Kapitel 11: Der Fund
2 Monate später
„Ich komm da nicht hoch."
„Das weißt du doch gar nicht! Versuch es."
„Aber ich bin zu klein."
Alice und Ruffy standen vor der hohen Reling der Sunny und diskutierten einige grundlegende Dinge aus. Zumindest so weit, wie man mit einem vierjährigen Mädchen ausdiskutieren konnte.
Ruffy ging auf die Reling zu und klopfte mit seiner flachen Hand auf das Holz. „Du musst das schon versuchen. Wir sind nicht immer da, um dir zu helfen."
Schon des Öfteren hatten die Erwachsenen über diese Thematik gesprochen. Alice war jung und wenn jemand oder etwas sie angriff, war sie dem schutzlos ausgeliefert. Sie musste lernen, beweglicher zu werden, um im Zweifel ausweichen zu können. Aktiv kämpfen, das verlangte niemand von ihr. Aber sich im Notfall in Sicherheit zu bringen, grade auf der Grandline, war oberste Priorität. Und Ruffy hatte seit einigen Tagen begonnen, Alice nicht mehr die Reling hochzuholen, wenn sie auf das Meer schauen wollte. Sie sollte es alleine schaffen. Nur leider glaubte sie nicht daran, es je schaffen zu können. Sie versuchte es nicht einmal und daher blieb es meist dabei, dass sie die Reling ansah und dann einfach ging.
Heute nicht! Heute wollte Ruffy, dass sie blieb und es ausprobierte.
„Man kann nicht alles direkt können! Na los, versuch es."
Alice sah an der Holzwand hoch, die aus ihrer niedrigen Perspektive noch imposanter aussah. Sie verzog unsicher den Mundwinkel und blickte nach oben.
„Ich bin zu klein."
So ein Verhalten war Ruffy fremd. Es gar nicht erst auszuprobieren und so ein geringes Selbstbewusstsein zu haben, widerstrebte dem Strohhut. Wie sollte sie so weiterkommen?
„Wie wäre es,…", erklang auf einmal Robin's Stimme hinter ihnen und diese ging an Alice vorbei zur Reling. Sie hielt ein Stück Kreide in der Hand und setzte damit einen Strich, auf der halben höhe der Reling. „…wenn ihr klein anfangt." Sie lächelte und nickte ihrem Kapitän zu. „Dann gibt es schnelle Erfolge."
Ruffy's Blick wanderte zu dem Kreidestrich und er grinste. „Gute Idee!"
„Ich weiß nicht…" Alice stand immer noch unsicher da. Ihre ganze Körperhaltung war die eines unsicheren und ängstlichen Mädchens. Aber jeder wusste, dass sie nie gelernt hatte, etwas auszuprobieren. Woher hätte sie ihr Selbstbewusstsein bekommen sollen? Das musste nun die Crew übernehmen. Solange, bis Alice bemerkte, was sie alles mit ihrem Willen erreichen konnte.
„Du musst drauf zulaufen und springen.", erklärte Robin und ging ihren Weg zu ihrem Liegestuhl. „Versuch den Strich zu berühren."
„Das ist ne' super Idee!" Ruffy ballte die Fäuste und wollte Alice schon anfeuern, da wurde er bereits von Chopper aus seinem Arztzimmer gerufen.
„Ruffy! Komm' mal bitte!" Er klang dabei etwas aufgeregt, aber nicht in Panik.
Daher verabschiedete sich der Strohhut mit einem Daumen nach oben von Alice und nickte ihr noch motiviert zu, bevor er sich Richtung Arztzimmer aufmachte.
Alice stand wie erstarrt vor diesem weißen Kreidestrich und war nervöser den je.
Als Ruffy den Behandlungsraum von Chopper betrat, saß auch Ruka auf der Bettkante, die Hände in ihrem Schoss gefaltet. „Was ist los, Chopper?"
Der Schiffsarzt tapste an Ruffy vorbei und schloss hinter ihm die Tür, damit sie in Ruhe reden konnten. Nun war Ruffy gänzlich verwirrt. Was war los?
„Alles in Ordnung?"
„Wir haben ein Problem, Ruffy.", begann Chopper und sah von seinem Kapitän zu Ruka, die sehr bedrückt aussah und nervös ihre Hände knetete. „Soll ich oder…"
Doch Chopper brauchte seine Frage gar nicht weiter erläutern, nickte Ruka schon bei der Hälfte des Satzes und sah weiterhin nervös auf ihre Hände hinab.
Auch Chopper's Miene wurde traurig, als er zu Ruffy hochsah. „Ruka ist krank."
„Krank?" Bei Ruffy schien es zwar Sorge, aber nicht so eine Miene zu verursachen, wie die beiden anderen sie trugen. „Dann verarzte sie. Oder brauchst du etwas für die Medizin?"
