Hört dieser Trottel die Worte, die aus seinem Mund kommen? Er schickt sie in einen Wald, in dem ein Einhornmörder herumläuft!
»Was wissen wir über den Sucher der Hufflepuffs?«, fragt Ted.
»Ich weiß nicht mal, wie der heißt«, antwortet Zabini.
»Hmm, kein gutes Zeichen.«
Es ist bereits Mitte Februar, als sich alle auf den Rängen des Quidditch-Feldes versammeln. Die Stimmung ist angespannt; ein Sieg für Gryffindor würde bedeuten, dass sie Slytherin zum ersten Mal in sieben Jahren in der Hausmeisterschaft überholen. Leider sind die Hufflepuffs nicht gerade für ihre Leistungen im Quidditch bekannt, aber einen Grund zur Hoffnung gibt es für Slytherin dennoch: Professor Snape ist Schiedsrichter.
»Seid nicht so negativ«, sagt Tracey Davis, »angeblich sind Hufflepuffs gut darin, Sachen zu finden.«
Pansy Parkinson gibt ein verächtliches Geräusch von sich, während sie in einem Modemagazin blättert. Sie macht kein Geheimnis daraus, dass ihr die Spiele und der Quidditch-Pokal vollkommen schnuppe sind.
Seit dem Abend bei den Parkinsons gilt zwischen ihr und Draco eine Art Waffenstillstand. Was natürlich nicht bedeutet, dass er sie plötzlich leiden kann, oder jemals vor hat, mit seinen Zwergenwitzen aufzuhören.
»Hey, ist das Ding kaputt?«, murmelt Goyle, der angestrengt durch sein Fernglas schaut und anfängt, es wie wild zu schütteln.
Draco schnalzt mit der Zunge. »Ernsthaft, Goyle? Du hältst es verkehrt herum, genau wie beim letzten Mal!«
Crabbe lacht dümmlich.
»Also, ich mag die Hufflepuffs«, erklärt Daphne Greengrass. »Viele von ihnen haben Lisas und meine Petition für einen Schulchor unterschrieben, und manche wollten sich sogar schon anmelden, um mitzumachen. Hach, das wird ein Spaß, Dumbledore muss einfach zustimmen!«
»Seit wann ist Lisa eigentlich deine beste Freundin?«, fragt Millicent Bulstrode spitz.
»Ist sie doch gar nicht.«
»Mit mir hast du aber noch nie eine Petition gestartet.«
»Du singst ja auch nicht gern!«
»Es geht ums Prinzip, beste Freundinnen machen alles zusammen!«
Während die beiden ihr Streitgespräch vertiefen, stolpert Neville Longbottom durch die Sitzreihe vor ihnen, tritt dabei auf diverse Füße und setzt sich direkt vor den Slytherins hin. Neben ihm nimmt kurz darauf Ron Weasley Platz.
Neulich, als Draco Longbottom vor der Bibliothek traf, hatte er spontan Lust, den Beinklammer-Fluch an ihm auszuprobieren. Der Jammerlappen fing fast an zu flennen, als er, wie ein fettes Karnickel, den Korridor zurückhoppelte und von den umstehenden Schülern ausgelacht wurde.
Es wird immer jemanden geben, der lacht, und jemanden, über den gelacht wird. Und wenn man schlau ist, sieht man zu, auf der Seite der Lacher zu bleiben. So ist das eben, keine große Sache.
Während das Spiel angepfiffen wird und fünfzehn Besen in die Luft schießen, reißt Draco Parkinsons Magazin an sich, rollt es zusammen und haut ihm, während sie noch protestiert, damit auf den Kopf.
»Autsch!«
»Oh, tut mir leid, Weasley, hab dich gar nicht gesehen«, sagt Draco. »Frag mich, wie lange Potter sich diesmal auf seinem Besen hält? Will jemand wetten? Wie wär's mit dir, Weasley?«
Doch der ist damit beschäftigt, Snape auszubuhen, der von einem Klatscher getroffen wurde und Hufflepuff einen Strafstoß zugesprochen hat.
