Na? Wer weiß worauf der Name des Landguts Bezug nimmt?


Kapitel 4:

Im Tchita-Hochland, ein gutes Stück östlich von Archadis lag ein kleines Landgut etwas abseits der alten Handelsroute von Balfonheim zur Hauptstadt des Imperiums. Es war ein friedlicher Ort mit ungewöhnlich kunstvoll verzierten Gebäuden und einem ausgedehnten Garten, wo eine breite Palette an Feldfrüchten erzeugt wurde. Auch diese Gärten waren kunstvoll hergerichtet: adrett arrangierte Beete, Feldfrüchte in harmonischem Kontrast und schmückende Blumenpracht dazwischen verstreut. Eine großzügig ausgestaltete Laube im Zentrum des Gartens lud zum Verweilen ein. Die letzten Jahre über hatte nur wenig den geruhsamen Fluss der Zeit unterbrochen. Die Bediensteten nahmen zwar bedürftige Reisende auf, die, wenn sie sich erholt hatten, weiter zogen und der Herr dieses Anwesens schickte immer wieder seinen Sekretär und die anderen Diener aus der Hauptstadt, wann immer der Herr für längere Zeit verreiste. Doch davon abgesehen war das Leben hier friedlich.

Das änderte sich, als nach über sieben Jahren der Herr dieses Landguts mit seinem jüngsten Sohn und dessen Partnerin – einer Viera! – dort auftauchte. Der Verwalter hatte stets gewissenhaft dafür gesorgt, dass die Räume seiner Herrschaft im besten Zustand waren, so dass er ohne Umschweife seine Gemächer beziehen konnte, genau wie für seine Begleiter Unterkünfte bereit standen. Auch sein persönlicher Gleiter fand in der Garage ohne weiteres Platz.

Was störte waren die offenkundigen Unstimmigkeiten zwischen Vater und Sohn, ganz besonders wenn es um die Forschungen des Vaters ging und sein Bestreben, das im Landgut vorhandene Labor zu modernisieren. Etwas, das der Sohn sehr ungern sah.

Balthier ging langsam zwischen den Beeten hin und her, den Sekretär Cids, Lixan, im Schlepptau. Dr. Cids Erholung war weiter fortgeschritten, so dass er sich wieder auf den Beinen halten und kurze Strecken gehen konnte – mit Hilfe auch längere – doch ermüdete er immer noch recht schnell. Daher hatte er alle Verwaltungsangelegenheiten an Balthier übertragen.

„Die Lieferung aus der Hauptstadt ist diesmal unbehelligt eingetroffen", meinte der Sekretär, der sein Klemmbrett studierte. „Das Wetter und der Verkehr waren günstig und es gab auch keinen Überfall."

Balthier, der einen gerade gelieferten Gehstock inspizierte, blickte zu Lixan. „Haben die Banditenüberfälle zugenommen?"

„Nicht übermäßig, aber doch spürbar", meinte Lixan. „Dr. Cid wird froh sein, dass diese Lieferung unbeschadet eingetroffen ist."

„Lass mich raten, noch mehr Laborutensilien?", meinte Balthier mit missmutigem Kopfschütteln.

Lixan nickte zögerlich. „Dr. Cid braucht nun mal seine Forschungen..."

„Seine Forschungen", unterbrach der Luftpirat hitzig, „waren es erst, die uns diesen Schlamassel eingebrockt haben!" Damit stürmte er zur Garage davon, den Gehstock noch immer fest umklammert.

Vor Cids Labor stoppte Balthier, atmete tief durch und trat leise ein. Sein Vater hatte erst einen Teil der Lieferung ausgepackt und verstaut, trotzdem saß er an der Werkbank und arrangierte konzentriert ein komplexes Geflecht aus Kristalliten und Drähten. Der Wissenschaftler war so in sein Werk vertieft, dass er Balthiers Ankunft gar nicht mitbekam. Der Luftpirat legte seinem Vater eine Hand auf die Schulter. „Na, woran arbeitest du?"

„Interessiert es dich wirklich, Ffamran?" meinte Cid abweisend, schüttelte die Hand ab, den Blick auf die Werkbank gerichtet.

„Es interessiert mich, weil deine Besessenheit wegen des Nethizit genauso angefangen hat! Erst hast du dich in dein Labor zurückgezogen, die Verwaltung an Lixan übergeben und dich in deine Arbeit vergraben. Und dann hattest du nichts weiter im Kopf als den verdammten Stein!"

Cid fuhr auf, wendete seinen Drehstuhl zu Balthier. „Und was soll ich deiner Meinung nach jetzt tun? Hm? Sag schon! Däumchen drehen und Löcher in die Luft starren? Mich ins Bett legen, bis ich versauere? Pilze züchten?"

„Oh, ich weiß nicht", schnarrte Balthier, „vielleicht verlässt du auch mal dein Labor, um etwas anderes zu sehen? Es war nie gut für dich, tagelang hier drin zu hocken."

„Ah, und du hilfst mir, als ach so pflichtbewusster Sohn, die zehn Schritte zur nächsten Bank zu machen wo ich mich ausruhen muss wie ein alter Tattergreis? Für die nächsten zehn Schritte?", schoss Cid zurück. „Langweilt dich das nicht langsam?"

Balthier biss die Zähne zusammen. „Ich will nur, dass es dir gut geht!"

Cid wendete seinen Blick wieder zur Werkbank, schnaubte abfällig.

„Ich weiß, du bist verärgert, dass es so lange dauert, bis du dich erholt hast, aber das braucht einfach Zeit. Der Mysth-Sturm hat dich fast umgebracht, also habe etwas Geduld."

Cid schwieg hartnäckig.

Balthier seufzte ärgerlich. „Und weil ich weiß, wie sehr du es hasst, auf andere angewiesen zu sein, habe ich dir etwas mitgebracht." Er legte den Gehstock vor Cid auf die Werkbank. Der Stock war aus polierter, dunkelroter Salika-Eiche mit feiner Maserung, prunkvoll verzierten Beschlägen und einem kostbar gearbeiteten Knauf. „Damit siehst du ganz sicher nicht wie ein Tattergreis aus, sondern wie ein schneidiger Trendsetter."

