Pansy hätte nie geglaubt, dass sie einmal von einem Hut beleidigt werden würde.
Während sie John Bletchley und Amanda Turner, einer Sechstklässlerin mit Puppengesicht und glänzenden Locken, zurück in die Eingangshalle folgen, fragt sich Pansy, ob ein blendendes Aussehen wohl Voraussetzung ist, um Vertrauensschüler zu werden.
Links neben der großen Marmortreppe befindet sich eine abwärts führende, steinerne Wendeltreppe, die sie langsam hinabsteigen. Die tief heruntergebrannten Kerzen an den Wänden spenden gerade genug Licht, dass sie die Stufen nicht verfehlen. Unten angelangt ist es deutlich kühler. Ihr Weg führt sie zunächst durch einen schmalen Korridor mit zwei gegenüberliegenden Türen.
»Das Klassenzimmer für Zaubertränke«, sagt John im Vorbeigehen, »und das Büro von unserem Hauslehrer.«
Der Korridor macht mehrere Biegungen, bis sie vor einem Labyrinth-ähnlichen Tunneleingang stehen bleiben.
»Ab hier haltet ihr euch immer rechts. Nur rechts. Kommt nicht auf die Idee, die anderen Gänge zu erkunden! Ihr wärt nicht die Ersten, die sich verlaufen, und wir haben wirklich besseres zu tun, als stundenlang nach euch zu suchen, klar?«
Die Erstklässler nicken stumm und folgen den beiden weiter, bis ihr Weg schließlich in einer Sackgasse vor einer Steinmauer endet.
»Das hier«, sagt John und klopft gegen die Mauer, »ist der Eingang zu unserem Gemeinschaftsraum. Er ist mit einem Passwort geschützt, das sich in unregelmäßigen Abständen ändert. Es erscheint auf der Rückseite dieser Mauer, eingraviert im Stein. Werft also beim Rausgehen immer einen Blick drauf. Und das Wichtigste zum Schluss: Niemand außer uns hat hier etwas verloren, verstanden?«
Wieder nicken alle gehorsam.
»Gut. Achtet also immer darauf, dass euch andere Schüler nicht bis hierher folgen - ihr würdet euch wundern, wie oft das schon vorgekommen ist. Amanda?«
»Onyx!«, sagt seine hübsche Begleiterin mit glockenheller Stimme, woraufhin sich eine unsichtbare Tür in der Mauer zur Seite wegschiebt.
Sie gehen durch die Öffnung und gelangen auf eine niedrige Empore, von wo aus sie den gesamten Raum überblicken. Hier erinnert nichts an das kalte, graue Kellergewölbe, das hinter ihnen liegt. Verzierte Wandleuchten und Kerzen tauchen den Raum in ein warmes Licht, an den Wänden reihen sich Ölgemälde berühmter Magier aneinander. Links befindet sich ein offener Steinkamin mit einer großzügigen Sitzecke. Auf dem langen Tisch liegen Zeitschriften, die aktuelle Ausgabe des Tagespropheten und ein Kartenspiel. Gegenüber, in einer großen Wandnische, führen zu beiden Seiten Stufen abwärts. Kleine Sitzgruppen mit Ohrensesseln stehen überall verteilt und am Ende des Raums befindet sich ein Bereich mit Bücherregalen und Pulten.
John wartet, bis sich das aufgeregte Gemurmel gelegt hat, dann sagt er: »Stolz, Ehrgeiz, Gerissenheit, aber auch Einfallsreichtum, Traditionsbewusstsein und Brüderlichkeit. Diese Eigenschaften schätzte er an seinen Schülern.« Er deutet auf das Porträt eines spitzbärtigen Mannes. »Salazar Slytherin, Mitgründer von Hogwarts und einer der größten Zauberer seiner Zeit. Der Sprechende Hut hat in jedem Einzelnen von euch das Potenzial gesehen, Großes zu vollbringen, unterschätzt also weder euch selbst, noch die Person neben euch. Es ist wichtig, dass wir zusammenhalten, uns unterstützen und aufeinander achten, denn bei den anderen Häusern sind wir nicht unbedingt beliebt. Das liegt vor allem daran, dass sich der Hauspokal nun seit sechs Jahren und der Quidditch-Pokal seit fünf Jahren in unserer Hand befinden.«
Draco Malfoy pfeift anerkennend.
