Er hatte sich vorher noch nie so unbeholfen, und gleichzeitig so gut gefühlt.
Tanzen kann er, das muss man ihm lassen. Trotzdem lässt sein Ausdruck keinen Zweifel daran, dass es ihm lieber wäre, ihn würden nicht sämtliche Mitschüler dabei beobachten. Und ja, normalerweise hätte Pansy über den Anblick eines Walzer tanzenden Dracos gelacht - wäre sie nicht immer noch damit beschäftigt, sein Zuhause zu bestaunen.
Sicher, die Parkinsons sind vermögend und besitzen eine ansehnliche Stadtvilla, doch das palastartige Anwesen der Malfoys ist schon fast lächerlich dekadent, und die antiken Möbel und Kunstobjekte, die das Herrenhaus beherbergt, strahlen eine seltsam düstere Schönheit aus, die Pansy an den Gemeinschaftsraum der Slytherins erinnert. Ihr Blick schweift von der gewölbten und mit Stuck verzierten Decke des Ballsaals, über den gewaltigen Kronleuchter und hin zu den Gästen, die sich durchweg an den vornehmen Dresscode gehalten haben. Sie alle beobachten die tanzenden Paare in der Mitte des Raums, die eine Reihenfolge einstudiert haben müssen, da sich niemand in die Quere kommt.
Im Gegensatz zu den Partys bei den Parkinsons wird hier nichts dem Zufall überlassen. Niemand lacht zu laut oder trinkt zu viel. Dies ist ein Ort der puren Eleganz und Ästhetik, in dessen Bild sich auch die Gastgeber perfekt einfügen; Lucius Malfoy, mit Frack und Zylinder, und seine Frau Narzissa, im dunkelroten Meerjungfrauenkleid mit hohem Kragen und aufwändiger Flechtfrisur, wirken beinahe adelig, so dass es schwer fällt, den Blick von ihnen zu wenden.
Während Gemma und die mit Diamanten behangene Francesca Zabini miteinander tuscheln, schaut Pansy an sich herab, um sicherzugehen, dass der rautenförmige Ausschnitt nicht zu viel von ihrem Dekolletee preisgibt. Der bodenlange Rock ihres rot-violetten Chiffonkleides fällt fließend und weich, die Flügelärmel und kurzen Spitzenhandschuhe runden das Outfit ab. Es wäre perfekt, würde Pansy nicht mit jedem Atemzug daran erinnert werden, dass das Wachstum ihrer Oberweite nicht vorgesehen war, als ihre Mutter das Kleid nähen ließ.
Blaise hingegen trägt seinen Smoking mit Selbstbewusstsein. Auch wenn er es nie zugeben würde, liebt er es, sich herauszuputzen.
»Ein Getränk?«, fragt ein Kellner, der aus dem Nichts auftaucht.
»Weißwein«, antworten Gemma und Francesca wie aus einem Mund.
»Sehr wohl.«
»Für mich auch«, erklärt Pansy und nimmt ein Glas vom Tablett, woraufhin Blaise ihr grinsend mit seinem Wasserglas zuprostet. Der Kellner - offensichtlich irritiert - sieht aus, als wolle er noch etwas sagen, geht dann aber doch weiter.
»Schätzchen, es ist noch früh am Abend«, raunt ihr Gemma zu.
»Keine Sorge, Mutter. Wie du weißt, trinke ich, seit ich neun bin. Ich werde dich schon nicht blamieren. Oder hast du plötzlich das Bedürfnis, mich zu erziehen? Das haben nämlich Daddy und die Hauselfe schon lange vor dir erledigt.«
Blaise prustet in sein Glas, woraufhin Francesca ihm einen tadelnden Klaps auf den Hinterkopf gibt.
Doch Gemma bleibt ruhig, denn jetzt geht es um das, was ihr auf der Welt am meisten bedeutet: ihr Gesicht zu wahren. »Pansy ist zurzeit etwas aufgewühlt, wegen der Trennung.«
»Sie hat Dad letzten Monat rausgeworfen«, ergänzt Pansy.