Cid studierte den Stock, die kostbaren und seltenen Materialien, der Stil der Verzierungen und erkannte, dass Ffamran seinen Geschmack immer noch sehr genau kannte. Er nahm den Stock in die Hand, wog ihn, ein gutes Gewicht – nicht zu schwer, nicht zu leicht. „Warum bist du noch hier?"

„Hm?", kam es von Ffamran.

„Du bist ein rastloser Weltenbummler, Ffamran", meinte Cid ungeduldig und schob den Stock zur Seite. „Du und Fran, ihr habt mich hierher gebracht, an einen sicheren Ort, wo ich mich wohlbehütet erholen kann. Du musst dich nicht mehr um mich kümmern, das können Lixan und die anderen genauso gut übernehmen." Er drehte sich wieder zu Balthier um. „Also, was hält dich hier?"

Er wird dich brauchen", sagte Jote, als Balthier sie informiert hatte, dass sie bald abreisen wollten.

Wie meinst du das?" Sie meinte ganz sicher nicht, dass Cid noch körperlich geschwächt war. So plump waren Viera nicht.

Sein Körper mag bald genesen sein, doch sein Herz ist gebrochen, sein Geist ohne Ziel", führte sie aus. „Die Krise ist noch nicht vorbei."

Balthier verlagerte sein Gewicht. „Wenn Cid sich etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er sich nicht mehr davon abbringen, Jote."

Jenes Ziel hat er erreicht, nicht wahr?"

Der Luftpirat drehte sich zur Seite und starrte in die Bäume. Das war ihm auch schon in den Sinn gekommen. Doch, was würde Cid jetzt tun? „Ich soll ihn in eine andere Richtung lenken? Ist es das?"

Nein. Er ist der Lotse, du bist der Anker. Ein Anker bietet Halt im Sturm." Die Viera-Oberin betrachtete den Hume lange. „Halte ihn gut fest, oder siehe, wie er dir für immer entgleitet."

Balthier schüttelte die Erinnerung ab und schnaubte. „Die letzten Monate über bin ich in allen Ecken der Welt herum gerannt. Abgesehen von Rozzaria. Auch ein Weltenbummler kann mal genug haben."

Unbefriedigt sah Cid ihn an. „Das ist keine Antwort darauf warum ihr zwei hier seid."

Balthier grinste lässig. „Du willst bessere Antworten? Komm aus deinem Labor heraus, vielleicht findest du sie dann. Na?", forderte er ihn heraus.

Cid studierte ihn einige Momente lang, dann wendete er sich mit einer unwirschen Geste wieder zu seiner Werkbank um. „Lass mich in Ruhe."

Einige Sekunden lang hörte der Wissenschaftler nichts von Ffamran, dann ein Seufzen und der jüngere Mann verließ wortlos das Labor. Als die Tür sich geschlossen hatte, warf Cid einen schnellen Blick über die Schulter und griff zögernd nach dem Gehstock.

Das war ein exquisites Stück, kostbar, keine Frage, aber das war nicht worauf Ffamran Wert gelegt hatte. Nein, mit Wohlstand zu prahlen war nicht das Ziel dieses Geschenks, sondern... Der Wissenschaftler packte den Stock fest, schloss die Augen.

Sein jüngster Sohn hatte ein Gespür für die richtigen Geschenke und es war nie etwas nutz- oder bedeutungsloses. Also –

Sorgfältig tastete er eine Handbreit unterhalb des Knaufs nach einem Knopf, fand ihn und – siehe da – der Stock teilte sich und eine Klinge kam zum Vorschein, aus perfekt gearbeiteten Damaszener-Stahl. Ein schmerzliches Lächeln stahl sich über Cids Gesicht. Wunderbar ausgewogen, schlicht und scharf. Perfekt. Das letzte Mal, dass Ffamran ihm ein so perfektes Geschenk gemacht hatte, war... ein paar Monate vor seiner Forschungsreise nach Giruvegan. Doch wo war jenes Amulett geblieben?

Cid schob die Klinge vorsichtig wieder in den Stock und verriegelte ihn. Er drückte das Holz gegen Brust und Wange und versank in düstere Erinnerungen und ziellose Gedanken.

...

Die hölzerne Laube im Zentrum des Gartens war mit einem Tisch und mehreren Bänken ausgestattet. In einer Truhe fanden sich Kissen und Decken um der kühlen Abendluft zu trotzen. Ein paar Leuchtsteine sorgten dafür, dass auch die Dunkelheit der Nacht einen nicht vertreiben konnte.

Doch noch war Tag und Balthier hatte keinen Blick für die Annehmlichkeiten der Laube. Er lehnte an einem der Holzpfeiler und starrte niedergeschlagen in den Garten.

Fran trat leise neben ihn. Auch wenn das Landgut kein Wald war, schien es der Viera hier gut zu gefallen. Die letzten Tage über hatte sie die Ländereien erkundet und die Anstrengungen der vergangenen Wochen waren von ihr abgefallen. Balthier warf seiner Partnerin ein schiefes Lächeln zu. Wenigstens einer tat es gut, hier zu sein. Etwas das er von sich selbst und auch von Cid nicht behaupten konnte. Seit sie hier waren, hatte Cid sich wieder in sein Labor verkrochen, sich wieder von ihm entfernt. Balthier seufzte. Nichts was er tat, schien das ändern zu können und Cids Reaktionen auf ihn... der Luftpirat fragte sich, ob es nicht Zeit war die Strahl von Vaan zurück zu holen und wieder in die Lüfte zu stechen.

„Was ist dies für ein Ort?", fragte Fran.

Balthier sah sie fragend an. Es ging ihr nicht um die Laube oder den Garten.

„Ich spüre hier Frieden und Traurigkeit", führte sie aus, „doch ich sehe nicht den Grund."

