»Dann wollen wir mal. Alohomora!«

Geräuschvoll entriegelt sich das Vorhängeschloss und fällt mitsamt der schweren Kette zu Boden.


Pansy-Schatz,

entschuldige, dass ich dir länger nicht geschrieben habe, aber du weißt ja, was im Herbst bei mir los ist. Die Schneiderinnen sind sehr fleißig, trotzdem liegt noch eine Menge Arbeit vor uns, bis die Kollektion fertig ist.

Da dein Vater mal wieder für das Ministerium unterwegs ist, muss ich mich zu Hause selbst um alles kümmern und auch die Vorbereitungen für die diesjährige Weihnachtsparty alleine treffen.

Unwillkürlich lacht Pansy auf. Ihre Mutter wird für die Party keinen Finger rühren, sondern wie jedes Jahr ihrer Hauselfe Tessy mitteilen, wo welches Blumenarrangement aufgestellt und in welchen Farben der Salon geschmückt werden soll.

Ohne Elfe wäre Gemma vermutlich nicht lebensfähig; Tessy ist ihr Terminkalender, ihre Haushälterin, Gärtnerin, Köchin und gewissermaßen sogar Pansys Kindermädchen. Ob ihre Mutter wirklich nicht zu Haushaltszaubern wie Putzen, Kochen oder Backen in der Lage ist, weiß Pansy nicht mit Sicherheit, jedenfalls hat sie sie noch nie welche ausprobieren sehen. Aber wieso sollte sie sich auch bemühen, wenn ihr Tessy sogar das Aufsetzen von Teewasser abnimmt?

Wir werden wie immer auch Blaise und seine Mutter einladen. Schreibe mir doch, wen du von deinen neuen Freunden noch dabei haben willst. Wir können auch gleich deine ganze Klasse einladen, in dem Fall brauche ich aber eine Namensliste.

P.S.: Ich kann meine Diamant-Ohrringe nirgendwo finden. Falls du sie hast, möchte ich, dass du sie wieder mitbringst, wenn du nach Hause kommst.

Mum

Pansy linst über den Rand des Pergaments. Tracey liegt auf ihrem Bett und übt den Leviosa-Zauber (sehr zur Freude von Mabel und Lady, die versuchen, die vorbeischwebende Feder zu fangen), Millicent schaut ihr zu und zerteilt dabei ihre Schokoladenkekse in kleine Stückchen, weil sie glaubt, das spart Kalorien, und Daphne widmet sich hochkonzentriert einem Buch - das sie auf ihrem Kopf balanciert.

Augenrollend taucht Pansy ihre Feder in das Tintenfässchen auf ihrem Nachttisch.

Hallo Mum,

es tut mir leid, dass du so viel um die Ohren hast. Ich hoffe, dass Dad bald nach Hause kommt und dass dich Tessy unterstützt, wo sie kann.

Sie ist überzeugt, dass ihrer Mutter diese Zeilen kein bisschen sarkastisch vorkommen werden.

Mach dir keine Mühe mit den Einladungen, die meisten meiner Mitschüler verreisen über die Weihnachtstage mit ihren Eltern.

Tun sie nicht.

Die Ohrringe habe ich aus Versehen eingepackt, ich muss sie wohl mit meinen eigenen verwechselt haben.

Hat sie nicht.

Gib Dad einen Kuss von mir, wenn er zurück ist.

P.S.: Ich brauche dringend neue Gesichtsmasken von La Mera, die kalte Luft hier macht meine Haut ganz trocken. Schick mir am besten gleich eine ganze Monatsration.

Pansy

Während sie den Brief faltet, ärgert sie sich ein wenig über sich selbst. Zwar hat es ihr große Freude bereitet, Malfoy vor den anderen umzuschubsen (sein dämlicher Gesichtsausdruck war unbezahlbar), dennoch hat sie seitdem viel Zeit vor dem beleuchteten Badezimmerspiegel verbracht, um ihr Gesicht zu studieren und bei jeder Gelegenheit eine Feuchtigkeitspflege aufzutragen.

