Der Sturm tobte. Wind riss lose kleine Steine aus den Fassaden oder wehte Bestandteile der Straßen umher, die nicht befestigt waren. Dieses Gewitter war am Nachmittag aufgezogen und enthüllte seit gut zwei Stunden seine volle Kraft.

Diesen Moment musste sie nun nutzen. Ihr blieb keine andere Wahl, auch wenn es nun gefährlich werden würde. Sie musste es versuchen.

Also holte sie unter Anspannung ihren fertig gepackten Rucksack unter der Pritsche hervor, ja bedacht, niemanden zu wecken. In ihrem Schlafraum standen ein dutzend Pritschen und in jeder lag eine Person, so fertig vom Tag, wie auch sie es war. Doch durch den Adrenalinschub wich die Müdigkeit und schien schon beinahe routiniert in ihrem Tun. Langsam kam eine Energie zurück, die sie schon lange nicht mehr verspürt hatte. Die junge Frau, die schon mehr als die Hälfte ihres Lebens hier war und seit dem ersten Tag nur hier wegwollte. Nun ergab sich diese Möglichkeit.

Niemand bekam es mit, wie sie ihren Mantel samt Kapuze anzog und ihren Rucksack schulterte. Sie war schon fast unsichtbar.

Ihr Blick fiel auf die Pritsche neben sich. Zu dem kleinen Wesen, weswegen sie nun den Entschluss fasste zu verschwinden. Um sie hier aus der Stadt rauszuführen.

„Hey, Kleines.", flüsterte die junge Frau ganz leise, rüttelte das kleine Mädchen dabei an der Schulter.

Die Augen des kleinen Geschöpfes kniffen sich zusammen, bevor sie sich aber anschließend öffneten. Ihr Blick wirkte etwas eingeschüchtert, war sie doch nicht gewohnt, tief in der Nacht geweckt zu werden. Sie hatte Angst, dass ihr deshalb etwas passieren würde. Doch beim Anblick eines Lächelns beruhigte sich das kleine Mädchen schnell. „Ruka?"

„Shhh." Mit dem Finger an den Lippen bat sie das kleine Mädchen, leise zu sein. „Wir dürfen die anderen nicht wecken."

„Was ist los?" Flüsternd setzte sich die kleine Schwarzhaarige auf und ihre Locken standen, durch den Schlaf, noch überall zu Berge.

Die junge Frau strich ihr kurz durch die Haare und legte ihr dann einen kleinen Mantel und dessen Kapuze über. „Wir gehen."

Mit schnellen und dennoch behutsamen Schritten, versuchte sich Ruka durch die Nacht und ihren Sturm zu kämpfen. Wegen den ganzen Gassen und eventuellen Wachposten, die an bestimmten Stellen standen, musste sie vorsichtig sein. Da das Gewitter aber immer schlimmer wurde, wurden nur noch die wichtigsten Punkte überfacht. Viel weniger, als sonst.

Das kleine Mädchen war mit ihren knapp vier Jahren noch so klein und leicht, dass sie sie auf dem Arm tragen konnte und zum Schutz ihren Mantel über ihr geschlossen hatte. Ruka merkte, wie sich dieses kleine Geschöpf ganz klein machte und sich an ihr Oberteil krallte. Sie zitterte am ganzen Körper und Ruka fragte sich, ob es das wert war. Das Leben dieses Mädchens auf Spiel zu stellen, für diese Flucht.

Während sie daran dachte, kam sie endlich am Pier an und wie sie ahnte, war nur ein einziger Hauptwachposten eingesetzt, der keine Einsicht auf die gegenüber liegenden Nussschalen hatte, die sich dennoch Schiffe nannten. Auf diese kleinen Schiffe hatte sie es abgesehen. Es würde nicht auffallen, wenn sie heute Nacht fliehen würde und wenn es am Tage auffallen würde, wäre es zu spät.

Doch plötzlich hörte sie aus den Straßen der Stadt Unmengen an Schritte und Lärm, der immer näher kam. „Los, sucht sie!"

„Oh nein." In Windeseile sprang sie in einem noch sicheren Moment in ein Schiffchen, dass eher ein Boot war und strich dem kleinen Mädchen über den Rücken. „Keine Sorge. Wir schaffen das." Sie spürte, wie sich das kleine Mädchen noch mehr in ihr Oberteil krallte und verspürte auch einen Ansatz eines Nickens.

Der Wind blies Ruka's Kapuze weg, wodurch ihre langen, dunkelblauen Haare im nassen Wind wehten. Die Wachposten der Stadt kamen am Pier an, das Boot hatte aber schon abgelegt und war auf dem Weg aufs offene, tosende Meer.

„Wir kriegen euch! Ihr könnt nicht abhauen!"

Dennoch lächelte sie. Es war richtig, was sie tat. Es fühlte sich nach Freiheit an. „Ich bringe uns an einen sicheren Ort. Ich verspreche es dir."