Kapitel 12: Die Erklärung
Es war eine furchtbare Nachricht, die die Strohhutbande ereilt hatte. Immer wieder waren sie in ihrem Leben mit dem Tod konfrontiert worden. Aber nicht zu wissen, wann eine Person im Umfeld stirbt und ihn immer weiter leiden zu sehen, war eine schmerzhafte Erfahrung, die niemand erleben wollte. Nach dieser Nachricht war die Navigatorin Ruka erst einmal um den Hals gefallen, weinend. Niemand konnte fassen, wieso dies nun geschah. Auch Ruka hatte begonnen zu weinen. Aus Trauer, dass sie dieses Leben und diese Freunde verlieren würde. Aber gleichzeitig auch aus Erleichterung, diesen Ballast von ihrem Herzen los zu sein. Alle trauerten, doch es tat gut, dies gemeinsam zu tun. So verging einige Zeit des Abends und jeder ging mit dieser Information anders um. Doch alle waren beisammen und gaben sich gegenseitig Halt.
„SO!", rief Ruffy auf einmal und unterbrach auf einmal die Stille, indem er mit beiden Fäusten kräftig auf den Holztisch haute.
„Was soll das, Ruffy?", ermahnte ihn Nami und sah aber dann seinen energischen Blick, wodurch sie verstummte.
„Dass das klar ist!", begann er und sah Ruka ernst an. „Egal, wie viel Zeit dir noch bleibt, es wird nicht Trübsal geblasen!"
Mit leicht glasigen Augen sah sie ihren Captain an und blieb stumm.
„Du weißt nicht, wann dein letzter Tag ist. Aber das wissen Piraten nie! Deshalb werden wir so viel Spaß haben und so viel erleben, dass es für 2 Leben reicht! Du wirst lächelnd auf dein Leben zurückschauen, das versprech' ich dir!"
Erstaunt weiteten sich Ruka's Augen und sie füllten sich mit Tränen. Sie war sichtlich gerührt von seinen Worten und dankbar, dass er ihr mit seiner Crew die Möglichkeit gegeben hatte, ein neues Leben zu beginnen. Ein Leben, auf das sie gerne zurückblickte, sollte es auch noch so kurz sein. „Danke, Ruffy…", kam es gehaucht von ihr, bevor sie in Tränen ausbrach und ihr Gesicht in ihren Händen vergrub.
Am nächsten Morgen, die Sonne war schon eine Weile aufgegangen, saßen Ruka und Robin auf Gartenstühlen auf der Reling und sahen in den blauen Himmel.
„Was ist mit Alice?", unterbrach Robin die Stille zwischen ihnen, mit ruhiger Stimme und blickte zur Blauhaarigen hinüber.
Sie hatten sich zuvor ein wenig über die nächste Zeit unterhalten. Die Veränderungen, die durch die Krankheit eintreten würden und was Ruka bis dahin noch erleben möchte. Letzteres hatte diese aber mit einem Lächeln abgewunken. Sie hätte nun alles, was sie benötigte. Ihre Freiheit, Freunde um sich herum und glückliches, wenn auch kurzes Leben.
Nachdenklich sah Ruka auf ihre Hände hinab, die sie im Schoss gefaltet hatte. Einem Kind eine solche Nachricht mitzuteilen, war eine große Herausforderung und sie hatte die ganze Nacht darüber gegrübelt, welcher Weg der Beste für die Kleine wäre. Alice war ein starkes Mädchen. Doch würde diese Veränderung ein Schlag für die kleine Schwarzhaarige sein, deren Leben doch nun endlich besser werden sollte.
„Ich weiß es nicht.", gab Ruka nur als Antwort und schloss die Augen, während sie den Kopf auf die Rückenlehne sinken ließ. „Ich weiß es einfach nicht…"
„Sag bitte Bescheid, wenn ich dir irgendwie helfen kann."
„Das werde ich. Danke, Robin. Das bedeutet mir viel."
Lächelnd zog die Archäologin ihre Sonnenbrille hoch und sah Ruka an. „Du brauchst dich nicht bedanken. Wir hoffen alle, dass diese Zeit für dich und auch für Alice gut überstanden werden kann."
