Die Peitschende Weide
A/N
So, hier kommt endlich Snape mal vor. Also im Original-Buch. Wer nur die Filmszene vor Augen hat, der möge mir verzeihen, dass ich mich lieber ans Buch gehalten habe. Da wird eher mein Snape beschrieben. Wer jetzt keine Lust hat, das im Buch nochmal nachzulesen: Ist auch unnötig. Ich hab die fragliche Szene quasi einfach abgeschrieben. Ist hier kursiv.
Viel Spaß!
Die Peitschende Weide
Die letzten Ferientage waren wie im Flug vergangen. Severus hatte seine wenigen persönlichen Gegenstände aus Spinner's End geholt. Charity hatte die letzten Tage mit Jonathan, ihrem Mann, verbracht. Wie immer, fuhr sie im Hogwarts-Express und beaufsichtigte die Schüler. Beaufsichtigen war allerdings das falsche Wort. Severus fand, dass sie viel zu nett war, zu den kleinen Monstern.
Da war sie wieder, diese Idee, dass Schule so schön sein könnte, ohne Schüler.
Die anderen Lehrer waren auch zum großen Teil schon anwesend. Gilderoy Lockhart natürlich noch nicht. Er hatte noch eine wichtige Autogrammstunde in irgendeiner blödsinnigen Buchhandlung. Das war natürlich wichtig. Extrem wichtig! Um nicht zu sagen, der Fortbestand der Welt hing davon ab, dass irgendeine ältliche Hexe ein Autogramm von dem Lackaffen bekam.
Severus stritt sich mit Pomona über den Umstand, dass hauptsächlich Frauen so hingerissen waren.
"Das hat überhaupt nichts mit Frau oder Mann zu tun!", beharrte Pomona auf ihrem Standpunkt.
"Aber es sind doch hauptsächlich Hexen, die ihm hinterherhecheln ..."
"Weil die Männer eifersüchtig sind ..."
"Eifersüchtig?", quiekte Filius Flitwick. "Eifersüchtig auf was bitte?"
Albus schritt mit salomonischem Lächeln durch die Reihen der Kollegen und schien sich köstlich zu amüsieren.
Eine Wolke Sherrydunst näherte sich, Sibyll Trelawney folgte auf dem Fuße.
"Über wen lästert ihr?", fragte sie erstaunlich akzentuiert und treffend.
"Über den Hohlkopf aus der Hexenwoche", erklärte Septima Vektor und hielt ein Exemplar des unsäglichen Blättchens hoch. Ihnen allen grinste ein gut gelaunter Gilderoy mit einem schauderhaften Zahnpastalächeln entgegen.
"Ohhh", wimmerte Sibyll. "Das tötet mein inneres Auge, tu das weg!"
"Das erste vernünftige Wort seit Jahren", knurrte Snape und alle lachten.
Natürlich kannte Sibyll den neuen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste nicht. Er schien wohl keine große Rolle in der Zukunft zu spielen und Alles in Allem hatten sie eine Menge Spaß. Wie so ein gemeinsames Feindbild doch zusammenschweißen konnte.
Erst Argus Filch beendete den lustigen Reigen. Missmutig wie immer, mit Miss Norris unter dem Arm kam er in die Große Halle geschlurft. Den Blick gesenkt, auf der ständigen Suche nach Schmutzmolekülen auf dem frisch gebohnerten Fußboden.
"Schön, dass sich hier alle amüsieren, während Andere arbeiten", nölte er.
Severus biss sich auf die Lippe um den Kommentar zu verschlucken, der ihm auf der Zunge lag.
"Die Räume für den neuen Lehrer müssen noch dekoriert werden. Er soll sich ja wie zu Hause fühlen."
Minerva machte ein komisches, ersticktes Geräusch und Snapes Augenbraue wanderte hoch, bis zum Haaransatz.
"Immerhin ist der Mann berühmt, da kann er doch nicht in dieser Rumpelkammer hausen. Vielleicht könnte mir mal einer von den hohen Herrschaften hier zur Hand gehen ..."
Ausgerechnet Albus klatschte begeistert in die Hände.
"Eine ausgezeichnete Idee", frohlockte er. "Severus? Das macht Ihnen doch sicher nichts aus ..."