»Was gibt's denn da zu buhen?«, ruft Davis empört. »Das war ein Foul, Mann!«
»Und was ist jetzt passiert?«, fragt Greengrass verwirrt, als kurz darauf der nächste Strafstoß an Hufflepuff geht.
»Wer weiß das schon«, sagt Parkinson, die wieder hinter ihrem Magazin verschwunden ist. »Quidditch ist doof.«
»Du hast eben keine Ahnung«, entgegnet Zabini gereizt. »Sonst hättest du vielleicht mitgekriegt, dass die Gryffindor-Jägerin den Hufflepuff-Sucher gezockelt hat.«
»Sie hat was?«
»Gezockelt«, wiederholt Ted. »Seinen Besenschweif festgehalten, damit er langsamer wird.«
Draco hebt seine Stimme: »Wisst ihr eigentlich, wie sie die Leute für die Gryffindor-Mannschaft aussuchen? Sie nehmen Leute, die ihnen leidtun. Seht mal, da ist Potter, der keine Eltern hat, dann die Weasleys, die kein Geld haben - du solltest auch in der Mannschaft sein, Longbottom, du hast kein Hirn.«
Mit einer Radieschen-roten Gesichtsfarbe dreht sich Longbottom zu ihm herum und stammelt: »Ich bin ein Dutzend von deinesgleichen Wert, Malfoy.«
Draco und die anderen heulen auf vor Lachen.
»Longbottom, wenn Hirn Gold wäre, dann wärst du ärmer als Weasley, und das will was heißen.«
»Ich warne dich, Malfoy, noch ein Wort -«, ruft Weasley, ohne den Blick vom Spielfeld zu nehmen.
Plötzlich springen einige Zuschauer von ihren Plätzen auf. Potter scheint den Schnatz gesichtet zu haben, denn er geht in den Sturzflug und rast auf den Boden zu. Die Menge jubelt und stöhnt gleichermaßen.
»Du hast Glück, Weasley, Potter hat offenbar Geld auf dem Boden herumliegen sehen!«
Nun hat der Rotschopf endgültig genug; er wirbelt herum, stürzt sich auf Draco und drückt ihn zu Boden.
»Fass mich nicht an! RUNTER VON MIR!«, brüllt Draco.
Crabbe und Goyle packen Weasley an den Schultern, doch dann scheint sie irgendjemand aufzuhalten.
»Nimm das zurück, Malfoy!«
»Vergiss es!« Draco tritt nach ihm und will aufstehen, als der rothaarige Abschaum ihn am Kragen packt und mit seiner Faust zuschlägt.
Knurrend betastet Draco sein pochendes, schmerzendes Auge. Man hat ihm beigebracht, dass es von geringer Intelligenz zeugt, sich zu prügeln, aber jetzt sieht er rot - und donnert seine Faust gegen die lange, sommersprossige Nase. Stöhnend sinkt Weasley zu Boden, gleich neben den bewusstlosen Longbottom, von dem Crabbe und Goyle nun ablassen.
Doch auf einmal brechen ganze Zuschauerreihen in Jubel aus, und der Stadionsprecher verkündet begeistert: »Das muss ein Rekord sein, so schnell wurde der Schnatz noch nie gefangen, kaum fünf Minuten nach Spielbeginn! Harry Potter hat es wieder geschafft, Gryffindor gewinnt das Spiel und liegt somit in Führung im Kampf um den Quidditch-Pokal!«
Die Gryffindors jubeln, während Potter von seinen Teamkameraden auf die Schultern genommen wird.
»Oh, bitte!«, ruft Draco. »Dass er den Schnatz diesmal mit seinen Händen gefangen hat, ist noch lange kein Grund, den roten Teppich auszurollen und eine Parade zu veranstalten!«
»Aber der Fang war gar nicht übel«, gibt Zabini zu. »Sieht aus, als hätte Potter doch einen Funken Talent.«
»Ach, halt einfach die Klappe«, brummt Draco.
