„Ich verstehe es nicht. Was ist daran jetzt so toll?"
„Dessert.", grummelte Katakuri in seinen Schal hinein. Die Diskussion verlief seit 15 Minuten mit mehr oder weniger genau diesen Worten. Langsam aber sicher verlor Katakuri die Geduld mit seinem jüngeren Bruder. Das merke er vor allem daran, dass seine rechte Schläfe anfing zu pochen. Das tat sie immer nur bei Cracker und immer nur dann, wenn dieser die gleichen sinnlosen Phrasen wiederholte. Oder überhaupt redete. Oder nur anwesend war.
„Hihihihi. Kata, die Ader in deiner rechten Schläfe macht wieder dieses lustige Ding, wo sie anschwillt. Jetzt fängt sie auch an zu pulsiert. Hey, ist die schonmal geplatzt?"
„Nein."
2 Sekunden stille. Cracker taxierte ihn abschätzig vom Beifahrersitz aus.
„Dessert, he? Wir sind Charlottes, wir haben genug Desserts zu Hause. Warum schleifst du mich dafür in ein Restaurant am anderen Ende der Stadt?"
„Zum letzten Mal, Cracker, ich schleife dich nirgendwo hin! Ich wollte essen gehen und du bist einfach ins Auto gestiegen!"
Das tat Cracker übrigens in der letzten Zeit in überaus irritierender Regelmäßigkeit: Katakuri überhall hin folgen. Oder bei ihm auftauchen, ohne vorab Bescheid zu geben natürlich, alle Sachen anfassen, die sein älterer Bruder besaß, und mindestens die Hälfte davon fallen lassen. Und alles natürlich während er unablässig sinnlosen Stuss aus seinem Mund absonderte. Kata liebte seinen Bruder, das tat er wirklich. Er wäre nur froh, wenn jemand anderes die Aufmerksamkeit des hyperaktiven 45-jährigen Kleinkindes auf dem Beifahrersitz auf sich ziehen würde. Wenigstens für ein paar Wochen.
Endlich am Restaurant angekommen, schaffte es Cracker immerhin ein paar Minuten ruhig zu sein, während die beiden ins Restaurant gingen und von der Bedienung an einen Tisch geführt wurden.
Noch bevor die Kellnerin den beiden die Speisekarten aushändigte, fragte Sie mit Blick zu Katakuri: „Wollen Sie einen Blick in unsere Karte werfen oder darf es das Übliche sein, Herr Charlotte?"
„Das übliche."
„Zweimal!", rief Cracker schnell. Als ob irgendjemand ihn übersehen könnte…. oder überhören.
„Natürlich die Herren!", antwortete die Kellnerin, „heute ist es hier recht ruhig, ich denke sie kommt gleich."
Katakuri starrte Cracker wortlos an.
"Was?", fragte dieser daraufhin.
"Du kannst was eigenes bestellen."
„Nein, nein nein! Ich will sehen, warum du ständig hierherkommst! Das lass ich mir nicht entgehen!", antwortete Cracker. „Wer kommt da jetzt eigentlich gleich raus?"
„Die Patissière."
„Aaaaah.", kurze Stille. Himmlische Stille.
„Kata?"
„Was?"
„Warum kommt die Patissière gleich raus?"
Katakuri wollte seinem kleinen Bruder gerade mitteilen, dass er dass dann schon sieht, wenn es soweit ist, als die Schwingtür zur Küche aufging und ein Trupp von 3 Leuten heraus kam. Zwei Kellner trugen Tabletts mit diversen Köstlichkeiten und hinter ihnen ging die Patissière Emma.
Die Tabletts wurden auf einen Beistelltisch abgestellt, der zuvor zu diesem Zweck neben den Tisch der beiden Brüder platziert wurde. Davor stellte sich nun Emma mit einem strahlenden Lächeln und hinter dem Rücken verschränken Armen auf.
„Hallo Kata! Schön dich wieder zu sehen! Wer ist dein Freund?"
„Hallo Emma. Mein Bruder Cracker."
