Der Fuchsbau — Nyctens
Es war erst Anfang August, das hieß, noch vier lange Wochen bis zum Beginn des neuen Schuljahres. Severus schüttelte immer wieder über sich selbst den Kopf. Noch nie hatte er das Ende der Ferien derartig herbeigesehnt. Noch nicht mal während seiner eigenen Schulzeit. Das war doch nicht normal.
Wenn er in sein Entscheiddichflott blickte, sah er seit Tagen schon nur noch eine geschlossene Tür mit einem Schild und der Aufschrift: BETRIEBSFERIEN. Das war schon ehrlich Allerhand. Obwohl, eine wirkliche Entscheidungshilfe war ihm das Ding in letzter Zeit sowieso nicht gewesen. Im Gegenteil, er fühlte sich nicht wirklich ernst genommen. Gerade Teufelchen schien sich regelrecht über ihn lustig zu machen. Nein, eigentlich war er ganz froh, dass er Teufelchen nicht sehen musste. Engelchen las ständig irgendein Buch.
Gedämpft hörte Severus die Haustür seiner Nachbarn schlagen. Schritte. Er war sich nicht sicher, ob das Gebäude schon immer derartig hellhörig gewesen war. Früher hatte er mal ein Radio. So ein echtes Muggelradio, das war noch von seinem Vater. Allerdings wusste er nicht mit Sicherheit, ob er überhaupt noch Strom hatte. Vermutlich nicht, jedenfalls hatte er noch nie welchen bezahlt. Vielleicht würde das Radio auch magisch zu betreiben sein ...
"WIE LANGE GEHT DAS MIT DIESER DRECKIGEN SCHLAMPE SCHON?"
Die schrille Stimme seiner Nachbarin ließ Severus zu der Erkenntnis kommen, dass er kein Radio brauchte, um Unterhaltung zu haben.
Mit einem Seufzen setzte er sich an seinen Schreibtisch und ordnete zum wiederholten Male seine Aufzeichnungen, aber irgendwie blieb es ein wirrer Haufen Papier.
"DU BIST DOCH TOTAL BEKLOPPT!"
"AAACHHHH — JETZT BIN ICH ALSO AUCH NOCH BEKLOPPT? ABER UM DEINE DRECKIGE WÄSCHE ZU WASCHEN BIN ICH NOCH GUT GENUG, WAS?"
Zweimal Dreckig, in quasi einem Atemzug, das ließ auf keinen großen Wortschatz schließen. Severus fehlte an diesem Abend der Enthusiasmus, die Antworten zu erraten. Es war noch immer sommerlich, aber nicht mehr gar so brütend warm wie die Wochen zuvor.
Die Haustür nebenan schlug abermals. Scheinbar war ER gegangen. Severus lauschte nach drüben, aber es blieb still.
Vielleicht sollte er das Kapitel, in dem er die Siedepunkte der verschiedenen Tränke mit den Kesselmaterialien in Zusammenhang stellte, doch an den Anfang setzen.
Er streckte sich. Seine Rückenschmerzen waren dumpf und bohrend und, wenn auch in geringer Intensität, doch immer da. Hinzu kamen hin und wieder nagende Kopfschmerzen, gegen die er aber ein probates Mittel hatte.
Sein Blick streifte eines seiner übervollen Bücherregale, da fiel ihm wieder ein, dass er noch ein verspätetes Geburtstagsgeschenk für Charity besorgen wollte. Nachdem er nicht wirklich eine Idee hatte und ihn sein eigener Buchbestand auch nicht unbedingt inspirieren konnte, hatte er das Thema eigentlich erst einmal hintangestellt. Aber nun? Ein Ausflug in die Winkelgasse würde ihn vielleicht auf andere Gedanken bringen.
Du willst shoppen gehen?, verhöhnte ihn die Stimme von Teufelchen, die er wirklich gar nicht vermisst hatte.
Nein, ich muss einige Besorgungen machen!, konterte er in Gedanken.
Prrrffffttttt!
Das ignorierte er. Vielleicht sollte er in London auch mal Ausschau halten nach einer Robe ohne Brandlöcher.
