Kapitel 3: Die Fesseln
Zwei Tage waren nun seit dem Fund der Fremden vergangen und bisher war keiner von ihnen wach geworden. Ihre Werte stabilisierten sich und Chopper war zufrieden mit der Genesung. Dennoch befand er sich die meiste Zeit des Tages in seinem Behandlungsraum und behielt die beiden Patienten im Blick. Nur zur Sicherheit.
Die gesamte Crew hat mit großem Erstaunen reagiert, als Ruffy ihnen offengelegt hatte, dass er einen der beiden Personen kannte. Er erzählte ihnen grob woher und wie lange sie sich nicht gesehen hatten. Gefühlt hatte Ruffy auf der gesamten Welt Leute, die er kannte. Freunde, Familie, ehemalige Gegner. Wobei Letztere wohl überwogen, das lag auf der Hand.
Durch das Bullauge der Tür fiel ein warmer Sonnenstrahl in den Behandlungsraum. Chopper, der an seinem Schreibtisch saß, drehte sich lächelnd in diese Richtung. Auch wenn die Sonnenstrahlen nicht direkt ihn trafen, erfreute er sich an dem hellen Schein. Zufrieden drehte er sich wieder um und räumte gerade seine Utensilien der letzten Untersuchung bei Seite.
Die Sonnenstrahlen trafen das kleine Mädchen, welches im Bett lag und sich seit Beginn hier nicht bewegt hatte. Sie wirkte wie erstarrt. Nur ihr Brustkorb hob und senkte sich minimal. Die Wärme der Sonne allerdings schien etwas auszurichten. Denn auf einmal bewegten sich ein paar Muskeln in ihrem Gesicht. Die Nase zuckte leicht und die Mundwinkel bewegten sich ebenfalls. Ihre Atmung wurde tiefer, aber nicht lauter. Daher fiel es Chopper nicht auf, dass seine Patientin im Begriff war aufzuwachen. Er saß weiterhin mit dem Rücken zu ihr und räumte seinen Schreibtisch auf.
Die Augenlider des Mädchens zuckten ein paar Mal, bis sie sie ganz öffnete. Langsam, bedacht und etwas erschrocken von der Helligkeit im Raum. Sie schloss sie wieder hektisch und in der Sekunde registrierte sie, dass sie nicht auf ihrer Pritsche lag. Nun riss sie panisch die Augen auf. Ihr ganzer Körper erstarrt vor Schreck. Ihre Pupillen wanderten nach links und rechts, ohne dass sich ihr Kopf mitbewegte. Da saß etwas. An dem Schreibtisch. Ein Tier. Ihre Augen weiteten sich mehr. Angst stieg in ihr auf und ihr Körper bewegte sich weiterhin nicht. Verhängnisvoll, wenn ein menschlicher Körper aus Schutz in Starre verfiel. Sie fühlte sich ausgeliefert.
In diesem Moment drehte sich Chopper auf seinem Stuhl um und sprang von diesem. Dass das kleine Mädchen wach war, realisierte er erst, als er direkt vor dem Bett stand und eigentlich grade den Raum verlassen wollte. „Oh, du bist wach! Wie schön! Wie geht es dir?"
Das Mädchen sagte nichts zu ihm und das Einzige was sich bewegte waren ihre Augenlider, wenn sie blinzelte. Doch auch das war selten. Sie hatte starre Augen, die Chopper mit Angst fixierten. Die Angst in ihren Augen war schon beinahe spürbar und der Schiffsarzt wurde etwas ruhiger in seinen Bewegungen und auch seine Stimme passte sich an. „Hey, alles ok! Ich bin Chopper und ich bin Arzt. Ich tue dir nichts, wirklich."
In diesem Moment hörte er ein Murmeln aus Richtung der Matratze und ein kurzes Husten. Sein Blick schweifte zur Seite und er sah, wie sich die junge Frau versuchte aufzurichten. Es fiel ihr sichtlich schwer, so war wohl noch nicht all ihre Kraft zurückgekehrt.
Als ihr Blick sich hob, öffnete sie panisch die Augen und fand sogar ihre Stimme wieder. „Kleines? KLEINES?" Der Raum wurde hektisch von ihrem Blick abgesucht und traf dabei auf Chopper, der schnell zu ihr getippelt kam.
„Hey. Alles in Ordnung. Beruhige dich. Du bist Ruka, stimmt's?"
