Kapitel 7

„M-Masumi?", antwortete Conan mit einem überraschten Grinsen und starrte auf ihr verwundertes Gesicht, als die Tür aufging und sie sich beide gegenüberstanden.

„Oh, hallo Conan, lange Zeit nicht gesehen, oder?", begrüßte sie ihn, nachdem sie sich nach einem Augenblick gegenseitig verwundert ansahen.

Masumi setzte sich daraufhin ein Lächeln auf, doch bei Conan läuterten schon die Alarmglocken. Ein fremder Beobachter wäre kein Problem, aber bei ihr war es ganz anders. Jemand wie sie sollte man auf keinen Fall unterschätzen, vor allem jetzt nicht, wo die Gefahr besteht, dass möglicherweise der derzeitige Zustand von Ayumi oder sogar noch schlimmer, die Identitäten von ihm und Ai enttarnt werden können. Jetzt die Fassung zu verlieren würde diese Situation nur noch schlimmer machen.

„Quatsch doch kein Blödsinn. Wir haben uns doch letztens bei einem Fall wiedergesehen, weißt du nicht mehr?", erwiderte ihr Conan schnippisch und hob seine Augenbraue, um bei ihr glaubwürdiger rüberzukommen. Er blieb auch bei dieser Begegnung ruhig und versuchte die Situation im Auge zu behalten. Sie schaute ihn dabei nur verwundert an. Dann lachte sie.

„Stimmt, da hast du recht, haha.", antwortete sie, während sie sich im Gebäude umsah und Ayumi zusammen mit Ai auf dem Sofa entdeckte.

„Sag mal, was ist es das du so dringend beim Professor brauchst, Masumi?", fragte Conan, um sie so von Ayumi abzulenken.

„Nicht viel, ich bin nur hier wegen einer Kleinigkeit. Nichts wirklich Wichtiges.", sagte sie kurz und knapp, als sie Ayumi's Gesicht musterte, was Conan's Interesse an ihrem Vorhaben noch mehr anregte.

„Wer ist das denn eigentlich bei euch? Hmmm… Warte, dich kenn ich doch. Du bist doch das Mädchen von vorhin, oder?", antwortete sie begeistert und lief zu den Sofas, wo sie sich sofort ihr gegenüber hinsetzte.

„H-Hey, warte doch, du kannst doch einfach nicht hereinplatz-", begann Conan, doch der Professor hielt ihn zurück.

„Lass sie ruhig, ich bin mir sicher, dass es gut ausgehen wird."

„Aber Professor…"

„Glaub mir einfach, ja?"

„Na gut, wenn Sie das so sagen."

Conan rollte mit den Augen und seufzte anschließend. Wenn der Professor recht haben sollte, könnte die Situation so weniger auffällig enden.

„Tut mir sehr leid, Herr Professor, aber ihre Performance heute Mittag war unglaublich. Wie du den Räuber zur Strecke gebracht hast, war wirklich genial!", rief sie aufgeregt und bei Conan und Ai bildeten sich schon die ersten Fragezeichen. Ayumi währenddessen war perplex und wusste überhaupt nicht, was sie sagen sollte, denn Masumi hatte sie einfach nur überrannt.

„Warte mal, ihr habt euch schon gesehen?", sagte Ai verwundert.

„Ja klar. Wir haben uns durch puren Zufall getroffen, als ich einen Juwelierräuber jagte. Ohne sie wäre mir dieser entwischt.", antwortete Masumi darauf.

„Einen Juwelierräuber?", wiederholte Conan und gesellte sich auch zu den drei. Masumi wandte sich mit voll aufgeregtem Blick zu Ayumi rüber.

„Jedenfalls warst du mir eine große Hilfe… äh… Wie heißt du noch gleich?", stockte sie und sah Ayumi erwartungsvoll an.

„Ah...", brachte sie aus Versehen heraus.