Der Luftpirat fuhr sich über das Gesicht. „Das Himmelswind-Landgut war die Mitgift meiner Mutter. Sie starb als ich nicht ganz fünfzehn Jahre war nach längerer Krankheit. Die Ärzte taten alles, konnten ihr aber nicht helfen. Und sie fanden auch keine Ursache, was das betrifft." Balthier seufzte und starrte in die Ferne. „Sie ist hier gestorben. Wir wollten ihr die letzten Tage so angenehm wie möglich machen. Nach ihrer Bestattung hat Vater nie wieder etwas über das Landgut gesagt und ich habe nicht danach gefragt."

Die Viera schwieg, verharrte an seiner Seite.

Der Hume blinzelte heftig. „War wahrscheinlich keine gute Idee, hierher zu kommen. Ich meine, Cid... ich komme nicht zu ihm durch."

„Doch."

Balthier sah sie verwundert an. „Was?"

„Siehst du es nicht? Cid ist in einem Sturm gefangen, ohne Ziel, ohne Steuer. Er braucht seinen Anker."

„Was soll ich denn machen?", Balthier warf die Hände in die Luft. „Der alte Knacker lässt mich doch nicht."

Fran sah ihn rügend an. „Du tust es schon, Balthier."

Der Luftpirat drehte sich weg, stützte die Ellbogen auf das breite Geländer der Laube und vergrub das Gesicht in den Händen. Verflixt kryptische Viera mit ihren verflixt kryptischen Metaphern. Er hatte nicht den Nerv jetzt auch noch diese Bedeutungen auszugraben.

„Der Sturm wird bald brechen", führte Fran aus. „Hab Geduld, sei hartnäckig und halte Cid fest. Nur du kannst verhindern, dass der Sturm ihn davonträgt."

Nun, wenigstens das war deutlich. Er legte die Hände aufs Geländer, drückte sich hoch. „Na schön. Geduld. Hartnäckigkeit. Hoffen wir mal, es zahlt sich aus."

Eilige Schritte kamen auf die Laube zu und die zwei Luftpiraten wendeten sich um. Einer der Gärtner rannte zu ihnen. „Sir! Meister Ffamran!"

Balthier schloss kurz die Augen. Er hatte hier keinen dazu bringen können, ihn nicht so zu nennen. Allein Lixan bemühte sich, keine Namen zu verwenden, wenn sie miteinander sprachen. „Was ist es denn diesmal? Wieder ein Tierverbiss an den Schwarzbeerensträuchern?"

„Nein, Herr. Am Tor –", der Gärtner atmete tief durch. „Die Lieferanten sind wieder zurück gekommen, sie haben einen Verletzten gefunden, nicht weit von hier!"

Balthier und Fran tauschten einen Blick. „Informiere Lixan", wies der Luftpirat an, dann eilten er und die Viera zum Tor, wo sie die Lieferanten und ein paar weitere Angestellte fanden, die sich um eine offensichtlich bewusstlose Person kümmerten.

Balthier schob einen der Leute zur Seite und sank neben dem Bewusstlosen auf die Knie. Ein dunkelhaariger Hume mit zerrissener, dreckiger Wandertracht, verkrusteten Schürfwunden und Prellungen. Der Luftpirat prüfte Herzschlag und Atem, er lebte. Die Temperatur des Mannes war leicht erhöht und er war auch mit kräftigem Schütteln nicht zu wecken.

„Ein Überfall", meinte Fran.

Balthier sah zu ihr hoch. „Sicher?"

Sie nickte. „Seine Taschen sind leer. Weder Schuhe, Gürtel oder Kopfbedeckung. Die Spuren im Gesicht: Faustschläge."

Der Hume knurrte, erhob sich und winkte die Gärtner heran. „Bringt den hier ins Haupthaus, sie sollen ihn gut versorgen. Außerdem, lasst die Waffenkammer öffnen. Jeder hier soll mindestens einen Dolch mit sich führen – wenn möglich etwas besseres – bis wir geklärt haben, ob uns ein Überfall droht. Teilt auch Patrouillen ein – Tag und Nacht. Verstanden?"

Die Gärtner nickten grimmig. Sie kannten diese Vorsichtsmaßnahmen sehr gut und fanden nichts daran auszusetzen.

Dann sah Balthier zu Fran. „Schauen wir doch mal, wo der hergekommen ist."

Stunden später, als es schon dunkel wurde, kam Balthier allein zum Landgut zurück, staubig, hungrig, frustriert. Er stutzte, als er das Eingangstor passierte und ein Luk mit wachsam glühenden Auge durch den Garten schwebte. Also hatte Cid es für angemessen gehalten, ihre Sicherheit mit seinen mechanischen Wächtern zu verstärken.

In der Küche lehnte er seine Feuerwaffe an die Wand und schenkte sich kühles Wasser ein, um seinen Durst zu stillen.

„Nun, hast du etwas zu berichten?" Cid war herein gekommen, lehnte sich an den Küchentisch, die Hände verschränkt auf den Gehstock gelegt.

Balthier starrte den Stock an, dann seufzte er und trank noch ein Glas Wasser. „Wir sind den Spuren soweit nachgegangen wie wir konnten, haben aber nichts Auffälliges gefunden. Fran hat beschlossen, noch einen genaueren Blick auf die Umgebung zu werfen."

„Hm." Cid griff etwas unwillig nach einem Stuhl, setzte sich. „Lixan berichtete, dass die Zahl der Banditen in der Umgebung über die letzten Jahre zugenommen hat. Unverständlich wie das sein kann."

Der Luftpirat wendete sich zum Vorratsschrank, um sich ein spätes Abendessen zu nehmen, schwieg.

Cid studierte den jüngeren Mann. „Ffamran..."

„Wie geht es dem Verletzten?", unterbrach Balthier, während er sich mit seinem Teller umdrehte und gegen den Schrank lehnte.

„Sein Name ist Kormag Golberra. Er sollte schnell wieder auf den Beinen sein. Wie du richtig erkannt hast, wurde er ausgeraubt", antwortete Cid knapp, rückte seine Brille zurecht. „Was –"

Balthier schnaubte. „Dann sollte ich morgen einen genauen Blick auf unsere Verteidigungsmaßnahmen werfen." Er griff nach seiner Formalhaut und ging mit langen Schritten zur Tür.

