KAPITEL 3
„survive"
Sigrid, auch wenn sie dachte niemand hätte es bemerkt, zog ihren rechten Fuß schon seit ein paar Minuten schwerfällig hinter sich her. Sie trug nur ein paar leichte Stiefel - völlig untauglich für solch einen Fußmarsch. Die dünne Sohle hatte sich gelöst und sie ging fast barfuß. Ihr Gesicht war vor Anstrengung und Schmerzen gezeichnet.
Fili beobachtete sie schon seit geraumer Zeit. Er durfte sie nicht aus den Augen lassen. Das war er ihrem Vater Bard schuldig. Der König von Thal sollte seine älteste Tochter wieder wohlbehalten in seine Arme schließen dürfen.
Außerdem schlich Othar, dieser Bursche, wie ein lästiges, kleines Wiesel um sie herum. Fast schon fürsorglich erkundigte er sich nach ihrem Befinden, woraufhin sie nur störrisch abwinkte.
Aus irgendeinem unerfindlichen Grund missfiel ihm dieser Anblick. Fili stieß ein abfälliges Schnauben aus und konzentrierte sich wieder auf den holprigen Pfad vor ihnen, der sich durch felsiges Gebirge schlang.
„Bruder! Ich glaube, wir haben sie abgehängt." Kili, der die Nachhut gebildet und einen Blick zurückgeworfen hatte, holte die kleine Gruppe nun leichtfüßig wieder ein.
„Bist du sicher?" Fili spähte zurück in die Dunkelheit. Ihre Verfolger waren ihnen mittlerweile dicht auf den Fersen und das schon seit geraumer Zeit.
Der jüngere Zwerg nickte und auch seine Aufmerksamkeit galt kurz dem Fremden. So als wolle er sich vergewissern, dass dieser keine Dummheiten anstellte. In dem Punkt waren sich die Brüder einig. Irgend etwas verbarg er vor ihnen.
„Dann lasst uns da vorne im Schutz des Dickichts ein weiteres Mal kurz rasten." Fili warf Sigrid ein kurzes Lächeln zu, welches sie dankbar erwiderte. Sie hielt sich gut. Immerhin war sie solch Strapazen nicht gewohnt. Und falls sie irgendwann doch die verwöhnte Adelige mimen sollte - was er keineswegs erwartete, sie hatte vorher immerhin ein einfaches Leben geführt - würde Kili oder er sie einfach über die Schulter werfen.
Bei dem Gedanken schossen seine Mundwinkel zu einem schelmischen Grinsen in die Höhe. Er bezweifelte, dass sie das ohne Zetern mitmachen würde. Aber einen Zwerg und seine Sturheit durfte man niemals unterschätzen.
Sobald die Gruppe das Dickicht erreicht hatte, ließ sich Sigrid sofort auf den Boden sinken und lehnte sich rücklings an einen alten, morschen Stamm. Den Baum hatte es wohl wegen eines Sturms aus der Erde gerissen und lag quer.
Kili war auf einen Felsen geklettert und versuchte die Umgebung auszukundschaften. Aber Fili bezweifelte, dass er in der Dunkelheit etwas ausmachen konnte. Ein Feuer durften sie nicht entzünden. Die Gefahr war viel zu groß entdeckt zu werden.
Filis Augen verengten sich zu zwei schmalen Schlitzen. Othar hielt sich nach wie vor in der Nähe der Prinzessin auf. Er hatte sich auf den Baumstamm gelegt. Seine Arme waren hinter seinen Kopf verschränkt und er starrte mit leeren Blick zum Nachthimmel hinauf. Fili wurde aus dem Burschen einfach nicht schlau. Wieso hatte er ihnen geholfen?
Anschließend näherte er sich Sigrid. Er befreite sich von seinen Mantel, der mit einem dicken Fell am Kragen versehen war. Der würde ihr gute Dienste leisten. Wie ein gerade erst geborenes Rehkitz hatte sie vor sich her gezittert.
„Hier nimmt dies und keine Widerrede. Ihr braucht ihn dringender als ich." Bevor sie protestieren konnte, warf er das Kleidungsstück über ihre Schultern. Sie war klein und zierlich, weswegen ihr der Mantel von der Länge her passte.