Verdammt, das hätte er sich denken können. Vielen Dank auch, Professor. Jetzt musste sich Conan irgendetwas einfallen lassen, damit er Ayumi's Identität bewahren konnte.

Jetzt war Ayumi gefragt. Verängstigt saß sie da, wie als wäre ihr die Sicherung durchgebrannt und sah sich verzweifelt nach einer Stütze um, die sie schnell auch fand. Da Conan sich hinter Masumi befand, konnte er ihr unbemerkt zur Seite stehen, wie jetzt auch.

„Du meinst wohl Ayame, richtig?", antwortete er und sah Ayumi mit einem Augenzwinkern an.

„Ayame… geht nicht schlecht von der Zunge. Also mir gefällt der.", antwortete Masumi mit einem Lächeln.

Ayumi konnte endlich aufatmen.

„Ja, i-ich wusste vorhin nicht, wie ich das Gespräch angehen sollte und jetzt bin ich ein wenig schräg dran, hehe…", sagte Ayumi und erwiderte mit einem stumpfen Lächeln. Conan war erleichtert, dass er wieder eine Krise abwenden konnte.

„Darf ich dich noch was fragen, Ayame?"

„Klar."

„Deinem Aussehen nach zu urteilen müsstest du schon eine Oberschülerin sein, glaube ich. In welche Schule gehst du eigentlich?"

„Warte mal, wa-?", sagten Conan und Ai gleichzeitig. Diese Frage hatten beide nicht von ihr erwartet.

„In… also… in d-deine, glaube ich.", sagte Ayumi ohne zu zögern, noch bevor weder Conan, noch Ai, noch der Professor darauf einspringen konnten.

„Was?!", riefen sie beide.

„In meine? Du meinst damit die Teitan Oberschule hier in Beika, stimmt's?"

„G-Genau!", antwortete Ayumi diesmal mit etwas mehr Selbstvertrauen.

„Das ist ja Wahnsinn! Aber ich habe dich bisher noch nicht hier gesehen, oder?"

„N-Nein, natürlich nicht.", antwortete Conan bei dem Versuch, dieses Gespräch vor einer drohenden Eskalation zu retten.

„Was meinst du denn damit, Conan?", fragte Masumi mit einem nachdenklichen Blick zu Conan.

„Naja, also… Sie ist ja neu zu uns hergezogen und deswegen wollte sie ihre Nachbarn begrüßen und sich die Schule, zu der sie zukünftig gehen wird, mal ansehen.", sagte Conan mit einem schiefen gezwungenen Lächeln.

„Na, dann wäre es doch nicht verkehrt, wenn ich ihr mal die Schule zeigen würde. Wie wär's denn damit, Ayame?", bot Masumi ihr an.

„Ja klar!", antwortete Ayumi begeistert.

Na, ob das mal gut gehen wird, dachte sich Conan als er Ayumis strahlendes Gesicht sah. Gut, dass sie sich wenigstens damit abgesichert hat. Hoffentlich war es ihr möglich gewesen, Masumi zu täuschen und das Blatt zu wenden, so hoffte er.

„Alles klar. Können wir uns dann am Nachmittag treffen?", fragte sie begeistert.

„K-Klar!", antwortete Ayumi, die ihre Hände aufgeregt zu Fäusten ballte.

Conan fand ihr Auftreten währenddessen insgesamt mehr als auffällig. Wenn es um das APTX Gegenmittel ging, konnte er ihr einfach nicht trauen. In der Vergangenheit fand er mehrmals Hinweise zu Personen, die möglicherweise mit ihr zu tun hätten. Sie könnte sogar über seine wahre Identität Bescheid wissen, was ihm nach am Wahrscheinlichsten sei.

„Ein wenig zu viel Enthusiasmus, findest du nicht auch?", vermutete Conan flüsternd, als er sich zu Ai wandte und Masumi nicht aus den Augen ließ.

