Kapitel 14 - Ein kaltes Bier
Der Winter. Eine unbarmherzige Jahreszeit. Diese unerträglichen Temperaturverhältnisse waren nichts neues für diesen Planeten, nachdem es schon eine ganze Eiszeit überstanden hatte. Für den nackten Menschen brachte es jedoch den Tod. Einen sehr langen und schmerzvollen sogar und das schlimmste Gefühl dabei war, dass man dabei von innen langsam und vorsichtig aufgefressen wurde. Die ständige Reflexion der Sonne auf das weiße kalte Nass schädigte die Augen, deswegen war in den meisten Fällen eine Schutzbrille empfehlenswert.
Und genau da, inmitten der eiskalten Schneelandschaft stand er. Allein. Der Schneesturm wirbelte seine Haare umher und gab ihm ein Gefühl der Schwerelosigkeit. In seinem dicken Schneemantel befand sich eine Pistole, drei Granaten und eine Art minimalistisches Gerät mit einem Lautsprecher. Er wusste nicht genau, wie er sie hätte benutzen sollen, aber das war ihm auch egal.
Er versuchte sich zu rühren und bewegte sich Ziellos durch das skrupellose Weiß. Er rief nicht nach Hilfe, nein, er versuchte ihr nicht einmal zu entkommen. Er akzeptierte diese Zustände, als wäre es das Richtige für ihn gewesen. Die richtige Bestrafung. Eine andere wollte er nicht akzeptieren, aus welchen Gründen auch immer. Nach allem was er getan hatte.
Der Mann drehte sich um. Der weiße Tod kam, um ihn zu holen. Er schloss seine Augen, womöglich um seine Angst vor der Realität zu verbergen. Er ging weiter, immer wieder den Blick nach hinten gerichtet. Wartete er auf jemanden? Verfolgte ihn etwas? Die Antwort auf diese Fragen wusste er selbst nicht.
„Warum bist du hier?", fragte ihn eine Mädchenstimme. Der Mann konnte nicht den Ursprung dieser Stimme nachvollziehen, denn sie schien von überall zu kommen. Sie war wie omnipräsent. Er begann zu zittern.
„Ich weiß es nicht.", hörte er sich wie immer selbst antworten. Die Stimme kicherte. Es war eine sehr kindliche Stimme und sie schien sich auch so zu verhalten.
„Nur um deine Vergangenheit ruhen zu lassen?"
„Ich weiß es nicht.", wiederholte er.
„Wirklich nicht?"
„Vielleicht."
„Vielleicht?", wiederholte sie. Nach einer Pause gab er seine Antwort.
„Ich bin mir nicht sicher."
„Na gut, ich gebe dir Zeit zum Nachdenken."
„Danke."
Der Mann setzte sich auf den kalten Boden und zog sich die Handschuhe aus. Seine Hände waren dürr, so als hätte er Jahrelang weder gegessen noch getrunken. Und doch, fühlte er weder Schmerzen noch Kälte. Er fühlte gar nichts mehr.
Er hörte Schritte, die im Echo langsam auf ihn zukamen. Er sah hoch und entdeckte eine leicht durchsichtige Gestalt auf ihn zukommen. Der Geist kam ihm immer näher. Beim genaueren Hinsehen konnte er eine Rauchwolke erkennen, die aus dem Mund des Geistermannes kam. Als er einen Meter vor dem Mann stand, der vor ihm auf dem Boden saß, beugte er sich und ging auf die Knie, um ihm folgendes ins Ohr zu flüstern. Etwas, was er schon einmal vor einer langen Zeit von ihm gehört hatte.
„Menschen, die ihre eigenen Gefühle über die Arbeit stellen, sind einfach nur das Letzte, kapiert?"
Diese Worte hallten unaufhörlich in seinem Kopf und ließen ihm keine Zeit für eigene Gedanken mehr. Dann stand der Geist wieder auf und ging an ihm vorbei, weiter und weiter, bis er im Nebel hinter ihm verschwand. Genauso, wie er gekommen war. Ein Anflug von Wut überkam ihm, als der Mann seine Hände zu Fäusten ballte, doch er konnte ihm trotz allem nur noch hinterher blicken…
Plötzlich explodierte sein linker Arm. Auch wenn der Mann seinen Körper nicht mehr spüren konnte, fühlte er es jetzt umso mehr. Er begann panisch vor Schmerzen an zu schreien und hielt sich krampfhaft mit seinem freien Arm an der Stelle, wo zuvor sein linker Arm noch war. Die Qualen vernebelten ihm die Sicht und zwangen ihn zum Aufstehen. Er hatte diese Welt wirklich unterschätzt. Dieser Ort war grausamer, als er sich das jemals hatte vorstellen können. Er begann zu rennen. Egal wo, hauptsache weg von hier.
„Nein… ich will nicht… nicht mehr!", schrie er, so laut er nur konnte durch die Schneelandschaft.
Sein Rechter Arm explodierte. Der Mann schrie und kreischte umso lauter. Tränen aus Blut schossen ihn durch die Augen. Je weiter er rannte, desto mehr verließen ihn seine Sinne.
„Ich will nicht meeehr! Khh… Bitteeeee!"
Das Blut in seinem Gesicht machte ihn beinahe Blind, was ihn dazu bewegte die Augen zu schließen. Er verlor das Gleichgewicht, bevor er stolperte und auf harten Boden aufschlug, da er keine Arme mehr hatte, um den Sturz abzufedern.