Während des Tages wurde am Horizont eine neue Insel sichtbar. An dieser würden sie für heute anlegen und laut Nami, auch die Nacht verbringen. So lud die Crew alles nötige an Land aus, um es sich am Strand und dem rauschenden Meer gemütlich zu machen, während die Sonne am Horizant den frühen Abend anzeigte. Alice stand mit ihren blanken Füßen im noch warmen Sand und sah sich auf der Insel um, die scheinbar kein Dorf oder keine Stadt beherbergte. Sie schien außerdem sehr klein zu sein, da sie sowohl links, als auch rechts bereits die Enden des Strandes gut erkennen konnte. Als Lysop mit einer Kiste an ihr vorbei ging und diese an ihrem Lager absetzte, ging sie mit tapsigen Schritten ebenfalls auf dieses zu und beobachtete die Crew ganz genau in ihrem Tun. Sie blieb dabei, wie immer, still. So blieb ihr aber nicht unentdeckt, dass Ruka, als diese ebenfalls ans Lager trat, ins Straucheln geriet und sich seitlich sitzend wieder im Sand wiederfand. Sofort waren Chopper und Franky an ihrer Seite, sie sich nach ihrem Befinden erkundigten und ihr wieder auf halfen. Sie hörte Ruka soetwas sagen wie, „…mir sind die Beine auf einmal weggeklappt. Aber es geht schon wieder." Besorgt machte sich auch Alice auf den Weg, sah aber dann, dass Ruka wieder lächelte und auf eigenen Beinen stand. Der Blick von Ruka traf den von Alice und das kleine Mädchen wusste nicht, wie sie das Lächeln der größeren deuten sollte. Ihre Augen sagten etwas ganz anderes, als ihr Lächeln. Erwachsene hätten diesen Blick eher als wehmütig bezeichnet. Diesen Begriff kannte das Mädchen allerdings noch nicht.
Am Abend, die Sonne war bereits untergegangen und das Lagerfeuer wärmte die darum sitzende Crew, aßen und tranken die Mitglieder der Strohhutbande und schienen wieder alle unverändert zu sein. Alle, bis auf…
„Alice?" Ruka kniete sich neben das Mädchen, welches sich den letzten Bissen ihres Abendessens in den Mund schob und sah kauend zur Blauhaarigen hinüber. „Ich muss dich mal kurz sprechen."
Ruka reichte ihr die offene Hand als Geste, diese zu nehmen und kurz mit ihr mitzukommen. Mit verwirrtem und ängstlichem Blick nickte Alice ihr zu, nahm ihre Hand und ging in ruhigen Schritte etwas vom Lagerfeuer weg. Die anderen Crewmitglieder hatten währenddessen kurz inne gehalten und den beiden hinterher gesehen.
„Komm, Kleines. Setz' dich." Ruka klopfte neben sich in den warmen Sand, als diese sich hingesetzt und an einen großen Felsen gelehnt hatte. Nickend kam Alice auf sie zu und setzte sich neben sie. Während Alice zu Ruka hochsah, blickte diese schon gar verträumt aufs Meer hinaus, während der Wind die Haarsträhnen der beiden leicht hin und her bewegte. „Ich muss mit dir reden, Alice."
„Hab' ich was falsch gemacht?", fragte das Mädchen etwas ängstlicher und sah mit leicht verkniffenen Augen zu Ruka hoch.
Diese erschrak etwas, lächelte dann aber beschwichtigend und umschloss die kleine Hand von Alice. „Nein nein, Alice. Du hast nichts falsch gemacht. Ganz im Gegenteil. Du macht das alles wirklich gut. Du hast dich schnell an unser neues Zuhause und an Ruffy's Crew gewöhnt." Ruka kicherte kurz und strich mit dem Daumen leicht über Alice' Handrücken. „Und du hast schon tolle Fortschritte beim Training gemacht."
Verlegen sah Alice nach unten und presste die Lippen zusammen, bevor sie leise antwortete: „Ich komm' schon ganz alleine an die Reling. Nur drauf schaffe ich noch nicht."
„Das wirst du auch noch schaffen.", antwortete Ruka ihr und bekräftigte dies mit einem ehrlichen Lächeln. „Du bist ein sehr starkes Mädchen."
„Ehrlich?" Mit erstauntem Blick sah Alice zu Ruka hoch und sah nur ein deutliches Nicken von ihr.
„Ehrlich!"
Kurze Zeit verging, in der Alice ein kleines komisches Gefühl in sich spürte. Sie war irgendwie stolz darauf, dass Ruka das gesagt hatte. Sie wollte schon direkt mit dem Training weitermachen, so motiviert war sie nun.
„Alice?"
„Ja?" Mit fragendem Blick sah angesprochene wieder zu Ruka, deren Blick sich nun verändert hatte. Sie wirkte etwas traurig. Alice bemerkte, wie sie ein Arm liebevoll umschlung und sie sanft an die größere gedrückt wurde.
„Vergiss bitte niemals, dass du ein starkes Mädchen bist." Es sammelten sich kleine Tränen in Ruka's Augenwinkel, die sie mit der freien Hand schnell wegwischte und wieder zu Alice hinunter sah. „Egal was passiert."
„Ruka? Ich hab' Angst…" Dem kleinen Mädchen behagte dieses Gespräch nicht. Wieso verhielt sich Ruka so eigenartig? Warum weinte sie?
„Das tut mir leid, Kleines. Ich wollte dir keine Angst machen." Sie strich über die lockigen schwarzen Haare und drückte sie danach wieder etwas an sich. „Mir fällt es nur grade sehr schwer, etwas zu sagen, was dich bestimmt traurig macht."
Nun stieg die Angst noch weiter in Alice und sie klammerte sich mit den Händen in Ruka's Kleidung, während sie mit großen Augen zu dieser sah.
„Alice. Ich bin krank. Leider sehr krank."
„Was…was hast du denn?", kam es ganz leise von Alice.
