Kapitel 5: Der Spaß

Die Sunny legte an, allerdings eine gewisse Strecke entfernt, von Circusselia. Da das Gewässer nicht tief genug am Hafen war, mussten sie ca. fünfhundert Meter entfernt Anker lichten. Fünfhundert Meter waren aber fünfhundert Meter zu nah.

Ihr Blick fokussierte diese riesige, bunte Insel. Jedes Haus in anderen Farben getaucht. In den Straßen hingen Girlanden, die im Morgenwind wehten und es war schon viel los auf den Wegen. Doch Ruka wusste, dass dies kein Vergleich zu den Abendstunden war.

Mit zitternden Gliedmaßen stand Ruka an Deck der Sunny und sah geschockt auf die Insel, die so viel Unheil bedeutete.

Um sie herum liefen die Crewmitglieder, unterhielten sich, suchten ihre Sachen zusammen und machten sich bereit, um die Insel zu erkunden. Sie konnte nicht dorthin. Sie durfte keinen Fuß mehr auf diese Insel setzen. In Gedanken versunken und vor lauter Angst knetete sie ihre Hände nervös durch und nicht mal ein Muskel bewegte sich in ihrer Mimik.

„Ruka!" Ihr schon fast geschriener Name holte sie wieder aus ihrer Trance. Ihr Blick zur Seite verriet ihr, dass es Ruffy war, der sie laut angesprochen hatte. Neben ihm stand Lysop, mit einem Rucksack geschultert und bereit zum Einkaufen. „Alles okay?"

Doch Ruka antwortete nicht. Sie sah Ruffy nur panisch an, konnte nichts sagen, nichts tun. Sie war hilflos. Das leicht verärgerte Gesicht von Ruffy änderte sich, als er bemerkte, in was für einem Zustand die junge Frau war. „Was ist los?" Sein Blick schweifte ratlos zu Lysop, der ebenfalls nur mit den Schultern zuckte.

„Bitte…", kam es gehaucht von Ruka. „Bitte nicht."

Ruffy sah zur Insel und dann wieder zu Ruka, die ihm ganz klar zeigte, dass sie Angst hatte. Ihre Hände kneteten sich immer noch nervös, sodass ihre Haut schon leicht rot wurde.

„Ich…kann nicht dahin. Bitte." Ihr Blick schwang wieder zur Insel, die so viel Freude ausstrahlte, dass weder Ruffy noch Lysop ihre Angst verstand.

Sie spürte auf einmal eine Hand auf ihrer Schulter, die sie behutsam rüttelte. Ruffy versuchte so sie wieder aus ihrer Angst heraus zu holen und ansprechen zu können. Und es gelang. „Kennst du diese Insel?" Ruka nickte ihm zu und immer noch sah er Angst in ihren Augen. „Ist dort etwas passiert?", fragte nun auch Lysop und wieder stießen sie auf ein Nicken der Blauhaarigen.

Ruka's Blick senkte sich, ihre Hände immer noch durch die Nervosität gefangen. „Es… Bitte, ich kann nicht auf diese Insel. Es…ist ein grausamer Ort."

Auf einmal wanderte Ruffy's Hand von der Schulter auf ihre nun roten Hände, die er so stoppte. Sie sah sein Grinsen. Verständnisvoll und hilfsbereit. „In Ordnung. Dann bleib' du mit Alice hier."

Ihr Blick hellte sich auf, ihre Hände hörten unter Ruffy's Berührung auf und ihre Augen wanderten von Lysop zu Ruffy. „Wirklich?"

„Klar." Der Strohhut nahm seine Hand von ihrer und verschränkte die Arme. „Hier seid ihr sicher und sobald wir zurückkommen, reisen wir weiter. Und sollte da irgendein Ärger passieren, kämpfen wir uns halt durch."

Der Schütze gab Ruffy zuerst nickend Recht, realisierte dann aber erst, was er da genau sagte. „Ärger?! Meinst du, wir kriegen dort Probleme?"

„Vielleicht.", lachte Ruffy und ging mit Lysop Richtung Reling. „Aber dann wird's spannend."