„Ein wenig?", antwortete sie, ihren Blick zu Ayumi gewendet, „Ich habe sie noch nie so aufgeregt gesehen."

Conan runzelte die Stirn und sein Blick wurde wieder ernst. Masumi war es gelungen, Ayumi für die Oberschule zu begeistern, obwohl sie weder eine Ahnung vom Schulsystem noch von deren Schulstoff hatte.

„Du machst dir Sorgen um Ayumi, stimmt's?", stellte Ai fest.

„Sag mal, kannst du meine Gedanken lesen oder was?", antwortete Conan genervt und Ai kicherte nur darauf.

„Weibliche Intuition, nichts weiter. Etwas, bei dem selbst ein so genialer Detektiv wie deine Wenigkeit nicht dahinter kommt."

„Wenn du mich ärgern willst, nur zu. Das wird die Situation auch nicht besser machen.", kommentierte Conan zurück und rollte die Augen.

„Nicht doch."

Sie kicherte erneut. Dann legte sie ihre Hand auf seine rechte Schulter und sah ihm in die Augen.

„Keine Sorge, wir schaffen das. Tust du sonst bei solchen Situationen nicht immer lächeln?"

„Was sollte das jetzt heißen?"

„Schon gut.", sagte sie und lächelte nur. Sie ließ ihn los.

Conan sah ihr verwirrt nach, als sie sich mit aller Ruhe zu Ayumi und Masumi gesellte und sich wieder auf das Sofa hinsetzte.

„...also, dann will ich euch nicht länger stören.", hörte er Masumi vor ihm sagen.

„Aber nein Masumi, du störst uns kein bisschen...", warf der Professor schnell ein, doch Masumi winkte dankend ab.

„Ist schon gut, Herr Professor. Ich wollte ohnehin schon gehen. Ach ja, und… dürfte ich noch die Erfindung sehen, die Sie fertiggestellt haben?", antwortete sie und stand vom Sofa auf.

„Oh… Vielen Dank, dass du mich daran erinnert hast. Nach diesem langen Gespräch mit Ayame habe ich es fast vergessen. Ich hole es nur noch schnell, ja?", sagte er und machte sich auf den Weg in die Lagerkammer.

„Machen Sie sich da keine Eile, ich habe sowieso nicht vor ihnen wegzulaufen.", versicherte Masumi und lächelte vergnügt.

„Was ist das denn für eine Erfindung, Masumi?", fragte Conan.

„Das siehst du gleich.", sagte sie, als Conan den Professor mit einem kleinen telefonähnlichen Apparat aus den Tiefen seines Lagerzimmers auftauchte.

„Hier hast du es.", sagte er und händigte ihr das Gerät aus.

„Was ist das denn für eine Erfindung, Professor?", fragte Conan erneut.

„Das, Conan, ist eines meiner neusten und größten revolutionären Erfin-"

„Ist n' Taschenbeamer.", unterbrach ihn Ai.

„Genau!", sagte Masumi in einem zustimmenden Ton.

„Könntest du mich wenigstens ausreden lassen?", fragte der Professor enttäuscht und sichtlich gekränkt, dass jemand ihn bei seiner langersehnten Rede unterbrochen hatte.

„Aber das ist es doch, oder Professor?", fragte Masumi, ohne eine Ahnung, warum er so verletzt dastand.

„Oh, was kann das Ding denn?", fragte Ayumi neugierig.

„Und nennt es bitte nicht 'Ding'.", murmelte der Professor, ohne das ihn jemand hören konnte.

Masumi drückte auf einen Knopf des Geräts und ein Lichtstrahl schoss aus der Antennenlinse, das ein weißes Bild an die Fensterwand projizierte. Ayumi staunte nicht schlecht, als lauter Farben und Formen auftauchten und die weiße Wand in ein buntes Allerlei tauchten.

