6. Gute Dinge
Pairings: Kagehina, Impliziertes IwaOi
Warnings: Manga-Spoiler bzw. Spoiler für den zweiten Haikyuu-Film, der theoretisch dieses Jahr erscheinen soll
„Aber ich wäre gerne mit diesem Team weitergekommen." Es war die reine Wahrheit, und Tobio verstand nicht wirklich warum alle so ein Fass über diese von ihm getätigte Aussage aufmachten. Sugawara-san hatte fast geweint.
Er schob die Reaktion seiner Teamkameraden (und die von Coach und Sensei, denn die beiden waren nicht besser gewesen, obwohl sie doch Erwachsene sein sollten) auf ihre aufgewühlten Gefühle rund um ihre Niederlage und Hinata. Hinata war ein weiterer Grund warum es ihm wichtig gewesen war dieses Match zu gewinnen, sie hatten es ihm versprochen, waren es ihm schuldig gewesen, aber sie hatte ihn im Stich gelassen. Sie hatten verloren. Es war ihnen nicht gelungen ins Halbfinale aufzusteigen. Der Traum vom Sieg bei der Nationalmeisterschaft war ausgeträumt.
Und Hinata würde sich, wie der Idiot, der er nun mal war, die Schuld daran geben, dass sie verloren hatten, weil er das Spielfeld vorzeitig hatte verlassen müssen und sich deswegen alle mehr Sorgen um ihn gemacht hatten als darum das Spiel zu gewinnen. Wenn alles anders gewesen wäre, wenn Hinata gesund gewesen wäre und bis am Ende am Feld geblieben wäre … hätten wir dann gewonnen? Tobio wollte daran glauben, dass sie in der Lage gewesen wären Hoshiumi gemeinsam zu bezwingen. Doch die Wahrheit war, dass sie es nicht wussten und niemals wissen würden. Keines ihrer beiden Teams würde nächstes Jahr wieder in der gleichen Zusammenstellung auf das Feld zurückkehren.
Und das finde ich bitter, wieso versteht das denn keiner? Wieso begreift keiner wie besonders dieses Team war? Vermutlich weil alle anderen Teams für austauschbar hielten, weil sie nicht verstanden was für ein Geschenk das Karasuno-Volleyball-Team dieses Jahres gewesen war.
Hinata verstand es. Doch nicht nur deswegen wollte Tobio mit ihm sprechen. Er wollte auch sicher gehen, dass es dem orangehaarigen Jungen besser ging, und er vermisste den anderen Jungen schon nach nur wenigen Stunden der krankheitsbedingten Trennung. Coach und Sensei hielten die anderen Spieler von dem Kranken fern, wohl wegen der Ansteckungsgefahr, doch nun, da das Frühlingsturnier für sie vorbei war, sollte das eigentlich keine Rolle mehr spielen. Tobio wollte mit Hinata über das Match sprechen, darüber was sie beim nächsten Mal anders und besser machen könnten.
Er wollte Hinata einfach sehen.
Allerdings war er sich nicht sicher, ob Hinata ihn sehen wollte. Trotzdem schlich er sich mit einer Maske bewaffnet in das Krankenzimmer des anderen Jungen, während der Rest des Teams immer noch mit Essen beschäftigt war. Hinata hatte sein eigenes Tablett mit Essen nicht angerührt und lag bewegungslos und maskiert auf dem Bett. Tobio setzte sich neben ihn und auf einmal fehlten ihm die Worte.
„Ich wollte so gerne mit diesem Team weiterhin am Platz stehen", sagte er dann, „Ich wollte, dass wir alle so lange wie möglich zusammen spielen können. Aber jetzt … Es tut mir leid, dass ich versagt habe."
Hinata drehte seinen Kopf in seine Richtung. „Wage es nicht dich dafür zu entschuldigen, dass wir verloren haben, dummer Yama", verkündete er mit kratziger Stimme, „Als ob es deine Schuld gewesen wäre…" Den Rest grummelte er unhörbar vor sich hin.
Hoffentlich war der Junge auch klug genug die selbe Weisheit auch auf sich selbst anzuwenden. „Ohne dich zu spielen hat sich falsch angefühlt", erklärte Tobio, denn immerhin war das wahr, „Ich wollte so gut ich konnte für dich spielen, aber … ich bin nur vollständig, wenn du neben mir am Platz stehst." Kaum hatte er diese Worte gesagt, bereute er sie auch schon wieder.
Hinata blinzelte ihn mit aufgerissenen Augen an.