Natürlich machte es ihm etwas aus. Zumal seine Kollegen nur mit Mühe ein brüllendes, schadenfrohes Lachen unterdrücken konnten. Warum eigentlich immer er?
Charity hätte gesagt, weil das übt, aber eine wirkliche Antwort gab es nicht.
Trotzdem folgte Severus dem Hausmeister, ohne zu murren. Vielleicht ließ sich ja unauffällig was machen, das dem neuen Lehrer nicht schmeckte. Irgendwas Kleines, Niederträchtiges, ein unabstellbarer Regenfluch beispielsweise ...
"Ich schau mir das nachher an", flötete Albus.
"Spielverderber", zischte Snape.
Nicht viel später füllte sich das Schloss mit lärmenden, kleinen Monstern, aber auch Charity war wieder da. Das war durchaus ein Vorteil.
"Du glaubst es nicht", berichtete sie atemlos, "aber Harry Potter und Ron Weasley waren nicht im Zug!"
Über die erste freudige Aussicht auf ein Jahr ohne den nervtötenden Sohn von James Potter legte sich sogleich die bange Frage, was da wohl passiert wäre.
"Sie werden einfach den Zug verpasst haben, die Schnellsten sind die Beiden ja nicht", mutmaßte Minerva mit leicht pikierten Unterton.
"Sind beides Schüler aus deinem Haus, nicht wahr?", feixte Severus mit einem schnellen Seitenblick auf die noch leeren Stundengläser. Gryffindors Sieg im Kampf um den Hauspokal vom letzten Jahr hatte Severus doch einen kleinen Stich versetzt.
"Viel besser", kicherte Albus und Severus machte sich einmal mehr ein wenig Sorgen um den Geisteszustand des Direktors.
Der schien aber allerbester Laune.
"Warten Sie auf den Abendpropheten, mein lieber Severus", ergänzte er und Severus wusste nicht, was schlimmer war. Dass Albus ihm unterstellte, er würde so was Niveauloses wie den Abendprophetenlesen, oder dass er ihn als seinen lieben Severus titulierte.
Dieser Laden war ein Irrenhaus, auch ohne Locke!
Albus reichte ihm ohne ein weiteres Wort eine großformatige Zeitung mit vielen Bildern und sehr großen, roten Buchstaben. Severus überflog den Aufmacher auf der Titelseite.
"Nein!", konnte er sich nicht beherrschen, zu rufen.
"Oh doch", nickte Albus vergnügt.
Mittlerweile hatten sich die Haustische schon gut gefüllt und die neuen Erstklässler warteten auf die Hutzeremonie, die sie auf die vier Häuser von Hogwarts verteilen sollte.
"Allerdings denke ich, dass unsere verlorenen Söhne mittlerweile das Schulgelände erreicht haben sollten. Ich wäre für ein angemessenes Willkommen."
Albus lächelte sanft.
"Severus, würden Sie das wohl bitte übernehmen?"
Severus erhob sich, faltete die Zeitung zusammen. "Mit dem allergrößten Vergnügen", sagte er ölig und rauschte hinaus.
Die beiden Gryffindors waren schnell ausfindig gemacht. Sie schauten von draußen durch ein Fenster in die Große Halle und unterhielten sich. Snape näherte sich lautlos und lauschte ihrer Unterhaltung ohne den Ansatz eines schlechten Gewissens.
Die Hutzeremonie war mittlerweile in vollem Gange. Ein sehr kleiner Junge mit mausgrauen Haaren war aufgerufen worden, den Hut aufzusetzen. Harrys Augen wanderten an ihm vorbei, dorthin, wo Professor Dumbledore saß, der Schulleiter mit dem langen, silbernen Bart. Vom Lehrertisch aus verfolgte er die Auswahl durch seine silberne, halbmondförmigen Brillengläser, die im Kerzenlicht blitzten. Ein paar Plätze weiter, sah man Charity und Sibyll. Und dort am Ende des Tisches saß Hagrid, riesig und haarüberwuchert, und nahm tiefe Schlucke aus seinem Becher.
"Guck mal ...", zischte Harry Ron ins Ohr. "Dort am Lehrertisch ist ein freier Platz ... Wo ist eigentlich Snape?"
"Vielleicht ist er krank!", sagte Ron und das klang hoffnungsvoll.
