Zusätzliche Pairings: Iwaizumi/OMC


III.


„Du hast dich in letzter Zeit verändert, Hajime."

Hajime sah von seinen Unterlagen - den Aufzeichnungen über die aktuellen Stärken und Schwächen sämtlicher Mitglieder des Nationalteams - auf und blickte seinen Partner fragend an.

„Seit du aus Argentinien zurück bist, bist du … ich weiß auch nicht … selbstsicherer und zugleich friedlicher. Es ist als hättest du zu dir selbst gefunden, würdest in dir selbst ruhen", fuhr der Andere fort, „Hat das mit Oikawa zu tun?"

Yuki wusste alles über Hajime und Tooru. Alles andere hätte nicht funktioniert. Hajime hatte es sich schon vor langer Zeit zu seiner persönlichen Regel gemacht, dass er in jeder Art von Beziehung mit jemandem, der nicht Oikawa Tooru war, über seine Beziehung mit Oikawa Tooru ehrlich sein musste. Die Sache war die: Hajime mochte Yuki wirklich, ihre Beziehung war noch relativ frisch, doch seit sich Yuki dem Trainerteam der Nationalmannschaft angeschlossen hatte, konnte Hajime die Verbindung zwischen ihnen beiden spüren, und es war eine Verbindung, die sie beide die meiste Zeit über sehr glücklich machte.

Als niederrangiger Assistenztrainer war Yuki nicht mit nach Argentinien geflogen, sondern hatte zu Hause das Fort gehalten, was eine Begegnung zwischen ihm und Tooru verhindert hatte. Und so war Hajime darum herum gekommen Tooru direkt zu erklären was zwischen ihm und Yuki war, was gut war, weil er das die meiste Zeit über selbst nicht wusste, aber trotzdem hatte sein Trip nach Argentinien seine Beziehung zu beiden Männern unwiederbringlich geändert, wie es schien.

Hajime hatte bisher nicht erwähnt was zwischen ihm und Tooru in Argentinien vorgefallen war, was aber nicht bedeute, dass er nicht ständig daran denken musste. Und Yuki war das nicht entgangen. Es war also an der Zeit ehrlich zu sein, nahm er an.

„Er weiß von dir und respektiert unsere Beziehung", begann er.

„Aber…?" Yuki sah weniger besorgt als eher interessiert drein.

„Er hat gesagt, dass wir, wenn wir das nächste Mal zusammen kommen, für immer zusammen sein werden, weil wir dann heiraten", erklärte Hajime.

„Verstehe." Yuki sah einen Moment lang unglücklich aus. Dann meinte er langsam: „Und diese Aussicht freut dich natürlich. Du hast jetzt die Zukunft, die du immer wolltest, vor dir. Mit der Person, die du immer wolltest. Natürlich verändert dich diese Aussicht." Er selbst war aus verständlichen Gründen wenig erfreut.

„Ich habe ihm gesagt, dass ich noch nicht soweit bin", betonte Hajime. Nicht ausgerechnet jetzt, wo beide ihre Karrieren so gut liefen – und das getrennt voneinander – und wo Hajime und Yuki … nun was auch immer zwischen ihnen war … genauer erforschten.

Yuki warf ihm einen traurigen Blick zu. „Oh, doch, Hajime. Du bist soweit", erwiderte er, „Das ist nicht zu übersehen. Du willst Oikawa Tooru heiraten und den Rest deines Lebens mit ihm verbringen. Und das weißt du auch. Der einzige Grund warum du es nicht schon längest getan hast, ist der, dass du ein anständiger Kerl bist und mich nicht einfach so sitzen lassen wolltest. Aber am Ende wird es so oder so darauf hinauslaufen, das genau das passiert." Er lächelte schwach. „Und das ist schon okay so", meinte er, „Ich wusste ja immer worauf ich mich einlasse, nicht wahr?"


„Ich dachte, du wärst endlich erwachsen geworden, hättest dich geändert, aber in Wahrheit bist du immer noch der gleiche rechthaberische Kerl wie früher!" Hajimes Gesicht war rot, und er wirkte sehr – sehr – wütend. Nur wollte er offensichtlich noch immer nicht zugeben, dass Tooru derjenige von ihnen beiden war, der Recht hatte. Also verlegte er sich wieder auf Beschimpfungen, wie immer eben.

