltsam." Und dann, zögernd: „Irma, sind Sie möglicherweise irgendwie … in Schwierigkeiten?" (Er konnte sich schließlich nicht einfach ganz ungeniert danach erkundigen, ob sie von ihrem Angetrauten eingesperrt und misshandelt wurde, oder?) „Ich meine, falls Sie Hilfe brauchen sollten …"
„Was für Schwierigkeiten? Warum sollte ich Hilfe brauchen?"
Und das kam mit so viel kindlichem Erstaunen, so unschuldig süß und vollkommen verständnislos zurück, dass Michael sofort begriff, dass er sich geirrt hatte. Und er war nicht gerade traurig darüber – Ritterlichkeit und Hilfsbereitschaft neigten nämlich dazu, ihn in Schwierigkeiten zu bringen!
„Ich habe nur gedacht … ach, ist ja egal!" murmelte er. „Wahrscheinlich hat man einfach nur vergessen, Ihnen Bescheid zu sagen", erklärte er schließlich, obwohl er ziemlich sicher war, dass Speichellecker-Armand niemals irgendetwas vergaß – von Pitbull-Bridget ganz zu schweigen!
„Ja, das wird es sein", erwiderte Irma gelassen.
Vielleicht reagierte sie sogar ein bisschen zu gelassen. Es schien sie jedenfalls nicht besonders zu interessieren, dass sie all seine Botschaften verpasst hatte. Michael fand das ziemlich entmutigend und fragte sich erneut, ob ihr begeisterter Empfang eben nur Heuchelei gewesen war.
Eine kleine Pause trat ein. Michael hatte den Faden verloren und wusste nicht recht, wie er nun auf den eigentlichen Grund seines Besuchs zu sprechen kommen sollte.
Und Irma saß einfach nur da auf einem mit weißem Brokat bezogenen Fauteuil und wartete im Glanz ihres schimmernden Federkleides aus Seidensatin, jetzt wieder lächelnd und scheinbar völlig unberührt von allen Sorgen und Nöten, ein Kolibri in einem aus Elfenbein geschnitzten Käfig.
Nach ein oder zwei Minuten (die Gesprächspause fing gerade an, etwas peinlich zu werden!) rührte sie sich, als ob sie Anstalten machte die Unterhaltung fortzusetzen, aber stattdessen zupfte sie nur mit einer anmutigen Geste ihr Gewand zurecht und legte dann ihre gefalteten Hände in den Schoß. Die Bewegungen ließen die Anhänger an ihrem Armband klingeln, ein halbes Dutzend zierliche goldene Libellen mit schillernden grünen Flügeln, die im Sonnenlicht blitzten und funkelten wie …
Michael starrte auf dieses schlanke Handgelenk, das von feinen Kettengliedern umringt war, an denen diese fragilen Wasserjungern aus graviertem Edelmetall und tropfenförmigen Juwelen taumelten und tanzten als wären sie lebendig geworden, als könnten sie jeden Augenblick davonflattern …
„Hübsch, nicht wahr?" sagte Irma, die seinem Blick gefolgt war, nicht ohne Stolz. „Die Smaragde und das Gold sind aus Papas Minen in Brasilien und Südafrika. Und das Design ist von René Lalique höchstpersönlich – er hat das ganze Set extra für mich gemacht. Ein Hochzeitsgeschenk von meinen Eltern."
„Ein Set?" sagte Michael, dessen Augen wie hypnotisiert an den baumelnden Libellen hingen. Smaragde. Ovale Smaragde von einem tiefen glasklaren Grün...
Kann es sein, dass …?
„Ja. Es besteht aus fünf Stücken. Das Armband, ein dazu passendes Collier, ein Paar Ohrringe und ein Diadem."
„Und eine Brosche", ergänzte Michael, dem nicht entgangen war, dass Nummer Fünf in der Aufzählung fehlte, was seine erste spontane Vermutung nur noch bestätigte.
„Ja, richtig. Eine Brosche hat auch noch dazu gehört. Aber die trage ich nicht mehr seit … seit ich sie verloren habe", sagte Irma und sie sagte es ein klein wenig zu schnell und ein bisschen zu abweisend, um noch glaubwürdig zu sein.
Michael schwieg. Aber seine Gedanken rotierten, während er darüber nachgrübelte, wie Irmas Brosche ihren Weg an Diane Montpeliers Blusenkragen gefunden haben mochte. Denn dass es so war, daran bestand für ihn kein Zweifel mehr. Das Lalique-Design war unverkennbar, einzigartig, ein Original-Modell, das für eine ganz bestimmte Kundin erdacht und geschaffen worden war, wobei sicher garantiert worden war, dass es keine Nachahmungen für irgendeine x-beliebige andere Frau geben würde und schon gar keine billige Kopie von einem konkurrierenden Juwelier, der eines dieser neuen Kaufhäuser belieferte, die überall aus dem Boden schossen wie Pilze in der Nacht.
Doch was mochte Irma dazu veranlasst haben, ihrer ehemaligen Französischlehrerin, zu der angeblich nur noch ein eher flüchtiger und oberflächlicher Kontakt bestand, ausgerechnet ein Stück aus ihrem Brautschatz zu schenken? Und wenn es so war, warum konnte sie es nicht einfach ganz offen zugeben?
„Es sollten ursprünglich Opale sein. Papa hat mir zuerst Steine angeboten, die aus unserer Mine in ..." Irma stockte erneut und errötete plötzlich und heftig und das völlig grundlos. Oder vielleicht doch nicht so grundlos?
„In Australien?" fragte Michael trocken. (Auf wie vielen Kontinenten besaß Mr. Leopold eigentlich noch Bergwerke? Sogar für einen besonders unternehmungslustigen Amerikaner kam dieser Mann ziemlich herum in der Welt!) „Wo genau? Etwa in der Nähe von Mount Macedon?"
Irma ging nicht darauf ein.
„Opale bringen Unglück. Und ich wollte sowieso lieber einfarbige Steine. Also habe ich mich für Smaragde entschieden", murmelte sie.
Und hätte sie sich für Diamanten entschieden, dann hätte ihr Vater wahrscheinlich sofort die entsprechenden Schürfrechte erworben – falls er sie nicht schon längst hat, dachte Michael.
Ihm wurde bei der bloßen Vorstellung der globalen Verflechtungen des Leopoldschen Vermögens allmählich etwas schwindlig. Und er fragte sich, wie weit diese Verflechtungen wirklich reichten.
Wieder dachte er kurz an Diane, die so großzügig bedacht worden war, und dann ganz spontan an ihre bessere Hälfte, deren Geschäfte hier in der alten Heimat so viel besser liefen als auf der anderen Seite der Erdkugel. Hatte möglicherweise auch Pierre Montpelier inzwischen einen Gönner gefunden? Die Dankbarkeit von Mr. Leopold schien nämlich keine Grenzen zu kennen, wenn irgendjemand seiner Tochter einen Gefallen erwiesen hatte. Alberts 1000-Pfund-Scheck (eine leicht übertriebene Belohnung!) war das beste Beispiel dafür …
Aber all das war jetzt vollkommen nebensächlich. (Oder vielleicht doch nicht?) Auf jeden Fall waren inzwischen genug Höflichkeiten und andere Belanglosigkeiten ausgetauscht worden, wie er fand. Es war höchste Zeit, zum eigentlichen Sinn und Zweck seines Besuchs zu kommen. Doch er wusste immer noch nicht recht, wie er das heikle Thema zur Sprache bringen sollte. Er wollte nicht einfach so mit der Tür ins Haus fallen, sondern die Sache möglichst taktvoll angehen.
Doch ihm fiel einfach keine halbwegs taktvolle oder sogar feinfühlige Überleitung ein und er konnte sehen, dass Irma bereits ungeduldig wurde. Der kleine Fuß in einem mit Flaumfedern verzierten Pantoffel, der inzwischen unter dem Saum ihres Kaftans hervorlugte, wippte unruhig auf und ab, seit er Mount Macedon erwähnt hatte. Vorgetäuscht oder echt, Irmas Gastfreundschaft war inzwischen offensichtlich etwas erschöpft. Michael war klar, dass sie langsam genug von ihm hatte und ihn sehr bald unter irgendeinem Vorwand hinauskomplimentieren würde, womit seine Mission endgültig gescheitert wäre.