Gemma sieht ihre Tochter verschwörerisch an. »Wie ich bereits sagte, Erwachsenenprobleme sind zu kompliziert, um dir den hübschen Kopf darüber zu zerbrechen.«
»Oh, Gemma, Liebes«, flötet Francesca, »ich hatte so gehofft, ihr würdet euch wieder versöhnen.«
»Nun, nach vierzehn Jahren Ehe hat es wohl nicht mehr sein sollen, denke ich ... aber genug von mir, erzähl mir lieber, wie es deinem Mann geht - ist er inzwischen auf dem Weg der Besserung?«
Francesca seufzt. »Die Lebensmittelvergiftung hat ihm zugesetzt, er wird noch eine Weile im St. Mungo bleiben müssen.«
»Ach, du Ärmste!«
Während sich ihre Mütter gegenseitig bemitleiden, kommt Blaise zu Pansy herüber. »Dein Dad ist ausgezogen?«
»Ist schon okay«, lügt sie. »Im Moment wohnt er noch im Hotel, aber wenn er ein Haus gefunden hat, werde ich die Ferien nur noch bei ihm verbringen.«
»Das wird ihr das Herz brechen.«
»Bitte, du kennst meine Mutter. Solange irgendwo eine Party stattfindet, zu der sie eingeladen ist, ist ihre Welt in Ordnung.«
»Ich meine ja auch Tessy.«
»Ha, ha. Wenigstens setzt mir Gemma nicht den x-ten Stiefvater vor. Apropos, wie läuft es mit … Richard?«
»Carter«, korrigiert Blaise. »Richard war der Letzte.«
»Richtig, Gott hab ihn selig … Ist Carter auch etwas, ähm, betagter?«
»Dreiundachtzig.«
»Ah. Deine Mum sagte, er liegt im Krankenhaus. Glaubst du, er kommt wieder auf die Beine?«
»Nein«, sagt Blaise und trinkt einen Schluck.
»Verstehe.« Pansy schwenkt ihr Weinglas. »Naja, er ist alt, oder? Und alte Männer sterben eben irgendwann.«
»Mhm.«
Der Eröffnungstanz endet und Pansy applaudiert geistesabwesend mit der Menge. Sie beobachtet, wie Draco die Leute begrüßt, während er sich den Weg zu den Jungs aus ihrer Klasse bahnt, die am anderen Ende der Tanzfläche herumstehen. Crabbe und Goyle sehen aus, wie man sich Neandertaler in Smokings nun mal vorstellt, wohingegen Ted ganz süß aussieht, obwohl ihm sein Anzug eine Nummer zu groß ist. Er redet mit Tracey, die ein langärmeliges, blaues Satinkleid trägt.
Plötzlich hält Pansy jemand von hinten die Augen zu. Sie schlägt die fremden Hände weg und fährt herum. Es ist Daphne, die sie angrinst. Ihre goldblonden Haare fallen ein weißes Babydoll-Kleid hinab, das an jedem anderen wie ein Nachthemd angemutet hätte, doch Daphne sieht darin wie ein Engel aus.
Kotz.
»Millie und ich sind vor Snape geflüchtet«, erklärt sie.
Pansy folgt ihrem Blick. Ihr Zaubertranklehrer (trotz formeller Kleidung immer noch mit fettigen Haaren) unterhält sich mit dem untersetzten Mr Bulstrode, seiner aufgetakelten Frau sowie Mr und Mrs Greengrass, die im krassen Gegensatz dazu wirken, als seien sie einer Parfümkampagne entsprungen.
»Wie schön Sie wiederzusehen, Gemma!«, ruft Millicent aufgeregt. Die zu Korkenzieherlocken eingedrehten Haare betonen ihr rundes Gesicht auf ungute Weise, ganz zu schweigen von dem engen, bronzefarbenen Kleid und den langen, weißen Handschuhen.
Gemma lächelt wohlwollend, doch ihr Blick bleibt an Daphne hängen. Seit sie die Greengrasses letztes Jahr auf ihrer Weihnachtsparty kennengelernt hat, ist sie ganz entzückt von Pansys hübscher, schlanker, blonder Mitschülerin. »Hallo Mädchen, ihr seht wie immer toll aus. Daphne, dein Kleid steht dir wunderbar.«
»Oh, ja«, sagt Pansy spitz, »es ist so schön schlicht.«
Daphne kichert. »Deins ist auch toll, besonders die Farbe. Haben Sie das entworfen, Gemma?«
»Allerdings. Und du würdest umwerfend darin aussehen, bei deiner Figur.«
»Entschuldigt uns«, sagt Pansy mit gespieltem Lächeln, »es wird Zeit,uns bei Draco für die Einladung zu bedanken.« Dann hakt sie sich bei Blaise unter und zieht ihn mit sich durch die Menge, ohne irgendjemandes Reaktion abzuwarten.
