II.


„Danke noch mal, und es tut mir leid, dass ich so einfach reingeschneit bin und dich bei der Arbeit unterbrochen habe", erklärte Iwaizumi, „Wie gesagt, ich dachte, dass ich ihn vielleicht hier finde, da er und Kuroo sich ja so gut miteinander verstehen." Iwaizumi sah schrecklich aus, beinahe so als hätte er sich die ganze Nacht um die Ohren geschlagen. Entweder er hatte nicht geschlafen, oder er hatte die ganze Nach lang nach seinem Ehemann gesucht.

Kenma seinerseits hatte gemischte Gefühle was die ehelichen Probleme der beiden ehemaligen Volleyballstars von Aoba Johsai anging, vor allem, weil sie offenbar vorhatten ihn und Kuro in diese hineinzuziehen. Er war sich fast sicher, dass sich Kuro mit Oikawa davon gemacht hatte, bevor alle anderen aufgewacht waren, aber das hatte er Iwaizumi so nicht an die Nase gebunden, immerhin wusste er es nicht mit Sicherheit und wollte keine falschen Hoffnungen wecken. Falls Oikawa bei Kuro war, wäre er gut aufgehoben, falls nicht, nun das war ein anderes Thema.

„Wenn er sich bei uns meldet, dann lassen wir es dich wissen", versicherte Kenma dem aufgelösten Trainer.

„Auch wenn er das vermutlich nicht will", gab dieser bitter zurück, „Es würde mich nicht wundern, wenn er Kuroo anfleht ihn zu verstecken, nur damit er mich nicht sehen muss. Tooru ist entschlossen alles zu einem riesigen Drama aufzublasen." Er schüttelte frustriert den Kopf.

„Kuro ist zu schlau um darauf hereinzufallen", behauptete Kenma, obwohl er sich dessen nicht wirklich sicher war. Kuro und Oikawa verband eine seltsame brüderliche Freundschaft, die darauf beruhte, dass sie jeweils tatsächlich nach einem Bruder gesucht und in dem anderen gefunden hatten, weil sie einander in vielen Aspekten ihres Lebens sehr ähnlich waren und auf viele ähnliche Erfahrungen zurückblickten. Und Kuro neigte zu übertriebenen Loyalität, also wer wusste schon was Oikawa ihm einredete für ihn zu tun?

Aber Kenma wollte Iwaizumi beruhigen und nicht beunruhigen; er hatte den anderen Mann noch nie so aufgelöst erlebt. Dieser schien wirklich davon überzeugt zu sein, dass seine Ehe auf dem Spiel stand. Kenma teilte diese Ansicht nicht, aber er hatte ja noch nie zur Melodramatik geneigt, im Gegensatz zu allen anderen in seinem Umfeld.

„Er wird dir sagen wo du Oikawa finden kannst, und dann könnt ihr euch wieder versöhnen", fuhr Kenma fort, „Ich bin sicher, dass sich alles zum Guten wenden wird."

Iwaizumi zog eine finstere Miene. „Und was wenn nicht?", wollte er dann wissen, „Tooru ist alles für mich, aber was wenn das dieses Mal einfach nicht ausreicht?"


„Ich liebe dich auch, aber das reicht einfach nicht". Toorus Stimme klang durch das Handy so viel weiter weg als sie sowieso schon war. Und sie klang irgendwie fremdartig, der Tonfall war hart und entschlossen, so als würde nichts, das Hajime einwenden könnte, eine Rolle spielen, so als wäre Toorus Entschluss unabwendbar. Der Entschluss aufzugeben, ihre Beziehung zu beenden, einfach so.

Hajime konnte spüren wie ihm die Tränen kamen. Das hier konnte nicht das Ende sein. Er weigerte sich das zu akzeptieren. Tooru konnte ihn nicht einfach so verlassen! Er würde zu ihm fliegen und ihn zur Rede stellen und ….

„Iwa-chan … Hajime, bitte sei vernünftig", drang Toorus Stimme in sein Ohr, „Und komm nicht auf dumme Ideen wie einen Flug zu buchen um alles wieder in Ordnung zu bringen. Wie willst du dir den leisten? Und wie oft kannst du dir so einen leisten? Genau das ist doch der Punkt: Wir können nicht ständig hin und her fliegen nur um uns zu sehen, und wenn wir uns nicht sehen, dann sind wir unglücklich, und da wir in verschiedenen Ländern leben sind wir die meiste Zeit über unglücklich. Und das lenkt uns ab. Dich vom Studium und mich vom Trainieren."

