KAPITEL 1
"captivity"
Träge öffneten sich ihre schweren Lider. Die Sicht war trüb und im ersten Moment wusste sie nicht, wo oben und wo unten war. Sie blinzelte kurz angestrengt und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen. Was war passiert? Ihre Lippen teilten sich. Jedoch entfleuchte ihr nicht der geringste Laut. Ihr Hals war furchtbar trocken. Orientierungslos wirrten ihre Blicke umher. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an die Dunkelheit. Waren das Gitterstäbe? Hatte man sie in eine Zelle gesperrt? Panik flammte in ihr auf, rauschte heiß durch ihren Körper, breitete sich rasend schnell bis zu ihren Zehenspitzen aus.
Sie lag auf feuchten, muffigen Stroh, das kaum den kalten und harten Boden bedeckte. Es roch nach Blut und Fäkalien. Sigrid würgte und kämpfte rasch gegen die aufkommende Übelkeit an. Sie schluckte die säuerliche Galle wieder herunter und schloss zittrig einatmend die Augen. Ihre Gedanken rasten. Sie musste sich beruhigen, durfte sich nicht ihrer Angst hingeben.
Vorsichtig versuchte sie sich aufzurichten. Ein böser Fehler. In ihrem Kopf explodierte ein glühender Schmerz und sie drehte sich mit einem gepeinigten Stöhnen auf den Rücken. Die Fesseln an ihren Handgelenken schnitten ihr schmerzhaft ins Fleisch. Ihr ganzer Körper protestierte und sie blieb eine Weile ruhig liegen, starrte ins Leere.
Einige ihrer braunen Haarsträhnen hatten sich aus ihren Knoten am Hinterkopf gelöst und lagen ihr wirr auf der Stirn. Sigrid lauschte, den Atem anhaltend, in die unheimliche Stille hinein. Wo war sie? Hatte man sie entführt? Was war das für ein Ort? Ihre Gedanken überschlugen sich und sie rüttelte panisch an ihren Händen. Sinnlos. Der Knoten war zu fest.
Sie versuchte sich verzweifelt an irgendetwas zu erinnern. Sie war, wie jeden Tag über den Markt geschlendert und hatte sich unter das gemeine Volk gemischt. In unauffälliger Kleidung, sodass man sie mit einer Magd hätte verwechseln können. Sie hatte, wie ihre ganze Familie, jetzt schon seit über drei Jahren ihren Adelstitel zurück, aber so war das einfache Leben, welches sie vorher führte doch allgegenwärtig. Zwar war sie langsam und stetig in ihre Rolle als Prinzessin hineingewachsen, aber ein Rest Zweifel war verblieben. Würde sie ihre Pflichten gewissenhaft erfüllen können? Es gab Tage da vermisste sie ihr altes Leben. Ihre Freiheit.
Erst vor einigen Wochen waren die ersten Briefe in das Arbeitszimmer ihres Vaters geflattert. Von jungen, heiratswilligen, adligen Männern, die um ihre Hand anhielten. Eine arrangierte Ehe. Die hätte sie sich vor Jahren kaum vorstellen können. Sigrid hatte immer gedacht, sie würde irgendwann aus Liebe eine Verbindung eingehen. Sie schnaubte spöttisch. Sie war ja so naiv. Das war jetzt völlig unwichtig. Sie hatte andere Sorgen.
Schwerfällig und mit einem angestrengten Ächzen setzte sich Sigrid schließlich auf. Die Feuchtigkeit war durch den dünnen Stoff ihres hellen Kleides regelrecht in ihre Knochen gekrochen. Sie fror entsetzlich. Ihr gefesselten Hände lagen in ihrem Schoß und sie stierte für ein paar Sekunden lang mit abwesenden Blick auf jene hinab.
Ihr Herz polterte unkontrolliert in ihrem Brustkorb. Mit leicht zusammen gekniffenen Augen sah sie sich um. Man hatte sie tatsächlich in eine Zelle gesperrt. Die anderen beiden – je rechts und links – neben ihr waren leer. Gegenüber befand sich eine alte, morsche Tür, die noch kaum in den Angeln hing. Unter ihr trat ein schwacher Lichtschein hervor.
