15. Was das Herz will


Pairings: Shouyou/Atsumu, Kagehina, Anspielung auf diverse andere Pairings

Warnings: Manga Spoiler, Angst, sexuelle Aktivität


Nach dem Ende ihres Pride-Marsches gingen sie alle gemeinsam feiern. Man konnte sich darauf verlassen, dass Oikawa Tooru eine passende Location nur für ihre Gruppe gebucht und vorbereitet hatte, und so konnten sie sich in aller Ruhe von den Anstrengungen des Tages erholen und dabei ein paar Cocktails schlürfen.

Shouyou blickte sich prüfend um und stellte erleichtert fest, dass Tobio offenbar immer noch gute Laune zu haben schien und sich angeregt mit Kenma und Kuroo unterhielt und dabei immer noch ganz frisch wirkte. Er selbst fühlte sich aufgekratzt und brauchte erst einmal Zeit um wieder runterzukommen und beobachtete Bokuto dabei wie der sich mit zwei Cocktails bewaffnet an Atsumu vorbei schlängeln wollte, daran aber scheiterte, und sich in eine Diskussion mit diesem verwickeln ließ.

„Miya Atsumu ist ein sehr energiegeladener Mensch." Shouyou drehte sich ob dieser Beobachtung zu dem Mann um, der überraschend neben ihm stand und ebenfalls zu Atsumu und Bokuto hinüberblickte. Er hatte Ushijima bisher gar nicht bemerkt gehabt.

„Ja, das ist er", bestätigte Shouyou.

Er wusste sehr wohl, dass jedem anderen aufgefallen sein musste, dass drei Energiebündel ihrer Gruppe – Shouyou, Atsumu und Bokuto – auch jetzt, wo sie nicht mehr im selben Team spielten, immer noch eng miteinander befreundet waren. Aber er wusste auch, dass seine Freundschaft zu Atsumu nicht der wahre Grund war warum Ushijima mit ihm reden wollte. Niemandem war entgangen, dass Atsumu damit begonnen hatte dem älteren Mann ungenierte Avancen zu machen, von denen dieser nicht gerade begeistert war. Aber trotzdem wäre Ushijima nur menschlich, wenn er zumindest darüber nachdenken würde, ob er Atsumu nicht doch eine Chance geben sollte.

„Und er ist sehr hartnäckig, habe ich festgestellt", fuhr Ushijima fort, „Und natürlich ist er ein exzellenter Spieler, auch wenn es ihm an Kageyams Präzession und Toorus Anpassungsfähigkeit mangelt."

Shouyou nahm sich einen Moment um darüber nachzudenken, ob er wollte, dass Atsumu Erfolg bei seinen Versuchen Ushijima rum zu kriegen hatte. Dann beschloss er, dass es letztlich keine Rolle spielte, was er wollte, er aber auf jeden Fall mit offenen Karten spielen sollte. Immerhin gehörte sich das einfach so.

„Du willst wissen warum ich mit ihm zusammen war?", vermutete er.

Ushijima nickte. „Ich habe damals nur mitbekommen, dass Kageyama nicht besonders glücklich über eure Beziehung war", erklärte er, „Er war wochenlang schlecht gelaunt deswegen."

Ach ja? Das wusste ich ja gar nicht!

„Aber mehr habe ich nicht davon mitbekommen. Ich kenne Miya Atsumu allerdings, und deswegen frage ich mich…." Ushijima fuhr nicht fort, sondern zuckte nur vielsagend die Schultern.

Nun, es war nicht das erste Mal, dass jemand Shouyou fragte was er jemals in Atsumu gesehen hatte (man hatte ihn das sogar ins Gesicht gefragt, als er mit Atsumu zusammen gewesen war), also nahm er Ushijima die Frage nicht krumm.

„Ich weiß ja, dass Atsumu einen jovialen selbstverliebten Eindruck macht, und mehr an sich selbst als an andere zu denken scheint, aber das ist nicht alles, was Atsumu ausmacht. Und ich meine, klar, er ist sehr sexy, auf eine verruchte Weise, und großartig im Bett, aber ich war aus keinem dieser Gründe mit ihm zusammen", begann Shouyou, „In Wahrheit war es so…"


Wieder in Japan zu sein, für ein japanisches Team der ersten Liga spielen zu dürfen, kam für Shouyou der Erfüllung eines Traumes gleich. Endlich hatte er es geschafft, endlich war er mit Kageyama Tobio gleich auf. Endlich hatte er eine Chance den anderen Mann zu schlagen.