„Habt dank", nuschelte sie schüchtern zurück und ihre Wangen hatten plötzlich diesen roten, gesunden Schimmer. Er begegnete ihren scheuen, blaugrünen Augen, die ihn an einen Aquamarin erinnerten.
Ihr zaghaftes Verhalten ihm gegenüber war ihm nicht fremd. Hatte er in der Vergangenheit irgendetwas getan was ihr missfiel? Nicht das er sich daran erinnern konnte. In den letzten Jahren waren sie sich einige Male begegnet. Aber mehr als die üblichen Höflichkeiten hatten sie nicht untereinander ausgetauscht.
Ihre kleine Schwester Tilda dagegen war den Zwergen gegenüber um einiges aufgeschlossener. Besonders an Kili hatte die jüngste Prinzessin einen Narren gefressen. Es war sogar von einer Vermählung die Rede gewesen. Fili schmunzelte kurz und schob weitere Erinnerungen beiseite.
„Lasst mich doch bitte einen Blick auf Euer Schuhwerk werfen." Er ging prompt direkt vor ihr in die Hocke und spürte regelrecht ihren Widerwillen seiner Bitte Folge zu leisten.
„Ich wollte uns nicht aufhalten", murmelte sie leise und pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihr so widerspenstig über die Augen gefallen war. Sie kuschelte sich fester in seinen Mantel und schmollte?
Ihm entwich ein leises Lachen. Sie war manchmal wirklich ganz reizend. So reizend, wie ein Menschenmädchen eben sein konnte. Im Gegensatz zu den Zwerginnen hatte sie viel zu wenig Gesichtsbehaarung, war dürr und etwas größer als er. Aber wenn er sich recht entsann, war sie für einen Menschen doch recht klein?
Filis Augenbrauen schoben sich zusammen. Seine Gedanken verselbständigten sich in letzter Zeit recht häufig.
„Fili?" Ihr leises Stimmchen holte ihn schlagartig in die Realität zurück.
„Verzeiht, ich war kurz in Gedanken. Ich werde mich sofort um Euren Fuß kümmern."
Behutsam umfasste er Sigrids Stiefel und warf einen eingehenden Blick drauf. Viel war da nicht mehr zu retten. Er konnte ihr nur notdürftig etwas Linderung verschaffen.
„Ich kann nur das für Euch tun."
Er zog ein beigefarbenes Tuch unter seiner Tunika hervor und band es achtsam um ihren Stiefel herum.
„Es wird nicht lange halten. Aber bis wir Thal erreicht haben, sollte es wohl genügen." Seine Finger strichen geistesabwesend über das Leder.
„Auch hierfür, habt Dank!" Sigrid entzog ihm hastig ihren Fuß. Seine verdutzten Blicke wanderten zu ihren klaren Augen hinauf, in denen sich Verlegenheit widerspiegelte.
„Gern geschehen. Und ruht Euch jetzt besser etwas aus. Wenn es geht, schließt für ein paar Minuten die Augen." Fili erhob sich lächelnd und ging anschließend zu seinen Bruder hinüber, der ihn mit einem wissenden Grinsen empfing.
„Was?", fragte er vielleicht etwas zu harsch.
Kili zuckte ganz unschuldig mit den Schultern.
„Du kümmerst dich um sie."
„Und was ist daran falsch, Kili?"
„Nichts. Nichts", war die scheinheilige Antwort und Fili hatte das dumpfe Gefühl, dass sein Bruder auf etwas ganz Bestimmtes hinauswollte. Das war jedoch absurd.
„Was hältst du von ihm?" Mit einem Kopfnicken deutete er auf Othar, der sich nicht vom Fleck bewegt hatte. Auch schien er einem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Jedenfalls sprach er kaum mit den Zwergen. Dabei lagen ihnen so einige Fragen auf der Zunge.
„Ihm ist nicht zu trauen. Ich habe kein gutes Gefühl", entgegnete Kili sofort und klang ernster als sonst - so als hätte er sich plötzlich tief in seine Gedanken zurückgezogen.
Fili runzelte die Stirn.
