Violas Sicht…
Ich konnte wieder einmal nicht schlafen! Es war so unerträglich warm, das mir der Schweiß vom Kinn lief und meine Haare an der Stirn festklebten. Außerdem rannte so ein merkwürdiger Impuls durch meine Adern der mir sagte, dass ich nicht schlafen sollte. Ich glaube, es war Adrenalin! Ich sprang aus meinem Bett, holte mir ein Eis, ging in den Garten und malte, räumte meinen Kleiderschrank auf und aß noch ein Eis. Und trotzdem hatte ich noch ein Puls wie ein Rennpferd! Irgendwie hatte ich plötzlich das große Verlangen danach, zum Schulgarten zu gehen und mich auf den alten Baum zu setzen. Warum wusste ich nicht! Ich zog meine Schuhe an und lief, nein joggte, zur Schule. Das sonst sandsteinfarbende Gebäude, war nun nur noch als schwarzer Umriss zuerkennen. Schwarz, was für eine gruselige und bedrohliche Farbe! Ich schüttelte den Kopf um den Gedanken zu vertreiben und ging in den Garten. Auch hier waren die schönen Blumen nur noch schwarze Gebilde im Mondlicht. Ich schauderte ein wenig! Als ich in Richtung des Baumes lief, kam ich am Gewächshaus vorbei und guckte noch einmal in die Ritze, in die ich mein Gedicht gesteckt hatte. Es war noch da! Ich war kurz am überlegen, ob ich es vielleicht doch wieder mitnehmen sollte. Vielleicht fand er es ja kitschig oder peinlich. Aber letztendlich ließ ich es wo es war. Ich musste auch mal mutig sein! Ich krallte mich in der spröden Rinde des Baumes fest und zog mich nach oben. Meine Astgabel war noch leicht warm von der penetranten Sonne des Nachmittages und ich lehnte mich an den Baumstamm und guckte zu den Sternen hoch. Was für ein wunderschöner Anblick. Plötzlich kitzelte mich etwas im Nacken. Aus einer Ritze in der Rinde guckte ein Stück Papier oder Karton hervor. Vorsichtig zog ich es heraus und sah, dass es ein Foto von den Kirschblütenbäumen in unserem Stadtpark war. Leicht verwundert drehte ich das Foto in der Hand. „Violett ist eine bildschöne Farbe! Jade.", stand auf der Rückseite. Mein Herz hüpfte in meiner Brust. Er hatte das Foto für mich gemacht. Er mochte meine Farbe wirklich! Aber genauso schnell, wie mein Herz vor Glückseligkeit zu flattern begann, ertrank es auch in Scham! Er wusste, dass ich manchmal auf diesem Baum saß! Ich konnte fühlen, wie meine Wangen heiß wurden. Plötzlich bewegte sich ein Schatten im Schulgarten!
