Gelöbnis


„Und es war der unromantischte Antrag aller Zeiten, ich meine, er hat mich einfach angerufen und gesagt: Ich bin jetzt bereit. Lass uns heiraten. Wir befanden uns nicht einmal am selben Kontinent, aber weil er mein Iwa-chan ist, und ich ihn nun mal liebe, habe ich ihm das durchgehen lassen und ja gesagt, und deswegen stehen wir jetzt hier…." Höfliches Gelächter ertönte, und Tooru ließ seinen Blick über das Publikum schweifen. Das sehr argentinische Publikum. Da stand seine Schwester mit Takeru, ja, und Mattsun und Maki waren da, und Hajimes Familie (die meisten davon zumindest), doch er konnte nicht anders als zu bemerken wer aller nicht anwesend war. Die Ankündigung, dass es eine zweite Hochzeitsfeier in Japan geben würde, hatte dazu geführt, dass noch mehr Personen einfach nicht nach Argentinien geflogen waren.

Und dass seine eigenen …

„Hey, hey, Tooru", murmelte Iwa-chan leise und übte sanften Druck auf die Hände aus, die er mit seinen eigenen umfasst hielt, während sie beide direkt vor dem Beamten standen, der gerade dabei war sie zu vermählen, „Sieh mich an, nicht die. Alles ist gut. Es geht um uns beide. Wir sind hier. Und wir heiraten. Alles andere ist Nebensache, ja?" Er lächelte Tooru aufmunternd zu.

„Ich liebe dich", murmelte Tooru.

„Und ich liebe dich. Deswegen sind wir ja hier", erwiderte Hajime, „Keine traurigen Gedanken heute!"

Dann wandte er sich an das Publikum. „ Zu meiner Verteidigung, er hatte mir schon vorher angekündigt, dass wir heiraten werden, wenn wir das nächste Mal zusammenkommen. Also ist eigentlich er der Unromantische von uns beiden. Aber als wir uns das nächste Mal gesehen haben, gab es einen Ring und einen ordentlichen Antrag, den Teil lässt er gerne aus."

„Dazu wäre ich noch gekommen", behauptete Tooru und lächelte, „Mein Iwa-chan ist eben immer für Überraschungen gut."


„Wenn es Erneuerung heißt, weil es neu ist … warum ist es dann etwas, das schon mal war?", wollte Kenma wissen.

Kuro blickte ihn ungläubig an. „Hast du darüber die ganze Zeit nachgedacht? Ist doch egal, es geht darum, dass man noch mal heiratet, also sein Ehegelöbnis erneuert. Damit es wieder frisch ist. Damit der Partner weiß, dass man es genauso ernst meint wie am Tag der ersten Hochzeit", erwiderte er.

„Oder in Oikawas Fall die ganze Welt", gab Kenma zurück und deutete auf die Masse der Leute, die sich versammelt hatten um Oikawas und Iwaizumis Ehegelöbnis-Erneuerungs-Zeremonie beizuwohnen. Viele internationale Gäste waren anwesend, und noch mehr japanische, und sie hatten keine Ahnung wer die meisten von denen überhaupt waren. „Wenn wir heiraten, dann will ich eine private Zeremonie mit den engsten Verwandten und Freunden, und das war's. Nicht mehr als eine Handvoll Gäste pro Person abgesehen davon."

Kuro blinzelte. „Du willst heiraten?", vergewisserte er sich.

Kenma warf ihm einen vielsagenden Blick zu. Kuroo Tetsuro war immer noch ein Dummkopf. Aber er liebte ihn trotzdem.

„Wir müssen nicht heiraten, wenn du nicht willst", fuhr Kuro fort, „Oder überhaupt eine Zeremonie machen. Ich meine, es geht bei so was ja eigentlich um die beiden Menschen, die heiraten, also…"

Kenma schüttelte nur den Kopf. „Ja, um beide. Und wenn ich was nicht will, dann sag ich es schon. Manchmal will ich auch Dinge tun, die meinem Charakter auf den ersten Blick widersprechen", erwiderte er dann, „Du weißt, dass ich nicht nur für dich all die Jahre lang Volleyball gespielt habe, oder? Ich habe für mich gespielt."

Kuro blickte ihn einen Moment lang an. Dann lächelte er. „Verstanden, Kätzchen", versprach er, „Ich glaube, ich vergesse manchmal einfach, dass ich nicht mehr dauernd auf dich aufpassen muss, weil du inzwischen weißt was du willst."

