Heute ein etwas kürzeres Kapitel. Trotzdem viel Spaß!


Kapitel 15:

„Willkommen zurück in Archadis, Dr. Cid", sagte Larsa, nachdem der Wissenschaftler und die Gefährten in das Arbeitszimmer des jungen Imperators geführt worden waren.

Cid drückte das Stockschwert vor die Brust und verbeugte sich. „Lord Larsa, es ist gut wieder hier zu sein." Sein Blick streifte die zwei Forscher in Draklor-Uniform, genau wie Gabranth – nein, Basch – und Zargabaath, beide ohne Helm, die den jungen Herrscher flankierten.

Balthier trat neben Cid und nickte Larsa zu, der es lächelnd erwiderte, ehe er wieder zu Cid sah.

„Dr. Cid. Weshalb haben Sie Archadia verlassen und weshalb kehren Sie jetzt wieder zurück?"

„Ihr hattet eine Frage an mich gerichtet, Lord Larsa", sagte Cid. „Zu jenem Zeitpunkt musste ich euch die Antwort schuldig bleiben, doch hatte ich nicht vor, das auf sich beruhen zu lassen."

Die ältere Forscherin schnaubte. „Eine Frage, Cid? Erwarten Sie wirklich, dass wir Ihnen das abkaufen?" Sie trat auf ihn zu. „Sie haben sich mit einem rozzarianischen Agenten verbündet, einen Überfall auf das Draklor-Laboratorium angeführt und für diesen Agenten wohl Nethizit hergestellt!"

Cid legte die Hände übereinander auf den Knauf des Gehstocks, zog die Brauen hoch. „Sind Sie fertig, Tsiro? Oder wollen Sie sich noch etwas mehr auslassen?"

Die Forscherin schüttelte einen Finger in seine Richtung. „Sie sind ein ehrloser, unmoralischer Opportunist, dem alles Recht ist, um seine Ziele zu erreichen!"

„Ich habe nie etwas anderes behauptet", schnarrte Cid mit arrogantem Lächeln. „Bedauerlich nur, dass Sie nie die mentale Kapazität –"

„Stopp", unterbrach Larsa den sich anbahnenden Streit. „Sie können ihre Differenzen später ausdiskutieren. Jetzt will ich die Gründe für Cids Handlungen erfahren."

Cid neigte den Kopf. Auch die Forscherin nickte und trat zurück.

Larsa sah wieder zu Cid. „Auf welche Frage haben Sie eine Antwort gesucht?"

„Die Frage, ob es einen Weg gibt, die vom Sonnengespinst freigesetzte Mysth unter Kontrolle zu bringen, zu neutralisieren oder wieder einzufangen", sagte Cid mit leisem Lächeln.

„Und dafür war es nötig, allen weiszumachen, dass Sie Verrat begangen hatten, Cid?", stichelte die Forscherin.

Der Wissenschaftler zog eine Braue hoch. „Ja."

Sie schnaubte, verstummte aber auf Larsas rügenden Blick.

Der Hohe Richter Zargabaath runzelte die Stirn. „Ich muss Dr. Mankes Unglauben zustimmen. Weshalb haben Sie so gehandelt?"

Cid wendete sich zu Basch. „Gabranth. Wie hat sich die Situation in den mit Mysth belasteten Gebieten entwickelt?"

‚Gabranth' trat vor. „Die betroffenen Gebiete sind noch chaotischer geworden. Die dort entstehenden Monster breiten sich in umliegende Gebiete aus, genau wie sich die chaotischen Auswirkungen von Magie zu verbreiten scheint." Er blickte die anderen Anwesenden an. „Aus dem Sohen-Höhlenpalast sind eine Reihe Monster in Alt-Archadis eingedrungen, so dass wir gezwungen waren, den Ausgang des Höhlenpalastes abzuriegeln. Wir richteten eine magische Barriere ein, mit mehreren Siegeln gesichert und rund um die Uhr von einem Kontingent Richter bewacht. Trotz all dieser Vorkehrungen ist die Barriere – unsicher."

„Und das –", übernahm Cid wieder das Wort, „ist immer noch nicht alles, was die wilde Mysth anrichten könnte. Wir müssen dringend Abhilfe schaffen."

Er fuhr sich durch die Haare. „Da ich keinen Zugang zu Draklor mehr hatte – verständlicherweise – und das Labor, das mir zur Verfügung stand, unzureichend war, musste ich andere Wege finden. Zu jenem Zeitpunkt war das das Angebot Kormag Golberras."