»Nicht schlecht, oder? Aber von nichts kommt nichts, ihr solltet also die eine oder andere Minute zum Lernen erübrigen. Und wenn ein Lehrer in der Nähe ist, benehmt euch, seid Vorbilder, schleimt ein bisschen. So ein Hauspokal kommt einem nicht … zugeflogen.«
Amanda schmunzelt und zückt ihren Zauberstab. »Das ist dann wohl mein Stichwort. Accio Stundenpläne!«
Aus dem hinteren Bereich des Raums kommt ein Stapel Zettel angeflattert, den sie an Pansy und die anderen verteilt.
»Ein paar Worte zum Tagesablauf: Es gibt drei Mahlzeiten, die ihr in der Großen Halle einnehmt. Der Unterricht beginnt um 9 Uhr. In der ersten Woche begleiten wir euch zu den Klassenzimmern. Das gehört zwar nicht zu unseren Aufgaben, aber Hogwarts wird euch anfangs wie ein Labyrinth vorkommen, und Verspätungen kosten uns unnötige Hauspunkte. Ausgangssperre ist von 22 bis 6 Uhr, in dieser Zeit dürft ihr den Gemeinschaftsraum nur mit Genehmigung eines Lehrers oder im Notfall verlassen - ja, bitte?«
Tracey lässt die Hand sinken. »Hier steht HauBe, was bedeutet das?«
»Hausaufgabenbetreuung. Eine Organisation, die Slytherin jedes Jahr dreißig Hauspunkte einbringt. Draußen, neben dem Gemeinschaftsraum, befindet sich eine kleine Halle, in der wir Vertrauensschüler euch bei euren praktischen Übungen helfen. Das Angebot ist freiwillig, gilt für die ersten beiden Jahre und findet zweimal pro Woche statt. Und eins noch: Unser Hauslehrer, Professor Snape, unterrichtet Zaubertränke und ist eine echte Koryphäe auf seinem Gebiet, dafür erwartet er Gehorsamkeit, Disziplin und perfekte Manieren.«
»Man könnte meinen, dass er niemanden mag«, fügt John hinzu und grinst. »Aber lasst euch nicht täuschen, tief in seinem Herzen hat er einen Platz für seine Slytherins reserviert.«
»Zu schade nur, dass du ihm das niemals ins Gesicht sagen wirst.«
»Für zehntausend Galleonen überleg ich's mir.«
»Ja, sicher. Jedenfalls könnt ihr euch bei Fragen oder Problemen egal welcher Art immer an uns wenden.« Amanda zeigt auf die Wandnische mit den Stufen. »Links geht es zu den Schlafsälen der Jungs, rechts zu denen der Mädchen. Das war's von uns. Habt süße Träume!«
Die Erstklässler verlieren keine Zeit. Am Ende der Stufen erwartet Pansy und die Mädchen ein Flur mit sieben schwarzen Türen, in denen alle Namen der jeweiligen Jahrgänge in Goldschrift eingraviert sind.
Daphne klatscht in die Hände. »Ich liebe es, wenn irgendwo mein Name drauf steht! Also, wo ist unsere Tür?«
»Hier drüben.« Pansy bleibt vor der letzten Tür auf der linken Seite stehen, auf der nicht nur ihre vier Namen, sondern auch Lady & Mabel aufgeführt sind. Es scheint also eine zweite Katze zu geben.
