Der weiße Mantel

Kapitel 2: Der weiße Mantel

12 Jahre zuvor – Foosha Village

„Boah, hab' ich einen Hunger!"

„Aber Ruffy, wir haben nicht einmal vor einer Stunde gefrühstückt!"

Es war ein wunderschönes Wetter. Die Sonne schien auf die beiden Kinder nieder, während sie über große Stämme kletterten, die umgefallen waren. Der schwarzhaarige Junge, dessen Markenzeichen sein Strohhut war und das blauhaarige Mädchen erlebten ihre Abenteuer oftmals im Wald. Dem Jungen, Ruffy, war kein Tier zu wild und keine Gefahr zu groß. Doch sein (Über-)Mut wurde nur noch geschlagen von seinem großen Appetit.

„Niemals! Das ist schon länger her!"

Ruka, das sieben jährige Mädchen, lachte amüsiert. „Zum Glück hat uns Makino ja noch etwas eingepackt."

So wie an vielen Tagen saßen sie nun auf den dicken Stämmen der Bäume, aßen ihren Snack und ließen sich den Sommerwind durch die kurzen Haare wehen. Ruka wurde in Foosha Village geboren, doch niemand wusste etwas über ihre Familie. Sie selbst eingeschlossen. Ihre Eltern stammten, laut Makino's Erzählungen, nicht von dieser Insel. Sie waren auf der Durchreise und ihre Mutter brachte Ruka hier zur Welt, um sie dann auch hier zu lassen und alleine weiter zu ziehen. Eine alte Dame nahm sich schlussendlich ihrer an. Die alte Dame hatte sich wohl schon um viele verwaiste Kinder im Dorf gekümmert. Ihr Name lautete Granny. Wobei, so hieß sie nicht wirklich. Nur jeder nannte sie so.

Granny hatte neben Ruka derzeit noch zwei andere Kinder, die sie großzog. Granny bot ihnen ihr Dach über dem Kopf an, während die Kinder ihr mit den alltäglichen Dingen helfen mussten. Sie war altersbedingt wackelig auf den Beinen und blind geworden. So war es für sie eine immense Erleichterung, wenn die Kinder ihr im Haushalt, beim Einkauf oder bei Reparaturen halfen. Ruka war es der alten Dame auch schuldig, so großzügig, wie sie sie bei sich aufgenommen hatte. Ansonsten wäre sie, wer weiß wo, gelandet. Hier gab es kein Kinderheim und trotz aller Verpflichtungen hatte sie es sehr gut. Granny sorgte für die Kinder und ließ ihnen auch ihre Freiräume. Wie am heutigen Tag.

„Ich darf heute aber nicht zu spät nach Hause.", murmelte Ruka, als sie ein beherztes Stück von ihrem Sandwich abbiss. „Ich bin heute dran mit der Fußwäsche."

„Ew… Fußwäsche? Bei der alten Granny? Die hat doch bestimmt ganz verschrumpelte Zehen und fiese Fußnägel. UND Fußpilz!" Ruffy hatte sich bereits ein ganzes Sandwich in den Mund geschoben und bereits heruntergeschluckt. Ob er vorher allerdings gekaut hatte oder es nun im Ganzen geschluckt hatte, war ein Rätsel. „Haha und die sind bestimmt ganz schwarz!"

Lächelnd schüttelte Ruka den Kopf und aß ihren letzten Bissen auf. „Nein, deshalb waschen wir ja ihre Füße. Damit das nicht passiert. Außerdem riechen Granny''s Füße gar nicht. Eigentlich… riecht sie überhaupt nicht. Also zumindest nicht nach altem Mensch."

Wie alt war die alte Granny eigentlich? Wusste das überhaupt jemand? Sie hatte die alte Dame auch noch nie gefragt. Sie wirkte mit ihren weißen dünnen Haaren, den vielen Lachfalten und der krummen Körperhaltung schon fast wie eine Mumie. In Gedanken versunken sah das Mädchen verträumt in die Ferne, überlegte über Granny's Alter nach und ob es jemand wüsste, als Ruffy plötzlich genau vor sie sprang und breit grinste. „LOS! Lass uns weiter!"