Sie hörte gedämpft ein paar undeutliche Laute. Alarmiert rutschte sie so weit es ging in eine Ecke hinein. Die plötzlich eingetretene Angst schnürte ihr förmlich die Kehle zu. Ihr Brustkorb hob und senkte sich viel zu schnell. Ruhe, sie musste Ruhe bewahren. Sigrid atmete einmal tief ein und wieder aus. So hatte sie Tilda, ihre kleine Schwester beruhigt, wenn jene schreiend in der Nacht aufgewacht war. Orks hatten Tilda in ihren Gedanken heimgesucht. Auch Sigrid selbst wurde lange Zeit von Alpträumen geplagt.
Ein weiteres mal ausatmend legte sie den Kopf leicht in den Nacken und spähte zu einen winzigen, vergitterten Fenster hinauf. Ein schwacher, silberner Schein des aufgehenden Mondes erhellte spärlich ihr Gefängnis. Es war mitten in der Nacht. Ob Vater schon nach ihr Suchen ließ?
Ein leichter Windhauch erreichte ihre bebenden Nasenflügel. Es roch nach Wasser. So vertraut. Sigrid schloss ihre Augen und versuchte ihren Kopf frei zu bekommen. Vergeblich. Auch die frische Luft vermochte sie nicht zu trösten.
Sie riss ihre Augen wieder auf. Dieses Mal waren mehrere, hektische Schritte zu hören. Direkt hinter der verschlossenen Tür. Jemand fluchte auf einer fremden Sprache. War das Khuzdul? Oft hatte sie Zwerge, während ihres Marktbummels, miteinander sprechen gehört.
Sigrid spürte, wie Aufregung in ihr hoch kroch, gepaart mit Angst. Die Tür wurde aufgestoßen und ein Zwerg stolperte hinein. Ihm folgte ein Zweiter. Sie beide waren, wie sie gefesselt. Sigrid hatte das Gefühl den Boden unter den Füßen zu verlieren. Wenn sie sich recht entsann, waren das nicht die beiden Zwergenprinzen?!
„Du verfluchter Ork, ich werde dir die Kehle aufschlitzen!", drohte Kili knurrend und versuchte herumwirbeln, um seinen Feind zu attackieren. Vergebens. Grollend betrat ein großer Ork den Raum, der zu ihrem Verwundern eine Rüstung trug, die so gar nicht zu seiner grässlichen Erscheinung passte. War das nicht menschliche Handwerkskunst?
Die Kreatur verpasste dem aufmüpfigen, dunkelhaarigen Zwerg am Kopf einen Hieb mit der stumpfen Seite seines Schwertes, sodass sein Opfer sofort zu Boden ging und sich stöhnend im Dreck wand.
„Kili, ist alles in Ordnung?" Der blonde Zwerg kniete sich besorgt zu seinem Bruder hinunter und bedachte den Ork mit einem wilden, hasserfüllten Blick. Sigrid hielt die Luft an. Solch einen Ausdruck hatte sie bei ihm noch nie gesehen. Zum Fürchten!
Der Ork grunzte und trat ihm erbarmungslos in die Rippen, was ihm ein überraschtes Aufkeuchen entlockte. Er bleckte zufrieden seine hässlichen, gelben Zähne und starrte anschließend in ihre Richtung. Sigrid lief es eiskalt den Rücken hinunter und sie versuchte sich unter den gehässigen Blicken des Orks so klein, wie möglich zu machen.
Der Ork packte erst Fili, dessen geschockten, blauen Augen sie begegnete, am Kragen seines ledernen Wams und schubste ihn anschließend in die Zelle rechts neben ihr. Kili, noch immer ziemlich benommen, bekam die Andere. Knurrend verriegelte die stinkende Kreatur beide Türen und verließ den Raum.