»Weil du so hässlich bist.«

Obwohl die Mädchen immer wieder betonen, was für ein Schwachkopf Malfoy ist, fragt sich Pansy, ob seine Aussage vielleicht doch einen wahren Kern haben könnte. Im Gegensatz zu Tracey schafft sie es nämlich nicht, morgens aus dem Bett zu fallen und hübsch auszusehen, ohne das kleinste bisschen Make-up aufzulegen. Ungeschminkt ist auch Daphne nicht makellos, aber die kann wenigstens mit ihrer langen Haarpracht und der perfekten, kleinen Nase davon ablenken.

Momentan ist Millicent Pansys größter Trost; jedes Mädchen braucht eine unscheinbare Freundin, neben der sie strahlen kann. Außerdem steht Hogwarts' berühmtes Halloween-Fest vor der Tür, über dessen Ablauf wie wild spekuliert wird (das beliebteste Gerücht ist ein angeblicher Kostümwettbewerb der Lehrer), und Pansy ist zuversichtlich, dass das Fest sie auf andere Gedanken bringen wird.

~.~.~

»TROLL! IM KERKER!«, ruft Quirrell panisch, während er nach vorne zum Lehrertisch rennt. Dort angekommen sinkt er auf die Knie, keucht: »Dachte, Sie sollten es wissen«, und bricht bewusstlos vor Dumbledore zusammen.

In der Großen Halle herrscht Totenstille, bis allen dämmert, dass das gerade keine Halloween-Showeinlage war. Und dann bricht Chaos aus. Die Schüler springen von den Plätzen auf, Mädchen kreischen, Geschirr geht zu Bruch und ein hektisches, unkoordiniertes Gedränge beginnt. Wer will schon einem riesigen, grauhäutigen Monster mit Appetit auf Menschenfleisch begegnen?

Plötzlich wird der Lärm von ohrenbetäubenden Knallfröschen übertönt, die aus Dumbledores Zauberstab hervorschießen. »Vertrauensschüler«, poltert er, »führt eure Häuser sofort zurück in die Schlafsäle!«

John Bletchley steigt auf den Tisch und ruft: »Ihr bleibt alle genau da, wo ihr seid! Ihr seht ja, was gerade an der Tür los ist, und ihr wollt doch nicht zerquetscht werden, also beruhigt euch erstmal wieder. Da sich der Troll anscheinend im Kerker aufhält, können wir nicht zurück zum Gemeinschaftsraum, wir werden stattdessen in der Bibliothek warten und -«

»Hervorragende Idee, John«, ruft plötzlich jemand aus dem Getümmel. Ein Ravenclaw-Vertrauensschüler mit eckiger Brille und strahlendem Lächeln bahnt sich den Weg nach vorne. »Aber meine ist besser!«

»Sykes? Was machst du hier?«

»Ich denke für unseren lieben Schulleiter mit. Entweder war er mal wieder geistig abwesend, oder er kann euch Slytherins wirklich nicht leiden. Also, anstatt zur Bibliothek zu gehen, warum kommt ihr nicht einfach mit uns?«

»Meinst du das ernst?«, fragt John.

»Warum nicht, wir haben Platz genug. Und manche von euch hängen sowieso dauernd bei uns rum.«

John nickt. »Hast was gut bei mir, Alex. Alles klar, ihr habt's gehört, wir gehen mit den Ravenclaws. Und wer sich nicht benimmt, den schmeißen wir raus und schicken ihn mit den Lehrern auf Troll-Jagd, klar?«

Zu mehr als einem zaghaften Lächeln können sich Pansy und die anderen nicht durchringen.

