Hermine hatte in dieser Nacht keine Sekunde geschlafen. Sie hatte sich zwar in ihr Bett gelegt und es versucht, aber es war aussichtslos gewesen. Als der Morgen dämmerte, hatte sie sich ihren Morgenmantel über ihr Schafshirt gezogen und war in die Küche gegangen, um Kaffee zu kochen. Sie setzte sich mit einer Tasse an den kleinen Tisch und trank in kleinen Schlucken.
»Hast du schon gepackt?«, fragte eine raue Stimme.
Erschrocken sah Hermine sich um und fand Sirius in der Tür stehen. »Wie?«, war das Einzige, das sie hervorbrachte. Mit großen Augen sah sie ihn an. Sie klammerte sich an ihrer Tasse fest.
»Ginny. Und ich gestehe, dass ich gestern nicht ganz die Wahrheit gesagt habe. Du solltest dir also etwas mehr anziehen, wenn du nicht willst, dass ich gleich über dich herfalle«, sagte er, als er in den Raum kam und sich Kaffee einschenkte. Er lehnte sich an die Arbeitsplatte und nahm einen Schluck. »Weißt du, ich habe mein Versprechen gehalten. Ich habe gewartet. Einundzwanzig verdammt lange Jahre. Und dann standest du an Weihnachten so blutjung vor mir.«
»Sirius, –«, fing sie an und erhob sich von ihrem Stuhl.
»Also habe ich nichts gesagt. Jetzt hatte ich ein halbes Jahr lang Zeit, darüber nachzudenken und mir ist es egal, wie groß unser Altersunterschied ist. Und vor allem ist es mir egal, was andere vielleicht denken könnten. Das war schon immer so und ist auch jetzt noch so. Ich hätte dir das schon eher sagen sollen, aber du hast auch nichts gesagt und ich dachte... Also, was ist mit dir?« Er stellte seine Tasse ab und kam auf Hermine zu.
Ihr ganzer Körper begann zu summen. Ihre Haut prickelte vor Aufregung. Die Tasse in ihren Händen bebte.
»Wenn du mich nicht aufhältst, –«, begann er, nahm ihr vorsichtig die Tasse aus der Hand und stellte sie auf dem Tisch ab. Er setzte an, seinen Satz zu beenden, als er ihr wieder in die Augen sah, kam aber nicht mehr dazu.
Hermine dachte nicht nach, als sie sich streckte, in seinen Nacken griff, so seinen Kopf noch etwas zu sich zog und ihre Lippen auf seine legte. Er gab einen überraschten Laut von sich. Dann spürte sie sofort seine Hände in ihren Haaren und seine Zunge an ihren Lippen. Sein Bart kratze ein bisschen auf ihrer Haut, aber es störte sie nicht. Sie hielt sich an seinen Schultern fest, weil sie das Gefühl hatte, ihre Beine würden sie nicht mehr lange tragen können. Dieser Kuss war einer von der Art, die sie bis in ihre Zehen spüren konnte. Jede Faser ihres Körpers stand unter Strom.
»Gut-« Hermine und Sirius sprangen auseinander, als sie Harrys Stimme hörten. Mit großen Augen und offen stehendem Mund sah er sie entsetzt an. »Das muss –« Er zeigte mit dem Finger auf sie und schüttelte den Kopf. »– ein kranker Traum sein. Bestimmt schlafe ich noch.« Konsterniert drehte er sich um und knallte die Tür hinter sich zu.
»Verdammte Scheiße«, sagte Hermine matt. Sirius stand da wie festgewachsen. Hermine wollte eilig an ihm vorbei, um Harry hinterher zu gehen, aber Sirius hielt sie auf. »Lass mich vorbei! Dir mag ja egal sein, was andere von dir denken, mir ist aber nicht egal, was Harry denkt! Ich muss ihm das irgendwie erklären!«, schimpfte sie.
»Glaubst du, mir ist Harrys Meinung egal? Ist sie nicht! Aber du kannst ihm jetzt nicht einfach kopflos hinterherrennen«, sagte Sirius und hielt sie an der Schulter fest.