„Siehst du den kleinen Schiebeknopf an der Seite? Hiermit stellst du die Intensität ein, also wie stark du die Helligkeit einstellen möchtest. Du kannst du damit auch das Licht zerstreuen oder auch auf einen Punkt fokussieren.", erklärte der Professor, erleichtert, dass er wenigstens die Chance dazu bekommen hatte, ihnen seine Erfindung vorstellen zu können. Masumi betätigte diesen vor lauter Neugier und wie auf Befehl wurde die Projektion heller, dunkler, größer und kleiner.

„Wow, das ist ja genial!", rief Ayumi voller Erstaunen. Der Professor rümpfte die Nase vor lauter Stolz und zeigte nun mehr Enthusiasmus.

„So ist es, aber genau da müsst ihr wirklich aufpassen. Wenn ihr die Helligkeit zu hoch einstellt, könnte man das Gerät überhitzen und die Batterie stark belasten, also übertreibt es nicht, ja?"

„Alles klar. Vielen Dank, Professor. Ich werde darauf aufpassen.", versicherte Masumi und schaltete das Gerät wieder aus.

„Nein, ich muss dir danken. Ich hatte seit langem keinen Kunden mehr und ich langweile mich ab und zu. Wenigstens hatte ich diesmal etwas zu tun gehabt.", antwortete Professor Agasa und lachte leicht.

„Dann ist ja gut."

Sie lachte mit.

„Auf Wiedersehen, Professor.", sagte sie und machte sich auf den Weg zur Tür, bis sie an Conan vorbeikam.

„Und auf Ayame werde ich schon aufpassen, keine Sorge.", sagte sie lächelnd und hielt mit einem Augenzwinkern ihren Zeigefinger vor dem Mund. Seine Augen weiteren sich.

Mit einem ernsten Blick schaute er ihr noch lange nach, während sie sich bei jedem hieranwesenden verabschiedete (bei Ai blieb sie besonders lange, aber Conan konnte sich nie einen Reim daraus machen, worum es ging) und letztendlich auch das Anwesen verließ. Als Professor Agasa endlich die Eingangstür schloss, sank jeder bis auf Ayumi zu Boden und ließ die bisher anhaltende Anspannung los.

„Das war knapp. Wir hatten Glück, dass Masumi nichts davon bemerkt hatte.", sagte der Professor und seufzte laut.

Niemand sagte etwas.

„Sag mal Conan, habe ich irgendetwas falsches gesagt?", fragte Ayumi mit etwas gesenkten Blick, nachdem sie ihn eine Weile beim Umherlaufen beobachtet hatte.

„N-Nein, es ist nichts Wichtiges. Mach dir da bitte keine Sorgen darüber."

„Oh… dann ist ja gut."

Sie senkte den Blick tiefer zu Boden.

„Kudo, können wir mal unter vier Augen sprechen?", fragte ihn Ai, als sie ihn erfolgreich aus seinen Gedanken riss und ihn am Arm zog.

„Ai, was...?"

Sie antwortete nicht.

Ai führte ihn in den Flur des Hauses, wo Ayumi sie nicht sehen konnte.

„Nun Kudo, was gedenkst du zu tun, bezüglich ihrem jetzigen körperlichen Zustand?", fragte Ai und lehnte sich an die Betonwand.

„Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich glaube, wir sollten ihr das mit dem Gegenmittel verschweigen, dann das könnte unsere wahre Identitäten gefährden und das würde dann wiederum ihre eigene Sicherheit schaden. Sie wäre somit angreifbar, verstehst du?", erklärte Conan.

„So, so, du gibst dich also damit zufrieden, Ayumi im Dunkeln tappen zu lassen, richtig?", antwortete Ai.

„Nein, so habe ich das nicht gemeint, Ai, was…", versuchte Conan sich zu rechtfertigen, doch schon sah er Ai's ernstes Gesicht vor sich, die ihn an den Schultern packte. Sie war wütend. So wütend, wie er sie noch nie zuvor gesehen hatte.