In der Eingangshalle stellen sich Vertrauensschüler und Siebtklässler von Ravenclaw und Slytherin um die Schüler auf, die Zauberstäbe einsatzbereit. Ihr Weg führt sie in den westlichen Teil des fünften Stocks, von wo aus sie eine breite Wendeltreppe emporsteigen. Sie hat sehr viele Stufen. Zu viele, wenn man Vincent Crabbe fragen würde. Seinem Keuchen nach zu urteilen hat sich sein massiger Körper immer noch nicht daran gewöhnt, dass es im Schloss vor Treppen nur so wimmelt. Und trotzdem - mit jedem Meter, den sie zwischen sich und den Troll bringen, wird die Stimmung entspannter und man hört die Ersten wieder lachen.

Nach einer Weile kommen sie an eine Türe mit bronzefarbenem Klopfer, der die Gestalt eines Adlers hat. Alex Sykes greift nach dem Ring und klopft an. Daraufhin erwacht der Adler zum Leben, öffnet den Schnabel und fragt mit tiefer, sanfter Stimme: »Womit endet alles?«

Hä?

»Mit dem Buchstaben ›S‹!«, ruft der Erstklässler Terry Boot.

»Korrekt«, antwortet der Adler und die Tür öffnet sich.

Die Slytherins stöhnen auf.

»Was passiert, wenn ihr die Antwort nicht wisst?«, fragt Goyle.

»Dann haben wir es hoffentlich nicht eilig, reinzukommen.«

Mit und mit betreten sie alle den runden Gemeinschaftsraum, der bedeutend kleiner ist, als der der Slytherins und aufgrund der unerwarteten Gäste leicht überfüllt wirkt.

In dem blauen Teppichboden sind die Sternbilder des Nachthimmels abgebildet und an den Wänden reiht sich ein Bücherregal ans nächste. Einen Kamin oder gemütliche Sessel sucht Pansy hier vergebens; die einzigen Sitzmöglichkeiten scheinen die gepolsterten Fensterbänke zu sein, die dafür, selbst jetzt im Mondschein, eine fantastische Sicht auf die Ländereien von Hogwarts bieten. Hinter einem Torbogen, der von zwei Bronze-Adlern umsäumt ist, führt eine Wendeltreppe abwärts. Daneben steht die weiße Marmorstatue einer Frau, die ein Diadem trägt. Da sie so auffällig platziert ist, handelt es sich offenbar um die Gründerin Rowena Ravenclaw.

»Wie protzig, ein Porträt hat ihr wohl nicht gereicht«, lästert Pansy, als plötzlich mehrere Slytherins nach Luft schnappen. Sie folgt ihrem Blick hoch zur Decke - und staunt nicht schlecht. Die Bücherregale ragen weiter ins Innere einer ausgebauten Turmspitze, bis nach ganz oben. Sie alle sind durch hölzerne Stege mit Plattformen verbunden, auf denen sich die Polstermöbel und Tische befinden, die im Eingangsbereich fehlen. Auf die verschiedenen Ebenen gelangt man über Bibliotheksleitern, die sich, ähnlich wie manche Treppen im Schloss, von selbst auf und ab bewegen.

»Ziemlich cool, was?«, fragt Padma, die zusammen mit Lisa Turpin neben Pansy auftaucht.

»Kann schon sein.«

Daphne kichert. »Hermine würden die Augen rausfallen!«

»Das Beste ist aber die Aussicht«, sagt Lisa. Sie ist dünn und trägt einen blonden Kurzhaarschnitt, womit sie fast wie ein Junge aussieht. »In den ersten Tagen bin ich extra früh aufgestanden, um den Sonnenaufgang nicht zu verpassen.«

»Ist trotzdem kein Vergleich zu unserer Aussicht«, meint Millicent überheblich.

»Komische Sache mit dem Troll, oder?«, fragt Tracey.

Pansy winkt ab. »Ach, ich wette, das Ganze war bloß eine Verwechslung mit Lavender, die vergessen hat, sich zu schminken.«

Die Mädchen lachen.