»Und was soll ich deiner Meinung nach stattdessen tun? Er hält mich jetzt für gestört und pervers!«, motzte Hermine. »Hätte ich doch bloß eine Sekunde nachgedacht«, murmelte sie resigniert.
»Hey, das kriegen wir wieder hin.« Er strich ihr über den Rücken. »Was hältst du davon, ihm deine Geschichte zu erzählen?«, fragte er sanft.
»Das wird er mir doch niemals glauben und wenn doch, wird er mich hassen!«, sagte sie mutlos.
»Quatsch, warum sollte er dich hassen? Und Ginny hat es doch auch geglaubt. Du solltest es ihm erzählen. Auch ohne dass er uns gesehen hat. Er ist der Einzige, der es nicht weiß. Ginny ist seine Freundin, James sein Vater, ich sein Pate und du seine beste Freundin. Er ist indirekt involviert, er sollte es wirklich wissen. Dann muss niemand mehr aufpassen, was er sagt. Harry wohnt jetzt hier, James kommt häufig her«, erklärte er und strich ihr leicht über die Wange.
»Sollen wir gleich den ganzen Orden einbestellen?«
»Also deren Meinung ist mir egal«, versuchte Sirius die Stimmung aufzulockern, wurde dann aber wieder ernst. »Aber was ist mit Ron? Er ist auch dein Freund, er wäre der Einzige in eurer Clique, der es nicht wüsste.«
Hermine schüttelte den Kopf. »Er geht mir aus dem Weg.« Sie seufzte traurig. »Ich glaube, das wird nie wieder wie vorher.« Sie strich sich mit beiden Händen über das Gesicht.
»Also, was willst du jetzt tun? Es ist deine Entscheidung.«
»Du hast recht. Ich weiß nur nicht, wie ich es ihm erzählen soll, ohne dass er mich hasst, weil ich seine Mum kennengelernt habe«, sagte sie und ließ den Blick durch den Raum wandern.
»Ich flohe James an. Wir erzählen es ihm gemeinsam.« Sirius küsste sie auf die Stirn.
»Und Ginny.« Sie wollte ihre Freundin an ihrer Seite haben, wenn sie Harry dieses große Geständnis machen würde. »Ich gucke mal, ob er überhaupt mit mir reden will.«
Sie war ziemlich besorgt, als sie die Treppen nach oben schlich. Zaghaft klopfte sie an Harrys Zimmertür. Sie wartete ein paar Sekunden, dann klopfte sie erneut, aber es kam keine Reaktion. »Harry?«
»Was willst du?«, kam es genervt aus dem Zimmer.
»Dir die ganze Geschichte erzählen«, sagte Hermine bittend. »Kann ich rein kommen?«
»Dass du auf alte Männer stehst?«, fragte er gehässig. »Das habe ich grade gesehen. Keine Erklärung nötig.«
»So ist das nicht. Bitte, Harry«, flehte sie. Sie öffnete langsam die Tür.
Harry saß auf seinem Bett. Er schnaubte freudlos. Er sah sie nicht an. »Ach, nein? Hast du deswegen mit Ron Schluss gemacht? Er ist dir wahrscheinlich viel zu jung.«
»Harry, bitte. Das ist unfair«, sagte Hermine leise.
»Unfair? Nein, das ist absolut pervers! Warum hast du dich eigentlich so geziert? Es muss dir doch bestens in den Kram gepasst haben, dass wir dir vorgeschlagen haben, hier einzuziehen.« Harry sah auf und rümpfte die Nase. »Und dass mein Pate –«, er spuckte das Wort förmlich aus, »– noch nicht mal vor dir halt macht – ihr seid krank!«
»Du kennst die Wahrheit nicht. Hör mir bitte zu.«
»Ich will da gar nichts drüber wissen!« Er reckte herausfordernd das Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust.
Hermine seufzte resignierend und schloss die Augen. »Wenn du bereit bist mir zuzuhören, dann komm bitte nach unten«, sagte sie leise und verließ dann das Zimmer. Niedergeschlagen ging sie die Treppe hinunter.