Nachdem sich Ruka's Herz wieder erholt hatte, räumte sie ihre Sachen zusammen und machte sich mit Ruffy auf den Weg weiter. In die Wälder.

Nur zufällig war Ruka's Blick zwischen die Baumkronen gefallen, durch die sie den Sonnenstand erahnen konnte. Wobei sie nicht die Sonne direkt sah, sondern Teile des leicht rötlichen Himmels. Mist, es war schon die Abenddämmerung! Sie hatte die Zeit vergessen und machte sich nun mit Ruffy auf, so schnell wie möglich wieder ins Dorf zu gelangen.

„Hoffentlich…ist...Granny…nicht…sauer…" Ruka war nicht wirklich gut darin zu rennen und gleichzeitig zu reden. So blieb ihr, zwischen den Wörtern, die Luft aus. Ruffy hörte sie aber während des Laufens nur Lachen. Er fand es anscheinend nicht besorgniserregend, sondern lustig. Natürlich, denn er würde ja keinen Ärger bekommen!

Sie kamen am Rande des Dorfes an und in einer hektischen Bewegung drehte sich Ruka zu ihrem Begleiter um. „Ich muss mich beeilen. Bis morgen, Ruffy!"

Dieser blieb auf der Kreuzung stehen, an der sich die Wege der beiden nun trennten und winkte der laufenden Ruka hinterher. „Bis morgen haha und beeil dich!"

Das kleine Mädchen kam verschwitzt an der kleinen Hütte an, die Granny bewohnte und in der sie nun auch schon seit ihrer Geburt lebte. Nur langsam trat sie ein, klopfte allerdings vorher, damit sich die alte Dame nicht erschrecken würde. „Granny! Ich bin's. Ich bin Zuhause."

Die Räumlichkeiten waren spartanisch eingerichtet. Eine kleine Essecke aus Holz, die in die Jahre gekommen war, stand auf der linken Seite. Direkt daran ein Fenster, aus dem die Kinder beim Frühstück gerne hinaussahen. Rechts ging es durch einen kleinen Durchgang zu einer Küche, in der nur eine Person räumlich Platz hatte. Für sie war es aber ausreichend. Geradeaus ging es in einen Schlafraum, indem alle vier zusammen nächtigten. Das jüngste der Kinder, in diesem Fall Ruka, durfte mit Granny in ihrem Doppelbett schlafen. Die größeren Kinder erhielten Matratzen und viele Decken, um es sich so gut es ging gemütlich zu machen. Granny hatte nicht viel und auch wenn sie mürrisch oder streng sein konnte, sie teilte alles, was sie besaß.

Aus genanntem Zimmer hörte sie auch die Stimme der alten Dame und sie hörte sich nicht verärgert an. Ein Glück, war sie doch nicht zu spät gekommen. Oder vielleicht war sie es doch und Granny hatte es einfach nicht bemerkt?

Ruka hing ihren Rucksack über einen der Holzstühle und ging Richtung Schlafzimmer. „Granny? Bist du da?"

„Ja!", erklang die alte reibeiserne Stimme der Hausbesitzerin. „Ich bin hier, Liebes. Im Schlafraum."

Als Ruka den Raum zu diesem betrat, sah sie Granny auf ihrem Schaukelstuhl sitzen, ihr alter Gehstock stützend vor sich auf dem Boden. Sie lächelte in Richtung Türe. „Schön, dass du kommst. Wir haben einen Gast."

Verwundert blinzelte Ruka etwas, sah dann aus dem Augenwinkel eine große Person, ebenfalls sitzend in der anderen Ecke. Als sie genauer hinsah, fixierte sie einen älteren Mann, vielleicht um die sechzig Jahre alt, mit langen ergrauten Haaren, strengen Falten zwischen den Augenbrauen und einer auffälligen weißen Kleidung. Die Marine war bei ihnen im Haus.

Ruka war eingeschüchtert, trat kurz einen Schritt zurück. Allerdings vergaß sie ihre beigebrachte Höflichkeit nicht und verbeugte sich zur Begrüßung. „Guten Abend, Sir."

„Ruka, der Herr ist ein Leutnant der Marine. Sein Name lautet Leutnant Scriek. Sei ja artig zu ihm."

„J…Jawohl.", brachte Ruka nur hervor, als sie sich wieder erhob und dem Leutnant direkt in die Augen sah.