„Rechthaberisch oder nicht, das ändert nichts daran, dass ich Recht habe", betonte Tooru, „Du willst diesen Job, jede Pore deines Körpers sehnt sich danach, und ich bin der einzige Grund warum du ihn nicht annehmen willst. Und das wirst du mir eines Tages vorwerfen, ob du es einsehen willst oder nicht. Und ich will nicht, dass es soweit kommt. Ich will nicht, dass du nur meinetwegen das aufgeben musst, was du immer wolltest."

Hajime schnaufte ungläubig. „Was ich immer wollte war ein friedliches Leben, aber das war mir immer schon verwehr, da du Teil meines Lebens bist", erklärte er in säuerlichen Tonfall.

„Oh, Iwa-chan, jetzt wirst du wieder grundlos gemein", merkte Tooru an, „Ich sage ja nur, dass es keinen Grund gibt nicht zumindest darüber zu reden, dass du diesen Job annehmen willst. Und…"

„Und dann was? Dann ziehst du mit mir in die Staaten und reist überall hin, wo das Team hinreist? Denn wenn du das nicht vorhast zu tun, dann gibt es keinen Grund weiterhin über dieses Thema zu reden, weil ich den Job andernfalls nicht annehmen werde", gab Hajime zurück, „Ist dieses Thema damit jetzt endlich erledigt?!"

Früher hätte Tooru, wenn Iwa-chan diesen Tonfall benutzte, die Sache einfach fallen gelassen, aber die Dinge lagen jetzt anders: sie waren verheiratet, sie konnten nicht einfach wieder damit aufhören über Dinge, die ihre Beziehung belasteten, zu sprechen und darauf hoffen, dass sich diese über Nacht in Luft auflösten, sie mussten aussprechen was ihnen auf der Seele lastete. Deswegen sagte er: „Nein, ist es nicht. Ich will doch nur, dass du…"

„Was? Dass ich zugebe, dass es ein Fehler war dich zu heiraten und meine Karriere für dich aufzugeben, und ich stattdessen Trainer von Team Japan und in einer Beziehung mit Yuki hätte bleiben sollten?! Ist es das, was du hören willst?!", schleuderte ihm Hajime entgegen, „Dass ich den falschen Mann geheiratet habe? Offenbar habe ich das getan, aber nicht aus den Gründen, die du denkst, sondern weil ich vergessen habe, dass ich an deiner Seite niemals glücklich sein kann, weil du biologisch unfähig dazu bist glücklich zu sein und mich immer in dein Unglück mit hineinreißen musst! Also ja, ich hätte es besser wissen müssen! Und wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, dann würde ich dafür sorgen, dass wir beide niemals Freunde werden, damit ich zur Abwechslung endlich einmal ein glückliches und unbeschwertes Leben führen könnte!"

Und mit einem Schlag war jede Angst, die Oikawa Tooru jemals in Bezug auf die Liebe seines Lebens empfunden hatte, kein Abstraktum mehr, sondern gnadenlose Gewissheit. Und mit einem Schlag ging es nicht mehr um den Job, oder mögliche zukünftige Ressentiments, oder versteckte kurz zurückliegende, oh nein, mit einem Schlag lag alles offen, und mit einem Schlag tat alles einfach nur noch weh.


„Das ist es, war er nicht wollte, nie wollte: Mich. Du siehst also, ich habe nicht nur angenommen zu wissen was er braucht und will, ich habe ins Gesicht gesagt bekommen, was er nicht will. Und behaupte jetzt nicht schon wieder, dass ich ihm nicht richtig zugehört habe, deutlicher kann man nicht mehr werden", erklärte Tooru, „Ich bin die Wurzel allen Unglücks im Leben meiner großen Liebe. Ich denke also nicht, dass man darüber geteilter Meinung sein kann, was das zu bedeuten hat. Oder dass du weißt wie es sich anfühlt das ins Gesicht gesagt zu bekommen."

„Das denkst du vielleicht", murmelte Kuroo. Lauter sagte er: „Nur weil er das gesagt hat, muss er es nicht so gemeint haben. Du hast vielleicht einfach nur den Teil herausgehört, den du hören wolltest, den du immer schon gehört hast. Du hast es selbst gesagt: Deine Ängste waren auf einen Schlag wahr. Du hast immer befürchtet, dass dich andere so sehen wie du dich selbst siehst. Und ausgerechnet dein Iwa-chan hat dir bestätigt, dass es so ist. Denkst du zumindest."

