»Leute!«, ruft Turner genervt. »Wenn ihr euch an die Gurgel gehen wollt, bitteschön, aber wartet das nächste Mal, bis euch jemand anderes beaufsichtigt.«


»Was hast du angestellt?«, fragt Ted am Abend, nachdem sich Draco mit etwas Verspätung an den Slytherin-Tisch gesellt hat und zufrieden vor sich hin lächelt.

»Wisst ihr, ich dachte immer, Longbottom sei der größte Idiot, der in Hogwarts rumläuft, aber ich lag wohl falsch.« Er beugt sich vor und senkt die Stimme: »Ich habe Potter soeben zu einem Zaubererduell herausgefordert.«

»Ach!«, meint Zabini spöttisch. »Wollt ihr euch gegenseitig ein Lumos ins Gesicht schleudern?«

»Ich war noch nicht fertig, also hör zu!«, sagt Draco scharf. »Ich hab ihm gesagt, wir treffen uns im Pokalzimmer - um Mitternacht.«

Grinsend lässt Ted seine Gabel sinken. »Und?«

»Er ist dabei.«

»Nein!«

»Doch. Zusammen mit Weasley, natürlich.«

»Dann sind die beiden wirklich so blöd, wie sie aussehen«, sagt Zabini.

»Mgrampf«, gibt Crabbe kauend von sich, nur Goyle wirkt beunruhigt. »Ähm, aber Draco, du darfst nach 22 Uhr nicht mehr rausgehen, wegen der Sperrstunde.«

»Das hab ich ja auch nicht vor, Gregory.«

»Aber du hast doch gesagt -«

»Ich weiß, es fällt dir schwer, aber denk mal nach. Wenn ich wirklich gehen würde, hätte ich drei Probleme. Erstens: Filch. Zweitens: Peeves. Drittens: Punktabzug für Slytherin. Da ich aber nicht gehe, passiert was?«

Goyle guckt, als müsse er eine hochkomplizierte Formel lösen.

»Erstens: Ich rede mit Filch. Zweitens: Filch erwischt Potter. Drittens: Punktabzug für Gryffindor und im besten Fall ein Schulverweis, weil sich Potter schon wieder nicht an die Regeln gehalten hat. Kommst du noch mit?«

Es dauert ein paar Sekunden, doch dann fängt Goyle an, zu kichern. »He he, das ist eben ein richtiger Gryffindoof! Warte - wir sollten diese Penny auch ins Pokalzimmer locken!«

Draco runzelt die Stirn. »Wen?«

»Penny Parkinson.«

»Ihr Name ist Pansy, und warum sollte sie dorthin gehen?«

»Keine Ahnung.«

»Soll ich sie Dienstagabend vom Astronomieturm runterschubsen?«

»Nein, Crabbe.«

Zabini schaut zum Ende des Tisches, wo die Hühnerschar in ihren Salaten herumstochert. »Warum hasst ihr euch überhaupt?«

»Weil sie eine selbstverliebte, blöde Ziege ist! Wie kann man sie nicht hassen?«

»Sie ist eigentlich ganz okay.«

»Und sie kommt aus einer alten Familie«, bemerkt Ted.

»Bitte«, sagt Draco. »Das tun die meisten an diesem Tisch, trotzdem geht sie mir extrem auf die Nerven.«

»Ich weiß, wie das ist«, sagt Crabbe mit Blick zu Ted. »Vielleicht fällt ja irgendwann doch jemand vom Turm runter. Ganz aus Versehen.«

Ted lächelt. »Oder jemand bemerkt den Giftpilz nicht, der unter sein Essen gemischt wurde, weil er immer alles sofort inhaliert.«

»Das wäre wirklich schlimm«, murmelt Goyle betrübt.

Später, als das Abendessen vorbei und die Eingangshalle fast leer ist, klopft Draco an eine Tür, um die die meisten Schüler einen großen Bogen machen: das Büro von Argus Filch.

Von innen sind schlurfende Schritte zu hören. Kurz darauf wird die Tür geöffnet und der Hausmeister schiebt seinen hässlichen Kopf durch den Spalt. »Was willst du?«, blafft er.

»Ich komme meiner Pflicht nach und melde einen Regelverstoß«, sagt Draco mit abschätzigem Blick; es ist kein Geheimnis, dass Filch ein nutzloser Squib ist. »Es sei denn, Sie sind der falsche Ansprechpartner für sowas.«

Filch funkelt ihn argwöhnisch an. »Schön, aber mach's kurz, bin beschäftigt.«

Als Draco den fensterlosen Raum betritt, schlägt ihm ein undefinierbarer, fieser Geruch entgegen. Seine Augen brauchen eine Weile, um sich an die düstere Umgebung zu gewöhnen, deren einzige Lichtquelle eine Ölfunzel ist, die von der niedrigen Decke baumelt. An der Wand stehen Aktenschränke, die mit irgendwelchen Namen beschriftet sind. Anscheinend wurde für jeden Verstoß, der jemals in Hogwarts begangen wurde, eine Akte angelegt. Weasley, Fred und Weasley, George haben es sogar zu einer eigenen Schublade gebracht.

