Violas Sicht…
So stapften Iris und ich also an einem Freitagnachmittag zum Lehrerzimmer, um uns zum Nachsitzen zu melden. Mr. Faraize musterte uns mit einem eisigen Blick und schickte uns in Klassenraum A, wo wir seitenweise Text zu Napoleons Russlandfeldzug lesen durften. Niemand von uns beiden sagte etwas. Iris gab mir stillschweigend die Schuld für die Misere und ich ihr genauso. Und so beugten wir beide uns über die Texte und für eine gefühlte Ewigkeit, war nur das Kratzen der Textmarker zu hören, sowie die Wanduhr, auf der die Sekunden viel zu langsam verstrichen. Ich hätte am liebsten zu Hause an meinem Schreibtisch gesessen und gezeichnet. Oder mich auf den großen Baum im Schulgarten gesetzte und irgendetwas gezeichnet! Plötzlich ging die Tür auf und ein ziemlich grimmig dreinblickender Jade kam in den Raum. Er sah erst mich verdutzt an, dann Iris und schließlich setzte er sich mit hochrotem Kopf in die Reihe hinter uns. Kalter Schweiß lief mir den Rücken runter. Mir war immer noch ein Rätsel, was er mir wohl sagen wollte und so lange ich das nicht wusste, war mir seine Nähe überaus unangenehm. Ich wusste nicht wieso, es war einfach so! Iris schaute einmal nach hinten zu Jade, dann zu mir und wandte sich dann schulterzuckend wieder ihrem Blatt zu. Hoffentlich würde sie mich nicht wieder nach dem Gespräch fragen. Nach einer Weile kam Mr. Faraize in den Raum und hielt uns eine ziemlich lange Predigt darüber, wie man sich im Unterricht zu verhalten habe, worauf ich mich aber nicht wirklich konzentrieren konnte. Ständig merkte ich Blicke in meinem Rücken und ab und zu hörte ich sogar ein leichtes Kichern. Jade beobachtete mich von hinten und ich traute mich nicht mich umzudrehen und ihn anzusehen bzw. überhaupt irgendetwas zu machen. Also saß ich kerzengerade auf meinem Stuhl, kaute nervös auf der Unterlippe und starrte auf einen Punkt an der Tafel hinter Mr. Faraize, um ihn auch nicht anstarren zu müssen! Dann klingelte es plötzlich und Mr. Faraize erhob sich von seinem Stuhl. Wir durften endlich nach Hause gehen. Hastig packte ich meine Sachen zusammen und wollte aus dem Raum stürmen, als ich am Handgelenk festgehalten wurde. Es war Jade! ‚Hier für dich!', sagte er leise und hielt mir eine zusammengefaltetes Stück Papier entgegen. Noch bevor ich etwas sagen konnte, sprintete er aus dem Raum und war auch schon um die nächste Ecke verschwunden.