Wie auf Stichwort gab die Standuhr in der Ecke drei laute hallende Gongschläge von sich. Irma zuckte zusammen – ein weiteres Anzeichen für ihre zunehmende Nervosität. Dann sah sie Michael an, sehr ernst jetzt, fast schon missmutig, und er begriff, dass seine Zeit tatsächlich am Ablaufen war. Und als sie den Mund öffnete (zweifellos um ihn auf die vorgerückte Stunde hinzuweisen und zu behaupten, dass sie sich auf irgendein Vorhaben vorbereiten musste, weshalb ein schneller Abschied angebracht war!), jagte Michael Fitzhubert alles Takt- und Feingefühl zum Teufel und blies zum Angriff.
„Edith ist tot."
Es hörte sich an wie eine Anklage. Doch die erhoffte Reaktion blieb aus. Die feingeschnittenen Züge über diesem Wall aus blaugrünem Satin waren genauso ausdruckslos wie die Stimme, in der die Rückfrage gestellt wurde.
„Wer?"
„Edith Horton."
„Ich fürchte, ich habe keine Ahnung, wen Sie meinen, Michael."
„Die Kleine, die mit Ihnen auf dem Appleyard-College war."
„Ach ja?"
Sie hätte nicht gleichgültiger klingen können. Es war, als würde er über ein wildfremdes Kind reden, über eine völlig belanglose Person.
„Das pummelige kleine Ding, das damals mit Ihnen und den beiden anderen auf dem Hanging Rock war. Die einzige, die von da oben zurückgekommen ist." (Ja, jetzt war es endlich heraus – und dieses Mal schämte er sich nicht für die brutale Direktheit, mit der er seinen Finger auf eine immer noch offene Wunde legte.)
„Oh ...", hauchte Irma.
Das schmale Gesicht unter der Halo aus schwarzen Locken wurde marmorblass, eine Maske aus Mondstein und Alabaster, weiß und wächsern, fast durchscheinend. Sogar diese Rosenknospen-Lippen verloren jede Farbe. Doch Michael konnte jetzt nicht aufhören, er musste noch mehr Druck ausüben, sehr viel mehr Druck, wenn er heute noch zum Ziel kommen wollte, denn das war eindeutig die letzte Gelegenheit, die er jemals dazu bekommen würde, dafür hätte er ohne Weiteres seine Hand ins Feuer gelegt.
„Edith hatte einen ziemlich hässlichen Unfall. Genau wie Mrs. Appleyard. Sie haben wahrscheinlich nie davon gehört, Irma, aber ..."
„Ich habe von Mrs. Appleyard gehört. Papa hat es mir erzählt. Es war kein Unfall. Sie hat sich umgebracht. Papa war sehr böse darüber … über die ganze Sache. Er hat eine Menge Geld dabei verloren. Er hasst es, wenn seine Partner Bankrott machen und sich dann einfach aus der Verantwortung stehlen. Er hat gesagt, er hätte wissen müssen, dass man mit Frauen keine Geschäfte machen kann, dass es ein großer Fehler war, eine so hohe Summe in diese öde Hinterwäldler-Schule zu investieren."
Nun sprach sie wieder ganz leidenschaftslos, beinahe kalt, als ginge es nicht um Menschenleben, sondern nur um Kapital. Sie klang wie das Echo eines Bankiers, der sich mit einem Börsenmakler über einen abgestürzten Aktienkurs unterhielt, nüchtern und distanziert. Aber da war ein fiebriges Flimmern in diesen Mitternachtsaugen, das alles andere als nüchtern oder distanziert war, ein flackerndes Irrlicht, ein emotionales Elmsfeuer, das ihrem sachlichen Tonfall widersprach, ihn komplett widerlegte.
Michael bemerkte ihre wachsende Erregung nur am Rande. Er war viel zu sehr damit beschäftigt, die bis dato unbekannte Information zu verarbeiten, dass das Appleyard-College von Irmas Vater finanziert worden war. Und zum ersten Mal kam ihm etwas in den Sinn, worüber er sich bisher noch nie zuvor Gedanken gemacht hatte: Warum hatten die Leopolds, die so kosmopolitisch waren, wie man nur sein konnte, ihr einziges Kind ausgerechnet auf ein völlig unbekanntes und entsprechend unbedeutendes Internat in Australien geschickt?
Normalerweise landeten höhere Töchter wie Irma in exklusiven und vor allem renommierten Pensionaten, Konventen und Finishing-Schools irgendwo in Europa, in London oder Paris vielleicht, in Lausanne oder Genf oder eben überall dort, wo sich auch der amerikanische Geldadel wie zu Hause fühlte.
Doch die Erbin der Leopold-Millionen hatte es nach Woodend verschlagen, in ein relativ neues College in einem verschlafenen Provinznest im Buschland von Victoria. Also in eine drittklassige Schule, die noch keine erfolgreichen Absolventinnen aufzuweisen hatte wie zum Beispiel ein paar halbwegs prominente Debütantinnen, mit denen man Ehre einlegen konnte, die als Empfehlung für die Qualität der Appleyardschen Ausbildung und Erziehung hätten dienen können. Ja, sogar in eine Hinterwäldler-Schule, wenn man es so nennen wollte. Das war nicht gerade das ideale Umfeld für ein Mädchen mit Irmas glanzvoller Herkunft und noch glanzvollerer Zukunft, wenn man es mal von einer ganz pragmatischen Seite her sah.
Und es war alles in allem wirklich sehr, sehr weit weg von ihrem Zuhause, was zumindest ungewöhnlich war. Michaels Schwestern hatten ihre prägenden Jahre in Miss Biggs Akademie für junge Ladies in Lichfield verbracht, das nur eine knappe Stunde Zugfahrt von Haddingham Hall entfernt lag, was seinerzeit trotzdem sowohl bei den künftigen Elevinnen als auch bei ihrer Mutter ein Gejammer ausgelöst hatte, als wäre dieses ehrwürdige Institut auf der dunklen Seite des Mondes untergebracht. Aber Irma war von ihren Eltern scheinbar ohne alle Bedenken in eine ausländische Schule verfrachtet worden, für deren Besuch man gleich einen ganzen Ozean überqueren musste.
Warum also ausgerechnet das Appleyard-College? Nur weil Mr. Leopold einen bestimmt eher bescheidenen Teil seiner gewaltigen Mittel in das ehrgeizige Projekt einer respektablen, aber ansonsten keineswegs bemerkenswerten englischen Witwe gesteckt hatte? Weder das noch ein neu erstandener Claim für ein Opal-Vorkommen in der unmittelbaren Nachbarschaft war ein ausreichender Grund, um sein verwöhntes Prinzesschen sozusagen in ein Kleinstadt-Kaff irgendwo im Nirgendwo zu verbannen. Aber vielleicht hatte Irmas Vater auch andere Gründe für diese Entscheidung gehabt. Ganz andere Gründe …
Was für Gründe?! dachte Michael.
Doch was er laut aussprach, war: „Das mag ja sein, Irma. Aber wir kommen trotzdem nicht an der Tatsache vorbei, dass Ediths Unfall ziemlich verdächtig aussieht. Und was ist mit all den anderen Leuten, die inzwischen gestorben sind?"
„Was heißt hier verdächtig? Und was für andere Leute?", fragte Irma scharf.
Ja, er hatte sie eindeutig aufgerüttelt, er konnte es sehen. Jetzt musste Michael nur noch am Ball bleiben. Und am Ball bleiben würde er – egal, wie das hier ausging. Er hatte lange genug den Gentleman gespielt ...
„Na ja, die Polizei in Melbourne geht inzwischen von Mord aus", erwiderte er.
„Mord?!", keuchte Irma.
„Und was die anderen angeht … Sarah Waybourne zum Beispiel ... Sie erinnern sich doch wohl wenigstens noch an Mirandas kleine Waisenkind-Freundin, oder nicht, Irma?"