»Aber mal im Ernst«, fährt sie fort, »das ergibt alles keinen Sinn. Als Lehrer hätte Quirrell mit einem Troll fertig werden müssen.«

Padma schüttelt den Kopf. »Ich frage mich, wie er Dumbledore überreden konnte, ihm die Stelle zu geben.«

»Vielleicht wollte sie sonst keiner haben«, überlegt Tracey. »Meine Eltern haben immer gescherzt, dass die Stelle verflucht sei. Während ihrer gesamten Schulzeit hat es kein Verteidigungslehrer länger als ein Jahr ausgehalten.«

»Wir glauben jedenfalls, dass der Troll schon die ganze Zeit im Schloss war«, sagt Lisa. »Er hätte niemals einfach so durch das Eingangstor spazieren können, das ist nämlich mit einem Schutzzauber gegen unbefugtes Eindringen belegt.«

»Du machst wohl Witze«, sagt Millicent. »Ich meine, wo hätte sich so ein Ungetüm schon aufhalten können, ohne von jemandem bemerkt zu werden?«

»Na, im dritten Stock natürlich.«

»Du meinst … im verbotenen Korridor?«, zischt Daphne.

Padma nickt. »Exakt. Und weil heute Abend alle beim Festessen waren, inklusive der Vertrauensschüler, die dort normalerweise Wache halten, konnte der Troll entkommen.«

»Aber dann muss in diesem Korridor etwas wirklich Besonderes und Wertvolles versteckt sein, sonst hätte Dumbledore die Schüler wohl kaum einem solchen Risiko ausgesetzt«, murmelt Tracey.

»Wenn es denn überhaupt stimmt«, wirft Pansy ein. »Aber angenommen, ihr habt Recht - was glaubt ihr, passiert jetzt? Fangen sie den Troll ein und bringen ihn wieder zurück?«

Lisa zuckt mit den Schultern. »Das werden wir wohl im Laufe des Abends erfahren.«

~.~.~

Und das taten sie; nach einer Weile erschien Professor Flitwick und gab bekannt, dass der Troll auf der Mädchentoilette im ersten Stock überwältigt worden sei. Tagelang redeten alle von dem Vorfall (es ging sogar kurz das lächerliche Gerücht um, Harry Potter habe den Troll in die Luft gesprengt), doch mittlerweile ist die Quidditch-Saison, die begonnen hat, das beliebteste Thema.

Wer bislang mit Scheuklappen durch Hogwarts gelaufen ist, der kann sich spätestens jetzt nicht mehr der Häuser-Rivalität entziehen, die ausgeprägter ist denn je. Und wer sich, wie Pansy, rein gar nicht für Quidditch interessiert, gehört einer echten (weiblichen) Minderheit an.

In Slytherin rühmt man sich damit, dass in der eigenen Familie schon seit Generationen Quidditch gespielt wird und man naturgemäß nicht nur jede Menge Ahnung von der Materie hat, sondern auch eine Meinung zu sämtlichen Spielern, Teams und Meisterschaften. Dadurch kommt es immer wieder zu hitzigen Diskussionen im Gemeinschaftsraum. Die Gryffindors wollen ungefragt jeden an ihrer Leidenschaft teilhaben lassen und brüllen fröhlich irgendwelche Parolen und Beleidigungen durch die Gegend zu brüllen. Aber auch die Ravenclaws hört man von nichts anderem mehr reden. Sie scheinen beweisen zu wollen, dass sie mehr als nur Bücherwürmer sind und auch sportlich was drauf haben, und selbst die Hufflepuffs, die zum Großteil keinen Schimmer von Quidditch haben, stehen unbeirrt hinter ihrer vergleichsweise schlechten Mannschaft. Kurz: Die ganze Schule ist aus dem Häuschen, und es gibt kein Entkommen.

Heute, an einem besonders kalten Novembertag, wird das erste Spiel stattfinden, Slytherin gegen Gryffindor. Alle pilgern zum Quidditch-Feld und nehmen ihre Plätze auf den Tribünen ein. Alle, bis auf vier Schülerinnen.

