Gemma dreht sich zu ihr um, die grünen Augen funkelnd. »Da ist sie ja! Pansy Schätzchen, komm und sag Hallo zu den Malfoys!«
Während sie an den Trägern ihres Kleides zupft, die ebenso wie das Mieder mit beerenfarbenen Blumen bestickt sind, prüft Pansy noch einmal ihr Spiegelbild. Jetzt, da ihre Haare nach einhundert Bürstenstrichen geschmeidig glänzen, dürfte ihre Mutter nichts mehr an ihr auszusetzen haben. Sie soll schließlich perfekt aussehen, wenn sie auf der Party eins ihrer neuen Kleider vorführt.
»Mabel! AUS!«
Die kleine Katze ist auf den raschelnden Stoff ihres knöchellangen, schwarzen Tüllrocks aufmerksam geworden und versucht, darunter zu schlüpfen. Pansy nimmt sie hoch und schaut sie streng an. »Ich verstehe ja, dass dir langweilig ist, aber wenn das Kleid auch nur einen Kratzer abbekommt, bringt Mum uns beide um.«
Sie setzt Mabel auf die Satindecke von ihrem gusseisernen Bett. »Warte hier, vielleicht finde ich ein Spielzeug für dich.«
Pansy geht zu dem antiken Schmuckschrank am Fenster, von dem man in der Ferne das Riesenrad und die Turmuhr aus Muggel-London erkennen kann. Sie durchwühlt die Schubladen, bis sie einen Haarreif mit leuchtend blauen Occamy-Federn findet. Vergangenen Sommer hatte sie das Teil aus einem Impuls heraus bei Twilfitt and Tattings gekauft. Sie wirft ihn Mabel hin, die ihre Krallen in das Federbüschel schlägt und darauf herumkaut, wie auf einem erlegten Vogel.
Als sie die letzte Schublade wieder schließen will, sticht ihr die kleine Pappschachtel, die etwas nach vorne gerutscht ist, ins Auge. Sie zögert einen Moment, bevor sie sie herausholt und den Deckel abnimmt. Eine einzelne Fotografie kommt zum Vorschein. Darauf zu sehen ist eine fünfjährige Pansy in einem Kleid mit Matrosenkragen, das sie nicht ausstehen konnte, von dem ihre Mutter allerdings behauptete, es sei ›sehr apart‹. Sie sitzt auf einem Lehnstuhl, die Schultern gerade, die Hände ordentlich im Schoß gefaltet. Neben ihr, im kurzen Matrosenanzug, steht ein Junge, der ein wenig älter wirkt. Wenn man genau hinsieht, erkennt man, dass er und Pansy die gleiche Augenfarbe haben. Und die gleiche Nase. Im nächsten Moment beugt er sich zu ihr hinunter und flüstert ihr etwas ins Ohr, woraufhin sie zu lachen beginnt, auf den Stuhl klettert und darauf herumhüpft, während er selbst Grimassen in Richtung Kamera schneidet. Anschließend nehmen beide ihre ursprüngliche, gelangweilte Haltung ein.
Pansy lächelt, bis hinter ihr plötzlich ein Knall ertönt und sie die Schachtel mitsamt Foto hastig wieder wegräumt. Dann dreht sie sich zu der kleinen, haarlosen Kreatur um, die in den Stoffrest einer quietschgelben Gardine gehüllt ist. Sie hat überdimensionale, grüne Kulleraugen, eine Knollennase und abstehende Spitzohren: Tessy, die Hauselfe der Parkinsons.
Wie alle Elfen ist auch sie in der Lage, ihre magischen Kräfte ohne Zauberstab einzusetzen und muss zum apparieren wie gerade bloß mit dem Finger schnipsen.
»Der Elfenwein, Miss, wie Sie wünschten, Miss«, sagt Tessy mit Piepsstimme und reicht Pansy ein Glas mit weißgelbem Inhalt.