„Ich … ich weiß nicht … Ich weiß es nicht …" Ihre Stimme sprang von einem Satz zum nächsten mühelos um zwei Oktaven in die Höhe und wurde alarmierend schrill, ein unüberhörbarer Unterton von Hysterie.
Doch Michael fuhr erbarmungslos fort: „Also die Umstände von Sarahs Tod sind ziemlich mysteriös und Mrs. Appleyards Rolle dabei ist mehr als nur undurchsichtig. Und dann noch Miss Lumley ... Ich gehe nicht davon aus, dass Sie auch von ihr gehört haben. Oder vielleicht doch, Irma?"
Doch jetzt antwortete sie gar nicht mehr. Sie saß nur da wie versteinert. Michael sah es ohne Mitgefühl. Er war über Emotionen wie Mitleid hinaus. Er hatte seine Beute in die Ecke getrieben und er würde sie stellen, das war im Augenblick alles, was zählte.
„Wie auch immer, man könnte sagen, dass ihr Ableben ein bisschen arg viel Pech auf einmal ist. Ich meine, man muss nicht gerade ein Sherlock Holmes sein, um das verdächtig zu finden. Finden Sie das nicht auch, Irma?"
Doch Irma hörte ihm nur noch mit halbem Ohr zu. Ihre Gedanken rasten …
Fragen, Fragen, immer nur Fragen …
Warum tat Michael ihr das an? Es war immer dasselbe mit ihm. Immerzu wollte er sie ausfragen, sie aushorchen, sie verhören. Immerzu wollte er etwas von ihr wissen, etwas, das sie ihm nicht sagen konnte, etwas, das sie ihm nicht sagen wollte. Sie wollte doch einfach nur vergessen. Vergessen, was damals geschehen war. Vergessen, was sie getan hatte …
„Ist alles in Ordnung, Irma?"
Aber es war nichts in Ordnung. Gar nichts. Und es würde auch nie wieder in Ordnung sein. Weil Michael sie nie in Ruhe lassen konnte, weil er bohrte und bohrte und bohrte …
Ich habe ihn geliebt. Ich hätte alles darum gegeben, dass er mich auch liebt … Aber er hatte nie Augen für mich. Miranda und immer nur Miranda … Er hat mich nie geliebt. Weil niemand mich liebt … Niemand!
Michael war genau wie Mama – und wie all die Ärzte, zu denen Mama sie früher immer geschleppt hatte! Wenn sie nur an diesen grässlichen eulenhaften kleinen Professor zurückdachte, der sie am liebsten gleich da behalten hätte, um sie in sein Sanatorium einzuweisen, um sie in seiner ganz privaten kleinen Klapsmühle einzukerkern …
Und er hätte es mit Mamas Erlaubnis auch getan, wenn Papa es nicht in letzter Minute verhindert hätte. Aber Papa hatte es nicht aus Liebe zu ihr getan. Niemand tat jemals irgend etwas aus Liebe zu ihr …
Nein, Papa hatte nur deshalb sein Veto eingelegt, weil er grundsätzlich kämpfte, statt aufzugeben oder nachzugeben. Und weil er fürchtete, dass irgendjemand es herausfinden würde. Sein Ruf, der Ruf der Familie war ihm viel wichtiger als seine eigene Tochter ...
„Irma?"
Und deshalb hatte er sie schließlich auch in dieser schrecklichen Schule eingesperrt. („Es ist nur zu deinem eigenen Besten, Darling.") Aber es war nicht zu ihrem Besten gewesen, sondern zu seinem – undzum Wohl der ganzen Familie. Denn nur deshalb hatte er sie ans andere Ende der Welt verschleppt: Damit sie ihm keine Scherereien machte, damit sie den Leopolds keine Schande machte, damit sie aus dem Weg war. („Reiß dich gefälligst am Riemen, Darling!")
Und sie hatte es versucht, sie hatte es wirklich versucht. Sie hatte sich am Riemen gerissen. Sie hatte sich so sehr zusammengenommen, sie hatte sich so sehr angestrengt ...
Aber eine Klapsmühle konnte nicht viel schlimmer sein als dieses trostlose Mausoleum von einem Internat, wo praktisch alles verboten war außer Atmen. („Nicht rennen, Mädchen, gehen! Und anmutig – Kopf hoch, Rücken gerade! Lacht nicht so laut! Schwatzt nicht so viel! Und schlingt um Gottes willen den Kuchen nicht so herunter. Nur ein Stück für jede und immer kleine, damenhafte Bissen, keine Riesenbrocken. Ihr seid Ladies, keine Bauerntrampel, keine schnatternde Gänseherde, keine Ferkel am Futtertrog. Immer Haltung bewahren – unter allen Umständen. Contenance!")
Nein, nicht einmal ein echtes Gefängnis konnte viel schlimmer sein als dieses College, wo sie mit Argusaugen beobachtet wurde, auf Schritt und Tritt bewacht wurde. Da war Mrs. Appleyard …
Dieses miese alte Miststück!
... die immer nur von eiserner Disziplin und Selbstbeherrschung faselte und für jeden kleinen Ausrutscher mit der ultimativen Konsequenz drohte („Ein Fehltritt und Sie fliegen sofort raus, Miss Leopold! Ich dulde weder überspanntes Getue noch sonst ein exzentrisches Verhalten!").
Da war Dora Lumley ...
Dieses sadistische Luder!
… eine verklemmte fanatische Betschwester, die nur auflebte, wenn sie mit ihrem verhassten Lineal zittrig ausgestreckte Handflächen wund schlagen konnte und das wegen Nichtigkeiten. („Noch ein Ordnungspunkt! Das macht dann drei in einer einzigen Woche, Miss Leopold. Sie wissen, dass Sie die Strafe verdient haben – Geheule ist zwecklos...") Und da waren andere, die auch nicht viel besser waren ...
Doch sie hatte durchgehalten, Woche um Woche, Monat um Monat, beinahe zwei Jahre lang hatte sie alles ertragen. Für Papas Glauben an sie („Betrachte es einfach als Chance, Darling, als Neuanfang."), für Mamas Skepsis („Glaubst du wirklich, dass unser Problem so leicht gelöst werden kann, William?"), für den ganzen verdammten Rest des Leopold-Clans („Denk an Großmama – es wird ihr das Herz brechen, wenn sie es je erfährt … Denk an Cousin James – er kandidiert in der nächsten Wahlperiode für den Senat.").
Sie hatte es ertragen. Auch wenn sie oft innerlich gesiedet hatte, beinahe übergeschäumt war ...
Auch wenn die Anspannung manchmal so groß geworden war, dass sie sich dazu gezwungen gefühlt hatte, sich unter der Deckung ihres aufgeklappten Pults im Klassenzimmer einen Bleistift so fest in den Arm zu bohren, dass ein oder zwei Bluttropfen durch ihren Blusenärmel gesickert waren wie rubinrote Perlen. Auch wenn sie sich unter dem tarnenden Vorhang der Damasttischdecke im Esszimmer mit einer Gabel ihren Oberschenkel zerkratzt hatte, bis sie fast aufschrie vor Schmerz. Denn das war immer noch besser als wieder auszurasten und etwas anderes zu tun. Etwas sehr viel Schlimmeres …
Ja, es war mit Sicherheit viel besser als die Vorstellung, wie gut, wie richtig es sich anfühlen würde, ihren Bleistift oder ihre Gabel oder einfach ihr Federmesser zu nehmen und in eines von Mrs. Appleyards kalten Froschaugen hinein zu rammen…
„Irma!" sagte Michael laut.
Aber sie war jetzt weit weg. Sehr weit weg …
Eingeschnürt in ein unnachgiebig steifes Korsett aus allen möglichen und unmöglichen Verhaltensregeln, kam es ihr oft so vor, als ob das weitläufige Herrenhaus, in dem Mrs. Appleyard ihre Brutstätte, ihre Fabrik für besonders damenhafte junge Ladies eingerichtet hatte, sie und ihre Leidensgenossinnen mit derselben unbeugsamen Starrheit einzäunte wie die Mauern eines Klosters, wenn auch nicht mit derselben Endgültigkeit. Die Freiheit winkte mit dem Ende des nächsten Semesters und mit ihr die ganze Süße des erwachsenen Lebens, denn das war der Preis, die Belohnung, die Entschädigung, die Papa ihr versprochen hatte, wenn sie durchhielt, wenn sie ein braves Mädchen war.