„Du lässt sie allen Ernstes verzweifeln, während du dich in Sicherheit wiegst?"

„Es ist nur, ich…"

„Du vertraust ihr einfach nicht, habe ich recht?"

„Ai, so oder so, sie ist doch nur ein Kind."

Conan's Stimme wurde ernster. Ai griff sich umso fester an seiner Schulter.

„Denk doch mal darüber nach, Kudo. Je mehr sie sich in ihrer Verzweiflung in Unsicherheit wiegt, desto mehr macht sie sich unvorhersehbarer und außerdem…"

Sie machte eine kurze Pause und beruhigte sich wieder, bevor sie fortfuhr.

„Außerdem will ich einen Freund nicht anlügen, geschweige denn eine so gute Freundin wie Ayumi."

„Ai…"

„Es geht hier um Ayumi. Ich bitte dich."

Er hätte schwören können, dass er Tränen in ihren Augen gesehen hatte. Wahrscheinlich hatte er sich das auch nur eingebildet. Er nahm ihre Hand von seiner Schulter.

„Ich… ich werde mir darüber Gedanken machen. Es tut mir leid, aber derzeit kann ich allein leider nichts mehr für sie tun."

Bevor er zurück zu Ayumi und dem Professor ging, hielt sie ihn noch ein letztes Mal auf.

„Ich weiß, dass du sie beschützen willst, aber hast du sie jemals nach ihrer Meinung gefragt? Was würde sie denn dazu sagen, wenn sie wüsste, dass du sie angelogen hättest?"

Conan sagte nichts. Er drehte sich auch nicht um, sondern ging weiter zu den zwei sich gegenüberliegenden Sofas, die, zusammen mit dem Teppich und dem Fernseher, den Wohnzimmerteil der riesigen Halle markierten. Ai sah ihm nur noch nach.

„Wann wirst du es endlich verstehen, Kudo?", murmelte sie, bevor sie sich Conan und Ayumi anschloss.

„Ayumi, wir… wir müssen dir etwas erklären.", sagte er.

„Huh?"

Ayumi schaute zu ihm auf.

„Das… also…", stockte er.

Er konnte dieses Risiko einfach nicht eingehen. Heiji, dem Professor und Ai konnte er vertrauen, was sein Geheimnis anging, wobei Heiji sich hin und wieder mal verhaspelt hat. Aber wie steht es mit Ayumi? Trotz ihrer Körpergröße und ihrem älteren Aussehen ist sie tief in ihrem Inneren immer noch ein 6-jähriges Mädchen. Kinder können leicht manipuliert werden und sind damit ein einfaches Ziel für Erwachsene oder die Medien. Wie er es auch drehte und wendete, für ihn kam immer nur dieses eine Ergebnis in Frage.

„Es geht hier um Ayumi. Ich bitte dich."

Ai's Worte hallten in seinen Gedanken wieder. Konnte er diese Grenze wirklich übertreten? Er sah wieder in Ayumi's unschuldiges Gesicht, das vor lauter Fragen und unersättlicher Neugierde nur so zu explodieren schien.

„Ayumi, ich muss dir etw-"

„Der Zustand in dem du dich befindest, Ayumi, ist folgender:..."

„Ai?"

Conan drehte sich rasch um und sah Ai neben sich stehen, die sich vollends darauf endschlossen hatte Ayumi von ihrem Zustand zu informieren.

„Du befindest dich derzeit in einem 16, wenn nicht sogar 17-jährigen Körper von dir selbst. Das heißt du bist um gut zehn Jahre gealtert. Das Medikament, was du gestern Nacht zu dir genommen hattest, hat dich in diesen Zustand hier versetzt. Conan hat es gestern aus Versehen mit einem herkömmlichen Medikament verwechselt."