„Ffamran!" Cid fuhr aus seinem Stuhl hoch, „wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es!"

Unwillig drehte Balthier sich zu dem Wissenschaftler um. „Hast du wirklich keine Ahnung, was Vaynes Kriegszüge angerichtet haben?"

„Nabradia ist auf der anderen Seite des Kontinents und Dalmasca ist noch weiter entfernt, wie könnte das uns hier betreffen?", meinte Cid verächtlich.

Balthier schüttelte den Kopf, stellte den Teller unsanft ab. „Und was ist mit den Leuten, die diese Kriegszüge entwurzelt haben? Egal ob Nabradia, Dalmasca oder hier im Imperium? Was glaubst du, passiert mit Leuten, die verzweifelt ums Überleben kämpfen?"

„Hast du etwa Mitleid mit solchem Gesindel? Aber ein Luftpirat ist ja nicht so anders als ein Straßenräuber."

Der junge Mann trat energisch vor. „Du wirfst mich nicht mit solchen Banditen in einen Topf! Ich habe nie Arme oder Wehrlose angegriffen oder ausgeraubt!"

„Das Ehrgefühl eines Luftpiraten", spottete Cid.

Balthier knirschte mit den Zähnen und riss seinen Jähzorn am Riemen. „Das war nicht das Thema."

Cid zog die Brauen hoch.

„Krieg destabilisiert alles", knurrte Balthier. „Die Verlierer werden entwurzelt oder unterdrückt. Die Sieger verlieren tausende Soldaten und das Militär frisst alle Ressourcen auf, wird zu einem aufgeblähten Moloch. Kein Wunder, dass alle anderen leiden!"

„Und wie bist du zu dieser Weisheit gekommen? Du bist doch selbst desertiert! Weggerannt!"

„Ja, ich habe mich davon gemacht, aber ich habe nicht in bequemen Palästen gesessen oder mich im Labor eingesperrt", schoss Balthier zurück. „Ich habe die Welt bereist und mit eigenen Augen gesehen, was der Krieg – dein Krieg – angerichtet hat!"

„Diese Siege waren Vaynes Verdienst. Ich habe ihn nie gedrängt in den Krieg zu ziehen", widersprach Cid heftig.

„Aufgehalten hast du ihn aber auch nicht, oder?", fauchte Balthier. „Dir ging es doch nur um diese verdammten Steine! Glaubst du wirklich, dass ein Krieg die einfachste Methode war, die in die Finger zu bekommen? Niemand wusste doch etwas von ihrer Macht. Auch die Königsfamilien von Nabradia und Dalmasca nicht mehr. Für die waren die Steine nur nutzlose Relikte und nicht mal übermäßig stark gesichert!"

Heftig atmete Balthier durch und sah das beginnende Stirnrunzeln Dr. Cids. „Verdammt noch mal. Ein einfacher Straßendieb hat sich den Abendsplitter aus der ach so geheimen Schatzkammer Rabanastres gekrallt!"

Verwundert blinzelte Cid. Nach den Berichten, die er erhalten hatte, waren Ffamran und Fran nach ihrem vermeintlich fehlgeschlagenen Raubzug in Rabanastre festgenommen worden. In Begleitung von Amalia. Und eines unbedarften Straßenjungen. Hatte der tatsächlich...

„Sieh es ein, Vater", sagte Balthier bitter und wendete sich ab. „Vayne hat Nabradia und Dalmasca angegriffen, weil er sie unterwerfen wollte. Die Steine waren bestenfalls ein Bonus."

Ein kalter Schauder überlief Cid und er ließ Ffamran ungehindert gehen. Zweifel keimte in ihm auf. Der Krieg – das war doch notwendig gewesen, um seine Ziele zu erreichen, nicht wahr? Er sank wieder in den Stuhl und drückte den Knauf des Stocks gegen die Stirn.

...

Am nächsten Morgen hatte Balthier sein Frühstück noch nicht ganz beendet, da trat Lixan zu ihm hin.

„Sir? Unser Gast, Mr. Golberra ist aufgewacht. Sie wollten ihn sprechen", sagte Cids Sekretär.

„Ja. Danke", meinte der Luftpirat und leerte seine Tasse. Er erhob sich und zupfte missmutig an seiner Kleidung. Da seine gewohnte Kluft durch den gestrigen Streifzug ziemlich verschmutzt war, hatte er sich mit den Vorräten des Landguts behelfen müssen. Deshalb sah er wieder wie ein verweichlichter Erstbürger aus, nicht wie ein verwegener Luftpirat. Ärgerlich.

Während er mit Lixan zum Gästezimmer ging, runzelte er die Stirn. „Hast du Dr. Cid heute schon gesehen?"

„Nein." Der Sekretär schüttelte den Kopf. „Doch der Herr schläft seit seiner Rückkehr sehr viel."

„Hmm. Ich hätte erwartet, dass ein möglicher Banditenangriff und das Opfer eines Raubüberfalls ihn schneller aus dem Bett holen würde", meinte Balthier bissig. „Nun, egal. Ist Fran schon zurück gekommen?"

Lixan schüttelte wieder den Kopf. „Die Bediensteten haben sie nicht gesehen und auch die Luks haben nach Ihrer Rückkehr, Sir", er nickte zu Balthier, „keine weiteren Vorkommnisse gemeldet."

Der Luftpirat nickte. Er hatte nichts anderes erwartet. So wie er es einschätzte, würde Fran mehrere Tage die Umgebung erkunden, außer sie fand etwas Besorgniserregendes.

Er klopfte an die Tür des Gästezimmers und trat nach einem schwachen „Herein" mit Lixan ein.

„Guten Morgen", sagte Balthier zu dem Mann, der auf mehrere Kissen gelehnt im Bett lag.

„Guten Morgen...", kam die Antwort mit einer geschwächten Stimme.

„Mr. Golberra", übernahm Lixan beflissentlich das Wort. „Darf ich vorstellen: Ffamran Mid Bunansa. Dieses Landgut gehört seiner Familie. Meister Bunansa: Kormag Golberra. Reisender Händler, der vor zwei Tagen überfallen wurde."

