Korbwaren — Juli 1970

Ein Jahr später hatte sich wenig geändert, in jenem düsteren Vorort von Manchester, in dem die Snapes existierten. Eine weitere Fabrik hatte geschlossen, sodass Tobias Snape fortan viel Zeit hatte, um mit Niall über Land zu fahren und Kram einzusammeln.
Im Mai hatte er bei einem neuerlichem Wutanfall die magische Schallmauer von siebenundzwanzigmal Verdammtdurchbrochen. Severus wusste nicht mehr, woran sich der Streit entzündet hatte, aber das Datum hatte er sich notiert. Er hätte nicht sagen können, wozu.
Ein paar Leute waren verschwunden aus Spinner's End, andere waren hinzugekommen.

Es roch nach Ferien.
Honkey Tonk Woman von den Stones wurde abgelöst von House Of The Rising Sun. Die Hollies sangen: „I can't tell the bottom from the top" und Severus entdeckte Black Sabbath mit Paranoid für sich, was er seinem Vater auch erzählte (nur viermal Verdammt, Severus war ein wenig enttäuscht). Die Snapes besaßen nun ein Radio und Moody Blues hatte eine Frage.

Auf einem ehemaligem Spielplatz, der meist einsam und verlassen war, hatte Severus ein Mädchen kennen gelernt, das anders war als Susan, die er nach wie vor nicht leiden konnte.
Es waren die letzten Ferien, nach denen Severus zurück auf die Muggelschule musste. Nur noch ein Jahr, dann würde er nach Hogwarts kommen. Zu seinesgleichen, gemeinsam mit dem Mädchen vom Spielplatz.
Er war noch immer ein Träumer, aber er war gut in der Schule, das besänftigte seinen Vater. Tobias war stolz auf Severus, wenn er gute Noten nach Hause brachte.
„Der Junge bringt es doch noch zu was", sagte er dann und Eileen sagte nichts.

Hin und wieder nahm Tobias seinen Sohn mit auf Tour. Nachmittags, wenn Severus mit den Hausaufgaben fertig war. Sie fuhren mit Niall und dem LKW, der im Jahr zuvor schon in den letzten Zügen gelegen hatte, weit übers Land und Severus war jedes Mal aufs Neue erstaunt, dass das Ungetüm die Steigungen der Pennines doch irgendwie meisterte.
In der Fahrerkabine stank es nach Diesel, Männerschweiß und Double Happiness, den Zigaretten aus Hong-Kong, von denen Niall täglich mehrere Päckchen in blauen Dunst verwandelte.

Manchmal machten sie Pause in einem Pub, in dem alte, schweigsame Männer sich um den Verstand tranken. Niall fegte hinein wie eine Gewitterwolke, führte Gespräche durch den ganzen Raum, in dem Zigarettenqualm und Armut die Sicht vernebelte.
Niall trank viel. Tobias trank nie etwas. Auch nicht, wenn ihm jemand etwas ausgeben wollte. Dafür sprach Niall mit den Leuten, das tat Tobias nicht und Severus drückte sich schutzsuchend an seinen Vater. Die groben Männer machten ihm Angst.
„Man muss doch sprechen mit den Kunden, sonst wird man nix gewahr", röhrte er und schlug Severus auf die knochige Schulter, dass dieser in die Knie ging. Niall lachte brüllend und leierte einem alten ledrigen Bauern die Information aus dem Kreuz, dass Bob, der Korbmacher ins Gras gebissen hatte. Anschließend floss sehr viel Bier und dann zog eine ganze Prozession zu der verfallenen Kate von Bob und sie räumten alles hinaus, was noch brauchbar war. Körbe und Besen und Reusen und Kinderwiegen. Alles auf die Pritsche von Nialls Fordson.

Diesmal konnte Severus mithelfen, weil die Korbwaren auch von einem Zehnjährigen bewältigt werden konnten und er war beinahe ein wenig stolz.
„Gehört das denn alles niemandem mehr?", fragte er leise seinen Vater.
Tobias lächelte.
„Wenn wir es nicht mitnehmen, dann holen es die Zigeuner."
Severus wusste nicht, was Zigeuner waren, aber es musste was Schlimmes sein, so wie sein Vater darüber sprach. Noch schlimmer als Iren. Also fragte er nicht weiter und trug einen weiteren Obstkorb auf den Pritschenwagen.