Die junge Frau sah verwirrt zu dem Rentier und ihr Blick war eine Mischung aus Furcht und Verwirrung. „J…ja…aber…"
„Ich bin Chop…" Doch er konnte seinen Satz nicht beenden, da das kleine Mädchen von ihrem Platz in Windes Eile zu Ruka gekrabbelt kam, von dem Bett gefallen war und sich ihr in die Arme geworfen hatte. In dieser Sekunde erfüllte nur noch ein leises Weinen den Raum und das Mädchen zitterte am ganzen Körper.
Ruka schien überglücklich zu sein, dass es dem kleinen Mädchen gut ging und schlang ihre Arme um sie. „Dir geht's gut, ein Glück."
Einige Sekunden vergingen und Chopper wollte diesen rührenden Moment auch nicht unterbrechen. Daher wartete er mit einem Lächeln, bis Ruka wieder zu ihm sah. Dieses Mal lächelte sie. „Vielen Dank. Wie… wie war Euer Name?"
Kichernd rieb sich Chopper am Hinterkopf. „Ich bin Chopper und ich bin Schiffsarzt. Wir haben euch vor zwei Tagen aus dem Meer gefischt. Scheinbar seid ihr im Sturm gekentert und ihr wart wirklich erschöpft. Aber laut meiner letzten Untersuchung sollten eure Werte jetzt wieder gut sein! Wie fühlt ihr zwei euch?"
Ruka horchte in sich hinein. Sie fühlte sich anders, als vor ihrem Erwachen. Es fühlte sich besser an, leichter. „Gut, Doktor. Ich fühle mich sehr gut, ich danke Ihnen. Und ihr…" Dabei sah sie herunter zu dem kleinen Mädchen, die sich nun beruhigt zu haben schien. Zumindest ging kein Weinen mehr durch den Raum und auch das Zittern hatte aufgehört. Dennoch vergrub sie immer noch ihr Gesicht in Ruka's gelbem Shirt. „…Ihr geht es auch gut. Sie kann es nur nicht so zeigen."
„Ich glaube, sie hat sich sehr vor mir erschrocken. Das tut mir leid.", kam es etwas betrübt von Chopper, der verlegen die Hufe aneinander tippte.
Ruka strich dem kleinen Mädchen über die Locken und diese nickte nur. „Ich glaube, es ist bereits wieder ok." Ruka's Blick wechselte wieder zu Chopper, während ihre Gedanken immer klarer wurden. „Doktor Chopper? Woher kanntet Ihr meinen Namen? Wir sind uns vorher nie begegnet."
Chopper grinste breit und freute sich schon auf das, was die nächsten Minuten geschehen würde. „Nein. Aber ich kenne jemanden, der es mir verraten hat."
Zusammen mit Chopper verließen die beiden Fremden den Behandlungsraum und traten in die helle Nachmittagssonne. Die Wärme fühlte sich wohltuend auf ihrer Haut an und Ruka's Blick wanderte den Hauptmast entlang nach oben. Panik stieg sofort in ihr auf. „Ein…" Sie erkannte das Symbol der Piraten, den Jolly Roger. Er prangerte auf dem riesigen Hauptsegel. Unmöglich. Waren sie wirklich auf einem Piratenschiff gelandet?
Chopper blieb auf der Treppe stehen und drehte sich zu Ruka um. „Hm? Was ist denn?"
„…Ein Piratenschiff? Ihr seid Piraten?" Ihre Stimme wurde nervös und leise. Das kleine Mädchen, welches sich auf ihrem Arm befand und ihr Gesicht immer noch versteckte, klammerte sich fest an Ruka.
Das Rentier aber begann zu lachen. „Ja, sind wir. Aber schau doch!" Er deutete mit seiner Hufe weiter nach oben. Durch den Hauptmast war der Jolly Roger nicht perfekt zu erkennen. Aber beim genaueren Betrachten fiel auch Ruka auf, was der Schiffsarzt meinte. Wieder riss sie die Augen auf, dieses Mal vor Erstaunen. Es war ein Strohhut, der den Jolly Roger des Schiffes zierte.
„Sind wir… Ich meine… Sind wir wirklich hier?" Ruka folgte Chopper die Treppe hinunter zum Deck, auf dem bereits Robin auf einer Liege ihr Buch las. Zorro befand sich etwas weiter Richtung Bug des Schiffes und trainierte dort. Die anderen Mitglieder waren nicht zu sehen. „Also, ich meine, sind wir auf… Ruffy's Schiff?"