»Egal, wie viele Männer deine Mutter noch unter die Erde bringt«, murmelt sie wütend, »zumindest würde sie dich nicht gegen jemand anderen eintauschen.«
Kurz darauf stoßen sie zu ihren Mitschülern. Blaise und Ted begrüßen sich mit einer komplizierten Abfolge von Handschlägen, um zu zeigen, wie cool sie sind (wobei sich Crabbe und Goyle mit einem kläglichen Nachahmungsversuch blamieren), und Pansy küsst die Luft neben Traceys Wangen, bevor sie sich grinsend an Draco wendet. »Du hast ganz wunderbar getanzt, bravo!«
Er deutet auf ihre mit Vergissmeinnicht verzierten Haarnadeln. »Dir wächst Unkraut aus dem Schädel, weißt du das?«
»Charmant wie immer! Übrigens kam mir das arme Mädchen, das mit dir tanzen musste, gar nicht bekannt vor. Lass mich raten: Erste Klasse, Hufflepuff?«
»Falsch«, antwortet er selbstgefällig. »Das arme Mädchen bekommt Privatunterricht, heißt Olivia Fudge und ist zufällig die Nichte von Cornelius Fudge, unserem Minister. Vielleicht hast du dir irgendwann einmal nicht die Nägel lackiert und dabei zufällig von ihm gehört.«
Pansy blinzelt. »Fudge? Ach, was. Und warum holst du sie nicht her und machst uns mit ihr bekannt?«
»Weil sie nervt.«
»Na und?«, raunt Blaise. »Könnte doch von Vorteil sein, sie zu kennen.«
»Vergesst es. Seit den Tanzproben hängt sie wie 'ne Klette an mir, ich bin froh, sie endlich los zu sein.«
»Habt ihr Daphne gesehen?«, fragt plötzlich eine gelangweilte Stimme hinter ihnen. Als sie sich umdrehen, steht Daphnes kleine Schwester vor ihnen, im schwarzen Tüllkleid, mit einer neon-pinken Strähne im Haar, und - für alle gut sichtbar - einen farblich passenden Kaugummi kauend.
Pansy findet den Namen Astoria viel zu hochgestochen für sie, auch wenn sie ebenso blond, blauäugig und perfekt ist wie Daphne.
»Warum?«, fragt Draco. »Ist sie deine Babysitterin?«
Crabbe grunzt.
»Unsere Eltern wollen sie sprechen«, antwortet Astoria kühl.
»Oh, sie müssen bloß der Schleimspur folgen, die zu meiner Mutter führt«, sagt Pansy, doch im nächsten Moment taucht Daphne mit Millicent aus der Menge auf.
»Was willst du hier, Tori?«, fragt sie.
»Mum und Dad möchten dich sehen, es geht um deine Note in Zaubertränke.«
»Hä?!«
»Sie sind gerade mit Professor Snape im Gespräch und wollen mit dir erörtern, wie du es auf ein Erwartungen übertroffen schaffen kannst.«
Pansy und die anderen versuchen vergeblich, ihr Kichern zu unterdrücken.
»Jetzt? Hier? Das ist doch ein Scherz!«
»Nö.«
Daphne atmet tief ein. »Schön. Sag ihnen, ich bin gleich da.«
Astoria lächelt hämisch, lässt eine große Kaugummiblase platzen und macht auf dem Absatz kehrt.
Für einen Moment schaut Daphne ihr hinterher, dann dreht sie sich mit flehendem Blick zu den anderen um. »Versteckt mich.«
Draco grinst. »Wir haben mehrere Falltüren im Boden, die ins Verlies führen. Wie wäre es damit?«
»Warte - ihr habt ein Verlies?«, hakt Millicent nach.
Er zuckt mit den Schultern. »Die Villa wurde im elften Jahrhundert erbaut, damals hatte man eben manchmal Gefangene.«
»Cool, das will ich sehen!«, sagt Tracey.
»Ich auch«, sagt Blaise.
»Ein Weinkeller wäre mir lieber«, meint Pansy.
»Hauptsache, wir verschwinden hier«, jammert Daphne und schaut Draco an. »Bitte!«
*.*.*.*
Draco wirft einen Blick zu seinen Eltern. Sie würden es wahrscheinlich nicht gutheißen, dass er die Abendveranstaltung schwänzt, ohne zumindest die wichtigsten Gäste begrüßt zu haben. Doch sie sind in einer Unterhaltung mit dem Sekretär des Ministers vertieft, in der es, wie Draco stark vermutet, um politische Belange, Geld, sensible Informationen, Geld, gegenseitige Gefallen und nicht zuletzt um Geld geht, ausgeschmückt mit jeder Menge Smalltalk.