„Ackhhh…"
Er begann Blut zu spucken. Sehr viel sogar. Das Blut verteilte sich im weichen kalten Schnee und hinterließ eine rote Farbspur. Der Mann sah der Flüssigkeit zu und merkte, wie die Kälte ihn von innen immer weiter fraß und tiefer in sein Herz eindrang. Er sah Hilfe suchend nach einem Ausgang, einen Ausweg aus dieser Misere, doch er fand nichts als weißen kalten Schnee, egal wo er auch hinsah. War das sein Ende? Ohne Bestimmung, ohne einen Weg, ohne einen Befehl? Genau, er hatte seitdem nie ein richtiges Ziel vor Augen. Und das hat ihn in diesen Moment hier gebracht.
Er weinte. Er weinte wirklich. So hilflos hatte er sich noch nie gefühlt. Erbärmlich. Wirklich erbärmlich. Sein verzweifeltes Schluchzen wurde vom Pfeifen des Windes übertönt.
„Wie lautet deine Antwort?", sagte die Mädchenstimme, diesmal forscher und aggressiver.
„Arrkkkh…"
Er spuckte wieder Blut.
„Wie lautet deine Antwort?"
„Ickkhh… hhhh… wa-weiß es ni- hhhh… nicht…", brachte der Mann heraus. In seinem Mund sammelte sich das Blut und lief über seine Zähne, seine Lippen und sein Kinn hinunter. Die Atmung fiel ihm immer schwerer.
„Wie lautet deine Antwort?"
Ein Schlag auf sein Linkes Bein brachte ihn wieder zum Schreien. Irgendwas Unsichtbares hatte sein Bein plötzlich vom Körper abgetrennt. Er winselte und seine Hilfeschreie gingen wieder im Wind unter, während er verzweifelt versuchte sich wie eine Schlange, mit nur einem Fuß auf dem Boden fortzubewegen.
„Ech srrrrag rerrs der nrrrcht!"
Als würde er beinahe in seinem eigenen Blut ertrinken. Er spuckte wieder Blut auf den Boden. Alles um ihn herum wurde lauter und lauter, bis der Wind sein Trommelfell platzen ließ.
„Warum nicht?"
Alles wurde Still. Die Umgebung stand still, so als hätte jemand die Zeit angehalten.
Er hob den Kopf und sah eine kleine Puppe, die vor ihm stand. Er erkannte sie gut. Er wusste wer sie war und wen sie darstellen sollte. Seine Augen weiteten sich, als er das Mädchen sah, das sich neugierig vor ihm in die Hocke gesetzt hat.
„Akkkhh…"
„Warum sagst du nichts? Hast du denn vergessen, wer an allem Schuld war?", fragte die Puppe.
„Warum sagst du's mir nicht?", antwortete eine andere Stimme in seinem Linken Ohr.
Der Mann drehte seinen Kopf in die Richtung, wo die Stimme herkam. Hunderte, wenn nicht Abertausende Kopien von derselben Puppe vor ihm scharrten sich von allen Seiten um ihn und die Puppe herum und bildeten einen Kreis, aus dem es kein Entkommen mehr gab. Dies konnte nur die Hölle sein. Ein Ort, der für ihn nichts anderes als Qualen und Folter bedeutete.
„Ich will's aber auch wissen!", nörgelte eine der Puppen von der anderen Seite.
„Lasst mich in Ruhe, ihr Scheißviecher!", schrie der Mann aus Leibeskräften.
„Ich auch!", meldeten sich Puppen in Scharen um ihn.
„Ich auch!"
„Und ich erst!"
„Hat jemand meine Zöpfe gesehen?"
„Ich will es wissen!"
Die Stimmen füllten seine Gedanken und ließen sein Gehirn konstant auf Hochtouren arbeiten. Dann breitete sich aus der rechten Seite ein irres Lachen in der Menge aus. Das kranke Gelächter des Mädchens vermischte sich langsam mit den verzweifelten Schreie der anderen Seite, die von derselben Stimme zu kommen schien. Er versuchte sich die Ohren zuzuhalten, merkte jedoch, dass ihm beide Arme fehlten und er der Folter schutzlos ausgesetzt sei.
„Du verstehst es immer noch nicht? Ist das vielleicht der Grund, warum du dich noch verzweifelt an dein Leben klammerst?", fragte die Puppe, die vor ihm stand.
„Ich weiß es nicht.", keuchte der Mann. Er wusste es wirklich nicht.
„Nun gut. Wie du schon weißt, werde ich immer wiederkommen und dir immer wieder die selbe Frage stellen, bis du sie mir endlich mit einer klaren Antwort beantwortest.", antwortete sie.
„Ja-Jawohl!"
„Du weißt schon, wie du hier enden wirst, richtig? Wie jedes Mal. Also versuch diesmal nicht wegzurennen, ja?"
„Ja."
Wie konnte er auch.
Die Puppe entfernte sich von ihm mit kleinen Schritten, drehte sich von ihm um und wandte sich an die Menge der Puppen, die sich schon um die beiden versammelt hatten.
„Er bereut nichts. Beendet es für heute."
Dann verschwand die Puppe im Wind. Die Umgebung begann sich langsam wieder zu bewegen, so als würde die Zeit auf Befehl weitergehen. Die Kälte schlug ihm wieder ins Gesicht und gab ihm einen Schauder, der sich von dort aus im ganzen Körper ausbreitete. Um ihn herum standen immer noch die Puppen und starrten ihn unentwegt an, so als würden sie ihn beobachten.
„Bitte…", schluchzte der Mann. Er war mit seiner mentalen Verfassung am Ende und wartete nur noch darauf, dass ihm der Gnadenstoß gegeben wurde.
