»Ach, ihr habt Namen? Ich dachte immer, Weasleys werden durchnummeriert.«


»Ernsthaft?«, fragt Tracey, die ihre Jacke auszieht und Daphne und Millicent abwechselnd anschaut.

»Es ist immerhin die Willkommensfeier«, erklärt Millicent und rollt mit den Augen, so dass Daphne es nicht sieht.

Tracey lacht. »Und ausgerechnet du willst die ganze Zugfahrt über keinen Ton von dir geben? Niemals!«

Mit trotzigem Blick schiebt sich Daphne ein Hustenbonbon in den Mund. Seit sie vor einem Jahr den Schulchor ins Leben gerufen hat, trägt sie davon stets einen Vorrat mit sich herum und hat selbst an warmen Tagen wie heute ihren Schal um den Hals geschlungen, um ihre Stimme zu schonen.

Dabei herrschte bis vor einer Minute ohnehin Schweigen im Abteil; auf der Bank gegenüber dösen die Katzen Lady und Mabel vor sich hin, und zwischen ihnen und einem beachtlichen Stapel Zeitschriften sitzt Pansy.

Daphne und Millicent hat sie erzählt, sie würde sich in Vorbereitung auf den Wahrsagen-Unterricht alle aktuellen Horoskope ihres Sternzeichens durchlesen wollen, doch in Wahrheit will sie sichergehen, dass noch kein Journalist Wind von der Ehekrise ihrer Eltern bekommen hat. Was schon ein wenig paranoid ist, denn bislang wissen nicht einmal die engsten Freunde der Familie Bescheid. Merlin sei Dank - denn Pansy hat nicht die geringste Lust, auch nur ein Wort über das Thema zu verlieren. Und sie hofft immer noch, dass sich alles zum Guten wendet.

Bevor sie neben Daphne Platz nimmt, wuchtet Tracey ihren Koffer auf die Gepäckablage und Pansy lugt hinter dem Klitterer hervor. Offenbar hat Tracey in den Ferien die Existenz von Wimperntusche entdeckt. Also sieht sie jetzt noch besser aus als sonst. Genau wie Millicent, die gewachsen und somit schlanker geworden ist. Zumindest Daphne hat sich kaum verändert, wobei sie nach wie vor die Siegerin der genetischen Lotterie ist.

Ob auch nur eine von ihnen Pansy um die lästigen BHs beneiden würde, die sie seit einigen Wochen trägt? Wohl kaum. Sie hat sich ja nicht mal selbst mit den neuen Rundungen an ihrem Körper anfreunden können.

Langsam setzt sich der Hogwarts-Express in Bewegung und Pansy widmet sich wieder ihrer Zeitschrift. »Du bist spät dran.«

Tracey seufzt genervt. »Ich war den halben Morgen damit beschäftigt, dieses dämliche Monsterbuch einzufangen.«

»Hör mir bloß auf«, sagt Millicent, »ich musste mich draufsetzen und damit zu meinem Koffer rutschen - der ein Stockwerk weiter oben lag!«

Pansy hat nicht die geringste Ahnung, wie ihre Hauselfe Tessy das bissige Schulbuch gezähmt hat, für sie ist nur wichtig, dass Pflege magischer Geschöpfe eine leicht verdiente Note bedeutet und man von niedlichen Tieren umgeben ist. Dazu haben sie und Millicent noch Wahrsagen gewählt. Daphne hat sich allen Ernstes für Muggelkunde entschieden, und Tracey für Arithmantik, das nicht nur eins der schwersten Fächer überhaupt ist, sondern auch noch von Professor Vektor unterrichtet wird, die zwar nett aussieht, aber angeblich noch strenger ist, als die alte McGonagall.

Tracey meint, mit einem UTZ in Arithmantik stehen einem bei der Berufswahl alle Türen offen. Das kann man von Wahrsagen vermutlich nicht behaupten (nicht, dass es Pansy kümmern würde). Nur Muggelkunde dürfte noch anspruchsloser sein. Vielleicht gar keine schlechte Wahl von Daphne, wenn man bedenkt, dass sie nur eine mittelmäßige Schülerin ist. Zwar rutscht sie durch ihre Mitarbeit im Unterricht und ihre halbwegs annehmbaren Arbeiten immer irgendwie durch, aber die hellste Kerze auf der Torte ist sie nicht gerade. Und insgeheim ist Pansy froh darum. Sie würde es nicht aushalten, mit Daphne befreundet zu sein, wenn sie hübsch wäre und tolle Noten schreiben würde.