Er hatte seinen Ex-Freund seit seiner Rückkehr nach Japan nicht wiedergesehen. Natürlich standen sie nach wie vor in Kontakt miteinander, aber sie waren beide schwer mit Volleyball beschäftigt und hatten noch keine Zeit gefunden sich persönlich zu treffen und miteinander zu sprechen.

Und vielleicht war das auch ganz gut so. Shouyou wusste nicht wie sie nach der langen Zeit der Trennung zueinander standen. Und ein Teil von ihm fürchtete sich das herauszufinden. Was wenn nichts mehr zwischen ihnen wäre? Was wenn es einfach vorbei wäre? Das wollte er lieber gar nicht erst wissen.

Also konzentrierte er sich lieber auf sein Spiel, darauf mit seiner neuen Mannschaft – den MSBY Jackals – das perfekte Zusammenspiel zu entwickeln. Bokuto war in seiner neuen Mannschaft, was ihn freute, so hatte er eine vertraute Größe um sich, und Miya Atsumu war der Stammzuspieler der Jackals.

Schon an seinem ersten Tag hatte der fiesere Miya-Zwilling grinsend verkündet: „Siehst du? Ich hab dir ja gesagt, dass ich dir eines Tages den Ball zuspielen werde!" Und tatsächlich konnte er durch Miyas Hilfe den Schnellangriff aus seiner Oberschulzeit wieder auspacken und spielen.

Miya Atsumu war der einzige andere Zuspieler, der genau wie Kageyama, dazu in der Lage war diesen Angriff perfekt mit ihm auszuführen. Mehr noch, sie verbesserten den alten Angriff gemeinsam sogar. An diesem Spielzug gemeinsam zu arbeiten, löste in Shouyou eine Mischung aus Nostalgie und Aufregung darüber etwas Neues zu erleben aus. Er hatte schnell festgestellt, dass er eigentlich wirklich gerne mit Miya Atsumu zusammenspielte.

Problematisch waren ihre Interaktionen aber immer dann, wenn sie nichts mit Volleyball zu tun hatten. Miya machte Shouyou viele Komplimente, die er auch wirklich ernst zu meinen schien, doch recht schnell bezogen sie sich nicht mehr nur auf seine spieltechnischen Fähigkeiten, und so schmeichelhaft es war begehrt zu werden, so unangenehm konnte es werden, wenn man miteinander im selben Team spielte.

Es war an der Zeit sich zu entscheiden was Shouyou deswegen zu unternehmen gedachte. Aber das wiederum hing vor allem von Tobio ab, nicht wahr?

„Ich meine, er sieht sehr gut aus und verschlingt mich geradezu mit seinen Augen, was ich nicht gerade gewöhnt bin, aber sehr schmeichelhaft ist. Aber du kennst ja seinen Ruf. Während Kageyama meine erste Liebe ist, und ich immer dachte, dass wir am Ende zusammen enden werden", erklärte Shouyou Kenma, den er seit er nach Japan zurückgekehrt war, öfter persönlich getroffen hatte, und den er nun bei ihrem neuesten Treffen sein Liebesleid klagte, „Aber wir waren so lange getrennt…. Was wenn er zu einem Menschen geworden ist, den ich gar nicht mehr wiedererkenne?"

Kenma blickte ihn ruhig an. „Müsstest du ihn nicht erst einmal treffen um festzustellen, ob du ihn wiedererkennst oder nicht?", wollte er dann beinhart wissen.

Shouyou schnaubte. „Ich hab dir doch erklärt, dass wir beide viel zu tun hatten, und …"

„Und du das Wiedersehen nicht nur vor dir herschiebst, weil du Angst davor hast, dass sich deine Gefühle geändert haben?", spottete Kenma unbeeindruckt. „Unser wievieltes Treffen seit deiner Rückkehr ist das jetzt? Und ich habe eine zeitraubende Karriere als Youtuber, wie du weißt."

„Aber so ist es nicht", beharrte Shouyou, „Ich meine, nicht wirklich, ich meine …" Ihm fiel keine Ausrede ein. „Du kennst Atsumu doch besser als ich", meinte er dann, „Findest du, dass ich in Betracht ziehen sollte ihm eine Chance zu geben?"

Kenman schien einen Moment lang über diese Frage nachzudenken. „Er ist arrogant, energieraubend, egozentrisch, und hyperaktiv - und nichts davon auf liebenswerte Weise", erklärte er dann, „Und sein Ruf ist wahr. Ich meine, Kuroo hat Beziehungen, Atusmu hat Begegnungen. Aber um fair zu sein, er hatte mal einige Zeit lang was mit Bokuto, also denke ich, dass er dazu in der Lage wäre eine Beziehung zu führen, wenn er es wollte. Die Frage ist eher was genau du willst. Und das kannst nur du wissen, Shouyou. Es wäre allerdings unfair, wenn du zwei potentielle Verehrer ewig in der Luft hängen lässt, nur weil du dich nicht entscheiden kannst."