„Hoffen wir einfach, dass er sich davon ein paar Goldmünzen verspricht." Der blonde Zwerg ließ sich mit einem Seufzen neben Kili auf den Felsen nieder und streckte seine Beine aus. Anschließend warf er seinen Bruder einen langen, nachdenklichen Blick zu. Wie lange war es jetzt her seit sich diese Elbin von ihm verabschiedet hatte? Und was waren ihre letzten Worte gewesen? Fili dachte kurz angestrengt nach.
'Kili. Versucht mich zu verstehen. Mein Herr Thranduil hat mich aus dem Reich verbannt. Ich kann jetzt nicht an Eurer Seite bleiben.'
Sie hatte seinem Bruder mit diesen Worten sein Herz förmlich aus der Brust gerissen. Kili war dennoch optimistisch geblieben. Er glaubte fest daran, dass sie zu ihm zurückkehrte.
Das lag nun drei Jahre zurück. Nein, fast vier. Der Durins Tag näherte sich.
Kili war zwar ganz der Alte. Aber Fili konnte er nichts vormachen. Die Brüder waren schon immer unzertrennlich gewesen. Es reichten von klein auf Blicke und Gesten damit sie einander verstanden. Er hatte sich nur seinem großen Bruder anvertraut und Fili wusste: Kilis Gedanken drehten sich noch immer ständig um Tauriel.
Es hieß: Zwerge konnten sich zu unterschiedlichsten Personen hingezogen fühlen. Aber ihr Herz verschenken, taten sie nur ein einziges Mal! Tauchte dieser jemand nicht auf, so blieben sie bis ans Ende ihrer Lebenszeit allein.
Thorin war solch ein Beispiel. Die Eine war ihm verwehrt geblieben. Deswegen lag es auch an Fili die Linie der Durins weiter zu führen.
Plötzlich, wie aus dem Nichts, tastete er über seinen Brustkorb und stellte erleichtert fest, dass sich seine Pfeife noch dort befand, wo er sie verstaut hatte. Er widerstand der Versuchung etwas Kraut zu rauchen. Obwohl sein Körper so dringend danach verlangte.
Um sich anders von den Gedanken seiner Verpflichtungen abzulenken, wanderten seine Blicke zu Sigrid hinüber. Ihr Kopf war leicht nach rechts gefallen, ihre Augen geschlossen. Er würde sie ungern wecken wollen, aber sie konnten nicht bis zum Morgengrauen warten. Es war gefährlich bei Nacht, aber viel riskanter war es hier auszuharren.
„Es herrscht Frieden und trotzdem haben wir wieder Scherereien mit Orks. Und nun auch mit diesen Schatten", durchbrach Kili die Stille verächtlich und zog seine Beine an. Er bettete sein Kinn auf beide Knie und sah in die Ferne.
„Dieser Schatten wird bestimmt zu einem Problem werden. Wir müssen unbedingt mit König Bard sprechen. Und natürlich Onkel davon in Kenntnis setzen." Während Fili vor sich hin grübelte, strich er sich durch seinen Bart.
„Wir hätten schon längst wieder zurückkehren sollen. Er wird sich fragen wo wir bleiben", murmelte Kili und sprang keine Sekunde später alarmiert auf: „Orks!"
Sein Bruder tat es ihm augenblicklich gleich und spähte in die Dunkelheit hinein. Flackernde Lichter: Fackeln. Ein Wargheulen.
„Sie scheinen unsere Fährte wieder aufgenommen zu haben." Fili sprang geschickt den Felsen hinunter und lief auf seine beiden anderen Gefährten zu: „Eilt euch! Wir müssen los!"
Sigrid fuhr hoch. Ihre Augen weiteten sich beunruhigt und sie drückte sich mit der Hilfe des Baumstamms in eine senkrechte Position. Othar war von seinem Platz hinunter gepurzelt und rieb sich verschlafen die Augen.
Gemeinsam rannten sie los. So schnell es ging. Sie mussten so viel Abstand, wie möglich, zwischen sich und ihren Verfolgern bringen.
Fili umfasste beim Laufen Sigrids Handgelenk, um sie noch mehr zur Eile anzutreiben. Sie durfte auf keinen Fall langsamer werden! Es würde schon schwer genug werden sich selbst zu verteidigen, aber auch gleichzeitig eine Prinzessin schützen?