Die anderen warteten bereits auf sie, um auf die Insel rüber zu fahren. Sie knobelten grade noch aus, wer mit der Mini Merry fahren durfte und wer mit Ruffy auf die andere Seite rüber katapultiert werden würde. Dieser drehte sich noch einmal um und nickte Ruka zu. „Wir beeilen uns! Bis später!"

In den Straßen war es bunt. Alles war hochgezogen, wie ein riesiger Zirkus. Überall erklang Musik, in den schönsten Klängen und die Marktstände, die überall verteilt standen, boten großartige Dinge an. Die Bande war begeistert.

„Und hier soll es schlimm sein?", fragte sich Lysop, als er mit einem guten Einkauf an Werkzeug zurück zu der Kleingruppe kam, die aus Ruffy, Brook, Robin, Chopper und Zorro bestand.

„Schlimm?" Da Zorro von dem Gespräch vorher nichts mitbekommen hatte, fehlten ihm natürlich auch die Informationen. So auch Brook und Chopper.

„Ja, Ruka hatte ziemliche Angst mit auf die Insel zu kommen.", erklärte die Langnase, als er seine neuen Errungenschaften in dem Rucksack verstaute. „An sich sieht es hier sehr fröhlich aus… Vielleicht hatte sie ein schlechtes Erlebnis mit einer bestimmten Person und traut sich deshalb nicht."

„Da fällt mir ein…" Brook sah nachdenklich in den Himmel, in dem die Girlanden und Glöckchen fröhlich schwangen. „… hat sie eigentlich mal erzählt, wieso sie mit Alice in diesem Boot saß?"

Doch bevor sich die Strohhüte der Frage weiter stellen konnte, sprang auf einmal ein Clown vor sie. Rundlich, gelb rot gekleidet und seine Mütze klingelte durch ein Glöckchen, wenn er den Kopf bewegte. „Willkommen, willkommen! Hier auf der Zirkusinsel ‚Circusselia'!" Er warf Konfetti über die Männer und sprang von einem Bein auf das andere. „Hier, wo Zivilisten, Touristen, Marinesoldaten und Piraten gleichermaßen Freude haben, ohne sich anzufeinden!"

Ruffy lachte herzhaft, als er den kleinen Clown vor sich tanzen sah. Besonders sein Glöckchen auf dem Kopf tanzte dabei so lustig hin und her. Er applaudierte dem Clown, als dieser begann einen Handstand auf einer Hand zu machen und gleichzeitig mit den Füßen zu wippen.

„Ist die ganze Stadt hier so aufgedreht?", grummelte Zorro und blickte sich etwas skeptisch um.

„Diese Insel, mein Herr, ist ein einziger Ort von Spaß und Glück. Unsere Vorstellungen, für Groß und Klein, sind immer eine Augenweide. Aber wenn euch die Kunststücke nicht gefallen, haben wir hier noch andere Attraktionen!" Er sprang wieder auf seine Beine, ging nahe an die Gruppe heran und flüsterte, sodass die Gruppe näher an ihn herantreten musste, um ihn zu verstehen. „Wir haben natürlich nicht nur Spaß für die ganze Familie. Wenn Sie mehr suchen, gehen Sie in unsere Bars und bestellen Sie sich einen ‚roten Solero'. Das wird Ihnen Freude bereiten!" Mit einem Backflipp sprang er nach hinten, versprühte Konfetti und war daraufhin verschwunden. „Einen schönen Aufenthalt!"

Die Gruppe stand etwas irritiert da und sah dem Clown hinterher, während Ruffy bekundete, dass er ihn wirklich witzig fand. Brook und Lysop sahen sich verwirrt an und waren irritiert, dass der Cocktail ‚Solero', doch eigentlich gelb war. Robin allerdings sagte nichts zu diesem Thema und sah sich weiterhin in den Straßen um. Zorro stand mit verschränkten Armen da und grummelte ein „Ich mag keine Cocktails. Wo ist das Bier?" daher.