Im Hause der Parkinsons ist der Konsum von Alkohol so selbstverständlich, wie sich die Nase zu putzen - auch für Pansy. Die einzige Bedingung ist, dass sie sich dabei nicht irgendwie peinlich benimmt.
»Sie sehen sehr hübsch aus, Miss.«
Pansy wirft einen letzten Blick in den Spiegel. Wie sie so dasteht, mit dem Weinglas in der Hand, kommt sie sich ziemlich erwachsen vor. Da verdrängt sie gerne die Tatsache, dass die ersten paar Schlucke jedes Mal scheußlich schmecken.
»Ich weiß«, sagt sie lächelnd und verlässt ihr Zimmer.
Die Party ist bereits in vollem Gange. Die klassische Musik und das Stimmengewirr, das bisher nur gedämpft zu ihr hochdrang, wird mit jedem Schritt lauter. Sie geht den Flur entlang, der wie der Rest des Stadthauses in dunklen Rottönen gestaltet ist und Kunstwerke und Antiquitäten beherbergt, die jeden beeindrucken müssen, der etwas davon versteht (also weder Pansy, noch ihre Eltern). Sie schreitet die gewundene Marmortreppe hinab, die in den Salon führt und bleibt auf halber Höhe stehen, um sich einen Überblick zu verschaffen.
Überall stehen hohe Glasvasen, die mit Pfauenfedern, weißen Orchideen und schwarzen Kerzen dekoriert sind. Umgeben von einem Streichquartett und schwebenden Canapé-Tabletts tummeln sich die zahlreichen, schicken Gäste, die an ihren Champagnerflöten nippen, sich gegenseitig beäugen und aufgesetzt lachen.
Wie Pansy all das vermisst hat!
Sie ist kaum unten angekommen, als sie eine parfümgeschwängerte Umarmung von ihrer Großmutter verpasst bekommt, die sich mehrfach versichern lässt, dass es Pansy in Hogwarts gefällt. Ihr begegnen weitere bekannte Gesichter, wie Blaise und Francesca Zabini, der die Männer bewundernd, die Frauen feindselig hinterherschauen, oder Myron Wagtail, der mit Pansy darauf anstößt, dass der Sprechende Hut sie nach Slytherin geschickt hat.
Myron sieht aus, wie es sich für einen Rockstar gehört: dünn und bleich, mit dunklen Ringen unter den Augen und schrill gekleidet. Seine unbekannte Begleiterin, deren Schulabschluss noch nicht lange zurückzuliegen scheint, sagt die ganze Zeit nichts, sieht dafür aber blendend aus. Wahrscheinlich will sie den guten Eindruck, den sie mit ihrem Äußeren erweckt, nicht durch Wortbeiträge zunichte machen.
Auch die Duvals aus Paris, die mit Pansys Mutter zur Schule gingen, wurden wie immer eingeladen. Freudestrahlend winkt Mrs Duval sie zu sich. »Ah, Pansy, chérie! Seht sie euch nur an, dieses Kleid!«
»Bezaubernd!«, trompetet ihr Mann.
Ihre hübsche Tochter Brienne, die fast einen Kopf größer ist als Pansy, küsst die Luft neben ihren Wangen, muah muah!. Sie schwärmt ihr von Beauxbatons und den veilchenblauen Uniformen vor, die ›très chic‹ sind, als sie plötzlich aufgeregt zu flüstern beginnt: »Da'inten ist Blaise!«
Pansy verdreht die Augen. »Und?«
»Är sieht so süß aus, findest du nischt?«
»Ähm, nein? Wir kennen ihn doch schon ewig.«
»Dann 'ast du eben keinen Geschmack.«
»Aber wenigstens Prinzipien«, spottet Pansy und sucht den Raum nach jemandem ab, über den sie lästern können. Doch dann blinzelt sie ein paar mal. Diesen Jemand hat sie nicht erwartet zu sehen. »Millicent?!«
»Pardon?«
Aber Pansy starrt weiter ihre Klassenkameradin an, die wirklich dort steht, in ein üppiges, pinkes Etwas mit Puffärmeln gequetscht - und sich mit Tracey unterhält!