Kenma sagte ihm nicht, dass er das schon immer gewusst hatte, das hätte seinem Partner all seine Illusionen geraubt, und das wollte er auch wieder nicht. Stattdessen meinte er: „Ich bin nur froh, dass Iwaizumi und Oikawa auch endlich wissen was sie wollen. Mehr dramatische Szenen in unserem Wohnzimmer hätte ich nicht ertragen."

Kuro rammte ihm einen Ellenbogen in die Seite. „Sei nett", forderte er.

„Ist doch wahr", gab Kenma nur zurück, „Wenn ich gewusst hätte, dass ich als Beziehungsberater eine Zweitkarriere haben könnte, hätte ich schon in der Schule Geld dazu verdienen können. Ich dachte wirklich, ich hab endlich Ruhe, wenn alle unter den Hut gebracht sind. Immerhin ist Ushjima angenehm zurückhaltend, und Atsumu jammert andere an, und Yakun weiß es besser als mich zu nerven, aber nein, Beziehungsdrama muss wohl immer sein."

„Wenn du nicht geholfen hättest, dann gäbe es jetzt vielleicht keine Gelöbnis-Erneuerung, sondern stattdessen eine Scheidung", meinte Kuro, „Sei also lieber froh über deine Fähigkeiten."

Kenma schüttelte nur den Kopf. „Welche Fähigkeiten? Meinst du wie ein Papagei immer wieder zu fragen Was willst du? und zu betonen Du musst es ihm sagen? Oder sprichst du vom aktiven Zuhören? Okay, es stimmt, das kann aus unserer Gruppe offenbar nur ich. Scheinbar bin ich besonders", meinte er.

Kuro warf ihm einen säuerlichen Blick zu.

„Ihr habt eben alle zu viele absonderliche Gedanken im Kopf", fuhr Kenma fort, „Ihr müsst lernen die zum Schweigen zu bringen und anderen wirklich zuzuhören."

„Ich versuche es, Kätzchen", versprach Kuro, „Du willst also eine kleine Hochzeit, ist notiert. Und keine Beziehungsratschläge mehr geben müssen. Ich werde die anderen informieren."

Kenma sah ihn ruhig an. „Du kannst dich nicht über mich lustig machen, Kuro. Ich bin gegen deinen Sarkasmus immun", informierte er den anderen Mann, „Oh, sieh mal, da kommt der Bräutigam. Einer davon zumindest. Wie es scheint, geht es los."


Liebe half immer, Therapie half immer mehr. Das wusste Tooru nur zu gut. Nach Essstörungen, Nervenzusammenbrüchen, Karriere beendenden Verletzungen, und mehr Dramen als ihm recht war, hatte er gelernt, dass am Ende vielleicht nicht alles gut werden konnte, die Dinge aber zumindest besser werden konnten.

Und na ja, den Mund aufzumachen und darüber zu reden half auch immer. Aber man musste auch zuhören können. Und wenn die Stimmen im eigenen Kopf so laut wurden, dass sie alles übertönten, was der andere sagte, dann musste man eben sein Bestes tun sie lange genug zum Schweigen zu bringen, um den anderen doch irgendwie zu hören.

Das mochte leichter gesagt als getan sein, aber er und Iwa-chan arbeiteten beide daran sich zu bessern, und sein neuer Therapeut arbeitete mit Tooru daran ihm zu helfen sich selbst zu verbessern. Der US-Trainerjob hatte sich verabschiedet, aber das war auch gut so. Eine Sache weniger, die zwischen ihnen stand.

Anderes hingegen, nun wie sagte man so schön? Wenn sich eine Türe schloss, öffnete sich ein Fenster. Iwa-chan war zunächst nicht begeistert gewesen, und Tooru selbst hatte seine Zweifel gehabt, doch letztlich war die Antwort ja gewesen. Und das obwohl das Angebot von der unwahrscheinlichsten Person gekommen war, von dem es hätte kommen können.

Hajimes Ex-Freund Yuki hatte niemand geringeren als Oikawa Tooru eine Position im Trainerteam der Japanischen Nationalmannschaft angeboten. Tooru hatte zugestimmt. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sein Ehemann seinen alten Job zurückbekam. Und so waren Tooru und Iwa-chan zum ersten Mal seit ihrer Schulzeit wieder im selben Team. Und Tooru wurde zum ersten Mal in seinen Leben überhaupt von Japan auf Grund seiner Fähigkeiten wert geschätzt.

