Kapitel 4: Der Name
Nach der anfänglichen Aufregung und dem Schock, den Ruffy verursacht hatte, hatte sich Ruka wieder beruhigt und saß nun mit allen beim Frühstück beisammen.
„Na sag schon ‚Ja'!", drängelte Ruffy, während er sich sein Frühstück in den Mund beförderte.
Richtig, sie war ihm noch eine Antwort schuldig und um ehrlich zu sein, freute sie sich über diese Chance. Aber, war es das Richtige? Sie und Piratin? „Ich… muss ein wenig darüber nachdenken, Ruffy."
„Warum?" Er stoppte, als er gerade dabei war, in sein großes, gebratenes Stück Fleisch zu beißen.
„Nun lass ihr doch die Zeit, du Idiot.", seufzte Nami und versuchte wohl Ruka ein bisschen vor Ruffy's Eile zu schützen. Als Ruffy eine Gegenfrage dazu stellen wollte, bekam er eine Kopfnuss von Nami verpasst, die ihn erst einmal schmollen ließ. Die Navigatorin allerdings zwinkerte Ruka kurz zu und nickte.
Auch wenn Ruka gegen Gewalt war, verhalf Nami's Methode ihr ein bisschen Zeit zum Durchatmen und Nachdenken. Dafür war sie ihr schon sehr dankbar.
Wäre es denn eine richtige Entscheidung? Hier zu bleiben und ein Teil der Strohhutbande zu werden? Ihr Blick fiel auf das Mädchen neben sich, welches stumm und in Ruhe ihr Frühstück zu sich nahm. Sie waren das Risiko ihrer Flucht eingegangen, damit die Kleine es sicher hatte. Sie wollten einen sicheren Ort finden. Konnte dieses Schiff überhaupt ein sicheres Zuhause für sie beide werden?
Als sie das kleine Mädchen neben sich so beobachtete, fiel ihr auf, dass ihr Blick auf einmal ängstlich wurde und sie in ihrem Sitz zurückwich. Irritiert sah sie in ihre Blickrichtung und sah dass Ruffy sie eingehend fixierte. Seine Augenbrauen waren konzentriert zusammengekniffen und er hatte sogar das Essen dafür kurz eingestellt.
Ruka legte eine Hand auf die Schulter des Mädchens und sah dann zu Ruffy. „Ist was nicht in Ordnung?"
Doch weiterhin schien Ruffy zu grübeln, als er auf einmal grinste und mit seinem Finger auf das Mädchen zeigte. „Ich hab's! Wir nennen dich Alice!"
Es wurde still in der Runde und nur Ruffy nickte zufrieden und widmete sich wieder seinem Essen zu. Seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, war er sehr zufrieden mit seiner Entscheidung.
„Alice?", murmelte Ruka etwas und sah in das immer noch erschrockene Gesicht des kleinen Mädchens.
Die Strohhutbande um sie herum schüttelten nur entsetzt die Köpfe oder redeten auf Ruffy ein, dass er ja nicht über den Namen eines Menschen bestimmen könne und dass sie sagen müsste, wie sie heißt oder genannt werden wolle.
Daher bekam niemand mit, wie sich Ruka leicht zu dem Mädchen runterbeugte und sie fragend ansah. „Kleines?" Ihr Blick richtete sich zu Ruka und ihre Gesichtszüge entspannten sich etwas. „Wie findest du den Namen?"
Der Blick des Lockenkopfes senkte sich und er konnte kaum gedeutet werden. Es war eine Mischung aus Angst, Unwohlsein und Erleichterung?
Nun fiel es den anderen Crewmitgliedern ebenfalls auf, dass das Mädchen über den Namen überlegte und sich scheinbar nicht äußern wollte. Ruka verstand, dass sie natürlich auch etwas Zeit brauchte, um darüber nachzudenken. Daher hatte sie eine Idee, um sich beiden diese Zeit zu geben. „Wie wäre es, … wenn wir euch heute Abend eine Antwort geben. Sie gibt euch eine Antwort, ob ihr neue Name ‚Alice' lauten soll und ich, ob ich ein Mitglied der Crew werde."
„Deal!"
Den Tag über hatten sie über diese Themen dann wirklich nicht mehr gesprochen. Die Sunny war auf ihrem Weg weiter über den Ozean und die Strohhüte waren entweder einzeln oder in kleinen Gruppen, in den verschiedensten Räumen des Schiffes.
Ruka hatte sich lange mit Brook auf Deck unterhalten. Sie hatte dabei in der Schaukel gesessen, die sie dann irgendwann an das kleine Mädchen abgegeben hatte und Brook saß im Schneidersitz im Gras daneben und spielte Violine. Die junge Frau war begeistert von seinem Spiel und unterhielt sich mit ihm über Lieder, bei denen er sie musikalisch begleiten könne.