„RUKA!" Vom Hauptmast aus rief besagter Strohhut ihren Namen und hangelte sich von oben hinab. Er kam mit einem beherzten Sprung genau bei Chopper und Ruka an und grinste über sein ganzes Gesicht. „Ihr seid ja endlich wach!"
Die Augen der jungen Frau weiteten sich und sie begann leise Tränen zu vergießen. Diese Tränen allerdings, waren Tränen der Freude. Nach so vielen Jahren waren es echte Freudentränen. „Ruffy." Sie ging auf ihn zu und umarmte ihren alten Freund aus tiefstem Herzen. Sie schlang dabei einen Arm um ihn, während sie mit der anderen das kleine Mädchen noch im Arm trug. Ruffy drückte Ruka ebenfalls an sich, freute sich sichtlich über das Wiedersehen und war hellauf begeistert. „Geht's euch wieder gut?", fragte er, als sie sich aus der Umarmung lösten.
„Ja…", kam es nur leise von ihr. Sie wischte sich mit dem Handrücken die letzten Tränen aus dem Gesicht und nickte ihm zu. „Ja, uns geht es gut. Dank dir. Ich meine, dank dir und deiner Crew."
Die Mitglieder der besagten Crew hatten Ruffy's Schrei vernommen und kamen nun alle aus den verschiedensten Ecken der Sunny. Jeder mit einem freundlichen und offenen Ausdruck in den Augen. Sie standen um Ruka und das Mädchen herum und hießen sie auf der Sunny willkommen.
Ruka war sichtlich überfordert mit all den neuen und… eigenartigen Gesichtern der Strohhutbande. Niemand, aber wirklich niemand, glich dem anderen. Nicht einmal ansatzweise!
Nacheinander stellten sich die Mitglieder vor und auch wenn die junge Frau zuerst große Skepsis gegenüber dem Robotermann oder dem Skelett hatte, so verschwand diese nach und nach. Irgendwann empfand sie sie nur noch als komisch. Positiv komisch. Sie passten zu Ruffy. All ihre Augen strahlten eine gewisse Ehrlichkeit aus und Ruka war sich sicher, dass sie ihrem Freund und seiner Crew vertrauen konnte.
„Es freut mich… euch alle kennenzulernen." Sie kniete sich hin, stellte das schwarzhaarige Mädchen auf den Boden, blieb aber noch auf ihrer Augenhöhe knien. Direkt neben hier. „Wir freuen uns. Und danke nochmal, dass ihr uns gerettet habt. Wir wären wahrscheinlich nicht mehr hier, ohne eure Hilfe." Ruka erhob sich wieder, strich dem Mädchen aber noch kurz über den Kopf und verbeugte sich leicht. „Mein Name ist Ruka und…" Sie sah neben sich nach unten. Doch das kleine Mädchen versteckte sich hinter Ruka's Beinen. Ihr Gesicht war nicht zu erkennen und auch Ruka stutzte kurz. „Nun… Na ja, das Mädchen hört eigentlich nur auf ‚Kleines'."
„Kleines?", wunderte sich Nami und begutachtete das kleine Mädchen etwas genauer. „Aber sie muss doch einen Namen haben."
„Nun… na ja…", antwortete ihr Ruka nur kurz und knapp und wurde leiser. „Tut mir leid. Ich weiß nicht so recht, wie ich das erklären soll."
„Dann erfinden wir halt einen Namen für sie!", lachte Ruffy nur und stemmte die Hände an die Hüfte. „Kann ja nicht so schwer sein."
„Bevor wir das aber tun…" Neben Ruka tauchte Sanji auf, der Schiffskoch, wie er sich vorher vorgestellt hatte. Er verneigte sich vor ihr, versuchte mit ihr zu flirten. Zumindest glaubte Ruka das. „Ich habe soeben ein Willkommensessen vorbereitet. Natürlich ist die kleine Lady ebenfalls eingeladen." Ein komisches, bedrückendes Gefühl kam wieder in ihr auf. Eines das sie zu gut kannte. Ein leichtes Zittern überkam sie kurz, welches sie aber durch einen tiefen Atemzug wieder ablegen konnte. Sie konnte Ruffy vertrauen.