Sie dreht den Knauf, stößt die Tür auf - und alle schnappen nach Luft. Doch sie haben keinen Blick übrig für die reich verzierten Himmelbetten aus dunklem Teakholz oder den antiken Kleiderschrank. Und der edle Teppich kümmert sie gerade genauso wenig, wie die Ketten aus funkelndem Smaragd, die den Kronleuchter zieren. Stattdessen starren sie zur gegenüberliegenden Wand mit dem riesigen Fenster, welches eine Unterwasser-Landschaft offenbart, wie ein lebensgroßes Aquarium. Durch das Wasser schimmert der gesamte Raum in einem kühlen Grün.
»Wow«, staunt Tracey.
Pansy nutzt den Moment und wirft sich auf das Bett links am Fenster. »Meins!«
Prompt ploppen ihr Koffer und Mabels Korb auf eine Holztruhe am Fußende.
Tracey und Daphne stöhnen auf, als Millicent schnell das Bett gegenüber beschlagnahmt. Auf ihrer Truhe erscheint ein Katzenkorb, in der eine Schönheit mit langem, schwarzem Fell und weißen Pfoten sitzt. Sie passt kein bisschen zu ihrem unscheinbaren Frauchen.
»Lady ist meine beste Freundin«, erklärt Millicent.
»Und ich?«, fragt Daphne, die sich auf das Nachbarbett plumpsen lässt, beleidigt.
»Naja, sie ist bei mir, seit ich vier war, dich hab ich erst zwei Jahre später getroffen.«
Derweil versucht Mabel, ihre Artgenossin zu begrüßen, doch die erwidert ihren Nasenstupser mit einem Pfotenschlag auf den Kopf.
»Also«, sagt Pansy und klappt ihren Spiegel zu, »wann gehen wir uns diesen Korridor im dritten Stock ansehen?«
Die anderen wechseln einen Blick miteinander.
»Du meinst den, in dem etwas Tödliches lauert?«, fragt Tracey. »Wie wäre es mit gar nicht?«
»Glaubst du Dumbledore etwa? Ich meine, er erzählt uns von einem super-gefährlichen und verbotenen Ort und erwartet ernsthaft, dass sich alle von dort fernhalten? Ich wette, er will uns testen.«
Tracey verschränkt die Arme. »Ja, vielleicht testet er unseren Gehorsam und wir verlieren Punkte, wenn wir uns seiner Anweisung widersetzen.«
»Dann dürfen wir uns eben nicht erwischen lassen! Ich will jedenfalls wissen, was dahinter steckt - und wer sich nicht traut, mitzukommen, ist ein lahmer Squib.«
Plötzlich gibt Millicent einen spitzen Schrei von sich, und die Katzen huschen erschrocken unter ihr Bett. Sie zeigt zum Fenster. »WAS IST DAS?«
Dort im Wasser schwimmt ein Wesen, das halb Mensch, halb Fisch zu sein scheint und direkt zu ihnen hineinstürmt. Es hat schuppige, grüne Haut, gelbe Glubschaugen und Haare, die an Algen erinnern.
»Iiihh!«, kreischt Daphne.
»Hau ab, du hässliches Ding!«, ruft Pansy und schleudert ein Kissen gegen die Scheibe.
Nur Tracey nähert sich dem Fenster und winkt dem Wesen sogar zu. »Das ist ein Selkie!«, erklärt sie aufgeregt. »Ich hab noch nie einen aus der Nähe gesehen. Meine Großeltern leben an einem See, da kommen sie manchmal ganz kurz an die Oberfläche.«
»Es sieht gruselig aus«, jammert Daphne. »Sag ihm, es soll weggehen!«
Doch in der Sekunde macht das Fischmonster eine blitzschnelle Drehung und verschwindet im Dickicht der Wasserpflanzen.
»Schade, dass es keine Nixen sind«, sagt Pansy, »die sehen wenigstens hübsch aus.«
Eine ganze Weile, nachdem die Mädchen ihr Badezimmer ausgekundschaftet haben, das über zwei Duschen, Toilettenkabinen und Waschtische verfügt, sowie ihre Klamotten im Kleiderschrank verstaut haben, der mit einem Ausdehnungszauber belegt ist, ist es ruhig geworden im Schlafsaal.