Aber es war noch eine lange Durststrecke bis dahin. Doch es gab immerhin Tage (kostbare weil seltene Tage!), in denen die Novizinnen dieses Ordens für perfekte künftige Säulenheilige der Gesellschaft für ein paar kurze Stunden dem strengen Regiment ihrer Äbtissin der eisernen Disziplin und Selbstbeherrschung entwischen durften. Bei einem Ausflug zum Beispiel ...
Sie hatte sich so auf dieses elende Picknick gefreut. Alle hatten sich darauf gefreut. Wie sie gejubelt hatten, als sie endlich unterwegs waren – vor allem nachdem sie Woodend hinter sich gelassen hatten und die Handschuhe von ihren schweißnassen Fingern zerren durften. Aber Irma hatte sich gefühlt, als würden ihr Flügel wachsen, als sie zusammen mit Miranda auf dem schwankenden Kutschbock neben Mr. Hussey gesessen hatte, hin und her geschaukelt von dem flotten Zockeltrab seiner vier stämmigen Füchse.
Und als sie sich auf dem Picknickgelände im Schatten der Akazienbäume auf einer Wiese niedergelassen hatten (sittsam auf Wolldecken, weil Damen niemals auf dem blanken Boden saßen und wegen ihrer hellen Kleider, aus denen Grasflecken kaum noch herauszuwaschen waren, aber wenigstens so lässig wie ihre atembeklemmend engen Mieder es nur zuließen!) und Mademoiselle de Poitiers mit Mr. Husseys Hilfe den üppig gefüllten Weidenkorb auspackte, den die Köchin ihnen mitgegebenen hatte, da hatte sie sich geschworen, dass sie von dem herzförmigen, mit rosafarbenem Zuckerguss überzogenen Kuchen mindesten zwei Stücke essen würde und das mit so großen und herzhaften Bissen wie sie wollte. (Weder Miss McCraw noch Mademoiselle würden dagegen Einspruch erheben – Greta nicht, weil sie gerade mit gerunzelter Stirn in ein Mathematikbuch starrte und mit unbegreiflicher Faszination ihren öden Euklid und seinen Kathetensatz oder seine Hypotenusen oder einen ähnlich langweiligen Unsinn studierte, und Diane nicht, weil sie im Gegensatz zu den anderen vertrockneten Spinatwachteln des Lehrkörpers noch jung und außerdem generell ein menschliches Wesen war.)
Und nach dem Genuss des Valentinskuchens, ja, da würde Irma rennen, nach Herzenslust rennen, mit Miranda oder ganz allein, auch das hatte sie sich vorgenommen. Und sie würde laut lachen – so laut wie sie nur konnte. Und danach würde sie reden wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma und ohne auch nur zwischendurch Luft zu holen. Denn die günstige Gelegenheit, all diese verbotenen Sünden zu begehen, musste genutzt werden. Sie würde so schnell nicht wiederkommen ...
Und es hatte alles so verheißungsvoll ausgesehen, denn nach dem Lunch hatten sie doch tatsächlich die Erlaubnis ergattert, ein wenig herum zu laufen – ganz allein, ohne Aufsicht! Natürlich hatte Marion das Essay, dass Mrs. Appleyard ihnen aufgebürdet hatte, als Grund für ihren kleinen Spaziergang vorgeschoben (und war das nicht wieder typisch für diese kleine Streberin?). Aber Diane hatte nur gelächelt und genickt und sie weggewinkt. Die liebe Diane – immer so verständnisvoll …
Und so waren sie schließlich vergnügt losgezogen – allerdings mit Edith in ihrem Kielwasser, was eigentlich nicht vorgesehen gewesen war. Aber Miranda konnte eben nie Nein sagen, wenn irgendein verirrtes Küken unter ihre schützende Fittiche schlüpfen wollte. Und Irma selbst hatte nichts dagegen einzuwenden – nicht wirklich.
Es war nicht so, dass sie Edith mochte – der bloße Anblick dieses Kindes, das genau an den falschen Stellen gepolstert war wie ein hoffnungslos überfülltes Sofakissen kurz vor dem Platzen und noch dazu mit vorstehenden Hasenzähnen und einer frisch aufgeblühten Akne geschlagen war, beleidigte ihren empfindsamen Sinn für Ästhetik. Und dass praktisch jedes Wort, dass dieses unglückselige Geschöpf von sich gab (wenn sie nicht gerade nörgelte!), sozusagen der Mount Everest an klatschsüchtiger Kleingeistigkeit war, machte ihre Gegenwart auch nicht unbedingt angenehmer. Doch Irma konnte Edith immerhin tolerieren. Sie konnte über all die Defizite dieses Kindes gnädig hinweg sehenund sogar so etwas wie Nettigkeit vorspiegeln, wenn sie in der richtigen Stimmung dazu war. Aber das traf auf die letzte Person in ihrem Kleeblatt eindeutig nicht zu. Leider ...
Marion Quade verdrehte schon sichtlich gereizt die Augen, als Edith neben Diane erschien und bettelte oder vielmehr quengelte, bis ihr gestattet wurde, sich den älteren Mädchen anzuschließen. Und es dauerte nicht lange – das ungleiche Quartett hatte gerade einen munter dahinplätschernden Bach überquert und war jetzt außer Sicht für die auf der Wiese zurückgebliebene Gruppe –, bis sie anfing zu sticheln, was sie sehr oft und sehr gerne tat. Viel zu oft und viel zu gerne, wie Irma fand ...
Sie hatte nie verstanden, warum Marion immer so auf Edith herumhacken musste. Tatsächlich verschonte die arrogante kleine Intelligenzbestie niemanden, der mit ihrem Gehirn nicht mithalten konnte – auch Irma war schon mehrfach ins Kreuzfeuer von cleveren, aber ziemlich giftigen kleinen Seitenhieben gekommen, wenn es um ihre nicht besonders stark ausgeprägten intellektuellen Fähigkeiten ging. Aber sie war sich immer darüber im Klaren gewesen, dass Marions Spitzfindigkeiten ihr gegenüber hauptsächlich aus Neid geboren wurden. Und aus Eifersucht, denn bevor Irma im Appleyard-College aufgetaucht war wie ein strahlender junger Schwan in einem Teich voller unscheinbarer hausbackener Enten, war Marion Mirandas beste Freundin gewesen. Und dass sie von dem neuen Star schnell als Vertraute des erklärten Lieblings der ganzen Schule abgelöst worden war, war offensichtlich immer noch ein Stachel in ihrer Seele.
Doch Marions allgemeine Boshaftigkeit gegenüber den „Dumpfbacken" unter ihren Mitschülerinnen war nur ein Klacks, wenn man sie mit der Gehässigkeit verglich, mit der sie Edith verfolgte. Ihre scharfe Zunge war gnadenlos und das pummelige Kind dank mangelnder Schlagfertigkeit hilflos wie ein Baby in einem Natternnest, sobald sie loslegte.
Irma kochte jedes Mal innerlich, wenn sie mit ansehen musste, wie Marion das jüngere Mädchen fertig machte. Aber Miranda war viel zu gutmütig, viel zu nett, um einzugreifen. Vielleicht lag es auch an ihrer Loyalität gegenüber ihrer ehemaligen Intima. Sie brachte es einfach nicht über sich, Marion in ihre Schranken zu verweisen. Also war sie für gewöhnlich still bis auf ein etwas vages: „Ach, sei doch nicht so!", was nicht gerade hilfreich war.
Es blieb Irma überlassen sich einzuschalten und diese Dumpfbacke zu retten, auch wenn sie es nicht gerne tat. Sie wollte keinen Ärger haben und konnte sich das auch gar nicht leisten (Marion neigte dazu, sich durch Petzerei zu rächen, was auch den häufigen Einsatz von Miss Lumleys Lineal erklärte!), aber sie wusste, dass es noch sehr viel mehr Ärger geben würde, wenn sie den Dinge ihren Lauf ließ, bis sie explodierte. Also wies sie Marion in ihre Schranken – so vorsichtig wie möglich! –, was immer in einem handfesten Krach mündete (und spätestens am nächsten Tag mit Schikanen der Autoritätspersonen geahndet wurde!).
