Entspannt öffnete Rachel die Augen. Es brauchte einen Moment, bis sich ihre Sicht scharf stellte und noch länger, bis sie realisierte, wo sie war. Das war ihr Wohnzimmer, ihre Couch. Aber sie war nicht allein. Starke Arme umfingen sie. Zusammen mit seinem unverkennbaren Geruch konnte es nur Jacobs Arme sein. Jakob? Das war das erste Mal, dass sie seinen Vornamen im Kopf hatte, wenn sie an ihn dachte. Wie war das passiert?
„Guten Morgen", grüßte er und streichelte ihr über den Oberarm. Es war absolut surreal, dachte Rachel, als sie den Kopf drehte und ihm direkt in seine dunklen Augen starrte. Er wirkte ausgeruht und ruhig, aber in seinen Augen loderte Feuer.
„Hey", gab sie zurück. „Wie spät ist es?"
„Kurz vor acht. Du kannst noch weiterschlafen." So gerne sie das Angebot annehmen und sich noch einmal an ihn herankuscheln würde, hatten die letzten Stunden halbsitzend auf der Couch ihr nicht gutgetan. Das Bein pochte und war dicker als die letzten Tage. Auch Hood schien ihr Unbehagen zu spüren, denn er legte einen Blick auf ihr verletztes Bein und hob eine Augenbraue.
„Du solltest das hochlegen." Rachel nickte und hob es vorsichtig auf den Couchtisch.
„Über Herzhöhe hat Martha gesagt", tadelte Hood sanft, worauf sie mit den Augen rollte. Im Bett angekommen warf sie ihre Decke zurück, legte das Bein auf einen Stapel Kissen und sich selbst nach hinten. Die bequeme Matratze war eine willkommene Abwechslung nach der Nacht auf der Couch und sie genoss es wieder in ihrem eigenen Bett liegen zu können. Hood betrat das Zimmer mit einem Glas Wasser und einer Tablettendose in der Hand. Wortlos nahm sie beides entgegen und schluckte sie.
„Guter Patient", lobte er grinsend.
„Danke Jac… Hood", entkam es ihr und sie verbesserte sich noch während sie sprach. Er lächelte breit.
„Schon gut. Krankenpfleger werden meistens mit dem Vornamen angesprochen." War das seine verrückte Art ihr zu sagen, dass der Vorname auch weiterhin in Ordnung war? Der Job war der Grund, warum sie auch nach der ganzen Zeit konsequent seinen Nachnamen nutze. Professionelle Distanz, so nannte man es in der Akademie. Keine persönliche Bindung zum Auftrag. Das hatte sie schonmal vergeigt, dachte sie als ihr Blick seinen traf.
„Alles okay?", fragte er, nachdem er sie wieder beim Denken beobachtet hatte.
„Ja, Entschuldigung. Wieder in Gedanken."
„Darf ich?", fragte er und deutete auf ihr Bein. Sie wusste, was er meinte, schlug die Decke weiter auf und nickte. Er begann mit Marthas Lymphdrainage und sofort entspannte sich Rachel. Seine Hände auf ihrer Haut hatten diesen Effekt auf sie. Konzentriert arbeitete er an ihrem Oberschenkel, die Leistengegend dabei großflächig meidend, wofür Rachel ihm sehr dankbar war. So großartig das Gefühl seiner Hände auf der Innenseite ihrer Schenkel auf war, aktuell traute sie sich das Gefühlschaos nicht zu. Nicht, wenn sie versuchte stark zu bleiben und an ihren Job zu denken.
So sehr sie auch protestierte, Hood ließ sich nicht davon abhalten Lebensmittel einkaufen zu gehen, das Mittagessen zuzubereiten – er hatte ihr wieder versichert, dass er nichts Explosives herstellen würde – und ihr den Wäschekorb zur Waschmaschine zu tragen.
„Streite nicht mit deinem Krankenpfleger", sagte er, als er diesen abstellte.