Das war allerdings wahr. Doch wenn Shouyou wüsste was er eigentlich wollte, dann müsste er dieses Gespräch mit Kenma ja gar nicht erst führen!

Letztlich fiel die Entscheidung nach ihrem Spiel gegen Tobios Team – die Schweiden Adlers. Shouyou sah Tobio zum ersten Mal seit seiner Rückkehr wieder, und zum ersten Mal schaffte er es auch seinen Rivalen zu besiegen. Die Jackals schlugen die Adlers, und Shouyou fühlte sich unbesiegbar. Genau wie Atsumu wie es schien. „Jetzt weiß er wie es sich anfühlt, dem haben wir es gegeben!", jubelte dieser, während er Shouyou freudig umarmte, und Shouyou roch nichts vom Schweiß des Anderen bei dieser Umarmung, sondern spürte stattdessen seinen eigenen schnellen Herzschlag. Es ist nur wegen der Aufregung und dem Adrenalin, versuchte er sich selbst einzureden.

Doch auf der After Party für beide Teams, fühlte er sich nach wie vor seltsam. Er wollte sich auf Tobio und ihre Wiedervereinigung konzentrieren, doch er stattdessen konnte er seinen Blick nicht von Atsumu lassen, und jede noch so nebensächliche Berührung ließ sein Herz schneller schlagen. So hatte es damals in der Schule auch mit Tobio angefangen, das wusste er noch.

Atsumu schien an jenem Abend zu strahlen, er sah mehr aus wie ein Modell als ein Sportler, und dieses Gefühl der Unbesiegbarkeit, das Shouyou früher immer an Tobios Seite empfunden hatte, nun löste Atsumus Anblick das bei ihm aus. Sie beiden hatten gesiegt – gemeinsam. Gemeinsam könnten sie noch viel höher aufsteigen.

Aber das ist Volleyball, das hat nichts mit deinem Liebesleben zu tun, rief sich Shouyou selbst zur Ordnung.

Und doch…

Er redete endlich mit Tobio. Zuerst vor allem über der Match (natürlich), dann darüber wie sehr sich Shouyou verändert hatte (erst viel später sollte Shouyou, wenn er an dieses Gespräch zurückdachte, erkennen wie viele direkte Komplimente Tobio ihm gemacht hatte, die er damals überhaupt nicht mitbekommen hatte, weil er immer wieder an Atsumu hatte denken müssen), und schließlich wusste keiner von beiden für einige endlose Momente etwas zu sagen, bis es Tobio war, der sagte: „Du und Miya Atsumu, also?"

Shouyou fühlte sich regelrecht ertappt. „Wir sind nicht … ich meine….", stotterte er herum.

„Ist schon gut. Ich hab bemerkt wie ihr euch anseht", erklärte Tobio leise, „Du hast den ganzen Abend deinen Blick nicht von ihm lassen können. Und er sieht aus als … ob er dich am liebsten auffressen würde."

Shouyou wollte leugnen, aber er bemerkte, dass er das nicht fertig brachte. „Ich … ich bin momentan ziemlich schwer in ihn verknallt", gab er zu, „Es tut mir leid, ich weiß nicht wie das passiert ist. Das gemeinsame Training in den letzten Monaten … Attraktive Männer, die mir die Bälle perfekt zuspielen, waren schon immer mein Schwachpunkt…" Er errötete, als er sich ungewollt an seine gemeinsame Zeit mit Tooru in Brasilien erinnerte. Nach Tobios düsterer Miene zu urteilen dachte er auch an die entsprechenden Fotos (die alles bedeuten konnten, aber Tobio hatte es gewusst, das war Shouyou immer klar gewesen).

„Ist schon gut", meinte Tobio dann langsam, „Miya Atsumu ist der Typ, in den man sich leicht verknallt." Sie sahen beide hinüber zu dem Zuspieler über den sie sprachen. Der bemerkte ihre Blicke und grinste zu ihnen beiden hinüber. „Ich habe mich damals dafür entschieden was immer zwischen uns war nicht weiter zu verfolgen", erklärte Tobio dann.

