»Ich kann die nicht ausstehen.«

»Bleib locker, in sieben Jahren bist du sie los.«


Als sich das Tor öffnet, steht eine Frau im mittleren Alter vor ihnen, die nicht den Eindruck macht, als würde sie Spaß verstehen. Sie hat die dunklen Haare am Hinterkopf zusammengebunden und beäugt die Neuankömmlinge streng durch ihre quadratischen Brillengläser.

»Die Erstklässler, Professor McGonagall«, sagt Hagrid, offenbar zufrieden mit sich selbst.

Dank seines Vaters, dem Vorsitzenden des Schulrates von Hogwarts, weiß Draco genau, was er von Rubeus Hagrid zu halten hat. Er ist ein ungebildeter Alkoholiker, der als Schüler aus Hogwarts rausgeworden wurde und deshalb nicht einen ordentlichen Zauberspruch zustande bringt. Nun lebt er in einer Hütte auf dem Schulgelände und verrichtet niedere Dienste, wie eine Art Knecht. Wenigstens hat der Fettsack es den ganzen Weg hierher geschafft, ohne ein Sauerstoffzelt zu benutzen.

»Danke, Hagrid. Ich nehm sie dir ab«, sagt McGonagall und zieht die Torflügel weit auf.

In der Eingangshalle, die von mittelalterlichen Fackeln erhellt wird, befinden sich mehrere Ritterrüstungen und vier große Stundengläser, die den Punktestand der Häuser in Form von farblich passenden Edelsteinen anzeigen. Eine riesige Marmortreppe führt in die oberen Stockwerke, doch zunächst folgen sie McGonagall in eine kleine Kammer.

Dicht gedrängt stehen sie beieinander, Vincent Crabbe und Gregory Goyle wie immer an Dracos Seite. Von den bisherigen Privatlehrern einmal abgesehen, haben die drei nicht viel gemeinsam: Draco hat weißblonde Haare, hellblaue Augen, spitze Gesichtszüge und eine vornehme Blässe, wie alle Mitglieder der Malfoy-Familie. Crabbe hingegen trägt einen schwarzen Pottschnitt und ist dick und faul, und Goyle hat ockerfarbene Haare, ist eher muskulös und - gelinde gesagt - unterdurchschnittlich intelligent. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass er als Kleinkind an seine Pateneltern Irma und Victor Crabbe abgeschoben wurde, weil die Goyles mit der Erziehung überfordert waren. Wahrscheinlich sind sie froh, dass er jetzt endlich in Hogwarts ist und die sporadischen Besuche durch sporadische Briefe ersetzt werden können.

Jedenfalls wirken Crabbe und Goyle durch ihre Statur recht imposant, weshalb es noch nie jemand gewagt hat, sich mit ihnen anzulegen. Das ist ein Vorteil, genau wie die Tatsache, dass es sie nicht im Geringsten stört, sich von Draco herumkommandieren zu lassen.

»Willkommen in Hogwarts«, sagt McGonagall. »Das Bankett zur Eröffnung des Schuljahres beginnt in Kürze, doch bevor ihr eure Plätze in der Großen Halle einnehmt, werden wir feststellen, in welche Häuser ihr kommt. Das ist eine sehr wichtige Zeremonie, denn das Haus ist …«

Gelangweilt betrachtet Draco seine Fingernägel. Natürlich weiß er längst über alles Bescheid; die vier Häuser, den Hauspokal, den Sprechenden Hut, den Muggel-vernarrten Schulleiter Albus Dumbledore …

Aus dem Augenwinkel beobachtet er, wie Goyle an der Bisswunde an seinem Finger saugt, die ihm diese fette Ratte zugefügt hat. Wenn er die Pest oder sowas bekommt, wäre das allein Harry Potters Schuld.