~.~.~
Der Ärger über das verlorene Spiel verfliegt jedoch recht schnell, denn schon bald beginnen alle, mehr oder weniger motiviert, für die Prüfungen im Juni zu lernen. Dabei kommt es Draco und den anderen durchaus gelegen, dass Snape erklärt, er dürfe ihnen leider nicht verraten, dass der Vergesslichkeitstrank Bestandteil seiner Abschlussprüfung sein wird. Doch selbst ohne die Prüfungsvorbereitungen könnten die Erstklässler ihre Nachmittage problemlos mit Hausaufgaben füllen, von denen die Lehrer ihnen so viele wie nie zuvor aufbrummen.
Jedenfalls hätte Draco nie geglaubt, welche Entdeckung er an diesem Tag machen würde, an dem er, wie immer nach dem Frühstück, mit dem Rest der Schülerschaft in die Eingangshalle drängt.
»Ich glaub's nicht«, raunt Parkinson neben ihm und deutet auf Granger, die ihren buschigen Kopf mit Potter und Weasley zusammensteckt. »Hermine hat endlich Freunde gefunden. Das Muggel-Mädchen und die zwei Freaks. Sehr passend.«
Draco verzieht das Gesicht. »Warte, diese Streberin ist ein Schlammblut?«
»Ich würde es nicht unbedingt so ausdrücken, aber ja.«
»Hermine!«, sagt Weasley plötzlich laut, »wie oft im Leben sehen wir noch einen Drachen schlüpfen?«
Moment mal.
»Wir haben Unterricht, das gibt nur Ärger«, erwidert Schlammblut, »und das ist nichts im Vergleich zu dem, was Hagrid erwartet, wenn jemand herausfindet, was er da treibt -«
»Sei still!«, zischt Potter mit verstohlenem Blick zu Draco und zerrt die beiden mit sich nach draußen.
»Hast du das gehört?«, fragt er Parkinson, die ebenfalls stehen geblieben ist.
»Du meinst die Worte Drache und schlüpfen?«
»Ich gehe runter zu Hagrids Hütte, ich will sehen, was da los ist.«
»Wir haben jetzt Zauberkunst«, erinnert sie ihn.
»Dann eben in der Pause.«
»Hmm … ich komme mit!«
»Hey ihr zwei, worauf wartet ihr?«, ruft Ted ihnen von der Marmortreppe aus zu.
»Lass uns gehen«, sagt Draco und fügt eindringlich hinzu: »Aber verrate bloß den anderen nichts, sonst versammelt sich noch die ganze Schule da unten.«
Eineinhalb Stunden später, nachdem das Gryffindor-Trio in der Hütte des Wildhüters verschwunden ist, ruft Draco, der ihnen den Abhang hinunter folgt, über die Schulter: »Geht es auch etwas zügiger?«
Bedächtig setzt Parkinson einen Fuß vor den anderen, den Blick auf den Boden geheftet. »Ich werde nicht rennen«, erwidert sie. »Das Gras ist nass und ich möchte nicht hinfallen; mein Mantel ist von Zion!«
Draco atmet tief ein und fragt sich, warum er nicht doch mit Ted hergekommen ist, bis sie schließlich die Hütte erreichen.
»Kaum vorstellbar, dass der Riese in dieser winzigen Bruchbude haust«, meint er spöttisch. »Obwohl es für dich sicher geräumig wäre, Zwerg.«
Sie übergeht seinen Kommentar. »Glaubst du wirklich, ein Niemand wie Rubeus Hagrid besitzt ein Drachenei?«
»Eigentlich nicht«, gibt Draco zu, »selbst auf dem Schwarzmarkt kosten die Dinger ein Vermögen. Abgesehen davon würde nur ein absoluter Vollidiot auf die Idee kommen, einen Drachen in einer Holzhütte zu halten.«
»Vor allem, weil es illegal ist«, ergänzt sie.
Leise gehen sie um die Hütte herum, vorbei an einem Haufen Holzscheite und einer Schubkarre mit Kürbissen, und entdecken ein Seitenfenster. Die Vorhänge sind nicht ganz zugezogen, so dass man durch einen Spalt hindurchsehen kann. Sie stellen sich nebeneinander auf die Zehenspitzen.