»Mine! Was ist los? Sirius hat gefragt, ob ich sofort herkommen kann. Er wollte mir nicht sagen warum.« Ginny kam ihr auf der Treppe entgegen.
»Ich will Harry die Wahrheit sagen.«
»Wirklich?«, fragte Ginny überrascht. »Bist du dir sicher? Ich meine, ich freue mich, dass ich dann kein Geheimnis mehr vor ihm haben muss, aber wieso? Du wolltest doch, dass niemand davon weiß.«
»Ich habe keine Wahl. Wenn er mich deswegen hasst, ist das besser als das, was jetzt los ist«, sagte Hermine kryptisch.
»Was ist los?«
Hermine seufzte erneut. »Ich habe nicht nachgedacht. Ich habe vorhin… also… ich habe Sirius geküsst.« Zum Ende hin wurde sie immer leiser und Ginny hatte Schwierigkeiten, sie zu verstehen. »Harry hat das gesehen und will mir nicht zuhören.«
Ginny quietschte begeistert und griff nach Hermines Schultern.
»Tu nicht so, als ob du dir das nicht hättest denken können. Das war nicht die wichtige Information«, sagte die Brünette.
Ginny grinste ertappt. »Doch klar ist das wichtig! Und das andere bekommen wir auch wieder hin! Ich hole Harry nach unten, gib mir fünf Minuten. – Oh, ich freu mich so für dich!«, sagte sie begeistert, umarmte Hermine kurz und lief dann nach oben.
Hermine ging in ihr eigenes Zimmer und holte die Holzbox mit den Briefen, sie wollte sie Harry auch zeigen, wenn er bereit dafür war. Als die Brünette ins Wohnzimmer kam, wartete Sirius auf sie.
»Kommen Harry und Ginny gleich?«
»Ich hoffe. Harry will nicht mit mir reden«, sagte sie traurig.
»Kopf hoch, das wird schon, wenn er die ganze Geschichte erst mal kennt.« Sirius nahm sie tröstend in den Arm.
Hermine lehnte sich gegen ihn und sah ihn an. »Hoffentlich hast du recht.«
Sirius küsste sie sanft auf die Stirn, als es im Kamin zu Rauschen begann. James stieg aus den grünen Flammen und grinste breit, als er seine beiden Freunde sah. »Störe ich?«, feixte er und klopfte sich den Ruß von den Klamotten.
»Dafür hätte ich dich mit Sicherheit nicht hergebeten«, flachste Sirius. »Trotzdem scheint dein Sohn sein Timing von dir geerbt zu haben."
James ging zu den beiden und klopfte ihnen auf die Schultern. »Ich freue mich für euch!«
»HARRY JAMES POTTER!«, hörten sie Ginny keifen.
»Oh…«, machte James und sah irritiert zur Tür.
»Weißt du schon, was los ist?«, fragte Hermine und löste sich von Sirius.
»Du willst ihm von deiner Zeitreise erzählen.«
»Ja«, bestätigte sie und setzte sich auf das Sofa. »Er hat mitbekommen… Es ist notwendig.« Verlegen wandte sie den Blick ab. James sah sie überrascht an, stellte aber keine Frage, weil Harry und Ginny ins Wohnzimmer kamen. Harrys Ausdruck wechselte von angefressen zu überrascht. »Dad! Was machst du hier?«
»Ich bin Teil dieser Geschichte«, sagte James und setzte sich zu Hermine.
»Was?! Steht sie auch – Au!« Ginny hatte ihm kräftig auf den Hinterkopf geschlagen. Sich die Stelle reibend, funkelte er sie böse an.
»Setz dich hin und hör zu. Das ist alles ganz anders, als du es dir jetzt ausmalst«, sagte Ginny und schob Harry in den Raum.
»Das war jetzt nicht unbedingt die beste Wortwahl, Krone«, murmelte Sirius und James verzog das Gesicht, als ihm eine Idee kam, was Harry vielleicht gesehen hatte. Dazu passte auch Sirius' Kommentar mit dem Timing ganz wunderbar.