"Vielleicht hat er gekündigt", entgegnete Harry, "weil er wieder nicht Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten darf!"
"Oder sie haben ihn rausgeschmissen!", meinte Ron begeistert. "Immerhin kann ihn ja keiner ausstehen —"
"Oder vielleicht", sagte Snape mit eisiger Stimme direkt hinter ihnen, "wartet er darauf, von euch zu hören, warum ihr nicht mit dem Schulzug gekommen seid."
Harry und Ron wirbelten herum. Snapes schwarzer Umhang flatterte in der kalten Brise. Er lächelte, denn die beiden schienen zu wissen, dass sie nun in gewaltigen Schwierigkeiten steckten.
"Kommt", sagte Snape.
Harry und Ron wagten noch nicht einmal, sich Blicke zuzuwerfen, und folgten Snape die Stufen hoch in die ausladende, von Echos durchzogene und fackelbeleuchtete Eingangshalle. Ein köstlicher Duft wehte aus der Großen Halle herüber, doch Snape führte sie weg aus der Wärme und dem Licht und eine schmale Steintreppe hinunter, die in die Kerker führte.
"Da hinein!", sagte er und öffnete eine Tür auf halben Weg den dunklen Treppengang hinunter. Die Jungs zitterten als sie Snapes Büro betraten. An den dunklen Wänden zogen sich Regale voller großer Einmachgläser entlang, in denen alle möglichen widerwärtigen Geschöpfe schwammen, deren Namen die beiden im Moment garantiert nicht wussten. Der Kamin war dunkel und leer. Snape schloss die Tür, wandte sich um und blickte die beiden an
"Soso", sagte er leise, "der Zug ist nicht gut genug für den berühmten Harry Potter und seinen treuen Kameraden Weasley. Wollten hier mit großem Trara ankommen, nicht wahr, die Herren?"
"Nein, Sir, die Absperrung in King's Cross, sie ..."
"Ruhe", sagte Snape kühl. "Was habt ihr mit dem Wagen gemacht?
Ron schluckte und bevor die beiden auf die abenteuerliche Idee kommen konnten, Snape könne Gedanken lesen, entrollte er den Tagespropheten.
"Man hat euch gesehen", zischte Snape und zeigte ihnen die Schlagzeile: FLIEGENDER FORD ANGLIA VERSETZT MUGGEL IN AUFREGUNG. Er las laut vor.
"Zwei londoner Muggel sind felsenfest davon überzeugt, dass sie einen alten Wagen über den Turm des Postamtes fliegen sahen ... Als Mrs Hetti Bayliss in Norfolk um die Mittagszeit ihre Wäsche aufhängen wollte ... Mr Angus Fleet aus Peebles schilderte der Polizei ... Sechs bis sieben Muggel insgesamt. Ich glaube, dein Vater arbeitet in der Abteilung für den Missbrauch von Muggelsachen?", sagte er und blickte Ron mit zunehmend gehässigem Lächeln an. "Meine Güte ... sein eigener Sohn ..."
Ob Mr Weasley wohl den Wagen verhext hatte? Oder diese unmöglichen Zwillinge? Immerhin eine reife, magische Leistung. Gegen seinen Willen war Severus ein bisschen beeindruckt.
"wie ich bei einem Kontrollgang durch den Park feststellen musste, scheint mir eine sehr wertvolle Peitschende Weide schwer beschädigt worden zu sein", fuhr Snape fort.
"Der Baum hat uns mehr zugesetzt als wir ihm!", sprudelte es aus Ron heraus.
"Ruhe!", fuhr ihn Snape an. "Zu meinem größten Bedauern gehört ihr nicht zu meinem Haus, und die Entscheidung, euch von der Schule zu weisen, ist nicht meine Sache. Ich werde jetzt die Leute holen, die das Glück haben, dazu befugt zu sein. Ihr wartet hier."
Beschwingten Schrittes eilte Severus in die Große Halle. Er konnte sich ein Feixen nicht verkneifen.
"Ich hab sie entsprechend eingestimmt", berichtete Snape und Minerva zeigte ein etwas schiefes Lächeln. "Ich habe nichts anderes erwartet", sagte sie und Snape griff sich schnell ein Kürbisküchlein. Die waren auch zu köstlich, die Dinger.
"Ich komm gleich nach", sagte Albus.