Zuerst überlegte Severus, ob er den Kamin nehmen sollte, aber dann apparierte er doch lieber direkt vor den Tropfendes Kessel, jene unscheinbare Kneipe, die den markantesten Übergang von nichtmagischer, zu magischer Welt darstellte.
Tom der glatzköpfige Wirt, verteilte mit einem ausgefransten, schmuddeligem Lappen, den Dreck gleichmäßig auf der Theke.
"Wie immer, Snape?", fragte er ohne aufzublicken.
Snape zog die Augenbrauen hoch. Noch nie hatte er dort etwas getrunken. Tom erwartete auch keine Antwort. Geistesabwesend wischte er weiter und Severus entschwand in den Hof und die Winkelgasse, in der geschäftiges Treiben herrschte.
Sein erster Weg führte Severus zu Flourish & Blotts. Hier musste er erst einmal die Augen schließen und kurz innehalten. Das, was er dort zu sehen bekam, durfte einfach nicht wahr sein.
Ein großes lila Banner, das über die Fenster des ersten Stockes gespannt war, verkündete:
ZAUBERISCHES ICH
Die Autobiographie von
GILDEROY LOCKHART
Bald hier!
Auch im Inneren des Ladens dominierten die Farben Lila und Mauve und von jeder Ecke grinste Severus das hexenwochenprämierte Lächeln seines zukünftigen Kollegen entgegen. Die anderen Machwerke dieses Subjekts stapelten sich auf mehreren Sonderverkaufsflächen.
"Das ist jetzt Schullektüre für Hogwarts", hörte Severus eine Verkäuferin säuseln und mit zielstrebigen Schritten bewegte er sich in den hinteren Teil des Ladens. Dort befand sich ein Tischchen mit einer Auswahl verschiedener Muggelbüchern.
Exotica stand auf einem poliertem Messingschildchen ... das heißt, dort, wo immer besagtes Tischchen gestanden hatte, stapelten sich nun etliche Exemplare von Ferien mit Vetteln.
Verwirrt schaute Severus sich um, aber nichts.
Auf Nachfrage erklärte ihm die Verkäuferin, dass der Platz gebraucht würde und sich die Exotica nicht rentiert hätten. Zu wenig Interesse.
Resigniert schüttelte Severus den Kopf. Waren die denn alle verrückt geworden?
"Kennen Sie denn Wanderungen mit Werwölfen schon?", fragte die Verkäuferin vorsichtig nach, was Severus' Kopfschütteln immens intensivierte und ihn die sofortige Flucht ergreifen ließ.
Keine Exotica mehr. Wie schade. Na ja, vielleicht würde er in der Nokturngasse etwas Passendes für Charity finden. Es musste ja nichts aus Lady Zenyattas Unterwäscheladen sein und dann fiel ihm wieder das Bukowskys ein. Eigentlich eine Kneipe, aber in einem Hinterzimmer konnte man Bücher erstehen, die grob gesagt schwer zu beschaffen waren.
Einmal gab es da ziemlichen Schweinkram, der Severus die Röte in die Wangen steigen ließ, aber auch allerhand schwarzmagische Publikationen, die knapp am Rande der Legalität angesiedelt war.
Vielleicht gab es da etwas über Legilimentik, das Charity noch nicht kannte. Das war eine extrem gute Idee und Severus klopfte sich bildlich gesprochen, selber auf die Schultern.
Kaum hatte er die ersten Schritte in die Nokturngasse gesetzt, da spürte er bereits diesen leicht modrigen Geruch des Verbotenem.
"Hast du dich etwa verirrt, Schätzchen?", sagte eine Stimme dicht an seinem Ohr.
"Ich bin nicht dein Schätzchen!", blaffte er aufgebracht zurück, so dass die alte Hexe mit den moosgrünen Zähnen, beinahe das Tablett mit den Fingernägeln, die sie feilbot, hätte fallen lassen.
Wenige Momente später stand er schon im düsteren Hinterzimmer des Bukowskys und seine Augen flogen über die hohen Regale, die brechend gefüllt waren mit in dunkles Leder gebundenen Folianten.