Sigrid dröhnte der Kopf. Ihre Zunge schien, wie aus Blei. Wieso waren die beiden hier? Waren sie ihre ersehnte Rettung?
„Was tut Ihr hier Prinzessin?", wisperte der ältere der beiden Brüder ein klein wenig überfordert. Er drängte sich an die Gitterstäbe, die sie voneinander trennten. In seinen Augen las sie grenzenlose Verwirrung.
„Bruder, halluzinierst du etwa schon? Welche Prinzessin? Ich hab doch den Schlag auf den Kopf abbekommen." In der anderen Zelle stöhnte Kili gepeinigt vor sich hin. Er war anscheinend noch nicht richtig bei Sinnen und hatte Sigrid nicht bemerkt.
„Was ist Euch widerfahren? Nun sprecht doch!" Fili klang ungeduldig. Sigrid neigte ihren Oberkörper leicht nach vorne. Lose Haarsträhnen fielen ihr auf die Schulter. Sie fühlte sich gleichzeitig so erleichtert, aber auch furchtbar müde. Sie war nicht mehr länger allein und etwas Hoffnung keimte in ihr auf.
„Ich dachte das würdet Ihr vielleicht wissen, mein Herr", entgegnete sie zurückhaltend.
„Fili. Nennt mich Fili. Wie oft habe ich Euch darum eigentlich schon gebeten?" Einige Male und irgendwie fiel sie immer wieder ins alte Muster zurück. Trotz der Umstände oder gerade deswegen wurde ihr ganz flau im Magen. Es tat gut ein paar freundliche Gesichter zu sehen. Auch wenn sie die Zwergenprinzen nur zu feierlichen Anlassen begegnete, so behandelten beide sie stets respektvoll.
Immerhin verband sie etwas aus der Vergangenheit. Sigrid konnte sich noch sehr gut an ihre erste Begegnung erinnern. Ihre Lippen zuckten auf. Sie waren durch das Klosett ins Haus gelangt und hatten bei ihnen Zuflucht gesucht.
„Ihr habt damals meinen Bruder geholfen. Das werde ich Euch nie vergessen, Pri-"
„Sigrid", unterbrach sie ihn sanft. Er warf ihr einen verschmitzten Blick zu und lächelte schief. „Aber das war doch selbstverständlich. Tauriel gebührt jedoch Dank. Ich hab nur einen ganz kleinen Teil dazu beigetragen." Am Ende hin verlor sich ihre Stimme. Eigentlich hatte sie Kíli nur festgehalten. Da konnte der Zwerg vor ihr doch schlecht von einer Rettung sprechen. Sie hatte sich damals ziemlich nutzlos gefühlt. Aber konnte man ihr das verübeln? Sie war noch sehr jung gewesen. Nun … mittlerweile war sie aber ganze 19 Sommer alt.
„Geht es Eurem Bruder denn gut?" Sigrid schob sich sitzend in Kilis Richtung, um sich zu vergewissern. Bisher hatte er keinen Ton von sich gegeben.
„Macht Euch keine Sorgen", hörte sie Fili hinter sich in seinen Bart murmeln. Sigrid warf einen prüfenden Blick in die Nachbarzelle hinein. Seine Augenlider zuckten verdächtig. Ein spitzbübisches Grinsen stahl sich von seinen Lippen.
„Ihr habt recht." Es folgte eine Pause. „Es geht ihm mehr als gut." Sie rollte mit den Augen. Wie konnte er ihre Situation so unbefangen hinnehmen? Sie waren in ernster Gefahr.
"Ich habe mich nur ein wenig ausgeruht." Kili richtete sich ohne Probleme auf und zwinkerte ihr frech zu. „Eurer Vater muss krank vor Sorge sein. Was ist geschehen?", wollte er wissen und wirkte nun um einiges ernster.
„Ich kann mich nicht erinnern", entgegnete sie mit zittriger Stimme. Und wenn sie es versuchte, begann ihr Kopf fürchterlich an zu pochen. "Aber bitte sagt mir, was ist mit euch geschehen? Wieso seid ihr hier?" Sie sah von Kili zu Fili. Letzterer hatte sich seitlich an die Gitterstäbe gelehnt. Seine Stirn lag in Falten.