„FUTTER!" und schon war Ruffy in der Kombüse verschwunden und seine Freunde ließ er an Deck zurück. Seine Crew reagierte nur mit Lachen, Kopfschütteln oder einer Kombination aus beidem.
Das kleine Mädchen hob leicht ihren Blick und sah an Ruka's Beinen vorbei zur wackelnden Türe der Kombüse, durch die Ruffy grade verschwunden war.
Vor ihnen war wirklich ein Festmahl aufgebaut. Es roch wunderbar in diesem Raum und Ruka konnte nicht genau erkennen, welcher der Gerüche überragte. War es der süßliche Duft der Pfannkuchen und kleinen Desserts oder war es doch eher der herzhafte Geruch von Fleisch, Kartoffeln und Beilagen? Es war wundervoll angerichtet und wie hypnotisiert stand die junge Frau im Eingang, das kleine Mädchen noch neben sich stehend, ebenfalls still. Ruffy hatte sich währenddessen schon an das Fingerfood gemacht und wirkte überglücklich.
„Nun kommt, setzt euch.", rief Sanji, der noch die letzten Teller aus der Küche zum Tisch brachte.
Nur ein gehauchtes „Vielen Dank" entwich Ruka's Lippen. Sie begann zu lächeln, ging einen Schritt, doch merkte sie sofort, dass jemand fehlte. Das kleine Mädchen stand stock steif am Eingang, wollte nicht weiter gehen. Ihre Mimik unverändert neutral. Ruka allerdings lächelte sie an. Sehr weich, wie sie immer mit ihr umging und hielt ihr ihre Hand hin. „Nun komm'."
Zaghaft nahm die Kleine ihre Hand und folgte ihr an den gedeckten Tisch. Rechts neben Ruka nahm das kleine Mädchen Platz, links neben Ruka saß Chopper. Bevor sich das kleine Mädchen allerdings setzten konnte, kam Robin noch mit einem extra Kissen an und legte es auf den Sitz. „Ich glaube, so sitzt es sich besser."
„Vielen Dank." Ruka bemerkte, dass hier wirklich alle unglaublich aufmerksam waren. Freundlich, herzlich und hilfsbereit. Als sich das kleine Mädchen gesetzt hatte, blickten beide auf die bereitgestellten Speisen, die sich um sie herum befanden. Noch nie in ihrem Leben, hatten sie so viel und gut zubereitetes Essen gesehen. Es roch fantastisch und sah aus wie aus dem Bilderbuch. Nein, noch besser.
„Ich danke euch…", kam es leise von Ruka. Und dieser Dank, kam aus tiefstem Herzen. Wie lange sie sich nach ‚normalem' Essen gesehnt hatte, hatte sie aufgehört zu zählen. Sie wusste es wirklich nicht mehr. Aber es mussten Jahre sein. Das kleine Mädchen neben ihr, hatte solche Mahlzeiten noch nie zu Gesicht bekommen. Dies sah man ihr nun doch im Gesicht an. Ihre Augen waren geweitet und ihr Mund vor Erstaunen ganz leicht offen. Die Hände hatte sie aber noch brav im Schoss gefaltet.
„Bedient euch! Wenn ihr noch Wünsche habt, sagt Bescheid!" Sanji stellte eine letzte Schüssel mit Meeresfrüchtesalat auf den Tisch. Neben ihm schmatzte Ruffy schon beherzt, als er seine dritte Portion leerte.
Ruka begann zaghaft etwas zu essen und als sie den Bissen ein paar Mal gekaut hatte, bemerkte sie den unglaublichen Geschmack. „Es ist… großartig." Ihr Blick senkte sich und eine leise Träne lief ihr über die Wange. Es lag nicht an dem Essen. Ja, es war grandios und sie würde so eine Mahlzeit nie wieder vergessen. Aber es war etwas anderes. Etwas in ihr veränderte sich. Sie wusste nicht wieso, aber ihr Herz und ihre Schultern fühlten sich auf einmal so leicht an. War das das Gefühl von… Freiheit?
Das Festmahl zog sich bis in den frühen Abend. Die Sonne zeigte draußen noch ihre letzten Strahlen, doch die Wärme verließ nach und nach den Ozean.
Die Strohhutbande allerdings saß noch gemütlich in der Kombüse und unterhielt sich angeregt. Zwischendurch gab es Streitereien, die Ruka und dem kleinen Mädchen zuerst Unbehagen bereiteten. Aber nach Nami's Erklärung zu urteilen, sei das hier auf dem Schiff normal. Vor allem zwischen Zorro und Sanji.