Nachdem der Troll besiegt wurde, mutmaßten Padma und Lisa, dass der Korridor - und der mysteriöse Gegenstand darin - jetzt nur noch von den Vertrauensschülern bewacht wird. Zumindest solange, bis ein Ereignis stattfindet, das sämtliche Schlossbewohner nach draußen lockt ...

Tracey wollte aber tatsächlich das Spiel sehen, und auch Millicent verzichtete freiwillig auf ein Abenteuer, weil sie Lisa nicht leiden kann. Also beschlossen Pansy und Daphne, sich kurz nach Spielbeginn mit Padma und Lisa am Treppenaufgang im dritten Stock zu treffen. Dort angekommen warten die Ravenclaws bereits vor dem Porträt eines Mannes, der ihnen mit einem Scotch-Glas in der Hand zuprostet.

»Da seid ihr ja«, sagt Padma. »Bei Quidditch weiß man nie, das Spiel könnte Stunden, oder auch nur zehn Minuten dauern. Lasst uns also keine Zeit verlieren!«

Und so machen sich die vier auf den Weg, ein Geheimnis zu lüften. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, durch die stillen, verlassenen Flure zu wandern. Noch nie kam ihnen das Schloss so riesig vor.

»Ich hoffe ehrlich gesagt auf einen Sieg für Gryffindor«, sagt Pansy, während ihre Schritte von den Wänden widerhallen.

»Malfoy hat immer noch nicht verkraftet, dass sie Potter ins Team aufgenommen haben. Wahrscheinlich wäre er so sauer, dass er sich mit bloßen Händen die Haut vom Gesicht zieht.«

Daphne seufzt. »Die Jungs regen sich schon seit Wochen darüber auf, ich kann es nicht mehr hören!«

»Aber im Grunde haben sie Recht«, meint Padma. »Normalsterbliche Erstklässler dürfen nicht spielen, warum machen sie bei Harry eine Ausnahme?«

Lisa zuckt die Schultern. »Weil der eben nicht normalsterblich ist. Ich sag nur Voldemort.«

Die anderen bleiben mit offenen Mündern stehen.

»Du hast seinen Namen gesagt!«, zischt Padma.

»Ups, entschuldigt bitte, ich bin da nicht an die Etikette gewöhnt. War nie ein großes Thema bei uns zu Hause, mein Vater ist ja ein Muggel. Und übrigens glaube ich, dass das »V-Wort« nur ein Künstlername war.«

»Achso«, murmelt Daphne. »Ich dachte immer, das sei sein Nachname. Eben Lord ihr-wisst-schon

»Egal«, meint Pansy unwirsch, »jedenfalls soll man ihn nicht aussprechen, das gehört sich einfach nicht.«

Kurz darauf passieren sie das Klassenzimmer für Zauberkunst und biegen in den schmalen, düsteren Durchgang ein, vor dem normalerweise mindestens ein Vertrauensschüler patrouilliert. Sie verlangsamen ihre Schritte, bis sie am Ende des Durchgangs vor einer Tür mit großem, eisernen Vorhängeschloss stehen.

»Da wären wir also.«

»Du sagst es.«

»Hmm … und jetzt?«

»Naja, wir sollten sie öffnen … oder?«

»Wartet, vielleicht hören wir was«, sagt Lisa, lehnt sich mit einem Ohr gegen die Tür und lauscht angestrengt.

Pansy verdreht die Augen. »Da ist niemand drin!«

»Das wissen wir nicht zu hundert Prozent. Vielleicht war der Troll ja doch nur ohnmächtig und sie haben ihn wieder hergebracht.«

»Du meinst, wie eine Art Aufwachraum für entlaufene Monster?«

»Pssst!«

»Hörst du was?«, flüstert Padma.