„Uns ereilte eine beunruhigende Nachricht. Ork-Angriffe von der Seestadt aus. Wir wollten dem nachgehen, wurden jedoch regelrecht in der Nähe überrannt", antwortete Kili frustriert und rieb sich mit seinen gefesselten Händen etwas umständlich über seine verschmutzte Wange.
„Aber was wollen Orks in Esgaroth? Die Stadt ist vollständig zerstö-"
„Nein, das ist sie nicht", unterbrach Fili die Prinzessin. „Jedenfalls das was wir von der Ferne aus erspähen konnten, sah nach einem aufgeschlagenen Lager aus. Bevor man uns anschließend überwältigte." Am Ende hin knurrte er leise auf.
Sigrids Herz fing unkontrolliert in ihrer Brust an zu hämmern. Sie war zurück in ihrer ehemaligen Heimat? Hatte man sie wirklich dorthin verschleppt? Aber wieso?
„Und Ihr wisst wirklich nicht wie Ihr in dieser Zelle gelandet seid?" Sigrid schüttelte heftig ihren Kopf, sodass ihre losen Haare wild umher flogen. Sie konnte Fili diese Frage nicht beantworten. Es klaffte eine riesige Lücke in ihren Erinnerungen.
„Macht Euch keine Sorgen." Kili schien unbekümmert, wie eh und je. „Fi und ich werden uns schon herausholen." Sigrid schob kritisch ihre Augenbrauen zusammen. Wollte er sie mit solch Worten aufheitern? Sie waren eingesperrt. Und gefesselt! Außerdem konnte jederzeit der Ork zurückkehren und sie töten. Einfach so aus einer Laune heraus. Sie stieß ein tonloses Seufzen aus und verlagerte etwas ihr Gewicht, sodass sie wieder unbewusst näher an Fili heran rutschte.
„Mein Bruder hat recht. Sorgt Euch nicht." Seine Stimme klang angenehm warm und sie drehte irritiert ihren Kopf in seine Richtung. Warum hatten seine Worte eine größere Wirkung als die von seinem Bruder? Sie spürte, wie sie unter seinen intensiven Blick zusammen schrumpfte und starrte hastig zu Boden. Ihre Wangen fühlten sich plötzlich so heiß an.
„Reicht mir Eure Hände. Ich werde ..." Fili kam nicht dazu seine Aufforderung zu beenden, da wurde die Tür ein weiteres Mal geöffnet. Der Ork von vorhin! In Sigrids Magen rumorte es. Eine lähmende Panik kroch ihren Rücken hinauf.
„Mädchen! Du mitkommen!", befahl er schroff, ließ sie zum ersten Mal seine dunkle Stimme hören. Er stand vor ihrer Zelle. Fili und Kili brüllten protestierend auf.
„Lasst sie in Ruhe, wenn ihr jemanden wollt dann mich!" Fili warf sich heftig gegen die Gitterstäbe und versuchte so die Aufmerksamkeit des Orks zu erlangen. Vergeblich.
Quietschend öffnete sich die Tür zu ihrem Gefängnis und ihr Peiniger packte sie grob am Oberarm, um sie auf die Beine zu ziehen. Sigrid japste auf. Der Ork war unerbittlich und zog sie ruppig hinter sich her. Sie warf einen letzten, verzweifelten Blick zu den beiden Zwergen zurück, die nur hilflos mit ansehen konnten, wie man sie ihnen entriss.
Es ging auf einen schwach beleuchteten Gang hinaus, immer weiter und weiter. Das hier unten war das reinste Labyrinth. Tränen der Hoffnungslosigkeit schossen ihr in die Augen. Auch wenn sie je aus ihren Zellen hinaus kommen würden - wie sollten sie sich hier zurecht finden? Überall stank es nach Verwesung und anderen unausstehlichen Dingen.