„Golberras Auftrag ist das Geheimnis des Nethizit aufzudecken", sagte der jüngere Forscher, den Balthier und die anderen aus dem Aufzug im Draklor-Laboratorium kannten. „Nach den letzten Jahren, in denen Sie nur für den Nethizit Augen hatten, haben Sie wirklich dem Stein komplett den Rücken gekehrt?"

„Welche Ergebnisse brachte die Erkundung des Brocken-Labors?", gab Cid zurück. „Die Alexander hat zweifellos alles nachgeprüft."

„Sie meinen in den Ruinen, die noch vom Brocken-Labor übrig waren?", meinte Zargabaath trocken. Der Hohe Richter seufzte. „Die Überreste einer Maschine, die meinen Leuten völlig unbekannt war. Allerdings keine Hinweise auf Nethizit. Nicht die geringste Signatur, nicht ein Partikel war zu finden."

Dr. Mankes wechselte überrascht mit dem anderen Forscher einen Blick.

„Also kein Nethizit", folgerte Larsa mit leisem Schmunzeln. „Sie haben eine Antwort auf meine Frage gefunden, Dr. Cid?"

„So ist es", antwortete Cid, „und die Antwort lautet: Ja! Es ist möglich, die freie Mysth zu entschärfen. Es ist sogar möglich, diese nutzbar zu machen. Die Maschine, die Zargabaaths Leute fanden, war der Prototyp eines Mysth-Kollektors, der die freie Mysth in die Erde ableitet und gleichzeitig verbrauchen Zaubersteinen neue Kraft verleiht." Cid grinste bei den verblüfften und ungläubigen Ausrufen der zwei Forscher.

„Das ist unmöglich, Cid!", rief Mankes, schüttelte ihren Finger. „Unmöglich, hört ihr?"

Cid schüttelte den Kopf. „Tsiro, das gleiche haben Sie zum Nethizit gesagt. Und auch zu superschweren Kriegsschiffen mit mehr als fünf Flugringen."

Der Wissenschaftler hob eine Hand, griff in die Tasche und holte einen Datenkristall heraus. „Doch ihr müsst mich nicht beim Wort nehmen. Hier sind die Rohdaten des Experiments und eine erste Interpretation."

Die zwei Forscher starrten den Datenkristall an, wie zwei ausgehungerte Wölfe ein saftiges Steak.

„Ich hatte auf diese Nachricht gehofft", meinte Larsa und akzeptierte den Kristall. „Dr. Mankes, Dr. Riesure und ihre Kollegen werden die Daten prüfen, ehe wir über ein weiteres Vorgehen entscheiden können. Bis dahin möchte ich Sie bitten, abzuwarten, Dr. Cid."

Cid neige den Kopf. „Ihr werdet nicht enttäuscht sein, das versichere ich euch, Larsa."

Ein unbeschwertes Grinsen zuckte über Larsas Gesicht. „Und jetzt möchte ich hören, was sonst alles passiert ist!"

...

Nach einer langen, ersten Besprechung der Daten mit den zwei Forschern, Larsa und den beiden Hohen Richtern trat Cid in das Lesezimmer, in dem Ffamran und seine Gefährten warten sollten.

„Ah, Cid, endlich!", rief Penelo, die eines der Bücher in der Hand hatte. „Das hat ja gedauert. Ich dachte, das war eine kurze Einführung."

Cid nahm sich eine Pastete vom bereitgestellten Buffet und eine Tasse Kaffee. „Ganz genau, Penelo. Obwohl ich zugeben muss, dass kurz etwas anderes ist." Sein Blick schweifte durch den Raum. Fran saß auf dem Fensterbrett, genoss den Ausblick. Vaan beschäftigte sich an einem großen Tisch mit verschiedenen Landkarten. Penelo hatte mehrere Bücher genommen. „Wo sind Ffamran und Nono?"

„Nono ist zur Strahl zurück", meinte Vaan. „Er will aufpassen, dass sie von den archadianischen Militäringenieuren gut behandelt wird. Und Balthier hat eine Nachricht von Soraya bekommen, dass sie dringend mit ihm reden muss – unter vier Augen."

Cid runzelte die Stirn. „Hmm. Eigenartig."

„Welche Entscheidung hat Larsa getroffen?", wollte Fran wissen.

„Zu meiner Person?", meinte Cid. „Nun, bis die Forscher die Ergebnisse des Experiments gesichtet haben, soll ich in meinem Anwesen hier in der Stadt warten. Unter Aufsicht meiner Familie." Er zog sardonisch die Augenbraue hoch. Ob es Ffamran wohl gefallen würde, noch länger den Aufpasser für Cid zu spielen? Er hatte ja bisher noch keine Antwort gegeben, ob er mit Cid zusammenarbeiten würde. Egal wie sehr sein Vater bohrte.