Mit einem Kopfnicken bedeutet Draco den anderen, ihm in die rot marmorierte Eingangshalle zu folgen. Crabbe und Goyle waren schon öfter hier gewesen, und Ted ein paar Mal, als sie noch klein waren.
Während die Mädchen die Gemälde und einen steinernen Löwen bewundern, fragt Blaise ohne Umschweife nach dem Eingang des Verlieses. Seine Miene verrät nicht, ob Malfoy Manor ihn tatsächlich kalt lässt, oder er nur so tut, als ob. Auch nach zwei gemeinsamen Schuljahren kann Draco ihn immer noch nicht einschätzen und weiß kaum etwas von seinem Leben vor Hogwarts.
Wunschgemäß führt Draco seine Klassenkameraden also in das Morgenzimmer, in dem seine Mutter nicht nur ihre Freundinnen zum Tee empfängt, sondern außerdem eine schwere Holztür im Boden unter dem Teppich versteckt ist. Blaise, Tracey und Goyle sind die Einzigen, die Draco die steile Treppe nach unten folgen. Da niemand seinen Zauberstab dabei hat und sie außerhalb von Hogwarts sowieso nicht zaubern dürfen, dient ihnen nur eine kleine, flackernde Laterne als Lichtquelle. Wie zu erwarten, hat dann aber doch niemand das Bedürfnis, das modrig riechende Gewölbe zu erkunden, und als Goyle meint, eine Maus sei ihm über die Füße gelaufen, eilt Blaise als Erster die Treppe wieder hinauf.
Inzwischen sind die anderen ins angrenzende Klavierzimmer gegangen, wo Ted wahllos in die Tasten des Flügels haut, während sich Pansy, Daphne und Millicent bei den Händen fassen und im Kreis tanzen, wie kleine Mädchen.
Draco kann kaum mitansehen, wie Ted das altertümliche Instrument malträtiert. Er hat ja keine Ahnung, dass Klavierspielen eine ganz eigene Art von Magie ist, durch die man innerhalb weniger Minuten in eine andere Welt eintaucht, und dass die Melodien, die man diesem Ding entlockt, Gefühle vermitteln, die sich sonst nicht ausdrücken lassen. Doch würde er versuchen, das zu erklären, würden sich bloß alle über ihn lustig machen.
Nicht nur das Klavierspielen hatte seine Mutter ihm hier beigebracht, sondern auch das Walzer tanzen. Ein Bild hat er noch ganz klar vor Augen, da war er sechs gewesen. Immer wieder verwechselte er die Schrittfolge und ärgerte sich über sich selbst, aber sie ermunterte ihn geduldig, es nochmal zu versuchen, während sein Vater gegen den Türrahmen lehnte und sie schmunzelnd beobachtete.
Doch in den letzten Jahren wird dieses Zimmer nur noch sporadisch benutzt. Zuletzt hatten Draco und Olivia hier die Choreografie für den heutigen Eröffnungstanz geübt.
Nachdem sie einen Blick in die kleine Bibliothek geworfen haben, steigen sie die Doppeltreppe hinauf. Dabei nimmt Draco das Geschimpfe von Elladora Blacks Porträt, das er als Kleinkind einmal mit einem schwungvollen Schnauzbart verzierte, überhaupt nicht mehr wahr. Gleiches gilt für das große Gemälde am oberen Ende der Treppe, welches zu ignorieren er über die Jahre perfektioniert hat, doch heute hat er die Rechnung ohne seine kindischen Begleiter gemacht.
»Bist DU das?«, ruft Pansy, und Ted schlägt sich die Hand vor den Mund. »Was hast du da an?«
Die beiden brechen in Gelächter aus, und auch sonst gelingt es keinem, beim Anblick von dem kleinen Draco im einteiligen Samtanzug mit Tellerkragen ernst zu bleiben. Fairerweise muss man sagen, dass er in dem Aufzug wirklich dämlich aussieht.
»Ja ja, sehr witzig«, faucht Draco. »Wollt ihr jetzt die Familienerbstücke sehen, oder was?«
»Ach, das ist doch langweilig«, sagt Millicent.
»Genau, zeig uns lieber dein Zimmer«, schlägt Daphne vor.
Er schnaubt. »Vergiss es.«
»Aber es ist doch nicht mehr weit«, sagt Goyle und deutet auf eine der beiden gusseisernen Spindeltreppen, die weiter nach oben führen. »Wir müssen nur da hochgehen.«
Draco wirft ihm einen vernichtenden Blick zu, während Tracey anfängt, ihre Schuhe auszuziehen. »Perfekt, meine Füße bringen mich noch um.«
»Ich will auch nicht mehr laufen«, mault Crabbe.