So lief das immer, wenn Edith zugegen war – und wie sich jetzt zeigte, war dieser Ausflug leider keine Ausnahme von der Regel ...
Es begann also damit, dass Edith – plump und ungeschickt wie sie nun einmal war! – mit einem ihrer klobigen Schnürstiefel und einem deutlich hörbaren PLATSCH! in den wirklich schmalen Bachlauf hinein tappste, statt mit einem halbwegs leichtfüßigen Satz hinüber zu springen. Und dann rutschte sie auch noch auf der zugegebenermaßen etwas matschigen Böschung aus und fiel auf ihre vier Buchstaben.
Als sie sich endlich wieder aufgerappelt hatte, kicherte Marion bereits haltlos und herzlos vor sich hin. Und als sie mit ihrem Gekicher fertig war, erging sie sich über den mutmaßlichen Zusammenhang zwischen dem extrem gierigen Konsum von ganzen drei Muffins und einem halben Dutzend Scones mit Sahnecreme und Erdbeermarmelade (die Abwesenheit von Mrs. Appleyards drohenden Blicken und mit einem verächtlichen Schnauben untermalten Ermahnungen wirkte sich auch auf Ediths allzu hemmungslosen Appetit aus!) und der soeben erneut unter Beweis gestellten Unsportlichkeit. Ihre sarkastischen Bemerkungen waren witzig, sogar geistreich, aber sie waren auch gemein. Sehr gemein. Und sie konnte einfach nicht damit aufhören. Das konnte Marion nie ...
Bald rollten Tränen über Ediths Pausbacken – was sie aber keineswegs daran hinderte zu nörgeln. Die Hitze, der steile Aufstieg, die Aussicht auf „diese hässlichen alten Felsen", ihre zunehmende Müdigkeit und schließlich eine wahrscheinlich nur in ihrer Fantasie existierende Übelkeit (es sei denn, die mit Sahne überhäuften Scones meldeten sich zu Wort!) – alles wurde weinerlich, aber hartnäckig kommentiert, was Marion natürlich immer wieder zu entsprechend schneidenden Antworten provozierte.
Hätte Edith über so etwas wie Selbsterhaltungstrieb verfügt, sie hätte irgendwann eingesehen, dass es besser für sie gewesen wäre, einfach den Mund zu halten. (Das galt übrigens auch für Marion!) Aber sie plapperte und meckerte und jammerte weiter und weiter und Marion verhöhnte sie weiter und weiter, während Miranda in Schweigen versunken und mit verträumtem Gesicht dahin wanderte und alles außer der Schönheit der Natur ringsum ignorierte, als würde sie in einer goldenen Blase existieren, als würde sie auf einer Wolke dahin schweben, scheinbar immun gegen die Zänkereien ihrer Begleiterinnen, unempfänglich für alle Zumutungen und Heimsuchungen des Daseins ...
Irma jedoch konnte es nicht ignorieren und sie konnte sich auch nicht damit abfinden, dass man ihr den Tag verdarb, diesen einen wunderbaren Tag in all den öden Monaten, die noch vor ihr lagen …
Und als sie nach einer kleinen Ruhepause (in der alle außer Edith ihre Schuhe und Strümpfe auszogen, um wenigstens einmal echte, lebendige Erde unter ihren nackten Füßen zu haben!) ein hochgelegenes Plateau erreichten, das einen wahrhaft atemberaubenden Ausblick auf den azurblauen Himmel hoch über ihnen und die weite grün und braun getupfte Ebene tief unter ihnen gewährte, da war Irma von einem stummen, aber kaum noch zu zügelnden Zorn erfüllt, von einer rasenden Rage, die sie schon lange nicht mehr verspürt hatte …
Kein Rennen, kein Laufen frei wie der Wind, weil sie auf diesen vor Selbstmitleid triefenden Fettklops, diesen wandelnden Muffin-Friedhof Rücksicht nehmen musste, der bei jedem etwas schnelleren Schritt Atemnot und Zustände bekam …
Und kein unbeschwertes Lachen … Nicht einmal eine fröhliche Unterhaltung mit Miranda war jetzt noch möglich, weil der klagende Klops die Stimmung völlig zerstört hatte … zusammen mit dieser biestigen Brillenschlange!
Alles war ruiniert. Und bald … so bald schon … in zehn Minuten spätestens würde sie wieder in ihre schwarzen Baumwollstrümpfe, ihre Schuhe und all die anderen Zwänge schlüpfen müssen um umzukehren, um zu den übrigen Picknickteilnehmern zurückzukehren. Und dann würde Mr. Hussey sie wieder in diese unsägliche Schule karren, dieses College aus dem siebten Kreis der Hölle, wo man sie erneut in ihren Zwinger sperren würde wie einen im Salon unerwünschten Jagdhund …
Die bloße Vorstellung war unerträglich ...
Sie trat ein, zwei Schritte vor … und stand ganz unerwartet an einer schartigen Felskante, zu ihren Füßen ein schwindelerregender Abgrund, der sie magisch anzog…
Sie trat noch einen Schritt vor … und für einen Moment fühlte sie die überwältigende Versuchung, sich einfach fallen zu lassen … alles zu beenden … für immer zu entkommen … endlich frei zu sein, sie selbst zu sein, dieses andere Selbst, das in das Kellergeschoss ihres Verstandes verbannt war, die andere SIE, die wartete und zusah, wenn Irma am Ruder war ...
Sie schwankte ein wenig. Und dann breitete sie die Arme aus wie Flügel …
Wie ein Vogel … ein Engel … Ich … WIR könnten einfach davonfliegen … direkt in den Himmel hinein ...
… und als sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden hatte, ihre Balance, da erhob sie sich auf ihre bloßen rosigen Zehenspitzen wie die Primaballerina, die sie beide in der Metropolitan Opera gesehen und bewundert hatten, als sie zehn Jahre alt gewesen waren. Sie stellte sich vor, sie würden tanzen ... eine Pirouette drehen … auf einem Bein mit schwereloser Anmut um ihre eigene Achse wirbeln …
Und dann waren sie die Ballerina … nein, der sterbende Schwan ... Sie würden gemeinsam abheben und auf und davon fliegen statt zu Boden zu sinken ... völlig losgelöst von allen irdischen Drangsalen … befreit ...
Doch plötzlich stand das brillenbewehrte Biest neben ihnen, grinsend wie ein Ghul, und schwafelte irgendetwas Galliges, etwas Niederträchtiges über dumme Menschen, die wie Ameisen waren, wie stupide Insekten, deren Leben weder Sinn noch Zweck hatte, weshalb man sie von ihrer nutzlosen Existenz erlösen sollte – nur zu ihrem eigenen Besten …
Und der Klops im Hintergrund schluchzte und schnüffelte und schniefte, weil er diese kaltschnäuzige Aussage natürlich auf sich bezog …
Und sie und die andere SIE fühlten eine Welle von Hass auf das Biest und auf alle, die sich anmaßten zu wissen, was für irgendjemanden das Beste war ... Einen glühenden, alles erstickenden Hass, der sich über sie senkte wie die Aschewolke aus einem eruptierenden Vulkan, der den letzten Rest von Irma in den Hintergrund drängte, sie auslöschte …
Und dann gab SIE … SIE allein … dem Biest mit dem zähnefletschenden Ghul-Grinsen einen kraftvollen Stoß …
… und Marion kippte vornüber und stürzte mit einem hohen, spitzen Schrei in den Abgrund.
Sie fiel wie ein Stein, wie eine Porzellanpuppe, völlig regungslos, obwohl ihre Arme jetzt auch wie Flügel ausgebreitet waren. Aber sie versuchte nicht einmal zu fliegen – sie war bei all ihrer angeborenen Schläue und ihrer mit Arithmetik und binomischen Formeln und endlosen Schachpartien trainierten Cleverness zu dumm dazu! Sie hatte es verdientin den Tod zu stürzen, sie hatte es verdient zu sterben ...