Das war also der Knackpunkt. Seine Beziehung zu Hajime sorgte dafür, dass Tooru schlecht im Volleyball wurde. Natürlich wollte er ihn deswegen loswerden! „Dein Erfolg am Feld ist dir also wichtiger als unsere Beziehung", stellte er vorwurfsvoll fest, „Volleyball ist dir wichtiger als ich."

Kaum hatte er das ausgesprochen, wurde ihm klar, dass er sich genauso anhören musste wie alle von Toorus Kurzzeit-Oberschulen-Freundinnen, die nie verstanden hatten, dass der andere Junge auf eine Profi-Karriere hinarbeitete. Hab ich ihm nicht versprochen anders zu sein? Kein Wunder, dass er mich verlassen will! „Nun, wenn deine Karriere unter meiner Gegenwart in deinem Leben leidet, dann musst du mich wohl verlassen", fügte er hinzu, „Ich verstehe das." Doch sein Herz brach bei diesen Worten, denn in Wahrheit verstand er es nicht. Wie könnte er jemals Oikawa Toorus Karriere schaden?

„Iwa-chan, nein. Sag so was nicht", bat ihn Tooru, „Deine Anwesenheit könnte meiner Karriere nie schaden. Aber genau das ist doch der Punkt: Du bist nicht anwesend. Deine Abwesenheit schadet mir. Und meine schadet dir."

Er klang so vernünftig, als er das sagte, es war zum Kotzen.

„Unsere Beziehung besteht im Moment vor allem daraus einander zu vermissen", fuhr Tooru fort, „Und ich will nicht … Wir sind so jung und sollten das Leben genießen können. Du solltest das Leben genießen können. Ist die Universitätszeit, nicht die, in der mehr eine Menge Sex hat und mit Fremden auf Partys rummacht? Das solltest du auch erleben dürfen, stattdessen musst du dir den Kopf darüber zerbrechen, wie du deinen Freund wiedersehen kannst."

„Das brauch ich alles nicht, ich brauch nur dich!", beharrte Hajime, den der Gedanke, dass Shittykawa das alles jetzt ihm zuschieben wollte, wütend machte, „Wenn du rumvögeln willst, dann gib es einfach zu! Tu nicht so als wäre ich derjenige von uns, der…."

„Iwa-chan, wenn ich in meinen ganzen Leben nur alle paar Jahre mit dir Sex haben könnte, wäre es mir genug", unterbrach ihn Tooru und klang zumindest so als würde er es ernst meinen, „Es ist die emotionale Seite, die mich fertig macht. Und es wäre ja nicht für immer. Sobald wir uns wiedersehen, sind wir wieder zusammen. Versprochen. Aber sei ehrlich, Iwa-chan, wann warst du zum letzten Mal glücklich? Warst du das, seit ich in dieses Flugzeug gestiegen bin, überhaupt jemals wirklich?"

Und Hajime öffnete den Mund um zu antworten, und ihm wurde klar, dass er nicht lügen konnte.


„Wärst du überhaupt jemals wieder glücklich, wenn du dir diese Chance entgehen lässt?", wollte Tooru wissen, und seine Augen funkelten ein wenig verrückt bei diesen Worten. Er wirkte vollkommen von sich selbst und seinen Argumenten überzeugt, und Hajime hasste das, weil er wusste, dass er in solchen Momenten keine Chance hatte Tooru zur Vernunft zu bringen, „Sagen wir, du schlägst das Angebot aus und dann … was? Dann hältst du es mir unterbewusst den Rest unseres gemeinsamen Lebens lang vor, dass ich dich um deinen Traumjob gebracht habe."

„Das ist Unsinn, Shittykawa", gab Hajime zurück, „Du machst mich glücklich. Mit dir zusammen zu sein macht mich glücklich. Ich kann jedes Team in Japan trainieren, das ich möchte. Ich brauche die USA nicht. Ich lebe nicht nur für meine Karriere, weißt du?"

Tooru erstarrte bei diesen Worten beinahe. „Ach? Und seit wann?", gab er dann zurück, „Ich meine klar, du hast deine Karriere für mich aufgegeben, also muss ich dir mehr bedeuten, aber so eine Geste kann ich einmal akzeptieren, nicht zweimal. Nicht wenn ich weiß was es dir bedeuten würde."