Brook fing ein schönes, ruhiges Violinenspiel an und Ruka war begeistert von seiner Musik. Sie ließ sich entspannt in ihren Sitz fallen und lauschte den Klängen, die durch den Raum gingen. Auch sein Gesang spielte nun mit ein und es war eine Wohltat.
Die Zeit verging. Die Strohhutbande ließ den Abend gemütlich ausklingen und einige der Mitglieder sangen ‚Binks Sake' zusammen mit Brook. Ruka selbst kannte dieses Lied nicht. Sie hatte selten wirklich Musik die letzten Jahre gehört. Nicht live. Doch sie genoss es sichtlich und eventuell, nur eventuell, würde sie beim nächsten Stück mitmachen dürfen?
Aus dem Augenwinkel sah sie hinunter zu dem kleinen Mädchen, das entspannt in ihrem Sitz zusammengesunken war und schlief. Ihr Kopf fiel dabei auf ihre linke Seite und endlich waren ihre Gesichtsmuskeln nicht angespannt. Sie waren locker, wie die eines normalen schlafenden Kindes. So viele Eindrücke in ein paar Stunden. Das war zu viel für so ein kleines Geschöpf, welches zuvor noch mit Ruka zusammen geflohen war. Natürlich durfte sie sich nun diese Auszeit nehmen. Und vor allem vielleicht endlich einmal den Schlaf in Ruhe genießen.
„Darf ich dich etwas fragen?" Ruka's Blick ging zu Nami, die gegenüber von ihr saß und Ruffy, der neben ihr Binks Sake mitsang, samt Bierkrug in der Hand. „Wieso hat dieses Mädchen keinen Namen?"
Ruka zuckte etwas zusammen, bei dieser Frage. Sollte sie ihr das wirklich sagen? Einer Gruppe, die sie selbst nicht wirklich kannte? Sie wirkten allerdings so vertrauensvoll und… sie waren ihre Lebensretter. War sie ihnen das nicht zumindest etwas schuldig?
„Nun…", begann Ruka und hielt sich an ihrem Wasserglas auf dem Tisch fest. Als bräuchte sie etwas Halt, für die nächsten Worte. „Die Kleine besitzt natürlich einen Namen. Wie jeder Mensch, auf dieser Welt, der unter anderen Menschen aufwächst." Ruka's Blick senkte sich und sie sah in das Wasser, welches leichte Schwingungen im Glas zeigte. „Aber vor ein paar Wochen wollte sie nicht mehr so genannt werden. Ihr tut es weh. Und da es ihr so viel Schmerz zufügt, diesen Namen zu hören, habe ich entschieden, sie nicht mehr so zu nennen. Für mich ist es auch eigenartig, weil ich sie vier Jahre so genannt habe. Aber so ist es für sie am angenehmsten. Daher werde ich ihn auch keinem verraten."
Eine Stille trat ein. Ruffy hatte aufgehört an seinem Bier zu trinken und auch Brook hatte mit seinem Violinenspiel aufgehört.
„Ihr tut es weh?", kam es ganz zaghaft von Nami und auch ihre Stimme wirkte leise, aus Angst etwas Falsches zu sagen. Ruka nickte nur, gab aber keine weiteren Erklärungen. „Was ist ihr denn geschehen? Und… ist dir auch etwas zugestoßen?"
Das Hinstellen von Ruffy's Bierkrug war das einzige Geräusch, das im ganzen Raum zu hören war. Auch die Atmung der einzelnen Mitglieder war kaum zu vernehmen.
„Ist irgendwas passiert, Ruka?", fragte nun auch Ruffy nach ein paar Augenblicken.
Angesprochene hob ihren Blick wieder, lächelte angestrengt. Zum Teil aufgesetzt, zum Teil aber auch ehrlich. „Macht euch keine Sorgen. Nichts, was nicht auch wieder verheilen kann."
Das war der letzte Satz, den Ruka zu dem Thema gesagt hatte. Sie konnte darüber nicht sprechen. Sie würde schweigen, um die Wunden nicht größer zu machen, als sie ohnehin schon waren.