Und nur deshalb fiel sie, bis sie fünfzehn oder zwanzig Meter tiefer auf einem breiten, mit langstieligen Farnen überwucherten Felsvorsprung aufschlug. Einige der Farnbüschel knickten bei Marions Aufprall ein und blieben liegen, beerdigt unter dem Gewicht ihres toten Körpers. Aber das dichte Gestrüpp ringsum raschelte nur ein wenig, als es gestreift wurde, dann richteten sich die geschmeidigen Zweige nach und nach wieder auf und verbargen das Mädchen, das jetzt zwischen ihnen lag, vollkommen. Sie bildeten ein zart gefiedertes hellgrünes Leichentuch für Marion in ihrem luftigen Grab irgendwo zwischen Himmel und Erde.
Irgend jemand hinter IHR kreischte und trappelte mit schwerfälligen Schritten davon.
SIE fuhr herum, unwillkürlich alarmiert, aber da war nur noch Miranda, die SIE aus weit aufgerissenen Augen entsetzt anstarrte. Ihr vor Schock erschlaffter Mund stand halb offen; ihr hübsches Gesicht, sonst immer das sanfte, gelassene Antlitz eines unbewegten Botticelli-Engels, war kreideweiß und unangenehm verzerrt, eine Theater-Larve, die nur noch namenloses Grauen zeigte.
Miranda verstand nicht, was SIE gerade getan hatte, sie konnte die Notwendigkeit IHRER Tat nicht einmal ansatzweise nachvollziehen; Miranda verurteilte SIE dafür, so viel war offensichtlich. Und damit war Miranda keine Freundin mehr, sie war jetzt eine Feindin, denn sie würde SIE verraten, wenn SIE es zuließ, sie würde es allen erzählen.
Aber das durfte nicht geschehen, weil SIE sonst eine schreckliche Strafe erwartete, sie beide, SIE und Irma. Mama würde SIE sofort in eine Anstalt einweisen lassen. Und dieses Mal würde nicht einmal Papa SIE retten können. SIE durfte das auf keinen Fall zulassen, SIE musste sich und Irma beschützen. Es war klar, was SIE zu tun hatte, vollkommen klar ...
SIE hob einen Stein auf, der direkt vor ihr auf dem Boden lag wie ein Geschenk des Schicksals, und fegte auf ihre Feindin zu wie eine entfesselte Furie, wie eine rächende Erinnye...
„IRMA!" schrie Miranda. (Oder war es Michael, der so schrie?!)
Doch Irma war nicht mehr da. Sie hatte sich in den dunklen Winkel zurückgezogen, in den sie sich immer flüchtete, wenn die Situation brenzlig wurde, wenn es hart auf hart kam, wenn SIE das Kommando übernahm um zu tun, was getan werden musste. Und SIE zögerte nie, SIE kannte weder Zweifel noch Skrupel, wenn es darum ging. SIE, der Schattenzwilling, war so viel stärker als IHR schwaches, weichherziges Alter Ego, das vor jeder Gewalt zurückscheute.
Miranda wirbelte herum und versuchte zu fliehen. Ein pathetischer Versuch, denn natürlich war SIE viel schneller. SIE war wie eine Löwin, wie eine Tigerin, SIE war jedem überlegen, in jeder Beziehung ...
SIE schlug sofort zu, als SIE in Reichweite kam, einmal, zweimal mit aller Kraft auf den korngoldenen Hinterkopf und noch ein drittes Mal, um ganz sicher zu gehen. Und sicher war SIE auchund dasnoch bevor sie IHRE Gegnerin umdrehte, sie auf den Rücken rollte, um IHR Werk zu begutachten. Denn jetzt hatte sich auch Miranda in eine Porzellanpuppe verwandelt. Sie lag da wie eine Puppe, wie eine gefällte Statue, sie hätte ebenso gut einfach nur schlafen können.
Doch ihre großen blauen Augen starrten glasig und ausdruckslos in den Himmel über ihr, leblos. Und da war ein kleiner roter Fleck auf dieser Weizengarbe aus Haaren, der langsam größer wurde, und ein dünner Blutfaden, der aus ihrem linken Nasenloch sickerte. Mehr war nicht zu sehen ...
Und an IHR war gar nichts zu sehen, wie SIE feststellte, als SIE einen prüfenden Blick auf sich selbst warf. Und das war auch gut so. SIE hätte nicht gewusst, wie SIE solche Spuren beseitigen sollte …
Aber SIE musste Miranda beseitigen, SIE musste sie sofort los werden. Aber wie? Die Lösung war naheliegend: Marion würde ihre letzte Ruhestätte eben einfach mit der Freundin teilen müssen, die sie mit niemandem je hatte teilen wollen. Und war das nicht irgendwie seltsam passend? Sie würden nebeneinander liegen so eng wie siamesische Zwillinge, im Tod endlich wieder vereint und das für alle Ewigkeit, für immer ungestört von Rivalinnen ...
SIE schlüpfte hastig aus IHREM immer noch unbefleckten Kleid und dann aus dem lästigen Korsett, das SIE so einengte, das jede IHRER Bewegungen behinderte. SIE warf die Sachen achtlos auf den Boden, direkt neben IHRE abgestreiften Schuhe und Strümpfe. Dann beugte SIE sich über Miranda. SIE packte sie bei den Handgelenken und schleifte sie mühsam über den unebenen Boden zu der Felskante hinüber. SIE musste tatsächlich einen Moment lang innehalten, um wieder zu Atem zu kommen. (Wer hätte gedacht, dass ein so zierlich gebautes Mädchen so schwer sein konnte? Der Tod schien Miranda ein zusätzliches Gewicht verliehen zu haben. Vielleicht war es aber auch nur die Schwere IHRER Schuld. Aber darüber wollte SIE jetzt nicht nachdenken. Das war Irmas Problem, nicht IHRES.)
SIE drehte das tote Mädchen auf die Seite und schob sie einfach über den Rand des Kliffs hinunter wie einen zusammengerollten Teppich. SIE seufzte unwillkürlich dankbar auf, als auch Miranda völlig zwischen dem Farngestrüpp verschwand, unsichtbar für neugierige Augen. Nicht einmal der Adler, der dort oben seine Kreise zog, würde sie sehen. Niemand würde sie jemals finden …
Doch die Erleichterung, die SIE verspürte, war nur von kurzer Dauer. Noch bevor SIE die Schritte hinter sich vernahm, sie wirklich wahrnahm, wusste SIE schon, dass SIE etwas Wichtiges vergessen hatte, dass SIE einen entscheidenden Fehler gemacht hatte ...
Aber es war nicht Edith, die hinter IHR stand und SIE voller Abscheu anstarrte, als SIE herumwirbelte. Es war Miss McCraw ...
„Irma … Um Gottes willen … was haben Sie getan? WAS HABEN SIE NUR GETAN?!" (Oder war es vielleicht doch Michael, der sie so anbrüllte?)
Egal. Es zählte nur eines: SIE musste handeln, auch wenn SIE müde war, auch wenn es IHR nicht mehr viel helfen würde. Denn Edith war fort und SIE würde sie nicht mehr einholen, nicht einmal, wenn IHR plötzlich wirklich Flügel wachsen würden. Nicht bei dem Vorsprung, den diese idiotische Göre inzwischen haben musste ...
Edith würde SIE verraten, so oder so. Alles, was SIE jetzt noch tun konnte, um sich und Irma zu retten, war sofort zu verschwinden, einfach spurlos zu verschwinden. Und niemand würde SIE daran hindern … Schon gar nicht eine schwächliche alte Vogelscheuche wie Greta McCraw …
Dieses Mal war es kein Stein – es war zu spät, sich nach einer geeigneten Waffe umzusehen. SIE schlug einfach mit IHRER geballten Faust zu, rammte sie auf das knochige Kinn der Frau wie einen Schmiedehammer. Und als Greta umfiel, mit einem kläglichen kleinen Winseln zu Boden ging, fackelte SIE nicht lange mit der Entsorgung ihres neuesten Opfers. Marions und Mirandas Grabstätte würde eben einen weiteren Gast aufnehmen und beherbergen müssen …
Doch dieses Mal war da unten etwas zu sehen … Gretas langer mausbrauner Rock hob sich deutlich von dem hellen Grün der Farnzweige ab, flatterte sogar ein wenig im Wind ...