Draco fragt sich, welche Erziehung jemand genossen haben muss, der einem den Handschlag verweigert. Und das nur, weil er Potter darauf hinwies, dass der Umgang mit einem Weasley den gesellschaftlichen Selbstmord bedeutet. Hallo, gern geschehen!

Wäre das Narbengesicht etwas netter gewesen, hätte Draco Crabbe und Goyle nicht anweisen müssen, seine Süßigkeiten zu klauen, und dann wäre auch keine Ratte zwischen den Verpackungen aufgetaucht, um sich in Goyles Finger festzubeißen. Aber wen wundert es, wo ein Weasley ist, ist auch Ungeziefer nicht weit.

» … erhält das Haus mit den meisten Punkten den Hauspokal, eine große Auszeichnung. Ich hoffe, jeder von euch ist ein Gewinn für das Haus, in welches er kommen wird. Die Einführungsfeier, an der auch die anderen Schüler teilnehmen, beginnt in wenigen Minuten. Ich schlage vor, dass ihr die Zeit nutzt und euch beim Warten so gut wie möglich zurechtmacht. Ich komme zurück, sobald alles für euch vorbereitet ist. Bitte bleibt ruhig, während ihr wartet.«

Sobald McGonagall den Raum verlässt, beginnt ein aufgeregtes Geflüster.

»Denkt dran, was ich euch gesagt habe«, murmelt Draco, doch Crabbe und Goyle sehen ihn bloß verständnislos an.

»Die Sache mit Slytherin!«

»Oh … Ach ja.«

Draco vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Manchmal weiß er nicht, ob er wegen diesen Einfaltspinseln lachen oder heulen soll. Wenn die Situation nur nicht so verflucht ernst wäre! Denn selbstverständlich erwarten seine Eltern nichts anderes, als dass er nach Slytherin kommt, so wie es in seiner Familie schon seit Ewigkeiten Tradition ist. Und damit sich der blöde Hut gar nicht erst anders entscheidet, hat Dracos Mutter ihm den Tipp gegeben, ihn einfach zu bitten, nach Slytherin zu kommen. Bleibt nur zu hoffen, dass es tatsächlich so einfach ist. Mit Ravenclaw könnte er auch leben, aber Hufflepuff oder Gryffindor? Völlig indiskutabel.

Plötzlich wird der Raum kühler, weil ein ganzer Pulk Geister durch die Wand hereinschwebt. Ein paar Schüler schreien auf, vermutlich, weil sie Schlammblüter sind. Oder einfach dumm, denn auch Goyle umklammert mit schreckgeweiteten Augen Dracos Arm.

»Beruhig dich mal!«, sagt Draco, als er ihn von sich wegschubst. Er ist an Geister gewöhnt, in der Malfoy-Villa hausen zwei von ihnen. Allerdings halten sie sich überwiegend im Kellergewölbe auf und ignorieren ihn und seine Eltern.

Ein Geist mit Halskrause blickt auf die Schüler hinab. »Ach du meine Güte - was macht ihr denn alle hier?«

»Neue Schüler«, antwortet ein fetter, glatzköpfiger Geist. »Werdet gleich ausgewählt, nicht wahr? Hoffe, wir sehen uns in Hufflepuff! Mein altes Haus, wisst ihr?«

Ich hoffe nicht, ansonsten könnte es sein, dass ich euch dort oben bald Gesellschaft leiste. Oder schlimmer noch: enterbt werde.

Als McGonagall einen Moment später wieder aufkreuzt, verziehen sich die Geister und die Schüler folgen ihr zurück in die Eingangshalle, wo sie durch eine hohe Doppeltüre endlich die Große Halle betreten.

Sie sieht genauso aus, wie Dracos Eltern beschrieben hatten. Abertausende Kerzen schweben über den vier langen Tischen, die mit goldenen Tellern und Kelchen eingedeckt sind und an denen die älteren Schüler bereits Platz genommen haben.