Das war ein Angriff unter der Gürtellinie. Weil es sich so anhörte, als ob sich Hajime früher immer für seine Karriere und gegen Tooru entschieden hätte und nicht damit leben könnte es von nun an umgekehrt zu halten. „Du warst derjenige, der nach Argentinien gegangen ist", konnte sich Hajime nicht verkneifen, „Wenn sich jemand für seine Karriere und gegen uns entschieden hat, dann warst du es."

Tooru deutete anklagend auf ihn. „Ich wusste immer, dass du mir das vorwirfst", erklärte er, „Und vielleicht hat es deswegen so lange nicht zwischen uns geklappt, weil du das immer gedacht aber nie ausgesprochen hast. Ich will nicht, dass es uns ein zweites Mal so ergeht. Du sollst nicht immer alles in dich hineinfressen."

Dieser Mann war zum wahnsinnig werden! „Ich fresse nichts in mich hinein! Ich will diesen Job nicht! Wie oft muss ich dir das noch sagen, bis du mir glaubst?!", empörte sich Hajime, „Es ist beinahe so als ob du eine Ausrede suchst um mich wieder einmal zu verlassen und den Job nur vorschiebst!"

„Jetzt bin ich also der Böse hier, oder wie?!", gab Tooru zurück.

„… Ja. Weil du dir Dinge einbildest, die nicht so sind!", meinte Hajime hilflos.

Tooru schüttelte nur den Kopf. „Iwa-chan, ich will doch nur, dass du glücklich bist. Ich will das Beste für uns beide", erklärte er unschuldig. Doch wann war Oikawa Tooru schon jemals unschuldig gewesen? Und selbst wenn er es nur gut meinte: Ein Oikawa Tooru, der es nur gut meinte, sorgte in der Regel für mehr Schaden als irgendeine andere Version von ihm.


„Und damit haben die Streitereien erst so richtig begonnen", schloss Hajime, „Und dann letzte Nacht ist mir was rausrutscht, was ich nicht hätte sagen sollen, und er ist abgehauen, und tja, das ist im Großen und Ganzen alles." Ihm fiel ein, dass er und Kozume Kemna sich eigentlich gar nicht gut genug kannten um solche intimen Details über ihr Liebesleben miteinander zu teilen, doch seit seinem Streit mit Tooru war Kenma der erste Mensch, mit dem Hajime länger geredet hatte, und er hatte einfach das Bedürfnis verspürt sich irgendjemandem anzuvertrauen.

„Es tut mir leid, dass ich dich mit all dem zutexte", schob er hinterher.

Kenma zuckte mit den Schultern. „Ist schon okay", meinte er, „Ich bin es gewohnt mir alles Mögliche über das Liebesleben anderer anzuhören. Und Beziehungsratschläge zu geben. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrt. Wenn ich pro Stunde verrechnen würde, hätte ich ein lukratives Nebeneinkommen."

Hajime verspürte das Bedürfnis sich noch einmal zu entschuldigen. „Ich weiß einfach nicht was ich tun kann um alles wieder gutzumachen", gab er zu, „Es kommt mir wirklich so vor als würde er uns sabotieren wollen, und ich verstehe nicht warum. Normalerweise kriegt man doch vor der Hochzeit kalte Füße und nicht danach. Nach allem, was wir durchgemacht haben, nach all dem Komplikationen um endlich heiraten zu können…. Ich verstehe einfach nicht warum ich auf einmal nicht mehr gut genug für ihn bin."

„Ich bin mir sicher, dass es nicht das ist", meinte Kenma, „Ich kenne niemanden anderen, der so vernarrt in einen anderen Menschen ist wie Oikawa in dich. Wenn dann denkt er wohl eher, dass er nicht gut genug für dich ist."

„Und wie soll ich ihm vom Gegenteil überzeugen? Ich habe Jahre damit verbracht sein Selbstwertgefühl zu stärken, wenn das bis jetzt nichts gebracht hat, dann wird es nie mehr etwas bringen", seufzte Hajime, „Ich dachte immer, ich kenne ihn besser als jeder andere. Aber jetzt kommt er mir wie ein Fremder vor, den ich überhaupt nicht mehr verstehe… Was wenn ich ihn nie gekannt habe? Was wenn da irgendetwas ist, das ich all die Jahre übersehen habe und uns jetzt zerstört? Alles, was er immer sagt, ist dass er will, dass ich glücklich bin. Aber wenn das wirklich so wäre, würde er mir dann nicht zuhören?" Er spürte Verzweiflung in sich aufsteigen, als er das sagte. Warum nur musste alles zwischen ihnen seit Neuesten so kompliziert sein? Wo waren die Tage geblieben, als sie sich wortlos verstanden hatten und alles so einfach erschienen war?