Zehn Minuten später kam Snape zurück und tatsächlich in Begleitung von Professor McGonagall. Severus hatte sie schon öfters wütend gesehen, doch entweder hatte er vergessen, wie schmal ihr Mund werden konnte, oder er hatte sie noch nie so zornig erlebt. Sie war kaum eingetreten, da, als sie auch schon ihren Zauberstab hob. Harry und Ron (und auch Snape ein bisschen), zuckten zusammen. Doch sie richtete ihn nur auf den leeren Kamin, in dem jetzt plötzlich Flammen aufflackerten.
"Setzen Sie sich." Ron und Harry ließen sich auf Stühle neben dem Feuer nieder.
"Ich wünsche eine Erklärung", sagte sie mit Unheil verkündend schimmernden Brillengläsern.
Ron stürzte sich in die Schilderung ihrer Erlebnisse und begann bei der Absperrung, die sie angeblich nicht durchlassen wollte.
"... also wir hatten keine Wahl, Professor, wir konnten den Zug nicht erreichen."
"Warum haben Sie uns keinen Brief per Eule geschickt? Ich glaube, Sie haben eine Eule?", sagte Professor McGonagall mit kalter Stimme zu Harry gewandt.
Harry sah sie bestürzt an. Nun, da sie es sagte, schien es das Natürlichste gewesen zu sein.
"Ich ... ich habe nicht gedacht ..."
"Das", sagte Professor McGonagall, "ist mir klar."
Es klopfte, und Snape, gut gelaunt wie sonst nie, öffnete die Tür. Herein kam der Schulleiter, Professor Dumbledore.
Dumbledore sah ungewöhnlich ernst aus. Er blickte die Jungs entlang seiner sehr krummen Nase an und beide machten ein Gesicht als würde die Peitschende Weide noch immer auf sie einprügeln.
Ein langes Schweigen trat ein. Dann sagte Dumbledore: "Bitte erklären Sie mir, warum Sie das getan haben."
Vermutlich wäre es besser zu ertragen, wenn Dumbledore sie angeschrien hätte, die Enttäuschung aber, die deutlich in der Stimme von Albus zu erkennen war, gefiel Severus für den Anfang schon recht gut. Aus irgendeinem Grund konnte Harry dem Direktor nicht in die Augen sehen und der Junge sprach stattdessen zu seinen Knien. Er gab eine haarsträubende Geschichte zum Besten, in der er sorgsam ausließ, wem der verzauberte Wagen gehörte und tat so als hätte er ihn einfach ganz zufällig vor dem Bahnhof gefunden. Dass Dumbledore diesen Schwindel sofort durchschauen würde, war ihm klar, doch Dumbledore wollte nichts weiter über den Wagen wissen. Als Harry fertig war, sah er sie einfach weiter durch seine Brille hindurch an. "Wir holen unsere Sachen", sagte Ron mit matter Stimme.
"Was reden Sie da, Weasley?", blaffte ihn Professor McGonagall an.
"Sie werfen uns doch raus, oder?", sagte Ron.
Harry warf Dumbledore einen raschen Blick zu.
"Nicht heute, Mr Weasley", sagte Dumbledore. "Doch ich muss Ihnen nachdrücklich einschärfen, dass Ihr Handeln ein schwerer Fehler war. Ich werde heute Abend Ihren Familien schreiben. Ich muss Sie auch davor warnen, noch einmal etwas Derartiges zu tun, denn dann werde ich keine andere Wahl haben, als Sie von der Schule zu weisen. "Snape fühlte sich ein bisschen, als wäre Weihnachten abgesagt worden. Er räusperte sich und sagte: "Professor Dumbledore, diese Jungen haben die Vorschriften zur Einschränkung der Zauberei Minderjähriger gebrochen und einen wertvollen alten Baum schwer beschädigt ... gewiss müssen derlei Taten ..."
"Es ist Sache von Professor McGonagall, über die Strafen für die Jungen zu befinden, Severus", sagte Dumbledore gelassen. Sie gehören zu ihrem Haus und stehen daher in ihrer Obhut." Er wandte sich an Professor McGonagall. "Ich muss zurück zur Feier, Minerva, und ein paar Dinge ansagen. Kommen Sie, Severus, da steht eine köstlich aussehende Eiercremetorte, die ich gerne mal probieren möchte ..."