Bobs Kate war schnell leergeräumt und die wilden Männer tranken nun Schnaps aus kleinen Gläsern, ein paar Scheine wechselten den Besitzer und so lernte Severus die Grundzüge des Handels kennen.
Wenig später saßen sie wieder in der Fahrerkabine des Fordson und mit brüllendem Unmut sprang der Motor an. Eben als das letzte Tageslicht schwand. Mühsam rangierte Niall das Fahrzeug zurück auf die schmale Straße, als er plötzlich bremste.
„Hey, guck mal da", brüllte Niall und Zigarettenasche bröselte auf seine dreckige Hose. Mit ausgestrecktem Arm deutete er auf den knorrigen Apfelbaum direkt vor Bobs Kate.
„Da steh'n noch paar Besen! Die müssen noch mit! Wer hat wohl hier die jüngsten Beine?"

Ein Seufzen unterdrückend kletterte Severus vom Wagen und lief zum Apfelbaum und tatsächlich standen dort vier Reisigbesen, an den Stamm des knorrigen Baumes gelehnt.
Severus griff danach.
Und erstarrte.
Drei Besen waren nichts weiter als Besen. Der vierte aber, obwohl er genauso aussah wie die anderen, war doch anders. Vielleicht ein wenig älter. Blankes Griffholz, der Reisig etwas abgenutzter als der von den anderen. Auf den ersten muggeligen Blick nur ein alter Besen. Severus aber spürte sofort das zarte Summen von Magie.
Zärtlich strich er über den blanken Stiel und glaubte beinahe so etwas wie ein wohliges Schnauben zu hören.

„Hey! Penn nicht ein!", brüllte Niall um das Motorengeräusch zu übertönen und Severus beeilte sich, die Besen so auf der Ladefläche zu verstauen, dass sie nicht etwa auf der Heimfahrt verloren gingen, vor allem dieser eine Besen nicht. Er war hellwach. Vor Aufregung schlug ihm das Herz bis zum Hals. Stocksteif saß er auf der Beifahrerbank, aus der die Sprungfedern ragten.
„Was ist los? Gespenst gesehen?", fragte Tobias ihm leise ins Ohr. Severus schüttelte den Kopf. Er sollte nichts verraten, das hatte er sich zu Herzen genommen.
Er versuchte regelmäßig einen Blick in den Außenspiegel, der noch zur Hälfte vorhanden war, zu erhaschen. Was, wenn der Besen von der Ladefläche flog? Severus hatte ihn gut festgeklemmt zwischen ein paar Körben und dem rostigen Kohleherd, den sie schon am frühen Nachmittag entdeckt hatten.
Dann gab es natürlich noch ein weiteres Problem. Niall würde den Besen verkaufen. Flugbesen waren teuer. Er würde viel Geld dafür bekommen — aber halt! Niall war ein Muggel, für ihn war der Besen nur ein Besen. Nichts weiter.
Severus versuchte, abzuschätzen, wie teuer wohl ein Muggelbesen wäre. Traurig musste er aber einsehen, dass für jemanden, der gar kein Geld besaß, zwanzig Pence so unerschwinglich waren wie hundert Pfund.

Mitten in der Nacht bog der Fordson nach Spinner's End ein. An die Schulter seines Vaters gelehnt war Severus irgendwann doch eingeschlafen. Als der Wagen mit einem Ruck zum Stehen kam und der Motor verstummte, war er aber sofort wieder hellwach.
Der Besen, der Besen. Schnell sprang Severus aus der Fahrerkabine und rannte zur Ladefläche. Erleichtert atmete er aus. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er die Luft angehalten hatte. Atemlos strich er über das Griffholz des Besens, der wieder leise vibrierte, ganz wie ein schnaubendes Rennpferd.
Schnell hatte Severus den Besen von der Ladefläche geholt und schon stand Niall hinter ihm.

„Ach du Schande", röhrte er. „Das Ding ist ja uralt."

Enthusiastisch schlug er Severus wieder auf die Schultern. „Den verheizen wir lieber. Bring ihn mal schnell ins Haus."
Severus gefror das Blut in den Adern.
Verheizen?
Den guten Flugbesen?
Ohne ein einziges Wort herauszubringen, klammerte er sich an den Besen. Was sollte er auch sagen? Er sollte nicht alles verraten, hatte sein Vater ihm eingeschärft. Wie sollte er es auch erklären? Niall verstand ja nichts. Er war ja nur ein Muggel.
Dennoch konnte Severus nicht verhindern, dass ihm das Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand.