„Und zu den Vorfällen mit dem Nethizit und später mit Golberra?", hakte die Viera nach.

Cid kratzte sich an der Stirn. „Das wird ganz von den politischen Umständen abhängen. Objektiv betrachtet sollte ich als Verräter verurteilt werden, ja. Doch gleichzeitig ist mein Wert als Wissenschaftler unerreicht. Das geben sogar Kritiker wie Tsiro Mankes und Theirran Riesure zu." Er schwenkte die Hand. „Widerstrebend und zähneknirschend, aber sie kennen meinen Wert."

Vaan schnaubte und schüttelte den Kopf bei der Arroganz des Wissenschaftlers, sagte aber nichts.

Ein Grinsen blitzte auf Cids Gesicht auf und verschwand wieder. „Gegenwärtig ist es unwahrscheinlich, dass Larsa mich hinrichten lässt. Wenn seine Stellung in Gefahr geraten sollte, könnte sich das sehr schnell ändern."

Penelo wechselte einen Blick mit Vaan. „Wie meinst du das mit Larsas Stellung? Er ist der Nachfolger von Imperator Gramis, also…"

Der Wissenschaftler trank einen Schluck und schwenkte die Pastete. „Larsa ist noch nicht ganz dreizehn Jahre alt. Als letzter noch lebender Sohn des Kaisers ist er der rechtmäßige Nachfolger, ja. Doch er ist jung, nicht mal erwachsen und jetzt ist der wahrscheinlichste Moment, dass andere versuchen selbst die Macht an sich zu reißen."

„Das hieße noch mehr Chaos und vielleicht ein Bürgerkrieg und das können wir uns gerade gar nicht leisten", übernahm Sorayas Stimme von der Tür her. „Was der Grund ist, dass Leute wie Zargabaath, Geromas, Gabranth, die Lady Ashe und so weiter sich zusammenraufen um seine Position zu festigen."

Sie kam zu Cid herüber und warf ihm die Arme um den Hals. „Ich bin so froh, dich in einem Stück zu sehen."

Cid hob sie hoch, schwenkte sie im Kreis. „Ah, Soraya. Du weißt doch, Unkraut vergeht nicht."

Sie drückte sich an ihn, als er sie wieder abgesetzt hatte. „Ffamran war nicht der einzige, der sich Sorgen gemacht hat", murmelte sie in seine Schulter.

Er strich ihr über den Rücken. „Ich hoffe, das ist nicht wieder nötig."

„Hey, Sora!", grüßte Vaan. „Wie ist dein neuester Auftrag verlaufen?"

Die Frau löste sich von ihrem Vater, grinste. „Einzelheiten kann ich euch nicht geben, aber, ja, es läuft gut."

„Komm schon, irgendwas kannst du doch sicher erzählen", drängte Penelo.

Sora lachte und machte sich mit den zwei dalmascianischen Jugendlichen über das Buffet her.

Cid ließ sich in einen Sessel nieder, lehnte das Stockschwert gegen sein Knie und nahm einen Schluck Kaffee. Die Tür des Lesezimmers öffnete sich und ein Diener kam lautlos herein, überreichte Cid einen Brief.

Mit höflichem Nicken nahm Cid den Brief und der Bote verließ das Zimmer wieder. Mit zufriedenem Lächeln beobachtete er wie Ffamrans Freunde und Schwester miteinander scherzten. Bisher war alles so verlaufen, wie der Wissenschaftler erwartete. Jetzt, da seine Ergebnisse gewissenhaft geprüft wurden, was hoffentlich schnell geschah, konnte er sich darauf vorbereiten, mit der Arbeit am Kollektor richtig zu beginnen. Mit etwas Zeit sollte auch Ffamran zur Erkenntnis kommen, dass mit Cid an den neuen Mysth-Kollektoren zu arbeiten, das richtige war. Oder, falls der Junge doch wieder in die Lüfte stechen sollte, musste er unweigerlich auf von Mysth verseuchte Gebiete stoßen und –

Cids Überlegungen brachen abrupt ab, als er die Handschrift auf dem Briefumschlag erkannte. Er setzte die Kaffeetasse ab und brach mit gerunzelter Stirn das Wachssiegel, holte den Brief heraus.