Tobios Gesicht fühlte sich mit einem Mal heiß an. „Ich sollte besser wieder gehen, bevor ich erwischt werde", murmelte er, „Werd schnell wieder gesund." Und dann erhob er sich und schlüpfte schnell wieder aus dem Raum. Was habe ich da nur gesagt?! Vor zwei Tagen war alles noch so gut zwischen ihnen gewesen, und dann musste er hingehen und so einen Unsinn labern, ohne darüber nachzudenken!
Was wenn ihm das zu Kopf steigt, und er denkt er sei der beste Spieler, den ich kenne? Das ist es nicht, was ich gemeint habe! Doch in Wahrheit war das nicht seine größte Sorge. Dass sein Team in seiner jetzigen Zusammenstellung nie wieder zusammenspielen würde, bedrückte ihn offenbar so sehr, dass er nicht mehr wusste was er sagte.
Aber er ist ja krank, vielleicht habe ich Glück und er vergisst was ich gesagt habe.
Vielleicht würde diese Hoffnung nur ein frommer Wunsch bleiben, aber sie war alles, was er hatte. Zumindest war Hinata zu krank um ihn in der nächsten Zeit auf das anzusprechen, was er gesagt hatte.
Sie verließen Tokyo und kehrten nach Miyagi zurück. Mussten sich an den Gedanken gewöhnen, dass die Season vorbei war. Und dass das Schuljahr auch bald vorbei sein würde. Der Gedanke Azumane, Sawamura und Sugawara zu verlieren war keiner, mit dem sich leicht anzufreunden war. Ennoshita würde mit Sicherheit einen guten neuen Team-Captain abgeben, aber trotzdem würde alles anders sein als zuvor. Und diesen Gedanken mochte Tobio nicht.
„Na gut, spuk' s schon aus. Was ist passiert?"
„Sei freundlicher, Shittykawa."
Von Oikawa und Iwaizumi auf einen Milchkaffe eingeladen zu werden, war in seinem ersten Jahr in der Mittelschule ein Traum von ihm gewesen. In seinem ersten Jahr an der Oberschule hätte er nie mehr damit gerechnet, dass er sich dazu auch nur jemals zwingen lassen würde. Trotzdem saß er den beiden nun gegenüber und wusste nicht was er sagen sollte. Die Senpais wollten mit Sicherheit nicht über Volleyball mit ihm reden. Er sah sich unsicher um.
Niemand in dem Café schenkte ihnen besondere Beachtung. Trotzdem war er sich nicht sicher, ob er offen und ehrlich (und laut) über die Dinge sprechen konnte, die passiert waren.
Oikawa versetzte ihm einen Tritt unter dem Tisch. „Gab es mehr Küsse?", wollte er wissen.
Tobio nickte. „Ja, aber ich habe gesagt, dass ich das nicht mehr möchte", erklärte er, „Und das wurde auch akzeptiert."
„Dann lief alles gut? Wieso siehst du dann so betreten aus, oder ist das inzwischen dein normales Gesicht geworden?", forschte Oikawa weiter.
„Während unserem letzten Matches musste Hinata das Feld vorzeitig verlassen, weil er krank geworden ist", erklärte Tobio vorsichtig.
Oikawa gab ein Geräusch von sich, was wohl darauf hindeuten sollte, dass er das Match nicht gesehen hatte und das Neuigkeiten für ihn waren. Iwaizumi warf dem anderen Jungen einen kurzen Blick zu und fragte dann: „Geht es ihm inzwischen besser?"
„Oh ja, er hatte sich nur überanstrengt", erwiderte Tobio, „Aber ohne ihn zu spielen war hart. Und das habe ich ihm auch gesagt. … Und das war vielleicht ein Fehler... Wir haben seit dem nicht mehr miteinander geredet, weil er sich ja erholen musste und es sowieso kein Training mehr gegeben hat, aber …"
„Ein wahrer Freund würde dich nie für deine Gefühle verurteilen", meinte Iwaizumi.
„Er hat versprochen sich nie von mir abzuwenden, nachdem er den Kuss gesehen hat", gab Tobio zu.
„Ach, er hat den Kuss gesehen, ja?" Oikawa lehnte sich interessiert vor. „Was hat er dazu noch gesagt?"
Tobio erinnerte sich an den Kommentar über Oikawa in diesem Zusammenhang. „Dass ich nettere Leute mögen sollte, wenn es sich einrichten lässt", erklärte er.
„Mhm."
„Manchmal kommt man nicht darum herum, dass einem das Herz gebrochen wird", erklärte Iwaizumi sanft, „Aber, das heißt nicht, dass ihr nicht trotzdem weiter Freunde bleiben könnt."