»Also, was muss ich unbedingt hören?«, fragte Harry schnippisch.
Hermine wusste nicht genau, wie sie anfangen sollte. James kam ihr zur Hilfe. »Erinnerst du dich daran, dass ich dir mal erzählt habe, dass deine Mum eine Freundin hatte, die sie nie wiedersehen konnte?« Erstaunt sah Hermine zu ihm.
»Was hat das hiermit zu tun?«, fragte Harry verwirrt.
Als James ihr aufmunternd zunickte, antwortete Hermine. »Ich bin diese Freundin. Ich bin Jean Grant.«
»Spinnt ihr? Wie soll das denn möglich sein?« Hilfesuchende guckte Harry Ginny an.
»Ich kenne die Geschichte schon. Und ich glaube es. Und ich freue mich für Hermine und Sirius«, antwortete die Rothaarige und lächelte die beiden aufmunternd an.
»Ich habe am Anfang unseres siebten Schuljahres eine unbeabsichtigte Zeitreise gemacht und landete im Abschlussjahr deiner Eltern.«
»Das bedeutet, ich kenne Hermine seit fast zweiundzwanzig Jahren. Sie hat mich direkt umgehauen, als ich sie das erste Mal gesehen habe«, sagte Sirius und sah zu Hermine.
Harry wirkte völlig vor den Kopf geschlagen und Hermine erzählte mit Unterstützung der beiden Rumtreiber die ganze Geschichte ihrer Zeitreise. Ginny erfuhr dabei auch noch das eine oder andere Detail, das sie nicht kannte. Stundenlang saßen sie im Wohnzimmer und Harry hörte einfach nur zu.
»Ich kam zurück und es war direkt klar, dass die Vergangenheit sich verändert hatte. Nach und nach erfuhr ich, was sich geändert hatte. Darüber werde ich nichts erzählen, weil es jetzt unwichtig ist. Ich habe Ginny irgendwann eingeweiht, als sie glaubte, ich wäre nicht ich, weil ich mich so anders verhalten habe. Sie hat mir viel dabei geholfen, mich in der neuen Zeit zurecht zu finden. Ich habe fast ein Jahr lang versucht zu vergessen, was in den Siebzigern passiert ist, weil ich dachte… Bis heute Morgen, da habe ich kapituliert.«
Harry sah inzwischen völlig erschlagen aus.
Hermine griff nach der Holzbox und strich wehmütig über den Deckel. »Das hier hat James mir an Weihnachten gegeben. Deine Mum hat mir Briefe geschrieben, nachdem Sirius sie eingeweiht hatte. Sie hat über alles, das ihr wichtig war, geschrieben. Den letzten Brief schrieb sie nur Momente vor ihrem Tod. Wenn du willst, kannst du sie lesen.« Als Harry zaghaft nickte, stand sie auf und gab ihm die Box. »Willst du sie alleine lesen?«
»Ich glaube, ja«, sagte er zögernd.
»Lasst uns in die Küche gehen«, schlug James vor. Ginny stand ebenfalls auf, drückte Harrys Schulter und folgte den anderen aus dem Raum.
Um sich abzulenken, kochte Hermine Kaffee und Tee. James und Ginny setzten sich an den Tisch, während Hermine fahrig Tassen aus dem Schrank holte. Sirius lehnte an der Arbeitsplatte und sah ihr besorgt zu. Er griff nach ihren Händen, als sie die Tassen zum Tisch bringen wollte. »Versuch dich zu entspannen. Es ist alles gut«, sagte er leise.
»Er hat gar nichts gesagt«, flüsterte sie besorgt.
»Es war ziemlich viel, er muss das erst mal sacken lassen«, sagte James.
Es dauerte etwa eine Stunde. Dann stand Harry in der Tür. Er weinte und sah auf einen Brief in seiner Hand. Er schaute auf und zu Hermine. »Sie hat sich gewünscht, dass wir Freunde werden«, sagte er erstickt.