Aber spielte das jetzt überhaupt noch eine Rolle? Kaum. SIE musste sich auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren …
SIE raffte Irmas … IHRE Kleidungsstücke zusammen (auch den Stein hob SIE wieder auf – SIE würde ihn vielleicht noch brauchen!) und sah sich suchend um, hektisch, sogar panisch jetzt, denn SIE wusste, dass IHR nicht mehr vielZeit blieb. Bald würden Mr. Hussey und Diane oder alle zusammen hier oben auftauchen …
SIE MUSSTE WEG!
Als SIE sich auf der Suche nach einem wenigstens vorläufigen Versteck durch ein dichtes und ziemlich dorniges Gebüsch gezwängt hatte und den gut getarnten Felsspalt dahinter entdeckte, hätte SIE vor Freude weinen können. SIE war gerettet. Sie waren beide gerettet, SIE und Irma. Hier würde niemand SIE finden. Hier würde niemand SIE auch nurvermuten … Sie würden hier sicher sein ...
SIE verschwand in der wohltuend kühlen Dunkelheit der Höhle …
Und SIE blieb dort … Stundenlang, tagelang … Oder waren es sogar Wochen … Monate … Jahre? SIE hätte es nicht zu sagen gewusst. SIE hatte jedes Zeitgefühl verloren ...
Zum Glück gab es etwas Wasser in der Höhle – ein Rinnsal gleich in der ersten Kaverne, die dank einem Loch in der Decke sogar Tageslicht aufwies, weshalb SIE dort IHR Lager aufschlug.
Aber der Hunger war schlimm. SIE hatte mit so etwas gar nicht gerechnet. Doch wenn SIE sich auf der Suche nach etwas Essbarem nach draußen wagte, dann wurde SIE schon bald wieder durch die Geräusche in ihren Unterschlupf hineingetrieben, durch den Lärm.
Aus der Ferne klangen Rufe zu IHR hoch, viele Männerstimmen, die Irmas Namen und die der anderen schrien. Und da war ein unaufhörliches Hundegebell, das grelle Fiepsen von Trillerpfeifen und das rhythmische Schlagen von Trommeln. Das machte IHR Angst, große Angst, vor allem am Anfang. Aber obwohl SIE offensichtlich mit großem Einsatz von IHREN Häschern gejagt wurde, verirrte sich niemand jemals auf IHR Plateau. Scheinbar war Edith, die den Orientierungssinn einer kurzsichtigen Blindschleiche hatte, nicht dazu in der Lage gewesen, den Jägern den richtigen Weg zu weisen ...
Irgendwann verstummte der Krach, der aus dem Tal zu IHR herauf gehallt war. Und dann herrschte endlich Ruhe, himmlische Ruhe …
… bis zu dem Augenblick, als SIE zu ihrem hellen Entsetzen plötzlich das Knacken von brechenden Ästen direkt vor dem Eingang hörte und dann den lang gezogenen Ruf einer jüngeren, klareren Stimme …
„Miranda! MIII...RAAAN...DAAA!"
Eine Gestalt erschien vor IHR, kaum mehr als eine Silhouette im blendenden Licht der Mittagssonne … Und SIE handelte sofort, rein instinktiv jetzt, und knallte dem unerwünschten Eindringling IHREN Stein ins Gesicht. (Es war klug von IHR gewesen, das Ding zu behalten!)
Danach schleppte SIE den Fremden wieder hinaus – SIE würde auf keinen Fall eine verwesende Leiche in IHRER Höhle dulden! Aber draußen erkannte SIE, dass er noch gar nicht tot war. SIE konnte sehen, dass er noch atmete, und dann hörte SIE ihn sogar leise aufstöhnen. SIE würde ihm also erst noch den Rest geben müssen, bevor SIE ihn genau wie die anderen fortschaffte. Das war es jedenfalls, was SIE vorhatte, was SIE wollte. Aber dann hielt SIE inne, von einer unerwarteten Regung aufgehalten …
Da war irgend etwas an ihm, das SIE davon abhielt, SIE wusste selbst nicht genau was ...
Er war jung, der Fremde, eigentlich eher ein großer Junge als ein richtiger Mann. Und er war irgendwie …
SIE wusste einfach nicht, wie SIE es definieren sollte. Vielleicht lag es einfach daran, dass er so wehrlos aussah, wie er da so vor IHR lag, so … ja, geradezu rührend …
Ein unmöglicher Held mit einem wild zerzausten dunkelblonden Haarschopf und einem Sonnenbrand auf der Nase, der nach Miranda und vielleicht auch nach IHR und Marion gesucht hatte, längst nachdem die anderen aufgegeben hatten. Ein unwahrscheinlicher Prinz in lehmverkrusteten Reithosen und Stiefeln und einem schmutzigen durchgeschwitzten Leinenhemd unter seiner staubigen seidenen Weste ...
Und ausgerechnet er hatte vollbracht, was keinem von ihnen gelungen war: Er hatte SIE hier oben aufgestöbert, weil er den ganzen Hanging Rock hinauf gestiegen und bis hierher vorgedrungen war, weil er sogar die Höhle betreten hatte, was niemand zuvor gewagt hatte ...
SIE sah auf ihn hinab … und SIE wusste plötzlich, dass SIE ihn nicht töten konnte, dass SIE ihn nicht aus dem Weg schaffen wollte. Er hatte genug, wenn SIE sich die tiefe blutige Schramme auf seiner Stirn ansah. Und SIE hatte auch genug. SIE konnte einfach nicht länger mutterseelenallein hier oben ausharren, ausgesetzt auf diesem gottverlassenen Felsen, und auf einen qualvoll langsamen Tod warten … Sogar eine Klapsmühle würde besser sein als das hier ...
SIE musste wieder zurück ...
Aber vielleicht konnte SIE es noch ein wenig hinauszögern. Hatte IHR Möchtegern-Retter möglicherweise sogar etwas zu essen dabei? SIE durchsuchte ihn hoffnungsvoll, aber alles, was SIE fand, war ein Fetzen von Irmas ... IHREM eigenen zerrissenen Kleid in seiner Westentasche ...
Doch er war bestimmt nicht alleine unterwegs. Er würde nicht ganz einsam hier oben herumstreifen. Er musste Begleiter haben, die jeden Moment hier erscheinen konnten ...
Und so tat SIE das einzig Richtige, was SIE jetzt noch tun konnte: SIE stopfte den Stoffffetzen in seine geschlossene Hand als deutlichen Hinweis für jeden, der ihn finden würde, und dann verließ SIE ihn wieder. Aber SIE entfernte sich nicht sehr weit von ihm. SIE riss noch einen Fetzen von IHREM zerfledderten Rock ab und hängte ihn gut sichtbar in den Strauch, der ihr Refugium verbarg. (Sicher war sicher!) Danach zwängte SIE sich noch einmal (und hoffentlich zum allerletzten Mal!) durch das Gebüsch und legte sich vor IHREM Schlupfloch hin, legte sich in Position (ohnmächtige hilflose Maid erwartet Rettung!). Und dann wartete SIE einfach auf seine und IHRE Retter …
SIE musste nicht sehr lange warten. Der andere fremde Junge, der bald aufkreuzte, eine Art Bauernbursche, der noch zerraufter und verschwitzter aussah als IHR Prinz, entdeckte SIE zwar nicht gleich. Aber nachdem er einen Schwall von reichlich vulgären Flüchen ausgestoßen und IHR Pseudo-Opfer in Sicherheit gebracht hatte (über die Schulter geworfen wie einen Mehlsack und mühsam unter weiteren farbenfrohen Flüchen abtransportiert!), kehrte er bemerkenswert schnell zurück. Und dieses Mal brachte er Gesellschaft mit, einen stämmigen rotgesichtigen Sergeant, der vor Anstrengung keuchte wie ein Blasebalg und auch sonst nicht gerade glücklich wirkte.