„Du bist nicht mein Krankenpfleger", entgegnete sie durch zusammengebissene Zähne. Er machte sie wahnsinnig.
„Dann eben hilfsbereiter Kollege oder nette Bekanntschaft. Lass mich dir bitte helfen"
„Warum tust du das, Jacob?" Sie wählte dieses Mal seinen Vornamen mit Absicht. Hood spürte sofort, dass sie eine ernste Antwort erwartete, seufzte und sein Blick wurde sanft.
„Vor nicht mal drei Wochen bist du beinahe in meinem Arm gestorben. Dein Blut klebte überall an mir. Ich war mir sicher, ich würde dich verlieren." Und plötzlich sah sie noch etwas anderes in seinen Augen. Schmerz. Er tat das nicht nur für sie, das wurde ihr auf einmal klar. Genauso sehr wie sie ihn brauchte, brauchte er sie, um mit der ganzen Sache fertig zu werden.
„Ich bin nicht Maggie", entkam es ihr unsicher. Sein Blick wurde für einen Moment hart, er fing sich aber schnell wieder.
„Es geht nicht um Maggie, Rachel. Es geht um dich… und um mich. Bitte lass mich dir helfen, ich brauche das", flüsterte er als Antwort. Eine heiße Träne lief Rachels Wange herunter, die Hood wieder mit dem Daumen wegwischte. Einen langen Moment blieben seine Finger auf ihrer Wange, bis er sich nach vorn lehnte und ihr, wie schon in der Nacht, einen zarten Kuss auf die Wange gab. Rachel zitterte wegen der Gefühle, die die Berührung in ihr auslösten. Wie konnte ihr Körper so stark auf eine so harmlose Berührung reagieren?
„Möchtest du die Wäsche machen?", fragte er und holte sie damit wieder aus ihren Gedanken. Fragend schaute sie auf die Waschmaschine herunter und überlegte, wie sie das allein schaffen könnte. Dann dachte sie zurück an seine Worte. Sie musste es nicht allein machen.
„Wenn du mir hilfst, kriege ich das hin", antwortete sie. Er schenkte ihr ein breites Lächeln. Ein erster Schritt, dachte er, ein erster Schritt in die richtige Richtung.
Der Abend kam erstaunlich schnell. Rachel hatte das Gefühl den Tag nichts gemacht zu haben und trotzdem war sie todmüde.
„Krank sein ist kacke", sagte sie zu Hood, als sie gemeinsam gespülten Teller vom Abendessen in den Schrank räumten.
„Du bist nicht krank, du bist verletzt."
„Worin liegt der Unterschied?"
„Oh glaube mir, es gibt einen", sagte er knapp. Sie beließ es dabei und dachte gerade daran bald ins Bett zugehen, als ihr ihr Albtraum der letzten Nacht wieder einfiel und sie augenblicklich bleich werden ließ. Natürlich war es ihrem wachsamen Begleiter nicht entgangen und er stand innerhalb eines Wimpernschlages neben ihr und nahm ihre Hand.
„Was ist los?"
„Gar nichts, ich dachte nur gerade wieder an meinen Albtraum." Rachel schüttelte sich, als könne sie damit die wilden Gedanken in ihrem Kopf zähmen. Wortlos drückte er ihre Hand, ließ dann unvermittelt los und verließ ihre Wohnung mit schnellen Schritten.
Mit fragendem Blick blieb eine überraschte Rachel zurück, die sich gerade fragte, was sie falsch gemacht hatte, als sie hörte, wie die Wohnungstür wieder aufging und Hood mit einer kleinen Tasche in der Küche auftauchte. Die Agentin erkannte die Tasche sofort, es war sein übliches Reisegepäck. Immer bereit in einer Ecke seiner Wohnung, falls sie innerhalb kürzester Zeit zu einem Fall aufbrechen müssten.
„Was…?", fragte sie einfach.