»Fühlst du disch nischt gut?«, fragt Brienne. »Du siehst blass aus.«
Im nächsten Moment wird Millicent auf Pansy aufmerksam, und dann, als hätten sie sich jahrelang nicht gesehen, rennt sie kreischend auf sie zu und fällt ihr um den Hals, so dass der halbe Inhalt von Pansys Weinglas auf den Boden schwappt.
Brienne schaut ziemlich pikiert, aber Pansy ist viel zu geschockt, um sich vor ihrer Sandkastenfreundin zu schämen.
»Pansy, wir sind bei dir Zuhause, ich glaub's nicht!«
»Ich auch nicht«, antwortet sie tonlos.
Tracey, die sich staunend umsieht, murmelt: »Danke für die Einladung.«
Jetzt dämmert es Pansy. Ihre Mutter hat ihren Brief also ignoriert und doch die ganze Klasse eingeladen!
Manchmal ist Gemma so gedankenlos, wie sie erfolgreich ist, weshalb ihre »Überraschungen« oft nach hinten losgehen. So wie damals, als Pansy zum fünften Geburtstag ein weißes Pferd geschenkt bekam, obwohl sie sich ausdrücklich ein Einhorn gewünscht hatte. Sie beschloss daraufhin, nie wieder ein Wort mit ihrer Mutter zu wechseln. Was sie immerhin drei Stunden durchzog. Heute weiß sie, dass ihre Reaktion ein wenig übertrieben war, aber der Punkt ist: Hätte Gemma auf ihren Mann gehört, hätten sie Pansy von vornherein darüber aufgeklärt, dass die private Zucht und Haltung von Einhörnern offiziell verboten ist. So hätten sie nicht nur ihrer Tochter die Enttäuschung erspart, sondern auch dem Pferd die weite Reise aus Wien und wieder zurück.
Millicents Stimme überschlägt sich fast. »Deine Mutter ist so nett, sie hat gesagt, wir dürfen sie Gemma nennen! Zuerst wollte ich sie um ein Autogramm bitten, aber dann dachte ich mir, ach was, ich kenne sie doch jetzt persönlich und treffe sie bestimmt noch öfter. Oh, und du kannst dir nicht vorstellen, wie traurig Daphne ist, dass sie nicht kommen konnte, aber sie muss zu irgendeinem Verwandtschaftsbesuch.«
Doch Pansy knallt ihr Glas auf ein vorbeischwebendes Tablett, rafft ihr Kleid und stapft los; am anderen Ende des Raums hat sie den dunkelblonden Pagenschnitt ihrer Mutter gesichtet, der, bis auf die Farbe, aussieht wie ihr eigener. Sie nimmt sich fest vor, ihr keine Szene zu machen, als sie wie angewurzelt stehen bleibt.
»Nein.«
Die beiden Personen, die gerade von ihren Eltern begrüßt werden, hat sie noch nie zuvor gesehen, und doch verraten die platinblonden Haare sofort ihren Namen.
Gemma dreht sich zu ihr um, die grünen Augen funkelnd. »Da ist sie ja! Pansy Schätzchen, komm und sag Hallo zu den Malfoys!«
Unfähig, ein Lächeln zustande zu bringen, stellt sie sich zu ihren Eltern.
Natürlich haben die Malfoys auch ihren widerwärtigen Sprössling mitgebracht, der mit seinem schwarzen Anzug, der Fliege und den zurückgekämmten Haaren aussieht wie ein Junge, der weiß, was sich gehört. Guter Witz.
»Mum«, - was soll der Mist? - »was für eine Überraschung.«
»Ah, die junge Miss Parkinson«, sagt Mr Malfoy und neigt kaum merklich den Kopf.