„Schon mal daran gedacht ihn einfach rund heraus zu fragen, ob er dich mag?", warf Oikawa ein.
Tobio blinzelte, während Iwaizumi seinem Freund einen erstaunten Blick zuwarf. „Was?", verteidigte sich Oikawa, „Ich habe Jahre damit zugebracht genau das nicht zu tun, und willst du wirklich behaupten, dass es ein Fehler gewesen wäre, und ich mir nicht Jahre des stummen Liebeskummers erspart hätte, wenn ich schon viel früher was gesagt hätte?"
Iwaizumi senkte seinen Blick wie verlegen.
Tobio blickte etwas verwirrt zwischen den beiden hin und her. „Alles verändert sich", erklärte er dann, „Ich will nicht, dass sich das Beste in meinem Leben auch noch ändert."
Jetzt sahen beide Jungen ihn an. „Manchmal können Veränderungen eine gute Sache sein", erklärte Iwaizumi, „Manchmal können gute Dinge noch viel besser werden."
Oikawa nickte. „Chibi-chan liegt aus unerfindlichen Gründen einiges an dir", meinte er, „Und das wird sich auf jeden Fall nicht ändern. Aber manchmal ist es einfach besser Dinge auszusprechen anstatt sie in sich zu vergraben. Besonders, wenn es um Volleyball-Partner geht. Wäre dir Gewissheit nicht lieber als ewige Zweifel?"
Das war allerdings ein Argument.
Doch Tobio fehlte der Mut dazu über Dinge des Herzens von sich aus zu sprechen. Und die Fähigkeiten. Es war ihm immer ein Rätsel gewesen wie Tanaka und Nishinoya so freizügig über ihre Bewunderung für Shimizu sprechen konnten und sich aus deren ständigen Abfuhren nichts zu machen schienen. Es schien sie nicht zu stören, dass sich der Rest des Teams über ihren Liebeschmerz auch noch ständig lustig zu machen schien. Tobio wusste nicht, ob er damit leben könnte von Hinata nicht nur zurückgewiesen zu werden, sondern das auch noch in aller Öffentlichkeit ertragen zu müssen.
Natürlich wusste er auf einer gewissen Ebene, dass die Dinge in seinem Fall anders lagen. Und dass sich niemand über ihn und seine Gefühle lustig machen würde. Aber trotzdem. Miya Atsumu war auf ihn zugekommen. Genau wie das eine oder andere Mädchen, das irgendwann zwischendurch den Mut aufgebracht hatte ihm ein Geständnis zu machen. Er hatte nach niemals in seinem Leben derjenige sein müssen, der seine Gefühle zuerst offenbarte.
Und er war ja noch nicht einmal besonders gut darin seine alltäglichen Gefühle zu artikulieren ohne missverstanden zu werden. Und jetzt sollte er von Sachen des Herzens mit demjenigen sprechen, dem sein Herz gehörte? Das konnte doch nur schief gehen! Und dann würden sich die Dinge doch ändern, und dann würde er Hinata vielleicht doch noch verlieren und ….
Überhaupt wusste er nicht warum sich Oikawa so sicher war, dass Gutes und nichts Schlimmes daraus erwachsen würde, wenn er mit Hinata sprach. War es möglich, dass der ältere Junge etwas wusste, das Tobio nicht wusste?
Und so rang er mit sich, und als Hinata dann doch wieder vor ihm stand, suchte er nach den richtigen Worten und fand sie nicht. „Ich bin froh, dass es dir wieder auf den Beinen bist", meinte er, „Dann können wir wieder miteinander trainieren."
Hinata nickte. „Ich kann's kaum erwarten", versicherte er ihm.
Und so sprachen sie erst nicht darüber. Manchmal schien Hinata ihn nachdenklich anzusehen, als würde er auf etwas warten, aber Tobio fragte nicht nach. Er war einfach nur froh, dass es Hinata wieder besser ging und die Dinge zwischen ihnen wieder normal werden konnten.
Und dann verabschiedeten sich die Drittklässler nicht nur aus dem Volleyball-Club, sondern auch von der Karasuno.
Der Schulabschluss sollte ein großartiger Moment sein, eine große Leistung, die gefeiert werden sollte. Doch Tobio konnte nicht stolz auf seine Senpais sein, konnte ihren Abschluss nicht feiern. Er konnte nicht anders als sich so zu fühlen als ob sie ihn verlassen würden. Und nächstes Jahr würden Tanaka, Nishinoya, Ennoshita, Narita und Kinoshita ihn ebenfalls verlassen. Und im Jahr danach …. Daran wollte er gar nicht erst denken.