Mit einen kräftigen Ruck wurde sie in einen Raum hineingestoßen und fiel haltlos zu Boden. Kniend kam sie auf einen weichen, roten Teppich auf. Im Zimmer war es warm. Ein Feuerchen zu ihrer Linken knisterte angenehm vor sich hin. Die Wände waren kahl und sie sah vorsichtig auf. Sie hörte, wie die Tür hinter sich zu fiel. Der Ork hatte sie alleine gelassen.
„Na sie mal einer an. Da haben wir ja unsere süße Prinzessin." Eine ölige und emotionslose Stimme erreichte ihre Ohren. Ein furchteinflößender Mann mit langen, fettigen und dunklem Haar saß auf einen Schemel hinter einem wacklig aussehenden Tisch. Das festliche Mahl darauf ließ ihren Magen schlagartig verrückt spielen. Sie presste die Lippen zusammen und versuchte ihren Hunger zu ignorieren. Sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen.
Das schwarze Leder, das er trug, war fleckig und hatte schon weitaus bessere Tage erlebt. Er wirkte ungepflegt, grob und bösartig. Sigrid bezweifelte, dass ihr Entführer sie so einfach frei ließ, wenn sie ihn ganz lieb darum bat.
„Hat es mein Vögelchen etwa die Sprache verschlagen?" Mit einer fließenden Bewegung, die ihm sie ihn gar nicht zugetraut hatte, erhob er sich und blieb direkt vor ihr Stehen. Der Geruch von Blut, Wald und Ale wehte ihr in die Nase. Sie schluckte den dicken Kloß in ihrem Hals hinunter und sah, so wie es gerade ihr Mut zuließ, zu ihm auf. Seine kühlen, dunklen Augen jagten ihr einen Schauer durch den Körper.
„Ihr seid wahrlich eine Hübsche und wie gerne würde ich Euch für mich beanspruchen. Aber Ihr seid Einiges wert." Nachdenklich ging er vor ihr in die Hocke und umfasste grob ihr Kinn. Seine Berührung war unerträglich und sie unterdrückte den Impuls sich seinen festen Griff zu entreißen. War er ein Sklavenhändler? Er versprach sich mit ihr wohl so Einiges.
„Verkaufen? An w-wen?", stotterte sie und konnte kaum glauben, wie leise und kratzig ihre Stimme eigentlich klang.
„Euer Vater würde bestimmt auch ein schönes Sümmchen zahlen. Aber wo bliebe dann das Vergnügen?" Sein rauer Daumen strich über ihre Wange. Sigrid schloss zittrig die Augen. Sie konnte es kaum ertragen. Außerdem hatte sie keine Ahnung wovon er da eigentlich sprach.
„Was habt Ihr mit den Zwergen vor?" Sie durfte sich nicht einschüchtern lassen und musste weitere Informationen aus ihm hervorlocken.
„Die Zwerge?" Er stieß ein kehliges Lachen aus und ließ endlich von ihr ab. Sie atmete erleichtert aus, nur um im nächsten Augenblick vor Schmerzen auf zu japsen. Er hatte sie brutal in die Höhe gerissen und grinste hinterhältig.
„Seid Ihr etwa um diese kleinen, hässlichen Kreaturen besorgt?" Er stieß sie von sich, sodass ihr ohnehin schon gepeinigter Körper in ein voll beladendes Bücherregal knallte. Ihr Hinterkopf hatte Bekanntschaft mit dem Holz gemacht. Sie stöhnte leise. Hinter ihren geschlossenen Lidern pochte es fürchterlich.
„Othar!", bellte ihr Entführer plötzlich übelgelaunt einen Namen und eine hagere Gestalt löste sich aus den Schatten. Ein junger Mann etwa in ihrem Alter kam aus einer Ecke heraus gestolpert. Sigrids Mund öffnete sich einen Spalt breit und blinzelte die schwarzen Punkte vor ihren Augen trotzig weg. Sie hatte ihn die ganze Zeit über gar nicht bemerkt.