Wieder klopfte Niall ihm auf die Schultern. Die mussten schon grün und blau sein, von einem einzigen Tag.
„Willsten ham?", raunte Niall ihm zu und Severus war beinahe entsetzt, dass Niall auch leise sprechen konnte. Mit großen, tiefschwarzen Augen blickte er Niall an. Was, wenn er sich nur einen bösen Scherz erlaubte? Der kleine Junge war zu keiner Reaktion in der Lage.
Niall lächelte.
„Hau schon ab, nimm das Ding mit und lass es deinen Vater nicht sehen", flüsterte Niall und das ließ Severus sich nicht zweimal sagen. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, den Besen fest umklammert und so schnell seine Beine ihn trugen, rannte er die paar Meter nach Hause.
„Was hat er?", hörte er seinen Vater noch fragen.
„Muss mal pissen", blökte Niall und eine Sekunde später war Severus im Haus und hörte nicht mehr, was die Männer weiter sprachen.

Im Haus der Snapes war es düster wie immer. Einzig ein Gaslicht im Flur verbreitete ein wenig gespenstisch flackerndes Licht. Eileen saß in der Küche. Kaum sichtbar. Gerade so als wolle sie eins werden mit der Dunkelheit.
Sie saß oft dort. Den Rücken gerade durchgedrückt, die Hände vor sich, Handflächen auf der abgewetzten Wachstuchdecke. Ihre schwarzen Augen, kalt und leer, erinnerten an dunkle Tunnel.
Als Severus den Raum betrat, reagierte sie nicht. Erst als er direkt neben ihr stand, huschte ihr Blick nur kurz zu ihm herüber. Ein dünnes Lächeln flog über ihre Züge.
„Schau mal", sagte Severus aufgeregt und hielt ihr den Besen hin.
Der Besen vibrierte, beinahe schon vertraut.

Wortlos streichelte sie Severus über den Kopf, was er so sehr hasste, aber er wagte an diesem Abend nicht, den Kopf wegzuziehen.
Eileen nahm den Besen in ihre schmalen Hände und streichelte beinahe zärtlich über das Griffholz und den Ansatz der Borsten.
„Das ist ein Ikarus", sagte sie. „Ein C42, wenn ich nicht irre. Wo hast du den her?"
Eindringlich sah sie ihren Sohn an.
„Den haben wir mitgebracht und Niall hat ihn mir geschenkt", sagte Severus hastig. „Das ist ein Geheimnis", setzte er noch schnell hinzu und senkte den Blick.
„Ja, das sollte es sein. Ein Geheimnis", flüsterte Eileen und strich Severus abermals über den Kopf.

Ein Ikarus? C42? Davon hatte Severus noch nie gehört.Sauberwisch,Mondputzer,Silberpfeil, oder auch die Produkte der neugegründeten Firma Nimbus Rennbesen, ja, aber Ikarus?
„Die sind gut", sagte Eileen sanft. „Einfach gebaut, aber unverwüstlich. Eigentlich nicht für Sport oder Kunstflug gedacht, aber man kann allerhand aus ihnen herauskitzeln. Dieser sieht leider etwas mitgenommen aus. Du wirst ihn erst ein wenig pflegen müssen, den Reisig glätten, das Holz polieren und tu mir einen Gefallen. Probier ihn nicht ohne mich aus."
Sie reichte Severus den Besen zurück und legte die Hände wieder auf die Tischplatte. Ihr Blick ging irgendwohin und Severus wusste, dass das ungewohnt ausführliche Gespräch beendet war.
Über alle Backen strahlend ging Severus zu Bett. Den Besen nahm er mit unter die Decke und ließ ihn nicht mehr los. Das leise, zufriedene Schnauben und Vibrieren des Besens ließ ihn bald glücklich einschlafen.

Viel später erwachte er kurz. Er hörte wie seine Eltern sich anbrüllten. Worüber sie stritten konnte er nicht verstehen. Da sie sich ständig anschrieen, machte Severus sich keine weiteren Gedanken darüber und er träumte von seinem eigenen Besen und dem Goldenen Schnatz und dem Mond.