„Kopf hoch, wir werden uns trotzdem weiterhin sehen", versicherte ihm Sugawara-san, der seine Gefühle zu erraten schien, „Das ist kein Abschied für immer. Immerhin seid ihr unsere Kouhais, wir werden auch weiterhin ein Auge auf euch haben." Aber es wäre nicht mehr das Selbe.
Tobio nickte tapfer und tat so als würde er diesen Worten glauben und sich von ihnen aufheitern lassen. Der Volleyball-Club hielt eine private Party anlässlich des Abschluss ihrer Drittklässler um Laden des Coachs ab. Tanaka und Nishinoya belagerten Shimizu, Sawamura unterhielt sich mit Ennoshita, Sugawara gab Tsukishima und Yamaguchi Ratschläge, und Azumane kratze sich verlegen am Kopf während er mit Yachi und den restlichen Zweitklässlern sprach. Tobio hatte auf Partys noch nie viel mit sich anfangen können. Auf Abschiedspartys sogar noch weniger. Einfach zu gehen wäre unhöflich, aber wenn die Drittklässler gehen würden, dann würde er dabei zusehen wie sie aus seinem Leben verschwanden, und das würde weh tun.
Hinata tauchte neben ihm auf und reichte ihm ein Fleischbrötchen. „Der Coach war heute großzügig", erklärte er.
„Ich hab keinen Hunger", meinte Tobio nur abwehrend.
„Du weißt, dass die Tatsache, dass sie die Schule verlassen nicht bedeutet, dass sie aus unseren Leben verschwinden, oder? Wir können trotzdem weiterhin mit ihnen befreundet bleiben", belehrte ihn Hinata.
„Das hat Sugawara auch gesagt", erwiderte Tobio.
„Suga-san lügt nicht", rief ihm Hinata in Erinnerung.
Tobio wusste darauf nichts zu sagen. Hinata rammte eine seiner Schultern in Tobios. „Hey, sei nicht so schwermütig, jammernder Yama", forderte er, „Alles ist gut wie es ist."
Tobio beäugte ihn vorsichtig von der Seite. „Vor der Karasuno hatte ich keine Freunde", sagte er dann, „Und dann warst du da. Und all die anderen. Und jetzt endet es. Alles endet."
„Wir haben noch zwei gemeinsame Jahre. Und auch danach werde ich dich nicht verlassen. Wie oft muss ich dir das noch sagen, damit du es glaubst?", gab Hinata zurück.
„Ohne dich…." Tobio schaffte es einfach nicht. Er brach ab.
„Ich bin hier, Kageyama-kun", versicherte ihm Hinata, „Und … nur fürs Protokoll: Ohne dich fühle ich mich ebenfalls unvollständig." Tobio spürte wie sein Gesicht heiß wurde. Also hatte Hinata das nicht nur mitbekommen, sondern sich auch gemerkt!
„Kenma meint, dass ich was sagen soll anstatt darauf zu warten, dass du es tust", fuhr Hinata fort, „Weil du es nicht tun würdest, also… Wenn du mal was anderes tun willst als nur Volleyball spielen oder lernen, dann bin ich gerne dazu bereit. Ich mag dich nämlich sehr gerne und finde dich genauso hübsch wie Shimizu, also…" Er zuckte mit den Schultern. „Ich bin dabei, wenn du es willst."
Tobios Mund war trocken, und er spürte wie sich seine Kehle zusammenschnürte. „Ich kann dich nicht verlieren", brachte er mühsam hervor.
Hinata sah ihn direkt an. „Das wirst du nicht, versprochen. Egal was passiert." Vorsichtig berührte er Tobios Hand. „Wir können mehr als nur eine Sache füreinander sein."
Tobio schluckte. Dann schlang er seine Finger um Hinatas. Die Hand des anderen Jungen fühlte sich gut in seiner an. Richtig. Er drückte diese Hand und fühlte den Druck, der ihm antwortete.
Und das gab ihm Hoffnung, dass Iwaizumi vielleicht doch recht gehabt hatte, und dass gute Dinge manchmal vielleicht doch auch besser werden konnten.
A/N: Nein, Tobio hat nicht mitbekommen, dass Oikawa und Iwaizumi ein Paar sind, immerhin ist er Kageyama Tobio!
Dafür hat er endlich Hinata abgekriegt (auch wenn Hinata die ganze Arbeit dafür machen musste).
Reviews?