Shouyou hörte diese Worte, doch ihre implizierte Bedeutung („deinetwegen") registrierte er nicht. Stattdessen hörte er in sich selbst hinein. „Um ehrlich zu sein", holte er aus, „würde ich das schon gerne herausfinden. Wo das zwischen mir und Atsumu hinführt, meinte ich." Er sah Tobio scheu an. „Das heißt nicht, dass ich nichts mehr für dich empfinde oder….", fuhr er fort, doch Tobio unterbrach ihn. „Schon gut", meinte er mit seltsam rauer Stimme, „Ich verstehe schon." (Was genau er dachte zu verstehen, sagte er nicht).

Shouyou fühlte Erleichterung in sich aufsteigen. Tobio schien nicht vorzuhaben es ihm schwer zu machen, vielleicht weil er ähnlich wie Shouyou die Kluft zwischen ihnen beiden erkannte und spürte und ganz froh war, dass sie gar nicht erst versuchen mussten sie künstlich zu überwinden um wieder zueinander zu finden. Sie könnten stattdessen wieder langsam zu Freunden werden und dann weiter sehen. Damit würde weniger Druck auf ihnen lasten, und das wiederum würde es ihnen erleichtern sich wieder näher zu kommen.

„Danke, Tobio", erklärte Shouyou, „Für dein Verständnis. Wir werden uns wieder öfter sehen und wieder echte Freunde werden, ja? So ist es am Besten für den Moment." Er drückte Tobio einen schnellen Kuss auf die Wange. „Wir sehen uns, ja?"

Dann ließ er seinen Ex-Freund stehen und eilte zu Atsumu hinüber, der schon auf ihn gewartet hatte, und ihm ein Bier in die Hand drückte. „Das war kein sehr leidenschaftlicher Wiedervereinigungskuss, Shouyou", meinte er leicht spöttisch.

„Halt die Klappe", erwiderte Shouyou nur, „Wir haben uns offensichtlich nicht wiedervereinigt."

„Was du nicht sagst", spöttelte Atsumu, und die Zufriedenheit, die in seinem Blick lag, war nicht zu übersehen.

Shouyou verbrachte den Rest des Abends an seiner Seite und sah selten bis kaum zu Tobio hinüber (und ja, Jahre später wurde ihm klar, was für ein Monster er an jenem Abend gewesen war). Vielleicht weil er Angst hatte, was er sehen würde, vor allem aber weil Atsumus Gegenwart ausreichte um alles andere um ihn herum zu überdecken.

Als Atsusmu ihm seine Hand auf den Arm legte, schüttelte er diese nicht ab. Später ließ er zu, dass der andere Mann seinen Arm um seine Hüfte schlang und ihn besitzergreifend an sich presste. Dass ihm Ushijima kurz darauf sagte, dass Tobio gegangen war, kam ihm nicht seltsam vor, eigentlich erleichterte es ihn sogar ein bisschen, wenn er ehrlich sein sollte. Er lehnte sich gegen Atsumu und genoss dessen Körperwärme und lachte über seine eigentlich eher lahmen Witze, die er auf einmal nicht mehr lahm fand. Er fühlte sich so erleichtert und so voller Leben.

Diese Nacht verbrachte er in Atsumus Bett, nachdem sie sich die Kleider regelrecht gegenseitig vom Leib gerissen hatten und ausgehungerten leidenschaftlichen (und bemüht leisen) Sex gehabt hatten. Es war nicht zu vergleichen mit der liebevollen Liebesnacht mit Tobio bevor er nach Brasilien gegangen war, und auch nicht mit den spielerischen Erforschen des jeweils anderen, das er mit Oikawa in Brasilien betrieben hatte - oh nein, das hier war eine reine Explosion von Lust und Leidenschaft.

Shouyou wachte mit schmerzendem Körper auf, tat es am nächsten Morgen aber gleich noch einmal mit Atsumu. „Ich hab dir doch gesagt, dass ich dir eines Tages zuspielen werde", hauchte ihm Atsumu ins Ohr, während er in ihn stieß, und Shouyou dachte bei diesen Worten nicht an Tobio, weil ihn eine Welle der Leidenschaft davon schwemmte.

Sie redeten danach nicht über das, was passiert war. Sie hatten ein paar Tage frei, bevor das Training wieder aufgenommen werden würde, und Shouyou berichtete Kenma alles, was vorgefallen war, am Telefon, bevor er schloss: „Es war die beste Nacht meines Lebens, aber ich habe keine Ahnung, ob es nur ein One Night-Stand war oder der Beginn von mehr."

„Willst du denn, dass es der Beginn von mehr ist oder bist du zufrieden mit dem, was ihr hattet?", wollte Kenma wissen.

