12. Mut (Reprise)
Pairings: Backround Pairings IwaOi, Kagehina und Oikawa/Ushijima
Warnings: Erw. von lebensverändernder Verletzung, Erw. und Hinweise auf Essstörung, vage Spoiler für „Lonley at the Top", Manga-Spoiler, Erw. von LGBT-Rechten/Beschneidung von diesen in Polen
Also schön, ja, Tooru hatte gelogen was seinen Flug zurück nach Argentinien anging. Er hatte noch einen weiteren Zwischenstopp eingeplant, bevor er zurück fliegen würde. Von dem musste Shouyou aber nichts wissen, für den hatte Tobio-chan momentan keine Nerven, und was Iwa-chan anging, nun, bei Gelegenheit würde Tooru ihm davon erzählen. Zumindest falls alles gut laufen sollte. Iwa-chan hatte sich im Rahmen dieses Trips schon genug über ihn aufgeregt. Und so gerne ich ihm sagen würde, dass er Gespenster sieht, so wenig kann ich mir da sicher sein.
Essen war für Oikawa Tooru nun mal schon immer ein heikles Thema gewesen, und der lange Flug, kombiniert mit den emotionalen Aufeinandertreffen mit Tobio-chan und Shouyou und dem ganzen Stress über die bevorstehende Hochzeit und die Tatsache, dass er in seiner letzten Season so gut wie möglich spielen wollte, setzten Tooru schon mehr zu als er gerne zugeben würde. Aber er plante keinen Rückfall, er hatte sich nicht übergeben, hatte keinen Ekel über den Anblick von Essen verspürt, sein Magen war einfach nur verstimmt gewesen, und danach hatte er Hunger gehabt und sich den Magen vollschlagen wollen, das war alles.
Iwa-chan sah einen Tatbestand wo keiner war. Was aber nicht heißt, dass ich nicht vorsichtig sein muss.
Er hatte Besserung gelobt und auch wirklich vor sich an sein Gelöbnis zu halten. Und doch gab es etwas, das ihm auf den Magen schlug. Etwas, das er endlich für immer zu den Akten legen wollte.
Ich hätte hierfür schon viel früher den Mut finden müssen.
Er war uncharakteristisch nervös, als an einem Tisch des Cafés Platz nahm und auf seine Verabredung wartete und währenddessen zerstreut bestellte. Vielleicht war das hier doch eine schlechte Idee gewesen, aber … nun ja, wenn man dabei zusah wie das Leben von anderen Menschen zerbrach, wurde man dazu angeregt sein eigenes in Ordnung bringen zu wollen. Und als er gesehen hatte, dass der andere Mann momentan ebenfalls in Japan war, hatte er die Gelegenheit beim Schopf gepackt und ihn angeschrieben, dass sie sich treffen sollten.
Und so wartete er nun in diesem Café nahe dem Flughafen und starrte in seinen Milchkaffee während er all seine Lebensentscheidungen in Frage stellte und war dabei nervöser als er es eigentlich sein sollte.
„Oikawa." Niemand sonst sprach seinen Namen auf genau die Art und Weise aus wie dieser Mann. Bei niemanden sonst klang er so neutral und doch zugleich so spezifisch.
„Ushiwaka", entschlüpfte es Tooru, bevor er sich zusammenreißen konnte, „Entschuldigung, ich meine Wakatoshi-kun. Nimm doch Platz." Er deutete auf den freien Sitzplatz ihm gegenüber.
„Ist schon in Ordnung, ich habe gelernt mich an diesen Spitznamen zu gewöhnen", erklärte Ushijima während er sich niedersetzte. Nachdem er Platz genommen hatte, musterte er Tooru neugierig. „Was führt dich nach Japan?"
„Shouyou hatte mich hergebeten, damit ich Kageyama helfe. Was geschehen ist, hat ihn doch ziemlich aus der Bahn geworfen", erklärte Tooru bedrückt.
„Verständlich", meinte Ushijima sofort, „Uns würde es wohl nicht anders ergehen."