»Und ich will so gerne mal das Zimmer eines Jungen sehen«, meint Daphne.
Eindringlich schaut Draco einen nach dem anderen an. »Wenn irgendwas kaputt geht, landet ihr alle im Verlies, klar?«
Kurz darauf folgen sie ihm die Treppe, die in das Ober- und Dachgeschoss führt, nach ganz oben, bis er schließlich die dunkel vertäfelte Holztür des Turmzimmers öffnet.
Einen Augenblick, nachdem sie den Raum betreten haben, stöhnt Pansy genervt auf, wird jedoch gleich von Ted mit einem »Abgefahren!« übertönt.
»Sowas von«, stimmt Blaise zu und lässt den Blick über die unzähligen Fanartikel der Montrose Magpies, Dracos Lieblings-Quidditchmannschaft, schweifen. Neben Postern, Trikots und Kinderbesen zählen ein gemeinsames Gruppenfoto mit der Mannschaft, ein Quaffel mit allen Autogrammen und ein Quidditch-Stadion im Miniaturformat zu seinen Schätzen.
Um Letzteres scharen sich die Jungs und feuern den winzigen Sucher von 1974 an, der mit seinem legendären Täuschungsmanöver noch einmal den Schnatz fängt und den Magpies zum britischen Ligapokal verhilft.
»Mein Vater ist auch Fan«, sagt Tracey und lässt sich auf einen Sessel aus dem siebzehnten Jahrhundert fallen, der einmal Ludwig XIV. gehört hat. »Haben die nicht erst gestern wieder ein Spiel gewonnen?«
Goyle nickt. »Gegen die Quiberon Quafflepunchers aus Frankreich.«
»Jetzt müssen sie nur noch die deutschen Heidelberger Wandalen schlagen, und sie sind wieder Europameister«, ergänzt Crabbe.
»Wie interessant«, murmelt Millicent und schaut sich irritiert um, »aber sag mal, wo ist eigentlich dein Bett?«
»In meinem Schlafzimmer, wo sonst?«, antwortet Draco.
»Du hast mehrere Zimmer?«
»Eigentlich nur zwei, wenn man das Lesezimmer nicht mitzählt.«
»Logisch, wer zählt schon sein Lesezimmer mit. Völlig klar.«
»Oh, Millie, schau mal!«, sagt Daphne, die an einem der kleinen Fenster steht und hinaus in die Gärten schaut. »Die Pfauen, sie sind ganz weiß. Hübsch, nicht?«
»Eine Hobbyzucht meiner Mutter«, erklärt Draco. »Für 270 Galleonen kannst du dir einen aussuchen. Außer Alberto, der gehört mir … Hey, was soll das werden?«, ruft er Pansy zu, die die alte Spielzeugtruhe in der anderen Ecke durchwühlt.
Doch anstatt sich zu erklären, hält sie ein weißes, elastisches Armband in die Höhe und strahlt. »Du hast ja Flunkerbänder!«
»Kinderkram«, sagt Draco.
»Die sind doch witzig«, wirft Blaise ein. »Pansy, ihr Bruder und ich haben damals oft damit gespielt.«
Lächelnd legt Pansy das Armband an und sagt: »Ich bin nicht Pansy«, woraufhin das Band rot aufleuchtet und sie freudig in die Hände klatscht.
»Was sind das für Dinger?«, fragt Goyle.
»Flunkerbänder spüren, ob man die Wahrheit sagt«, erklärt Blaise. »Man legt eins um das Handgelenk seiner Zauberhand und bekommt dann eine Frage gestellt, die man ehrlich beantworten muss. Wenn man lügt, leuchtet das Band rot, und man muss zur Strafe irgendwas Peinliches machen.«
»Klingt lustig.«
»Sag ich doch.«
»Oder der Lügner muss nach den Ferien für den Fragesteller Hausaufgaben in dem Fach seiner Wahl erledigen«, schlägt Pansy vor.