„Hier entlang!", brüllte Kili, der voraus gelaufen war und es aufgab sich heimlich weiter durchs Dickicht zu schlagen. Die Orks waren nur noch wenige Meter entfernt. Außerdem mussten sie jetzt ohnehin durchs offene Gelände und dort würde es zu einem unvermeidlichen Kampf kommen.
Ein kräftiger Ruck und Sigrids Handgelenk wurde Fili entrissen.
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Es tat weh. Brannte! Irgend etwas hatte ihre linke Wade gestreift und sie war mit einem schmerzerfüllten Laut zu Boden gegangen. Sie schlug hart auf und hatte kurzzeitig das Gefühl, als würde sämtliche Luft aus ihren Lungen weichen. Zittrig stieß sie ihren Atem aus. Ihr Herz trommelte lautstark in ihren Ohren.
Fili rief von irgendwo her ihren Namen. Sie wollte antworten, aber ihre Zunge fühlte sich schwer und träge an.
Sigrid drückte sich mit beiden Ellbogen ein kleines Stückchen hoch und warf einen fahrigen Blick über ihrer Schulter nach hinten. Ihr Bein war verletzt. Ein Streifschuss mit den Bogen. Sie konnte von Glück reden, dass sich der Pfeil nicht in ihr Fleisch gebohrt hatte.
„Das Weib." Es war nicht mehr als ein verächtliches Zischen und ein eisiger Schauer kroch ihre Wirbelsäule hinauf.
Sigrid drehte sich mit einem angestrengten Keuchen auf den Rücken und richtete ihren Oberkörper leicht auf. Sie erstarrte vor Furcht. Ein vernarbter Ork hatte sich ihr genähert. Er war von seinen Warg gesprungen. Die wolfsähnliche Kreatur lief unruhig auf und ab, so als wartete jene auf ein Zeichen seines Reiters damit es sich auf seine Beute stürzen durfte.
Sigrid wich panisch zurück, während ihre gehetzten Blicke hin und her sprangen. Die beiden Zwerge, wie auch Othar waren selbst in Kämpfe verwickelt. Kili hatte es mit einen Warg aufgenommen, während sein Bruder sich gegen zwei Orks behaupten musste. Sie waren kampferprobt und jede ihrer Bewegungen waren für einen Zwerg äußerst flink. Othar dagegen hatte weitaus mehr Probleme. Er wurde gerade mit einem kräftigen Tritt zu Boden gebracht und der Ork setzte seinen schweren Stiefel auf seine Brust.
Sigrid konnte nicht länger hinsehen. Außerdem war sie selbst wieder dem Tod so nahe, wie vor fast vier Jahren, als Orks in ihr Haus eingedrungen waren. Vater war nicht da gewesen um sie zu beschützen. Nur dank Tauriel und den Zwergen hatten es die drei Kinder geschafft.
Wie von Sinnen begann sie kleine Steine, welche sie neben sich zu fassen bekam, nach ihm zu werfen. Einer traf den Ork direkt am Kopf. Er rieb sich mit einem hässlichen Grinsen nur unwirsch über die Stelle und bleckte seine fauligen Zähne.
Sie hielt den Atem an. Er war nun direkt über ihr. Ihre Augen waren schreckgeweitet. Ihr Kopf lag leicht im Nacken. Es rauschte in ihren Ohren.
Sigrid kam dies alles so unwirklich vor. War es nur ein Alptraum? Nein! Der bestialische Gestank und das unerträgliche Pochen an ihrer Wade war real.
Ihre Hand rutschte unter Filis Mantel und erfassten kühlen Stahl. Der Dolch! Sie würde sich bestimmt nicht, wie ein kleines, hilfloses Mädchen abstechen lassen. Das war vorbei. Auch würde sie sich nicht mehr verstecken. Wie damals.
Der Ork war im Begriff mit seiner Klinge, die mit alten, geronnen Blut besudelt war, auszuholen. Ihre Chance.
Mit einem leisen Schrei schoss sie hervor und stieß ihm den Dolch mitten in den Bauch. Dunkles, klebriges Blut tropfte auf ihre zittrigen Hände. Ihr wurde übel und sie zog sich hastig zurück.
Ihr Feind war so überrascht von ihrem Angriff, dass er noch gar nicht bemerkt hatte was eigentlich mit ihm geschehen war. Er machte einen irritierten Schritt nach vorne. Sie wich weiter zurück.