„Deswegen sollte ich wohl moralische Unterstützung leisten", fuhr Tooru fort, „Ob mit das gelungen ist…" Er zuckte mit den Schultern. „.. nun das will ich hoffen, aber sicher sagen kann ich es nicht." Er legte eine kurze Pause ein. „Auf jeden Fall hat mich das, was mit Kageyama passiert ist zum Nachdenken gebracht. Das Leben ist so fragil, ein Fehltritt und alles kann vorbei sein. Und deswegen wollte ich dich treffen, weil ich finde, dass wir miteinander reden sollten."
Ushijima blickte ihn nachdenklich an, erwiderte aber nichts. Entweder verstand er nicht worauf Tooru hinaus wollte, oder er wollte es ihm nicht so leicht machen.
„Ich, ehm, einerseits wollte ich dich zu meiner Hochzeit einladen. Iwa-chan und ich, wir werden heiraten", fuhr er fort.
„Gratuliere", meinte Ushijima sofort.
„Ich weiß ja, dass ihr inzwischen Freunde geworden seid, und er dich sowieso einladen würde", erklärte Tooru, „Aber ich dachte, dass wir beide uns vorher eben zusammen setzen sollten und sozusagen Hausputz machen sollten…." Er verstummte, weil er das Gefühl hatte alles falsch anzugehen.
„Ich komme gerne auf eure Hochzeit", meinte Ushijima sanft, „Was mich angeht, gibt es zwischen uns kein böses Blut irgendeiner Art. Ich habe mich gefreut dich beim All Star Match zu sehen, und freue mich immer gegen dich zu spielen. Und du hast es richtig gesagt: Ich sehe einen Freund in Iwaizumi."
Offenbar wollte er es ihm wirklich nicht leicht machen. Nicht aus Bösartigkeit heraus wohl gemerkt, sondern im Gegenteil, weil er einfach zu nett war! Tooru konnte ein gequältes Seufzen nicht unterdrücken.
„Ja, was das angeht, ich wollte dir auch sagen, dass nach Ende meines aktuellen Vertrags Schluss mit Volleyball für mich ist. Nicht nur in Argentinien. Meine Gesundheit macht da nicht mehr mit, und ich habe lange darüber nachgedacht und meinen Frieden damit gemacht. Ich habe alles erreicht, was ich erreichen wollte", erklärte er und hörte das Echo seiner Worte an Tobio-chan in diesen wiederhallen. Klang das zu einstudiert um als wahr durchzugehen?
Ushijima wirkte nun mit einem Schlag regelrecht betroffen. „Du willst aufhören?", wiederholte er als könnte er es nicht fassen.
„Ich weiß, dass das nicht das ist, was du hören wolltest", meinte Tooru, „Aber es ist beschlossen. Und es ist okay, wirklich. Ich werde die Liebe meines Lebens heiraten und habe die Chance von Neuen anzufangen, eine neue Leidenschaft zu finden. Und Volleyball wird nicht aus meinem Leben verschwinden, nur weil ich nicht mehr professionell spiele. Ich meine, sieh dir Kuroo an, der spielt seit Jahren nicht mehr und ist immer noch Teil unser aller Leben. Und ich werde meine Gemeinschaft nicht einfach vergessen, nur weil nicht mehr spiele. Aber, wenn wir nicht mehr gegeneinander spielen, dann wird sich einiges ändern, das bestreite ich nicht, und deswegen wollte ich mit dir reden, weil … ich will, dass auch wir Freunde werden können."
Ushijimas Miene war blank, und er meinte nur: „Verstehe." Es war offensichtlich, dass er nichts verstand.