Dieser begann aber zu Lächeln und wandte seinen Blick ab von Ruka, wieder hin zur alten Dame. „Es freut mich immer wieder, Eure Ziehkinder kennen zu lernen, Madame. Sie sind alle immer wohlerzogen."

„Ach, Sie schmeicheln mir. Ich bringe Ihnen nur die wichtigsten Werte bei. Das ist alles."

Ruka sah etwas irritiert zwischen den beiden hin und her, endete dann aber wieder bei Granny. „Entschuldigung, ich wollte nicht hereinplatzen. Ich möchte nicht weiter stören. Oder… brauchst du noch etwas, Granny? Sonst bereite ich das Abendessen schon einmal vor."

Die alte Dame wedelte mit ihrer Hand leicht hin und her, lächelte dabei in Ruka's Richtung. „Nein nein. Geh' ruhig. Wenn ich etwas brauchen sollte, rufe ich dich."

„In Ordnung." Mit diesen Worten wandte sich Ruka an den Leutnant, verbeugte sich zum Abschied und schloss die Türe hinter sich, als sie den Raum verließ.

Einen Augenblick blieb sie noch an der geschossenen Holztüre stehen, dachte über diesen Marineleutnant nach. Ihr negatives Bauchgefühl schüttelte sie aber ab und ging in Richtung Küche, um das Abendessen für alle vorzubereiten.

Es dauerte nicht lange, da hörte Ruka die Holztüre des Schlafraumes aufgehen und die beiden Erwachsenen traten hinaus. Sie schienen weiterhin im Gespräch. Da Ruka in der Küche stand, verstand sie nicht alles. Es schien sich aber nach einer Verabschiedung anzuhören.

„Gut, wenn noch Fragen bestehen, schicken Sie einfach jemanden zu mir und ich komme nochmal vorbei. Ich danke Ihnen für das Gespräch, Madame."

Da die Haustüre in Blickrichtung der Küchentüre lag, konnte Ruka die Verabschiedung mitverfolgen, während sie das Gemüse für den Abend vorbereitete.

„Ich danke Ihnen für den Besuch, Leutnant. Ich freue mich immer, über solch' gute Nachrichten."

Der Leutnant verneigte sich vor Granny, lächelnd. Sein Blick schweifte in die Küche, in der er auch Ruka sah, der er eine angedeutete Verbeugung zum Abschied gab. Auch Ruka verneigte sich etwas. Der große Mann lächelte noch einmal beiden zu und verließ dann die kleine Behausung. Sein Besuch hinterließ einen leichten Kälteschauer im Raum.

Beim Abendessen kamen alle zusammen. Ruka und Granny saßen auf den alten Holzstühlen und die beiden Jungs, Jonte und Harro, hatten in der Sitzbankecke Platz genommen.

Jonte war mit seinen dreizehn Jahren der Älteste der Kinder, lebte allerdings erst seit vier Jahren hier im Dorf. Waise war er aber scheinbar schon lange. Seine Statur war eher schmal und er würde in einer Menschenmasse niemals auffallen, egal was er tun würde. Er redete auch sehr wenig. Aber wenn er seine Stimme fand, erzählte er großartige Geschichten. Diese schrieb er auch nieder und sammelte sie auf Papier in einem seiner kleinen Koffer. Ruka selbst war immer hellauf begeistert, wenn er ihr früher eine Abendgeschichte vorgelesen hatte.

Harro war zwei Jahr älter als Ruka und laut seiner Erzählung, wollten ihn seine Eltern nicht mehr haben, weil er sich nicht benehmen konnte. Das konnten sich weder Granny noch Ruka vorstellen. Ja, er hatte eine ziemlich große Klappe und er konnte selten wirklich still sein. Aber er war Granny immer hilfsbereit gegenüber gewesen und auch heute half er, ohne auch nur einmal zu meckern. Daher war es fraglich, was genau an seiner Geschichte wirklich wahr und was vielleicht erfunden war.

Aber genau das war das Schöne an Granny: Ihr war es egal, aus welchen Verhältnissen die Kinder kamen und was sie mitbrachten. Sie wollte ihnen einfach ein Zuhause geben. Einen Ort, an den sie zurückkehren konnten, wenn sie es draußen in der rauen Welt nicht mehr aushielten.