Eine der Puppen in der ersten Reihe öffnete plötzlich ihren Mund, sodass eine Reihe von messerscharfen Zähnen zum Vorschein kam. Dann machten es ihr die anderen Puppen nach. Der Mann starrte sie mit einem angsterfüllten Gesicht an. Er wusste, dass er diese Vision etliche Male gehabt hatte und doch bekam er jedes Mal die Angst vor der Welt, in der er sich befand.
„Nein…", flüsterte er.
Dann ging alles schnell.
Die Puppen rannten auf ihn zu, während sie mit ihren Zähnen klapperten. Sie sahen furchterregend aus und jeder ihrer kleinen Schritte brachten ihn immer näher dazu sich selbst die Zunge abzubeißen, um früher zu sterben, bevor sie ihn erreichen konnten. Ein dummer Gedanke, aber in diesem Moment war es ihm lieber sich selbst das Leben zu nehmen, als von diesen Kreaturen gefressen zu werden.
„ICH WEISS ES NICHT! LASST MICH IN RUHE!", kreischte er.
Verzweifelt versuchte der Mann doch noch sich von ihnen zu entfliehen, indem er wie verrückt mit seinem übrig gebliebenen Fuß in eine ihm unbekannte Richtung strampelte, als er merkte, dass es aussichtslos war. Aus jeder Richtung strömten die Scharen der Puppen um ihn herum in seine Richtung und ihre Zähne blitzten in der kalten Wintersonne. Er gab es auf und lag schließlich wie eine kaputte Marionette ohne Fäden auf dem kalten Winterboden. Alles was ihm noch blieb, war alles was er in sich hatte aus sich herauszulassen. Er schrie so laut er konnte und seine Tränen flossen ununterbrochen seine Wangen hinunter, während er die Augen krampfhaft geschlossen hatte. Er schrie alles Leid, den ganzen Schmerz und alles was ihm damals auch nur ansatzweise wichtig war aus seinen Stimmbändern in die weite Schneelandschaft hinaus, die sich mit immer näher kommenden Schritten füllte. Er schrie weiter bis…
Ein Biss durchtrennte seinen Hals und seine Stimmbänder. Der Mann öffnete seine Augen. Das Letzte was er noch verspürte, waren die Fressgeräusche der Puppen, die sich an seinem leblosen Körper labten. Nicht einmal seine Tränen ließen sie übrig. Er spürte gar nichts mehr.
—-
Er sprang mit einem Schrei vom Bett auf. Ein schwacher Geruch eines Zigarettenrauchs hatte ihn geweckt.
Der Mann öffnete seine Augen und sah sich in seinem Zimmer um. Keine Winterlandschaft. Keine eisige Kälte. Und keine Puppen. Er merkte, dass seine Stirn gekühlt war und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Und nicht nur das, er schwitzte am ganzen Körper. Vor allem sein Rücken war vollkommen nass, aber das war ihm zurzeit vollkommen egal. Er hob die Decke und betrachtete erschrocken seine Gliedmaßen. Alle seine Beine und Arme waren noch da. Erleichtert ließ er sich wieder ins Bett fallen und bemerkte, dass die Matratze unter ihm genauso vollgeschwitzt war, wie sein Rücken. War es wirklich so schlimm gewesen? Jedoch konnte er sich sicher sein, dass das ganze nur ein Alptraum war. Ein Alptraum, der ihn seit Jahren zu verfolgen schien und von dem er nicht loskommen konnte. Er starrte auf die Decke und hob seine beiden Arme, um sie betrachten.
„Fuck…", seufzte er erleichtert. Er saß sich wieder auf und legte sich die Handflächen aufs Gesicht. Seine Hände zitterten leicht.
Nach einer Weile sah er sich ein zweites Mal um, diesmal etwas genauer.
„Scheiße, wo bin ich hier.", murmelte er. Befand er sich in 'nem Zimmer eines Love-Hotels, oder was? Gott, das wäre wenigstens besser, als wenn er diese Hölle noch ein weiteres Mal durchleben müsste. Als wären ihm seine Schlafstörungen nicht genug. Nein, er lag falsch. Das war auf jeden Fall ein normales Hotelzimmer. Er bemerkte erneut den Geruch des Zigarettenrauches, der ihm in der Nase geblieben ist. Er war nicht alleine in diesem Raum, das war er sich jetzt auch sicher.
„Was zum-?"
Er stand vom Bett auf und sah jemanden auf dem Balkon auf der rechten Seite stehen. Eine dunkle Silhouette einer Frau, die auf dem Balkon des Hotelzimmers stand und eine Zigarette rauchte. Erst jetzt bemerkte er, dass die Nacht längst eingebrochen hatte. Der Mann erinnerte sich auch wieder an seinen gestrigen Alkoholrausch, den er ausschlafen musste und rieb sich an der Stirn. Bevor er sich ihr jedoch näherte, merkte er, dass er noch in Unterwäsche war und ihn anscheinend jemand ausgezogen hatte, bevor er sich am frühen Nachmittag betrunken ins Bett warf.
„Schon wieder derselbe Albtraum?", fragte sie, nachdem er sich angezogen hatte und die Balkontür zur Seite schob. Der Mann seufzte.
„Es hört einfach nicht auf. Irgendwann komme ich nicht mehr damit klar und fange an Drogen zu nehmen."
„Ach sei doch still. Ich hasse es, wenn du so über dich redest."