»Auch 'ne Idee.«
»Also, wir haben hier zehn Armbänder. Wer macht mit?«
»Au ja!«
»Ich!«
»Ich auch.«
Die anderen setzen sich in einem Kreis auf den Boden, so dass Draco schließlich dem Gruppenzwang nachgibt und zwischen Ted und Blaise Platz nimmt. »Was soll's.«
»Okay, wir fangen an«, sagt Pansy feierlich, nachdem sich alle ein Armband umgelegt haben. »Ich darf die erste Frage stellen, weil ich die Idee hatte.«
»Das hast du dir jetzt ausgedacht«, sagt Blaise, doch sie ignoriert ihn und wendet sich Millicent zu, die links neben ihr sitzt. »Millicent, wer in dieser Runde ist heute am besten angezogen?«
»Öhm … du?«, sagt Millicent zaghaft, nickt dann aber, um ihre Aussage zu bekräftigen. Doch im nächsten Moment leuchtet ihr Armband rot auf und Pansys zufriedenes Lächeln gefriert.
»Äh, ich meine, naja - Traceys Kleid ist auch sehr hübsch. Also ihr beide, würde ich sagen«, stammelt Millicent und ihr Armband wird wieder weiß.
»Zur Strafe erledigst du meine Hausaufgabe in Astronomie«, sagt Pansy kühl.
»Aber … darin bist du doch ganz gut, oder?«
»Schon, aber ich will Mittwochs noch einmal zu einer vernünftigen Uhrzeit ins Bett, anstatt den Nachthimmel zu studieren. Jeden Donnerstagmorgen hab ich Augenringe!«
»Abgemacht«, murmelt Millicent, aber ihre Miene hellt sich auf, als sie Daphne anschaut. »Daphne, wenn dein Leben davon abhinge, dass einer unserer Lehrer - unserer aktuellen Lehrer - nackt vor dir steht, wen würdest du wählen?«
Es folgt grölendes Gelächter, während Pansy angewidert das Gesicht verzieht und Blaise gut verständlich »Sinistra« hustet.
Daphne wird knallrot, doch dann scheint sie einen Gedankenblitz zu haben.»Dumbledore natürlich!«
Auf die entsetzten Gesichter hin erklärt sie: »Überlegt doch mal, er hat diesen gaaanz langen Bart!«
»Dumbledore ist aber kein Lehrer«, gibt Crabbe zu denken.
»Na gut, dann wähle ich Flitwick und schaue einfach über ihn hinweg.«
»Gut gerettet«, sagt Ted und Daphne lächelt ihn verschmitzt an. »Du bist dran! Also, Teddy, welches Ravenclaw-, Hufflepuff- und Gryffindormädchen aus unserem Jahrgang ist das hübscheste?«
»Uuh, spannend«, sagt Tracey.
»Hmm, mal überlegen. Aus Ravenclaw auf jeden Fall Lisa. Und aus Hufflepuff … Susan -«
»WAS?«
»Ähm, nein.«
»Hast du was an den Augen?«
»Was denn?«, fragt Ted.
»Komm schon«, sagt Draco. »Susan sieht aus wie ein Hefekloß. Megan ist hübscher.«
»Megan hat 'ne arrogante Ausstrahlung«, meint Ted. »Ich sage Susan. Bleibt also noch Gryffindor …«
»Du darfst aus einem anderen Jahrgang wählen«, sagt Pansy und lacht humorlos. »Ich meine, wenn Hermine, Lavender und Parvati zur Auswahl stehen, sitzen wir morgen noch hier.«
»Parvati sieht ganz gut aus«, sagt Ted.
»Aber wir hassen sie«, entgegnet Pansy, »wähl eine Andere.«
»Oh Mann, dann eben Romilda Vane!«
»Ist genehmigt. Und jetzt stell Draco eine Frage.«
Seufzend wendet sich Ted Draco zu. »Okay. Was ist das Peinlichste in deinem Kleiderschrank?«
Sofort verdrängt Draco das Bild seines Plüschdrachens aus dem Kopf und antwortet möglichst entspannt: »Socken von den Chudley Cannons, ein Fehlkauf meiner Großmutter.«
Doch gerade, als er seine Frage an Blaise stellen will, drängt sich der gute alte Monty noch einmal in seine Gedanken, und sein Armband leuchtet rot auf.
Verdammt.
»Strafe!«, ruft Pansy vergnügt.
»Zuerst raus mit der Wahrheit«, fordert Ted.
Finster sieht Draco ihn an. »Da liegt noch ein altes Plüschtier in meinem Schrank. Ich hatte immer vergessen, es zu entsorgen, und -«
Das Armband leuchtet erneut auf.
»Ja ja, schon gut!«, ruft er entnervt. »Mein Vater hat irgendwann sämtliches Spielzeug entsorgt, das er für zu kindisch hielt, aber ich wollte ihn behalten. Zufrieden?«
»Ihn?«
Inzwischen leuchten auch Dracos Ohren rot. »Ein Drache. Sein Name ist Monty.«
»Och, ist das süß!«, flötet Daphne, während Crabbe und Blaise versuchen, ihr Kichern zu verbergen.