»Wow.« Draco kneift die Augen zusammen. »Das Fenster wurde wohl nicht mehr geputzt, seit es in diesem Rahmen steckt.«
Auch das Innere der Hütte, die nur aus einem einzigen Raum besteht, wirkt schmuddelig und düster. Von der Decke hängen Schinken und andere Fleischstücke, und in einem Spülbecken stapeln sich riesige Teller und Krüge, die die Größe von Eimern haben.
Parkinson rümpft die Nase. »Kein Wunder, dass er so fett ist.«
Der Riese und seine drei kleinen Freunde sitzen an einem Tisch, doch als Draco bemerkt, was auf dem Tisch sitzt, schlägt er sich die Hand vor den Mund: ein echtes, lebendes, funkenschnaubendes Drachenbaby, inmitten von einem Haufen Eierschalen. Es ist schwarz, hat Fledermaus-ähnliche Flügel und kleine Hornstummel auf dem Kopf.
»Galoppierende Gorgonen!«, entfährt es dem Zwerg.
»Ein Norwegischer Stachelbuckel«, erklärt Draco mit einer Mischung aus Entsetzen und Faszination. Er kennt keinen Jungen, der Drachen nicht cool findet, aber jedes Kind weiß auch, dass sie nur aus der Ferne bewundert werden sollten. Drachen sind Einzelgänger, haben keine Gefährten und erst recht keinen Meister, von dem sie sich zähmen lassen.
»Guck dir Weasleys dämliches Gesicht an« sagt Parkinson und kichert. »Das Vieh ist mehr wert als seine ganze Familie.«
Draco sieht sie von der Seite an. »Weißt du eigentlich, dass du lachst, wie eine Dreijährige?«
Doch plötzlich schnappt sie nach Luft und duckt sich - Hagrid ist aufgestanden und starrt Draco direkt durch das Fenster an. Während sie sich hinter der Hütte versteckt, weicht er zurück, wobei er fast über die dämliche Schubkarre stolpert, und sprintet, so schnell er kann, zum Schloss zurück.
~.~.~
Die folgende Woche ist das reinste Auf und Ab. Darüber freut sich Draco:
Dass Weasleys Hand offensichtlich von Hagrids neuem Haustier gebissen wurde und aussieht, wie ein Gummihandschuh, den man auf die doppelte Größe aufgeblasen hat.
Dass Madam Pomfrey Draco den Zutritt zum Krankenflügel gewährt, weil er vorgibt, sich ein Buch von Weasley ausleihen zu müssen, und er ihn so in aller Ruhe auslachen kann.
Dass beim Rausgehen ein zusammengefalteter Brief aus dem Buch herausfällt, welches sich Draco zum Vorwand geschnappt hat, und er beim Lesen feststellt, dass Weasley jemanden namens Charlie beauftragt hat, den Drachen am nächsten Tag um Mitternacht vom Astronomieturm abholen zu lassen.
Darüber ärgert sich Draco:
Dass Parkinson nichts von einer Nachtwanderung durch das Schloss wissen will, sondern ihn zu überreden versucht, Snape von dem Drachen zu berichten.
Dass Draco nicht auf sie hört, weil er unbedingt miterleben will, wie Potter und seine Freunde den Ärger ihres Lebens kriegen und achtkantig aus Hogwarts rausgeschmissen werden.
Dass sie Recht behält und Draco erwischt wird - ausgerechnet von der Schreckschraube McGonagall, die Slytherin nicht nur zwanzig Punkte abzieht, sondern ihm auch noch eine Strafarbeit ankündigt.
Darüber lacht sich Draco schlapp:
Dass die Gryffindors, weil sie ebenfalls erwischt wurden, 150 Punkte und somit jede Chance auf den Hauspokal verlieren.
Und letztlich kommt es zu einer Begebenheit, die Draco noch eine ganze Weile in seinen Träumen verfolgen wird ...
~.~.~
»Wurde auch Zeit«, sagt Filch grimmig, als sich Potter, Longbottom und Granger mit zehn Minuten Verspätung in die Eingangshalle bequemen, wo sie den Hausmeister um 23 Uhr zum Antritt ihrer Strafarbeit treffen sollten (Draco war selbstverständlich um 22:57 Uhr erschienen, nicht, dass es irgendjemanden interessiert hätte).