„Tut… tut mir leid.", antwortete der Mann und lehnte sich an das Balkongeländer. Anscheinend hatten sie sich ein Doppelzimmer im Neunten Stock ausgesucht und er musste zugeben, dass es von dort aus ziemlich weit runterging. Er wechselte seinen Fokus und musterte sie für eine kurze Weile, bevor er etwas an ihr bemerkte.
„Du rauchst?"
„Du etwa nicht, Hive?"
„Doch, doch, tu ich, aber… nicht mehr so oft wie damals."
Die Frau bemerkte die Schweißperlen auf seiner Stirn.
„Dich verfolgt die Sache immer noch, stimmt's?"
Sie blickte auf zum dunklen Nachthimmel und blies eine Rauchwolke aus. Dann zog sie an der Zigarette.
„Gegenfrage: Weißt du was Angst vor dem Tod bedeutet?", fragte er.
„Angst vor dem Tod bedeutet, sich vor der Realität zu fürchten. Die Realität kann manchmal wirklich skrupellos sein."
„Sicher…"
„Warum fragst du?"
„Aaach nur so. Wir haben in den letzten drei Jahren so viele Menschen umgebracht oder erschossen, dass ich mich bis jetzt gar nicht gewundert habe, wie es sich anfühlen würde zu sterben."
Sie wechselte ihren Blick und sah ihn an.
„Wie meinst du das?"
„Ich weiß auch nicht. Weißt du, was mich persönlich an unserem Job gewundert hat, gleich nach unserem ersten Auftrag? Keiner der Aufträge machte mir Angst… ich meine, wir haben ja nicht nur gegen diese Regierungsfutzis gearbeitet, sondern auch gegen bewaffnete Männer. Im Gegenteil, es hat mir sogar Spaß gemacht."
„Du meinst, als wir vorhin gegen diesen Kanabe hergegangen sind?"
„Kann sein."
Sie blies eine weitere Rauchwolke aus.
„Gib mir mal 'ne Kippe.", sagte er und streckte seine Hand aus.
Eine Weile später rauchten sie zusammen am Balkon und genossen die kühle Nachtluft, beide mit einer Flasche Bier in der anderen Hand, welches sich zuvor in einem Fach eines Schranks am Balkon befand.
„Sag mal, Hive…", meldete sie sich zu Wort.
„Was denn?"
„Um ehrlich zu sein, wollte ich dich am Anfang loswerden."
„Dachte ich mir."
„War ich wirklich so offensichtlich?"
„Nun, so wie du damals mit mir geredet hattest, gabst du mir genug Indizien dafür, dass du mich nicht leiden konntest."
„Stimmt…"
„Und…? Hasst du mich immer noch, Vermillion?"
Sie hielt inne, wahrscheinlich um über ihre Wortwahl nachzudenken.
„Nicht wirklich. Vergleichbar zu damals warst du weniger lebhaft als jetzt."
„Da hast du nicht ganz unrecht. Du hast mich damals regelrecht verabscheut.", antwortete er und lachte. Sie sah ihn für eine kurze Weile an, dann lächelte sie.
„Du bist wirklich eine interessante Person, Hive. Nach allem was du erlebt und getan hast, kannst du immer noch lachen."
Hive sagte nichts. Vermillion lehnte sich näher zu ihm hin.
„Ich habe mir damals geschworen, mehr über dich herauszufinden. Alles was du weißt, will ich auch wissen. Ich will wissen, wer du bist und was dich zu der Person gemacht hat, die du heute bist, Hive."
„Lass den Scheiß. Es gibt sowieso nichts, was du über mich wissen solltest."
Er entfernte sich etwas von ihr. Enttäuscht sah sie von ihm weg und zog wieder an ihrer Zigarette. Wie kitschig…
„Du hast in meiner Vergangenheit nichts zu suchen, deswegen lässt du schön die Finger von mir, klar? Es ist nur zu deinem Besten.", antwortete er schroff.
„Tut mir leid."
Er nahm eine weitere Flasche aus dem Fach und öffnete sie. Die Stille zwischen den Beiden wurde langsam erdrückend. Niemand wagte auch nur einen Schritt zueinander. Der Mann setzte sich auf den Liegestuhl und zog an der Zigarette.
„Ich will es trotzdem wissen.", sagte sie und Hive hielt inne, bevor ein weiteres Mal zog.
„Meine Fresse, du hörst dich an, wie 'ne verdammte Mutter, die sich um ihr Kind sorgt."
„Ist mir egal. Das was ich über dich ge-"
„Das was du über mich, was?"
Sie sagte nichts mehr. Hive wurde ungeduldig.
„Spuck's aus."
Sie drehte sich um und musterte ihn.
„Dein Arm… was ist mit deinem Arm passiert?", fragte sie und zeigte mit dem Finger auf eine Kratzwunde.
„Wechsel nicht das Thema. Was weißt du über mich?"
„Erzähl mir zuerst von deiner Kratzwunde."
„Alter, willst du mich verarschen?", rief er und stand vom Liegestuhl auf, sichtlich genervt und vielleicht auch wütend. Sie trat erschrocken einen Schritt zurück, blieb aber immer noch in ihrer Frage standhaft. Für einen Moment standen sie da und starrten sich gegenseitig wütend an. Dann ließ sich Hive wieder auf den Liegestuhl fallen und seufzte schwer.
„Ich weiß es nicht. Jedes Mal, wenn ich träume scheinen die Schmerzen, die ich dort verspüre, mich immer mehr zu beeinflussen. Als wären diese Schmerzen zur Realität geworden."
Vermillion sank auf den Balkonboden und setzte sich hin.
„Du machst mir Angst, weißt du?"