Sigrid zitterte am ganzen Körper und dann fiel der Ork, wie ein Baum um - direkt auf sie drauf. Sie ächzte entsetzt. Er wog schwer auf ihr.
Ihr entwich ein verbissenes Schnaufen, als sie die leblose Kreatur von sich herunter schob. Sie lebte. Das war alles was zählte.
Ein animalisches Knurren ließ sie heftig in sich zusammen zucken. Der Warg des toten Orks fletschte die Zähne. Ihr lief es heiß den Rücken hinunter. Dieses Mal würde sie sich nicht verteidigen können. Verletzt und unbewaffnet hatte nun ihr letztes Stündlein geschlagen.
Mit aller letzter Kraft erhob sich Sigrid und stand schließlich taumelnd auf ihren eigenen zwei Füßen. Zu Fliehen war sinnlos. Der Warg würde sie sofort einholen.
Tränen der Hilflosigkeit schossen ihr in die Augen. Dabei hatte sie sich vorgenommen eigentlich nicht mehr zu weinen.
Der Warg setzte zum Sprung an. Sigrid kniff die Augen fest zusammen und dann hörte sie es. Einen kämpferischen Schrei. Fili?
Sie riss ihre Augen weit auf. Der Zwerg hatte sich, wie von Sinnen auf die Bestie gestürzt - sich schützend zwischen sie gestellt. Seine zwei Kurzschwerter steckten zwischen den scharfen Zähnen des Tieres. Sein Gesicht durch immense Anstrengung gezeichnet, stemmte er sich gegen seinen Gegner.
„Flieht. Nun macht schon!", schnaubte er ungeduldig, nur um sich im nächsten Moment zur Seite zu rollen. Es dauerte nur eine Sekunde und der Zwerg stand wieder aufrecht.
Sigrid konnte keinen Muskel rühren. Sie biss sich auf die Zähne, musste sich regelrecht zwingen sich zu bewegen, um wenige Schritte zurück zu weichen. Wenn er schon für sie kämpfte, wollte sie ihr Bestmögliches tun und ihm nicht im Weg stehen.
Der Warg machte einen Satz auf den Zwerg zu. Seine Zähne versenkten sich kurzerhand in die linke Schulter seiner auserkorenen Beute. Fili brüllte auf und stieß ihm sein rechtes Schwert ins Auge. Die Kreatur winselte vor Schmerzen und ließ von ihm ab.
Sigrid stand wie angewurzelt da und konnte sich nicht rühren. Sie kam sich so nutzlos vor. Ihr Bein pochte. Aber das war nichts im Vergleich zu der Wunde, die Fili sich zugezogen hatte. Dort wo die Bestie ihn gebissen hatte, breitete sich sofort ein dunkler Fleck aus.
Und dann hörte sie plötzlich etwas ganz anderes. Geräusche, welche ihr Hoffnung schenkten. Hufen, die hörbar die harte Erde auflockerten. Pferde wieherten. Ein bekanntes Horn, das lautstark über die Ebene hinwegfegte.
Es waren die Krieger von Thal! Sie pflügten regelrecht durch die Reihen der Orks - streckten sie nacheinander nieder. Sie waren deutlich in der Überzahl.
Sigrid entdeckte ihren Vater und eine Welle der Erleichterung durchströmte sie. Aber die Menschen waren nicht allein. Sie wurden von Zwergen begleitet. War das dort nicht sogar der König unter dem Berg? Thorin Eichenschild?
Ihr Blick flog zu Fili, der gerade den verwundeten Warg niedergestreckte. Sie humpelte erleichtert auf ihn zu.
„Geht es Euch gut?" Sigrid unterdrückte den Impuls sich in seine Arme zu werfen. Es kam ihr verkehrt vor. Auch wenn sie unbedingt fühlen wollte, dass er noch lebte.
„Macht Euch um mich keine Sorgen. Nur eine kleine Fleischwunde", spielte er seine Verletzung mit einem verschmitzten Lächeln herunter. Sie unterdrückte ein Schnauben. Männer.
„Aber was ist mit Euch?" Seine durchdringenden Blicke glitten über ihren Körper. Sie spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog. In seinen hellblauen Augen spiegelte sich eine Sorge wieder, welche ihr Herz schneller schlagen ließ.