Kenma schien anzusetzen etwas zu sagen, blieb dann aber stumm. Hajime deutete ihm weiterzusprechen. „Nur zu, nachdem ich dir all das erzählt habe, hast du jedes Recht deine Meinung dazu zu sagen", meinte er.

„Ich dachte nur, dass du vielleicht nicht so deutlich warst wie du dachtest", begann Kenma, „Ich meine, Oikawa hat sich offensichtlich auf einen ganz speziellen Gedanken eingeschossen, von dem er nicht abzubringen ist, egal was du sagst. Und das könnte daran liegen, dass du nicht wirklich das sagst, was er hören muss. Dass du nicht deutlich genug bist, wenn du mit ihm sprichst."

Hajime nahm sich einen Moment um darüber nachzudenken. „Ich bin mir nicht sicher was deutlicher als Ich will den Job nicht sein kann", erwiderte er dann.

„Er könnte denken, dass du das nur sagst, aber nicht wirklich so meinst", gab Kenma zurück.

„Offensichtlich", meinte Hajime, „Aber genau das ist ja das Problem. Wie soll ich ihn jemals davon überzeugen, dass ich es ernst meine, wenn er mir nicht glaubt was ich sage?"

In diesem Moment kam Kageyama in die Küche gerollt. „Oh, ich wollte nicht stören. Plant ihr gerade einen Podcast?", wollte er nichtsahnend wissen. Hajime wusste nicht wie er ihm beibringen sollte, dass er und Tooru am Ende waren.

„Nein, wir führen ein persönliches Gespräch", erklärte Kenma.

„Oh, dann werde ich mal wieder….", setzte Kageyama an und machte Anstalten aus der Küche zu rollen.

„Nein, nein, das ist deine Wohnung. Ich wollte sowieso gehen. Meldet euch, wenn ihr was hört", unterbrach ihn Hajime schnell und zwängte sich aus der Küche und eilte in Richtung Wohnungstüre. Vor Kageyama, der so viel durchgemacht hatte und trotzdem irgendwie mit Hinata zusammengeblieben war, Versagen einzugestehen war ihm im Augenblick nicht nur nicht möglich, es wäre auch mehr als nur ein wenig unangenehm. Als ob seine Probleme mit Tooru in irgendeiner Weise vergleichbar wären mit echten Problemen wie Kageyama und Hinata sie überstanden hatten! Und trotzdem waren sie real, taten weh, und fühlten sich endgültig an. Sie fühlten sich wie das Ende an.

Hajime hätte niemals erwartet, dass das Ende seiner Beziehung zu Tooru so aussehen könnte.

Er hatte die Wohnung verlassen, war aber noch nicht sehr weit gekommen, als er von einem keuchenden Kenma eingeholt wurde. „Ich bin es nicht mehr gewohnt zu rennen", stellte dieser fest, nachdem er neben Hajime zum Stehen gekommen war, und rang nach Luft, „Hör zu, ich wollte … ich wollte dir sagen, dass vielleicht alles hoffnungslos scheinen mag, aber dass das nicht heißen muss, dass es auch wirklich so hoffnungslos ist. Ich wollte dir von Kuro und mir erzählen und davon wie ich es jahrelang nicht geschafft habe das zu sagen, was nötig gewesen wäre um ihn dazu zu bringen mir wirklich zuzuhören. Du weißt das vielleicht nicht, aber wir waren so lange kein Paar, dass ich schon dachte, dass wir niemals eines werden würden. Und der Grund dafür, der war genauso einfach wie dumm: Wir haben viel miteinander besprochen, aber wir haben es nie geschafft über das zu reden, was wirklich das Problem war, das zwischen uns stand…"


A/N: Ja, ich habe im letzten Kapitel den Inhalt von diesem falsch beschrieben, aber das war, weil ich noch an der Form von dieser Fic gefeilt habe. Nächstes Kapitel geht die Ballade von Kuro und Kätzchen aus Kenmas Sicht weiter (dieses Mal wirklich).

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