Severus warf Harry und Ron einen warnenden Blick zu und ließ sich dann von Dumbledore aus seinem Büro geleiten.
"Arthurs Auto!", kicherte Albus, kaum dass sie im kühlen Kerkergang waren. Die Idee, dass Albus die Sache für ein ernsthaftes Vergehen hielt, gab Severus schnell auf.
Stunden später hatte Severus sich noch immer nicht abgeregt. Während sich Minerva und Charity gemütlich auf Charitys Sofa gelümmelt hatten und Wein tranken, tigerte Severus mit vor der Brust verschränkten Armen im Raum auf und ab.
"Sie haben die Peitschende Weide beschädigt!", bellte er zum wiederholten Male und er hätte wetten können, dass Minerva leise seufzte. Das trug keineswegs dazu bei, ihn zu beruhigen. Im Gegenteil.
"Das ist ein uralter und immens wertvoller Baum!", zeterte er weiter. "Aber natürlich erwarte ich gar nicht erst, dass irgendjemand die Tragweite des Vergehens begreift ..."
Ein scharfer Ton erfüllte das Wohnzimmer, als Minerva ihr Weinglas auf den Beistelltisch knallte, dass die tief dunkle Flüssigkeit auf die Tischdecke schwappte.
"Ich begreife nur, dass du irgendeine fixe Idee mit einem dusseligem, alten Baum hast. Und einen Spleen mit Potter!"
Gleichzeitig richtete Charity ihren Zauberstab auf den Beistelltisch, sagte etwas und im Nu erschien eine Miniaturausgabe der Peitschenden Weide auf dem Tischchen und fegte mit gezieltem Schwung eines Astes das Weinglas auf den Teppich, wo der Rest des Inhalts umgehend versickerte.
Immerhin brachte das Minerva und Severus dazu, leicht entsetzt, die Kollegin anzustarren, der die Röte ins Gesicht stieg.
"Ich wollte nur den Fleck entfernen", nuschelte sie betreten.
"Aha", sagte Minerva und vollführte nun ihrerseits eine komplizierte Bewegung mit ihrem Zauberstab und der helle Teppich war wieder hell, ebenso wie die Tischdecke. Der Bonsaibaum stand in einem hübschen Übertopf aus Weidengeflecht.
Minerva schnappte sich die Topfpflanze, drückte sie dem entsetzt dreinblickenden Snape in die Hand.
"Das ist ein Geschenk, mein lieber Kollege und vielleicht hilft dir dieses hübsche Ding, dich mal selbst zu fragen, wieso du erstens, den Tick mit dem Baum hast und zweitens, diese merkwürdige und durch nichts begründete Antipathie gegen Harry! Viel Erfolg damit. Ich empfehle mich!", und mit diesen Worten rauschte sie hocherhobenen Hauptes aus dem Zimmer, nicht ohne die Tür mit aller Kraft hinter sich zu zuschmettern.
Severus stand reichlich belämmert und komplett sprachlos da und hielt das Bäumchen auf Armeslänge von sich weg, da er bereits einen Ast auf die Nase bekommen hatte. Tatsächlich wies der kleine Baum denselben Knoten an der Wurzel auf wie das Original.
"Das ist ein ziemlich starkes Stück Magie", brachte er leise hervor.
"Wirklich ganz toll! Ich bin wirklich total begeistert! Nicht mal in der Lage, einen Weinfleck zu beseitigen. Manchmal weiß ich ehrlich nicht, wozu ich überhaupt einen Zauberstab besitze. Es wäre schön, wenn du dich nicht auch noch drüber lustig machen würdest!"
Charitys Stimme war kurz davor, sich zu überschlagen. Sie hatte die Fäuste geballt und einige braune Locken hatten sich aus ihrer Frisur gelöst, was ihr ein verwegenes Aussehen gab.
Snape räusperte sich.
"Ich mach mich kein bisschen lustig. Ich denke nur, an mangelnder Begabung in dem Sinne, kann es ja nicht liegen ...", Severus zuckte ein wenig, da die kleine Peitschende Weide nun mit einem Ast auf seinen Arm einprügelte. "Vielleicht fehlt doch nur ein wenig Routine ..."