„Gestern Nacht wurde mir klar, dass ich zuhause kein Auge zukriege. Du könntest wieder fallen und beim nächsten Mal kannst du mir vielleicht nicht selbst die Tür öffnen. Weißt du wie lange die durchschnittliche Wartezeit ist, bis die Feuerwehr anrückt und eine Tür öffnet?" Sie wusste es nicht, hatte aber auch nicht vor zu raten. „Viel zu lange, Rachel", antwortete er selbst. Hin und hergerissen, ob sie die Augen rollen und ihn herausbitten oder ihm aus Dankbarkeit lieber in die Arme schließen sollte, entschied sie sich für den Mittelweg und rührte sich gar nicht.
„Lass dich von mir nicht stören, ich schlafe auf der Couch. Du bemerkst mich gar nicht." Es schien nicht, als stände seine Entscheidung zur Diskussion, also startete sie auch keine, sondern nickte stumm.
Eine halbe Stunde später lag sie in ihrem Bett, das Bein auf den Kissen abgelegt. Sie hatte ihre Tabletten genommen und ein feiner Luftzug Frischluft drang durch den Spalt des leicht geöffneten Fensters zu ihr. Die Tatsache, dass Jacob im Wohnzimmer schlief – oder eher nicht schlief, so wie sie ihn kannte – beruhigte sie. Vielleicht würden sie die Albträume in dieser Nacht in Frieden lassen.
Gegen Mitternacht hörte Hood, der auf der Couch sitzend eine Fachzeitschrift studierte, ein Poltern gefolgt von einem heiseren Schrei. Blitzschnell sprang er auf die Beine und rannte in Rachels Schlafzimmer. Er sah sie, im schmalen Streifen einfallenden Mondlichts, im Bett sitzend. Panik stand in ihren Augen und ihre Brust hob und senkte sich heftig. Er setzte sich an die Bettkante und öffnete seine Arme, nicht sicher, ob sie Kontakt wollte oder lieber nicht. Rachel dachte nicht lange darüber nach und ließ sich in seine Umarmung fallen. Ein paar tiefe Atemzüge und sein rhythmisches Streicheln über ihren Rücken später war die Panik verflogen.
„Danke sehr", entkam es ihr heiser. Er schenkte ihr ein schmales Lächeln.
„Wieder der gleiche Traum?" Sie nickte gegen seine Brust.
„Auch das braucht Zeit", sagte er, wissend, dass sie mehr Erfahrung mit traumatischen Erlebnissen hatte, wie er. Sie nickte wieder.
„Möchtest du dich umziehen?", fragte er weiter, nachdem sie sich voneinander entfernt hatten.
„Am liebsten würde ich duschen gehen. Es fühlt sich an, als würde alles an mir kleben." Einen Moment überlegte er, nickte dann und stand auf, um in der Tasche aus dem Krankenhaus zu kramen. Er kam wieder und hielt ein großes eingepacktes Pflaster in der Hand.
„Duschpflaster. Damit bleibt die Wunde trocken, die Fäden sollten nicht nass werden." Mit spitzen Fingern löste er die Wundauflage und klebte das große quadratische Pflaster auf ihre heilende Wunde. Dann half er ihr aus dem Bett und holte ihr frische Wäsche aus dem Schrank.
Erst als sie das Bad betrat, wurde Rachel klar, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie das anstellen sollte. Ihr Apartment hatte eine Badewannen-Dusch-Kombination und der Rand war hoch. Drübersteigen war keine Option, sie wollte aber auch nicht, dass Hood ihr in die Dusche half, während sie nackt war. Da sie noch im Türrahmen stand, trat er neben sie. Wie so oft in den letzten Tagen schien er ihre Gedanken zu lesen.
„Mit den Stützen an die Wanne ran, auf den Rand setzten und vorsichtig im Sitzen die Beine reinschwingen. Wenn du möchtest, kannst du dich mit einem Handtuch bedecken und ich helfe dir dabei." Sie nickte dankbar. Den Mann schickt der Himmel, dachte sie wieder.