„Nein…" Chopper drehte sich um und ging Richtung Stuhl, auf dem er geknickt Platz nahm. „Ich hab' alles hier." Er sah zu seinem Kapitän, der ebenfalls auf einem Stuhl Platz nahm, der neben dem Bett stand. Er zog seine Beine in Schneidersitzposition und verschränkte seine Arme. „Ruka klagt schon seit einiger Zeit über körperliche Schmerzen. Vor 2 Monaten waren es nur Kopfschmerzen. Dann taten ihr aber auf einmal die Knie und die Hüfte weh und sie fiel immer öfter hin. Seitdem untersuche ich sie fast täglich." Sein Blick ging nach unten und Tränen kullerten über sein Fell. „Sie hat Muskeldystrophie."
„Was?"
„Muskelschwund.", kam es leise von Ruka, die immer noch recht zusammengesunken dasaß, aber Ruffy nun traurig ansah. „Meine Muskeln sind nicht mehr stark genug."
„Deine Muskeln?" Ruffy kräuselte die Augenbrauen und verzog nachdenklich das Gesicht. „Dann sollten wir mit dir auch trainieren."
Chopper schüttelte den Kopf und schniefte, als er sich die Tränen wegwischte. „Das bringt nichts. Es hat nichts mit Training zu tun. Der Körper kann Muskeln nicht mehr aufbauen."
Ruffy's Blick wanderte von Chopper zu Ruka. Die Stimmung zeigte ihm, dass es hier grade wirklich um etwas Ernstes ging und um keine harmlose Grippe. „Was heißt das jetzt?"
Die Betroffene hörte auf ihre Hände zu kneten und legte ihre Hand auf den anderen Unterarm ab. Ein tiefer Atemzug verging, bis sie, mit zitternder Stimme, antwortet: „Ich werde irgendwann sterben."
Ruffy trat nach dem Gespräch aus dem Arztzimmer heraus und war erstaunlich in sich gekehrt. Sein Blick besorgt und niedergeschlagen. Die Schilderungen von Chopper waren furchtbar gewesen. Diese Erkrankung war nicht heilbar, da es ein Gendefekt war. Es steckte also in Ruka drin und nichts konnten sie tun, um ihr zu helfen. Der kleine Arzt hatte sich geschworen zu forschen. Solange, bis er ein Mittel gegen diese Krankheit gefunden hatte, das hätte nun Priorität. Solange würde er versuchen, die Symptome und Verschlechterungen so gut es ging einzudämmen. Doch niemand wusste, wie lange diese Krankheit schon in Ruka innewohnte, unentdeckt, da niemand jahrelang auf sie geachtet hatte. Auch Ruka selbst hatte nicht auf ihre körperlichen Signale geachtet, hatte sie doch nur versucht, zu überleben.
Niemand konnte sagen, ob es eine erbliche Erkrankung war oder eins dieser ekelhaften Experimente, die die Kunden an ihnen vollzogen hatten. Allerdings war es auch egal, was schlussendlich dazu geführt hatte, denn es änderte am Resultat nichts. Ruka würde sterben. Wann genau, das konnte niemand sagen, sagte Chopper. Sie würde nun täglich untersucht werden, um die Verschlechterungen des Körpers festzuhalten und ihre Symptome zu lindern. So würde eventuell die nächste Zeit klar werden, wie lange Ruka noch hatte. Chopper hatte versucht, sie alle aufzumuntern und gemeint, dass sie eventuell noch Jahre haben könnte. Auch, weil er alles daran setzen würde, ihre Schmerzen zu schmälern. Doch es konnte auch nur einige Monate dauern, bis Ruka zu schwach wurde.
Bevor Ruffy das Zimmer verlassen hatte, hatte Ruka darum gebeten, es noch niemandem zu erzählen. Das wollte sie selbst tun. Daher waren grade nur Chopper, Ruka und Ruffy im Bilde dieser Tragödie.
Als Ruffy, in Gedanken versunken, wieder auf das Deck trat, fiel sein Blick nach vorne. Dort, wo er zuvor mit Alice gestanden und diskutiert hatte. Diese, er glaubte es kaum, sprang immer wieder mit Anlauf und vollem Elan an der Reling hoch, versucht, den Kreidestrich zu erreichen. Nach dem Sprung fiel sie meist auf den Po, stand dann zwar etwas geknickt wieder auf und ging wieder einige Schritte zurück, um abermals den Versuch zu wagen.
Erst jetzt schienen die Informationen bei Ruffy anzukommen. Er ballte die Fäuste und ließ einen Schrei von sich, der eine Mischung aus Wut und Traurigkeit war.