Hive blickte sie nur gleichgültig an und zog wortlos an seiner Zigarette. Sie hingegen sah bestürzt auf den Boden und ließ ihre Zigarette sinken.
„Jede Nacht höre ich dieselben Worte von dir. Ich weiß nicht, wie lange ich da noch weitermachen kann."
„Dann geh doch."
„Was?"
Sie blickte überrascht zu ihm hoch.
„Ja, du hast mich richtig gehört."
„Du machst Witze, oder Hive? Das kannst du zu mir doch nicht sagen, nach allem, was wir durchgemacht haben.", sagte sie und er konnte einen Funken Verzweiflung und Angst in ihrer Stimme hören.
Hive lachte nur schwer und ließ seine Zigarette sinken.
„Wenn du nicht mehr kannst, dann ist das auch okay."
„Du bist ein herzloses Arschloch, hast du das schon gemerkt?"
„Komm runter, ich meins doch nur gut mit dir."
„Da bin ich mir ehrlich gesagt nicht sicher. Du hast mich erschreckt, verdammt noch mal."
„Hab ich das?"
Sie sah ihn wütend an und ballte ihre Faust, bereit ihm eine zu scheuern.
„Lass es lieber sein. Du willst doch mit deinem Rumgeschreie nicht die Nachbarn bei der Arbeit stören, oder?"
„Was redest du da für'n Mist?"
„Na, hör doch mal… wir sind hier in 'nem Hotel.", sagte er mit einem hämischen Grinsen und zeigte mit dem Finger auf das Zimmer nebenan.
„Jetzt hör mal, willst du mich hier an der Nase herumführen oder wa-"
Dann kam es plötzlich vom Zimmer neben ihnen. Vermillion hielt inne, als sie gerade dabei war zum Schlag auszuholen. Aus dem Zimmer bahnten sich ein Babygeschrei nach dem anderen an und Hive grinste über sein ganzes Gesicht, als er das schon rot gewordene Gesicht von Vermillion sah.
„Shhhh…"
„Hive, du verdammter Bastard.", flüsterte sie wütend.
„Yep, so wie's aussieht, sind die Nachbarn schon mit ihren Säuglingen beschäftigt. Und du willst sie dabei doch nicht stören, habe ich Recht, Vermillion? Babys brauchen doch ihren kostbaren Schlaf, oder?", antwortete er ruhig und nahm sich seine dritte Flasche aus dem Fach.
„Ich hasse dich."
„Ich dich auch, Schätzchen.", sagte er und machte ein Knutschgesicht, um sie weiter zu provozieren, wobei er nur eine Backenschelle von ihr kassierte.
„Aua…", antwortete er, so emotionslos, wie nur irgend möglich.
Verärgert stapfte sie aus dem Balkon, merkte jedoch nach energischem Rütteln an der Balkontür, dass sie verschlossen war. Sie hielt inne, seufzte wieder und sah hinüber zu Hive, der mit dem Schlüssel in der linken Hand wedelte und immer noch hämisch zu ihr rüber grinste. Jetzt war er wieder ganz der Alte. Lag wohl an dem Alkoholkonsum.
„Wann hast du…? Geh doch sterben, du Arsch."
„Na, na, so etwas gehört sich nicht für eine feine Lady."
„Okay, was willst du? Soll ich mich jetzt etwa vor dir nackt ausziehen und Mundharmonika spielen?"
Hive sah sie zunächst überrascht an, bevor er mit einem hickenden Lachen fortfuhr, als das Geschrei im Nebenzimmer lauter wurde. Sie sah genervt auf ihn herab. Er sah aus wie ein idiotisches Kind, das sich auf die Reaktion seiner Eltern freute, wenn es unwissentlich Mist gebaut hatte.
„Erstens, du entschuldigst dich bei mir für diese Beleidigung. Zweitens, du beruhigt dich und setzt dich zu mir hin.", forderte er und hielt ihr einen zweiten Liegestuhl hin, auf den sie sich hinsetzen sollte.
„Gut… du bist zwar ein Vollidiot, aber wenigstens weißt du, wie man eine junge Frau behandelt.", stichelte sie und setzte sich hin.
„Na also…"
„Also, worum geht's?", sagte sie und sah ihn genervt an.
„Erst einmal entschuldigst du dich und dann rede ich wieder mit dir."
„Hive, jetzt komm schon…"
Sie seufzte. Es brachte nichts sich unnötig mit ihm zu streiten.
„Es tut mir leid."
„Entschuldigung angenommen."
Für eine Weile sagte niemand etwas, als das Geschrei im Nebenzimmer aufhörte. Dann kam Hive ein weiterer Gedanke.
„Hör mal, ich habe darüber nachgedacht, was du mir zuvor am Café gesagt hast."
„War es das, worüber du mit mir reden wolltest?"
„Keine Ahnung. Eigentlich habe ich es nur getan um dich zu ärgern, aber darum geht es jetzt nicht. Du hast mir doch zuvor gesagt, dass ausgerechnet ein Auftragsmörder wie ich, der so etwas wie Lügen und Fassaden genauso schätzt, wie das Leben selbst… dass jemand wie ich es leicht hat mit Stolz geschwollener Brust zu behaupten, er könne ohne Hintergedanken über das Leben reden und dabei lachen."
„Das habe ich nie gesagt."
„Kann ich mir denken. Tut mir leid, ich habe möglicherweise da etwas hineininterpretiert. Jedenfalls selbst wenn du es so gemeint hättest, könntest du in dem Falle Recht haben."
„Bei was?"