Ein kleiner dicker Mann saß da auf einem Barhocker und hatte erschreckende Ähnlichkeit mit einem Orang-Utan. Das war scheinbar der zuständige Mitarbeiter.
"Haben Sie irgendwas über Legilimentik?"
Hatte der Orang-Utan etwa "Uff", gesagt?
"Oder etwas über Okklumentik?"
Nein, scheinbar nicht, denn mit einem süffisantem Grinsen schüttelte das Wesen den Kopf und Severus zog es vor, den Laden zu verlassen.
Das war ja gar nicht so einfach, aber mittlerweile hatte Severus der Ehrgeiz gepackt und er hatte eine neue Idee.
Da gab es doch diese Muggelbuchhandlung, direkt neben dem Tropfenden Kessel, wo er auch letztes Jahr das Buch gekauft hatte. Vielleicht sollte er dort mal vorbei gucken.
Ja, warum eigentlich nicht?
Gedacht — getan und das grelle Licht blendete Severus nach der schummrigen Düsterheit des Bukowskys. Auch stapelten sich hier die Bücher auf Tischen wie bei Flourish & Blotts aber das Papier war ziemlich billig und roch beileibe nicht so gut. Die Einbände aus Pappe. Und bunt, furchtbar bunt. Severus schaute an sich selbst herab. Es war nicht auszuschließen, dass er für einen Muggelladen ein wenig auffällig gekleidet war. Die schwarze Robe, mitten im Sommer. Aber wozu sich mit Muggelsachen abplagen. Es war eh extrem merkwürdig wie diese Muggel rumliefen, gerade die Männer. Mit Grausen dachte er an kurze Hosen und kreischbunte kurzärmelige Hemden.
Bunt, ja Augenschmerzen verursachend bunt war hier alles und warum nicht zu Minerva apparieren, kam ihm ein Geistesblitz.
Warum er da bloß nicht früher drauf gekommen war. Minerva hatte ein Haus in der Altstadt von Edinburgh, in das sie sich in den Ferien zurückzog.
Noch vor wenigen Jahren, war sie auch an den Wochenenden hin und wieder nach Edinburgh verschwunden. Sie war verheiratet, so wie manche im Lehrerkollegium, aber irgendwann hatten Minervas Ausflüge geendet. Er hatte Pomona sagen hören, dass Minervas Mann verstorben war, aber selbstverständlich hatte er nie irgendwie nachgefragt. Völlig undenkbar, selbst letztes Jahr, als er wirklich sagen konnte, so was wie eine Freundschaft würde ihn mit der Kollegin verbinden. Es gab für Severus Dinge, die fragte man nicht.
So vollkommen in Gedanken versunken war er auch schon angekommen in der schmalen Gasse. Eine dunkelgrüne, unauffällige Haustür. Ein poliertes Messingschild über der Klingel.
Minerva McGonagall
Elpinstone Urquart
Das musste ihr Mann gewesen sein. Zauberer oder Muggel? Er wusste es nicht. Es ging ihn ja auch nichts an. Es war auch nicht so, dass es einen Unterschied machte, ob Zauberer oder Muggel, es war nur eine seltsame Idee, sich Minerva gemeinsam mit einem Mann vorzustellen. Irgendwie passte das nicht zu ihr. Zu ihrer strengen Art — wobei Severus sie ja auch ganz anders kennengelernt hatte. Fröhlich, witzig, mit einer erheblichen Neigung zu dem, was die Schotten gerne mehrere Jahre in Holzfässern reifen ließen.
Zögernd drückte Severus auf den Klingelknopf und schrak über den penetrant kreischenden Ton der Klingel, der ungewöhnlich laut widerhallte in der schmalen Gasse.
Severus horchte. Stille. Drinnen rührte sich nichts. Ein wenig entschlossener klingelte er ein weiteres Mal und wieder passierte nichts.
Ein wenig erleichtert wandte Severus sich von Minervas Haus ab. Was hätte er auch sagen sollen, weshalb war er hergekommen? Weil ihm in Spinner's End die Decke auf den Kopf fiel vielleicht?
Das könnte der Fall gewesen sein, aber dann war es noch lange kein Grund, das auch zuzugeben.