„Ruffy! Was zum Henker war los?" Nami schüttelte ihn etwas an der Schulter, als sie sich zusammen mit ihm und den anderen an Deck befand. Alle Mitglieder der Strohhüte standen um Ruffy herum, der nun stumm einfach nur dastand. „Du hast uns ziemlich Angst eingejagt. Schau dir mal Alice an, die zittert ja schon fast."
Das kleine Mädchen stand mit verängstigter Miene dort, und sah nach oben zu den Erwachsenen. Sie blieb stumm, aber ihre Körperhaltung zeigte ihre Nervosität. Ruffy sah in die Runde. Er konnte seiner Crew nichts verschweigen, aber Ruka hatte ihn darum gebeten. Also würde er solange innehalten, auch wenn es ihm schwerfiel.
„Nichts. Ich war nur sauer.", log Ruffy, und steckte seine Hände in seine Hosentaschen. Den Blicken seiner Freunde versuchte er auszuweichen, da sie ihm Lügen meistens am Gesicht ansehen konnten. Jeder fragte ihn, ob es nicht doch irgendetwas anderes sei und niemand glaubte ihm so wirklich. Doch der Strohhutpirat sagte nichts, ignorierte die Fragen gekonnt und drehte sich sogar irgendwann von seinen Freunden weg. „Ich hab' Hunger."
Es vergingen ein paar Tage, in der die Stimmung nach Außen hin, normal wirkte. Doch bei genauerem Hinsehen war zu erkennen, dass doch irgendetwas in der Luft lag. Jeder wusste, dass irgendetwas nicht stimmte, aber niemand sprach darüber. Es wurde nur langsam verdächtig, dass sich besonders 3 Strohhüte eigenartig benahmen. Chopper, Ruka und Ruffy. Sie versuchten gute Miene zum bösen Spiel zu machen, scheiterten allerdings daran. So kam es, dass Zorro es war, der am Abend des 4. Tag nach Ruka's Diagnose, die Situation sprengte. „Ist jetzt mal genug mit der Heimlichtuerei? Sagt uns endlich, was hier los ist!" Er endete, indem er einen kräftigen Schluck aus seinem Bierkrug nahm und in die Runde sah. „Was verheimlicht ihr?"
Die Crewmitglieder sahen sich gegenseitig an und sahen dann zu Ruka, Ruffy und Chopper. Letzterer blickte etwas ängstlich zu Ruka, die allerdings seufzend die Augen schloss und nickte. „Schon okay. Irgendwann muss es leider raus." Sie sah auf den Platz neben sich, auf dem vor einer Stunde noch Alice gesessen und zu Abend gegessen hatte. Ein Glück befand diese sich nun schon im Bett. „Entschuldigt. Ich war es, die darum gebeten hat, euch noch nicht zu informieren." Sie sah zu Ruffy, der sie mit ernster Miene beäugte. Als ob er sicher gehen wollte, ob sie nun schon bereit dafür sei. Sie nickte ihm zu und wanderte mit ihrem Blick wieder zu den anderen.
„Ist irgendwas nicht in Ordnung?", fragte Sanji irritiert und lehnte dabei an der Küchenzeile.
Es herrschte einige Augenblicke Stille im Raum und niemand drängte die Angesprochene. Irgendwann überwand sie sich und erzählte: „Ich habe scheinbar eine Muskelkrankheit, die nicht zu heilen ist. Die Muskeln bauen soweit ab, dass ich nur noch liegen kann und irgendwann…" Sie pausierte kurz, um Luft zu holen. „…Irgendwann hören auch die Lebensnotwendigen Muskeln auf zu arbeiten." Immer noch herrschte Stille im Essensraum. Von Sekunde zu Sekunde wurde sie drückender und Ruka spürte die entsetzten Blicke ihrer Freunde. „Es wird dazu kommen, dass ich zu schwach bin zu atmen oder gar… mein Herz aussetzt. Ich… Ich werde sterben… Ich habe Ruffy darum gebeten, niemandem etwas zu sagen, bis ich es selber kann. Ich brauchte eine Weile, um zu begreifen…"
Niemand traute sich etwas zu sagen. Chopper unterdrückte schon wieder seine Tränen und ein Schluchzen. Sein Blick war nach unten auf seine Hufe gerichtet. Ruffy hatte seine Arme verschränkt, doch sein Griff wurde während Ruka's Worten fester und krallte seine Finger in die Haut. Auch sein Blick war starr nach unten gerichtet.
Nami war die Erste, die ihre Stimme wiederfand und ihre Hand auf die von Ruka legte. Ihr Blick war entsetzt und traurig zugleich. „Du wirst… Aber… das kann doch nicht möglich sein."
Einige der Strohhüte weinten, unter anderem Brook, Nami und Lysop. Die anderen saßen aber ebenfalls geschockt auf ihren Plätzen und konnten dieser Tatsache kaum glauben.
Ruka hatte ein neues Leben begonnen gehabt und nun sollte es so schnell wieder enden?