Über jedem Tisch hängt ein riesiges Banner; links ein gelbes mit dem Hufflepuff-Dachs, daneben die grüne Slytherin-Schlange, dann der blaue Ravenclaw-Adler und rechts der rote Gryffindor-Löwe. Doch am beeindruckendsten ist die mit Sternen übersäte, schwarze Decke der Halle, die wie der echte Nachthimmel aussieht.

Früher hat Draco Stunden damit verbracht, die Sternbilder durch ein Teleskop zu suchen, besonders den Drachen, nach dem ihn seine Eltern benannt haben. Seine Interessen haben sich jedoch verlagert, als er mit sechs Jahren seinen ersten Kinderbesen bekam und fliegen lernte.

McGonagall führt sie zum anderen Ende der Halle, wo sie sich in einer Reihe mit dem Rücken zum Lehrertisch aufstellen und in hunderte, erwartungsvolle Gesichter blicken. Auf einem Stuhl vor ihnen liegt ein staubiger, mehrfach geflickter Spitzhut - der Sprechende Hut, der über ihre Zukunft in Hogwarts entscheiden wird.

Es folgen ein paar Sekunden Stille, doch dann bewegt sich der Hut plötzlich und ruft mit durchdringender Stimme:

»Ihr denkt, ich bin ein alter Hut,

mein Aussehen ist auch gar nicht gut.

Dafür bin ich der schlauste aller Hüte,

und ist's nicht wahr, so fress ich mich, du meine Güte!«

Da Draco keine Lust hat, ein albernes Gedicht zu hören, wirft er einen Blick auf seine neuen Mitschüler. Manche hören dem Hut gebannt zu, andere schicken leise Stoßgebete gen Himmel.

Er entdeckt Theodore ›Ted‹ Nott, einen schlaksigen Jungen mit rötlich-braunen Haaren. Er ist ebenfalls mit Draco und den anderen unterrichtet worden, doch er und Crabbe können sich nicht ausstehen. Außerdem leben er und sein Vater eher zurückgezogen, seit seine Mutter tot ist. Dennoch hat sich Draco immer gut mit ihm verstanden, und im Gegensatz zu Crabbe und Goyle besitzt Ted tatsächlich so etwas wie ein Gehirn.

»In Slytherin weiß man noch List und Tücke zu verbinden,

doch dafür wirst du hier noch echte Freunde finden.

Nun los, so setzt mich auf, nur Mut,

habt nur Vertrauen zum Sprechenden Hut!«

Daraufhin bricht ein Beifallssturm in der Halle los, bis McGonagall mit einer langen Pergamentrolle in den Händen vortritt. »Wenn ich euch aufrufe, nehmt ihr auf dem Stuhl Platz und bekommt den Hut aufgesetzt, damit euer Haus bestimmt werden kann.«

Die ersten paar Schüler werden nach Hufflepuff, Ravenclaw und Gryffindor geschickt, begleitet von tosendem Applaus der entsprechenden Tische. Der erste Neuzugang für Slytherin ist ein pummeliges, brünettes Mädchen namens Millicent Bulstrode.

»Crabbe, Vincent!«, ruft McGonagall.

Noch bevor Draco ihm einen letzten, bedeutungsvollen Blick zuwerfen kann, stürzt Crabbe los, als wäre der Stuhl eine Sahnetorte. Er nimmt Platz und lässt sich von McGonagall den Hut aufsetzen.

Draco hält die Luft an. Gleich stellt sich heraus, ob seine Mutter wirklich Recht hat - vorausgesetzt, Crabbe hat nicht wieder vergessen, was er tun soll.

»SLYTHERIN!«, ertönt es durch die Halle.

Dracos Schultern sacken vor Erleichterung ab. Es stimmt also, man kann sich in sein Haus wünschen!

Bei Tracey Davis, einem Mädchen mit karamellfarbener Haut und Krauslocken, entscheidet sich der Hut zum dritten Mal in Folge für Slytherin.