Auf der Sunny hatte sich Ruka ins Gras gesetzt, lehnend an den Hauptmast und sah zum Himmel hinauf. Immer noch plagte sie etwas die Angst. Doch nicht mit auf die Insel zu müssen, nicht einen Fuß auf diese Straßen zu setzen, beruhigte sie schon ungemein. Hier würde ihr nichts passieren. Niemand wusste, dass sie hier war. Niemand wusste, dass sie ein Mitglied der Strohhutbande war.

Sie hörte, wie eine Tür sich öffnete, durch die das kleine Mädchen trat. Sie hatte sich bereits die Haare gekämmt und sich umgezogen. Von Chopper hatte sie ein gelbes Shirt mit einem Herz bekommen und eine kurze, hellblaue Hose, die ihr dennoch über die Knie ging.

„Guten Morgen.", rief Ruka ihr entgegen und winkte ihr zu, damit sie sah, woher die Stimme kam.

„Guten Morgen." Das Mädchen, was seit gestern Alice genannt wurde, trat zu Ruka heran setzte sich genau vor sie, mit dem Rücken zu ihr gewandt. Sie erhielt von dem kleinen Geschöpf vor ihr ein Haargummi und Ruka wusste sofort Bescheid.

Lächelnd nahm sie die obersten, lockigen Haare des Mädchens und Band sie hinten zu einem Zopf zusammen.

„Hast du gut geschlafen?"

„Glaube schon.", antwortete ihr Alice, während ihr die Haare gemacht wurden. „Hatte böse Träume."

„Böse Träume? Von was?"

„Von dunklen, großen Monstern.", antwortete sie nur knapp. Danach folgte keine Erklärung mehr. Das reichte aber auch, damit Ruka verstand. Auch Alice verarbeitete all das Erlebte in ihren Träumen. Sie sah die Schatten der Vergangenheit vor ihr. Die Schatten, die ihr Angst machten.

„Ruka?" Alice drehte sich um, blieb aber noch auf ihren Beinen sitzen. „Wo sind denn alle?"

Die junge Frau sah zur Reling, die zum Glück so hoch war, dass die Insel aus diesem Winkel nicht zu sehen war. So bekam Alice nicht sofort einen Schock. „Sie sind einkaufen und kommen gleich zurück. Dann setzen wir wieder die Segel."

Auch Alice sah zur Reling und war verwirrt. „Wieso gehen wir nicht mit?"

Ein tiefer Atemzug ging durch Ruka's Lunge, bevor sie der Kleinen eine Antwort geben konnte. „Komm her." Sie breitete ihre Arme aus, zog Alice sanft zu sich und sah erneut in Richtung der Insel, die durch die Reling verdeckt wurde. „Wir sind leider… wieder zurück."

„Zurück?"

„Zurück auf…Circusselia."

Die Augen des kleinen Mädchens weiteten sich erschrocken. Ihr Körper verfiel in eine Schockstarre und sie kauerte sich in den Armen von Ruka zusammen. „Zurück?"

„Ja… aber keine Sorge. Wir bleiben hier, auf der Sunny. Weit weg vom Hafen. Niemand weiß, dass wir hier sind.", erklärte Ruka und stand mit Alice zusammen auf, hielt sie weiter im Arm. Sie gingen etwas auf die Reling zu, bis sie das riesige Zelt der Insel erblicken konnten. Dann stoppte sie, hielt die Kleine fest im Arm. „Schau, zwischen der Insel und uns ist immer noch das Meer. Die Sunny ist sicher."

Alice blickte verschreckt auf, versuchte die Insel mit ihrem Blick zu fixieren. Doch erschrak sie sich erneut und kauerte sich in Ruka's Armen zusammen. „Ich möchte rein gehen. Ich hab' Angst."

Eine hauchzarte, leise Bitte. Aber Ruka ging ihr sofort nach. Zusammen gingen sie rein, in die Kombüse des Schiffes und machten sich erst einmal einen Kakao und Alice bekam ein Frühstück.

„Ich brauch' ein Bier." Anders war dieser Trubel auch nicht für Zorro auszuhalten. Also ging er geradewegs auf eine Bar zu, die bereits schon geöffnet und einige Kunden hatte.