„Ich denke es nicht, ich weiß, dass es so ist", gab Tooru zurück, „Klar, hat er es sofort bereut. Ich bin einfach nicht geblieben um mir seine Entschuldigungen anzuhören." Er zuckte die Schultern. „Es ist ja auch wahr. Er hatte ein Leben, ein tolles Leben, Job, Liebe oder etwas, das dazu hätte werden können, Seelenfrieden. Und dann bin ich gekommen und habe ihn dazu erpresst mich zu heiraten."

„Das hat er definitiv so nicht gesagt", warf Kuroo ein.

„Aber so hat er es gemeint", behauptete Tooru, „Ich kenne Iwa-chan, und er tut ständig alles für mich. Er hat mich geheiratet, weil ich es wollte, nicht weil er es wollte, nicht wirklich. Mein Glück war für ihn immer schon wichtiger als sein eigenes. Er ist überhaupt nur jemals mit mir zusammengekommen, damit ich nicht mehr unglücklich bin. Er wollte, dass es mir besser geht, dass ich jemanden habe, der mich zu schätzen weiß, richtig behandelt, und versteht. Mein Glück ist sein Glück. Er kann nur glücklich sein, wenn ich glücklich Wunder also, dass er immer wieder in meinem Bett endet. Nur so kann ich glücklich sein. Aber wenn er die Wahl hätte, dann wäre er überall sonst lieber als dort."

Kuroo blinzelte ihn sprachlos an. „Ich … habe ehrlich keine Ahnung, was ich dazu sagen soll", gab er zu, „Ich meine … ich hab schon eine Menge in meinem Leben gehört, aber das … Ich weiß nicht mal wo ich anfangen soll. … Verstehe ich das richtig? Du denkst, ihr ward überhaupt nur jemals zusammen, weil Iwaizumi dich zu sehr liebt um dich unglücklich zu sehen, und deswegen … war es eine ungesunde Beziehung, weil er nur glücklich sein kann, wenn du glücklich bist. … Ja?"

Tooru nickte. „Ja, genau, so ist es", bestätigte er.

Kuroo schwieg einen Moment lang. Dann meinte er langsam: „Dir ist schon klar, dass das die Definition von Liebe ist: Dass das Glück der Person, die man liebt, einem so wichtig ist, dass man nicht glücklich sein kann, wenn diese Person es nicht auch ist?"

Tooru warf ihm nur einen vielsagenden Blick zu, bevor er meinte: „Es ist eher die Definition von Ko-Abhängigkeit. Ich meine, ich will deine Beziehung zu Kenma ja nicht schlecht reden, aber wenn das bei euch auch so ist, dann…."

Kuroo schüttelte nur den Kopf. „Tooru, es gibt einen Unterschied zwischen glücklich sein und sein ganzes Lebensglück an jemand anderen zu binden. Es ist normal, dass man diejenigen, die einem am Herzen liegen, glücklich sehen will", meinte er, „Euer Problem war nie, dass du Iwaizumi glücklich sehen wolltest. Oder, dass er dich glücklich sehen wollte. Euer Problem ist, dass du eine Riesensache aus etwas machst, das genau das nicht ist."

„Der Job ist ein Symptom des Grundproblems", beharrte Tooru, „Es gibt nämlich auch einen Unterschied zwischen nicht glücklich sein und unglücklich sein. Alle tun immer so als wären glücklich zu sein und unglücklich zu sein binäre Gegenpole ohne Zwischentöne, aber es gibt sie, die Zwischentöne. Ich habe oft genug in ihnen gelebt. An sich wäre es keine Riesensache, da hast du recht, aber es ist eine Riesensache, weil es nur der jüngste Punkt in einer langen Reihe von Entscheidungen ist, bei denen Iwa-chan mich über sich selbst gestellt hat."

„Das ist mir alles zu viel", gab Kuroo zu, „Oder auch nicht, weil ich mein Leben lang Kenmas Wohl über meines gestellt habe, genau wie er meines über seines gestellt hat. Und das Endergebnis war, dass wir beide unglücklich waren. Genau so wie du und Iwaizumi es jetzt gerade seid. Wir haben einander erst zuhören müssen, etwas das du dich weigerst zu tun. Ich meine, er hat dir doch schon das Schlimmste gesagt, das du dachtest von ihm zu hören bekommen zu können. Was soll er dir noch sagen, das schlimmer ist als das? Warum also setzt ihr euch nicht einfach zusammen und wascht den Rest eurer schmutzigen Wäsche? Wenn es nachher endgültig vorbei ist, dann könnt ihr wenigstens sagen, dass ihr es versucht habt."