»Wie war Barcelona?«, fragt Millicent.

»Absolut genial«, schwärmt Tracey, »soviel Sonne sieht man hier das ganze Jahr über nicht. Und die Jungs sind echt süß … mit einem hab ich sogar geknutscht.«

Daphne kreischt auf und schlägt erschrocken die Hände vor den Mund.

Millicent schaut halb fasziniert, halb angewidert. »Wirklich? So richtig, naja, mit Zunge?«

»Klar. War ganz nett. Wir haben Kaugummis ausgetauscht und -«

»IGITT! Verschone uns mit deinen kulinarischen Erlebnissen!«, ruft Pansy gereizt. Sie will nichts von den verrückten Sachen hören, die Tracey erlebt hat, während sie Zuhause zuschauen musste, wie sich ihre Eltern um antike Sessel stritten, in denen nie jemand sitzt, um Teetassen, aus denen nie jemand trinkt und um wertvolle, hässliche Gemälde.

Außerdem hat Pansy immer geglaubt, sie wäre diejenige von ihnen, die als Erste einen Jungen küssen würde. Ihre Gedanken rasen. Um Traceys aufregende Geschichte zu überbieten, müsste sie schon einen festen Freund an Land ziehen, den sie dann so oft küssen kann, wie sie will. Aber wie leicht ist es, in Hogwarts einen Jungen zu finden, der gut aussieht, Manieren hat, aus einem adäquaten Elternhaus stammt und trotzdem noch nicht vergeben ist? Spontan kommt Pansy jedenfalls niemand in den Sinn.

Sie legt ihre Zeitschrift auf den Stapel und beschließt, das Thema zu wechseln: »Wisst ihr, was ich mich gefragt hab? Ob sie dieses Jahr endlich einen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste finden konnten, der ansatzweise kompetent ist.«

Entrüstet öffnet Daphne den Mund, um ihn jedoch gleich wieder zu schließen.

»Ooh, entschuldige Daphne, du und Lockhart hattet ja einen besonderen Draht zueinander. Sag, schickst du ihm eigentlich immer noch Fanpost?«

Millicent kichert. »Lieber Gilderoy, mein Haar ist heute ganz stumpf! Was soll ich bloß tun, damit es so schön glänzt wie deins? - AUTSCH!«, entfährt es ihr, als Daphne den Ellbogen in ihre Rippen rammt.

»Meine Tante arbeitet im St. Mungo«, sagt Tracey, »und sie sagt, Lockhart weiß nicht mal mehr seinen eigenen Namen. Geschieht diesem Blender recht.«

Auch Pansy trauert Lockhart nicht nach, obwohl auf ihrem Zeugnis ein Ohnegleichen in Verteidigung stand, ohne dass sie sich jemals in seinem Unterricht gemeldet hatte. Er war in ordentlichen Zahlungsverzug geraten, nachdem er mehrere Umhänge und Maßanzüge vom Modelabel ihrer Mutter bestellt hatte, und Pansy drohte ihm unter vier Augen, damit doch noch an die Presse zu gehen. Das schien ihn nachhaltig beeindruckt zu haben.

»Ich hielt ihn ja von Anfang an für überschätzt«, meint Millicent. »Und was hatte es überhaupt mit diesem Charmantestes-Lächeln-Preis der Hexenwoche auf sich, von dem er ständig gefaselt hat? Gibt es den wirklich?«

Pansy schnaubt. »Quatsch, Lockhart und die Chefredakteurin haben sich bloß SEHR gut verstanden, wenn ihr wisst, was ich meine. Poppy Green kann nicht mal ihre eigenen, schmutzigen Angelegenheiten für sich behalten.«

In den folgenden Stunden, in denen die neuesten Promi-Gerüchte erörtert werden (und es Daphne sichtlich Qualen bereitet, nicht mit ihrem Fachwissen herausplatzen zu können), verdüstert sich der Himmel, bis irgendwann Regen laut gegen die Fensterscheibe prasselt.

Zur Mittagszeit steckt die alte Dame mit dem Imbisswagen den Kopf zu ihnen hinein. »Etwas vom -«

»Nein, wir sind auf Diät!«, entgegnet Pansy und wedelt mit der Hand, woraufhin die verdutzte Dame ihren Wagen zum nächsten Abteil schiebt.