»Folgt mir.« Der Squib zündet eine Lampe an und führt sie nach draußen, während er von Zeiten schwärmt, in denen Folterstrafen für Schüler noch an der Tagesordnung waren.
Der Weg über das Schlossgelände führt sie geradewegs auf Hagrids Hütte zu, und bald darauf ist auch schon die donnernde Stimme des Wildhüters zu hören: »Bist du das, Filch? Beeil dich, ich will aufbrechen.«
So ist das also. Der Typ, der hier als Einziger das Gesetz gebrochen hat, soll ihre Strafarbeit überwachen, zu der es überhaupt nur seinetwegen gekommen ist. Aber abgesehen von Draco scheint das niemand bescheuert zu finden. Im Gegenteil, Potter strahlt über das ganze Gesicht, als er Hagrids Stimme hört.
Auch Filch entgeht das nicht. »Du glaubst, ihr werdet euch mit diesem Hornochsen einen netten Abend machen? Überleg's dir lieber nochmal, Junge - es geht in den Wald, und es würde mich wundern, wenn ihr in einem Stück wieder rauskommt.«
Draco bleibt wie angewurzelt stehen.
»In den Wald?«, wiederholt er ungläubig. »Wir können da nachts nicht reingehen - da treibt sich allerlei herum - auch Werwölfe, hab ich gehört.«
»Das sind schöne Aussichten, nicht wahr?«, sagt Filch gehässig. »Hättet an die Werwölfe denken sollen, bevor ihr euch in Schwierigkeiten gebracht habt.«
In dem Moment taucht Hagrid aus der Dunkelheit auf, bewaffnet mit einer Armbrust und in Begleitung eines großen, sabbernden Hundes. Es folgt ein Wortwechsel zwischen ihm und Filch, während Draco voller Unbehagen zum Waldrand schielt.
»Bei Morgengrauen bin ich zurück und hol die Reste von ihnen ab«, ist das Letzte, was Filch sagt, bevor er sich auf den Weg zurück ins warme, helle und Werwolf-freie Schloss macht.
»Ich gehe nicht in diesen Wald«, sagt Draco entschieden. Longbottom gibt ein unverständliches Winseln von sich, doch es klingt nach Zustimmung.
»Du musst, wenn du in Hogwarts bleiben willst. Du hast was ausgefressen und jetzt musst du dafür bezahlen.«
Das Gesicht des Wildhüters lässt nicht den kleinsten Gewissensbiss erkennen, doch Draco gibt nicht auf. »Aber das ist Sache der Bediensteten, nicht der Schüler. Ich dachte, wir würden die Hausordnung abschreiben oder sowas. Wenn mein Vater wüsste, was ich hier tue, würde er -«
»-dir sagen, dass es in Hogwarts eben so zugeht. Die Hausordnung abschreiben! Wem nützt das denn? Du tust was Nützliches oder du fliegst raus.«
Na, du musst es ja wissen!
»Wenn du glaubst, dein Vater hätte es lieber, wenn du von der Schule verwiesen wirst, dann geh zurück ins Schloss und pack deine Sachen. Los jetzt!«
Am liebsten würde Draco ihm an den Kopf werfen, dass er froh sein kann, nach seiner Aktion mit dem Drachenei nicht in Askaban gelandet zu sein! Zu Beginn des Schuljahres hätte er sich sowas nicht bieten lassen, dann wäre er eben nach Durmstrang gegangen. Doch jetzt stehen die Abschlussprüfungen vor der Tür, weshalb er einen Verweis nicht riskieren darf. Und das ist nur die halbe Wahrheit; sein Vater kann zwar durchaus angsteinflößend sein, aber bevor seine Mutter wütend wird, zieht er lieber die Gesellschaft eines feuerspeienden Drachen vor.
Draco schluckt seinen Ärger herunter und senkt den Blick.