Bei ihm hörte sich das alles so einfach an. Vermutlich weil es bei ihm so einfach gewesen war. Alle seine Probleme hatten sich aufgelöst, indem er offen und ehrlich mit der Person, die er liebte, darüber gesprochen hatte. Aber für Tooru war das nicht so leicht.

„Vielleicht ertrage ich es nur nicht, es noch einmal zu hören", erwiderte er.

„Tooru…."

„Und was, wenn es noch viel schlimmer gemeint ist, als es klingt? Oder genau so wie ich jetzt denke, dass es nicht gemeint war, weil Iwa-chan niemals…." Er brach ab und konnte nicht weiter sprechen. Stattdessen begannen die Tränen zu fließen.

„Du hast auf gewisse Weise ein sehr einfaches Leben, Tetsu-chan", fuhr er leise fort, „Weil du …. gut und großzügig bist, und du, wenn du jemand ansiehst, eine Person siehst und nicht nur deren Defekte. Kenma ist für dich Kenma, Kageyama ist Kageyama, Yaku ist Yaku. Du siehst andere so, weil du deine eigenen Hindernisse überwinden konntest, und jedem dabei helfen willst seine ebenfalls zu überwinden. Aber … die Hindernisse, die du überwunden hast, sind nicht zu vergleichen mit denen, die andere überwinden müssen. Und Iwa-chan, mein Hajime, ich kenne ihn schon fast mein ganzes Leben lang, er kennt mich besser als jeder andere, er kennt alle meine Defekte und akzeptiert sie, zumindest dachte ich das immer, aber was wenn... was wenn das in Wahrheit nicht so ist? Was wenn…" Er schluckte hart. „Was wenn er mir in Wahrheit tatsächlich vorwirft biologisch unfähig zu sein glücklich zu sein und deswegen nicht mit mir zusammen sein will, weil er es leid ist? Weil er es leid ist, dass ich ich bin und nicht anders sein kann? Weil es Dinge gibt, die keine Tablette und keine Therapie reparieren können? Was wenn er sich in Wahrheit deswegen wünscht mich niemals getroffen zu haben?"

Er konnte Kuroo nicht ansehen, sah stattdessen weinend zu Boden - und auf einmal fand er sich in der festen Umarmung des anderen Mannes wieder. „Oh, Tooru, nichts, gar nichts an dir ist defekt", erklärte ihm Kuroo leise, „Und das weiß Iwaizumi auch. Du hast es selbst gesagt: Er kennt dich länger und besser als sonst jemand. Und er liebt dich. Als die Person, die du bist. Alles wird gut. Das schwöre ich dir."

Tooru konnte nicht antworten, er konnte nur schniefen.

„Ich will nach Hause, Tetsu-chan", gab er zu, „Aber was wenn … ich kein Zuhause mehr habe?" Denn ohne Iwaizumi Hajime hatte er kein Zuhause, das wusste er sehr genau, Ko-Abhängigkeit VS. Liebe hin oder her.

„Du hast ein Zuhause, wirst immer eines haben. Wenn nirgendwo sonst, dann bei deinen Freunden, versprochen", meinte Kuroo, „Aber jetzt, jetzt rufst du erst mal Iwaizumi an, und dann redet ihr miteinander, okay? Alles wird gut werden, du wirst sehen, aber es kann nur gut werden, wenn du dich dem stellst, was du am Meisten fürchtest, und darauf vertraust, dass es nicht so ist wie deine Alpträume es dir einreden wollen, sondern so wie du tief in dir weißt, dass es ist."

Doch wenn es doch anders wäre, dann würde Tooru nicht wissen wie alles weitergehen sollte.


A/N: Hier haben wir es also: Das Kernproblem. Wenn man bedenkt worum es im ersten Teil dieser Reihe ging, dann wollte ich nicht einfach eine Fic über ein simples Missverständnis schreiben, wo sich beide über dumme Dinge streiten und dann wieder versöhnen. Teil 2 hatte das teilweise, aber in Wahrheit ging es auch dort um die Probleme, die mit Queerness einhergehen. Ich wollte also, dass es auch im dritten Teil um tatsächliche soziale Probleme geht. Während KuroKen Kenmas Sexualität hat, haben IwaOi dieses Problem hier. Tooru denkt, dass ihn niemand wahrhaft lieben will, wenn er ihn wahrhaft kennt, weil er „defekt" ist. Und Iwa ist rausgerutscht, dass ihn genau das belastet und das ist ein Problem.

Was aber nicht heißt, dass es nicht gelöst werden kann.

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