»Hey!?«, murmelt Millicent vorwurfsvoll.

»Keine Panik«, beschwichtigt Pansy, »du kannst bald genug Süßkram in Hogsmeade kaufen. Es sei denn, deine Figur ist dir nicht völlig egal und du probierst mit mir die neue Monodiät aus: Man isst morgens drei Äpfel, mittags zwei und abends einen. Ist ganz leicht zu merken und funktioniert garantiert!«

Bevor Millicent etwas erwidern kann, wird die Tür schon wieder geöffnet.

»Ich sagte doch, wir -«

»Hi, Zwerg.«

Pansy atmet tief ein und setzt ein falsches Lächeln auf. »Was willst du, Draco?«

*.*.*.*

»Habt ihr Sankt Potter gesehen?«, fragt er und beißt von seiner Gummischnecke ab. »Oder reist er wieder mit einem fliegenden Auto an?«

Tracey nickt in Richtung Fenster. »Wohl kaum, bei dem Unwetter da draußen.«

»Was hast du da?«, fragt Millicent mit sehnsüchtigem Blick.

»Gummischnecken. Kannst sie haben«, sagt er und wirft ihr die Tüte zu.

Millicent quietscht freudig, während Pansy den Tagespropheten von einem Stapel Zeitungen nimmt und ihn auseinander faltet. »Mach was du willst, aber komm bloß nicht heulend zu mir gerannt, wenn du wieder zugenommen hast.«

»Zeig mal her«, murmelt Draco und schnappt sich die Zeitung, Pansys Protest ignorierend; das Titelblatt hat seine Aufmerksamkeit erregt. »Arthur Weasley, Chef der … bla bla bla … Goldpreis des Tagespropheten gewonnen. ›Wir werden das Gold für einen Sommerurlaub in Ägypten ausgeben, wo unser ältester Sohn Bill als Fluchbrecher für Gringotts arbeitet.‹«

Draco betrachtet das Foto der unattraktiven Großfamilie, deren Eltern sich offenbar so lange fortpflanzen wollten, bis die Mutter ein Mädchen wirft.

Pansy steht auf und reißt ihm den Propheten wieder aus der Hand. »Wir wissen, wie besessen du von Harry Potters kleiner Clique bist, aber wie du siehst, sind sie nicht hier. Würdest du also bitte weggehen? Du nervst!«

Er verschränkt die Arme. »Entschuldige, ich bin einfach immer noch fasziniert davon, dass du dasitzt und dich über das Tagesgeschehen informierst, anstatt dein Gesicht anzumalen.«

Tracey lacht auf, und Pansy zieht ihm die Zeitung über den Kopf, bevor er grinsend das Abteil verlässt.

Am Ende des langen Gangs stehen Crabbe und Goyle herum und scheitern kläglich bei dem Versuch, nicht aufzufallen, da sie jedes Jahr größer und breiter werden. Als er Draco kommen sieht, deutet Crabbe auf das Abteil neben ihm, und Adrenalin durchzuckt Dracos Körper; er ist absolut bereit, sich zu prügeln.

Von ihrem ersten gemeinsamen Schultag an hat er immer wieder versucht, das Narbengesicht loszuwerden. Kreativ wie er ist, schickte er letztes Jahr sogar seinen Hauself los, um Potter mit erfundenen Geschichten von der Rückkehr nach Hogwarts abzuhalten. Doch Dobby entpuppte sich nicht nur als völlig nutzlos, Potter brachte Dracos Vater auch noch mit einer List dazu, Dobby zu befreien.

Seine Mutter tobte vor Wut, weil ihr Mann auf den Trick eines Zwölfjährigen hereingefallen war (und besagtem Zwölfjährigen nicht noch an Ort und Stelle den Hals umgedreht hatte). Folglich bestand Dracos Sommer darin, seine Eltern dabei zu beobachten, wie sie sich wahlweise anschrien oder ignorierten.

Er beschleunigt seinen Schritt und reißt schließlich die Schiebetür auf. »Schaut, schaut, wen haben wir denn da? Potty und das Wiesel.«

Auf Ronalds Gesicht sind letzte Spuren eines Sonnenbrands zu erkennen, was ihn nur noch hässlicher macht.