„Warte Zorro! Wir kommen mit!", kam es gleichzeitig von Ruffy, Lysop, Brook und Chopper, die ihm hinterherliefen. Robin folgte ihnen still, aber schmunzelnd.

In der Bar angekommen, roch es stark nach Rauch, Schweiß, Alkohol und altem Holz. Typisch für solche Räumlichkeiten, in denen getrunken und gefeiert wurde. Sie war, für diese frühe Tageszeit, schon gut besucht und aus vielen Ecken hörten die Strohhüte Gelächter.

„Scheint echt eine lustige Insel zu sein.", stellte Ruffy fest und setzte sich mit seiner Crew an einen Tisch.

„Wenn dieser Zirkusquatsch nicht wäre. Ey!" Zorro rief zum Barkeeper rüber, der ihn verdutzt ansah. „Ich brauch' dringend ein Bier!"

Der Barkeeper zuckte nur gleichgültig mit den Schultern, bereitete dann aber das Bier für Zorro zu. Die anderen schlossen sich ihm an. Als die Bedienung mit ihren Getränken kam, sah Chopper fragend zu dieser. „Entschuldigung? Was genau ist der ‚rote Solero?"

Chopper erntete einen sehr verwirrten Blick der Bedienung, die ihm dann aber den Kopf tätschelte. „Entschuldige, Kleiner. Dafür bist du wahrscheinlich noch was jung."

„Dann bestell' ich einfach einen!", rief Ruffy rein und grinste dabei. „Wer will noch einen?" Lysop und Brook schlossen sich an und da Ruffy bestellte, bat ihn Chopper, auch einen für ihn zu bestellen. „Dann vier Mal und so schnell wie es geht."

„Vier? Oh…ok. Das haben wir selten, um diese Uhrzeit. Ich schaue eben nach, ob das möglich ist." Die Dame ging zum Barkeeper rüber, erkundete sich nach etwas und dieser ging durch eine Tür hinter seiner Bar. Keine Minute später kam er wieder heraus und gab seiner Bedienung ein Nicken zur Bestätigung. Wieder trat sie freundlich an den Tisch und nickte der Strohhutbande zu. „Sie haben Glück, ist möglich. Sie kommen dann gleich zu Ihnen."

Nachdem die Dame den Tisch verlassen hatte, genehmigte sich jeder einen Schluck seines Bieres oder Limonade, die sich Chopper bestellt hatte. Die, die sich einen ‚roten Solero' bestellt hatten, waren gespannt, ob er wirklich so besonders schmecken würde, wie der Clown gesagt hatte und keine fünf Minuten später, kam ihre Bestellung an den Tisch.

„So, da wären wir." Vor ihnen standen vier aufreizend gekleidete Damen. Sehr freizügig, attraktiv und geschminkt. Die Vordere hatte sie angesprochen und stand mit einem Hüftschwung vor ihnen. Die Besucher der Bar pfiffen vor Begeisterung und riefen anzügliche Begriffe in den Raum. „Die Zimmer wären oben. Wenn Sie mir folgen wollen?"

„Häh? Wer seid ihr denn?" Ruffy war sichtlich enttäuscht. Wo war sein Getränk, was ihm versprochen wurde?

„Bitte?" Die Dame schüttelte verwirrt den Kopf und sah Ruffy eindringlich an. „Sie haben uns doch gerufen. Da sind wir."

„Nein. Ich hab' vier Cocktails bestellt."

„Sie haben vier ‚rote Soleros' bestellt. Das sind wir, Freudenmädchen."

„Was?" Ruffy zog verwirrt eine Augenbraue hoch und seine Freunde waren ebenfalls ziemlich verwirrt. Allerdings begriffen sie schneller, als ihr Captain, worum es hier genau ging. Robin kicherte ein bisschen an ihrem Platz und schien diese Situation ein bisschen zu genießen.

„Ich glaube, unser Captain möchte jetzt einen richtigen Solero.", lachte Zorro und hielt entschuldigend eine Hand hoch. „Nichts für ungut."

Die Strohhutbande sah, wie empört die Damen vor ihnen waren. Manche schimpften laut über sie und auch die Besucher der Bar redeten über diese Situation.