Und dieses Angebot nahmen Jonte und Harro jeden Tag in Anspruch. Ihre Aufgaben erledigten sie ebenfalls, ohne Widerrede. Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, wie auch Ruka. Sie waren Granny dankbar und wollten ihr noch etwas zurückgeben. Auch wenn es hieß, dass Granny's Füße gewaschen werden mussten.

„…Und dann hat mich dieses Arsch doch wirklich ‚Hosenscheißer' genannt!"

Granny schien Harro's Erzählung amüsiert gelauscht zu haben, während sie ihr Brot langsam belegte. „Dann hast du ‚was' getan?"

„Ich hab' ihm einen Tritt in die Magengegend gegeben, was sonst?", meckerte Haaro und verschlang das dunkle Brot mit Käse.

Alle Anwesenden hatten ein Lächeln auf dem Gesicht. Ob es nun an der Geschichte lag, der Art und Weise, wie Harro diese erzählte oder einfach die Tatsache, dass sie gemeinsam belustigt am Esstisch saßen. Das war eigentlich egal.

„Nun…" Granny tupfte sich mit einer Serviette den Mund ab und legte diese wieder auf den Tisch, als sie etwas ruhiger begann. „Kinder, ich muss mit euch über etwas reden."

Alle drei sahen sehr skeptisch und auch etwas verängstigt zu der alten Dame rüber. Diese nahm sich ihren Holzstock, der zuvor am Tisch gelehnt hatte und klammerte beide Hände um den Griff. Es wirkte so, als wolle sie sich festhalten. Dabei hatte sie keinen Grund dazu, sie saß ja schließlich.

„Heute war ein Mann bei mir. Ein Leutnant der Marine. Ein wirklich netter Kerl und hilfsbereit."

„Du sprichst von Leutnant Scriek?", fragte Ruka, die genau in Granny's Richtung schaute.

„Genau, mein Kind und bevor du dazwischen redest, Harro. Bitte, lass mich erzählen und dann könnt ihr Fragen stellen."

„Ich hab' doch noch gar nichts gesagt.", quatschte Harro dann doch dazwischen, weshalb er von Jonte's Ellenbogen einen Stubs in die Seite bekam. „Ja ja, ich hab' verstanden."

„Danke, Harro. Also: Leutnant Scriek und ich kennen uns nun schon viele viele Jahre. Er ist ein Mann, der die Meere beruflich bereist und immer wieder Kinder trifft, die keine Familie haben. Denen es an etwas fehlt. Er begegnet aber auch Familien, die sich Kinder wünschen, aber keine bekommen können, ihre verloren haben oder ähnliche schwere Schicksalsschläge. Leutnant Scriek hat es sich zur Aufgabe gemacht, diese beiden Seiten zusammen zu führen. Immer wieder kehrt er in dieses Dorf und erkundigt sich nach den hier lebenden Waisenkindern. Zuletzt war er hier vor ungefähr fünf Jahren. Zu der Zeit nahm er zwei Kinder mit und brachte sie zu wundervollen Familien, die hier im Eastblue leben. Er berichtete mir heute, dass es ihnen gut geht und sie sich hervorragend eingelebt haben. Gleichzeitig…"

„MOMENT!", schrie Harro auf einmal dazwischen. Durch sein leichtes Aufbäumen rappelte der Tisch und das darauf liegende Geschirr. „So ein Kerl will uns mitnehmen? NIE IM LEBEN!"

„Uns mitnehmen? Granny, stimmt das?"

Granny legte ihre Hand auf die von Ruka und drückte sie leicht. „Ja, er war hier um Bescheid zu geben, dass er weitere Familien gefunden hat, die Kinder suchen. Und er hat sich im gleichen Zuge erkundigt, ob ich Waisenkinder beherberge, die noch ein Zuhause suchen. Er würde euch zu ihnen bringen und euch ein gutes Leben schenken können."

Das war… eine extreme Nachricht. So recht wusste Ruka auch nicht, was sie davon halten solle. Harro allerdings wusste es genau. Denn er stand hastig auf, warf vor Wut einen der Teller auf den Boden und verließ polternd das Haus. „NIEMALS! IHR KÖNNT MICH MAL!"