Nachdem weitere Erstklässler nach Hufflepuff und Gryffindor geschickt worden sind, wird Goyle nach vorne gerufen. Er nickt Draco zu und setzt sich steif auf den Stuhl. Bei ihm dauert es etwas länger als bei Crabbe, bis der Hut schließlich auch ihn zu einem Slytherin macht. Ihm folgt eine langhaarige, blonde Daphne Greengrass.

Als ein dicklicher Neville Longbottom aufgerufen wird, verfinstert sich Dracos Miene. Seine Tante und sein Onkel waren damals, wie so viele, Gefolgsleute des dunklen Lords gewesen, doch sie wurden von Longbottoms Eltern verraten, weshalb sie nun lebenslänglich im Zauberergefängnis Askaban einsitzen.

In der Sekunde, in der Longbottom für Gryffindor ausgewählt wird, läuft er los, obwohl er den Hut noch auf dem Kopf hat. Schadenfroh stimmt Draco in das Gelächter mit ein.

Schließlich ruft McGonagall: »Malfoy, Draco!«

Lässig schreitet er nach vorne, nimmt Platz und wirft dem Hut einen skeptischen Blick zu.

Slytherin, kapiert? Wage es nicht, mich woanders hinzustecken!

Wie in Zeitlupe streckt McGonagall ihren Arm aus.

SLYTHERIN-SLYTHERIN-SLYTHERIN-SLYTHER-

»SLYTHERIN!«, ruft der Hut, bevor er seinen Kopf überhaupt berührt.

Draco grinst triumphierend, als kurz darauf an seinem Tisch mit Handschlägen und Schulterklopfen begrüßt wird.

»Es hat funktioniert!«, gluckst Goyle aufgeregt.

»Ich glaube, du hast den Rekord gebrochen«, sagt ein blonder Schüler, der neben Tracey Davis sitzt. »So schnell hat sich der Hut wohl noch nie für ein Haus entschieden.«

Draco macht eine abwinkende Handbewegung. »Mir war klar, dass ich hierher gehöre. Slytherin ist in unserer Familie Tradition.«

»Das freut mich zu hören, in Slytherin haben Traditionen noch einen Wert. Du bist der Sohn von Lucius Malfoy, oder? Ich bin John Bletchley, Vertrauensschüler.«

Als schließlich auch Theodore von den Slytherins begrüßt wird, weist Draco Crabbe an, Platz für ihn zu machen.

»Gut gemacht, Ted«, sagt er und klopft ihm auf den Rücken.

»Dito. Hey, Greg ... Vincent

Er weiß natürlich, dass Crabbe seinen Vornamen hasst - genau wie er seinen, weshalb Crabbe mit einem gedehnten ›Thee-oh-dohre‹ kontert.

»Warte mal. Nott?«, fragt Millicent Bulstrode. »Wie in Cantankerus Nott, von dem das Reinblut-Verzeichnis stammt?«

»Exakt, Cantankerus war mein Großvater.«

Daphne Greengrass kichert. »Du wärst der Liebling unserer Lehrerin gewesen, wir mussten Mrs Travers die Namen jeden Freitagmorgen zur Begrüßung vorsingen.«

Mit den ›Namen‹ meint sie eine in den dreißiger Jahren verfasste Liste britischer Zaubererfamilien, die bis dahin reinblütig geblieben waren, sich also nicht mit Muggeln eingelassen hatten. Sinn und Zweck war es, den alten Familien zu helfen, auch die nachfolgenden Generationen rein zu halten. Noch bevor er lesen und schreiben lernte, konnte Draco die sogenannten Heiligen Achtundzwanzig auswendig aufsagen.