Während sich Ruka angeregt mit Brook austauschte, saß das Mädchen auf der Schaukel, schwang zwar die Beine etwas hin und her, sah aber mit nachdenklichem Blick nach unten.
Vor dem Abendessen zogen sich Ruka und das Mädchen in den Schlafraum der Frauen zurück. Sie saßen sich nun auf der Matratze gegenüber, Ruka dabei im Schneidersitz. Die Kleine gegenüber hatte die Beine angewinkelt und ihre Arme um sie geschlungen.
„Nun…, was sagst du?"
„Wozu?" Das war das erste Wort, das dem Mädchen heute über die Lippen kam. Ruka war diese Stille gewohnt, wurde aber auch oftmals Zeugin von Sätzen, die das Mädchen sprechen konnte. Wenn sie unter sich waren, traute sie sich mehr. Fühlte sich sicherer.
„Ich würde sagen, zuerst zu der Crew. Wie findest du sie?"
Das Mädchen blickte zur Seite, ließ den Kopf etwas in die Kuhle zwischen ihren verschlungenen Armen sinken. „Weiß nicht. Okay?"
Ein Lächeln entkam der Blauhaarigen und sie nickte erfreut. „Immerhin. Das ist mehr, als ich erhofft hatte." Sie wurde wieder ruhiger und winkelte nun auch ihre Beine an, um ihre Arme um sie herum zu schlingen. „Ich weiß, dass es alles viel für dich sein muss. Ich bin auch ganz durcheinander." Sie bekam nur ein Nicken als Antwort und fuhr deshalb fort. „Ich wollte mit dir an einen sicheren Ort. Einen Ort, an dem wir frei sein können. Vielleicht… haben wir den gefunden?"
„Meinst du?"
Ein tiefer Seufzer durchflutete den Raum. Ruka schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Jeder Mensch würde sagen, dass es überall sicherer wäre, als auf einem Piratenschiff. Wahrscheinlich haben sie da Recht. Aber…"
Das kleine Mädchen blickte aufmerksam auf, richtete ihren Blick auf Ruka, die etwas wehleidig lächelte. „Vielleicht ist aber genau dieser Ort, der sicherste auf der Welt. Ich habe großes Vertrauen in Ruffy. Sein Charakter, seine Lebensfreude, seine Energie, seine Hilfsbereitschaft. Alles zeugt von großer Stärke und ich denke, das färbt auf die ganze Crew ab. Ich glaube, hier sind wir sicher."
„Vertrauen?", kam es leise von dem Mädchen, die nun ihren Kopf ganz gehoben hatte und Ruka fokussiert ansah.
Diese nickte. „Ja, ich vertraue ihm und glaube, dass wir hier Zuhause sein können."
„Okay."
„Okay?" Sie war ziemlich erstaunt von dieser Antwort. Ja, das Mädchen gab nie Widerworte, vertrat nicht ihre Meinung oder diskutierte. Aber mit etwas Skepsis hatte sie schon gerechnet. Wobei… diese Skepsis hatte sie bestimmt. Tief in sich. Ließ aber niemanden sie sehen, selbst Ruka nicht.
„Okay.", wiederholte die Kleinere und nickte wieder.
„Du." Ruka krabbelte auf ihre Seite, setzte sich neben sie und schlag ihren Arm um das kleine Bündel. „Du darfst auch etwas dagegen sagen. Wenn du dich hier nicht wohl fühlst, suchen wir einen anderen Ort."
Eine lange Zeit verging, in der geschwiegen wurde. Eine eigenartige Stille, die sich nicht angenehm anfühlte. Irgendwann aber unterbrach das kleine Mädchen dieses Unbehagen und schüttelte wieder den Kopf. „Nein. Du hast Vertrauen. Er ist ein netter Mensch und die anderen auch. Vielleicht so nett, wie du. Wir können hier wohnen."
Ruka drückte die Kleine näher zu sich, die sich dann mit ihrem kleinen Körpergewicht an die Große anlehnte. So saßen sie eine ganze Weile da, dieses Mal in einer angenehmen Stille.
Es war eine Stille, die sie so noch nie zusammen genossen konnten. Furcht, Unbehagen, Klemme, Finsternis. Das alles war immer um sie herum gewesen und ohne das fühlte sich Ruka einfach frei. Aber ging es vielleicht nur ihr grade so? War es für die Kleine vielleicht zu viel? Sie kannte nichts anderes als Gefangenschaft, negative Worte, Erniedrigung und Furcht. War all diese positive Erfahrung vielleicht zu viel für den Anfang?
„Kleines?"