„Ich weiß es nicht", gab Shouyou zu.

Kenma am anderen Ende der Leitung seufzte daraufhin nur anstatt zu antworten.

Als sie sich beim Training wieder sahen, spürte Shouyou die selbe fast magnetische Anziehungskraft von Atsumu ausgehen wie an dem Abend nach dem Spiel. Atsumu zwinkerte ihm zu und berührte einmal kurz seine Hand, als sie beide zugleich einen Ball aufheben wollten. Shouyous Herz klopfte laut, als er aufblickte und Atsumus Blick auffing. Da wusste er, dass sie nach dem Training so schnell wie möglich wieder miteinander schlafen würden. Und der Gedanke ließ ihn breit grinsen. Atsumu grinste zurück.


Sex war der Hauptbestandteil ihrer Beziehung, und sie hatten eine Menge davon. Aber Sex war nicht alles. Shouyou war es oft auch genug einfach in Atsumus Nähe zu sein, ihn kaum oder nur leicht zu berühren, mit ihm zu scherzen, und einfach in seiner Gegenwart zu baden. Und natürlich war da Volleyball. Sie spielten perfekt zusammen. Jeden Tag ein wenig besser. Atsumu meinte dazu: „Je mehr Sex wir haben, desto besser spielen wir zusammen." Und Shouyou tadelte ihn für diese dumme Bemerkung, gab ihm aber heimlich recht. Er fühlte sich nach wie vor unbesiegbar. Und mit Atsumu zusammen noch unbesiegbarer.

Doch dann wurden sie besiegt. Es hatte nicht ewig andauern können, doch die Monate ihrer Siegesserie waren berauschend gewesen und hatten sich angefühlt als würde sie niemals enden. Und als sie endete, begann auch die Beziehung von Shouyou und Atsumu langsam aber sicher zu Ende zu gehen.

Es begann mit kleinen Streitereien, die aber das größere Problem zwischen ihnen offenbarten. Shouyou fiel auf, dass Atsumu damit begonnen hatte immer mehr Bilder von ihnen beiden gemeinsam auf seiner Social Media zu posten. Zwar waren es vollkommen unaussagekräftige Bilder, die keine Gefahr liefen sie zu outen, aber anstatt dem ganzen Team oder einer Gruppe von ihnen waren nun mal vor allem Shouyou und Atsumu zu zweit auf diesen Fotos zu sehen, und Shouyou gefiel das nicht. Es gefiel ihm nicht, weil ihm bewusst war, dass Tobio diese Bilder sehen könnte, und obwohl sein Ex Verständnis für Shouyous Wunsch seine Gefühle für Atsumu zu erforschen gezeigt hatte, sollte er ihre neue Beziehung nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen.

Nicht, dass Tobio jemals etwas gesagt hätte, aber nun ja, es musste ihm einfach weh tun und einen gewissen Eindruck erwecken, den Shouyou, wenn er ehrlich war, bei ihm nicht erwecken wollte. Doch Atsumu konnte er das so nicht direkt sagen ohne ihn zu verletzen, also sagte er nur den Teil mit den verletzten Gefühlen, den Atsumu aber nicht ganz einsah.

„Er hat uns doch seinen Segen gegeben. War das nicht das, was du gesagt hast? Was genau ist also das Problem?", wollte er wissen, und Shouyou wurde wütend, weil er das Gefühl bekam, dass Atsumu diese Bilder absichtlich postete damit Tobio sie sah und er ihm so unter die Nase reiben konnte, dass er „gewonnen" hatte. Hatte er das nicht schon auf der After Party damals getan und Tobio so von dieser vertrieben?

„Ich will, dass du weniger Bilder von mir postest. Ich bin schließlich auf ihnen zu sehen, also kann ich ja wohl entscheiden, ob sie veröffentlicht werden oder nicht!", betonte er, woraufhin Atsumu in seiner Wut kindisch reagierte und alle Bilder von ihnen beiden löschte und meinte: „Und bist du nun zufrieden?!" und die zwei folgenden Tage nicht mehr mit Shouyou sprach.

Shouyou war derjenige, der sich entschuldigen musste, als ob er derjenige wäre, der falsch gehandelt hatte. Beinahe so als wäre Atsumu nicht derjenige von ihnen beiden mit der Reife eines verwöhnten Kleinkindes.

Sie söhnten sich wieder aus und einigten sich darauf, dass in Zukunft weniger Fotos gepostet werden würden. Damit herrschte wieder Frieden zwischen ihnen, doch der war nur von kurzer Dauer.