Danach dauerte es nur noch Sekunden, bis das geplagte Auge des Gesetzes unweigerlich erspähte, was es auch erspähen sollte – die von IHR gelegte Spur. Und kurz darauf wurde SIE geborgen (ohne Gefluche jetzt, sondern unter Jubelgeschrei und Danksagungen für dieses unerklärliche Wunder an die mutmaßlich verantwortlichen überirdischen Mächte!). SIE wurde mit gebührender Vorsicht bergab getragen und schließlich in das Haus der Fitzhuberts befördert, wo SIE mit Freudentränen und entsprechenden Ausrufen („Oh Gott! Das arme verirrte Lämmchen!") aufgenommen wurde.
Irgendwann zwischendurch wurde SIE tatsächlich ohnmächtig (die Strapazen, denen SIE ausgeliefert gewesen war, forderten ihren Tribut!). Doch als SIE wieder zu sich kam und sich in einem gemütlichen Bett vorfand, gründlich gereinigt, in ein fülliges Nachthemd ihrer Gastgeberin verpackt und von dem aufgeregten Geflatter von verschiedenen fürsorglichen Glucken und einem nicht weniger besorgten Arzt umzingelt, zog SIE sich willig zurück und überließ Irma wieder das Steuerrad.
Und Irma, erschüttert und angewidert von dem ganzen unerquicklichen Abenteuer, verdrängte wie immer alles, was geschehen war. Und sie verdrängte es total. Sie war sehr gut darin. Sie spielte das arme verirrte Lämmchen nicht nur, sie war es – ein Bild von wahrer Schulmädchen-Unschuld, an der all die behutsamen Ermittlungen, all die möglichst schonend geführten Verhöre wirkungslos abprallten.
Und Irma war entzückt, als sie herausfand, dass der Prinz, der im wahren Leben schlicht und einfach Michael Fitzhubert hieß, der Neffe ihrer Gastgeber war und im selben Haus wie sie wohnte, ja sogar im Zimmer nebenan untergebracht war, wenn er auch zunächst durch Abwesenheit glänzte. Und als sie ihm endlich begegnen durfte, da vergötterte sie ihn einfach. Es war Liebe auf den ersten Blick. Es war eindeutig Bestimmung ...
Es war wirklich zu schade, dass Michael zur Vergötterung genauso unfähig war wie zur Verdrängung von unangenehmen Tatsachen!
Und so war Irma gescheitert bei dieser Eroberung, deren Erfolg doch vom Schicksal selbst vorgesehen gewesen war. Es war unbegreiflich. Und es war sehr, sehr ärgerlich!
Sie gab sich geschlagen, als sie Michaels Obsession mit Miranda erkannte (wenn auch innerlich zähneknirschend!) und kehrte zu ihren Eltern zurück – nicht ohne Angst übrigens, obwohl sie den Grund für ihre Furcht nicht einmal erahnte.
Mama verhielt sich bei ihrer Ankunft sonderbar reserviert, fast schon unnahbar. Statt ihre beinahe verlorene Tochter einfach in ihre Arme zu reißen und stürmisch abzuküssen, wie es wohl jede andere Mutter an ihrer Stelle getan hätte, fragte sie sie nur, wie es ihr ergangen war, ob es ihr gut ging. Dann brach sie in Tränen aus und zog sich mit Migräne in ihre Gemächer zurück, was ihre übliche Reaktion war, wenn sie sich überfordert fühlte.
Papa dagegen, der niemals reserviert war (eher das Gegenteil!), verhörte sie mit mehr Eifer und Durchhaltevermögen als der scharlachgesichtige Sergeant und mit sehr viel mehr Ingrimm. Aber als Irma jeder von ihm heraus gedonnerten Drohung stand hielt (sie brach nicht einmal zusammen, als er ihr eine schallende Ohrfeige verpasste und sie anschließend bei den Schultern packte und so heftig schüttelte wie ein erzürnter Terrier eine gefangene Ratte!) und mit großer Überzeugungskraft auf ihrer Unwissenheit bezüglich der jüngsten Geschehnisse beharrte, da gab sogar er sich geschlagen, obwohl er tatsächlich mit den Zähnen knirschte – es war ganz deutlich zu hören ...
Doch nach diesem kurzen Temperamentsausbruch hatte plötzlich auch er einen verdächtig feuchten Glanz in den Augen, was seltsam und beunruhigend war bei einem Tyrannen wie ihm. Und schließlich verkündete er mit einer eigenartig brüchigen, unsicheren Stimme, dass sie sich keine Sorgen machen sollte, dass er sie beschützen würde, dass er sich um alles kümmern würde – so wie immer. Irma verstand seine Anspielung nicht (wovor wollte er sie beschützen? Worum wollte er sich kümmern?!), aber sie wagte es nicht, Fragen zu stellen. Es war so viel besser, so viel leichter, Papa schalten und walten zu lassen – so wie immer …
Und danach ging das Leben einfach weiter und es war ein angenehmes, ein erwachsenes Leben. Es war alles, was Irma sich jemals erträumt hatte, es war wie in Honig ertrinken – vor allem, nachdem sie ihren Jeannot kennengelernt hatte, der sie tatsächlich vergötterte. Alles war gut oder jedenfalls so gut wie alles. Irma war zufrieden und SIE war auch zufrieden – zufrieden genug, um in einer spinnwebenverhangenen Ecke von Irmas Bewusstsein friedlich vor sich hin zu schlummern. Obwohl SIE gelegentlich kurz aufwachte, wenn die Dinge nicht ganz so liefen, wie Irma es wollte. Aber das kam nur selten vor …
Ja, alles war gut.
Doch Michael hatte sie nie vergessen. Nicht wirklich ...
Und deshalb hatte Irma sich wirklich gefreut, ihn nach all der Zeit, die inzwischen verflossen war, wiederzusehen. Sie hatte sich gefreut! Bis Michael alles verdorben hatte, so wie er immer alles verdarb …
Nach all den Jahren hatte er nichts Besseres zu tun, als hier aufzutauchen und den Hexenkessel aufzurühren, den Irma längst versiegelt und in einer Abstellkammer ihres Unterbewusstseins eingemauert hatte.
Sie sah Michael an und er starrte mit ungläubigem Entsetzen zurück ...
Und mit einem Mal wusste sie, dass er Bescheid wusste. Er wusste alles. Er wusste, was SIE getan hatte vor all den Jahren. Und er war dazu entschlossen, SIE zu vernichten, SIE BEIDE zu zerstören … Er war jetzt auch ein Feind – genau wie damals Miranda ...
SIE empfand einen wilden brennenden Hass gegen Michael, gegen alle, die SIE im Stich ließen, SIE verrieten, IHREN Untergang wollten ...
Und in diesem sinkenden Moment erinnerte SIE sich an die Feile, mit der SIE IHRE Fingernägel bearbeitet hatte, bevor Michael IHR Vorzimmer, IHRE Suite gestürmt hatte wie eine nach Rache johlende Söldnertruppe eine belagerte Festung …
Sie lag immer noch auf der Sessellehne neben IHR, die Feile … ein schmales, silbrig glänzendes Ding mit einer hauchdünnen scharfen Spitze am vorderen Ende und einem schneeigen Perlmuttgriff hinten. Sie war ganz unauffällig, fast unsichtbar auf dem weißen Brokatbezug ...
Und plötzlich lag die Feile irgendwie in IHRER Hand … So schnell, dass SIE selber kaum begriff, wie sie dahin gekommen war ...
Aber es war klar, was SIE damit zu tun hatte, vollkommen klar …
SIE beugte sich vor … pfeilschnell … schnell wie eine angreifende Schlange ….
Und dann stieß SIE zu …
Fortsetzung folgt ...
Übersetzung:
Service de chambre
Zimmerservice
Entrez
Kommen Sie rein!
J'ai oublié quelque chose.
Ich habe etwas vergessen.
Mais vous-avez un visiteur.
Aber Sie haben einen Besucher.
Je vais le laisser entrer.
Ich lasse ihn eintreten.
Trompe-l'oeil
Wandbild oder Deckenmalerei