„Hm?"
„Wie geht es dir?" Diese Frage hatte die Ältere selten gestellt, da sie es immer an der Mimik oder dem Auftreten der Kleineren sehen konnte. Daher war die Frage immer überflüssig gewesen. Doch jetzt, jetzt war sie wichtig. „Wie geht es dir hier?"
Wieder verging ein langer Moment, in denen keiner etwas sagte. Ja, es war schwierig ein vierjähriges Mädchen solche Sachen zu fragen. Wahrscheinlich konnte sie es selbst grade nicht zuordnen, wie es ihr ging. Nicht nach so einer Zeit und nach einem Sprung, in ein neues Leben. Alles, was sie bisher kannte, war nicht mehr vorhanden. Es war weg. Auch wenn Erlebnisse noch so grausam und hart zu sein scheinen, sie sind vertraut. An ihnen kann man sich noch orientieren. Nun ist dieses Leben weg. Von einem Tag auf den anderen.
„Mir…" Leise Tränen kullerten über ihre Wange, als das Mädchen versuchte, anzufangen. „Mir…mir geht es gut… glaube ich."
Beim Abendessen war es verhältnismäßig still unter der Crew. Hier und da wurde sich unterhalten oder auch leicht diskutiert. Aber dass dies nicht die normale Kommunikation war, fiel sogar den Neulingen sofort auf.
Ruka war unsicher, ob irgendwas passiert war und ob irgendwer vielleicht verärgert über irgendwas war. Hatte es was mit ihr zu tun? Hatte sie irgendwas angestellt? Hatte sie sie verärgert?
Nervös setzte sie ihr Wasserglas ab und räusperte sich kurz. „Ähm…" Sie sah zu den Crewmitgliedern, die alle in ihren Bewegungen innehielten und verstummten. Diese Situation fühlte sich sehr eigenartig und unangenehm an. Aber es schien wirklich etwas mit ihr zu tun zu haben. Aber wieso? „…also, ist… alles in Ordnung? Ihr benehmt euch alle so komisch…. So, ernst."
„Ach, die fragen sich nur alle, welche Antwort du jetzt gibst.", plauderte Zorro dazwischen und schien der Einzige zu sein, der nicht unter Anspannung stand. Gut und Robin, diese wirkte auch sehr gelassen, während sie ihren Tee trank.
„Oh." Ruka legte ihre Hände aneinander, knetete sie wieder vor Nervosität und wurde etwas verlegen. „Tut mir leid, also…" Ihr Blick ging in die Runde. Jeder sah sie mit erwartungsvollen Augen an. Diese Blicke machten sie nervös, weshalb sie noch einmal kurz innehielt und tief durchatmete. „Gut, also…ich… Ich würde gerne bei euch bleiben."
Die Crew begann schon sich aufzurichten und ihre Arme freudig hoch zu strecken, als Ruka stoppend ihre Hände hochhielt. „Unter einer Bedingung!"
„Eine Bedingung?" Verwirrt zog Ruffy eine Augenbraue hoch und blieb in der Jubelposition stehen, die er zuvor eingenommen hatte.
„Ja, eine Bedingung." Sie sah zu dem kleinen Mädchen runter, die sich nicht traute, ihren Blick zu heben. „Die Kleine muss dann auch in der Crew aufgenommen werden." Eine kurze Atempause, bevor sie fortfuhr. „Ich bin für sie verantwortlich und daher werde ich auf sie aufpassen. Mein Leben lang. Wenn ihr mich aufnehmen wollt, Captain, dann mit ihr zusammen."
Ruffy sah zuerst zu dem kleinen Mädchen und dann zu Ruka. Sein Grinsen verriet schon, dass er positiv gestimmt war. „Das war doch klar! Natürlich bleibt ihr beide!"
Die beiden Neulinge blickten erstaunt zu Ruffy auf, der nun jubelnd die Hände gen Decke streckte. „Wuhu! Sie haben ‚ja' gesagt!"
Die Spannung, die im Raum geherrscht hatte, verflog in dieser Sekunde. Alle freuten sich und Lachen, Witz und Gesang trat wieder in den Raum. Sie hießen die beiden herzlich willkommen auf der Thousand Sunny, indem sie eine riesige Feier begannen.
Ruffy hob seinen Bierkrug, stand mit einem Fuß auf dem Tisch und rief freudig: „Heißen wir unsere neuen Mitglieder willkommen! Ruka und…" Ruffy stockte, senkte wieder seinen Krug und sah zu dem kleinen Mädchen, welches ihren Blick immer noch verhalten gen Boden senkte. „Hey, Kleines? Wie heißt du denn jetzt?"