Tracey Davis verdreht die Augen. »Diese Liste ist doch dämlich! Mein Name steht nicht drauf, dabei bin ich genauso aufgewachsen wie ihr. Mein Urgroßvater war zwar ein Muggel, aber den kannte ich nicht mal.«

»Siehst du, Goyle«, sagt Crabbe, »hab dir doch gesagt, wir sind nicht die Einzigen.«

Goyle schmollt. »Unfair! Sie sollen eine neue Liste machen, mit meinem Namen und Crabbes und Davids -«

»Davis.«

»- und die Weasleys werden gestrichen, die Blutsverräter!«

»Er hat nicht Unrecht«, wirft Ted ein. »Nach fast sechzig Jahren ist das Verzeichnis nicht mehr repräsentativ. Vielleicht schreib ich irgendwann ein Neues.« Er verschränkt die Arme hinter dem Kopf und grinst. »Deine Familie wird auch aufgeführt, Crabbe, vorausgesetzt, du nennst jedes deiner zukünftigen Kinder Theodore.«

»Danke, aber da sterbe ich doch lieber.«

Als nächstes wird Pansy Parkinson (ebenfalls aus einer alten Familie stammend) für Slytherin ausgewählt. Sie hat eine dunkle Pagenfrisur und ist recht klein, allerdings trägt sie ihre Nase so hoch, dass sie nicht zu übersehen ist. Während sie zum Tisch geht - nein, stolziert - stechen Draco buchstäblich ihre Schuhe ins Auge, deren Schmucksteinchen das Licht reflektieren. Sie sehen genauso albern aus wie ihr Umhang, der am Saum gerüscht ist.

Gerade, als sie sich zu den Mädchen setzt, ruft McGonagall: »Potter, Harry!«

In der gesamten Halle beginnt ein Geflüster, und viele stehen auf, um eine bessere Sicht nach vorne zu haben. Potter macht ein Gesicht, als würde ihn der Hut jeden Moment beißen.

»GRYFFINDOR!«

Es folgt ein ohrenbetäubender Applaus. »Wir haben Potter! Wir haben Potter!«

Draco schnaubt. »Wen interessiert's, Potter ist ein Freak. Kein normaler Mensch würde diesen Hagrid als ›brillant‹ bezeichnen.«

»Du hast mit ihm gesprochen?«, fragt Ted überrascht.

»Hab ihn vor einem Monat in der Winkelgasse getroffen, in Madam Malkins Laden. War ziemlich unfreundlich, bildet sich wohl was auf seinen Status ein.«

Pansy Parkinson gibt einen hohen, spöttischen Ton von sich. »Na, auf seinen guten Geschmack wohl kaum, wenn er bei Malkins einkauft.«

Irritiert sieht Draco sie an. »Was soll das heißen?«

»Nun ja, die Schnitte sind nicht besonders modern. Twilfitt and Tattings orientieren sich wenigstens halbwegs an der internationalen Mode.«

»Ach! Und dein Umhang stammt woher, aus Timbuktu?«

»Wie schön, dass du fragst«, antwortet sie lächelnd und zupft an ihrem Rüschen-Fetzen. »Aber das hier ist ein Einzelstück meiner Mutter. Sie besitzt nämlich eine eigene Modelinie, weißt du?«

Die Mädchen starren sie mit offenem Mund an, bevor sie anfangen, sie mit Fragen zu bombardieren.

»Ich kann die nicht ausstehen«, sagt Draco an Ted gewandt.

»Bleib locker, in sieben Jahren bist du sie los.«

»Ha, ha.«

Mittlerweile steht nur noch der dunkelhäutige Blaise Zabini vor dem Lehrertisch; auch er kommt nach Slytherin.

»Er ist der Sohn von Francesca Zabini, dem Model«, erklärt Parkinson den Mädchen.

»Wow! Hast du sie mal getroffen?«

»Schon oft, meine Mum gibt gern Partys.«

Bulstrode und Greengrass lauschen fasziniert.

»Schön dich zu sehen, Blaise«, flötet Parkinson, als Zabini neben Goyle Platz nimmt.