„Es war nur ein Streifschuss. Aber wo ist Euer Bruder?" Ihr Kopf flog hin und her. „Und Othar?"
„Wenn Ihr mich sucht. Ich bin hier." Unbekümmert, wie eh und je stieß Kili zu ihnen. Er wirkte abgekämpft und war ein wenig blass um die Nase. Trotzdem leuchteten seine braunen Augen vergnügt.
„Das wird meine nächste Narbe, die ich mit Stolz tragen werde." Der dunkelhaarige Zwerg deutete auf einen länglichen Schnitt, der sich seinen kompletten Unterarm hinunter zog. Er hatte sich schon notdürftig mit einem provisorischen Verband selbst versorgt.
„Das muss versorgt werden. Aber wieso lächelt Ihr?", fragte Sigrid fassungslos und sah hilfesuchend zu Fili.
„Ich will dich nur schwer enttäuschen, Bruder. Aber ich habe gewonnen." Der blonde Zwerg schob seine Lederrüstung an der Schulter etwas beiseite. Tiefe Bissspuren kamen zum Vorschein. Sigrid zog scharf die Luft ein. Sie hatte es geahnt. Die Wunde war tief und musste genauso dringend versorgt werden.
„Ich hab trotzdem eine Narbe mehr als du!" Kilis Augenbrauen schoben sich dickköpfig zusammen.
„Aber auch nur, weil du so ungestüm bist und noch zu lernen hast", neckte Fili ihn und wuselte ihm durchs Haar.
Sigrid sah von einem zum anderen. Sie konnte es nicht glauben. Diese Zwerge waren unmöglich!
Ein Pferd kam neben ihnen zum Stehen und der Reiter sprang geschickt ab. Sie blinzelte kurz und stürzte nach vorne.
„Vater!" Sigrid warf sich stürmisch in seine Arme und vergrub ihr Gesicht in seiner Schulter. Sie roch den vertrauten Duft und ihr kamen die Tränen. Sie hatte vor kurzem noch gedacht, sie würde ihn nie wiedersehen.
„Dir ist nichts geschehen! Ich war in größter Sorge." Er küsste ihren Haarschopf und drückte seine Tochter fest an sich.
„Ich weiß gar nicht, wie ich das je wieder gut machen kann." Ihr Vater warf den beiden Zwergen einen dankbaren Blick zu, die zu einer Erwiderung ansetzen wollten, jedoch nicht dazu kamen.
„Fili! Kili!" Eine tiefe, strenge Stimme schallte zu ihnen hinüber. Sigrid hob leicht den Kopf und spähte zu der Gestalt hinüber, die mit schweren Schritten auf sie alle zu stapfte.
„Onkel!", kam es gleichzeitig aus den Mündern der Prinzen und sie stellten sich sofort etwas aufrechter hin. Sigrid schmunzelte leicht. Sie wollten ihrem König gegenüber keine Schwäche zeigen. Verständlich.
„Als eure beiden Ponys ohne Reiter zum Berg zurückfanden, dachte ich mir schon das irgendetwas passiert sein musste." Thorin beäugte seine zwei Neffen kurz und wand sich dann an Bard.
„Wir haben die letzten Orks vernichtet. Und außerdem einen Menschen aufgelesen." Der Zwergenkönig stieß einen schrillen Pfiff aus und ein Pferd kam angetrabt.
„Othar", murmelte Sigrid und löste sich von ihrem Vater. Sie warf einen Blick auf den bewusstlosen Knaben, der mehr schlecht als recht auf dem Pferd hing. Er blutete aus mehreren, kleinen Wunden.
„Er hat uns geholfen zu fliehen." Sigrid schielte kurz zu den beiden Zwergenbrüder.
„Zu fliehen?", harkte ihr Vater nach und musterte Othar abschätzend.
„Ja, ein Sklavenhändler hat uns festgehalten und ..." Sigrid stockte und ließ ihr Kinn leicht nach unten fallen. Vor ihren Augen verschwamm alles und sie fasste sich verwundert an ihren Kopf. Was passierte hier gerade?
Das Letzte, was sie hörte, war die Stimme von ihrem Vater, der besorgt ihren Namen rief.