Balthier warf Lixan einen sardonischen Blick zu. Ausgerechnet sein alter Name. „Wie geht es Ihnen, Mr. Golberra?"

„Ich – nun, wie gerädert. Aber, als diese Mistkerle mich hatten, hatte ich Angst, dass sie mich umbringen", stieß der Verletzte heraus. „Vielen Dank, dass Sie mich aufgenommen haben, Meister Bunansa."

„Selbstverständlich", antwortete Balthier knapp und holte einen Stuhl zum Bett, setzte sich. „Fühlen Sie sich in der Lage, mir ein paar Fragen zu beantworten?"

„Fragen Sie nur. Was wollen Sie wissen?"

„Was genau ist Ihnen zugestoßen, Mr. Golberra?"

„Nun, ich hatte den ersten Teil der Reise von Balfonheim nach Archadis hinter mir und in Ronelstadt einen Chocobo für die letzte Etappe gemietet. Ich soll in Archadis neue Handelskontakte knüpfen, also – aber dann lauerte mir plötzlich ein ganzer Haufen Banditen auf!" Der Mann atmete aufgeregt. „Keine Ahnung wie viele es waren – fünf oder zehn mindestens. Also habe ich dem Vogel die Sporen gegeben, aber die hatten ein Netz aufgespannt und mich herunter geholt. Ich habe mich gewehrt, ja, aber gegen so viele? Sie – sie machten sich einen Spaß daraus, mich bis aufs Letzte auszuplündern und dann haben sie mich in die Wildnis gehetzt!"

„Diese Tiere", kommentierte Lixan empört.

„Welcher Rasse gehörten die Banditen an?", wollte Balthier wissen.

„Ich – oh... Hume", antwortete Golberra langsam, „aber da waren glaube ich auch zwei oder drei Bangaa und vielleicht ein Seek? Aber das könnte ich nicht beschwören."

„Wann genau war das?", hakte Balthier nach, mit ernstem Gesicht.

„Vor zwei Tagen? Drei? Ich weiß es nicht genau." Der Verwundete zuckte die Schultern. „Es war so entsetzlich, ich dachte, die Quahl fressen mich bei lebendigen Leib auf!" Golberra erschauderte. „Wo, wo genau bin ich hier?"

„Himmelswind-Landgut, östliches Tchita-Hochland", sagte Balthier trocken und sah, wie die Augen ihres Gastes groß wurden.

„Was? So weit bin ich vom Weg abgekommen?"

„Leider ja. Mr. Golberra, gibt es jemanden, den wir für Sie informieren sollen?", bot Lixan an. „Wir könnten einen Boten nach Ronelstadt oder Archadis schicken."

„Oh, das ist... sehr nett, aber nein, nein", wehrte Golberra aufgewühlt ab. „Ich meine – ich – ich schreibe selbst einen Brief, wenn ich –" er stockte und schüttelte den Kopf.

„Ich denke, Sie sollten sich jetzt ausruhen, Mr. Golberra", meinte Balthier und erhob sich. „Wenn Sie etwas brauchen, klingeln Sie."

„Danke, vielen Dank für die Gastfreundschaft, Meister Bunansa", sagte Golberra hastig, senkte den Kopf wie bei einer Verbeugung.

Balthier nickte und er verließ mit Lixan das Gästezimmer. Vor der Tür stoppte der Luftpirat und sah den Sekretär stirnrunzelnd an. „Merkwürdig. Dieser Akzent? Woher kenne ich den nur?"

„Verzeihung, Sir, doch das kann ich nicht beantworten", erwiderte Lixan, der auf seinem Klemmbrett Notizen machte. „Ich informiere die Sicherheitskräfte in Ronelstadt und Archadis über den Vorfall."

„Tu das", meinte Balthier. „Bleibt nur noch eine Frage: Warum benutzt du Papier und Stift und keines von Dr. Cids Datengeräten?"

„Ah, nun...", der Sekretär sah verdattert auf, blinzelte Balthier ratlos an. „Ich... wohl aus Gewohnheit."

...

Balthier war den ganzen Vormittag beschäftigt, die Sicherheitsmaßnahmen und Verteidigung des Landguts zu prüfen und nachzubessern, so bemerkte er nicht, dass Dr. Cid den ganzen Vormittag verschwunden blieb. Erst lautes Krachen und Scheppern aus Richtung der Garage weckte seine Aufmerksamkeit und er rannte zum Labor. Er riss die Tür auf und stürmte hinein. „Vater!"

Cid schleuderte mit wutverzerrtem Gesicht einen Glaskolben an die Wand, wo er mit grellem Klirren zersplitterte. Dann packte er einen halbvollen Reagenzglasständer und schmetterte ihn vor sich zu Boden.

Hastig packte der Luftpirat Cid am Arm. „Was machst du denn da?"

Wutschnaubend entrang Cid sich aus dem Griff und fuhr zu Balthier herum. „Du! Elender Abschaum, verzieh dich!", brüllte er.

Verblüfft stoppte Balthier. So hatte Cid ihn seit dem Katarakt nicht mehr genannt – er taumelte, als der Wissenschaftler ihn fort stieß. Was war nur in ihn gefahren?

„Vater?"

Hastig sprang er zur Seite, als Cid ihm ein gläsernes Rohr entgegen schleuderte, gefolgt von einer Destille.

„Feigling! Enttäuschung! Fehlschlag!", schrie Cid ihn an, mit jeweils einem geschleuderten Stück Laborguts, tobend vor Wut.

Nur mit Glück schaffte Balthier es, den Geschossen auszuweichen, bis eine Petri-Schale nur knapp sein Ohr streifte und hinter ihm an der Wand zersprang.

„Verdammt noch mal!" Beherzt duckte Balthier sich unter der nächsten Petri-Schale hinweg und packte den Wissenschaftler an der Taille, drängte ihn von den Laborutensilien weg. „Bist du jetzt komplett durchgedreht, oder was?"

„Lass mich los!", brüllte Cid und drückte gegen Balthiers Arme.

