Als sie wieder im Grimmauldplatz angekommen waren, wurden sie direkt von Harry und Ron in die Mangel genommen. »Wir wären auch mit in die Winkelgasse gekommen, warum habt ihr nichts gesagt?«
»Wir waren nicht zum Bummeln da«, sagte Hermine. »Ich brauchte Klamotten!« Sie war immer noch sauer auf Ginny und warf ihr einen bösen Blick zu.
»Haben wir gehört. Aber während ihr euch ein paar schöne Stunden gemacht habt, durften wir das Besteck polieren! Per Hand!«, beschwerte Ron sich.
»Oh, du Armer!«, bemitleidete Ginny ihren Bruder übertrieben.
»Wärt ihr hier unten gewesen, hättet ihr auch mitkommen können, aber ihr wolltet euch ja vor Molly verstecken, damit sie euch nicht mit einspannt«, sagte James und klopfte seinem Sohn auf die Schulter.
»Funktioniert hat's nur nicht«, brummte Harry.
»Wieso tut sie das überhaupt? Das ist doch dein Haus!«, sagte Ron zu Sirius.
»Und ich werde den Teufel tun, mich mit Molly anzulegen«, sagte Sirius und hob beide Hände. »Los, ihr könnt helfen den Baum aufzustellen, während die Mädchen hoch gehen und ihre Einkäufe sortieren.«
»Aber fangt nicht ohne uns an zu schmücken. Wir kommen gleich wieder runter«, sagte Ginny, als sie schon halb die Treppe hoch gegangen war. Hermine folgte ihr und schmiss die Tüten auf ihr Bett, als sie in ihrem Zimmer angekommen waren. Sie ließ sich rücklings auf die Matratze fallen und schloss die Augen.
»Ist es wirklich so schlimm?«, fragte Ginny, nachdem sie die Tür geschlossen hatte.
»Es ist anstrengend. Ich bin nur angespannt und habe das Gefühl, nicht zur Ruhe kommen zu können«, sagte Hermine. »Und du bist auch nicht hilfreich.«
»Du benimmst dich viel zu auffällig. Man merkt dir deine Anspannung an. Du redest kaum, wenn sie da sind und vermeidest es, sie anzusehen. Das hast du sonst nie getan.«
Hermine seufzte. »Ich kann nicht anders, Ginny. Ich wusste schon, warum ich in Hogwarts bleiben wollte.«
»Und jetzt bist du hier und solltest das Beste daraus machen.«
Hermine schnaubte und setzte sich gerade hin. »Das sagst du so einfach.«
Ginny versuchte noch eine Weile lang Hermine zu beruhigen, aber merkte bald, dass es nicht wirklich funktionierte. Die Mädchen räumten dann den Einkauf in den Kleiderschrank und gingen hinunter ins Wohnzimmer, um den Weihnachtsbaum zu schmücken.
Ginny hüpfte um den Baum herum und sie hatte sichtlich Spaß dabei. Hermine hielt sich eher im Hintergrund. Sie reichte Ginny nur den Schmuck an, damit diese ihn an den Baum hängen konnte. Sie entspannte sich erst ein wenig, als Sirius und James den Raum verließen, um die jungen Leute machen zu lassen.
Den Tag über war Hermine immer in der Nähe ihrer Freunde. Aber trotzdem verhielt sie sich ruhig, weil sie sich nicht wohl fühlte.
Molly hatte für abends eine Kleinigkeit zu Essen zubereitet und den restlichen Abend hielten sich alle im Wohnzimmer auf. Irgendwann im Laufe des Tages war Arthur aus dem Ministerium gekommen und Remus war ebenfalls schon eingetroffen.
Sie unterhielten sich alle in kleinen Grüppchen und auch hier versuchte Hermine sich eher ruhig zu verhalten. Sie zog sich zurück, beobachtete und hörte zu. Sie sah nicht, dass Sirius' Blick ständig auf ihr lag. Selbst James und Remus guckten häufiger zu der Brünetten als üblich. Sie vermied es penibel, auch nur kurz zu einem der drei zu sehen. Den ganzen Abend hielt ihre Anspannung. Sie hatte das Gefühl, dass ihr gesamter Körper kribbelte.