»Ich glaube nicht.«

»Na bitte«, sagt Pansy zufrieden, zückt ihren Zauberstab und krempelt die Ärmel hoch. »Dann wollen wir mal. Alohomora!«

Geräuschvoll entriegelt sich das Vorhängeschloss und fällt mitsamt der schweren Kette zu Boden.

»Prima«, bemerkt Lisa sarkastisch, »das hat man garantiert bis zum Quidditch-Feld gehört.«

Pansy dreht sich zu Daphne und Padma um. »Ihr habt noch nichts gemacht, also muss eine von euch reingehen.«

»Ich trau mich aber nicht!«, wimmert Daphne und schaut Padma mit großen Augen an.

»Meinetwegen«, seufzt sie und legt die Hand um den Türknauf. »Aber ich bleibe erstmal hier stehen - nur für den Fall.«

Vorsichtig dreht sie den Knauf, zieht an der Tür und steckt ihren Kopf durch den Spalt.

»Und?«, haucht Daphne gebannt.

»Es ist zu dunkel, ich kann nichts sehen. Einen Augenblick … Lumos!«

Ein paar Sekunden lang passiert nichts, bis Padma ruckartig zurückweicht, die Tür zuschlägt und sich die zitternde Hand vor den Mund hält.

Niemand atmet.

Mit matter Stimme fragt sie: »Seid ihr zufällig Hundemenschen?«

»Oh ja, ich habe mir schon immer einen Hund gewünscht«, sagt Daphne und schmollt. »Oder wenigstens einen großen Bruder. Und was hab ich gekriegt? Eine kleine Schwester! Als könnte man die für irgendwas gebrauchen.«

»Jetzt sag schon!«, platzt es aus Lisa raus. »Was ist da drin?«

Padma gibt ein klägliches Räuspern von sich. »Ein Zerberus.«

Pansy und Daphne schnappen nach Luft.

»Was ist ein Zerberus?«, fragt Lisa irritiert.

»Ein gigantischer Monsterhund mit drei Köpfen.«

Wie auf Kommando ertönt hinter der Tür plötzlich ein dumpfes, bedrohliches Knurren, das direkt aus den Tiefen der Hölle zu kommen scheint. Daphne ist drauf und dran, Pansys Hand zu zerquetschen.

»Okay, wir haben zwei Möglichkeiten«, sagt Padma.

Energisch schüttelt Pansy den Kopf. »Falsch! Wir haben genau eine: von hier abhauen!«

»Lass uns doch mal kurz nachdenken! Also, ein Zerberus hat zwei Schwächen, nämlich Musik und Honigkuchen.«

»OH!«, ruft Pansy. »Tja, ich muss dir leider sagen, dass ich ausgerechnet heute meinen Honigkuchen und meine Harfe im Schlafsaal vergessen habe!«

»Ich versuche doch nur, eine Lösung zu finden.«

»Viel Glück damit, Ravenclaw.« Pansy zieht Daphne mit sich. »Komm Daphne, du willst doch deinen hübschen Kopf noch eine Weile behalten.«

Zügig entfernen sich die beiden, wobei Daphne immer wieder sorgenvoll zurückblickt. »Was ist, wenn sie aufgefressen werden?«

»Dann sind sie selbst Schuld«, sagt Pansy in leicht hysterischem Ton. »Wie kann Padma ernsthaft -«

»Lay a whisper on my pillow!«

Sie bleiben stehen.

»Was war das?«

»Leave the winter on the ground!«

»Klingt wie Lisa.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, laufen sie zurück und spähen um die Ecke des verbotenen Korridors.

»Bei Merlin«, entfährt es Pansy, doch dies gilt nicht dem gigantischen, zähnefletschenden Höllenhund, der sich in seiner Kammer hinter der geöffneten Tür aufgerichtet hat, sondern Lisa.

Während Padma die Tür umklammert, bereit sie jederzeit zuzustoßen, schmettert ihre Freundin dem sechsäugigen Ungeheuer todesmutig ein Lied entgegen, das Pansy noch nie gehört hat.