Irgendetwas hielt Severus dennoch davon ab, gleich hier zu disapparieren. Er hatte ja Zeit. Die schmale Gasse mündete in eine weitere schmale Gasse. Am Ende standen Tische und Stühle draußen, zwischen Blumenkübeln. Ein Pärchen saß da und aß Eis. Eigentlich wie in der Winkelgasse, nur eben auf Muggelart. Ein Antiquitätenladen, daneben einer, in dem Gartendeko verkauft wurde.
Dann auf der anderen Seite der Gasse, das war interessant.
Ein schmales, hohes Schaufenster zeigte Bücher, die sorgsam auf schwarzen Samt drapiert waren. Ein wenig Herbstlaub dazwischen, dabei waren eigentlich alle Bäume noch grün.
Nyctens stand mit goldener Farbe auf einem fast schwarzem Holzschild.
Neben dem Eingang auf einem alten Holztisch lagen drei sehr zerlesene Taschenbücher. Zur Adoption freigegeben!, stand auf einem Zettel, der dabei lag. Das sah doch aus wie eine vernünftige Buchhandlung und neugierig — ja, neugierig! — betrat er den Laden. Eine Messingglocke gab ein sattes Ping von sich als er die Tür hinter sich schloss.
Es war nicht laut auf der Gasse gewesen, trotzdem tauchte Severus hier ein, in etwas zutiefst Beruhigendes, Stilles, ab von Allem. Keine Magie, nein. Nichts war hier magisch, außer ihm selber, und dennoch ...
Verschiedene Lampen mit bunten Schirmen verbreiteten ein angenehmes Licht, in Holzregalen stapelte sich die Ware, aber es sah nicht so aus als wären von einem Buch zwei Exemplare verfügbar. Der Verkaufsraum war nicht groß, in einer Ecke ein niedriger Tisch mit zwei Sesseln.
An den Regalen waren bunte Holzschildchen befestigt, die wohl ein wenig Ordnung brachten.
Tiere, stand in verschnörkelter Schrift auf einem Schild, Expressionismus, auf einem anderen. Naturwissenschaft, und sehr lächeln musste Severus über Esoterischer Blödsinn. Es war so friedlich, so ruhig, so ...
"Suchen Sie was Bestimmtes, oder wollen Sie sich nur aufwärmen?"
Eine resolute Frauenstimme holte Snape gewaltsam in die Realität zurück. Er wirbelte herum und sah sich einer schwarzhaarigen, dürren Frau gegenüber, vielleicht in seinem Alter, die ihm vage bekannt vorkam.
Muggel, das war das Erste, was er dachte. Aber woher nur ...?
"Was. Wollen. Sie?"
Snape war augenblicklich völlig überfordert. Er spürte wie ihm die Röte ins Gesicht stieg und er ärgerte sich über sich selber. Es gab keinen Grund ...
"Ich suche ein Buch", hörte er sich antworten.
Die Frau zog eine Augenbraue hoch in die Stirn und stemmte die Fäuste in die Hüften. Im normalen Leben hätte Snape seinen Zauberstab gezückt, oder eine Strafarbeit vergeben, aber das hier war nicht das normale Leben. Immerhin hatte er ja auch das Geheimhaltungsabkommen zu respektieren.
Sein Mund war ausgedörrt.
"Ich ... äh ... ein Geschenk", stammelte er und kam sich ungeheuer blöd vor. Aber er war kein Feigling. Er würde hier ein Buch erwerben. Für Charity. Und wenn diese Frau ihn nicht noch mehr ärgerte, dann würde er es vielleicht sogar bezahlen. Diese Erkenntnis gab ihm etwas Sicherheit. Ganz kurz.
"Also doch nur aufwärmen! Ich sollte 'ne Kneipe aufmachen. Oder noch besser, 'ne Wärmehalle. Für ... wen ... soll ... das … Geschenk... denn ... sein?", artikulierte sie überdeutlich.
Severus wurde noch wärmer als ihm eh schon war. Dabei gab es keinen Grund ...
"Für eine Frau."
Verdammt!