Er ist eine Erwachsenenkopie seines Sohnes; dieselbe Haarfarbe, die gleichen spitzen Gesichtszüge. Nicht mal ein Blinder könnte diese Ähnlichkeit leugnen. Allerdings strahlen seine grauen Augen noch mehr Kälte und Arroganz aus. Vermutlich könnte er kein fröhliches Gesicht machen, selbst wenn sein Leben davon abhinge. Seine Frau wirkt ebenfalls distanziert, trotzdem muss man sie einfach anschauen. Sie hat etwas feenhaftes an sich - dünn, mit tiefblauen Augen, einer makellosen, blassen Haut und langen Haaren, die in weichen Wellen den Rücken hinabfallen. Gut möglich, dass sie die schönste aller anwesenden Damen ist. Da kann auch Gemma nicht mithalten, obwohl sie immer sehr bemüht ist, mit ihrem zwei-Stunden-Make-up, den Schönheitsbehandlungen und fortwährenden Diäten.
Mrs Malfoy schenkt ihr ein kleines Lächeln. »Sehr erfreut, Pansy. Du siehst wundervoll aus.«
Beim Anblick von Malfoys Gesicht muss sich Pansy das Lachen verkneifen. »Oh, die Freude ist ganz meinerseits«, antwortet sie mit süßer Stimme und wendet sich an ihren Mann. »Und wir alle haben schon so viel von Ihnen gehört, Mr Malfoy. Sie müssen wissen, Ihr Sohn redet andauernd von Ihnen!«
»Gar nicht wahr«, brummt er, aber sein Vater nickt zufrieden.
»Nun, dann weißt du sicher, dass du dich mit schulischen Anliegen jederzeit an mich wenden kannst, da ich den Schulrat von Hogwarts leite.«
»Ach, tatsächlich?«
»Aber was noch wichtiger ist«, sagt Mrs Malfoy, »ich bin zuversichtlich, dass du und Draco eure Differenzen beseitigen könnt und gute Freunde werdet.«
Malfoy seufzt. »Gibt es hier was zu essen?«
»Draco!«
»Ich hab nun mal Hunger!«
»Aber das ist doch kein Problem«, antwortet Edward Parkinson, und Lachfältchen umringen seine braunen Augen. »Wer soll von diesen Canapés schon satt werden, nicht wahr? Dort hinten geht es zur Küche, unsere Hauselfe wird dir gerne etwas zubereiten.«
»Danke«, sagt er und stolziert davon, die strengen Blicke seiner Eltern ignorierend.
»Ich muss mich für meinen Sohn entschuldigen«, sagt Mr Malfoy, aber Edward winkt ab. »Sie wissen doch, wie Kinder sind.«
»Ganz genau«, sagt Gemma, »und es ist schön, dass Sie es einrichten konnten.«
»Bestimmt suchen meine Freunde mich schon, es hat mich jedenfalls sehr gefreut.« Pansy nickt den Malfoys höflich zu und macht sich auf den Weg zurück zu den anderen.
Inzwischen hat sich auch Blaise zu den Mädchen gesellt und bringt Brienne mit irgendetwas zum Lachen.
»Blaise!«, sagt Pansy, als sie dazustößt. »Willst du nicht lieber deinem Kumpel Gesellschaft leisten?«
Er reicht ihr ein Glas Sekt. »Wen meinst du?«
»Malfoy ist hier. Du findest ihn in der Küche, wo er sich gerade von unserer Tessy bedienen lässt.« Sie trinkt zügig. »Manche Leute haben einfach keinen Anstand.«
»Nein, bleib 'ier!«, ruft Brienne und hält Blaise am Arm fest. »Du musst mir noch erzählen, was mit dem Troll passiert ist!«
Tracey mustert sie abfällig.
»Wo ist eigentlich Ted?«, fragt Millicent und schnappt sich zwei Kaviarhäppchen von einem Schwebe-Tablett.
Pansy zuckt mit den Schultern. »Hauptsache, Malfoys Gorillas kreuzen nicht auf.«
»Crabbe und Goyle? Wohl kaum«, sagt Blaise. »Deren Familien scheinen ziemlich schräg drauf zu sein, vor allem die Goyles. Gregs Vater hat seinen Hund Grindelwald genannt.«
Brienne lacht wie eine Ziege und wirft ihre Haare über die Schulter.