Das kleine Mädchen wachte nach dem Abendessen nicht mehr auf. So wurde sie von Ruka schlafend auf den Arm genommen und zum Schlafraum der Frauen getragen. Nami und Robin zeigten ihnen, wo dieser lag und sie gaben Ruka auch einige ihrer Sachen. Da sowohl Nami als auch Robin sehr enge Kleidung trugen, würde sich Ruka da am nächsten Tag noch etwas einfallen lassen müssen. Vorerst war sie aber einfach nur dankbar über die Hilfe. Chopper brachte ebenfalls noch ein paar Kleidungsstücke, in den verschiedensten bunten Farben, für das kleine Mädchen vorbei.
Da in dem Frauenschlafraum nur zwei Betten standen, legten sie die Matratze aus dem Behandlungsraum in den Schlafraum. Auf die Frage hin, ob sie eine weitere für das Mädchen brauchten, schüttelte Ruka nur den Kopf. Sie begründete es mit der geringen Körpergröße von ihr, was zum Teil stimmte. In Wahrheit aber waren die beiden es gewohnt, sich im Schlaf nicht zu bewegen. Keinen Millimeter. Immer angespannt, was in der Nacht passieren könnte. So reichte eine normale Matratze für beide gut aus.
Diese Nacht schien aber nun anders zu werden. Ja, auch jetzt teilte sie sich mit anderen Frauen den Schlafraum. Aber ihr Gefühl verriet ihr, dass sie heute besser schlafen würde. Das kleine Mädchen lag ruhig neben ihr, auf dem Rücken und ihr Brustkorb hob und senkte sich ruhig zur Atmung. Auch sie merkte es anscheinend. Die Veränderung und ihr neues Leben, welches heute begann.
Ruka wandte ihren Blick wieder Richtung Decke und atmete einmal tief durch. Es fühlte sich an, als würden nach und nach die Schlösser eines Stahlmantels aufgebrochen werden.
All die letzten Jahre zeigten sich in ihren Träumen in dieser Nacht. All die Zeit hatte sie nie geträumt, nicht einmal. Der Schlaf war immer begleitet gewesen durch endlose Schwärze oder Nebel. Doch genau jetzt durchlebte sie so viele Ereignisse wieder, die sie eigentlich schon zu verdrängen gehofft hatte. Sie sah viele Menschen um sich herum, mit dunklen Stimmen auf sie einreden. Lachend. Brüllend. Erheitert.
Manches Mal kamen die Gestalten auf sie zu. Es wurde schwarz. Dann gingen sie wieder weg und die Schwärze löste sich auf. Und immer wieder hörte sie eine bekannte männliche Stimme im Hintergrund flüstern „Ich habe dein Leben in der Hand." und „Du tust, was ich dir sage.".
Schweißgebadet schlug Ruka ihre Augen auf, atmete hektisch, als wäre sie lange Zeit am Stück gerannt. Ansonsten hatte sich ihr Körper nicht bewegt. Sie lag immer noch auf dem Rücken, so zugedeckt, wie sie eingeschlafen war und das kleine Mädchen lag neben ihr, ebenso regungslos. Nur ihr ruhiger Atem und ihre entspannte Miene zeigten, dass es ihr gut ging.
Erleichtert atmete Ruka noch einmal durch, erhob sich leise und begann sich für den Tag fertig zu machen. Der Blick durch das Bullauge zeigte ihr, dass die Sonne noch nicht richtig aufgegangen war. Doch liegenbleiben konnte sie nicht mehr. Sie war wach und bereit für den heutigen Tag.
Nun stand sie hier, in der noch umhüllenden Dunkelheit. Das Schiff trieb ruhig auf dem Ozean, die Segel eingezogen. Ruka hatte versucht, möglichst große Kleidung herauszusuchen und trug nun ein blau kariertes Hemdenkleid, welches sie aber als lange Jacke und offen trug. Die Ärmel hatte sie nach unten gekrempelt, damit sie ihr bis zum Handgelenk reichten. Darunter trug sie ein weißes Shirt und eine Knöchellange Jeans. Schuhe trug sie gerade keine. Sie wollte das Gras und das Holz des Schiffes unter ihren Füßen spüren.
Am Horizont erblickte sie die Sonne, die sich nun nach und nach bereit für den kommenden Tag machte. Sie hüllte den schmalen Streifen zwischen Meer und Himmel in warmes, helles Licht. So oft hatte Ruka der Sonne beim Aufgehen zugesehen. Doch nie schien es so echt zu wirken, wie heute.