Ihr nächster Streit begann, als Atsumu erklärte, dass er Shouyou gerne seinem Zwillingsbruder vorstellen wollte. „Wieso? Wir kennen uns doch", rief ihm Shouyou verwirrt in Erinnerung, „Oder leidest du seit neuesten an Amnesie und erinnerst dich nicht mehr an eure Niederlage gegen uns damals beim Frühlingsturnier?"

Atsumu ignorierte die Anspielung, sondern erklärte ernst: „Ja, aber Samu kennt dich eben nur so: als seinen Gegner. Er kennt dich nicht als meinen Freund."

Diese so ungewöhnlich ernste Aussage ließ Shouyou einen Moment lang zögern. „Du … du willst mich deiner Familie vorstellen?", wunderte er sich.

„Ja, warum auch nicht? Wir sind jetzt schon eine Weile zusammen", erklärte Atsumu.

„Ja, aber doch noch nicht so lange", widersprach Shouyou.

Atsumu musterte ihn misstrauisch. „Heißt das, du willst mich deiner Familie nicht vorstellen?", wunderte er sich seinerseits.

„Na ja, ich finde halt, dass das im Moment nicht notwendig ist", erklärte Shouyou vorsichtig.

„Hast du Tobio-kun deiner Familie vorgestellt?", wollte Atsumu wissen.

„Ja, nein, ich meine sie kannten ihn ja schon, aber ja, als wir zusammen waren, haben wir es richtig gemacht, und ich habe ihn meiner Mama und Natsu vorgestellt, aber das war ja auch was anderes", stotterte Shouyou.

„Weil du davon ausgegangen bist, dass er immer Teil deines Lebens bleibt, während ich nur Teil einer Phase bin?", vermutete Atsumu bitter, und das lag näher an der Wahrheit als ihnen beiden lieb war.

„Ich war damals einfach sicher, dass wir für immer zusammen bleiben", versuchte Shouyou die Situation zu retten, „Aber wir beide, du und ich …."

„Wir werden das nicht, weil schon feststeht, dass du zu ihm zurückkehrst?" Atsumu funkelte ihn an.

„Nein, so ist das nicht, ich…." Doch wie sollte Shouyou das erklären? Dass er in letzter Zeit wieder öfter an Tobio dachte, weil zu verlieren ihn an ihr gemeinsames Versprechen erinnert hatte, dass sie einander gegeben hatten, damals als sie zusammen verloren hatten? Dass an Tobios Seite zu verlieren irgendwie weniger desillusionierend gewesen war als an Atsumus Seite? Dass er Tobio langsam aber sicher vermisste? Wie sollte er das alles sagen ohne Atsumu das Gefühl zu geben nicht genug für ihn zu sein?

„Warum passiert mir das nur immer?", murmelte Atsumu, und Shouyou wusste nicht was er damit meinte.

„Hör mal, er ist meine erste Liebe. Er war so lange mein bester Freund. Er wird immer Teil meines Lebens sein, das stimmt. Aber man stellt seiner Familie nun mal seinen ersten festen Freund vor, und wir beide … wir sind meiner Meinung nach einfach noch nicht lange genug zusammen um die Familie kennenzulernen. Das ist alles, okay? Das hat nichts mit meinem Glauben an uns als Paar oder meiner Zuneigung für dich zu tun", verteidigte sich Shouyou verzweifelt, „Bitte glaub mir das."

Doch Atsumu sah ihn nur düster an, sagte aber nichts mehr dazu. Und der Versöhnungssex, den sie hatten, war irgendwie seltsam, ein wenig verzweifelt und irgendwie traurig.

Es war nicht so, dass Shouyou in den letzten Monaten keinen Kontakt mehr zu Tobio gehabt hätte. Doch seit der Niederlage sprachen sie wieder öfter miteinander. Und sie trafen sich auf wieder öfter. Shouyou wusste, dass er das nicht sollte, aber er erzählte Tobio alles von seiner Auseinandersetzung mit Atsumu. Tobio hörte ihm ausdruckslos zu. Dann meinte er: „Du musst nicht … so viel Rücksicht auf mich nehmen, Shouyou. Wir werden immer Freunde sein. Und ich will, dass du glücklich bist. Und wenn Miya Atsumu dich glücklich macht, dann stell ihn deiner Familie vor und veröffentliche so viele gemeinsame Fotos von euch wie du willst."