Hermine konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. »Ja.« Sie ging auf ihn zu und schloss ihn in die Arme.
»Es tut mir leid«, flüsterte er leise.
»Nichts muss dir leidtun. Ich hätte dir schon früher davon erzählen sollen, aber ich hatte Angst vor deiner Reaktion.«
»Das kann ich sogar irgendwie verstehen«, nuschelte Harry und lächelte zaghaft. »Ich bin grade ein bisschen neidisch, weil du meine Mum kennst.«
Hermine drückte Harry noch einmal an sich und ließ ihn dann los.
»Also meine beste Freundin und mein Pate, ja?«, fragte Harry und verzog das Gesicht. »Daran werde ich mich wohl gewöhnen müssen. Aber eins verstehe ich nicht. Dir muss doch klar gewesen sein, dass das irgendwie Probleme gibt, wenn du zurückkommst. Auch wenn ich jetzt das Problem war«, sagte er zerknirscht.
»Nein, solche Probleme hätte es nie geben sollen«, sagte sie und sah Harry an, dass er mehr wissen wollte. »Der Zeitreiseforscher war sich sicher, dass ich jetzt vierzig Jahre alt sein müsste.«
»Das hast du eben gesagt, ja. Aber dann hätten wir ja auch direkt davon erfahren. Wieso hast du also nichts gesagt?«
»Ich dachte, ich müsste es nicht. Ich war nicht gealtert und niemand sah mir diese Zeitreise an. Und ich dachte, ich könnte vergessen, was passiert war.«
»Du wusstest doch aber, dass du Dad, Sirius und Remus irgendwann wiedersehen würdest«, erwiderte Harry.
»Das hat einen Grund, der mit meiner Vergangenheit zusammenhängt…«, zögerlich entscheid sie, Harry von der größten Änderung zu erzählen. »Ich erzähle dir das nur, damit du meine Beweggründe besser verstehen kannst. Alle waren zum Zeitpunkt meiner Zeitreise Tod. Ich ging davon aus, niemanden wiederzusehen und vierzig Jahre alt zu sein.«
»Mines Zeitreise hat dafür gesorgt, dass dein Dad überlebt und das hat sehr viel verändert«, sagte Ginny.
»Du kennst die Veränderungen?«, fragte Harry.
»Nein, nicht mehr als das«, antwortete sie und schlug vor, wieder ins Wohnzimmer hinüber zu gehen.
»Was ich mich seit einiger Zeit frage, warum war ich damals gestorben?«, fragte James, als er sich in einen Sessel setzte. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich Alice im Stich gelassen hätte. Und ich wüsste nicht, warum der Angriff nur jetzt passiert sein soll.«
»Inzwischen habe ich eine Theorie dazu«, sagte Hermine. Sie hatte sich auf eines der Sofas gesetzt und Sirius neben ihr sah sie jetzt aufmerksam an. Harry und Ginny hatten auf dem zweiten Sofa Platz genommen und wirkten neugierig. »Die Briefe haben mich darauf gebracht. Ich halte es für denkbar, dass eure Freundschaft mit Alice damals nicht so stark war. Lily erzählte mir am Anfang des Schuljahres, dass Alice ganz nett sei. Die ersten Tage habe ich Alice auch nicht wirklich gesehen. Sie hing nicht bei euch rum. Ich hatte auch nicht den Eindruck, dass Lily und Alice gute Freundinnen waren. Das kam erst, als Lily und ich anfingen, mit euch herum zu hängen und Alice sich uns anschloss.«
»Das liegt vielleicht auch daran, dass Frank schon mit der Schule fertig war. Das wäre vielleicht auch ohne dich so gekommen«, überlegte James.