Pansy kuschelt sich neben Mabel in die seidenen Kissen und beobachtet, wie ein Schwarm kleiner Fische am Fenster vorbeischwimmt. Dabei kommt ihr wieder die eindringliche Stimme in den Kopf: ›Diszipliniert, sturköpfig und clever, aber nicht unbedingt brillant.‹ - Pansy hätte nie geglaubt, dass sie einmal von einem Hut beleidigt werden würde.
Sie zieht ihre Schlafmaske an und fragt sich noch, was wohl hinter dieser Korridor-Geschichte steckt, als ihr Gedanke auch schon von einem traumlosen Schlaf abgelöst wird.
~.~.~
»Passt immer auf, wo ihr hintretet«, sagt Amanda auf dem Weg zu ihrer allerersten Unterrichtsstunde, Geschichte der Zauberei bei Professor Binns. »Die Treppen können plötzlich ihre Richtung ändern oder einzelne Stufen verschwinden lassen. Es gibt sogar eine, die nur von 4 bis 10 Uhr da ist. Das Schloss ist ständig in Bewegung; die Ritterrüstungen, die Leute in den Gemälden, selbst die Wände versuchen einen auszutricksen. Die Gründer hatten definitiv einen seltsamen Sinn für Humor.«
Plötzlich ertönt über ihren Köpfen ein schrilles Kichern. »Uiii, spazieren die lieben Kleinen zum Unterricht?«
Amanda verdreht die Augen. »Verzieh dich, Peeves!«
Ein kleiner Mann mit knallbuntem Anzug und heimtückischem Grinsen schwebt in der Luft und macht sich daran, den Rucksack eines Gryffindor-Schülers über dessen Kopf auszukippen.
»Ist das etwa Hogwarts' berühmter Poltergeist?«, fragt Draco Malfoy.
»Leider ja. Aber keine Sorge, wenn er euch auf die Nerven geht, erwähnt einfach den Blutigen Baron, dann zischt er ab. Oh, und wo wir gerade bei nervigen Gestalten sind - kommt bloß dem Hausmeister nicht in die Quere! Filch ist ein cholerischer Spinner, der Schülern dauernd Verstöße unterstellt und ihnen mit Folter oder Rausschmiss droht. Kein Mensch versteht, wie Dumbledore so jemanden einstellen konnte. Und seine Katze, Mrs Norris, ist fast noch schlimmer.«
»Katzen sind doch süß!«, erwidert Pansy.
»Die nicht. Sie ist eine blöde Petze, die immer und überall unterwegs ist und irgendeine telepathische Verbindung zu Filch hat. Sie beobachtet ein vermeintliches Vergehen, und eine Sekunde später steht der alte Widerling vor euch. Versucht also einfach, beiden aus dem Weg zu gehen.«
Die Flure sind lang und gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Unterwegs treffen sie auf die verlorenen Hufflepuff-Erstklässler, die ihnen erleichtert folgen, weil sie zusammen Unterricht haben.
Als sie einige Minuten später das Klassenzimmer von Professor Binns betreten, schlägt ihnen ein muffiger Geruch entgegen. Auf beiden Seiten befinden sich lange Sitzreihen. Die Slytherins nehmen links, die Hufflepuffs rechts Platz.
Die Tische sind voll mit Kritzeleien. Gerade, als sich Pansy über den dämlichen Spruch Slytherin stinkt! J.P. aufregt, springt Gregory Goyle von der Bank auf. Der Grund dafür ist ein Geist mit Monokel und Schnauzbart, der durch die Tafel an der Wand in das Klassenzimmer schwebt.
»Wirst du dir jetzt jedes Mal ins Hemd machen, wenn du einen Geist siehst?«, fragt Malfoy gereizt.