„Das weiß ich. Und ich bin mir sicher, dass es nicht seine Absicht war. Trotzdem verstehe ich nicht, was genau das für ein Mittel war, das mich so wachsen ließ.", antwortete Ayumi, diesmal etwas ernster als zuvor.

„Ai, hör bitte auf.", sagte Conan, doch Ai fuhr fort.

„Das ist verständlich. Dieses Mittel ist ursprünglich ein Gegenmittel gewesen, das…"

„Ai, hör auf!", sagte Conan erneut, diesmal etwas lauter, doch Ai ignorierte ihn.

„Conan hat recht, lass das bitte für heute sein, Ai. Ayumi hat schon genug…", warf der Professor mit ein, wurde aber von ihr unterbrochen.

„...das ich entwickelt habe."

„Du hast es entwickelt, Ai?", fragte Ayumi neugierig.

„Ja und mit ein wenig Hilfe vom Professor gelang mir die Herstellung des Gegengifts für das APTX, das…"

„HÖR AUF!", schrie Conan sie an. Er bemerkte schon, dass er leicht zitterte, während er beide Hände zu Fäusten ballte. Ai fuhr hoch und brauchte ein paar Augenblicke, um sich wieder zu fangen. Ayumi sah ihn nur mit blassen Augen an. So hatte sie ihn noch nie erlebt.

„Conan, was ist denn los?", fragte Ayumi und er konnte ihre Besorgnis in ihrem Gesicht sehen.

„Ich werde nicht zulassen, dass du weitermachst. Bei allem was mir wichtig ist, ich kann sie dieser Gefahr nicht aussetzen. Das ist meine letzte Warnung an dich, Ai Haibara!", antwortete Conan und seine Augen funkelten wütend.

Stille. Niemand sagte etwas. Ai wartete, bis er sich beruhigt hatte, dann seufzte sie letzten Endes.

„Wenn du mich schon so nett bittest, dann kann ich dir diese auch nicht ausschlagen.", sagte sie ruhig und lächelte.

Ayumi saß nur noch da und sah den beiden zu. Sie fand keine Worte für das, was sich vor kurzem direkt vor ihr abgespielt hatte. Warum wollte Conan ihr diese ganze Sache geheim halten? Warum weiß Ai so viel über dieses Gegenmittel? Und vor allem, wer sind sie wirklich?

Ist es vielleicht das, worüber sie so oft auf dem Schulweg geredet haben? Vielleicht können sie es ihr gerade deswegen nicht erzählen, weil sie ständig stören würde. Vielleicht ist sie ihnen nur ein Klotz am Bein, ein weiteres Problem am Wegesrand, um das sie sich widerwillig kümmern müssen. War es dann vielleicht falsch hierher zu kommen? Wenn ja, was würde ihre Mutter dazu sagen, wenn sie urplötzlich ihre um zehn Jahre gealterte Tochter in ihren alten Kleidern sehen würde? Würde sie es ablehnen sie so zusehen?

Was ist mit Conan? Er hatte ihr nie gesagt, wie toll sie aussah, geschweige denn ihr Komplimente gemacht. Stattdessen machte er sich lauter Gedanken und sorgte sich ganz bestimmt um sie. Wegen ihr ist er sogar noch wütend geworden und hat Ai angeschrien. Er wollte sie vor dem beschützen, was sie nicht verstand und das kannte sie nur zu gut von ihm. Bloß jetzt fühlte sie sich nur noch wie unnötiger Ballast.

„Morgen werden wir ein paar Tests machen, um die Wirkung des Mittels in deinem Körper zu prüfen und um zu sehen, wie lange diese Wirkung ungefähr andauern wird.", kündigte Ai an und wandte sich nun Ayumi zu.

„Tests?", wiederholte Ayumi neugierig.

„Genau, sowas wie Körpergröße, Körpergewicht, IQ-Tests, Blutabnahme und so weiter."