»Ja und nein. Ihr fünf kanntet irgendwann die Wahrheit über mich. Und das war das größte Geheimnis, das ihr gemeinsam hattet. Nachdem ich weg war, hat dieses Wissen euch enorm zusammengeschweißt, weil ihr nur unter euch darüber sprechen konntet. Ich glaube, ohne dieses Geheimnis und die Freundschaft zu mir wäre eure Freundschaft nicht so stark gewesen und Alice und Frank wären Lily und dir nicht so wichtig gewesen, als dass du dein Leben für sie riskieren würdest, indem du dein Versteck verlässt, um ihnen zu helfen. Und weil es das beim ersten Mal nicht gab, bist du damals zu Hause geblieben und gemeinsam mit Lily gestorben. Denn klar ist, die Veränderung muss etwas mit meiner Anwesenheit zu tun haben. Nur so kann ich es mir erklären.«
»Klingt irgendwie schlüssig«, überlegte Sirius.
»Und Sirius und Remus?«, fragte Harry.
Hermine schüttelte den Kopf. »Ich will dir nicht so viel davon erzählen. Das ist diesmal nicht geschehen und unwichtig.«
»Nur noch das, bitte«, sagte Harry vorsichtig.
»Bei Remus weiß ich es nicht. Er war in der letzten Schlacht gestorben«, sagte Hermine seufzend.
Sirius nahm ihre Hand und drückte sie. »Ich habe den Kampf im Ministerium überlebt, weil ich Hermine geholfen habe, weil ich wusste, wer sie ist.«
»Und jetzt reden wir nicht mehr darüber«, sagte Hermine. Harry brauchte ihrer Meinung nach nicht mehr darüber wissen. Selbst diese Information war unnötig gewesen.
James verabschiedete sich bald. Harry starrte nachdenklich auf einen Punkt in der Luft. Hermine war sich nicht sicher, ob er lieber alleine sein oder Gesellschaft haben wollte. Sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte.
»Ich setze mal frischen Tee auf. Hilfst du mir, Mine?«, fragte Ginny.
Die Angesprochene nickte, froh darüber, etwas zu tun zu haben und folgte der Rothaarigen in die Küche.
»Das ist doch ganz gut gelaufen«, sagte Ginny und lächelte Hermine an.
»Ich weiß nicht, wie ich jetzt mit ihm umgehen soll. Er hat ja kaum was dazu gesagt«, gab Hermine zu, als sie den Teekessel mit Wasser füllte.
»Einfach ganz normal. Aber ich würde vorschlagen, du und Sirius solltet euch in seiner Gegenwart erst mal ein bisschen zurückhalten, bis er das alles verarbeitet hat.« Ginny zwinkerte ihr grinsend zu.
Hermine wurde rot und murmelte verlegen: »Wir haben noch gar nicht darüber gesprochen, was das jetzt bedeutet.«
Ginny sah sie kopfschüttelnd an. »Und sie lebten glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit«, sagte sie übertrieben seufzend und klimperte mit den Wimpern. Dann wurde sie wieder ernst. »Warum bist du so unsicher?«
»Ich weiß es nicht. Was ist, wenn alle anderen genauso reagieren wie Harry? Deine Eltern zum Beispiel. Ich will niemanden mehr einweihen, sonst könnte ich auch gleich einen Artikel für den Tagespropheten schreiben«, äußerte Hermine ihre Bedenken.
»Ganz ehrlich?«, fing Ginny gelassen an und legte Hermine einen Arm um die Schultern. »Das kann dir egal sein. Es ist dein Leben und du entscheidest, mit wem du es verbringen willst. Du bist niemandem Rechenschaft schuldig. Du bist es noch nicht mal Harry gegenüber. Ich finde es aber gut, dass du es ihm erzählt hast, es betrifft ihn ja irgendwie indirekt.«
»Das hat Sirius auch gesagt.«
»Und alle anderen interessiert es einen schmutzigen Kessel. Wenn du niemanden mehr einweihen willst, dann tust du es auch nicht. Du musst deine Gefühle nicht rechtfertigen. Irgendwann werden es alle akzeptieren, ohne den Hintergrund zu kennen.«
»Danke, Ginny!«, sagte Hermine und nahm die Freundin in den Arm. Sie fühlte sich jetzt etwas besser. Als der Tee fertig war, gingen die beiden wieder in das Wohnzimmer rüber. Ginny hielt Hermine vor der Tür auf, als sie Stimmen hörte.