Hagrid nickt. »Na also. Nun hört mal gut zu, weil es gefährlich ist, was wir heute Nacht tun, und ich will nicht, dass einer von euch sich unnötig in Gefahr bringt. Folgt mir kurz hier rüber.«
Sie gehen zum Waldrand, wo der Schein von Hagrids Laterne einen Trampelpfad offenbart. Hier ist es kühler und es riecht nach Moos und Zedernholz.
»Seht mal her«, brummt Hagrid, »seht ihr das Zeug, das da auf dem Boden glänzt? Silbriges Zeug? Das ist Einhornblut. Irgendwo ist da ein Einhorn, das von irgendetwas schwer verletzt worden ist. Das ist jetzt das zweite Mal in einer Woche. Letzten Mittwoch hab ich ein totes gefunden.«
»Wa -«
»Wir versuchen jetzt das arme Tier zu finden. Vielleicht müssen wir es auch von seinem Leiden erlösen.«
Hört dieser Trottel die Worte, die aus seinem Mund kommen? Er schickt sie in einen Wald, in dem ein Einhornmörder herumläuft!
»Und was passiert, wenn das andere - was das Einhorn verletzt hat - uns zuerst findet?«, fragt Draco, die Stimme eindeutig im oberen Frequenzbereich.
»In diesem Wald ist nichts, was euch etwas zuleide tut, solange ich und Fang dabei sind.« Hagrid tätschelt seinen Köter. »Und bleibt auf'm Weg. Also dann, wir teilen uns in zwei Gruppen und folgen der Spur in verschiedene Richtungen. Hier ist überall Blut, das Tier muss sich mindestens seit gestern Nacht herumschleppen.«
»Ich will Fang!«, verkündet Draco. Wenn er schon da rein muss, verlässt er sich lieber auf ein Tier mit langen Zähnen, als auf diesen Verrückten.
»Na gut, aber ich warn dich, er ist ein Feigling.«
Natürlich ist er das.
Hagrid weist sie an, mit ihren Zauberstäben grüne Funken auszusenden, wenn sie das Einhorn finden, und rote, wenn Gefahr droht. Dann geht er mit Potter und Granger in die eine Richtung, und Draco mit Fang und Longbottom, dem er den Vortritt lässt, in die andere.
Der Lichtzauber Lumos reicht kaum aus, um die Dunkelheit zu verdrängen, bis sich nach einer Weile die Blätterkronen der Bäume lichten, so dass Mondlicht hindurchdringt. Allerdings wird dadurch nicht nur der Pfad beleuchtet, sondern auch das glänzende Einhornblut auf dem Boden.
Longbottom wirkt betroffen, und auch Draco fragt sich unweigerlich, wer oder was einem Einhorn etwas antun würde. Sie verkörpern Reinheit und Unschuld, selbst ihr Blut sieht auf seltsame Weise schön aus. Wer ein Einhorn tötet, auf dessen Leben lastet fortan ein Fluch, das lernt man schon als Kind. Derjenige hätte also nichts mehr zu verlieren und wahrscheinlich keine Skrupel, jeden kalt zu machen, der seinen Weg kreuzt.
Plötzlich knackt ganz in der Nähe ein Ast. Erschrocken macht er einen Satz und krallt sich in Longbottoms Schultern, der vor lauter Panik rote Funken ausstößt.
»W-warum hast du d-das gemacht?«, stammelt er mit zitterndem Kinn.
»Wollte nur mal deine Reflexe testen«, lügt Draco.
Kurz darauf ist ein Rascheln im Unterholz zu hören, bevor Hagrids riesige Silhouette vor ihnen auftaucht. »Alles in Ordnung, ihr zwei? Was'n los?«
»Malfoy hat sich von hinten an mich ran geschlichen und mich erschreckt!«
Hagrid wirft Draco einen wütenden Blick zu, ehe er sie zu dem Pfad führt, wo er die beiden anderen zurückgelassen hat. »Wir können von Glück reden, wenn wir jetzt noch irgendwas fangen, bei dem Aufruhr, den ihr veranstaltet habt. Und jetzt bilden wir neue Gruppen - Neville, du bleibst bei mir und Hermine, Harry, du gehst mit Fang und diesem Idioten.«
»Der Idiot bin ganz sicher nicht ich«, murmelt Draco, doch Hagrid hört es nicht, weil er Potter etwas zuflüstert.