Tooru seufzte. „Okay, du musst dich nicht mehr dumm stellen, ja? Ich will mich dafür entschuldigen wie ich dich damals in der Oberschule behandelt habe. Ich wollte mich so gerne geliebt fühlen. Ich wusste, dass ich dich und deine Gefühle für mich ausnütze, aber das war mir egal - ich selbst war mir wichtiger. Ich weiß, dass das unverzeihlich war, dass ich die Stärke hätte haben müssen gar nicht erst nachzugeben. Oder zumindest nicht einfach von Heute auf Morgen mit dir hätte Schluss machen dürfen, nur weil du mir gesagt hast was du für mich empfindest", sagte er nun, „Aber ich war ein gedankenloser Teenager, und so einsam und verzweifelt ich war, so sehr hat es mir Angst gemacht, dass du so viel mehr für mich empfinden könntest als ich für dich. Und ich dachte wirklich, dass ich dir einen Gefallen tue, wenn ich Schluss mache anstatt eine Beziehung aufrecht zu erhalten, in der du viel mehr für mich empfindest als ich für dich. Und vielleicht hatte ich ja auch einfach nur Angst tiefe Gefühle für dich zu entwickeln, weil ich das letzte Mal, als ich das in einer Beziehung versucht hatte damit auf die Nase geflogen bin. Und danach … es war einfach so viel einfacher mich darauf zu konzentrieren dein Rivale zu sein als auf das andere. Und ja, ein wenig hat es mich genervt, dass du so einfach so tun konntest als wäre nichts gewesen, weil ich nicht sehen wollte, dass du das tun musstest, weil die Alternative dir zu sehr weh getan hätte, so wie sie mir zu sehr weh getan hat. … Und ja, mein Therapeut hat mir geholfen, dass alles zu sehen, und ich hätte dir das schon vor Jahren sagen sollen. Und auch dafür entschuldige ich mich."
Das letzte Mal, dass sie sich gesehen hatten, beim All Star Match von Kuroo, hatte Tooru Ushijima vor allem Vorwürfe gemacht, weil dieser jetzt in Polen spielte. („Es ist nicht so einfach wie es erscheinen mag", hatte Ushijima sich verteidigt. „LGBT-Freie Zonen!", hatte Tooru nur vorwurfsvoll erwidert, „Von wegen nicht so einfach!"). Vielleicht sollte er sich auch dafür entschuldigen, aber er wusste nun mal nie was er mit Ushijima reden sollte, und genau das wollte er ja ändern.
„Also: Es tut mir alles sehr leid", schloss er, „Ich will es von jetzt an besser machen."
Ushijima nickte. Dann fuhr er sich durch die Haare und starrte einen Moment nachdenklich ins Nichts, vielleicht sah er ihrer beider Vergangenheit vor sich. „Du hättest das alles nicht aussprechen müssen", meinte er, „Es ist Jahre her, und … auch wenn du das denken magst, es war kein großes Trauma für mich. Diese gemeinsamen Wochen, wir beide, das waren die glücklichsten Wochen meines Lebens. Ich wusste, dass es nicht halten kann und böse enden wird. Aber ich habe trotzdem genossen was wir hatten." Genauso gut hätte er Tooru direkt ins Herz schießen können.
„Du musst nicht zur Hochzeit kommen, weißt du? Wenn es dir irgendwie zusetzt…", meinte er schwach.
Ushijima lächelte nun sanft. „Es ist in Ordnung. Ich wusste immer, dass es so enden würde", meinte er, „Ich freue mich für euch beide. Nur weil ich nie … meinen Iwa-chan gefunden habe, bedeutet das nicht, dass ich nicht will, dass ihr zusammen glücklich werdet."
„Wie unerträglich reif von dir", murmelte Tooru.
Ushijima lächelte ihn nur weiterhin an. „Ich will das auch … Freunde sein, meine ich", sagte er dann.
Tooru spürte wie sich Erleichterung in ihm breit machte. „Ja, denn, wenn wir Freunde sind, dann wirst du sehen wie unerträglich ich in Wahrheit bin und froh sein, dass Iwa-chan derjenige ist, den es erwischt hat, und du davon gekommen bist", erklärte er, „Und ich … ich muss dich dann nicht mehr vermissen. Weil damals im Trainingslager…."
„Ich weiß, du musst es nicht sagen", sagte Ushijima schnell.
„Und das ist, was ich immer am meisten bereut habe: dass ich dich als Freund verloren habe", sagte Tooru stattdessen, „Ich meine, Iwa-chan war Iwa-chan, und Mattsun und Maki waren großartig, aber ich hatte nur sehr wenige, wahre Freunde meine ich. Und deswegen hab ich es immer bereut, dass ich alles kaputt gemacht habe."
„Ich habe dich auch vermisst", gab Ushijima zu, „Und nur fürs Protokoll: Ich mag immer noch nicht so mutig wie du sein, aber Polen ist nicht so wie du denkst. Nicht nur."