Währenddessen trinkt Pansy weiter; ihr Glas leert sich nicht, da es mit einem Nachfüllzauber belegt ist. Sie atmet tief ein. Der Sekt rauscht leise in ihren Ohren, während sich der Raum gemächlich zu drehen scheint. Es fühlt sich an, als säße sie auf einem langsamen Karussell.
Plötzlich hat sie das Bedürfnis, Millicent zu sagen, dass sie aussieht wie ein Nilpferd im Ballerina-Outfit. Und den Malfoys, dass ihre Erziehung versagt hat. Und ihrem Vater, dass sie ihn lieb hat. Stattdessen fängt sie an, zu kichern. »Wisst ihr, was das Lustigste ist, das Brienne mich je gefragt hat? Ob sich Brienne Zabini gut anhört!«
Blaise schaut sie fragend an.
»Ups, jetzt ist es raus - sie ist in dich verknallt!«
»Das war doch bloß ein Scherz«, murmelt Brienne, die zinnoberrot angelaufen ist, doch Blaise befreit sich aus ihrem Klammergriff. »Mir egal, ich will nichts von dir, klar?«
Jetzt bricht Pansy endgültig in Gelächter aus.
Brienne faucht sie an: »Dafür gehe isch deinen Eltern sagen, dass du betrunken bist!«
»Krieg dich mal wieder ein«, erwidert Tracey. »Du bist doch nur beleidigt, weil Blaise dich nicht will.«
Empört schaut Brienne sie an. »Isch wette, du würdest sie nischt mehr in Schutz nehmen, wenn du ihr kleines Ge'eimnis kennen würdest!«
Das Rauschen in Pansys Ohren verschwindet, ebenso wie ihr Grinsen. Es gibt eine Sache, von der die Mädchen nichts wissen, aber die kann Brienne unmöglich meinen. Denn darüber reden sie nicht. Niemals.
»Geheimnis?«, fragt Millicent.
Brienne verschränkt die Arme. »Na, soll isch es deinen Freundinnen verraten?«
»Lass es«, zischt Blaise, doch sie fährt lächelnd fort: »Pansy ist Schuld daran, dass ihr Bruder tot ist.«
In dieser Sekunde bleibt die Welt stehen. Alles um sie herum erstarrt, und Pansy spürt Kälte und Übelkeit in sich aufsteigen.
Blaise sagt etwas, aber sie hört es nicht. Sie drückt ihm ihr Glas in die Hand, dreht sich um und bahnt sich ihren Weg durch den Salon. Dabei ignoriert sie die Hände, die ihr zuwinken und sich auf ihre Schultern legen, denn sie braucht dringend frische Luft.
Wie konnte Brienne ihr das antun?
Sie lässt den Menschenpulk hinter sich und betritt den Gang, der zur Küche, Speisekammer und zum Wintergarten führt, welcher gleichzeitig als Esszimmer dient. In dem kleinen Rosengarten wird sie in Ruhe vor sich hin schluchzen und darauf hoffen können, sich ganz einfach in Luft aufzulösen.
Sie öffnet die Tür zum Wintergarten, doch zu ihrer Überraschung brennen nicht nur die Kerzen im Kronleuchter, es sitzt auch jemand am Kopfende des langen Tisches. Draco Malfoy bleibt wie selbstverständlich sitzen, mit den Füßen auf dem Tisch und einem halbvollen Tablett Schokotörtchen auf dem Schoß.
Planänderung.
Pansy schluckt ihre Tränen hinunter, geht zu ihm hin und zieht das Tablett mit einem Ruck an sich. »Geh weg.«
Verächtlich schnaubend steht er auf und bewegt sich zum Ausgang, während sich Pansy auf den freigewordenen Stuhl plumpsen lässt und anfängt, wie in Trance den köstlichen Nachtisch zu verspeisen.