»Er muss trotzdem bestraft werden«, sagt Pansy geschäftig. »Ted, für welches Fach soll Draco deine Hausaufgabe übernehmen?«
»Für Kräuterkunde«, antwortet Ted gnädig. Sprout legt den Schwerpunkt nämlich auf die praktische Arbeit in den Gewächshäusern, für ihre Hausaufgaben genügen meist ein paar stichpunktartige Notizen.
Als nächstes ist Blaise dran.
»Was ist dein dunkelstes Geheimnis?«, fragt Draco ihn.
Blaise wirkt kein bisschen nervös. »Ich hasse Knuddelmuffs. Ich kann die echt nicht ausstehen.«
»Schockierend«, sagt Draco, der sich etwas Spannenderes erhofft hatte, spöttisch. Für einen Augenblick glaubt er jedoch, Blaise und Pansy einen Blick tauschen zu sehen.
»Das war einfach«, stellt Blaise fest. »Weiter geht's. Goyle, was ist dein heimlicher Traum?«
»Oh … da muss ich nachdenken.« Wenn Goyle denkt, kann man beinahe hören, wie die Zahnräder in seinem Gehirn ineinandergreifen. Nach einer Weile nimmt er einen verklärten Ausdruck an und lächelt. »Ich fänd's echt super, zu singen. In 'ner Band oder so. Das wär was.«
»Wow, Greg«, sagt Ted, »ich hatte ja keine Ahnung, dass du singen kannst.«
»Kann ich auch nicht«, sagt Goyle verdutzt.
»Oh.«
Goyle sieht Crabbe an, dann lacht er. »Hö hö, wann hast du zuletzt gefurzt?«
»Im Ballsaal«, antwortet Crabbe mit unbewegter Miene und dreht sich zu Tracey um, die ein Stück von ihm weggerückt ist. »Was würdest du machen, wenn du für einen Tag unsichtbar wärst?«
Tracey überlegt einen Moment. »Ins Ministerium einbrechen und die Lösungsblätter der ZAG- und UTZ-Prüfungen stehlen.«
»Wozu? Wir sind erst in der dritten Klasse.«
»Ich könnte sie aber teuer an die Fünft- und Siebtklässler verkaufen.«
»Aah …«
»Das ist wirklich clever, sehr schön!«, sagt Pansy aufgesetzt und schaut in die Runde. »Also, ich, als Spielführerin -«
»Diese Position gibt es nicht«, bemerkt Blaise.
»- würde sagen, dass Tracey nun eine Frage an uns alle stellt. Das wäre doch ein lustiger Abschluss.«
»Oder ein Freifahrtschein für dich?«, fragt Tracey stirnrunzelnd.
»Das verstehe ich nicht.«
»Du warst noch nicht dran.«
»Doch, natürlich. Ich habe Millicent gefragt, wer am besten gekleidet ist.«
»Du weißt genau, was ich meine, du hast noch keine -«
»Tracey«, säuselt Pansy, als würde sie mit einem Kind reden,»nun stell uns doch bitte eine Frage, wir alle warten bloß auf dich.«
Draco lacht leise. Typisch Parkinson.
Tracey macht sich nicht länger die Mühe, zu protestieren und wirft den anderen einen vielsagenden Blick zu. Dann fragt sie mit süffisantem Grinsen: »Na gut, wer - abgesehen von mir - hat schon mal jemanden mit Zunge geküsst?«
Die Jungs werfen ihr verstohlene Blicke zu, Millicent und Daphne kichern. Nach und nach verneinen alle.
»Ich«, sagt Draco schließlich und kann sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen, als er in durchweg erstaunte Gesichter schaut.
»Wirklich?«
»Wen?«
»Olivia«, antwortet er.
»Fudge?«
»Welche sonst?«
»Also seid ihr jetzt ein Paar?«
»Natürlich nicht. Hab doch gesagt, die ging mir auf die Nerven.«
Das ist nicht ganz die Wahrheit, aber er hat sein Armband bereits unbemerkt abgenommen.
Blaise grinst ebenfalls. »Wie war's denn?«
»Ziemlich gut.«
Zumindest das ist nicht gelogen …
Irgendwann während ihrer Tanzprobe vor einer Woche hatte Olivia ein kleines, sonnengelbes Fläschchen aus ihrem Kleid gezogen, und ihm auch einen Schluck angeboten. Bis dahin kannte Draco das sogenannte Euphorie-Elixier nur vom Hörensagen, aber es bewirkte bei ihm genau das, was der Name verspricht. Danach alberten sie ein wenig herum, bis Olivia ihm plötzlich die Zunge in den Hals steckte (nicht, dass er sich beschwert hätte, sie sieht gut aus mit ihren eisblauen Augen und den langen, rotblonden Haaren).