Bei dem Wort „Blutabnahme" fuhr Ayumi zusammen. Sie hatte eine Heidenangst vor Spritzen seit ihrem vierten Geburtstag. Bis jetzt hat sich daran also nichts geändert.

„Nein danke, i-ich mach wohl lieber keine Spritzen.", lehnte sie dankend ab.

„Keine Sorge, ich werde die Stelle davor betäuben, es wird also nicht weh tun, glaub mir.", sagte Ai und versuchte sie so zu beruhigen. Ayumi lockerte sich ein wenig und versuchte ruhig zu bleiben.

„Conan, es wird jetzt schon langsam dunkel, ich denke du solltest gehen. Ran macht sich bestimmt schon große Sorgen um dich.", sagte Professor Agasa.

Conan sagte nichts, sondern sah nur wütend zu Boden.

„Komm schon Conan, überlass das ganze mir und Ai. Wir schaffen das schon gemeinsam. Du solltest lieber schlafen gehen, ich meine du siehst mir schon ziemlich müde aus.", fügte er noch hinzu, als er das getrübte Gesicht Conan's und seine längst sichtbar gewordenen dunklen Augenringe erblickte.

„Ja, ich denke ich bin einfach nur zu müde. Also dann, ich mach mich mal auf den Weg zurück.", erwiderte er und ging zur Eingangstür.

„Auf Wiedersehen, Conan!", riefen der Professor und Ayumi ihm nach.

„Auf Wiedersehen, bis Morgen!", rief er zurück und ging die Gartenpflasterung entlang. Doch kurz bevor er den Blick gen Tor richtete, sah er vor seinen Füßen auf dem Boden einen langgezogenen Schatten, der von der Person kam die vor der Tür stand. Conan drehte sich zur Tür um und sah Ai, die ihm Schritt für Schritt näher kam.

„Ai, ich… Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht anschreien. Es hat sich einfach alles so zusammengefügt und ich hab mich da einfach selbst verloren. Ich war… Ich war einfach nur zu müde und hab einfach zu viel gesagt.", sagte er, während er zusah, wie sie sich ihm immer mehr näherte.

„Ich bin dir nicht wütend. Im Gegenteil, dass du dich so für sie so eingesetzt hast, hat mich ehrlich gesagt gefreut. Ich hätte vielleicht doch noch einen Fehler gemacht und ihr zu viel erzählt. Ich habe mich vielleicht ein wenig mitreisen lassen.", sagte sie. Die Umrisse der Lichter, die vom Gebäude kamen, zeigten ihm nur schwach, dass sie lächelte. Es war ein trübes Lächeln, das Conan sich in naher Zukunft immer öfter ins Gedächtnis rufen würde.

„Ich danke dir. Wenn, dann sollte es wohl eher mir leid tun."

„Ai…", brachte Conan hervor und sah ihr für eine kurze Zeit in die Augen. Irgendwie war dieses Lächeln wie hypnotisierend für ihn. Immer wieder kam es vor, dass das Lächeln der Menschen die ihm wichtig sind, vor allem Ran, das Beste war, was es für ihn gab. Doch dieses Lächeln war ganz anders. Irgendwie strahlte dieses Lächeln einen kühlen Hauch von einer Art Eifersucht aus, die er sich nie erklären konnte. Aus purer Neugierde ging er einen Schritt darauf zu, nur um dieses Lächeln irgendwie mit seinen Händen aufzufangen, ohne zu merken, dass er über seine eigenen Füße stolperte und auf das weiche Gras fiel.

„Conan?"

Der Geruch vom frischen Gras holte ihn wieder aus seinen Gedanken und Ai, die ihm zur Hilfe eilte, half ihm beim Aufstehen.

„Meine Güte, Kudo. Da bedanke ich mich bei dir und schon fällst du hin."

„Du bedankst dich bei mir, weil ich dich angeschrien habe?", antwortete Conan.