Als sie am Morgen des ersten Weihnachtstages aufwachte, fühlte sie sich gut. Den ganzen letzten Tag hatte sie sich gesagt, dass sie diese Ferien schon problemlos überstehen würde. Sie hatte darauf geachtet, niemals irgendwo alleine zu sein, weil sie Angst davor hatte, mit einem der Rumtreiber alleine zu sein. Das würde sie heute und die restlichen Tage auch wieder schaffen. Sie konnte nicht abschätzen, ob Sirius darauf wartete, dass sie etwas sagte, oder ob er glaubte, dass sie die Zeitreise noch nicht gemacht hatte. Gähnend streckte sie sich und setzte sich dann in ihrem Bett auf. Ginny schlief noch, aber im Haus waren bereits Geräusche zu vernehmen. Molly stand bestimmt schon in der Küche und sorgte für das Festessen. Sie schnappte sich ihre Sachen und trat auf den Flur, um gegenüber ins Bad zu gehen. Sie stellte die Dusche an und sich selbst dann unter das heiße Wasser. Genießend schloss sie die Augen. Sie schäumte sich die Haare ein und summte vor sich hin.
Als sie nach einer Viertelstunde fertig war, wickelte sie sich in ein Handtuch und sah sich im Spiegel an. Sie blickte sich selbst in die Augen. »Du schaffst das«, sagte sie mit fester Stimme zu sich selbst. Sie zog sich an, trocknete ihre Haare mit einem Zauber und ging dann wieder in das Zimmer hinüber, das sie sich mit Ginny teilte. Die Rothaarige war inzwischen auch wach, lag aber noch in ihrem Bett.
»Guten Morgen«, begrüßten sie sich gegenseitig. Hermine packte ihr Waschzeug beiseite und nahm dann die Geschenke, die sie für die anderen gekauft hatte. »Ich gehe schon nach unten. Kommst du auch gleich?«, fragte sie.
»Eigentlich ist es viel zu gemütlich um aufzustehen«, nuschelte Ginny, setzte sich aber hin und schwang die Beine aus dem Bett. »Gib mir eine halbe Stunde, dann komme ich nach.«
Hermine nickte und verließ dann das Zimmer. Sie steuerte den Salon im Erdgeschoss an, weil dort der Weihnachtsbaum stand und sie ihre Geschenke darunter legen wollte. Dort lagen schon viele Päckchen in unterschiedlicher Größe und Form und sie packte ihre dazu.
»Guten Morgen«, wurde sie begrüßt.
Sie hob den Blick und sah James und Sirius im Raum stehen. »Morgen«, sagte sie hektisch. »Ich geh mal gucken, ob Misses Weasley Hilfe braucht.« Schnell floh sie aus dem Raum und hastete über den Flur in die Küche hinunter. Töpfe klapperten und aus einem magischen Radio erklang leise Weihnachtsmusik. »Guten Morgen«, begrüßte sie Molly.
»Oh, guten Morgen, Liebes«, sagte Molly und drehte sich zu Hermine um.
»Kann ich bei irgendetwas helfen?«, fragte die Brünette.
»Nein, nein. Ich habe alles im Griff«, lehnte Molly das Angebot ab. »Geh ruhig schon in den Salon. Es sind schon andere wach. Dort stehen auch Kaffee und Tee auf dem Tisch.«
»Es macht mir nichts aus zu helfen. Kann ich nicht doch irgendwas tun?«, fragte Hermine. Sie wollte nicht zurück in den Salon, nicht, solange noch niemand anderes da war.
»Das ist wirklich lieb, Hermine. Aber es gibt hier kaum noch was zu tun, ich komme auch gleich hoch«, erklärte die Weasley.
»Oh, okay«, sagte Hermine zögernd. »Dann… äh – gehe ich wohl mal nach oben.« Langsam schlich sie aus der Küche und ging den Flur entlang. Sie hatte sich gerade dazu entschlossen, wieder nach oben zu gehen, als Harry beladen mit Geschenken die Treppe hinunter kam.
»Morgen, Mine. Frohe Weihnachten!«
»Guten Morgen, Harry. Kann ich dir etwas abnehmen?«, fragte sie und trat zu ihrem Freund.
»Ja. Wenn du die beiden obersten Pakete nehmen könntest. Ich wollte sie unter den Baum legen«, sagte er. Gemeinsam gingen sie in den Salon und luden die Geschenke ab.
»Guten Morgen. Frohe Weihnachten«, begrüßte Harry seinen Vater und seinen Paten.
»Guten Morgen, ihr zwei. Habt ihr gut geschlafen?«, erkundigte Sirius sich, als James den beiden jungen Leuten ebenfalls frohe Weihnachten wünschte.