Severus stockte, da Charitys Gesicht einen ziemlich ungesunden Rotton angenommen hatte. Instinktiv duckte er sich, aber Charity lachte schon im nächsten Moment lauthals los. Sie hielt sich sogar den Bauch und konnte gar nicht mehr aufhören. Severus wusste nicht recht wie er reagieren sollte und probierte es mit einer möglichst ausdruckslosen Miene. Darin hatte er Übung. Das stoppte aber auch nicht den Lachanfall der Kollegin und so langsam begann Severus, sich Sorgen zu machen, zumal Charity mittlerweile die Tränen die Wangen herabkullerten und ein Schluckauf zu quietschenden Hicksern führte.
Erst gefühlte Ewigkeiten später, kam Charity wieder zu Atem. Energisch schüttelte sie den Kopf.
"Leider, leider, mein lieber Severus, bin ich ein ganz und gar hoffnungsloser Fall. Meine Eltern haben mich zu absolut jedem Spezialisten geschleift, den sie auftreiben konnten. Es hat alles keinen Zweck. Ich habe zwar magische Fähigkeiten, aber wirklich zaubern kann ich nicht. Und ich habe auch lange schon aufgehört, es können zu wollen."
"Hm", sagte Snape. "Ich bin nicht vollständig überzeugt. Du bist eine außerordentliche Legilimentikerin ..."
"Jaja, das funktioniert. Warum auch immer. Wozu mir einfällt: Hat Albus schon mit dir gesprochen?"
Severus schüttelte den Kopf, aber er konnte sich denken, worum es ging. Im letzten Jahr hatte er mit Charity eifrig Okklumentik studiert. Mit mäßigem Erfolg wie er sich selber eingestehen musste. Natürlich war es wichtig, diese Übungen nun wieder aufzunehmen, auch wenn sich ein beklommenes Gefühl in Severus breitmachte, wenn er nur daran dachte. Charity war zwar eine warmherzige, freundliche Person, aber als Lehrerin konnte sie wirklich unerbittlich sein. Severus schluckte.
"Na, erst mal schauen wir, wie viel Spaß wir mit Locke haben können", frohlockte Charity.
Severus war da weit weniger enthusiastisch. Er befürchtete, dass der neue Kollege weit weniger lustig war als sie alle hofften. Albus' spaßige Ideen hatten meist mehr als nur einen Haken.
In seinen eigenen Räumen angelangt, kochte schon wieder wilder Zorn in Severus hoch. Auf seinem Schreibtisch standen zwei silberne Becher, in denen noch Reste von Kürbissaft vor sich hin oxidierten, sowie ein Teller mit mehreren angefressenen, belegten Broten. Das war ja wohl die Krönung. Nicht nur dass Minerva ihrem eigenen, wertvollen Gryffindor keinen einzigen Punkt abgezogen hatte — gut, es waren ja auch noch keine Punkte da — sie hatte auch noch billigend in Kauf genommen, dass diese Bengel sein komplettes Büro voll krümelten. Unglaublich.
Nachdem Severus seine Bonsai-Weide in die Nische mit dem verzauberten Fenster bugsiert hatte, rief er ungehalten nach einem Hauselfen.
Mit einem scharfen Knall erschien eins der fledermausohrigen Wesen und verbeugte sich, bis die lange Nase fast den Boden berührte.
"Mach die Sauerei weg!", blaffte Snape. "Und wehe ich finde dann noch Reste!"
"Oh nein", piepste das Wesen. "Wenn der Herr nicht zufrieden ist, wird Dobby sich die Hände bügeln!"
Erwartungsvoll sah der Hauself ihn an, aber Snape war nicht nach einer Unterredung mit Personal zumute und mit einem Schnauben donnerte er die Tür zu und ließ sich auf das Sofa fallen, das Argus Filch letztes Jahr organisiert hatte.
Dämliche Hauselfen! Wobei? Irgendwo hatte er den Namen schon gehört, aber es war ja gut möglich, dass die alle gleich hießen, wer wusste das schon? Es war auch völlig egal.
Mit einem lässigen Schlenker seines Zauberstabes entfachte Severus ein knisterndes Feuer im Kamin. Nachdenklich besah er sich den kleinen Baum, der ganz ruhig dastand. Vermutlich würde er nun zu Vollmond von Werwölfen träumen. Auch keine tollen Aussichten.