„Das ist eine Krankheit, die mich immer weiter schwächt. Meine Muskeln gehen kaputt."
„Dann muss Chopper das heilen!"
Ruka strich eine Haarsträhne hinter Alice' Ohr und schüttelte leicht lächelnd den Kopf. „Er kann da leider nichts ändern. Er versucht schon ganz viel, aber manchmal sind auch Ärzte machtlos."
Die Sorge zeigte sich in Alice' Gesicht. Ihre Augenbrauen senkten sich und ihre Augen sahen leicht glänzend aus, als würde sie gleich Tränen vergießen.
„Leider bin ich so krank, dass ich nicht weiß, wie lange ich noch hier sein kann."
„Wohin gehst du dann?", kam es plötzlich von Alice und ihre Stimme bebte etwas.
Ruka brach es das Herz, dieses kleine Wesen so leiden zu sehen. Deshalb hatte sie so Angst vor diesem Gespräch gehabt. Aber es blieb ihr keine Wahl. Alice musste die Wahrheit erfahren, um damit besser umgehen zu können. „Ich weiß nicht, wohin ich danach gehe. Das weiß niemand. Alice, ich werde irgendwann einschlafen und dann nicht mehr wach werden. Aber weißt du,…",versuchte Ruka die Erklärung für Alice positiv zu gestalten und drückte sie noch fester an sich, während sie ihren Kopf auf Alice' Haar legte. „… ich bin mir sicher, dass da auch ein großes Meer ist, worüber ich segeln kann. Und ganz viele Möwen, die umher fliegen. Und natürlich ganz viel Sonnenschein."
Alice wusste nicht, was das alles bedeutete. Wieso sagte Ruka das alles? Wieso ging sie weg? Wieso war sie krank?
„Und weißt du noch was?"
Mit traurigem Blick sah Alice zu Ruka hoch, die sie nun zu sich zog und sie seitlich auf ihren Schoss setzte. So konnte sie beide Arme um das Mädchen schlingen und sie fest an sich drücken. „Ich werde immer mit euch mit segeln. Egal, wo ihr seid, ich komme mit euch. Dann schaue ich durch mein Fenster und winke euch zu, sobald ich euch sehe."
Alice vergoß kleine, stille Tränen, obwohl sie die Situation nicht begreifen konnte. Was bedeutete das nun alles?
Alle zusammen saßen zu später Stunde noch um das Lagerfeuer, auch Alice. Diese saß wieder im Schoss von Ruka, eingekuschelt in eine Decke und umschlungen von Ruka's liebevoller Umarmung. Nach diesem Gespräch war Ruka zwar erleichterter als zuvor, doch war sie auch trauriger. Immer wieder hatte Alice angefangen zu weinen und sie konnte sie kaum beruhigen. Sie wirkte so unsicher und ängstlich und nichts half ihr.
„Brook?" Ruka's Stimme unterbrach die regen Unterhaltungen der anderen Crewmitglieder und das Skelett drehte sich zu ihr.
„Ja?"
„Würdest du mir die Ehre erweisen und ein Lied mit mir singen?"
Brook freute sich und stellte seinen Krug bei Seite, um sich seine Violine zu Hand zu nehmen. „Es wäre mir eine Freude, Ruka!"
Kaum hatte Brook seine Violine gestimmt, hörten die anderen Crewmitglieder auf zu reden. Es trat eine angenehme Stille ein und nur das Lagerfeuer knisterte inmitten der Crew.
„Die Blume in dem Farbenkleid ist Teil von unser'm Traum
Die Welt ist wunderschön, man glaubt es kaum
Nur Furcht und Angst beherrschen mich, die Ketten wiegen so schwer
Wenn ich doch nur mutiger und größer und stärker wär
Hat mein Leben hier denn noch einen Sinn
Wenn ich einsam nur und unglücklich bin?
Ich will dich seh'n, lass mich nicht allein
Mein Herz schlägt für dich, beend meine Pein
Alleine steh ich hier und greif nach dir
Nur eines wünsch ich mir: wärst du doch hier
Wie führt nur der Weg ins Traumparadies?
Bis jetzt seh ich dich nur, wenn ich die Augen schließ
Ich will dich seh'n
Ich bin so fern von dir, drum komm zu mir
Lalalala~
La lalala~"
Die Crew stimmte bei dem leisen und dennoch kraftvollen Gesang mit ein. Jeder hatte ein Lächeln auf den Lippen und dadurch erhielt Ruka so viel Kraft. Sie spürte, dass sie nicht alleine war. Sie war unter Freunden, die ihr halfen. Sie würden sie bis zum letzten Atemzug begleiten.
„Öffne dein Herz, dann sind wir zusammen
Trauer und Freude sich gegenübersteh'n
Unsere Welt ist voll bunter Farben
Schließ ich die Augen, kann ich Sterne seh'n
Bald kommt die Sonne, sie besiegt die Nacht
Blumen erblühen in ihrer ganzen Pracht
Sing! Sing! Sing!
Unser Lied soll nie enden
Laut sing ich: ich liebe dich
So wird's immer sein."