„Hallo Cracker! Freut mich sehr dich kennenzulernen! Da du das erste Mal bei uns bist, erkläre ich dir wie das abläuft. Ihr habt unsere Hausspezialität bestellt: das Live-Plating der von mir persönlich kreierten Dessert-Variationen. Heute haben wir verschiedene Cremes, Sorbets, Mille Feuilles, Macarons und Pralinen im Angebot. Du kannst mir gerne sagen, welche Geschmacksrichtung dir am liebsten ist, z.B. eher fruchtig oder schokoladig. Oder du sagst mir was du von dem hier alles probieren möchtest", dabei machte sie mit ihrem rechten Arm eine Geste zu den Tabletts.
„Oder du nimmst wie Katakuri immer ein bisschen was von allem", als sie den Namen seines Bruders aussprach, legte Sie ihre linke Hand ganz sacht auf Katakuris linken Oberarm und sah diesem direkt in die Augen. Der Kontakt dauerte höchstens 1 Sekunde. Und doch hatte er das geschafft, was seit Crackers 3. Lebensjahr nichts und niemand mehr geschafft hatte: er war absolut sprachlos! Nicht nur, dass diese Frau seinen Bruder duzte und ihn mit seinem Spitznamen ansprach! Nein, sie berührte ihn am Arm als wäre es das Natürlichste auf der ganzen Welt! Und Kata saß da und ließ sie machen, ohne sie anzuschnauzen, oder ihrer Berührung auszuweichen. Im Gegenteil: während Emmas kleiner Rede sah Katakuri sie unverwandt an und nickte ihr sogar kurz zu als sie ihn ansah. Als wollte er allem zustimmen was sie sagte und tat.
„Cracker?" oh jetzt sah sie plötzlich ihn an.
„Hä?", Cracker konnte förmlich spüren wie sein Bruder bei dieser eloquenten Nachfrage die Augen verdrehte.
Emma lächelte ihn sanft an und wiederholte ihre Frage: „Was darf ich dir servieren?"
„Ich nehme was von allem, bitte!"
Daraufhin nahm Emma einen Löffel in die rechte Hand und begann damit, die Cremes mit routinierten Handbewegungen in akkuraten Bögen und Tupfen auf zwei großen Tellern zu verteilen. Danach folgten die Sorbets, dann die restlichen Köstlichkeiten. Während des Live Platings erklärte Sie ausführlich, um was es sich handelt, welche Zutaten sie verwendet hatte und bei exotischen Zutaten auch, woher sie sie bezieht und wie sie sie verarbeitet hatte.
Cracker hörte ihr allerdings nur halbherzig zu. Er nutzte die Zeit dafür, Emma genau zu mustern. Sie hatte dunkelbraune, weiche Augen und ein symmetrisches hübsches Gesicht, das noch schöner wurde, wenn sie lächelte. Die braunen Haare konnte er unter dem Haarnetz unter ihrer Kochmütze erkennen. Er schätzte, dass sie eine schlanke Figur hatte, allerdings war dies unter der unvorteilhaften Kochuniform, die sie trug nur schwer zu erkenne. Sie hatte eine ruhige, angenehme Stimme, mit der sie selbstbewusst ihre kleine Rede vortrug. Alles in allem, machte sie einen angenehmen und sympathischen Eindruck.
Sein Blick ging wieder über den Tisch zu Katakuri. Sein Bruder sah Emma weiterhin unverwandt an. Der Blick seiner Augen war nicht scharf und kalkulieren, wie er in der Regel ist, wenn Katakuri Menschen, die nicht zu der Familie gehören, ansieht. Sein Blick war fast weich und liebevoll. So wie er seine kleinen Schwestern ansieht, wenn diese einen extra für ihn einstudierten Tanz präsentieren.
„So, ich wünsche euch beiden einen guten Appetit! Lasst es euch schmecken!"
Cracker entging nicht, dass Emma bei diesen Worten nochmals ganz sacht ihre Hand auf Katakuris Arm legte. Es entging ihm auch nicht, dass er selbst diese Zuwendung nicht bekam.
Als erstes probierte er einen gelben Macaron, der es als letztes auf seinen Teller geschafft hatte. Wie er erwartet hatte (denn Macarons werden traditionell mit dem Geschmack gefüllt, der der äußeren Farbe entspricht) war dieser mit einer leichten Zitronen-Ganache gefüllt. Was er nicht erwartet hatte war der kleine Kern aus Minzpesto, der den zitronigen Geschmack perfekt unterstützte und ausbalancierte. Er konnte sich noch gerade so ein Stöhnen verkneifen.