„Führe unseren Gast in die Zelle zurück."
Othar nickte und eilte auf sie zu. Seine Hand legte sich fast schon zu vorsichtig auf ihren Rücken.
„Geht, Prinzessin. Bevor er es sich noch anders überlegt", raunte er ihr so leise zu, sodass nur sie es verstand. Ihre Augen weiteten sich vor Verblüffung ein Stückchen und sie nickte unauffällig. Ihr Herzschlag dröhnte laut in ihren Ohren wieder und erst jetzt merkte sie, wie sehr ihre Handinnenflächen eigentlich schwitzten. Hatte der Sklavenhändler nur seine Macht demonstrieren wollen und sie deswegen extra hierher bestellt? Oder hatte er seine Ware noch einmal unter Augenschein nehmen wollen? Bei dem Gedanken wurde ihr schlecht.
Der junge Mann beeilte sich mit der Gefangenen den Raum zu verlassen. Sofort fiel etwas Anspannung von ihren Schultern.
„Komm." Nur ein Wort. Ein leiser Befehl, der doch so viel Wirkung erzielte.
Er ließ draußen von ihr ab und ging den langen, dunklen Gang von vorhin entlang. Hatte er denn gar keine Angst, das sie versuchte zu fliehen? Wohl nicht. Außerdem wäre sie ohne die Prinzen sowieso nirgendwo hingegangen.
Sie folgte ihm und starrte auf seinen schmalen Rücken. Er war nur ein wenig größer als sie. Sein Haar erstrahlte in einem wunderschönen Rotton. Seine Augen waren blau - so wie Filis. Nein, die des Prinzen waren heller - blickten tiefer in ihre Seele, dass sie Angst hatte sich in ihnen zu verlieren. Sie stockte und wieder einmal musste sie feststellen, wohin ihre Gedanken sie trugen, wenn sie an den blonden Zwerg dachte. Sie war der Meinung diese dumme Schwärmerei von vor zwei Jahren war vorüber. Aber so konnte man sich irren.
„Wer war das? Warum hat er mich entführt? Warum arbeitet Ihr für ihn? Könnt Ihr uns helfen?" Die Fragen sprudelten förmlich an der nächsten Ecke aus Sigrid heraus, als sie sich sicher war, dass keine fremden Ohren jene erreichen würden. Sie musste es versuchen. Allein der Gedanke sie konnte an jemanden verkauft werden, löste in ihr eine unerträgliche Furcht aus. Ein Leben als Sklavin. Da würde sie lieber sterben! Sie hörte ihn resigniert ausatmen.
„Das war Déor, der Schatten. Ihr solltet Euch mit ihm gut stellen und ihn nicht verärgern. Das wird Euch die restlichen Tage einfacher machen." Othar klang abwesend und gleichgültig. Sigrid erstarrte in ihrer Bewegung. Die Hand ihres Begleiters schoss ganz beiläufig hervor und zog sie weiter. Von ihm konnte sie keine Hilfe erwarten. Geschweige denn würde er mehr preis geben, oder?
„Othar, ihr müsst das hier nicht tun", sprach Sigrid ihn nun direkt mit Namen an. Sie konnte nicht so einfach aufgeben. Sie wollte zurück zu ihrer Familie und dafür würde sie alles tun.
Sie hatten nach ein paar weiteren Gängen ihr Ziel erreicht. Othar hatte schweigend seinen Weg fortgesetzt und Sigrid biss sich bekümmert auf die Unterlippe. Nichts hatte sie erreicht. Gar nichts!
Seine Hand legte sich auf die Türklinke. Zu ihrem Verwundern drückte er jene aber nicht sofort herunter. Er zögerte, schien mit sich zu hadern.
„Ich weiß nicht was Ihr Euch davon versprecht oder warum Ihr glaubt ich würde Euch helfen." Othar warf ihr einen auffordernden Blick zu. Quietschend öffnete sich die schwere Holztür. Jegliche Hoffnung auf Freiheit hatte sich soeben verflüchtigt.