»Ich kann nix dafür!«, verteidigt sich Goyle. »Warum müssen die sich immer so anschleichen?«
»Irgendwie clever«, schmunzelt Theodore Nott. »Wer könnte besser Geschichte unterrichten, als jemand, der selbst Geschichte ist?«
Langsam und monoton, als wäre er sehr müde, sagt der Geist: »Mein Name ist Professor Binns. In diesem Unterricht tauchen wir ein in die bunte, faszinierende Geschichte der Zauberei mit all ihren Epochen.« Er seufzt leise. »Bitte schlagen Sie Seite Drei in ihrem Buch auf.«
Einen Moment später schmollt Daphne. »Da sind ja gar keine Bilder drin.«
Binns beginnt die Stunde mit einem Vortrag über die Ursprünge der Zauberei. Das Schlimme ist allerdings nicht das langweilige Thema, sondern Binns Stimmlage, die dieselbe Wirkung hat wie ein Schlaftrank. Es dauert nicht lange, bis die ersten Schüler ihr Gähnen nicht mehr unterdrücken können und ihnen die Augenlider schwerer und schwerer werden.
Pansy beschließt, ihre Zeit sinnvoll zu nutzen und ihren Eltern einen Brief zu schreiben. Sie entrollt ein Pergament und taucht ihre Feder in das Tintenfässchen.
Hallo Dad, hallo Mum,
mir geht es gut.
Hogwarts gefällt mir, aber die Uniform mag ich überhaupt nicht: Graue Pullunder zu schwarzen Faltenröcken - laaangweilig! Wenigstens dürfen wir an den Wochenenden unsere eigenen Sachen tragen, denn ich habe viel eingepackt, und es sind ja kaum noch sechs Monate, bis alles wieder aus der Mode gekommen ist.
Wie geht es eigentlich mit deiner neuen Kollektion voran, Mum?
Blaise ist auch in meiner Klasse, aber er redet lieber mit den anderen Jungs über Quidditch.
Mabel geht es auch gut. Sie versucht immer, mit der Katze einer Mitbewohnerin zu spielen, aber die schläft lieber den halben Tag. Sie ist ein bisschen von ihr genervt, glaube ich.
P.S.: Ich bin für Slytherin ausgewählt worden!
Pansy
Binns ist so in seine Erzählung vertieft, dass er entweder nicht bemerkt, dass die Hälfte der Hufflepuffs eingenickt ist und Millicent Daphnes Haare flechtet, oder es ihn schlichtweg nicht interessiert.
»Ich weiß jetzt, wie Binns gestorben ist«, flüstert Tracey. »Er hat sich mit seinem eigenen Unterricht zu Tode gelangweilt.«
Die anderen kichern.
Am Nachmittag, nach einer Doppelstunde Kräuterkunde bei der rundlichen Professor Sprout, plaudern Pansy und Padma noch eine Weile vor den Gewächshäusern hinter dem Schloss. Im Gegensatz zu den Ravenclaws, die jeden noch so langweiligen Tatbestand von Kräutern und Pilzen aufsaugen wie ein Schwamm, könnte Pansy das Grünzeug, das sie da eben angepflanzt haben, nicht mal benennen. Sie hat sich nicht dazu herabgelassen, im Dreck zu wühlen, weshalb Millicent und Daphne das netterweise für sie erledigt hatten.
»Wie gefällt dir Ravenclaw?«
»Unser Turm ist wunderschön«, schwärmt Padma. »Von da oben können wir über das ganze Schlossgelände schauen, und wir haben sogar eine eigene Bibliothek! Du musst mich unbedingt mal besuchen kommen.«
»Ist das denn erlaubt?«, fragt Pansy und erinnert sich an Johns keine-Besucher-Regel für Slytherin.