„Der Mensch ist eine simple Kreatur. Solange ihm nichts geschieht, geht es ihm gut. Auch wenn er behauptet, dass ihm andere Personen wichtig sind, ist es ihm letztendlich Scheißegal, was mit ihnen passiert, solange es ihn nicht betrifft."
„Hive…"
Vermillion sah ihn fassungslos an. So etwas aus seinem Mund zu hören, erlebte sie zum ersten Mal seit sie sich kennengelernt hatten.
„Egoismus ist etwas, was uns Menschen zu dem gemacht hat, was wir sind, verstehst du Vermillion? Schon seit Anbeginn unserer Epoche als Mensch waren wir egoistisch, als wir den Tieren und Pflanzen ihren Lebensraum nahmen und uns auf ihre Kosten ausgebreitet haben."
„Was redest du da?"
„Sei ehrlich. Ich wäre dir auch egal, genauso wie du mir egal wärst, oder?"
„Hive, du machst Witze, oder? Spiel mir hier nichts vor."
Er sah sie nicht an, sondern starrte mit müden Blick in den Nachthimmel.
„Nein… das ist mein voller Ernst. Menschen sind voller Fehler und Macken."
Wie kitschig.
„Verarsch mich nicht."
Sie stand sofort auf und ihre Handfläche schnellte über seinem Gesicht und hinterließ einen Roten Abdruck auf seiner linken Wange.
„Hör auf dich in Selbstmitleid zu ertränken, das führt zu nichts. Damit machst du dich selbst nur runter und das kann ich nicht mitansehen."
Hive saß eine kurze Zeit und bewegte sich nicht, als er sich die Abdruckstelle rieb. Dann sah er bedrückt zu Boden.
„Womöglich hast du Recht, aber dieser Gedanke ist seit Jahren in meinem Kopf. Ich wollte ihn nur loswerden."
„Meine Güte…", sagte sie und setzte sich wieder auf den Liegestuhl. Dann fuhr sie fort.
„Dieser Job nimmt dich mit, hab ich Recht? Seelisch meine ich."
Er sah misstrauisch zu ihr auf.
„Kann ich ehrlich gesagt nicht sagen. Den Job habe ich mir selbst zuzuschreiben, also darf ich mich da nicht beschweren."
„Tut mir leid. Ich kann dir leider nichts dazu sagen, weil ich zu wenig von dir weiß."
„Brauchst du auch nicht, also lass mich in Ruhe."
Vermillion blickte bedrückt zu Boden.
„Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe… ich will nur nicht, dass du dich selbst schlechter machst. Denn…"
Sie hielt inne, als würde sie über etwas nachdenken. Hive sah sie wortlos an.
„Mit all den Jahren, die wir zusammen als Team verbrachten, haben wir viele Erinnerungen gesammelt. Und wenn ich an diese Zeiten damals zurückdenke, kann ich ehrlich sagen, dass… du… dass du nicht so schlecht bist, wie du von dir behauptest."
„Vermillion…"
Stille.
Sie sah zu ihm rüber. Beide starrten sich gegenseitig ins Gesicht. Dann kam Hive ihr immer näher und schloss seine Augen, möglicherweise um… nein, oder? Das würde er doch nie tun? Hat er jetzt komplett den Verstand verloren? Lag es am Alkohol? Vermillion saß nur da, komplett perplex und wusste nicht, ob sie ihm jetzt eine Reinhauen sollte oder es nur darauf ankommen ließ. Sie schloss erwartungsvoll die Augen, nur um einen Spaltbreit offen zu lassen.
„Hier hast du den Schlüssel."
Sie öffnete ihre Augen und sah einen über alle Ohren grinsenden Hive, der seine rechte Hand hob und mit dem Balkonschlüssel vor ihrer Nase herumwedelte.
„Hä?"
Dann kicherte Hive los und fing schallend an zu lachen, sodass das Geschrei der Babys aus dem Nebenzimmer wieder anfing und dort das Licht angeschaltet wurde.
„Mein Gott, siehst du bescheuert aus! Ich kann nicht mehr!", gackerte er los und klatschte mit der Handfläche auf das Bein.
Für einen Moment war Vermillion verwirrt und blickte ihn sprachlos an. Dann, ohne mit der Wimper zu zucken, stand sie auf („Mir reicht's…"), riss ihm den Schlüssel aus der Hand, packte ihn am Hemd und zerrte ihn zur Balkontüre, die sie damit aufschloss. Und all das passierte, während Hive sich immer noch den Arsch ablachte. Zusätzlich roch sie den strengen Alkoholgeruch, der aus seinem Mund kam. Dann hatte er also doch…
„Dieser Bastard… dieser Bastard… dieser Bastard…", wiederholte sie wütend, als Hive's unaufhörliches Gelächter sie immer rasender werden ließ.
„Ach komm schon, Vermillion. Ein bisschen Spaß muss sein…"
„Halt einfach die Klappe und leg dich hin, verdammt noch mal!"
„Woah, jetzt beruhige dich doch. Ich habe doch nur Spaß gemacht."
Sie machte die Balkontür hinter sich zu, warf ihn aufs Bett und ging kurz darauf wütend auf die Toilette, um sich abzureagieren. Hive stank stark nach Alkohol. Verdammt, was hatte der sich nur dabei gedacht… fast wäre sie wieder auf eine seiner Tricks hereingefallen. Sie atmete durch, drehte den Wasserhahn im Waschbecken auf und wischte sich das Gesicht mit kaltem Wasser ab. Vermillion betrachtete sich selbst im Spiegel. Sie sah wirklich müde aus. Aber solange der Vollidiot noch wach war, würde sie eh keine Ruhe finden, also seufzte sie schwer und verließ das Badezimmer. Das Allererste, was sie vernahm, war ein Schnarchen, dass ihr Erleichterung gab.