Filch setzt sich an seinen Schreibtisch. Daneben steht ein mottenzerfressener Sessel, auf dessen Armlehne Filchs dürre, graue Katze sitzt und Draco bedrohlich anstarrt.

»Also, spuck's schon aus!«

Mit Mühe wendet Draco den Blick von der Wand hinter dem Schreibtisch ab, an der eine beachtliche Sammlung von Ketten und Fußschellen hängt. »Ich habe vorhin eine Unterhaltung von zwei Schülern mit angehört, die ein Zaubererduell veranstalten wollen. Im Pokalzimmer, um Mitternacht.«

Mit einem Mal wirkt Filch interessiert. »Ist das wahr?«

»Ja. Ich weiß nicht, wie Sie das sehen, aber ich finde das sehr verantwortungslos - jemand könnte die Trophäen beschädigen.«

Filchs Miene verzieht sich zu einem Grinsen voll gelber Zähne. Mit knochigem Finger zeigt er auf die Schublade der Weasleys. »Wette, es sind wieder die Zwillinge, he?«

»Nein, aber ihr jüngerer Bruder. Sein Name ist Ronald«, erklärt Draco und schüttelt missbilligend den Kopf. »Regeln zu ignorieren scheint wohl in der Familie zu liegen. Und sein Freund hat ihn auch noch angestachelt, sagte sowas wie ›Die erwischen uns niemals!‹.«

»So so, hat er das?« Filch schielt zu den Folterinstrumenten an der Wand. »Na, das wird diesem Bürschchen noch leidtun! Name?«

»Oh, Sie haben bestimmt von ihm gehört. Es ist Harry Potter.«

~.~.~

Doch leider muss Draco am nächsten Tag feststellen, dass das Narbengesicht und seine rothaarige Klette in aller Seelenruhe ihre Frühstücksflocken verputzen. Entweder, den beiden war doch noch ein Licht aufgegangen und sie verwarfen ihr Vorhaben, ins Pokalzimmer zu gehen, oder aber Filch war schlicht zu doof gewesen, sie zu erwischen.

Draco ärgert sich sehr. Und ahnt noch nichts von den unerfreulichen Ereignissen, die sich eine Woche später zutragen werden.

~.~.~

»Ihr sollt WAS?«, fragt Amanda Turner während der Hausaufgabenbetreuung.

»Gute Verstecke suchen«, wiederholt Parkinson.

Tracey Davis schmunzelt. »Immerhin mal was Neues, nachdem die ganze letzte Woche »Weglaufen üben« auf dem Programm stand.«

»Das war anstrengend«, murrt Crabbe.

»Wow. Ich hatte ja keine Ahnung, dass es so schlimm ist.«

Daphne Greengrass kichert. »Wirklich schlimm ist nur der Knoblauchgestank, seine Hausaufgaben sind doch eigentlich ganz lustig.«

»Das kann ich mir vorstellen, bei solchen albernen Kinderspielchen«, sagt Turner. »Aber euch scheint nicht klar zu sein, dass eure Lebenserwartung steigt, wenn ihr euch gegen gefährliche Wesen und Schwarzmagier verteidigen könnt - und zwar, indem ihr euer Gehirn und euren Zauberstab benutzt! Normalerweise sollte euch Quirrell genau das beibringen ... ich frage mich wirklich, wie seine Jahresabschlussprüfung aussehen soll.«

»Wer hat dich denn im ersten Jahr unterrichtet?«, fragt Ted.

»Ein sehr kompetenter Lehrer namens Denbrough, der nach dem Schuljahr leider kündigte. Seine allererste Lektion lautete: Angriff ist die beste Verteidigung. Es war unser aller Lieblingsfach, weil wir von Beginn an Kampfzauber lernten, wie in einem richtigen Duell.« Sie lächelt verschmitzt. »John hat nie überwunden, dass ich ihn als Einzige immer geschlagen habe.«

Die Erstklässler wechseln einen Blick, dann fragt Draco: »Kannst du uns diese Kampfzauber beibringen?«

Ihr Lächeln verschwindet. »Oh nein, vergesst es.«

»Och bitte!«

»Das wär total cool!«

»Was hätten wir sonst schon für eine Lebenserwartung?«

Sie verschränkt die Arme. »Ich bin nicht hier, um den Ersatzlehrer zu spielen.«

»Aber um uns zu helfen!«

»Und Snape würde auf jeden Fall von deinem Engagement erfahren!«

»Bestimmt vergibt er dafür gerne ein paar Extra-Punkte!«

Die Vertrauensschülerin schaut in neun euphorische Gesichter. Schließlich verdreht sie die Augen. »Ach, was soll's, von mir aus. Holt eure Zauberstäbe raus.«