„Nein!", hielt der jüngere Mann entgegen. „Du beruhigst dich jetzt und hörst auf, dein Labor zu zerlegen!"

„Was schert dich das? Warum verschwindest du nicht endlich? So wie du es ja immer machst?", schäumte Cid.

„Nein! Ich laufe nicht mehr weg!" Er packte ihn fester, zerrte Cid Schritt für Schritt in Richtung Tür.

„Vayne war so viel besser als du!", knirschte der ältere Mann und lachte höhnisch, als Balthier zusammenzuckte. Er stieß den plötzlich schwachen Griff seines Sohnes weg. „Ja, ganz Recht. Vayne war besser! Er hatte keine Angst davor, auch die höchsten Ziele anzupacken, egal was es kostete!"

Balthier starrte ihn entgeistert an, taumelte einen Schritt zurück. Was...?

„Und was bringst du zustande? Nichts! Immer läufst du nur weg. Also mach schon, renne!" Die Anstrengung seines explosiven Wutausbruchs ließen den Wissenschaftler selbst gegen die Wand taumeln.

Der Luftpirat schüttelte sich. „Nein, ich bin damit fertig, wegzurennen. Egal was du mir an den Kopf wirfst, mich wirst du nicht los!"

„Wieso?", schrie Cid ihn an. „Warum jetzt nach so vielen Jahren? Wenn schon alles vorbei ist? Ich will dich nicht hier haben!" Er taumelte, suchte Halt an der Wand.

Balthier sprang zu ihm hin, stützte ihn. „Du sturer Bock! Du bist mein Vater! Warum sonst?"

Cid schüttelte stumm den Kopf, sackte langsam zusammen.

Der Sohn half ihm auf den Boden hinab, auf einem Flecken ohne Scherben. „Was ist heute nur in dich gefahren? So ein grundloser Wutausbruch sieht dir wirklich nicht ähnlich."

Der Wissenschaftler funkelte ihn düster an. „Das wirst du nie verstehen."

Balthier rollte die Augen. „Oh, wirklich? Warum versuchst du es nicht mal?"

Cid stieß ihn wieder zurück, lehnte sich erschöpft an die Wand.

„Sag schon, Vater", beharrte Balthier, „ich kann dir nicht helfen, wenn ich nicht weiß, was mit dir los ist."

Müde starrte Cid ihn an, die Wut war erloschen und jetzt konnte der Luftpirat den Schmerz erkennen. „Weißt du es wirklich nicht? Welches Datum haben wir denn heute, Ffamran?"

„Datum?" Was hatte das denn... Die Erkenntnis ließ Balthiers Augen groß werden. „Heute ist Vaynes Geburtstag." Die Geburtstage der Mitglieder der Familie des Imperators waren Feiertage – und die der Prinzen wurden natürlich besonders prächtig gefeiert.

Cid nickte niedergeschlagen. „Siehst du? Ich sagte doch, du verstehst es nicht."

Mit ärgerlichem Knurren packte Balthier den Wissenschaftler und hievte ihn auf die Füße.

„Lass mich endlich in Ruhe, Ffamran." Schwach sträubte er sich gegen Balthiers Griff.

„Nein", widersprach er, hielt seinen Vater aufrecht. „Du sturer Bock! Du verstehst hier gar nichts!"

„Erzähl mir nicht, dass du auch um Vayne trauerst!" Cid taumelte, als Balthier ihn zur Tür bugsierte. „Du hast doch geholfen ihn umzubringen!"

„Ach, du engstirniger Narr", knurrte Balthier und zerrte ihn durch die Garage zur Küche, wo er ihn in einem Stuhl ablud. Die Bediensteten strömten wie Wasser an ihnen vorbei aus dem Raum.

Balthier legte seinem Vater die Hände auf die Schultern, starrte fest in die schmerzerfüllten Augen. „Nur weil ich deine Trauer nicht teile, heißt das nicht, dass ich sie nicht nachfühlen kann, Vater."

Cid drehte den Kopf weg, die Augen geschlossen. Ffamran drückte nochmal seine Schultern und dann... machte der junge Mann sich an ein paar Schränken zu schaffen? Was? Etwas mühsam drehte der Wissenschaftler sich um, als Ffamran hinter ihm etwas auf den Tisch stellte. Eine Flasche Wein – Bhujerba-Tropfen – und zwei Weingläser.

Mit geübtem Griff öffnete der Luftpirat die Flasche und schenkte ihnen beiden ein. Cid nahm das angebotene Glas mit skeptischem Blick und Balthier nahm über Eck Platz.

„Prost", meinte Balthier und nahm einen Schluck. „Hast du schon mal was von Malkinno gehört?"

Cid legte den Kopf schief. „Dieser skrupellose Sklavenhändler? Ist er nicht vor ein paar Jahren von einem Konkurrenten erschlagen worden?"

„Genau der."

„Was ist mit ihm?", fragte Cid nach, als Balthier schwieg.

„Er war ein kompletter Bastard, um nicht zu sagen ein Schweinehund", meinte der Luftpirat. „Ändert nichts daran, dass er mich eine Weile lang aufgenommen hatte, als ich noch komplett neu im Geschäft war."

„Was?" Cids Augenbrauen schossen hoch. „Dieser Menschenschinder war dein – dein Mentor?" Fassungslosigkeit stand in seinem Gesicht.

Balthier lachte auf. „Nein. Ganz und gar nicht. Seine Methoden haben mich von Anfang an abgestoßen. Sklavenhandel – ein übles Geschäft. Ändert aber trotzdem nichts daran, dass er mir in der Anfangszeit den einen oder anderen Tipp gegeben hat." Er nahm noch einen Schluck Wein. „Wie kommt man an Informationen ran, wo sitzen die besten Hehler, gute Orte für einen Unterschlupf, so was in der Art."

Cid lauschte mit entsetzter Faszination, trank selbst vom Wein. Wo war Ffamran da nur hineingeraten?