Diese sah erst panisch zu ihm auf, überfordert von allem, was grade in diesem Raum geschah. Auch ihr Herz schlug noch nie so wild und laut, wie jetzt. War das normal? Sollte ein Herz so laut schlagen? Nur ein kleines, verschrecktes „Hm?" entwich ihren Lippen.
„Na, wie heißt du denn jetzt?"
Sie öffnete ihren Mund, versuchte einen Satz heraus zu bringen, schaffte es aber nicht. Wieder versuchte sie es, atmete leise kurz ein und aus und begann erneut. „I…Ich…Ich…" Sie sprach so leise, dass es kaum jemand verstand. Daher hockte sich Ruffy ganz auf den Esstisch, gegenüber von ihr und grinste sie an.
„Du musst lauter reden, sonst versteh' ich dich nicht."
„Alice!", platzte es auf einmal aus ihr raus. Erschrocken von ihrer eigenen Stimme, senkte sie wieder den Kopf und ihr Herz schien gleich zu explodieren. „Alice…", wiederholte sie leise.
Der Strohhut erhob sich, stand triumphierend auf dem Tisch und hielt den Krug in die Höhe. „Lasst uns feiern! Auf Ruka und Alice!"
Nun waren die beiden Strohhüte. Sie waren Teil dieser Crew. Sie waren Teil eines großen Abenteuers und sie waren Teil von etwas Gutem. Ruka glaubte daran, dass alles, was hier geschehen, richtig sein würde. Nie war sie einem positiverem Menschen begegnet, wie Ruffy. Er würde vieles in dieser Welt zum Guten verändern. Daran glaubte sie fest.
Ihr Blick streifte zu Alice, die sichtlich überfordert mit der Situation war. Ihr Blick wanderte hektisch von einer Ecke zur nächsten. Überall, wo sich Menschen bewegten, sah sie kurz hin, um danach wieder jemand anderen zu fixieren. Ihr ging dies alles furchtbar schnell.
Eine ruhige Hand legte sich auf ihren Rücken und schon wanderte ihr hektischer Blick zu Ruka, die sich ruhig anlächelte. „Ich glaube, heute beginnt unser neues Leben. Was meinst du, Alice?"
Angesprochene sah Ruka mit großen Augen an, sah dann wieder zu der Crew, die ausgelassen feierte und blickte zum Schluss wieder zu Ruka hoch. Ihre Atmung wurde ruhiger, ihr Herz aber schlug weiterhin laut und stark in ihrem Brustkorb „Darf ich dann… Darf ich dann heute Geburtstag feiern, Ruka?"
„Geburtstag?" Ruka legte den Arm um ihre Schultern und drückte sie an sich. Das war eine wundervolle Idee. Das kleine Mädchen der Vergangenheit wurde auf der Insel gelassen und heute war Alice geboren worden. „Aber sicher. Ab heute feiern wir deinen Geburtstag immer an diesem Tag, Alice."
„Guten Morgen." Obwohl die Nacht kurz war, wurde Ruka früh wach und sie zog es ans Deck. Die Sonne schien ihre Strahlen auf die Sunny und schenkte ihnen eine wohltuende Wärme. Nami und Franky standen bereits an der Reling und blickten zu einer entfernten Insel, die erst noch ein Punkt am Horizont war.
„Guten Morgen, Ruka." Nami drehte sich mit ihrem Fernglas um und Franky hob grüßend seine Hand. „Gut geschlafen?"
Während sie auf die beiden zuging, nickte sie lächelnd und blickte zwischen den beiden und dem Ozean hin und her. „Die Nacht war nur etwas kurz."
„Daran wirst du dich bestimmt gewöhnen." Franky drehte sich wieder um und sah auf das Meer und die aufkommende Insel hinaus. „Gut, dass wir gleich ankommen. Ich brauche dringend neue Materialien."
„Dort soll es auf jedenfall eine Stadt geben. In der können wir das Nötigste einkaufen.", erklärte Nami und sah dabei auf ihren Logport mit den drei verschiedenen Kompassen. „Vielleicht gehen wir beide auch etwas shoppen, Ruka. Was hältst du davon? Du brauchst schließlich ein paar Klamotten."
„Gern.", gab diese kurz mit einem Lächeln wieder und sah ebenfalls hinaus aufs Meer. „Welche Insel steuern wir an?"
„Laut Informationen müsste das ‚Circusselia' sein."
Mit einem Knall wurde es schwarz in Ruka's Kopf. Ihr Körper funktionierte nicht mehr. Sie hörte Geräusche nur noch dumpf und sie starrte mit weit aufgerissenen Augen auf den kleinen Punkt am Horizont. Der kleine Punkt, von dem sie gehofft hatte, ihn nie wieder betreten zu müssen.