Jonte ließ einen Seufzer raus, als die Haustüre zugeknallt war und begann damit, die Scherben des Tellers aufzusammeln. Ruka zuckte aufgrund des lauten Knallgeräusches der Türe kurz zusammen. „Oh je.", kam es von den beiden Kindern.

„Das könnt ihr beide laut sagen."

Eine lange Stille trat ein und Ruka bemerkte, dass Granny's Hände etwas zitterten.

„Wisst ihr…", begann die alte Dame und lächelte wieder. Allerdings wehmütig. „…es ist schön, euch hier zu haben. So viele wundervolle Kinder wohnten bereits hier und bei allen fiel mir der Abschied schwer. Aber das ist eine große Chance für euch. Die Marine bringt euch zu Familien, die euch Liebe und eine Zukunft schenken können. Bei mir könnt ihr nicht lange bleiben. Das Haus ist einfach zu klein und ich bin zu alt. Ich weiß auch nicht mehr, wie lange ich noch leben werde."

„Sag sowas nicht, Granny."

„Aber das ist der Lauf der Dinge, Ruka. Ich bin alt, mein Leben ist bald zuende. Ihr habt euer Leben noch vor euch und ich möchte euch die Möglichkeit geben, diese Chance zu ergreifen!"

Ruka's und Jonte's Blicke trafen sich, als Granny sprach und in ihren Gesichtern war eine Mischung von Trauer und Mitgefühl zu erkennen.

„Bitte, vertraut dieser Chance und tut es, mir zuliebe. Und euch zuliebe. Für euch hat die Welt noch so viel vor."

Immer noch sahen sich die beiden Kinder an und egal welche Entscheidung sie durchdachten. Keine fühlte sich richtig an.

Die drei sprachen noch eine ganze Weile und sie kamen zu dem Schluss, dass Ruka und Jonte mit dem Marineleutnant mitgehen würden. Granny erzählte ihnen, dass er morgen vorbeikommen und alles mit ihnen klären würde. Am darauffolgenden Tage würde das Schiff der Marine ablegen und sie in ihre neuen Familien bringen. Es war leider auch möglich, dass sie nicht in dieselbe Familie oder auf dieselbe Insel kommen würden. Es gestaltete sich allgemein schwierig, Familien zu finden, die Kinder aufnehmen wollten. Eine zu finden, die mehrere aufnahm, war so gut wie unmöglich.

Harro allerdings kam in dieser Nacht nicht nach Hause. Das erste Mal, seitdem er hier lebte.

Die Regentropfen plätscherten auf die Fenster in der kleinen Bar. Ruffy und Ruka saßen an der Theke, hinter der Makino gerade aufräumte. Das schlürfende Geräusch von Ruffy, der genüsslich seinen Orangensaft trank, ging dabei durch den Raum. Zusammen mit den prasselnden Regentropfen am Fenster waren es die einzigen Laute, die gerade zu hören waren.

„Ist irgendwas nicht in Ordnung, Ruka?", fragte sie die Bardame.

Angesprochene hatte ihre Arme auf dem Holz vor sich verschlungen und ihr Kinn darauf abgelegt. Zuerst gab sie keine Antwort, doch dann sah sie zu Makino hoch, die sie scheinbar weiterhin fixieren würde, sollte sie keine Antwort geben. „Ehm… na ja." Leicht richtete sie ihren Oberkörper auf, blieb aber dennoch in leicht gekrümmter Haltung sitzen. Die Arme lagen immer noch auf den Tresen. „Ich… ich hab' gestern so einen Mann gesehen. Von der Marine."

„Du meinst Leutnant Scriek, nicht wahr?", bemerkte Makino.

„Leutnant Piep?" Ruffy verfiel in Gelächter über diesen Namen und bekam sich nur schwer wieder ein. „Wie kann man denn so heißen?"

„Nein, Ruffy. Scriek. Makino? Woher kennst du ihn?"