Als Malfoy fast an der Tür angekommen ist, ruft er: »Siehst verquollen aus, Zwerg. Hätte nicht gedacht dass du noch hässlicher sein könntest.«
Das war zu viel. Wütend springt Pansy auf, schnappt sich eins der Törtchen, holt aus und schleudert es in seine Richtung.
Volltreffer!
Malfoy fasst sich an den Hinterkopf und starrt die braune Cremefüllung an seiner Hand an. Mit finsterem Blick dreht er sich um - und stürmt auf Pansy zu.
»TESSY!«, quietscht sie erschrocken.
Sofort erscheint die Hauselfe an ihrer Seite.
»Den Beinklammerfluch! Schnell!«
Verwirrt schaut Tessys zu Malfoy, der stehengeblieben ist. »Wage es nicht, du wertlose Kreatur!«, faucht er, doch sie zeigt bereits mit dem Finger auf ihn und piepst: »Locomotor Mortis!«
Mit einem Mal schnappen seine Beine zusammen und er knallt der Länge nach auf den Boden.
»HEY! LASS MICH SOFORT FREI!«
Pansy wendet sich an Tessy. »Sag kein Wort, zu niemandem.«
»Ja, Miss«, sagt die Elfe mit treuen Augen.
»Wie lange hält der Fluch an?«
»Solange, bis Tessy ihn wieder aufhebt, Miss.«
»Gut. Dann kannst du jetzt gehen.«
Wie es sich für eine Hauselfe gehört, stellt Tessy keine Fragen. Sie nickt bloß und disappariert.
»Das war's! Du bist erledigt, Parkinson, und deine blöde Elfe auch!«
Doch Pansy ignoriert ihn, nimmt wieder Platz und schiebt sich ein Törtchen nach dem anderen in den Mund. Schokolade macht alles ein bisschen erträglicher, selbst die schlimmsten Erinnerungen.
Andrew mochte lieber Karamell ...
Im nächsten Augenblick wird die Tür geöffnet. »Hier steckst du also«, ruft Tracey.
»Wir haben dich gesucht«, fügt Millicent hinzu.
»Ist ja toll«, sagt Malfoy. »ICH bin übrigens hier unten! Ihre Elfe hat mir einen Fluch auf den Hals gejagt, und jetzt kleben meine Beine zusammen!«
Abgesehen von einem flüchtigen, leicht irritierten Blick reagieren die Mädchen nicht weiter auf ihn und setzen sich zu Pansy an den Tisch. Nur Blaise bleibt grinsend vor ihm stehen, macht aber keine Anstalten, ihm hoch zu helfen. »Na, konntest du wieder deine Klappe nicht halten?«
»Zabini, sie hat hat die Schokoladenteilchen nach mir geworfen und mich anschließend gefangen genommen. Was kann ich dafür, dass die komplett irre ist? Und jetzt geh und hol meine Eltern!«
»Sorry, aber es geht gerade nicht um dich, also hör auf zu jammern.«
Malfoy starrt ihm hinterher und versucht fluchend, auf die Beine zu kommen, während sich Blaise neben Pansy an den Tisch lehnt. »Ich wollte, dass sich Brienne bei dir entschuldigt, aber sie hat sich geweigert.«
»Dann hat er sie als dummes Miststück bezeichnet und sie ist heulend zu ihren Eltern abgezogen«, erklärt Millicent und greift nach dem vorletzten Törtchen, lässt jedoch die Hand sinken, als sie Pansys warnendem Blick begegnet.
»Erzählst du uns von deinem Bruder?«, fragt Tracey in ungewohnt sanftem Ton.
»Ihr habt doch gehört, was Brienne gesagt hat«, antwortet Pansy matt. »Er ist meinetwegen tot.«
Blaise seufzt. »Das ist Blödsinn und das weißt du auch. Wenn überhaupt, war es Andrews eigene Schuld, und die von dem Nachbarsjungen, weil er ihm seinen Besen gegeben hat. Und wie ich schon sagte, Brienne ist ein Miststück.«
»Aber ich war diejenige, die ihm zurief, er solle so hoch und so schnell fliegen, wie er nur kann!«
»Er wusste aber, dass das kein Kinderbesen war. Immerhin war er schon acht.«
»Und ich wusste, dass er alles tun würde, nur um seine kleine Schwester zu beeindrucken.«
»Ist er … vom Besen gefallen?«, fragt Millicent.