„Ich bin glücklich", versicherte ihm Shouyou und legte seine Hand kurz auf die des anderen, „Aber Atsumu … ich glaube er meint es ernster als ich. Denn wenn ich an die Zukunft denke, dann … sehe ich uns beide, dich und mich, Seite an Seite, wie es immer war. Ich meine, ich wollte doch nur … ich wollte sehen wohin es führt und einige Zeit lang war es wundervoll, aber … er ist nicht du."

Tobio lächelte leicht. Dann ergriff er Shouyous Hand. „Ich bin da, wenn du mich brauchst", sagte er, „Egal wie du mich brauchst. Aber … wenn du es nicht ernst meinst mit Atsumu … solltest du so fair sein ihm das zu sagen. Er sollte nicht ewig auf etwas warten, das dann nicht passiert." Er klang so, als hätte er Mitleid mit Atsumus als er sagte, er klang fast traurig. Erst lange Zeit später sollte Shouyou begreifen, dass er nicht wirklich von Atsumu gesprochen hatte, als er das sagte.

Damals jedoch fand er, dass Tobio wohl recht hatte; Atsumu sollte nicht darauf hoffen Shouyous Familie kennenzulernen, wenn das doch wohl nie passieren würde. Doch Schluss zu machen war nicht so einfach - sie waren Teamkollegen und der Sex war wirklich gut. Und Tobio fühlte sich an den meisten Tagen so weit weg an. Weiter weg als damals in Brasilien, wo sie geographisch weiter voneinander entfernt gewesen waren.

Und doch fühlte sich auch Atsumu fern an. Er strahlte nicht mehr so hell, schien weniger gut gelaunt zu sein, und seine Stimmungschwankungen wurden anstrengender zu ertragen. Ihr Spiel passte nicht mehr so gut zusammen wie zuvor. Sie beide passten nicht mehr so gut zusammen wie zuvor. Manchmal hatte Shouyou das Gefühl, dass ihm Atsumu etwas vorwarf, er wusste allerdings nicht was.

Und dann kam der Zwischenfall mit dem Foto.

Tobios Social Media war normalerweise vor allem tot, also war Shouyou die neue Aktivität darauf sofort aufgefallen, und er hatte näher nachgesehen, und das, was er gesehen hatte, hatte ihn schwerer erschüttert, als er erwartet hätte. Warum sonst sollte er heulend zusammenbrechen wegen einem einzelnen Foto?

Der Mann, neben Tobio, auf dem Foto war nur der berühmteste geoutete internationale Volleyball-Star, von dem Shouyou wusste, dass Tobio ihn gut aussehend fand. Dass er ihn getroffen hatte, musste nichts bedeuten, das wusste er, aber … Was wenn es doch etwas bedeutete? Tobio postete doch normalerweise keine privaten Inhalte, und wenn….

„Shou, meine Güte, was ist denn los?!" Atsumu war hinter ihm aufgetaucht und musterte seine verweinte Grimasse voller Schock und versuchte ihm das Handy zu entwinden. „Ist wer gestorben?"

Das Einzige, was gestorben war, war Shouyous und Tobios Liebe. Diese Erkenntnis brachte Shouyou dazu erneut loszuheulen.

„Es tut mir leid", beteuerte Shouyou, „Ich mache ständig alles kaputt, ich weiß…." Und er stimmte ja auch, er war dabei sich und Atsumu kaputt zu machen wie er zuvor sich und Tobio kaputt gemacht hatte.

„Hey, ist schon gut", versuchte ihn Atsumu zu trösten und massierte seine Schulter, „Shou, komm schon, hör auf, so schlimm ist es nicht."

„Doch. Ich … ich nehme Herzen und dann zerquetsche ich sie … und dann tut es trotzdem so weh … Ich hab kein Recht…. Ich war es, der es so wollte. Aber ich … ich habe immer nur ihn geliebt", heute Shouyou, „Es tut mir leid. Ich hab dich wirklich gern, Atsumu. Aber ich kann nicht …. Warum nur tut es wo weh?!" Nichts von dem, was er sagte, ergab Sinn. Nichts von dem, was er dachte, ergab Sinn.

Atsumu versuchte ihn zu trösten, streichelte ihn, sagte ihm beruhigende Worte, und Shouyou fühlte sich wie ein Stück Dreck. Und er war ja auch eines.


Sie sprachen nicht über den Vorfall. Taten so als wäre alles wie immer. Sie hatten zwar keinen Sex mehr, aber sie küssten sich, kuschelten, hielten Händchen. Wenn Shouyou mutiger wäre, besser, dann hätte er etwas gesagt, doch es war Atsumu, der am Ende etwas sagte.

Er legte eines Morgens einen englischsprachigen Artikel vor Shouyou auf den Tisch. „Hier."