"Eine Frau— nein! — für Ihre Mutter, oder wollen Sie die Alte flachlegen?"
"Ja, wie nun?"
Zu Snapes Ärger, vornehmlich über die eigene Unbeholfenheit, mischte sich etwas anderes. Zuerst konnte er das Gefühl nicht einordnen. Die Schwarzhaarige stand ihm noch immer gegenüber, die Fäuste in die Hüften gestemmt, eine Augenbraue hochgezogen ... Belustigung und ein bisschen ...
"Weder, noch. Das Buch soll für eine gute Freundin sein, ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk ..."
"Preisklasse?", bellte die Frau, aber in ihren schwarzen Augen blitzte den winzigen Bruchteil einer Sekunde ein Lächeln auf und Severus spürte Stolz.
"Ich ... das ist mir egal, wenn es ihr gefällt ..."
Die Frau ließ ein unwilliges Schnauben hören.
"Männer kennen nur Mütter und Alte, die sie flachlegen wollen und Männer lesen nicht", grummelte sie, drehte sich um und ging an ein Regal mit dem Schild Frauen und Severus wunderte sich, dass es scheinbar Bücher, extra für Frauen gab, oder über Frauen? So wie über Tiere?
Diese Fragestellung ließ ihn kurz und leicht hysterisch kichern. Das blieb der Frau leider nicht verborgen. Abrupt wirbelte sie herum, dass Severus, der dicht hinter ihr ging, sie beinahe angestoßen hätte.
"Was gibt's da zu Lachen. Das sind einundvierzig Jahre Erfahrung!"
"Nichts, gar nichts", beeilte Snape sich zu sagen und rechnete im Stillen — sie war tatsächlich neun Jahre älter als er. Das brachte sie in eine merkwürdige Grauzone — genau zwischen Mutter und Alte, die ...
Snape verbot sich augenblicklich, den Gedanken weiterzudenken und beschloss, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das Buch.
"Servieren Sie auch Tee?", fragte er und wies auf den Tisch zwischen den Sesseln.
Die Lippen der Frau wurden schmal.
"Ich sollte tatsächlich 'ne Kneipe aufmachen ..."
"Braucht es dafür nicht eine gewisse Gastfreundlichkeit?", warf Severus dazwischen.
"WOLLEN SIE ETWA BEHAUPTEN, ICH WÄRE NICHT GASTFREUNDLICH?"
"Äh, nein", beeilte Severus, sich zu sagen und konnte sich abermals freuen über dieses kurze Aufblitzen eines Lächelns in ihren Augen, die wie schwarze Tunnel ...
"Das will ich auch nicht meinen! Sie können mal morgens vorbeikommen, wenn Sie mich schlecht gelaunt erleben wollen."
"Ich kann mich mit Mühe beherrschen", entfuhr es Snape und tatsächlich entlockte das der Frau ein echtes Lächeln, das ihre harten, asketischen Züge erstaunlich weich aussehen ließ.
"Gut", sagte sie. "Was liest Ihre Freundin denn gern?"
Snape musste nicht lange nachdenken.
"Terry Pratchett gefällt ihr gut."
Die Reaktion der Frau ließ sein gerade erwachendes Lächeln wieder ersterben.
"Fantasy?", fragte sie und machte ein angewidertes Gesicht.
"Äh, ich glaub, es ging eher um den Schreibstil und dem, was hinter den Geschichten steht. Menschen, sie interessiert sich für Menschen."
Snape atmete auf.
Die Frau auch.
"Ich dachte schon, ich muss was mit Zauberern raus suchen, die auf Besen fliegen, oder ähnlichen Schwachsinn."
Konzentriert fuhr sie mit den Fingern über die Buchrücken, blieb an dem ein oder anderem kurz hängen, bis sie eins der Bücher mit elegantem Schwung aus dem Regal zog.
"Hier, das ist recht neu. Toni Morrison, Jazz. Spielt im Harlem der zwanziger Jahre, eine Familiengeschichte mit Rückblenden in die Zeit, kurz nach der Abschaffung der Sklaverei."
Sie blickte Severus herausfordernd an.