„Habe mich von Anfang an so gut es ging von ihm ferngehalten und nach seinem Tod war ich wie alle anderen auch erleichtert. Trotzdem habe ich in seinem Namen das eine oder andere Glas gehoben." Balthiers Blick war auf die Tischplatte gerichtet. „Ich weiß also sehr gut, wie es ist um jemanden zu trauern, den alle anderen ablehnen." Er sah zu Cid.

So wie es ihm mit Vayne erging, hörte Cid die unausgesprochenen Worte. Er starrte ins Glas, um das er seine Hände verschränkte. „Vayne...", er schüttelte den Kopf. „So weit ist es schon gekommen, dass du mit einem abscheulichen Sklavenjäger in einen Topf geworfen wirst." Er hob das Glas, leerte es in einem Zug, dann griff er nach der Flasche und schenkte sich und Ffamran nach.

Balthier stieß mit Cid an. „Auf die verabscheuten Vermissten." Ihm fiel auf, dass Cid den Vergleich nicht abstritt.

Cid seufzte und nippte an seinem Wein.

„Wie bist du Vayne eigentlich begegnet?", fragte Balthier vorsichtig.

Der Wissenschaftler sah zögernd auf. „Bei einer Besichtigung des Draklor-Laboratoriums. Die drei ältesten Prinzen waren zu uns geschickt worden, um einen Einblick in die neuesten Forschungen und Entwicklungen zu bekommen. Vayne war damals dreizehn? Vierzehn?" Er seufzte. „Zu der Zeit war ich selbst noch weit davon entfernt Direktor zu sein. Und Vayne war nur der dritte Prinz. Trotzdem, schon damals war er intelligent, aufmerksam. Mit einem Auge für … Effizienz und maximale Wirkung."

Balthier lauschte aufmerksam. Das war lange vor Cids Reise nach Giruvegan. Hatte Vayne damals schon Dr. Cids Genialität erkannt? Aber das war auch nicht schwer, Cid hielt mit seinem Verstand nie hinter dem Berg.

„In den folgenden Jahren kam Vayne hin und wieder in Draklor vorbei. Wir diskutierten den Nutzen verschiedener Forschungsansätze und Ideen, die Vorgänge im Senat, politische Verwicklungen mit anderen Reichen. Ich gab ihm Tipps, welche Projekte erfolgreich sein würden, er welche Senatoren am spendabelsten wären."

„So lange?", meinte Balthier. „Ich wusste nicht, dass ihr zwei schon so lang zusammengearbeitet habt."

„Oh nein", winkte Cid ab. „Das waren ein paar Begegnungen pro Jahr. Zu Beginn." Er nahm einen Schluck Wein.

„Wann hat sich das geändert?", fragte Balthier nach.

Cid sah den jüngeren Mann an, eine bittere Grimasse zog über sein Gesicht. „Ich würde gerne sagen, nach der Reise nach Giruvegan. Aber das stimmt so nicht."

„Warst du da nicht schon Direktor? Wenn die Entdeckungen in Giruvegan nicht den Ausschlag gaben, was dann?"

„Ah, Ffamran..." Cid seufzte.

Desertiert! Dieser undankbare Rotzbengel!" Cid war im hauseigenen Labor seines Stadthauses und schleuderte mit kalter Akribie jedes Gefäß und Laborstück an die Wand. Das Glas zersplitterte in lautem Klirren und glitzerte hart im weißen Licht der Glühsteine.

Fahnenflucht!" Der nächste Becher flog.

Vaterlandsverräter!" Eine Handvoll Reagenzgläser folgte.

Feiger Dieb! Elender Schwächling! Ewige Enttäuschung, Ffamran!" Klirr – Klirr – Klirr! „Wie konntest du nur! Dich einfach so davonmachen! Schande über dich! Du – du Abschaum!"

Cid stand keuchend im Labor, zitternde, geballte Fäuste an der Seite, um ihn herum nur kalt funkelnde Scherben.

S-Sir? Dr. Cid?" Lixans Stimme riss ihn aus den Gedanken.

Lixan! Habe ich dir nicht gesagt, ich will nicht gestört werden?", blaffte er den Sekretär hart an.

Natürlich, Sir, aber –"

Ich hörte, was passiert ist", kam die kultivierte Stimme von Vayne Solidor.

Der Wissenschaftler fuhr herum und starrte den jungen Prinzen an, entgeistert und sprachlos.

Ein wirklich bedauerlicher Vorfall", fuhr Vayne fort und bedeutete dem Sekretär, sich zurückzuziehen.

Lord Vayne", Cid musste sich sichtlich zusammenreißen, um ihn nicht anzufahren. „Ich weiß nicht ob bedauerlicherVorfall für Ffamrans Untaten der richtige Begriff ist. Er hat nicht nur unerlaubt seine Truppe verlassen und ist desertiert, er hat auch noch den Prototyp des neuen Kampfjägers gestohlen!"

Hm, ja, alles sehr bedauerlich", sagte der Prinz, während er interessiert das zerstörte Labor begutachtete. Cid hatte wirklich ganze Arbeit geleistet, selbst in einem Wutanfall war er methodisch, akribisch. „Interessant, dass auch Sie, Dr. Cid, sich nicht immer im Griff haben."

Cid sah ihn mit gerunzelter Stirn an, dann wendete er den Kopf zur Seite, als ob er etwas hörte und nickte. „Nun, das wird nicht wieder vorkommen."

Weil Ihre anderen Kinder Sie gar nicht in eine so heikle Lage bringen können?", meinte Vayne. „So ist es doch, nicht wahr?"

Cid schnaubte. Natürlich war ihm klar, dass die Familien von Deserteuren mit großem Misstrauen beäugt wurden. Jetzt, da Ffamran Fahnenflucht begangen hatte, konnte das ihm, Cid, sogar die Stellung als Direktor kosten, wenn nicht gar den Zugang zu Draklor. Und Neider hatte es mehr als genug.

Der Wissenschaftler winkte unwirsch ab. „Das Labor hier ist kein guter Ort für eine Unterhaltung, Lord Vayne. Die Lounge ist besser geeignet." Damit führte er den Prinzen aus dem zerstörten Labor.