„Ok, das hier IST verdammt gut! Dafür würde ich auch einmal die Woche quer durch die Stadt fahren!"
Von der anderen Seite des Tisches kam nur ein zustimmendes Grunzen. Am liebsten hätte Cracker seinen Bruder gelöchert. Was zur Hölle lief da bitte zwischen ihm und Emma? Kata war während des Gespräches dermaßen auf Emma fixiert gewesen, dass Cracker bezweifelte, dass Kata irgendetwas außer ihr bemerkt hatte. Sein Bruder war offensichtlich total in die süße Patissière verknallt! Und er wusste nicht, dass Cracker das wusste. Also beschloss letzterer, sich einzumischen. Dann hätte er endlich mal wieder was Interessantes zu tun! Und wenn er es geschickt anstellte, könnte er Kata parallel auch damit so richtig auf die Nerven gehen, was immer total lustig war. Also hieß es jetzt ganz cool bleiben, und sich nichts anmerken lassen.
Als die beiden aufgegessen hatten, kam Emma wieder zu ihnen, um sie zu fragen ob es ihnen geschmeckt hatte.
„Das war einfach perfekt! Ich habe Desserts von dieser Qualität nur selten außerhalb unserer eigenen Cafés gegessen!"
Emma strahlte Cracker nach diesem Lob regelrecht an. „Vielen Dank! Das bedeutet mir die Welt! Ich habe mit den Backbüchern eurer Mutter als Kind damals das Backen gelernt."
„Aber das war nicht das Beste heute.", fuhr Cracker fort," das Beste war die Show!" Dabei machte er eine wage Bewegung mit der rechten Hand über den Tisch und sah abwechselnd von Emma zu seinem Bruder und wieder zurück.
„Danke?", antwortete Emma verlegen.
„Nein wirklich! Das was hier eben passiert ist, war das mit Abstand Wunderbarste, was mir seit langem passiert ist!" Nach dieser Bemerkung schnellten Katakuris Augen zu seinem Bruder. Das war das Zeichen für Cracker, jetzt lieber ein anderes Thema anzuschlagen, bevor Kata zu misstrauisch wurde.
„Gehört dir dieses Restaurant?" versuchte er schnell die Kurve zu kriegen.
„Nein, ich bin hier nur angestellt. Das Baratie gehört Sanji, einem guten Freund von mir."
Es gelang Cracker noch, Emma mit Smalltalk für ein paar Minuten an ihrem Tisch zu halten. Dann erschien allerdings ein blonder Koch mit seltsam geformten Augenbrauen in der Tür zur Küche und hielt sie wieder zur Arbeit an.
„Soooooo, Netflix?"
Der Blick, mit dem Katakuri ihn daraufhin bedachte machte Cracker klar, dass er seinen Bruder für heute genug genervt hatte.
Das war jetzt fast genau 4 Wochen her. 4 Wochen in denen Katakuri seinen Bruder nur beim obligatorischen Sonntagstee bei Mama gesehen hatte. Und selbst da saß Cracker immer wie zufällig am anderen Ende der Tafel und quatschte unentwegt mit Angel und Custard. Dieses Trio vereint zu sehen, verhieß in der Regel schon nichts Gutes. Aber die absolute Funkstille, die zwischen ihm und Cracker herrschte, war mehr als ungewöhnlich. Das alles konnte nur 2 Dinge bedeuten: entweder Cracker heckte etwas unfassbar Dämliches aus oder er hatte eine neue Freundin und war daher auf etwas anderes fixiert.
Jedenfalls hatte er jetzt genug gewartet, dachte sich Katakuri als er die Klingel zur Wohnung seines Bruders betätigte.
„AAAh shit, machst du bitte auf?" Katakuri konnte die Stimme seines Bruders nur gedämpft durch die Wohnungstür hören.
„Also doch nichts Dämliches, sondern eine Freundin. Bitte lass es keine dämliche Freundin sein!", ging es ihm durch den Kopf als er darauf wartete, dass jemand die Tür öffnete.
Auf das was er sah war er allerdings nicht im Mindesten vorbereitet. Sobald die Tür vollständig geöffnet war, schaute er in die warmen braunen Augen von Emma.