»Ja, wirklich gut«, sagte Harry, während Hermine nur nickte. Um etwas zu tun zu haben, ging sie zum großen Esstisch hinüber und goss sich eine Tasse Tee ein, die sie dann mit beiden Händen umfasste.
Nach und nach kamen nun auch endlich alle anderen nach unten. Zwischendurch klingelte es an der Tür, als Bill und Fleur, George und sogar Charlie ankamen. Percy verbrachte Weihnachten im Ministerium. In dieser Zeit hatte er sich nie mit seiner Familie ausgesöhnt. Und es war das erste Weihnachten, bei dem Fred nicht dabei sein würde.
Alle hatten sich im Salon versammelt und saßen um den Weihnachtsbaum herum. Die Jugendlichen hatten sich alle auf den Boden gesetzt, während die älteren entweder standen oder auf den Sofas und Sesseln saßen. Die Geschenke wurden überreicht und lange Zeit waren sie alle mit Auspacken beschäftigt.
Hermine bekam von Harry und Ron ein Buch über die interessantesten Fälle des magischen Rechts geschenkt. Ginny schenkte ihr ein magisches Freundschaftsarmband. Ron hatte ihr zusätzlich noch einen Anhänger für das Armband geschenkt. Sie bekam außerdem noch eine wunderschöne neue Mütze mit passendem Schal und Handschuhen von Molly und Arthur. Sie selbst hatte für Harry ein neues Besenpflegeset gekauft, Ron bekam von ihr ein Buch über die spektakulärsten Quidditchmanöver des letzten Jahrhunderts. Für Ginny hatte sie ein Kleid besorgt, vor dem die Rothaarige immer gestanden, aber es doch nie gekauft hatte, wenn sie in Hogsmeade gewesen waren. Molly bekam den neuesten Band ihrer Lieblingsbuchreihe und für Arthur hatte sie ein Muggel-3D-Puzzle vom Big Ben gekauft. Alle freuten sich über ihre Geschenke und bedankten sich bei den Schenkenden. Die Stimmung war ausgelassener, als Hermine es erwartet hatte. Lächelnd beobachtete sie das bunte Treiben um sich herum.
»Mine, hier liegt noch ein Geschenk für dich«, sagte Ginny plötzlich und reichte Hermine ein kleines, in goldenes Geschenkpapier eingewickeltes Päckchen. Geschmückt wurde es von einer roten Schleife.
Harry und Ron sahen zu den beiden und der Rotschopf fragte: »Von wem ist das denn?«
Als Hermine das Geschenk erkannte, wurde sie ganz blass. Sie warf Ginny einen Blick zu, als wolle sie fragen, ob sie den Verstand verloren hätte. Sie hatte das Gefühl, nicht richtig atmen zu können.
Sirius auf der anderen Seite des Raumes verschluckte sich an seinem Kaffee, als er das Päckchen in Hermines Händen sah. James klopfte ihm auf den Rücken. Sirius schüttelte den Kopf und sah dann wieder ungläubig zu Hermine.
Hermine funkelte Ginny böse an. Diese hingegen grinste Hermine an und schielte zwischendurch kurz zu Sirius. Alle anderen beobachteten die beiden Mädchen ebenfalls, weil sie sich auf Hermines Reaktion keinen Reim machen konnten. Hermine räusperte sich und fragte laut und bemüht ruhig, wobei sie das Zittern in ihrer Stimme nicht ganz verbergen konnte: »Ist das von dir, Ginny?« Krampfhaft hatte sie das Päckchen mit ihren Fingern umschlossen, weil sie Angst hatte, dass ihre Hände beben würden, wenn sie locker ließ. Warum hatte Ginny das getan? Wo hatte sie dieses Geschenk her? Sie musste das schon länger geplant haben, wenn sie es aus Hogwarts mitgenommen hatte.
Ginny bemerkte so langsam, dass sie Hermine in eine mehr als schwierige Situation gebracht hatte und die Freundin es keineswegs so locker aufnahm, wie sie selbst es sah. »Ja. Eine Kleinigkeit. Mach es vielleicht nachher auf, wenn du alleine bist.«
»D-Danke. Aber das hä-hätte doch nicht sein müssen«, stammelte Hermine und legte das Päckchen an die Seite. Sie lächelte gezwungen und wünschte sich verzweifelt ein Loch im Boden, das sie verschlucken würde.
Danach entstanden wieder einzelne Gespräche um sie herum und Hermine versuchte durchzuatmen und sich nichts anmerken zu lassen.
»Was ist denn da drin, Ginny?«, fragte Ron, als er und Harry sich zu den Mädchen setzten.