Der Barkeeper allerdings lachte lauthals und kam mit vier Soleros an den Tisch, dieses Mal in Gelb. „Tja, Mädels. Doch kein Job für euch. Dann wieder zurück in euer Kämmerchen."

Ruka hatte ihnen beiden einen warmen Kakao gemacht und sich mit Alice an den großen Tisch gesetzt. Beide sahen sie in die braune, warme Flüssigkeit, in der noch ein Marshmallow schwamm.

„Ruka?"

„Ja?" Selten sprach die Kleine von sich aus zuerst. Normalerweise antwortete sie nur eher auf Fragen oder erzählte etwas, was ihr Sorgen bereitete. Allerdings zu selten, wie Ruka empfand.

„Findest…Findest du meinen Namen schön?"

Sie wollte kichern. Nein, sie wollte ihre gegenüber nicht auslachen. Sie fand nur, dass langsam die Leichtigkeit kindlicher Worte in ihrer Stimme zu hören war. Die Leichtigkeit, die sie zuvor nie hören durfte. Sie freute sich einfach darüber. „Wie ich deinen Namen finde? Das ist doch nicht wichtig.", lächelte Ruka. „Wichtiger ist, wie du ihn findest."

Alice schmollte und presste die Lippen aufeinander. „Ich hab' dich aber zuerst gefragt."

Leichtes Lachen der Älteren ging durch den Raum. „Ich finde ihn sehr schön. Er klingt, wie eine Welle." Sie stieß auf einen erstaunten Blick von Alice, die sie sehr ungläubig ansah. Daher sprach sie ihren Namen aus und formte mit der Hand dazu eine Welle. „Siehst du? Dein Name endet wie eine Welle am Strand."

Doch als sie weiter erklären wollte, hörte sie von draußen einige Geräusche und unterbrach daher ihre Handlung. „Oh wie schön, ich glaube, die anderen sind wieder zurück." Ruka erhob sich und strich Alice über den Kopf. „Trink' deinen Kakao aus. Ich helfe ihnen beim Auspacken."

„Okay…" Alice nahm einen Schluck und sah Ruka hinterher, die Richtung Türe ging. „Ruka?"

Bevor sie die Klinke berührt hatte, drehte sie sich noch einmal um und lächelte. „Ja?"

„Danke, dass du meinen Namen schön findest."

Wieder lächelte sie und nickte. Sanft und einfühlsam. „Dafür musst du dich nicht bedanken. Es ist schließlich die Wahrheit."

Mit diesem Satz verließ Ruka die Kombüse.

Darauf folgte ein Schrei. Alice zuckte zusammen. Ihr Körper versteifte sich und sie klammerte sich an ihrer Tasse fest. „Ruka…?" Ein dumpfer Knall. Mehrere Geräusche und danach war es still. „Ruka…?"

Die Kombüsentüre öffnete sich wieder. Die Hoffnung, dass es Ruka war, verschwand aber, als durch die Tür kein Licht mehr in den Raum kam. Eine dunkle Gestalt trat hinein und danach noch eine. Ihre Schultern, aus Alice' Sicht, so breit wie die von Franky und sie wirkten mit ihren ernsten Blicken und vielen Narben angsteinflößend.

„Da haben wir die Kleine ja."

„Ist es denn die Richtige? Guck' nochmal auf's Bild."

„Meinst du, ich bin völlig bescheuert?"

Während sich die beiden stritten, kamen sie näher. Alice versuchte wegzulaufen, vergebens. Während einer der beinen Männer sie schnappte, holte der andere ein Foto aus seiner Hosentasche und hielt es neben sie. „Jap, das ist sie. Lästiges Ding."

Alice erstarrte. Ihr Körper zitterte, wehrte sich innerlich gegen all das. Aber ihre Tränen liefen nur leise ihre Wangen hinab, während sie sich körperlich nicht wehren konnte.

Einer der beiden legte ihr eine Kette um, schmerzhaft, wie sie merken musste. Ihr Körper wurde eingequetscht. Aber sie wehrte sich nicht. Ihre Stimme war stumm. „So, dann auf zum Boss."