Er nickt ihr halbherzig zu, als sich Albus Dumbledore auch schon vom Lehrertisch erhebt und gutmütig in die Runde lächelt. Sein silberner Bart ist so lang, dass er fast den Boden berührt, er trägt halbmondförmige Brillengläser und einen blauen Umhang mit gelben Sternen.

»Wo hat er denn dieses Teil ausgegraben?«, flüstert Parkinson. »Das ist circa 1983!«

»Willkommen! Willkommen zu einem neuen Jahr in Hogwarts!«, ruft er. »Bevor wir mit unserem Bankett beginnen, möchte ich ein paar Worte sagen. Und hier sind sie: Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek! Danke sehr!«

Goyle bricht in hysterisches Gelächter aus (hoffentlich keine Nebenwirkung des Rattenbisses) und Dumbledore nimmt wieder Platz, während ihm die Hälfte der Halle zujubelt. Die andere Hälfte tauscht vielsagende Blicke miteinander.

»Sieht aus, als wird da langsam jemand senil«, sagt Ted.

Zabini lehnt sich vor. »Stimmt es, dass es unter Dumbledore mehr Schlamm-, äh, muggelstämmige Schüler gegeben hat, als jemals zuvor in Hogwarts?«

»So ist es«, antwortet Draco. »Mein Vater sagt, Dumbledore sei der unfähigste Schulleiter, den Hogwarts je gesehen hat. Er ist übrigens der Vorsitzende des Schulrates, mein Vater.«

»Dann weißt du sicher auch, wer unser Hauslehrer ist.«

Draco nickt und zeigt auf den Mann mit den strähnigen, schwarzen Haaren und der blassesten Gesichtsfarbe, die je eine lebende Person gehabt hat. »Professor Snape, Zaubertranklehrer und ehemaliger Schulfreund meiner Eltern.«

»Was hat der denn da auf dem Kopf?« Parkinson deutet auf einen Lehrer mit lilafarbenem Turban und kichert.

Draco findet, sie klingt wie ein Kleinkind. Er wendet sich an Zabini und nickt in ihre Richtung. »Ihr beiden kennt euch also?«

»Pansy und ich? Schon ewig.«

»Tut mir echt leid für dich.«

Zabini unterdrückt ein Lachen, sagt jedoch nichts.

Plötzlich macht es Plopp! und überall auf den Tischen erscheint ein mehrgängiges Festmahl.

Während die anderen noch über die große Auswahl staunen, stapelt Crabbe fleißig Roastbeef und Schinken, ein halbes Brathähnchen, ein Kotelett und zwei Würstchen auf seinen Teller.

»Du hast da ein bisschen Sabber am Mundwinkel«, bemerkt Ted.

Crabbe antwortet nicht, weil er bereits kaut, doch bevor er sein Essen runterschluckt, präsentiert er es Ted mit weit geöffnetem Mund.

Trotz der angewiderten Protestrufe lässt sich niemand den Appetit verderben, und in der folgenden halben Stunde genießen sie alle das köstliche Essen.

Zwischenzeitlich erwähnt Draco mit leicht erhobener Stimme, dass seine Eltern der Schule im letzten Jahr Geld gespendet haben, um die Badezimmer im Kerker erneuern zu lassen. Die Mädchen sind damit beschäftigt, sich von Pansy Parkinson aufklären zu lassen, dass sie in Sachen Mode bisher auf dem Mond gelebt haben, aber zum Glück hätten sie ja jetzt sie. Tracey Davis wirkt eher unbeeindruckt, doch Greengrass und Bulstrode sind ganz begeistert. Über den Ein-Wort-Witz von Ted (›Hufflepuff‹) müssen alle außer Crabbe lachen, und Zabini und Goyle unterhalten sich über die aktuelle Quidditch-Saison (eins der wenigen Themen, zu denen Goyle etwas beitragen kann), bis es zu einer unangenehmen Unterbrechung kommt: Der Hausgeist von Slytherin gesellt sich zu ihnen. Er hat einen leeren, starrenden Blick, sein Gesicht ist ausgemergelt und sein Umhang ist mit silbrigen Blutflecken übersät, weshalb er auch als Blutiger Baron bekannt ist.