Lächelnd stellte die Bardame das trockene Glas weg und nahm sich ein Neues von der Spüle, während sie erklärte. „Nun, dieser Mann kommt alle paar Jahre in unser Dorf. Manchmal alle zwei Jahre. Manchmal auch alle fünf. Scheint an sich eine nette Persönlichkeit zu haben. Ist freundlich und höflich, fällt die wirklich negativ auf. Er bleibt meist für ein paar Tage hier und versucht für die Kinder von Granny ein neues Zuhause zu finden." Plötzlich stoppte Makino in ihrer Bewegung. Sie realisierte wohl den Zusammenhang, der sich grade in diesem Gespräch aufbaute. „Oh je… war er gestern bei euch?"

Nur ein kurzes Nicken. Mehr brachte Ruka nicht zustande und wieder neigte sich ihr Kopf betrübt nach unten.

„Warum war denn die Marine bei euch?", wollte Ruffy wissen, der grade dabei war einen ganzen Apfel zu essen.

„Ruffy?" Dieser blickte nun zu Makino und hörte ihrer Erklärung zu. „Leutnant Scriek vermittelt Kinder an Familien, um ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen."

„Aber das ist gut!" Sein Blick schweifte wieder zu Ruka, die ihn allerdings schockiert ansah. „Dann bekommst du eine Familie. Und Jonte und Harro auch!"

Der Blick des Mädchens wurde traurig, in ihren Augen bildeten sich Tränen und sie sank mit dem Gesicht auf ihre Arme. Vergrub ihre Traurigkeit und versuchte die Schluchzer so leise wie möglich zu halten.

„Hä?"

„Ruffy." Makino beugte sich etwas über den Tresen und sprach etwas leiser zu ihm, als zuvor. „Die Familie wird nicht hier sein. Ruka wird die Insel verlassen…"

„Oh…" Das war ein recht leises Geräusch, was es nur aus ihm heraus schaffte. Danach war es erst einmal still in der Bar. Nur Ruka's leises Schluchzen war zu hören. Auch Ruffy's Blick senkte sich. Ihn machte es traurig, dass seine Freundin ihn verlassen musste. „Das ist richtig Mist!"

Es war eine bedrückende Stimmung im Raum, zu der noch die leisen Geräusche des starken Regens dazu kamen. Doch diese Stille wurde plötzlich unterbrochen. Ruffy stellte sich auf den Hocker und ballte die Faust. „Aber du musst das machen!"

Völlig irritiert hob Ruka ihren Blick und sah zu ihrem Freund, der sie nur breit angrinste. Ihre Augen fingen durch das Weinen an, rötlich zu werden. „Makino hat doch grad gesagt, dass du in eine Familie kommst und die sich um dich kümmern. Ist doch total toll!" Er setzte sich wieder hin, behielt aber seine geballten Fäuste bei. Seine Energie und Zuversicht waren förmlich zu spüren. „Du lernst viel, wirst groß und irgendwann sehen wir uns wieder!"

Nur ein leises „Wirklich?" verließ Ruka's Lippen und sie zog kurz ihre Nase hoch.

„WIRKLICH! Wir sehen uns auf jedenfall wieder! Wenn ich die Meere bereise und meine Crew zusammengestellt habe, finde ich auch die Insel, auf der du wohnst!"

Obwohl sie unglaublich traurig war und immer noch leise Tränen vergoss, fiel Ruka ein Stein vom Herzen. Und sie lächelte. „Wir…bleiben Freunde? Und wir sehen uns wieder?"

Als Antwort nahm Ruffy ihre Hand, hakte seinen kleinen Finger um ihren und grinste sie an. „Versprochen!"

Das letzte, woran sich Ruffy noch erinnern konnte war eine Ruka, die ihm traurig zum Abschied gewunken hatte. Ein ebenfalls etwas geknickter Jonte, der neben ihr am Pier stand und ein Marine Leutnant, dessen Mantel und Haare im Wind wehten. Damals war sich Ruffy sicher gewesen, dass sie sich wiedersehen würden. Als Chopper ihm beide Personen gezeigt hatte, sah er, wer sich auf sein Schiff verirrt hatte. Nicht er hatte sie Zuhause besucht, sondern sie befand sich nun auf seinem Zuhause.

Nun stand er hier im Behandlungsraum und blickte auf genau diese Freundin herab, der er damals das Versprechen gegeben hatte. Er kniete sich neben die Matratze, auf der sie lag und ließ seine Arme locker über seine Knie hängen. „Man, das ist echt ne' Überraschung!"