Tooru nickte pflichtschuldig. „Ich weiß, und auch das tut mir leid. Ich bin nur manchmal so … frustriert", erklärte er.
„Ich weiß", erwiderte Ushijima, „Das ist, weil du dein Herz immer auf der Zunge trägst, deine Gefühle lebst; darum mochte ich dich immer. Selbst wenn du mich frustriert hast."
Tooru schüttelte nur hilflos seinen Kopf. „Ich will es besser machen, will mehr an andere denken, nicht mehr den Eindruck erwecken, dass sich alles nur um mich dreht", erklärte er.
„Weil jemand, der nie an andere denkt, ja von Argentinien nach Japan fliegen würde, nur um einen Freund zu helfen", merkte Ushijima an.
„Ich konnte so auch meinen Verlobten sehen und genießen, also stell mich deswegen nicht als Märtyrer dar", widersprach Tooru, „Und was hätte ich sonst tun sollen?"
Er seufzte. „Ist jetzt alles gut zwischen uns?" Er war sich immer noch nicht ganz sicher wie dieses Gespräch eigentlich gelaufen war. Ob er erreicht hatte, was er hatte erreichen wollen, oder ob Ushijima Wakatoshi einfach nur zu nett war, um verdient zu haben mit Oikawa Toorus Gegenwart gestraft zu sein.
Ushijima musterte ihn einen Moment lang. „Ja, Tooru, es ist alles gut zwischen uns", meinte er dann, „Du musst dir keine Gedanken mehr machen." Irgendetwas an der Art, wie er das sagte, implizierte, dass es ihn sehr gefreut hatte zu erfahren, dass sich Tooru zuvor so viele Gedanken um ihn gemacht hatte. Vielleicht hatte diese Information ja ausgereicht um alles andere wieder gut zu machen. Immerhin ging es um Ushijima, wer konnte das schon sagen?
„Na gut, ich gebe dir dann wegen der Hochzeit Bescheid", meinte Tooru und warf einen Blick auf sein Handy, „Ich muss dann los: Mein Flug geht bald."
„Meiner auch", meinte Ushijima ruhig, „Ich könnte dich auf den Flughafen begleiten, wenn du damit einverstanden bist."
Tooru dachten einen Moment über diesen Vorschlag nach. Vielleicht wollte Ushijima ja nur sehen, ob das Angebot Freunde zu werden wirklich ernst gemeint gewesen war. Oder er hatte gar keinen Hintergedanken dabei und würde sich eine Abfuhr auch nicht zu Herzen nehmen. Aber Tooru wollte sich bessern, nicht wahr?
„Okay, von mir aus", meinte er, „Kau mir nur kein Ohr ab." Was natürlich ein Scherz war, weil Ushijima Wakatoshi ja nicht gerade für seine Redseligkeit bekannt war.
Trotzdem meinte dieser ernst: „Ich werde mich bemühen."
Tooru starrte ihn einen Moment lang an, konnte aber nicht feststellen ob der andere Mann diese Antwort ernst gemeint hatte, oder ob er auf den Scherz eingestiegen war. Nun, ich habe genug Zeit zu lernen ihn zu lesen, rief er sich in Erinnerung, Das war doch der Sinn der Übung, uns die Chance zu geben einander wirklich kennenzulernen.
„Okay, dann komm", meinte Tooru, während er das Geld für seinen Milchkaffee auf den Tisch warf, „Lass uns gehen."
Und das taten sie dann auch.
A/N: Als Außenstehender würde ich Polen wegen gewissen hier erwähnten Dingen ja als eines der homophobsten Ländern Europas sehen, aber Wikipedia ist anderer Meinung, für jede bigotte Idee gibt es scheinbar eine Gegenbewegung, also wer weiß? Nachdem ich von der Pride direkt zu diesem EU-Wahl-Ergebnis gekommen bin, kann ich nur sagen, dass offenbar beide Extreme überall immer vertreten sein können. (Zeitlinientechnisch war das All Star Match 2022 und „Lonley at the Top" und damit auch dieses Kapitel spielen danach).
Mit diesem Kapitel ist der Oikawa/Ushijima-Handlungsstrang offiziell beendet (zumindest mehr oder weniger).
Es wird aber noch ein paar Kapitel in dieser Fic geben.
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