»Das geht dich gar nichts an, Bruderherz«, meinte Ginny und streckte ihm die Zunge heraus.
»So, kommt Kinder, das Essen ist soweit, setzte euch an den Tisch«, sagte Molly und scheuchte die Jugendlichen auf.
»Wir reden nachher noch!«, flüsterte Hermine Ginny bestimmt zu, als sie aufstand und Ginny hatte wenigstens eine schuldbewusste Miene aufgesetzt. Als sie am Tisch saß, stellte sie fest, dass Sirius, James und Remus ihr direkt gegenüber saßen. Innerlich wappnete sie sich. Sie hoffte, dass dieses Essen so schnell wie möglich vorbei wäre. 'Bloß nicht hinsehen, verhalte dich völlig unauffällig', sagte sie sich wie ein Mantra vor. Sie hielt den Blick gesenkt und nahm die Schüssel entgegen, die Ron ihr rechte. Sie tat sich davon auf den Teller, ohne zu wissen, was es war. Einen Löffel nach dem anderen.
»Willst du heute nur Kartoffelbrei essen?«, fragte Ginny und holte Hermine damit aus ihren Gedanken.
Die Brünette nahm da erst wahr, dass ihr Teller schon randvoll mit Kartoffelbrei war. »Äh, ja! Ich liebe Kartoffelbrei«, sagte sie schrill. Das durfte doch nicht wahr sein, das war alles andere als unauffällig. Sie reichte die Schüssel an Ginny weiter und sah missmutig auf den Haufen weißer Pampe auf ihrem Teller. Innerlich seufzend aß sie etwas davon, um Platz für wenigstens noch etwas Gemüse zu schaffen, weil sie auf keinen Fall nur Kartoffelbrei essen wollte. Sie tat sich noch etwas Rosenkohl und Möhren auf den Teller und fügte sich dann ihrem Schicksal. Wenn sie diese Portion geschaffte hatte, würde sie danach nichts mehr von dem Braten oder den anderen Köstlichkeiten schaffen.
Ginny neben ihr grinste vor sich hin und warf Hermine ab und zu belustigte Blicke zu. Die Laune der Brünetten sank während des Essens in den Keller. Missmutig stocherte sie in ihrem Kartoffelbrei herum und schob die Reste auf ihrem Teller von rechts nach links.
»Schmeckt es dir nicht, Liebes?«, fragte Molly besorgt.
»Doch Molly, es ist wirklich köstlich!«, sagte Hermine und hörte Ginny neben sich glucksend das Lachen unterdrücken. Sie warf der Freundin einen bösen Blick zu und stopfte sich demonstrativ eine Gabel voll Kartoffelbrei in den Mund. Das brachte Ginny dazu, noch mehr zu kichern.
»Was ist so witzig?«, wollte Harry von seiner Freundin wissen.
»Gar nichts«, sagte Ginny und versuchte sich zu beruhigen. »Ich freue mich nur, dass wir alle zusammen Weihnachten feiern!«
Als Hermine ihren Teller leer gegessen und auch noch etwas Nachtisch hinein gequetscht hatte, lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und schloss die Augen. Die Gespräche um sie herum nahmen wieder zu, als die anderen nach und nach ebenfalls mit Essen fertig waren. Als sie Stühle rücken hörte, seufzte Hermine leise und öffnete die Augen. Die ersten standen auf und Molly begann den Tisch abzuräumen. Hermine warf Ginny einen Seitenblick zu und als diese ebenfalls aufstand, erhob auch sie sich. »Und du kommst mit mir mit«, flüsterte sie Ginny ins Ohr und zog sie am Arm aus dem Wohnzimmer.
»Aber –«, wollte Ginny aufbegehren, schluckte ihre Worte aber runter, als sie Hermines scharfen Blick sah. Seufzend fügte sie sich in ihr Schicksal und ließ sich von Hermine aus dem Raum ziehen.
Die Brünette stieg die Treppen hinauf und zog Ginny in ihr gemeinsames Zimmer. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, polterte sie auch schon los. »Was hast du dir dabei nur gedacht? Bist du jetzt von allen guten Geistern verlassen? Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast? Ich habe geglaubt, du bist meine Freundin!«
»Aber das bin ich doch auch!«, sagte Ginny.
»Und warum hast du das dann getan?«, fragte Hermine sauer.
»Ich habe gedacht – ich wollte helfen!«
»Helfen? Wobei wolltest du helfen?«, sagte Hermine und lachte freudlos auf.