Dass Ihr Sohn den Dienst als Richter quittierte, könnte sich für Ihre Karriere als hinderlich erweisen, Dr. Cid", sagte Vayne, als die Tür der Lounge sich geschlossen hatte.

Offensichtlich", erwiderte Cid mit kaum im Zaum gehaltener Wut. „Ffamran hätte sich keinen schlimmeren Abgang einfallen lassen können, um mir zu schaden. Falls er denn überhaupt nachgedacht hat! Ich kann von Glück reden, wenn noch ein paar Knochen von mir übrig bleiben, wenn die Rakkadus erst mal kreisen!"

Dann ist es nur gut, dass Ffamran wegen Untauglichkeit seines Postens enthoben wurde, nicht wahr?", sagte Vayne mit berechnendem Lächeln.

Cid erstarrte.

Und der Prototyp wurde als für militärische Einsätze ungeeignet eingestuft", fuhr Vayne fort.

Das hieße...", setzte Cid langsam an.

Von Fahnenflucht und Raub kann hier nicht die Rede sein."

Das würde meine Situation tatsächlich sehr erleichtern", sagte Cid vorsichtig. Er fragte nicht, wieso. Er wusste wie es lief: eine Hand wäscht die andere.

Vayne schenkte dem Wissenschaftler ein gewinnendes Lächeln. „Natürlich. Ich kann doch nicht zulassen, dass unser bester Forscher durch solche unwichtigen Belange unnötig gestört wird."

Meinen Dank dafür", sagte Cid langsam.

Dann erzählen Sie mir, Dr. Cid, was haben Sie noch über Nethizit herausgefunden?"

Balthier vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich dachte nicht, dass es so gefährlich für dich war."

Cid nahm einen Schluck Wein und winkte unwirsch ab. „Vayne sorgte dafür, dass es eben nicht dazu kam."

„Aber...", setzte der Luftpirat an, verstummte dann wieder. Jetzt war nicht die Zeit über seine Flucht zu diskutierten.

„Danach begann unsere Partnerschaft erst richtig", sagte Cid energisch. „Vayne, Venat und ich. Wir waren ein eingespieltes Team. Ich stellte Draklors Forschungen auf Nethizit um, und ein paar Waffenentwicklungen und Technologien für Luftschiffe. Vayne kümmerte sich um die Ereignisse außerhalb des Labors und Venat beriet uns mit seiner Weisheit. Es war...", er brach ab, schluckte und seine rechte Hand kroch über den Tisch, offen, zu Ffamran gestreckt.

Ffamran packte die angebotene Hand fest. „Was war es, Vater?"

Cid drückte die Augen zu. „Es war wie ein Rausch. Einer, aus dem ich nie wieder erwachen wollte. Und dann – dann war da der Nacht-Splitter."

Der Wissenschaftler leerte sein Glas, griff mit der Linken nach der Flasche, schenkte nach und leerte es zur Hälfte.

Besorgt sah Balthier zur Weinflasche. Das war eine ganze Menge Alkohol, die Cid da wegpackte und das noch auf nüchternem Magen, wenn er es richtig einschätzte. Doch ihn jetzt zu unterbrechen...

„Etwas schöneres hatte ich noch nicht gesehen. Exquisit. Besser als ich mir erträumt hatte, selbst in seinem machtlosen Zustand. Jetzt konnte ich endlich sehen, wie Nethizit aufgebaut war, ihn selbst herstellen", stieß Cid hervor, seine Hand verkrampfte sich um Ffamrans. Er leerte sein Glas, vergrub das Gesicht in den linken Ellbogen, stöhnte.

„Aber es – es war nicht genug! Ich brauchte mehr – die anderen Splitter Raithwalls und – und den Ursprung dieser Macht."

Er brach ab. Sein Atem kam keuchend in der ringenden Stille. Balthier legte ihm die andere Hand auf die Schulter. Cid erbebte.

„Und ich hab sie bekommen", spuckte er aus.

Balthier zog seinen Vater hoch, packte ihn stumm in eine Umarmung. Cids Atem stockte, dann schlang er seine Arme fest um seinen Sohn.

„Ffamran. Es –", er keuchte in Ffamrans Schulter. „Es tut mir Leid."

Der Wissenschaftler zitterte, rang nach Atem, nach Selbstbeherrschung und Balthier hielt ihn fest, verankerte ihn hier und jetzt, bis der Sturm abflaute, schweigend.

Schließlich erschlaffte Cids Griff langsam und er lehnte immer stärker gegen den jüngeren Mann.

„Ffamran...", setzte er an, brach ab, schwankte.

Balthier half ihm, sich wieder zu setzen. Sein Blick huschte zu der fast leeren Flasche. Er selbst hatte nur zwei Gläser geleert und spürte trotzdem den Alkohol. Erstaunlich, dass Cid noch so klar verständlich war.

„Ffamran", begann Cid wieder, stolperte über seine Worte, „warum bist du fort? Ich meine, was war der letzte Grund? Hab's nie begriffen..." Er starrte Balthier aus verschwommenen Augen an, wankte. Der Alkohol tat seine Wirkung.

Der jüngere Mann lächelte bedauernd. „Das ist eine Geschichte für ein andermal. Wenn du wieder nüchtern bist. Ich will ja nicht, dass du an einer Alkoholvergiftung stirbst. Wäre ein sehr unwürdiges Ende des großen Dr. Cid."

„Na... na schön." Cid lehnte sich gegen den Tisch. „Aber nur..."

Als Cids Lider flackerten, rief Balthier den Sekretär und schaffte mit seiner Hilfe den Wissenschaftler in sein Zimmer und in sein Bett.


A/N: Ronelstadt ist eine eigene Erfindung, nicht aus FF12. Ich glaube nämlich nicht, dass es in dem ganzen Gebiet, das die Truppe durchwandert hat, nur so wenige Siedlungen sind. Aber keine Sorge, wir sehen Ronelstadt nicht aus der Nähe. Cid's Wutausbrüche: ich hatte immer den Eindruck, dass diese Cid-Variante sehr wohl dazu fähig ist in eine Berserkerartige Wut zu fallen.

Was haltet ihr von diesem Kapitel?