Ai sah ihn nur kurz verwundert an und fing an zu lachen. Conan schloss ihr kurz darauf an.

Nach einer Weile, als er sich erneut von ihr verabschiedete, ging er wieder zurück zur Detektei Mori, wo ihn Ran mit einer besorgten und zugleich wütenden Miene mit der Frage begrüßte, wo er so lange gesteckt hatte.

Ai stand währenddessen noch eine kurze Zeit da und sah in den Himmel.

„Ich wünschte nur, du würdest dich genauso für mich einsetzen.", sagte sie leise und ging wieder zurück ins Labor, wo sie die Eingangstür hinter sich schloss.

Es klingelte plötzlich. Ein junges Mädchen im Teenageralter hob den Telefonhörer ab. Sie hatte auffälliges silbernes gelocktes Haar, was sie unter ihren Familienmitgliedern am Meisten abhob. Es war eine lange Weile her, seit sie es sich so gut gehen ließ, wie letztes Mal. Sie konnte sich wieder entspannen und darauf warten, bis wieder neue Informationen für sie auftauchten. Sie befand sich in einem kleinen Mietapartment, dass nicht unweit von der Stadtmitte Beikas befand.

„Ein kleiner Fisch in Mitte einer Menge fällt nicht auf.", sagte sie immer, ganz zum Missfallen von ihrer Mitbewohnerin, mit der sie spontaner Weise ihre Wohnung teilen musste.

Als sie endlich zum Hörer griff, in der Erwartung, dass sie sich wieder bei ihr endschuldigte und ihr versprach, beim nächsten Mal erfolgreicher zu sein, sah sie auf das Ziffernblatt der Wanduhr, die ihr anzeigten, dass es schon fünf Minuten nach Acht war. Ziemlich ungewöhnlich für sie, so spät anzurufen, denn normalerweise wäre sie um diese Uhrzeit schon wieder Zuhause.

„Und? Wie läuft es diesmal?", sagte sie.

„Gute Neuigkeiten, Mutter. Ich kann dir endlich weiterhelfen.", ertönte es aus dem Hörer. Ihre Augen weideten sich.

„Sag bloß du hast es.", sagte sie aufgeregt.

„Nein, leider nicht."

„Was meinst du damit?"

„Ich habe es zwar geschafft, mich erfolgreich bei dem Hersteller des Gegenmittels einzureihen, aber was das Gegenmittel selbst angeht, habe ich noch nicht danach gesucht."

Sie seufzte. Anscheinend war es dieses Mal wieder eine Niete.

„Wenigstens bist du der Sache einen Schritt näher gekommen. Wie gedenkst du da eigentlich fortzufahren?"

„Keine Ahnung, aber ich werd's schon irgendwie hinkriegen. Nähere Details kann ich dir leider nicht nennen, also werde ich noch eine Weile weiter Ausschau halten."

„Nein, du kommst jetzt nach Hause. Dir muss es schon wirklich kalt sein. Erzähl mir alles was du weißt dort, okay?"

„Alles klar, mach ich."

Sie legte auf. Draußen ließ der Mond sein schwaches Licht auf die Stadt niederregnen und die Straßenlaternen beleuchteten die Gasse nicht unweit des Anwesens von Professor Agasa, in der sich der andere Gesprächspartner befand.

Masumi lehnte sich an eine Mauer und steckte ihr Handy wieder in die Hosentasche. Sie schaute in den Himmel, der schon vor lauter Sternen übersät war. Sie lachte.

„Das verspricht sich ja noch interessant zu werden. Na dann, zeig doch was du alles drauf hast, kleiner Meisterdetektiv. Mal sehen, ob du mich von den Socken hauen kannst, wie du es schon bei meinem Bruder gemacht hast."

Sie ging weiter die Straßen entlang, mit einem Lächeln, das gespannt auf das Unglaubliche wartete.

- Kapitel 7 ENDE -