»Ich verstehe das nicht. Seit ich mich erinnern kann, hast du es nie lange mit irgendeiner Frau ausgehalten und ständig neue Bekanntschaften gehabt. Warum soll das jetzt plötzlich anders sein? Sie ist halb so alt wie du«, fragte Harry gerade.
»Ich habe zwanzig Jahre auf ihre Rückkehr gewartet und liebe sie immer noch, habe es die ganze Zeit über getan, Harry. Unser Alter spielt für mich absolut keine Rolle mehr. Es wäre mir auch egal, wenn sie plötzlich sechzig wäre.«
»Wieso dann die anderen Frauen?«
»Muss ich dir jetzt etwas über Männer und ihre Bedürfnisse erzählen?«, fragte Sirius, als Hermine entschied, genug gehört zu haben und das Wohnzimmer betrat.
»Ich wusste von Anfang an, auf wen ich mich eingelassen habe, Harry«, sagte Hermine, als sie den Tee auf den Tisch stellte. »Als ich ihm damals gesagt habe, wer ich bin und er mir versprochen hat, auf mich zu warten, habe ich ihm gesagt, dass er nicht auf mich warten kann. Ich glaubte ja, dass er nicht da sein würde, wenn ich zurückkam. Und ich habe mir auch nie Illusinen darüber gemacht, dass, sollte dieser unwahrscheinliche Fall eintreten, er zwanzig Jahre keine andere Frau haben würde. Das hätte ich auch niemals erwartet.«
»Aber –«
»Kein ›aber‹, Harry«, mischte Ginny sich ein. »Das geht nur Hermine und Sirius etwas an. Du musst es nicht verstehen, nur akzeptieren.« Sie griff nach seinem Arm. »Komm, wir gehen hoch. Du hast die beiden heute bei ihrem ersten Kuss seit über zwanzig Jahren gestört. Die haben noch Dinge zu bereden.« Harry verzog das Gesicht, als Ginny mit den Augenbrauen wackelte und Hermine wurde rot. Ginny kicherte und zwinkerte Sirius zu, als sie Harry aus dem Wohnzimmer bugsierte.
»Sie könnte wirklich Alice zwei Punkt null sein«, sagte Sirius grinsend. Er stand auf, ging zu Hermine rüber und nahm sie in den Arm. »Ich muss also nicht davon ausgehen, dass du mir eine Szene machst, weil es andere Frauen gab?«, fragte er leise.
Sie schlang ihre Arme um seine Taille und sah ihm in die Augen. »Nein. Wie ich sagte, ich wusste ganz genau, auf wen ich mich eingelassen habe«, sagte sie neckend.
»Warum klingt das in meinen Ohren, als würdest du mich für einen Schwerenöter halten?«, fragte er mit skeptisch hochgezogener Augenbraue nach.
»Ich hätte das Wort ›Charmeur‹ gewählt«, sagte sie grinsend.
»Hmm…«, machte er nachdenkend. »Ich glaube, damit kann ich leben.« Er stupste mit der Nase gegen ihre. »Ich habe dich vermisst, Jean.« Er küsste sie sanft und kurz. »Also, was hältst du davon, wir zwei gegen den Rest der Welt?«
»Ich liebe dich, Sirius Black«, flüsterte sie und zog ihn dicht an sich. Sie küsste ihn leidenschaftlich und voller Gefühl.
Sirius gab kleine, seufzende, genießende Geräusche von sich und taumelte mit ihr zum Sofa. Sie verloren den Halt und er purzelte vom Sofa auf den Boden. Sirius setzte sich auf, lehnte sich an das Möbel und lächelte Hermine an, als sie neben ihn auf den Boden rutschte. »Ich liebe dich, Hermine.«
Entspannt und selig lächelnd legte sie ihren Kopf auf seine Schulter und nahm seine Hand in ihre. »Gegen den Rest der Welt – meinst du, wir schaffen das?«
»Wer, wenn nicht wir?«
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Epilog