»JAAA!«

»Damit das klar ist - ihr habt noch dreißig Minuten, also konzentriert euch besser. Ich würde sagen, wir starten mit einem der gängigsten Entwaffnungszauber: Expelliarmus. Dazu bewegt ihr euer Handgelenk erst zur Seite weg, dann spiralförmig. Alles klar? Wer macht den Anfang?«

»Ich«, verkündet Draco und steht auf. Mit etwas Abstand stellt er sich vor Turner hin und zielt mit seinem Zauberstab auf ihren. Die Bewegung sah nicht besonders schwierig aus. Er konzentriert sich darauf, sie sauber auszuführen und ruft: »Expelliarmus!«

Zuerst ruckelt ihr Stab nur ein bisschen, doch dann fliegt er in die Luft und landet hinter ihr auf dem Boden.

»Nicht schlecht, aber ausbaufähig«, meint sie und wendet sich an den Rest der Klasse. »Der Nächste, bitte.«

Tatsächlich zählt Dracos Versuch zu den Besten; Zabini vermasselt die letzte Drehbewegung, Bulstrode ist in allem viel zu langsam und Goyle versucht sein Glück mit ›Expallimus‹. Die Einzigen, die es sonst noch schaffen, sie zu entwaffnen, sind Ted und Tracey Davis.

Zum Schluss ist Parkinson an der Reihe. Sie geht in Position und fokussiert den Zauberstab der Vertrauensschülerin.

»Tu dir nicht weh«, witzelt Draco, aber sie ignoriert ihn.

Er versucht es weiter. »Schon gehört, Zwerg? Das Ministerium hat komplett verrückt gespielt, sie dachten, du seist ein unregistrierter Animagus, weil du so hässlich bist.«

Während die Mädchen entrüstet reagieren, stimmen Crabbe und Goyle in sein Kichern mit ein.

Parkinson dreht sich jetzt doch zu ihm um. Sie lässt den Zauberstab sinken und verstaut ihn seelenruhig in ihrem Umhang.

»Oh, bist du jetzt traurig?«, fragt Draco.

Doch noch ehe er aufhören kann, zu grinsen, rauscht sie ohne Vorwarnung auf ihn zu - und verpasst ihm einen kräftigen Schubs.

Was zum -

Erschrocken taumelt er ein paar Schritte rückwärts, verliert das Gleichgewicht und plumpst auf seinen Hintern.

Im ersten Augenblick reagiert niemand, bis Zabinis schallendes Gelächter die Stille durchdringt und die Hühner anfangen, wild durcheinander zu gackern.

»Leute!«, ruft Turner genervt. »Wenn ihr euch an die Gurgel gehen wollt, bitteschön, aber wartet das nächste Mal, bis euch jemand anderes beaufsichtigt.« Sie schaut zu Draco hinunter, der immer noch da sitzt wie festgetackert. »Los, hoch mit dir!«

Ohne den Giftzwerg aus den Augen zu lassen, richtet er sich auf. Dann verzieht er plötzlich das Gesicht, als hätte er Schmerzen. »Aaah … ich glaube, mein Bein ist verletzt!«

»Mach dich nicht lächerlich«, sagt Turner.

»Aber sie hat mich angegriffen

»Das stimmt!«, bestätigt Goyle brav. »Ich hab es genau gesehen!«

»Du hast angefangen!«, keift Parkinson.

Die Vertrauensschülerin hebt die Hand, zum Zeichen, dass sie schweigen sollen. »Das war's, wir sind hier fertig.«

»Aber -«

»Kein Aber! Geht lieber noch eine Runde Verstecken spielen.«

Sie hält ihnen die Tür auf. »Sich beleidigen und herumschubsen ist übrigens in Gryffindor ziemlich angesagt. Vielleicht sind da ja noch ein paar Plätze frei.«

Beim Rausgehen ist Draco ganz kurz davor, Zabini zu erwürgen, um seine dämliche Lache nicht mehr hören zu müssen. Er ist wütend, und die Tatsache, dass er Parkinson nicht zurückschubsen kann, weil man Mädchen nunmal nicht weh tut, macht ihn nur noch wütender.

An diesem Tag ist er absolut davon überzeugt, dass er in seinem Leben niemals jemanden mehr hassen wird, als Pansy Parkinson.

Er irrt sich. Und zwar gewaltig.

~.~.~

Am nächsten Morgen ist Dracos Laune immer noch auf dem Nullpunkt. Er versucht, sich auf sein Essen zu konzentrieren, aber in seinem Kopf spielen sich zum hundertsten Mal die Sekunden ab, in denen diese elende Mistkröte es gewagt hat, ihn zu Boden zu schubsen. Immerhin drängelt sich ab und an die Vorstellung dazwischen, ihr sämtliche Flüche auf den Hals zu jagen.