Vermillion stieg aus dem Badezimmer und erblickte Hive, wie er sich auf ihrer Seite des Bettes schlafen gelegt hatte. Es war nicht das erste Mal, dass sie in einem Bett geschlafen hatten. Gute Güte… was sollte nur aus ihnen werden. Sie kam sich vor, als wären sie wie kleine Kinder ohne Respekt, Rücksicht und Anstand. Sie rollte mit den Augen und entschied sich ihm zu nähern.
„Oh Gott… nein bitte nicht. Jetzt auch noch das.", sagte sie und verzog angewidert ihr Gesicht.
Der Mann, der vor ihr lag, war gerade dabei auf ihre Bettseite zu sabbern. Mann, wie ekelhaft… und dann müsste sie ihn auch auf seine Seite schieben… ihr lief ein Schauer voller Ekel über den Rücken. Als würde man auf ein kleines Kind aufpassen. Ein kleines Kind, dass noch abhängig von seiner Mutter war, es aber selbst noch nicht erkannte.
„Nun gut… dann wollen wir mal.", murmelte sie.
Sie hievte ihn hoch („Verdammt, bist du fett. Gott, was hast du alles gefressen…?") und schaffte es doch noch ihn mit aller Kraft mühevoll auf seine Bettseite zu werfen. Hive schien jedoch davon nichts bemerkt zu haben, denn so wie es aussah, schlief er genauso tief und fest, wie laut er ihr ins Ohr geschnarcht hatte.
Sie fasste sich am Rücken, nur um nach der ganzen Anstrengung die Knochen zu entspannen. Dann beobachtete sie Hive eine Weile und dachte nach, was sie als nächstes tun sollte. Vielleicht sollte sie lieber die ganzen Bierdosen wegräumen, die sich noch im Balkon befanden, nur um sicher zu gehen, dass er wieder nicht auf dumme Gedanken kam.
Also öffnete sie die Balkontür und nahm das Fach mit den Bierflaschen aus dem Regal, als plötzlich ihr Handy in ihrer Hosentasche begann zu vibrieren. Ein Anruf? Oder etwa…
Sie starrte aufgeregt auf den Namen des Anrufers und handelte schnell. Die Balkontür wurde sofort geschlossen und das Bierfach ruckartig auf den Boden gestellt, denn sie dürfte keine Zeit verlieren. Sie wusste, wie ungeduldig ihr Anrufer war. Ein letztes Mal sah sie sich an beiden Seiten des Balkons um, ob ihr jemand zuhörte und nahm den Anruf an, als sie bestätigen konnte, dass sie auch wirklich allein war.
„Ja, hallo?", antwortete sie beunruhigt.
„Dreißig Sekunden zu spät, Vermillion. Frauen lassen sich heutzutage wirklich gehen, nicht?", sagte eine kalte Männerstimme von der anderen Seite der Leitung.
Sie war ernst genug, um ihr ein wenig Respekt einzuhauchen. Vermillion lief ein Schauder über den Rücken, als würde die Stimme sie in eine Art Hypnosezustand stellen. Ihr fehlte jeglicher Mut, sich zu bewegen. So in etwa fühlte sie sich jedes Mal, wenn sie ihn anrief.
„Tu-Tut mir leid… i-ic-"
„Spar dir die Entschuldigungen, denn das ist nicht von Bedeutung, denn ich komme direkt zum Punkt. Ich bin deiner Bitte nachgegangen und habe etwas im Archiv nachrecherchiert.", erklärte der Mann ruhig und gelassen. Obwohl sie schon seit Jahren in Kontakt waren, war es ihr immer noch ein Rätsel, wie er es schaffte immer eine kühle Stimme und Atmosphäre zu bewahren. Als würde ihn nichts angehen. Doch jetzt war sie mehr aufgeregt, als schockiert, um darüber nachzudenken.
„Und? Was hast du herausgefunden?", sagte sie, wie aus der Pistole geschossen.
„Nun, so wie es aussieht, hat dein Freund hier eine heftige Sache hier am Laufen… Bist du sicher, dass du sie hören willst?"
„Ja, verdammt noch mal, ja!", rief sie ins Telefon. Sie starrte voller Erwartung auf den Bildschirm.
„Noch einmal schreist du mich hier an und du fliegst raus, hast du mich verstanden? Du vergisst mit wem du es hier zu tun hast, Vermillion.", antwortete er gelassen, doch sie konnte trotz seiner sanften tiefen Stimme seine Wut durch das Telefon spüren.
„Tu-Tut mir wirklich leid!", erwiderte sie erschrocken.
„Egal. Was Hive angeht… ich habe in seiner Personalakte etwas gefunden, was dich sehr interessieren könnte. Jedenfalls geht es um seine Zeit nach der Operation Medusa. Willst du wissen, was mit ihm danach passiert ist?"
Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. Auf diesen Moment hatte sie Monate, wenn nicht sogar Jahre gewartet.
„Operation Medusa? Aber das ist doch schon mehrere Jahre her…!"
„Beruhige dich… was die Nachfolgen der Operation betrifft, waren er und sein Partner erfolgreich. Beide Zielpersonen wurden erfolgreich eliminiert und die Operation wurde letztendlich in die Akten gelegt. Nur…"
„Ja?"
„Beide Attentäter waren unversehrt und keiner der beiden hatte einen körperlichen Schaden davonzutragen. Was deinen Partner hier betrifft… er hat es nicht überlebt."