»Hab gehört, dein Vater ist diesen Sommer endlich zu etwas Gold gekommen, Weasley. Ist deine Mutter an dem Schock gestorben?«

Als Weasley aufspringt und dabei einen Katzenkorb zu Boden stößt, ertönt ein lautes Schnarchen. Erst jetzt bemerkt Draco einen Mann am Fenster, dessen Umhang so aussieht, als wäre er durch Schlamm und Stacheldraht gekrabbelt. »Wer ist das denn?«, fragt er naserümpfend.

»Ein neuer Lehrer«, antwortet Potter. »Was wolltest du gerade sagen, Malfoy?«

Draco ballt die Faust in seiner Tasche und weist Crabbe und Goyle an, mit ihm zu kommen. Was soll's, sie werden sich noch oft genug über den Weg laufen, ohne dass ein Erwachsener in der Nähe ist.

»Ein neuer Lehrer«, äfft er Potter nach. »Der Typ sah aus wie ein Obdachloser! Das ist niveaulos, selbst für Dumbledore. Ich sag euch, mit Hogwarts geht es steil bergab, jetzt, wo sie Vater aus dem Schulbeirat entlassen haben.«

»Ein neuer Lehrer für was?«, fragt Goyle, der hinter ihm her schlurft.

»Für was wohl, du Holzkopf«, sagt Crabbe. » Für Verteidigung gegen -«

Er hält inne, als der Zug plötzlich anfängt zu rumpeln und merklich langsamer wird. Die Lichter in den Lampen flackern und überall stecken Schüler die Köpfe hinaus in den Gang.

»Warum halten wir an?«

»Wir können noch nicht da sein.«

»Ist der Zug kaputt?«

Im nächsten Augenblick gehen alle Lampen aus, und der Zug bleibt so ruckartig stehen, dass Crabbe, Goyle und Draco gegeneinander stoßen und umkippen, wie Dominosteine.

»Passt doch auf, ihr Trottel!«, ruft Draco und schubst Goyle von sich runter, als ihm etwas sehr Merkwürdiges auffällt: An den Fenstern haben sich Eisblumen gebildet. Tatsächlich scheint die Temperatur im Zug plötzlich um fünfzehn Grad gefallen zu sein.

»Was passiert hier?«, murmelt er, wobei er kleine Wölkchen ausatmet.

Und dann, als sich eine der Zugtüren öffnet und eine deckenhohe, in schwarz umhüllte Gestalt hereinschwebt, ist Draco vor Schreck wie paralysiert. Er nimmt Schreie wahr, das Knallen von Abteiltüren, und Crabbes und Goyles trampelnde Schritte, die sich entfernen.

Einen Augenblick lang glaubt er, die Kapuzengestalt von damals im verbotenen Wald sei gekommen, um ihn zu holen … doch es ist noch viel schlimmer. Er steht einem Dementor gegenüber. Draco hört den rasselnden Atem des Ungetüms, während sich eine beklemmende Schwermütigkeit um seine Brust legt.

Erinnerungen kommen hoch, an die missbilligenden Blicke seines Vaters. Als Draco auch mit sieben noch stottert, wenn er aufgeregt ist. Als er nach dem ersten Schuljahr jede Nacht nach Dobby ruft, weil er Albträume vom verbotenen Wald hat. Als er zusieht, wie Potter den Schnatz fängt, obwohl sein Vater ihm doch den besten Rennbesen der Welt gekauft hat.

Du hast versagt, versagt, und nochmal versagt ...

Doch irgendwie schafft er es, einen klaren Gedanken zu fassen und eine Abteiltür neben sich zu ertasten. Er stürzt hinein und knallt die Türe hinter sich zu. Nur schemenhaft erkennt er die Umrisse von drei Schülern.

»Wer ist da?«, fragt eine männliche Stimme, die Draco bekannt vorkommt.

So gefasst wie möglich antwortet er: »Draco Malfoy.«

»Na sowas«, sagt der Junge mit unüberhörbarer Ironie in der Stimme, »mit so hohem Besuch hätten wir gar nicht gerechnet, sonst hätten wir doch unseren Hofknicks geübt!«

»Hast wohl Schiss vor dem Dementor da draußen, was?«

Diese Stimme gehört eindeutig Lee Jordan, dem Quidditch-Kommentator der Gryffindors, den man praktisch nie ohne seine besten Kumpels antrifft: die Weasley-Zwillinge.