Goyle springt vor Schreck fast auf Crabbes Schoß, der nun noch hektischer kaut, als würde der Geist ihm den Teller klauen wollen. Erst, als Davis den Baron fragt, ob das ganze Blut auf seinem Umhang von ihm selbst stammt, verschwindet er so wortlos wieder, wie er gekommen ist.

Kurze Zeit später steht Dumbledore wieder auf und räuspert sich. »Ähm - jetzt, da wir alle gefüttert und getränkt sind, nur noch ein paar Worte. Ich habe ein paar Mitteilungen zum Schuljahresbeginn. Die Erstklässler sollten beachten, dass der Wald auf unseren Ländereien für alle Schüler verboten ist. Und einigen von den älteren Schülern möchte ich nahelegen, sich daran zu erinnern. Außerdem hat mich Mr Filch, der Hausmeister, gebeten, euch daran zu erinnern, dass in den Pausen auf den Gängen nicht gezaubert werden darf. Die Quidditch-Auswahl findet in der zweiten Woche des Schuljahres statt. Alle, die gerne in den Hausmannschaften spielen wollen, mögen sich an Madam Hooch wenden.«

Draco will sogar sehr gerne in seiner Hausmannschaft spielen, aber leider gilt in Hogwarts die schwachsinnige Regel, dass Erstklässler nicht zugelassen sind. Zigmal hat er seinen Vater angebettelt, eine Ausnahmegenehmigung für ihn zu schreiben (für irgendwas muss der Posten im Schulrat ja gut sein), aber es hat nichts genützt. Deshalb verstaubt sein armer Besen, ein Komet Zwei-Sechzig, nun bis zu den Weihnachtsferien in seinem Zimmer.

»Und schließlich muss ich euch mitteilen, dass in diesem Jahr das Betreten des Korridors im dritten Stock, der in den rechten Flügel führt, allen verboten ist, die nicht einen sehr schmerzhaften Tod sterben wollen.«

Hier und da hört man Gelächter, wenn auch teilweise verhalten. Doch die wenigsten scheinen ernsthaft besorgt zu sein, auch nicht John Bletchley, der sich grinsend zum Tisch der Ravenclaws umdreht und mit einem Mitschüler flüstert.

Es handelt sich offensichtlich um einen seltsamen Scherz. Wenn irgendwo in der Schule eine Todesfalle versteckt wäre, wüsste Dracos Vater davon und hätte ihm längst alles darüber erzählt.

»Und nun, bevor wir zu Bett gehen, singen wir die Schulhymne!«, ruft Dumbledore fröhlich. Er fuchtelt mit seinem Zauberstab herum, bis ein langer, goldener Faden daraus hervorschwebt und sich zu Worten formt. »Jeder nach seiner Lieblingsmelodie - los geht's!«

»Hogwarts, Hogwarts, warzenschweiniges Hogwarts,

bring uns was Schönes bei -«

An den übrigen Tischen stimmen die meisten Schüler mit ein und versuchen, sich gegenseitig mit ihren schlechten Gesangskünsten zu übertrumpfen, wohingegen die Slytherins das Ganze eher peinlich finden (die Einzige, die stumm die Lippen bewegt, ist Daphne Greengrass).

Am Ende hören kaum zwei Schüler gleichzeitig auf zu singen, und Dumbledore klatscht am lautesten. »Aah, Musik. Ein Zauber, der alles in den Schatten stellt, was wir hier treiben.«

Musik? Wohl kaum.

»Und nun in die Betten!«

Das Stimmengewirr in der Halle wird lauter.

»Erstklässler, mitkommen!«, ruft Bletchley.