„Was ist das?" Shouyou starrte verwundert auf den Artikel.

„Das ist ein neuer Artikel über ihn und darin wird sein langjähriger Lebenspartner erwähnt, von dem es viele aktuelle Bilder auf seiner Social Media gibt. Ich fand du solltest wissen, dass du Tobio-kun nicht an die Konkurrenz verloren hast", erklärte Atsumu.

„Ich…" Shouyou wusste nicht was er darauf antworten sollte.

„Shou, du hast geweint, nein getrauert, nur weil du dachtest Kageyama Tobio wäre weitergezogen. Das kannst du nicht wegerklären oder ignorieren. … Und das solltest du auch nicht", meinte Atsumu, und dann schenkte er Shouyou ein trauriges Lächeln, „Ich werde dich vermissen, aber ich hoffe, dass wir weiterhin Freunde bleiben können. Aber ich will nicht so weitermachen. Ich weiß, dass ich mich nicht zwischen euch beide stellen kann. Das konnte ich noch nie und werde ich nie können. Wir hatten eine schöne Zeit zusammen, aber der Zeitpunkt ist gekommen, an dem wir uns nichts mehr vormachen sollten. Es wird kein Happy End für uns beide geben. Also solltest du losgehen und Tobio-kun anrufen und dir dein Happy End mit ihm holen."

Shouyou wusste nicht was er darauf sagen sollte.

Schließlich meinte er: „Ich danke dir, Atsumu. Und es tut mir wirklich leid."

„Das muss es nicht", erwiderte Atsumu, „Ich meine, was kann man schon gegen Liebe machen?"


„Und dieser Morgen mit dem Artikel. Das war das Netteste, was jemals jemand für mich getan hat", schloss Shouyou, „Atsumu ist tiefsinniger und freundlicher als er sich anmerken lässt. Ich weiß, dass er mich wirklich gerne hatte, vielleicht hat er mich sogar geliebt, aber mein Glück war ihm wichtiger als seines. Und letztlich finde ich, dass es das ist, was einen guten Menschen wirklich ausmacht - dass er die Bedürfnisse von anderen vor seine eigenen stellen kann. Ich war mit ihm zusammen, weil er gut Volleyball gespielt hat und gut mit mir harmoniert hat. Aber mich von ihm zu trennen ist mir deswegen so schwer gefallen, weil mir klar wurde, dass er eine gemeinsame Zukunft für uns beide wollte, was sein Opfer noch bemerkenswerter macht. Also ja, es steckt mehr in Atsumu als man meinen könnte. Beantwortet das deine Frage?"

Ushijima nickte. „Ich werde über deine Worte nachdenken. Danke, Hinata", meinte er.

Und Shouyou wünschte sich nur, dass er damals auch nachgedacht hätte, als er beschlossen hatte sich mit Miya Atsumu einzulassen. Am Ende war alles gut ausgegangen, Tobio hatte ihn zurückgenommen, sie hatten geheiratet, sich zerstritten, und waren nach dem Unfall wieder zusammengewachsen, aber er wusste, dass alles auch ganz anders hätte ausgehen können, und dass er sein Happy End vielleicht nicht gefunden hätte, wenn Atsumu damals nicht so großherzig ihm gegenüber gewesen wäre.

Keine Ahnung, ob Ushijima ihn daten sollte, aber eines weiß ich: Egal was alle anderen sagen, Atsumu ist einer von den Guten. Und letztlich war das alles, was wirklich wichtig in Fragen der Liebe war.


A/N: Ich weiß, dass Shouyou in diesen Kapitel möglicherweise nicht sehr sympathisch rüber kommt, aber eines der Hauptprobleme in seinen Liebesleben war früher nun mal die Tatsache, dass er blind für die Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse seiner Partner war bzw. beinhart seine eigenen für wichtiger genommen hat. (Im Gegensatz zu Atsumu, wie ihr gelesen habt). Aber er ist aus dieser Phase heraus gewachsen und ist besser geworden (plus Tobio hat es weggesteckt und Atsumu hat es überlebt).

Nachdem ich bisher nur eine einzige Rückmeldung zum Thema weitere Kapitel erhalten habe, ist momentan nur noch ein weiteres Kapitel mit dem Atsumu/Oikawa-Zwischenfall hierfür geplant, während die IwaOI-Hochzeit eine eigene Spin-Off-Fic werden wird.

Noch habt ihr aber die Chance Wünsche für weitere Kapitel zu dieser Fic zu äußern.

Diese und andere Reviews sind also erwünscht.