Nicht einmal Kuroo hatte gewusst, dass dieses Angebot kommen würde. Es war keine Vetternwirtschaft notwendig gewesen um ihm diesen Job zu verschaffen, was alles noch schöner machte.

Wakatoshi hatte ihn als Erster gratuliert, gefolgt von Shouyou und Bokuto und dem verdammten Miya Atsumu, der aber schon angekündigt hatte, dass er „nicht versprechen konnte auf Oikawa zu hören". Nun, so sehr sich die Dinge änderten, so sehr blieben sie trotzdem gleich wie es schien.

Also ja, es tut gut den eigenen Ego gestreichelt zu bekommen, aber letztlich kam es vor allem darauf an zu wissen, dass sich die Menschen, die man liebte, nicht daran störten, dass man ein Versager war. Oder ein neurotisches emotional unausgeglichenes Wrack.

Die Erneuerungs-Zeremonie war Hajimes Idee gewesen. Das alte Sensibelchen gab sich mit der Pokemon-Uhr nicht zufrieden, wie es schien. „Das erste Mal ist nicht so optimal gelaufen, das weiß ich", hatte er gesagt, „Es war nicht so wie du es wolltest. Und ich kann nicht versprechen, dass es dieses Mal besser werden wird, aber wir können es so lange noch mal versuchen, bis du zufrieden bist, wenn du das willst. Wenn es sein muss, dann würde ich dich jedes Jahr aufs Neue heiraten."

Wie hätte Tooru zu so einer kitschigen Aufforderung nein sagen können?

Gewisse Leute kamen nicht, denn es war ja nur eine Erneuerungs-Zeremonie. Doch anders als beim ersten Mal nahm sich Tooru das nicht mehr so zu Herzen. Diejenigen, auf die es ankam, würden dort sein, und der Rest, nun der konnte sehen wo er blieb. Das hier war für ihn und Hajime. Alle anderen waren nur Zaungäste. Willkommene Zaungäste, aber trotzdem.

Und so viele waren gekommen. Seine argentinischen Freunde, Spieler aus aller Welt, die er kannte, seine Schwester, sein Neffe, seine Kameraden aus der Aoba Johsai, seine wahren Freunde, Iwa-chans Familie, sogar seine Großmutter, die nicht mehr gehen und stehen konnte. Er freute sich über jeden Gast. Über die unerwarteten wie die erwarteten. Nicht einmal Miya Atsumus unübersehbare Versuche Wakatoshi anzugraben (schon wieder mal) störten ihn. Er war einfach nur froh, dass er seine Liebe und seinen Bund mit allen, auf die es wirklich ankam, feiern konnte.

„Haltet Takeru von Yahabas Schwester fern, dann wird alles gut werden", wies er Mattsun und Maki an, und dann konzentrierte er sich nur noch auf Iwa-chan. So wie er es beim ersten Mal hätte tun sollen.


„Ich verspreche dich zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod uns scheidet und darüber hinaus."

„Ich gelobe dich zu lieben an und zu ehren an guten wie an schlechten Tagen, in Krankheit und Gesundheit. Für immer."


Dieses Mal würde es anders sein. Dieses Mal wollte er es richtig machen.

„Als ich noch ein Kind war, da hat mir meine Schwester gesagt, dass man die Person heiraten soll, ohne die man sich sein Leben nicht vorstellen kann. Mit der man immer zusammen sein will. Bis in alle Ewigkeit. Und diese Person, Iwaizumi Hajime, warst immer du und wirst immer nur du sein. Und ich weiß, dass ich es dir nicht einfach mache, und dass du besseres haben könntest als mich. Aber ich bin froh, dass du dich für mich entschieden hast. Weil mein Leben so viel besser ist, weil du darin bist. Vielleicht habe ich dich nicht verdient, aber … ich bin so egoistisch mir zu wünschen, dass du trotzdem für immer in meinem Leben sein wirst, weil mein Leben ohne dich so viel ärmer wäre als es jetzt ist. Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Und du bist mir wichtiger als alles andere. Und auch wenn ich nie verstehen werde was du in mir siehst, so bin ich einfach glücklich darüber, dass du mich für wert hältst mit dir zusammen zu sein und hoffe einfach, dass sich das niemals ändern wird."