Die Fortsetzung der Wanderschaft kommt Draco vor wie eine Ewigkeit, und er versucht, sich einzureden, dass das Einhornblut nicht dicker wird, je tiefer sie in den Wald gehen. Er muss sich zusammenreißen; auf keinen Fall will er in Gegenwart seines Erzfeindes Schwäche zeigen.
»Warte nur, bis mein Vater das erfährt - es gibt Personal für sowas!«
Potter unterdrückt ein Grinsen. »Zum Glück weiß ich's besser, Malfoy, sonst würde ich sagen, du hast Angst.«
»Pah, ich und Angst … los, komm, Fang!«
Doch als sie eine Lichtung betreten, hält Potter ihn zurück. »Sieh mal.«
Nicht weit entfernt, neben einem umgestürzten Baumstamm, liegt es. Tot. Die traurigen Augen leicht geöffnet. Und dann hören sie ein seltsames, krächzendes Gurgeln, bis plötzlich, am Rand der Lichtung, eine Gestalt erscheint. Sie ist in einen schwarzen Umhang gehüllt und kriecht in unnatürlichen, zackigen Bewegungen auf das Einhorn zu.
Fang fiept leise und die beiden Jungen rühren keinen Muskel, während sich das unheimliche Wesen über den Kadaver beugt, um laut schmatzend das Blut aus der Wunde zu saugen.
Ein Schrei durchdringt den Wald, und Draco realisiert erst Sekunden später, dass er aus seiner eigenen Kehle kommt. Und dann fängt er an zu rennen, angsterfüllt und ohne einen Blick zurück zu werfen. Zur Hölle mit Potter, er will nur noch hier weg!
Als er den Waldrand erreicht, durchströmt ihn Erleichterung, aber er denkt nicht daran, langsamer zu werden. Auch nicht, als er sich wieder in der Eingangshalle des Schlosses befindet und die Treppe zum Kerker hinunter springt. Er stoppt erst, als er in einem der Gänge gegen eine Gestalt prallt und sein Herz einen Schlag aussetzt.
»Professor!«
»Du bist spät zurück«, stellt Snape fest.
»Da war ein totes Einhorn«, keucht Draco, »und dann kam so ein Ding, ganz vermummt. Es hat das Blut von dem Einhorn getrunken!«
»Wovon redest du da?«
»Die Strafarbeit, im verbotenen Wald! Was geht in Hagrids hässlichem Schädel nur vor sich? Und wie konnte McGonagall das zulassen?«
»Ihr wurdet in den Wald geschickt?«, fragt Snape argwöhnisch.
Draco starrt ihn an. »Ja!«
»In Ordnung, geh jetzt zu Bett. Ich werde die Angelegenheit morgen klären.«
»Oh nein, damit kommen die nicht durch, ich schicke meinen Eltern noch heute Nacht eine Eule -«
»Du wirst nichts dergleichen tun«, erwidert Snape. »Andernfalls erfahren deine Eltern, dass du Hauspunkte verlierst, weil du dich nachts im Schloss herumtreibst und von irgendwelchen Drachen fantasierst.«
»Aber -«
»Sei versichert, dass ich mit Professor Dumbledore persönlich über den Vorfall sprechen werde. Also los jetzt, zurück in den Schlafsaal!«
Dracos Kopf ist randvoll mit allen möglichen Gedanken, als er kurze Zeit später in seinem Bett liegt. Er starrt den Baldachin an und fragt sich, ob Potter es irgendwie heil aus dem Wald rausgeschafft hat. Aber der Typ hat ja immer unverschämtes Glück, warum nicht also auch heute? Wahrscheinlich wurde er von irgendeiner Waldkreatur gerettet und anschließend sogar noch um ein Autogramm gebeten.
Doch tatsächlich hofft Draco, dass Potter von dem Kapuzenmonster nicht gefressen wurde, ansonsten wird er wohl in die Geschichte eingehen als Junge, der überlebt hat, bis Draco Malfoy ihn im Stich ließ. Und darauf hat er nun wirklich keine Lust.