Er hatte sich vorher noch nie so unbeholfen, und gleichzeitig so gut gefühlt. Und so knutschten sie dann eine Weile miteinander, bevor sie wieder zum tanzen übergingen. Und dann wieder knutschten. Und tanzten. Und noch einmal knutschten.
Als sie sich heute wiedersahen, tat sie so, als sei nichts weiter zwischen ihnen passiert und verließ nach dem Tanz mit einem anderen Jungen den Saal in Richtung Gärten. Es kümmert Draco nicht ansatzweise. Er wird die Stunden mit ihr einfach in guter Erinnerung behalten.
»Tja«, sagt Pansy geringschätzig. »Manche Leute wollen ihren ersten Kuss nun mal nicht von irgendeiner dahergelaufenen Person bekommen.«
Daraufhin legt ihr Tracey den Arm um die Schulter. »Zum Glück bin ich nicht jemand Dahergelaufenes.«
Verdutzt sieht Pansy sie an, bis Tracey plötzlich ihr Gesicht mit beiden Händen umfasst und die Lippen beherzt auf ihre drückt.
Dracos Kinnlade kracht auf den Boden; er bemerkt nur am Rande, wie Blaise ihn mit dem Ellbogen anstößt und die anderen Jungs in Jubel ausbrechen - da sitzen zwei Mädchen, in seinem Zimmer, und küssen sich. Nun, streng genommen küsst eine die andere. Gegen ihren Willen. Und beide sind eigentlich nervige Hühner. Aber egal! Draco hat dieses wunderbare Bild bereits für immer in seinem Hirn abgespeichert.
Pansy drückt Tracey von sich weg. »Spinnst du, oder was?«
»Du hast mir die Chance auf deinen Hausaufgaben-Service genommen«, verteidigt sich Tracey grinsend. »Da warst du mir wenigstens einen Kuss schuldig. Und hey, du hast einen großartigen ersten Kuss hinter dich gebracht, ist doch prima.«
»Das zählt nicht«, faucht Pansy, die Wangen gerötet. »Und er war bestimmt nicht großartig!«
»Aber jetzt hast du zumindest etwas Übung, bevor du mit Roger loslegst.«
»Wer?«, fragt Blaise.
»Niemand«, winkt Pansy ab.
»Roger Davies.«
»Tracey!«
»Was heißt denn hier ›loslegst‹?«
»Der ist doch in der Fünften«, sagt Ted irritiert.
»Na und?«, zischt Pansy.
Doch auch Draco hat das Bedürfnis, sich einzumischen. »Du kannst dich nicht einfach mit dem Feind einlassen, Davies ist Kapitän der Ravenclaws, und gegen die spielen …« Er hält inne. »Wartet, sie könnte doch deren Spieltaktik aus ihm rausquetschen.«
»Stimmt auch wieder«, gibt Blaise zu und mustert Pansy. »Auf welcher … Beziehungsebene befindet ihr euch denn?«
»Bisher auf keiner«, antwortet Tracey.
»Würdest du aufhören, meine privaten Angelegenheiten hier auszubreiten?«, herrscht Pansy sie an. »Außerdem braucht Roger nur einen Schubs in die richtige Richtung. Alles bloß eine Frage der Zeit.«
Draco zieht eine Augenbraue hoch. »Eine Frage der Zeit, bis du seine engste Vertraute bist, oder bis er weiß, dass du existierst?«
»Natürlich weiß er, dass ich existiere! Zu deiner Information, er hat einmal gesagt, dass ich hübsch bin.«
Nun muss er sich auf die Lippen beißen, um keinen blöden Spruch loszulassen, sonst sticht sie ihm mit ihren komischen Haarnadeln noch die Augen aus.
Blaise kratzt sich am Hinterkopf. »Trotzdem, das Spiel ist schon eineinhalb Wochen nach den Ferien, Malfoy. Ihr werdet einfach besser sein müssen als die Ravenclaws.«
»Ob du's glaubst oder nicht, Zabini, das ist der Plan.«
Beleidigt verschränkt Pansy die Arme, und Draco fragt sich unweigerlich, wie sie darauf kommt, dass sie und dieser Ravenclaw-Typ zusammenpassen könnten.