„Es wird sich nie ändern, Shittykawa, und weißt du warum? Weil ich Oikawa Tooru in dir sehe. Meinen besten Freund, meinen Seelenverwandten, die Liebe meines Lebens. Mit dir zusammen zu sein ist kein Opfer, es ist ein Privileg. Ich wollte dich schon, bevor ich wusste was ich sonst in meinem Leben will, und ich dachte, dass du mich niemals im gleichen Licht sehen könntest wie ich dich. Denn für mich bist du perfekt genau so wie du bist. Und du bist auch das Beste, was mir je passiert ist. Weil das Leben mit dir an meiner Seite besser ist als ich es mir jemals hätte träumen lassen. Ich liebe dich. Für immer. Und Für Immer-Immer."


„Ich hab dir doch gesagt, dass alles gut werden wird." Kuroo drückte Tooru kameradschaftlich die Schulter. „Und es freut mich, dass es dir wieder besser geht."

„Du strahlst allerdings auch ganz schön. Hat Kenma endlich die Frage gestellt?", gab Tooru zurück, woraufhin Kuroo errötete und etwas, das wie „so ähnlich" klang, murmelte.

„Na dann freu ich mich schon auf die nächste Hochzeitsfeier unserer kleinen Gruppe."

Er nickte Kuroo zu und ließ seinen Blick über die Gäste schweifen. Mattsun und Maki hatten es offenbar nicht geschafft Takeru von Yahabas Schwester fernzuhalten, gar nicht zu Yahabas Freude. Atsumu versuchte sich als Gentlemen, der Wakatoshi seine Drinks und Häppchen brachte, und Bokuto küsste Akaashi ziemlich heftig für alle gut sichtbar in definitiv keiner dunklen Ecke – vielleicht würde wohl doch eher das die nächste Hochzeit werden, die sie feiern würden. Kuroo folgte seinem Blick.

„Ist alles so, wie du es dir vorgestellt hast?", wollte er wissen.

Tooru sah zu Hajime, der sich mit seiner Großmutter unterhielt, und dabei glücklich aussah.

„Nein, aber es ist gut so wie es ist", meinte er.

„Ich weiß was du meinst." Kuroo beobachtete Kenma, der sich bei Tobio-chan und Shouyou saß, und so tat als würde er sich amüsieren, aber vielleicht amüsierte er sich ja sogar wirklich.

„Wir haben sehr viel Glück, oder?", stellte Tooru fest, „Ich meine, ich dachte eigentlich immer, dass ich zwar beliebt, im Grunde aber einsam sterben würde. Aber jetzt weiß ich, dass ich Iwa-chan immer haben werden, und selbst wenn ich ihn verlieren sollte, niemals einsam sein werde."

Kuroo nickte. „Ich war ein einsames Kind. Ich weiß, dass kann man sich heute kaum vorstellen, aber ich war traurig und allein und hatte keine Freunde. Weil ich anders war als die anderen. Aber dann war Kenma da, und das hat alles geändert. Und ich weiß, dass nicht jeder so viel Glück hat. Also ja, du hast recht - wir beide können uns glücklich schätzen. Weil wir sie haben, und alle anderen, die danach gekommen sind, und einander", sagte er, „Ich bin für jede Minute dankbar, selbst für die schwierigen."

Tooru stieß ihn mit seiner Schulter an. „Du solltest sicherstellen, dass er das auch weiß", meinte er, „Und jetzt entschuldige mich. Ich muss meinen Neffen retten. Schon wieder. Falls das die nächste Hochzeit wird, auf der ich bin, wird sie weniger schön, wenn alle immer den Bruder der Braut vom Mord am Bräutigam abhalten müssen. Kyotani! Mach dich nützlich, wilder Hund, und bring Yahaba zur Vernunft! Keine Gewalt auf meiner Gelöbnis-Erneuerungs-Zeremonie!"

Und dann rauschte er los um alles in Ordnung zu bringen. Denn kleine Dinge konnte man leicht in Ordnung bringen. Und was alle die anderen anging, nun an denen konnte man arbeiten und sie mit viel Glück eines Tages ebenfalls unter Kontrolle bringen. Und solange man das nicht alleine tun musste, standen die Chancen gut, dass es einem auch tatsächlich gelingen würde.


Fin.


A/N: So, das war's. Jetzt haben wir das Ende wirklich erreicht. Dieser Fic und auch der „Lonley"-Reihe. Ein Happy End wie es sich gehört, ich hoffe das gefällt so.

Ich bedanke mich bei allen, die mich auf irgendeine Weise haben wissen lassen, dass sie diese Fic gelesen haben und mochten. Abschließende Reviews sind natürlich trotzdem immer willkommen.

Ich hoffe es hat euch gefallen.

Vielleicht lesen wir uns ja wieder einmal.