»Sie versucht, ihn in den Schlaf zu singen«, flüstert Daphne mit einer Mischung aus Bewunderung und Angst.

»It must have been love, but it's over now! It must have been good, but I lost it somehow!«

Dem mittleren der drei Hundeköpfe tropft ein langer Speichelfaden aus dem Mund.

Skeptisch beobachtet Pansy das bizarre Schauspiel. »Ich bin nicht sicher, ob sie mit ihrem albernen Muggel-Lied Erfolg hat.«

»Aber ihre Stimme! Sie kann singen, kommt es nicht darauf an?«

»Wollen wir es hoffen.«

»From the moment we touched, till the time had run out!«

Im nächsten Moment sieht es so aus, als ob der Zerberus zum Angriff übergeht, doch anstatt vorzupreschen, gibt er plötzlich ein freudiges Fiepen von sich und legt sich auf den Boden.

Pansy zieht Daphne die Hände vom Gesicht weg. »Guck!«

»And it's a hard winter's day, I dream away!«

Drei Augenpaare blinzeln Lisa verträumt an, bis sie den Kampf gegen die Müdigkeit verlieren. Sie hat es tatsächlich geschafft, der Zerberus ist eingeschlafen.

Langsam und immer noch leise summend betreten sie und Padma die Kammer.

»Sollen wir hinterher?«, fragt Daphne, doch da werden die beiden plötzlich an den Schultern gepackt.

Sie lassen einen Schrei los, wodurch der Zerberus aus seinem Nickerchen gerissen wird und bedrohlich knurrt. Erschrocken flüchten Lisa und Padma aus der Kammer und knallen die Tür hinter sich zu.

»Sagt mal, SPINNT IHR?«, keucht Padma wütend, doch dann stockt sie.

»Na sowas«, sagt Penelope Clearwater, eine Ravenclaw-Vertrauensschülerin, »dasselbe könnten wir euch fragen.«

Sie ist in Begleitung von Alex Sykes, der ihr beipflichtet: »Allerdings! Was sollte das werden, wollt ihr euch etwa umbringen?«

»Ähm.«

»Verzieht euch von hier.« Penelope verschränkt die Arme. »Das ist unser Spiel.«

»Spiel?«, wiederholt Pansy.

»Ja. Es deutet alles darauf hin, dass diese geheime Korridor-Sache in Wahrheit eine Art Wettbewerb für uns Vertrauensschüler ist.«

Die Mädchen wechseln verständnislose Blicke.

»Dieses Untier da drin ist nur eins von mehreren Rätseln«, erklärt Alex. »Aber wir sind sicher, dass uns ein ordentlicher Batzen an Hauspunkten erwartet, wenn wir es schaffen, sie alle zu lösen.«

Lisa guckt ungläubig. »Was ist denn dort sonst noch versteckt?«

»Verschiedenes. Eine fleischfressende Pflanze, fliegende Schlüssel, ein lebensgroßes Schachbrett …«

»Aber wieso hat Dumbledore den Korridor nicht einfach vor allen anderen geheim gehalten?«, fragt Padma. Sie klingt ein wenig enttäuscht.

»Er dachte wohl, wenn er auf die Gefahr hinweist, halten sich die Schüler bewusst von hier fern.« Alex schmunzelt. »Offensichtlich ist er selbst noch nie elf Jahre alt gewesen.«

»Und wie weit sind die Slytherins mit den Rätseln gekommen?«, fragt Pansy.

»Nicht bis zum Ende, soviel steht fest, sonst wüssten wir davon. Jedenfalls solltet ihr euch beim nächsten Mal lieber das QuidditchSpiel ansehen. Es will mir sowieso nicht in den Kopf, wie ihr das sausen lassen konntet - es ist Quidditch, Leute!«

»Apropos«, sagt Penelope mit müdem Lächeln, »die Gryffindors haben gewonnen. Harry Potter hat den Schnatz gefangen. Irgendwie.«