»Du musst es ihnen endlich sagen! Du bist so extrem angespannt, und wenn sie es endlich wissen, kannst du dich endlich entspannen, weil du nichts mehr zu verbergen hast!«
»Und du dachtest, dass es das Beste wäre, wenn es gleich alle erfahren, weil ich dieses blöde Geschenk aufmache?«
»Das war eine spontane Entscheidung! Eigentlich wollte ich das nicht. Aber ich dachte, wenn du dieses Geschenk endlich auspackst, dann – keine Ahnung was dann! Du hast mir erzählt, dass du Sirius liebst! Ich wollte dir nur einen kleinen Schubs geben!«, verteidigte Ginny sich.
»Oh verdammt, Ginny! Du musst diese verklärte, romantische Wahnvorstellung ablegen, dass er der tragische Held ist, der nach zwanzig Jahren… was weiß ich was! Bei Merlin, er könnte mein Vater sein! Begreif das doch endlich!«, rief Hermine verzweifelt.
»Das hat dich bei deiner Zeitreise aber auch nicht interessiert«, sagte Ginny bockig.
»Ginny. Als ich diese Zeitreise gemacht habe, waren wir gleich alt. Ich habe geglaubt, ihn nie wiederzusehen. Und selbst wenn der Fall eintritt, dass er irgendwie doch überlebt, woran ich nicht geglaubt habe, ging ich davon aus, dass ich jetzt vierzig Jahre alt wäre!«
»Ja und jetzt ist es anders. Das habe ich schon verstanden. Aber was sind schon zwanzig Jahre? Bei der Lebenserwartung von uns Magiern ist das gar nichts! Wer kräht denn noch danach, wenn du hundert bist? Ich will, dass du glücklich bist! Und momentan bist du unglücklich verliebt!«
»Oh Ginny. Wir sind hier nicht in einem schnulzigen Jane-Austen-Roman«, seufzte Hermine.
Ginny sah, dass Hermine verzweifelt war. »Ja, okay«, sagte sie ergeben und leise und hob beide Hände. »Bist du sehr böse?«
»Ja. Und mischst du dich noch mal ein, sind wir die längste Zeit Freundinnen gewesen, kapiert?«, sagte Hermine ernst.
»Ja. Aber eins noch. Während du das Päckchen angestarrt hast, als wäre es der Teufel persönlich, habe ich Sirius beobachtet.«
»Ginny«, warnte Hermine.
»Er hat's erkannt!«, sagte die Rothaarige schnell. »Ich weiß nicht, ob er die Ausrede, dass das Geschenk von mir war, glaubt.«
Hermine schloss die Augen und atmete mehrmals tief ein und aus. 'Jetzt bloß nicht ausflippen. Vermutlich weiß er jetzt, dass du zurück bist. Was ist schon dabei? Du sorgst einfach bis zum Ende der Ferien dafür, dass du nie mit ihm alleine sprechen musst. Eine deiner leichtesten Übungen, Hermine', versuchte sie sich einzureden.
»Mine?«, fragte Ginny leise.
»Sag – nichts. Sag einfach nichts!«, sagte Hermine bestimmt. Sie drehte sich um und verließ ohne ein weiteres Wort das Zimmer. Sie wollte eigentlich nicht wieder zurück zu den anderen. Am liebsten hätte sie ihre Sachen gepackt und wäre abgehauen. Seufzend stieg sie die Treppe hinunter und ging langsam auf den Salon zu. Fröhliche Stimmen und Gelächter drangen zu ihr auf den Flur. Vielleicht konnte sie sich in eine Ecke des Raumes setzen und in dem Buch, das sie von Harry und Ron geschenkt bekommen hatte, lesen. Sie betrat den Raum und steuerte auf ihre Geschenke zu, die immer noch auf dem Boden lagen. Sie nahm das Buch und sah sich im Raum um. Am großen Tisch saßen Molly, Arthur, Remus und Sirius. James stand am Fenster und der Rest tummelte sich auf den Sofas und Sesseln vor dem Kamin. Hermine entschied, sich auf den Boden zu setzen und lehnte sich mit dem Rücken an einen der Sessel. Dann schlug sie das Buch auf und versuchte das Treiben um sich herum auszublenden. Aber es wollte nicht so richtig funktionieren. Ständig hob sie den Blick und sah zu Sirius. Jedes Mal schalt sie sich eine Närrin und versuchte sich wieder auf den Inhalt des Buches zu konzentrieren.
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Nächstes Kapitel:
Halb so schlimm?