Sie stand hier, an der Spitze der Thousand Sunny und konnte dem Sonnenaufgang zuschauen, während der noch frische Wind durch ihre Wadenlangen Haare ging, das sie sich zu einem einfachen Zopf zusammengebunden hatte. Zwei Strähnen fielen ihr dabei locker über die Schultern und tanzten im Wind.
Ein Gefühl des Glücks überkam sie. Ein Gefühl der Freiheit. Die Luft, die sie einatmete, ging kühl durch ihren Körper und erfühlte sie mit Freude. Ein Lächeln entstand. Ein Lächeln, das ehrlicher nicht mehr sein konnte und ein Impuls in ihrem Herzen entstand, den sie einfach rauslassen musste.
„Es ist mir egal
Wie oft ich selbst den ganzen Hass
Das ganze Leid am eigenen Leib erfahren hab'
Es ist mir egal
Denn wir haben die Wahl
Die ganze Wut und all die Ängste abzulegen
Unsere Feinde zu umarmen
Und uns selber zu vergeben
Lasst uns zusammenführen, was längst zusammengehört
Und nie wieder wegsehen, sondern voneinander lernen
Und wenn es das Letzte ist in dieser kalten harten Zeit
Ich bleib' weich
Ich entscheid' mich für die Liebe
Und für die Menschlichkeit
Denn nur wer nicht geliebt wird
Hört auf, ein Mensch zu sein
Ich entscheid' mich für den Frieden
Und ich hör' immer auf mein Herz
Wir sollten anfangen, uns zu lieben
Ich weiß genau, wir sind es wert."
Von Sekunde zu Sekunde übernahm ihre Stimme ihren Körper. Etwas, das zuvor vor langer Zeit verloren gegangen zu sein schien, tauchte jetzt wieder in ihr auf.
Während sie sang, weiteten sich die Sonnenstrahlen weiter aus. Wärmten das offene Meer und ließen den Tag einkehren.
Als sie zum Ende des Liedes kam, summte sie die Melodie noch eine Weile, lehnte sich auf das Geländer der Sunny und fühlte sich endlich wieder lebendig. All das, was sie durchgemacht hatte, war vorbei.
„Ruka?" Ein ganz leises Wort und dennoch so kraftvoll. Angesprochene drehte sich verwundert um und sah in kindliche, große, dunkle Augen, die sie erstaunt fixierten.
Ruka lächelte und drehte sich nun ganz zu dem kleinen Mädchen. „Guten Morgen."
Mit schnellen Schritten lief sie zu der jungen Frau, die sich hinkniete und sie in die Arme nahm. Es war keine ängstliche Umarmung. Auch sie schien erleichtert. Das kleine Mädchen schien ihre Ketten zu verlieren, die sie seit ihrer Geburt fesselten. „Das war schön.", flüsterte sie in die Umarmung und drückte sich an Ruka fest.
„Danke. Weißt du was?"
„Hm?" Das Mädchen sah zu ihr auf, als Ruka ihr ein Lächeln entgegenbrachte.
„Ich glaube, unser neues Leben hat begonnen."
Das Mädchen riss ihre Augen auf, wollte grade eine Frage stellen, als mehrere Personen die Treppe hochgepoltert kamen. Manche von ihnen sahen noch sehr verschlafen aus, manche hatten wohl gerade angefangen, sich fertig zu machen. Doch Ruffy, Franky, Lysop, Brook und Chopper standen nun bei ihr und sahen sie unglaubwürdig an. „RUKA!" Ruffy war einer derjenigen, die grade frisch aus dem Bett gefallen waren und seine Haare standen ordentlich zu Berge. „Warst du das?"
Angesprochene stand etwas irritiert auf, das Mädchen versteckte sich wieder hinter ihren langen Beinen und ließ den Blick auch nicht zu der Crew hochschweifen.
„Was meinst du?"
„Das Singen!", gab Brook als Erklärung und er zitterte schon gar vor Aufregung. „Es war so ein wundervoller Klang!"
Ruka wurde rot, riss die Augen auf und wirkte nun eher eingeschüchtert. Sie wusste nicht, mit solchen Komplimenten umzugehen und knetete unsicher ihre Hände. „Nun… ja, das war ich. Aber…"
Euphorisch und hektisch nahm Ruffy ihre Hände und grinste sie an. „Du musst unsere Sängerin werden! Werde Mitglied in meiner Crew!"
„…WAS?"