Mit jedem Wort, das Cid las, schwand sein Lächeln, ein kalter Blick schlich sich in die Augen und Hass zuckte über sein Gesicht. Einen Moment lang saß er regungslos, überflog die Worte nochmal und eine glatte, undurchdringliche Maske senkte sich über sein Gesicht. Seine Augen zuckten hoch, gingen durch das Lesezimmer – die jungen Leute waren immer noch mit sich selbst beschäftigt. Gut.

Der Wissenschaftler legte den Brief sorgfältig neben der Tasse auf den Tisch, nahm den Gehstock – Ffamrans Geschenk – und verließ wortlos und unbemerkt das Zimmer.

...

„Hey, Sora, wenn du uns schon nichts sagst, was dein Auftrag war", meinte Vaan, „erzählst du uns wenigstens, was du von Balthier wolltest?"

„Hä? Von Ffamran? Ich weiß nicht, was du meinst."

„Aber du hast ihm eine Nachricht geschickt, dass du mit ihm reden willst", beharrte Vaan.

„Eine Nachricht? Von mir?", wunderte sich Soraya, „Ich habe Ffamran keine Nachrichten geschickt."

Vaan rollte die Augen. „Komm schon. Wenn wir nicht wissen dürfen, worum es ging, kannst du uns das doch sagen."

„Nein, ehrlich, ich habe mit Ffamran seit vor eurem Abflug nicht mehr geredet", widersprach Soraya.

„Aber wir haben doch alle den Brief gesehen", warf Penelo ein.

„Genau." Vaan nickte bekräftigend. „Ein Brief von dir, dass du was dringendes mit ihm zu bereden hast."

Soraya schüttelte den Kopf, zuckte die Schultern. „Ich habe keine Ahnung, was ihr da redet, ich habe meinem Bruder keine Nachricht geschickt. Weißt du, was sie meinen, Cid?" Sie drehte sich um und brach ab, als sie bemerkte, dass der Wissenschaftler weg war. „Cid?"

„Okay, was ist hier eigentlich los?" Vaan stemmte die Hände in die Hüfte. „Erst Nono, dann Balthier und jetzt Cid? Warum verschwinden heute alle?"

Soraya hatte den Brief erspäht, geschnappt und überflog ihn. Ihr Kopf fuhr hoch und sie starrte Vaan hart an. „Wann hat Ffamran die Nachricht erhalten?"

Frans Ohren zuckten und die Viera glitt in einer fließenden Bewegung vom Fenstersims, stand reglos, den Blick auf Balthiers Schwester gerichtet.

„Gibst du es jetzt doch zu – Hey!"

Penelo stieß Vaan einen Ellbogen in die Seite. „Das war vor etwa einer Stunde, wieso?"

Die Hand der Kopfgeldjägerin ballte sich, zerdrückte den Brief. „Verdammte Scheiße!" Sie stürzte zur Tür. „Kommt mit, schnell. Wir müssen Cid einholen!"

Ohne Zögern rannten Balthiers drei Gefährten hinter Soraya her. So dramatisch wie sie sich sonst immer benahm, das hier, das wussten Vaan, Penelo und Fran, war ernst. Vielleicht sogar todernst. Mit vollem Tempo rannte Soraya durch den imperialen Palast, Diener, Wachleute und sogar Richter sprangen hastig aus ihrem Weg, selbst zwei Hohe Richter fanden keine Beachtung.

Der Weg führte die kleine Gruppe, die langsam größer wurde, durch die Eingangshalle zum Tor, das zu den Landeplätzen führte.

Dort, vor den Toren stoppte die Kopfgeldjägerin und fluchte. Cids markanter, purpurroter Gleiter hatte gerade abgehoben und zischte über ihren Köpfen davon.

Hastig packte Soraya einen diensthabenden Offizier. „Wir brauchen einen Transporter, schnell! Den schnellsten, den ihr habt!"

„Ma'am. Natürlich, sofort", stotterte der Offizier.

„Was ist denn los, Sora?", fragte Penelo atemlos, verstört.

„Wo sind Balthier und Cid?", verlangte Fran zu erfahren.

Soraya sah Balthiers Gefährten aufgewühlt an.

„Das wüsste ich auch ganz gerne", kam Larsas Stimme, der mit Zargabaath und Gabranth herbeigeeilt kam.

Wortlos, grimmig reichte Soraya dem jungen Imperator den zerknüllten Brief.

Ernst nahm Larsa das Blatt, strich es glatt und überflog die Zeilen. Wie unter Gemach senkte er das Papier und hob genauso langsam den Kopf. „Der rozzarianische Agent Kormag Golberra hat Balthier als Geisel genommen."


A/N: Ja, der bleibt uns noch etwas erhalten...