„Wie, nicht überlebt? Aber er ist doch-"
Sie blickte ruckartig hinter sich und sah in das Zimmer hinein, wo Hive immer noch in seiner Bettseite seinen Alkoholrausch ausschlief.
„Ganz ruhig, Vermillion, du wirst langsam nachlässig… Ich habe nie gesagt, das seinem Körper etwas passiert ist."
„Dann heißt das also…"
„Genau. Nicht sein Körper würde verletzt, sondern sein Gehirn, sprich: seine Psyche…"
„Seine Psyche…?", wiederholte Vermillion vorsichtig. Sie starrte immer noch wie gebannt auf den auf dem Bett schnarchenden Hive.
„Sein Mentales Wesen, um genau zu sein."
„Das heißt also, dort ist ihm irgendetwas passiert, dass in ihm eine so enorme Schockdosis hervorgerufen hat, dass er letzten Endes einen psychischen Schaden davontrug."
„Richtig. Was mir noch aufgefallen ist, war, dass er sich, nachdem er sich mental von der Operation erholt hatte, einen so heftigen Streit mit seinem Partner angefangen hatte, sodass der schließlich mit seiner Entlassung endete."
„Ich fass es nicht…", murmelte sie und fasste sich an die Stirn.
„Er war sichtlich dagegen, weiterhin für die Organisation zu arbeiten. Also wenn das nicht einmal ein so heftiger Schock gewesen ist, das ihn zu seiner Entscheidung gebracht hat, dann weiß ich auch nicht weiter."
„Da-Danke… jetzt weiß ich bescheid…"
„Mehr konnte ich leider nicht über ihn herausfinden. Ich bin nicht im Stande dazu Informationen weiterzugeben, sonst würde dies letztendlich meinen Job kosten, also sei froh…"
„Kann ich verstehen, tut mir leid.", sagte sie und war bereit aufzulegen.
„Schon gut. Und merk dir eins noch, Vermillion."
„Ja?"
„Das ist jetzt mein voller Ernst… sei froh, dass du mich als Kontaktpartner hast. Denn wäre Hive's damaliger Partner hier anstelle von mir, hätte er schon längst aufgelegt. Wer weiß, vielleicht hätte er dich bei nächster Gelegenheit schon umgebracht."
„Und was ist mit dir? Ich dachte, ihr zwei wärt euch ähnlich.", antwortete sie, womöglich nur um sich selbst zu beruhigen.
Der Mann lachte. Ein kühles kaltes Lachen, welches sie zum ersten Mal von ihm hörte. Dann hörte er auf und sprach langsam und deutlich seine letzten zwei Sätze des Anrufs. Seine tiefe und sogleich gerissene Stimme ging in ihr Trommelfell hinein, so als würde er direkt neben ihr stehen und ihr diese Worte ins Ohr flüstern. Noch nie fühlte sie sich so angespannt wie jetzt.
„Es stimmt, dass wir uns ähneln, aber wenn du genauer aufgepasst hättest, würdest du einen Unterschied erkennen können. Der einzige Unterschied zwischen ihm und mir ist folgender: Ich befrage zuerst das Opfer, bevor ich es töte, verstanden?"
Er legte auf. Ein weiterer Schauer lief ihr über den Rücken und sie sank erleichtert zu Boden. Sie blickte wie gebannt auf ihr Handy, welches sie krampfhaft mit beiden Händen festhielt. Sie zitterte.
Eine Viertelstunde später verließ sie den Balkon und kehrte zum Schlafzimmer zurück. Sie sah auf die Uhr.
„Schon Mitternacht, wie…?"
Vermillion seufzte nur und drehte sich schließlich zum vor sich hin pennenden Hive um, der sich schlaftrunken am Hintern kratzte. Vermillion lächelte. Auch wenn er auf den ersten Blick nicht so aussah, konnte er eine ziemlich interessante Person sein. Sie schüttelte den Kopf und ging zu ihrer Bettseite, um sich auch hinzulegen, denn morgen war ein wichtiger Tag und an diesem müssten sie beide ausgeschlafen sein. Nachdem sie sich hingelegt und die Decke über sich gezogen hatte, schaltete sie das Nachtlicht aus und blickte für eine Weile auf die Decke, damit sie auf andere Gedanken kam. Sie schloss die Augen und versuchte sich zu beruhigen, nach alledem, was sie im Telefonat zuvor erfahren hatte. Welches traumatische Ereignis hatte ihn nur zu der Person gemacht, die Hive jetzt war und den sie nur zu gut kan-
Wraff…! Womm!
Vermillion öffnete sofort ihre Augen und stand ruckartig auf. Sie blickte auf Hive's Seite des Bettes und merkte, dass er verschwunden war. War er aufgestanden?
Ein Schnarchen von der Seite gab ihr letztendlich die Antwort und sie lehnte sich vor, nur um ihn auf dem Boden liegen zu sehen. Anscheinend war er nur von der Bettkante runtergefallen und schlief immer noch tief und fest, als hätte es ihm nicht das geringste ausgemacht. Bei so einem seltsamen Anblick könnte sie nicht anders, als darüber zu lachen.
Es wäre jetzt für sie zu anstrengend den Betrunkenen auch noch ein zweites Mal auf das Bett zu befördern, also ließ sie ihn einfach dort weiterschlafen, denn dafür war sie sowieso schon zu müde. Sie legte sich wieder auf das Bett und kicherte noch vor sich hin, während Hive immer noch schnarchte.
– Kapitel 14 ENDE –
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