"Sie finden es gut?", fragte er vorsichtig als vermutete er eine Falle.
"Ja", sagte sie schlicht.
"Packen Sie es mir ein?"
Severus besah sich ihre Hände als sie das Buch in silbernes Papier mit kleinen, schwarzen Fledermäusen einschlug. Ihre schmucklosen Hände machten einen geschickten Eindruck.
"Fledermäuse?"
"Ja", sagte die Frau. "Nyctens, der Name vom Laden. Nyctens ist eine Fledermausart. Kennen Sie The History of Photogen and Nycteris?"
Severus schüttelte den Kopf und angelte Muggelgeld aus seiner Robentasche.
"The Day Boy and the Night Girl, ist ein Märchen über die Gegensätze von Gut und Böse. Ist von George McDonald, kennen Sie den?"
"Nein, tut mir leid", sagte Severus mit echtem Bedauern.
"Ist ein recht bekannter schottischer Schriftsteller. Hat aber auch Fantasy geschrieben, also muss man ihn nicht kennen."
"Da hab ich ja nochmal Glück gehabt."
"Das weiß ich noch nicht", erwiderte die Schwarzhaarige schnippisch und reichte Severus das Päckchen, Wechselgeld und die handgeschrieben Rechnung.
Severus beeilte sich, alles in seiner Robentasche zu verstauen und mit einem Nicken verließ er fluchtartig den Laden.
Als Severus wieder draußen in der schmalen Gasse stand, hatte er das seltsame Gefühl, aus einem unguten Traum aufgewacht zu sein. Im Normalfall hätte er niemals somit sich umspringen lassen. Was bildete sich dieses Weibsbild eigentlich ein? Muggel noch dazu.
Eine derartige Impertinenz war ihm noch nicht untergekommen. Dabei ließ ihn dieses nagende Gefühl des Wiedererkennens nicht los. Aber das musste er sich einbilden! So etwas würde er nicht vergessen. Verdrängen vielleicht. Nein. Er hatte die merkwürdige Frau nie zuvor gesehen. Er könnte sich dran erinnern!
Eine Kneipe! Hatte man so was schon gehört.
Noch immer kopfschüttelnd, aber mit sich einigermaßen zufrieden, apparierte er zurück nach Spinner's End.
In seinem Haus angekommen spürte er einmal mehr die drückende Stille, aber dennoch war er froh, zu Hause zu sein. Shoppen gehen war nichts für ihn. Als hätte er das nicht vorher gewusst.
Alles in Allem aber war er einigermaßen stolz auf sich. Immerhin hatte er ein Buch ergattert und Merlin wusste, unter welch widrigen Umständen ihm das gelungen war. Er legte das hübsch verpackte Päckchen auf seinen Schreibtisch, sein Entscheiddichflott drapierte er akkurat obenauf, ohne vorher einen Blick hineingeworfen zu haben.
Die Rechnung strich er sorgfältig glatt.
NYCTENS
Modernes Antiquariat
Y. Smith
Eine schwungvolle Unterschrift, die nicht zu entziffern war und alles bedeuten konnte. Auch der Kaufpreis war nicht zu entziffern.
Y. Smith, das musste diese furchtbare Frau sein. Die Idee, dass sie dort nur angestellt war, oder aushalf schien Severus völlig abwegig. Oder dass Y. Smith der Ehemann — der höchst bedauernswerte Ehemann — dieser Person war. Nein, undenkbar. Außerdem hatte sie keinen Ring getragen.
Als würde ihn das interessieren.
Für was dieses Y. wohl stand? Spontan fielen ihm nur extrem unpassende Sachen wie Yasmin, Yvette, oder noch schlimmer, Yule ein. Er musste grinsen — und dann diese Fledermäuse ...
Schatten im Kopf und entschlossen klemmte er die Rechnung in sein schwarzes Notizbuch, das er mit allerlei Belanglosigkeiten füllte.
Dann öffnete er nicht minder energisch sein Tintenfass, griff sich Feder und Pergament und machte sich endlich daran, dem renommierten Bunsen-Verlag zu schreiben, zwecks Kontaktaufnahme bezüglich seines Buches.