Pansy räuspert sich. »Nein. Er verlor die Kontrolle und raste mit voller Wucht gegen eine Ulme. Kein schöner Anblick, aber wenigstens hatte er keine Schmerzen. Es war sofort vorbei. Ende der Geschichte.«
Tracey legt eine Hand auf Pansys Arm. »Das tut mir leid. Es war nicht deine Schuld.«
»Genau«, schnaubt Millicent. »Lass dir das bloß nicht von dieser französischen Tussi einreden!«
»Was soll's … morgen reisen sie sowieso wieder nach Frankreich ab.«
»Warte mal.«
Alle drehen sich um; Malfoy schaut sie stirnrunzelnd an. »Jemand behauptet also, du hättest deinen verunfallten Bruder auf dem Gewissen - und du willst gar nichts tun?«
Pansy verschränkt die Arme. »Wie meinst du das?«
»Nicht, dass es mich kümmert, aber an deiner Stelle würde ich es dieser ›französischen Tussi‹ heimzahlen wollen.«
»Ach ja? Und wie soll ich das bitte anstellen?«
Er grinst. »Es gibt doch sicher was, das ihr peinlich wäre, wenn andere davon erfahren.«
Pansy überlegt. Sie erinnert sich, dass Brienne bei ihrer letzten Pyjamaparty ins Bett machte und die Schuld auf das Mädchen schob, das neben ihr geschlafen hatte. Nur Pansy wusste Bescheid. »Oh ja.«
»Tja, dann könnte ich dir einen Tipp geben, weil du anscheinend nicht von selbst drauf kommst«, sagt er und deutet auf seine Beine. »Aber dafür musst du mich erst freilassen. Und ich will ein neues Tablett mit diesen Schoko-Dingern.«
Sie funkelt ihn an. »Ich lasse dich frei und du bekommst ein Schoko-Ding.«
»Dann aber ein Großes.«
»Meinetwegen«, sagt sie augenrollend. »Aber wehe, dein Tipp ist lahm. Tessy!«
Millicent und Tracey stoßen einen erschrockenen Laut aus, als die Elfe mit dem typischen Knall erscheint.
»Miss?«
»Wir brauchen mehr Schokotörtchen. Und Getränke.«
»Sofort, Miss.«
»Ach, und wo du einmal hier bist ... lass Blondie dahinten wieder frei.«
Sie tut, wie ihr geheißen. Nachdem eine neue Ladung Desserts, Weinschorlen und Kürbissaft auf dem Tisch erschienen sind, nimmt Tessy den Fluch von Malfoy, der erleichtert aufspringt und ein paar Kniebeugen macht.
»Jetzt sag schon, was schlägst du vor, soll ich tun?«, drängt Pansy.
»Ganz einfach«, sagt er, »du verrätst ihr Geheimnis per Heuler, den du ihr in die Schule schickst.«
»Heuler?«
Tracey schlägt die Hände zusammen. »Hey, das ist genial!«
Das findet Pansy auch, auch wenn sie das nie zugeben würde. »Ich hab aber keine Ahnung, wie man die macht.«
»So kompliziert sind die nicht, ich kann dir eine Eule mit der Anleitung schicken«, sagt Malfoy. »Dafür habt ihr mich auf die Idee mit dem Klammerfluch gebracht. Der wird im neuen Jahr am erstbesten Gryffindor ausprobiert.«
Alles in Pansy sträubt sich dagegen, Hilfe von Draco Malfoy anzunehmen. Andererseits ist die Vorstellung, Brienne vor all ihren Freunden bloßzustellen, einfach zu verlockend. »Na gut«, antwortet sie in gelangweiltem Ton. »Ich kann's ja bei Gelegenheit mal versuchen. Schätze ich.«