Draco verdreht die Augen. »Gibt es in diesem Zug eigentlich noch ein Abteil, in dem keine Rothaarigen sitzen?«

»Für dich immer noch Fred und George Weasley, klar?«, erwidert Zwilling Eins.

»Ach, ihr habt Namen? Ich dachte immer, Weasleys werden durchnummeriert.«

»Pass auf, was du sagst!«, knurrt Zwilling Zwei und steht auf, doch im nächsten Moment erscheint draußen ein gleißend helles Licht, das ebenso schnell wieder verschwindet.

»Was war denn das?«, fragt Zwilling Eins, als gleichzeitig die Lampen wieder angehen.

Leicht geblendet tritt Draco hinaus auf den Gang, wo sich auch die anderen Schüler aufgeregt umsehen.

»Keine Sorge, der Dementor ist fort!«, ruft ihnen der neue Lehrer zu, den Zauberstab noch in der Hand haltend. Er ist blass, trägt einen dünnen Schnurrbart und scheint noch relativ jung zu sein, obwohl sein braunes Haar bereits graue Strähnen aufweist.

»Na also, und jetzt verschwinde hier, Malfoy«, zischt Jordan und schließt die Tür. Draco erhebt die Hand zu einer rüden Geste, bevor er zu seinem Abteil zurückkehrt.

Bis sie abends am Hogsmeade-Bahnhof ankommen, hat sich überall herumgesprochen, dass der Dementor im Zug nach Sirius Black gesucht hat, dem als Massenmörder bekannten und kürzlich entflohenen Askaban-Häftling.

Im Gegensatz zu Draco kennen seine Mitschüler aber mal wieder nur die halbe Geschichte. Sie wissen nicht, dass Black für ein Verbrechen verurteilt wurde, das er nie begangen hat. Dass nicht er, sondern ein Spion die Potters damals an den Dunklen Lord verraten und zu ihrer Ermordung beigetragen hat. Dracos Vater weiß solche Dinge. Und noch viele mehr. Allerdings könnte er für diese Art Wissen in gewaltige Schwierigkeiten geraten. Er galt nämlich als einer der loyalsten Gefolgsmänner des Dunklen Lords, wurde jedoch vor Gericht freigesprochen, weil er die ganze Zeit unter dem Einfluss des Imperius-Fluchs gestanden hatte. So die offizielle Version.

»Iiih, Thestrale sind abstoßend!«, ruft Pansy und macht einen großen Bogen um die Wesen, die die Schüler ab der zweiten Klasse in Kutschen zum Schloss ziehen. Für die meisten Menschen sind sie unsichtbar, weshalb auch Draco nur die Illustrationen kennt, die Thestrale als skelettartige Pferde mit weißen Augen, schwarzen Körpern und Fledermausflügeln darstellen.

»Die sind schon ziemlich morbid«, stimmt Ted zu, während sie nach und nach in die Kutschen steigen. Er kann die Thestrale als Einziger aus ihrer Klasse sonst noch sehen.

»Morbid?«, fragt Crabbe höhnisch. »Hast mal wieder ein Wörterbuch gefrühstückt, he?«

»Nein, Vincent, aber nicht jeder von uns hat den Wortschatz eines Fünfjährigen.«

»Würdet ihr die Klappe halten und euch beeilen?«, unterbricht Draco, dem beim Gedanken an das Festmahl der Magen knurrt.

Blaise kichert. »Hey, ratet mal, was Longbottom gerade Finnigan erzählt hat.«

»Er hat vergessen, seiner Omi einen Abschiedskuss zu geben?«, schlägt Goyle vor.

»Falsch - Harry Potter ist beim Anblick des Dementors ohnmächtig geworden!«

Draco dreht den Kopf so ruckartig um, dass er einen Nackenkrampf bekommt. Trotzdem kann er nicht anders, als von einem Ohr zum anderen zu grinsen. »Ist das wahr?«

»Großartig, Blaise, nun können wir uns die nächsten dreieinhalb Tage wieder Potter-Witze am laufenden Band anhören«, sagt Ted, doch Blaise zuckt die Schultern. »War doch nur 'ne Frage der Zeit.«

»Wie schon gesagt, haltet die Klappe.« Draco feixt, während sie in der Kutsche Platz nehmen. »Ich muss eine Performance üben.«