Schnell war sie ausgezogen und hatte ein großes Badetuch fest um ihren Körper gewickelt. Auf ein leises Rufen von Rachel trat Hood wieder ein, half ihr zur Duschwanne hin und dabei das verletzte Bein hinein zu schwingen, während sie auf dem Rand saß. Den Duschvorhang hinter ihrem Körper zuziehend, nahm er noch das Handtuch entgegen.
„Bitte bleib sitzen beim Duschen, das wird rutschig auf nur einem Bein."
„Dann steht gleich der ganze Boden voller Wasser", rief sie ihm aus der Dusche zu, während sie das Wasser anstellte.
„Das kann man wegputzen", erklärte er trocken. Sie tat, was er sagte, insgeheim dankbar, dass sie nicht auf ihrem müden Bein mitten in der Nacht in der Dusche stehen musste. Das heiße Wasser tat ihr gut. Es löste ein paar ihrer Verspannungen und beruhigte. Nachdem sie das Wasser abgestellt hatte, war Hood wieder im Raum, reichte ihr am Duschvorhang vorbei das Handtusch, zog den Vorhang zurück und half ihr das Bein wieder herauszuheben. Während der ganzen Prozedur sprachen die Beiden nicht, sie brauchten keine Worte. Wieder im Schlafzimmer zog Rachel sich an und Hood ging, um das Wasser vom Badezimmerboden aufzuwischen. Langsam konnte sie besser mit seiner extremen Führsorge umgehen, besonders nachdem er ihr gesagt hatte, dass es nicht nur ihr half, sondern auch ihm. Auch wenn sie es kaum abwarten konnte, endlich wieder selbstständiger zu werden, so war das hier gar nicht so schlimm wie sie anfangs dachte.
Hood kam wenig später zurück ins Schlafzimmer und reichte ihr ihre Haarbürste. Schon hunderte Male hatte er sie beobachtet, wie sie sich ihre Haare nach dem Waschen mit Hingabe bürstete, wenn sie während Aufträgen in angrenzenden Hotelzimmern mit offener Verbindungstür wohnten. Noch vor einigen Monaten hätte es sie schockiert, dass er sie so studierte, aber inzwischen empfand sie es eher als angenehm, dass sie kaum Worte brauchten um den Alltag so angenehm wie möglich füreinander zu gestalten.
„Schlaf noch ein bisschen", sagte er leise und wandte sich zum Gehen.
„Ich weiß nicht, ob ich das will." Er hielt in der Bewegung inne.
„Möchtest du…, dass ich… bleibe?", fragte er stotternd mit brüchiger Stimme. Wollte sie das? Konnte sie das von ihm verlangen? Wollte sie ihn in ihrem Bett? Vielleicht waren es die Medikamente, die Müdigkeit oder die Angst vor dem nächsten Albtraum, aber Rachel erwischte sich dabei, wie sie fest nickte. Falls Hood überrascht war, zeigte er es nicht, sondern er ging, um seine Tasche aus dem Wohnzimmer zu holen, stellte sie neben das Bett ab, holte sich einen Pyjama heraus und ging ins Badezimmer, um sich umzuziehen.
Ein paar Minuten später lagen sie nebeneinander in ihrem Bett und beinahe gleichzeitig griffen beide mit einer Hand in zur Mitte des Bettes, wo sich ihre Hände trafen und sich festhielten.
„Schlaf etwas, sweetheart", flüsterte Hood leise. Rachels Augen sprangen auf. Das hatte er nicht gerade wirklich gesagt. Sie drehte ihren Kopf in seine Richtung, doch seine Augen waren geschlossen.
Author´s Note: Ich hasse alle üblichen deutschen Kosenamen. Alle. Deswegen kann ich mich auch nicht dazu durchringen die hier zu verwenden. Ihr werdet also beim Lesen immer wieder über die klassischen englischen Pärchen-Kosenamen wie honey, darling oder sweetheart stolpern. Wem das nicht gefällt, darf sich das dann gerne selbst übersetzen.