„Der wird ganz schön sauer sein, dass du die andere umgelegt hast. Er wollte sie lebend!"

„Ja man, das weiß ich auch. Aber war ja nicht zu ahnen, dass die keinen einzigen Schlag auf den Kopf aushält."

Alice hörte das Gespräch. Es kam, trotzt Schock, in ihrem Bewusstsein an und dann sah sie sie, als sie hinaustraten. Sie lag da, im Gras, auf dem Bauch, ihre Haare verdeckten ihr Gesicht. Sie wirkte leblos und Alice konnte danach nur noch eine Farbe sehen: Rot. Daraufhin wurde alles Schwarz um sie herum.

Die Strohhüte lachten beherzt, als sie aus der Bar hinaustraten.

„Da hast du dir einfach Freudenmädchen bestellt.", lachte Lysop und hielt sich den Bauch. „Die Gesichter von denen waren herrlich."

„Die waren ganz schön auffällig gekleidet.", fiel es Chopper auf, der zu seinen Freunden hochsah, während sie auf der Hauptstraße ankamen.

„Das haben Freudenmädchen so an sich, Chopper. Keine Sorge." Auch Robin schmunzelte in der Situation, war die Naivität ihrer Freunde doch immer wieder erheiternd.

Als die Gruppe die Straße entlang ging, hörte Chopper durch seine guten Ohren ein Geräusch aus einer Seitenstraße. Es war sogar noch der hintere Teil des Gebäudes, aus dem sie eben noch gekommen waren. Ein paar Schritte auf die Gasse zu, sah er schon eine der Damen aus der Bar. Diejenige, die sie auch recht unfreundlich angeschaut hatte, als sie ihren Auftrag ablehnen mussten.

„Chopper? Kommst du nun?" Ruffy machte einen langen Hals, da die Gruppe schon weiter gegangen war und sah auf Chopper herab, der immer noch in die dunkle Straße blickte.

„Warte kurz." Chopper lief auf die Dame zu und seine Augen hatten ihn nicht getäuscht. Die Dame saß zusammen gekauert auf einer Treppe, weinend und ihr freizügiges Outfit war bedeckt durch eine helle, aber fleckige Decke. „Entschuldigung?"

Die Dame sah ihn mit verweinten Augen an, rieb sich die Tränen aus dem Gesicht und schlang die Decke noch mehr um sich. „Was…was willst du? Lass' mich in Ruhe."

„Aber, das geht nicht. Du blutest!" Das kleine Rentier zeigte auf die Decke, die sich nach und nach rötlich färbte.

Die Dame zog die Nase hoch, rieb dich die Augen und sah ihn ernst an. „Na und? Ist doch egal."

„Ich bin Arzt! Lass' mich dir bitte helfen."

Skeptisch sah sie ihn an, überlegte eine Weile. Als auch seine Freunde nun in die Gasse kamen, um nach dem Rechten zu schauen, sah sie auf den Boden und zog die Decke weiter zu. „Nein, ich brauche keine Hilfe."

„Lass' mich nur kurz die Wunden ansehen und behandeln. Dann lass' ich dich in Ruhe. Versprochen."

Und er überzeugte sie. In einer ruhigen Ecke der Straße durfte sich Chopper die Wunden anschauen, die nach einzelnen Strichen und recht tief aussahen. Willkürlich auf dem Rücken verteilt. Die anderen Strohhüte saßen, mit dem Rücken zu ihnen, ein Stückchen weiter weg.

„Die sind ja noch ganz frisch!", stellte Chopper entsetzt fest und begann, die Wunden zu reinigen. Ein Glück, hatte er immer eine Notfalltasche in seinem Rucksack dabei. „Was ist passiert?"

„Das war eine Peitsche. Sieht man doch.", kam es nur kühl von der Dame, die nun keine Tränen mehr vergoss. „Sowas ist normal hier."

„Peitschenhiebe?" Chopper versuchte sie vorsichtig zu behandeln, aber durch die Desinfektion der Wunden, brannten die offenen Stellen und sie zuckte immer wieder unter dem Schmerz. „Wieso tut dir jemand sowas an?"