»Klar, warum nicht? Wir könnten zusammen lernen.«
Pansy beißt sich auf die Lippen. »Ich komm drauf zurück. Was hältst du eigentlich von der Sache mit dem verbotenen Korridor?«
Padma zuckt mit den Schultern. »Ich weiß nur, dass der Eingang von irgendwelchen Vertrauensschülern bewacht wird. Wir hatten heute Unterricht bei Professor Flitwick, nur ein paar Räume weiter. Er ist übrigens unser Hauslehrer und richtig nett!«
»Glaubst du, Dumbledore hat die Wahrheit gesagt?«
»Wenn überhaupt, ist es wohl nur die halbe Wahrheit. Überleg mal, wieso sollte er dafür sorgen, dass eine Gefahr für die Schüler bewacht wird, anstatt sie auszulöschen? Da muss mehr dahinter stecken.«
Bevor Pansy darüber nachdenken kann, ruft jemand Padmas Namen. Parvati kommt den Abhang hinunter, begleitet von einem Mädchen, das sich die blonden Locken mit kitschigen Schmetterlings-Spangen aus dem Gesicht hält. Sie stolpert fast, weil sie in die Hexenwoche vertieft ist, einem Klatschmagazin.
»Wer ist denn das?«, fragt Pansy abschätzig.
Padma seufzt. »Lavender Brown. In Zauberkunst hat sie so viel von ihrem Lipgloss aufgetragen, dass ich dachte, sie will ihn essen. Aber ehrlich gesagt, passen sie und Parvati gut zusammen.«
»Ich hab dich gesucht«, sagt Parvati zu ihrer Schwester, als die beiden unten ankommen.
Es ärgert Pansy ein bisschen, dass sie sie keines Blickes würdigt. »Parvati! Wie schön, dass du doch noch hier bist, und das, obwohl du dir den Schlafsaal mit Hermine teilen musst. Und, ist es so grauenhaft, wie ich mir vorstelle?«
Parvati antwortet nicht, doch Lavender lässt die Zeitschrift sinken, in der ein Interview mit dem Rocksänger Myron Wagtail aufgeschlagen ist. Ihr Blick wandert zu Pansys grün-silbern-gestreifter Krawatte.
»Was hab ich dir gesagt, Parvati? Slytherins sind immer auf Streit aus.«
Fast klappt Pansy die Kinnlade herunter. »Entschuldigung?«
Nun schaut Parvati sie zum ersten Mal an. Fast schon vorwurfsvoll sagt sie: »Man hört eben nicht viel Gutes von Slytherin. Hätte nicht gedacht, dass du zu denen gehören könntest.«
Padma rollt mit den Augen. »Fängst du jetzt auch schon mit diesem Häuser-Nonsens an?«
»Weißt du, Parvati«, sagt Pansy und betrachtet sie mitleidig, »ich gehöre überall hin, wo Hermine, der Krötenjunge und Leute mit Geschmacksverirrungen« - sie wirft einen Blick auf Lavenders Haarspangen - »nicht sind. Du offensichtlich schon, also, viel Spaß.«
Lavender macht ein entrüstetes Geräusch, die errötete Parvati schweigt.
»Bis bald, Padma«, sagt Pansy und macht sich auf den Weg zurück zum Schloss, doch sie dreht sich noch einmal zu Lavender um. »Oh, und bei deiner Abneigung gegen mein Haus bist du selbstverständlich kein Fan der Weird Sisters, stimmt's? Da Myron doch ein ehemaliger Slytherin ist.«
Irritiert schaut Lavender auf ihre Zeitschrift hinunter. »Woher willst du wissen, in welchem Haus Myron war?«
Pansy tippt sich mit dem Finger an die Schläfe. »Hmm, mal überlegen«, sagt Pansy und tippt sich mit dem Finger an die Schläfe. »Wie war das gleich? Kenne ich ihn etwa persönlich, weil meine Mutter ihn jedes Jahr zu ihrer Weihnachtsfeier einlädt? Ja genau, daher weiß ich es.«
Lächelnd lässt sie die Gryffindor-Mädchen stehen, die sofort miteinander zu tuscheln anfangen. Soll Parvati doch mit dieser blöden Lavender glücklich werden!
Während Pansy dem Pfad hinauf folgt, sieht sie das Schloss zum ersten Mal bei Tageslicht. So, wie die tiefstehende Nachmittagssonne auf die alten Gemäuer und Türme strahlt, findet sie Hogwarts sogar noch schöner, als bei Nacht.