Keiner der Jungs hat Draco bisher auf den Vorfall angesprochen, weshalb die Frühstücksrunde ungewohnt schweigsam verläuft. Dafür entgehen ihnen die sechs großen Schleiereulen nicht, die ein langes ... besenförmiges Paket durch die Große Halle tragen und es mit einem ordentlichen Krach auf den Gryffindor-Tisch fallen lassen - direkt vor Harry Potters Nase.

Zabini zieht eine Augenbraue hoch. »Was ist da drin?«

»Das werden wir gleich sehen«, murmelt Draco, steht auf und packt Crabbe und Goyle an ihren Umhängen. »Los, kommt! Crabbe, lass den Teller stehen.«

Murrend folgen sie ihm aus der Halle (ausgerüstet mit Sandwiches, um nicht spontan zu verhungern) und warten neben der Flügeltüre.

Sobald Potter mit seinem Paket aus der Halle spaziert, reißt Draco es ihm aus den Händen. Das Gewicht, die Länge, der Geruch von nagelneuem Mahagoni - es gibt keinen Zweifel.

»Das ist ein Besen«, sagt er, und sein anfänglicher Neid weicht Schadenfreude. Er wirft ihn Potter entgegen. »Diesmal bist du dran, Potter. Erstklässler dürfen keinen haben.«

»Es ist nicht irgendein blöder Besen«, mischt sich Weasley ein. »Es ist ein Nimbus Zweitausend.«

Verdammter Mist.

»Was sagtest du, was für einen du daheim hast, einen Komet Zwei-Sechzig? Ein Komet sieht ganz protzig aus, aber der Nimbus spielt in einer ganz anderen Liga.«

Draco atmet scharf ein. »Was weißt du denn schon darüber, Weasley, du könntest dir nicht mal den halben Stiel leisten. Ich nehme an, du und deine Brüder müsst euch jeden Reisigzweig einzeln zusammensparen.«

Er hört Crabbes und Goyles Gelächter, bis plötzlich der winzige Professor Flitwick auftaucht und mit quiekender Stimme ruft: »Die Jungs streiten sich doch nicht etwa?«

»Potter hat einen Besen geschickt bekommen, Professor«, platzt es aus Draco heraus.

»Ja, das hat seine Richtigkeit«, sagt Flitwick strahlend. »Professor McGonagall hat mir die besonderen Umstände eingehend erläutert, Potter. Und welches Modell ist es?«

»Ein Nimbus Zweitausend, Sir«, antwortet Potter voller Stolz. »Und im Grunde verdanke ich ihn Malfoy hier.«

Daraufhin verlässt er mit Weasley die Eingangshalle.

Bestürzt schaut Draco seinen Lehrer an.

»Oh, ich bin leider nicht befugt, etwas über diese besonderen Umstände auszuplaudern«, flötet Flitwick und steigt die Marmortreppe hoch.

»Ein Nimbus?«, fragt Goyle ungläubig. »Die sind doch so teuer!«

»Glaubst du, die haben Potter in die Mannschaft -«

»Natürlich haben sie, Crabbe!«, ruft Draco. »Was sollte er sonst wohl streng geheimes mit einem Besen wollen?«

Er hat das Gefühl, überzuschnappen. Vielleicht träumt er ja gerade, oder es ist alles nur ein schlechter Scherz.

Überraschung, Mr Malfoy, wir haben Sie reingelegt! Selbstverständlich ist der Besen überhaupt nicht für Harry Potter, sondern für Sie. Sie sind nämlich ab sofort Juniorkapitän der Slytherin-Mannschaft, und dafür bekommen Sie gleich zwei brandneue Nimbus Zweitausend, einen zum Fliegen und einen zum Anschauen. Miss Parkinson wird die Stiele regelmäßig polieren, damit sie immer schön glänzen, und Mr Potter wird für den Rest seiner Tage bei den grausamen Muggeln leben und bitter bereuen, dass er sich für etwas Besseres gehalten hat als Sie.

Aber Draco steht immer noch in der Eingangshalle, mit leeren Händen und einem Stein im Magen. Wie kann es sein, dass Potter nicht nur jedes Mal davon kommt, wenn er die Regeln bricht, sondern dafür auch noch mit einem Luxus-Besen und einem Platz im Quidditch-Team belohnt wird?

Noch lange nach diesem Schlag ins Gesicht ist Draco sicher, dass ihm nie etwas albtraumhafteres widerfahren wird, als zuzusehen, wie Potter ihm seine Träume vor der Nase wegschnappt.

Er irrt sich schon wieder. Und zwar gewaltig.