„Ach, Doc.", seufzte sie und lächelte wehmütig. „Wenn das die schlimmste Bestrafung wäre, wäre ich dankbar."

„Bestrafung? Wofür wirst du bestraft?"

„Wir, Doktor. Wir werden bestraft." Sie wurde gerade bandagiert, als sie weiter ausholte. „Bei Ungehorsam: Bestrafung. Unfreundlichkeit: Bestrafung. Nicht genügend Einnahmen: Bestrafung. Einen schlechten Tag gehabt: Bestrafung."

Sie waren fertig mit der Behandlung, weshalb auch die anderen Mitglieder der Strohhüte noch nähertraten und sich zwischen Fässern und Kisten hockten, um nicht aufzufallen. Die Dame, die sich als Runali kurz Runa vorstellte, erklärte weiter die Hintergründe rund um die Insel. „Wir haben keine Wahl. Wir arbeiten hier, um uns am Leben zu halten. Wir verkaufen Spaß, Freude und Glück und leben selbst in der Dunkelheit. Je erfolgreicher wir aber diese Freude verkaufen, desto höher angesehen sind wir beim Chef und je besser geht es uns. Die erfolgreichen Freudenmädchen wohnen in den Häusern hinter dem Zelt, große helle Wohnungen, ein normales Bett, Essen und Trinken und keine Angst vor Konsequenzen. Wir, wir kämpfen ums Überleben. Nicht genügend Einnahmen. Ihr erinnert euch?"

„Oh nein…", hauchte Robin und sah die Dame besorgt an. „weil wir eure Gruppe abgewiesen haben, ist dir dies angetan worden?"

„Richtig, der Barkeeper hat uns danach zur Seite genommen und ein ernstes Wörtchen mit uns geredet."

„Aber das war doch gar nicht eure Schuld!", kam es entsetzt von Chopper, der dann den Kopf schüttelte. „Sowas sollte man einem Menschen doch niemals antun. Das ist…"

„Sklaverei, ja, das wissen wir.", unterbrach ihn Runa und sah ihn ernst an. „Wir überlegen täglich, welche Option die bessere wäre: Die Sklaverei oder der Tod. Eine andere Option gibt es nicht."

Wir, das waren die unterschiedlichsten Menschen auf dieser Insel. Alle, die keine Kunden oder hohen Mitarbeiter des Bosses waren, waren Sklaven, die ihr Leben versuchten zu retten. Von jungen Frauen, über verunsicherte Männer, bis hin zu kleinen Kindern und alten Menschen.

Die Strohhüte sahen sich bedrückt an und Ruffy's Miene wurde finster. Besonders er konnte so ein Verhalten nicht verstehen. Er wollte diese Insel, diese Menschen hier, befreien. Er wollte diese Sklaverei beenden.

„Meint ihr…", begann das Skelett und die Blicke aller ruhten auf ihm. „Ruka wollte deshalb nicht hier her?"

„Ruka ist hier?" Entsetzt kam diese Frage aus Runa heraus, die die Gruppe schon fast panisch anschaute. „Bringt sie weg hier! Sie und die Kleine! Bringt sie sofort weg. Sie werden den Tag hier nicht überleben, wenn der Chef mit ihnen fertig ist!"

In dieser Sekunde hörten sie Rufe und Schritte auf der Hauptstraße, die ihnen bekannt vorkamen. Es war Sanji, der nach seinen Freunden und besonders nach Chopper rief.

„Sanji! Wir sind hier!", rief Chopper laut und schon kam Sanji um die Ecke, in einer hohen Geschwindigkeit. Er strahlte Hektik und Stress aus und dies spiegelte sich auch in seinen Augen wieder. „Ich hab' euch schon überall gesucht! Ihr müsst sofort mitkommen." Er krallte sich Chopper, klemmte sich ihn unter den Arm und rief den anderen ein „Ruka ist etwas passiert!" zu und verschwand mit Chopper in Windes Eile durch die Stadt. Zurück blieben die anderen, in einer dunklen Gasse, geschockt von Sanji's Worten.