Zerbrechlich

Toru erkannt Saori Shirosaki sofort, als er in der lauen Septembernacht das Earth Angel betrat, obwohl sie, für ihre Verhältnisse sehr unüblich, ein langes grünes Kleid mit großzügigem Brust- und Beinausschnitt trug. Als Kontrast zu ihrem Körper sah das Seitenprofil ihres Gesichts mit dem zur Seite geflochtenem dunklen Haar fast unschuldig aus. Ihr Anblick ließ ihn innehalten und fast wieder kehrt machen. Eigentlich hatte er nur einen letzten abendlichen Drink nehmen wollen. Auf diese Begegnung war er nicht vorbereitet gewesen. Wahrscheinlich hätte er tatsächlich die Bar sofort wieder verlassen, wäre ihr Blick nicht in diesem Moment zur Tür und damit zu ihm geflogen.

Ein kleines Lächeln umspielte ihre roten Lippen, während ihm flau im Magen wurde. Sie trug auch noch Lippenstift.

Langsam setzte sich Toru wieder in die Bewegung und kam auf sie zu. „Ich nehme an, dass hier noch frei ist", sagte er und zog den Stuhl neben ihr heraus, um sich zu setzen. „Was machst du hier?"

Saoris Blick wurde plötzlich trotzig. „Ich bin hier um Männer kennen zu lernen. Spaß zu haben."

Überrascht hob Toru die Augenbraue. Er bestellte kurz einen Whiskey bei der Mama, ehe er sich wieder zu ihr wandte. Prüfend beobachtete er sie dabei, wie sie einen großen Schluck aus ihrem Glas nahm. Natürlich hatte er von ihrer erst kürzlichen Trennung von Hoshino erfahren, kannte aber nur die groben Details. Ein Heiratsantrag von ihm, Ablehnung ihrerseits, Trennung seinerseits. Plötzlich wirkte nicht nur ihr Blick trotzig auf ihn, sondern alles – von ihrer Erscheinung, bis hin zu ihrer Anwesenheit in dieser Bar. Er glaubt, sie durchschaut zu haben.

„Und weil du Männern kennen lernen und Spaß haben willst, hast du dir eine Kneipe ausgesucht, in die sich kaum ein Mensch verirrt?", fragte er und nahm seinen Whiskey von der Mama entgegen.

Saoris Gesichtsausdruck wurde wieder weicher. Sie kam plötzlich seinem Gesicht näher und lächelte lasziv. Toru versteifte sich und seine Hand schloss sich automatisch fester um sein Glas.

„Jetzt bist du ja hier", sagte sie mit vergnüglicher Stimme.

„Das ist nicht fair", flüsterte er.

Augenblicklich erstarb Saoris Lächeln. Sie nahm sofort wieder Abstand. „Das ist nicht echt."

„Was meinst du?"

„Was du glaubst für mich zu empfinden."

Toru wusste nicht was ihn mehr überraschte. Ihre unverblümte Direktheit oder die Tatsache, dass sie sich seiner Gefühle im Klaren war. Er wusste allerdings, dass ihm die Situation begann verdammt unangenehm zu werden. Ihr waren die Drinks bereits zu Kopf gestiegen. Anders konnte er sich ihr Verhalten nicht erklären. Er hatte sie in ihren wenigen Begegnungen miteinander schon das ein oder andere Mal rigoros erlebt, aber er hatte immer den Eindruck gehabt, dass sie es vorzog zurückhaltend im Hintergrund zu bleiben. Für ihn passte die Saori, die er kannte, nicht mit der Frau zusammen, die gerade vor ihm saß.

Gerne hätte er sie gefragt ob Hoshino wirklich der Grund für ihre Anwesenheit und ihr Verhalten war, und danach, was zwischen ihnen genau vorgefallen war, aber Toru wusste nicht, ob er die Details ihrer Geschichte verkraften konnte. Außerdem wollte er nicht der Mann sein, an dessen Schulter man seine Tränen trocknete und der dann dabei zusehen musste, wie diejenige wieder in den Armen eines anderen landete.

„Wilde Behauptung", erwiderte er ausweichend. „Ich habe nicht gesagt, dass ich etwas für dich empfinde."

Saori sah nicht überzeugt aus und ihr Blick wurde analysierend. Toru nahm einen großen Schluck aus seinem Glas. Mehr, als er sonst eigentlich nehmen würde, aber er wollte so schnell wie möglich dieser Begegnung wieder entkommen. Der Alkohol brannte auf seiner Zunge und schloss ihn sofort warm in die Arme, half dabei, die aufkeimende Nervosität zu unterdrücken.

„Ich würde gerne tanzen gehen", sagte sie auf einmal. „Begleitest du mich?"

Ihre Frage hatte Toru so überrumpelt, dass ihm die Ablehnung regelrecht im Hals stecken blieb. Saori fasste sein Schweigen als Zustimmung auf. Sie schenkte ihm ein breites Lächeln, wogegen ihm sich leicht der Magen umdrehte.


Es war laut und heiß in dem Nachtclub und Toru fühlte sich wie in einem verrückten Film, während er sich mit zwei vollen Gläsern durch die Menge drängte und nach Saori suchte. Sie stand nicht mehr dort wo er sie verlassen hatte, stattdessen fanden seine Augen sie nun auf der Tanzfläche. Ausgelassen bewegte sie sich mit dem Rhythmus der Musik. Im ersten Moment überwältigte ihn ihr ungewöhnlicher Anblick. War er nicht bereits fasziniert von ihrer Schönheit, wäre er es spätestens jetzt gewesen. Je länger er sie jedoch anstarrte und dabei zusah, wie sie leidenschaftlich ihre Hüften kreisen ließ, desto trauriger wirkte sie auf ihn. Plötzlich wurde ihm das erste Mal an diesem Abend bewusst, dass er genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war.

Heute war sie nicht die starke Frau, die sie sonst vor Gericht war. Heute war sie zerbrechlich und brauchte wahrscheinlich das erste Mal in ihrem Leben wirklich jemanden, der auf sie aufpasste.

Toru kämpfte sich zu ihr auf die Tanzfläche. Als sie ihn entdeckte, lächelte sie. Sie nahm mit einem dankbaren Blick das volle Glas entgegen. Gierig trank sie daraus und Toru schob sie an einen ruhigeren Ort abseits der tanzenden Körper und bunten Lichter.

„Ich bin so froh, dass du mitgenommen bist!", sagte sie schließlich strahlend.

Für Toru war es nur ein weiteres Zeichen, dass sie heute Abend nicht Herr ihrer Sinne war. Noch nie hatte er sie so viel lächeln gesehen. Es stand ihr, aber es war beängstigend.

„Wie hätte ich mir diesen Spaß auch entgegen lassen können?"

Toru konnte sich den Sarkasmus nicht verkneifen. Seitdem er in den 30ern war, standen wilde Clubnächte ziemlich weit unten in der Liste an Dingen, die er als spaßig empfand, aber das war ein saurer Apfel, in den er mit seiner neu gewonnen Erkenntnis beißen konnte. Dass der Alkohol mittlerweile auch seine Sinne etwas benebelte, half sicher ebenfalls das Ganze etwas erträglicher zu machen.

„Ich will mit dir tanzen", verlangte Saori und Toru wusste nicht, ob er bereits genug Alkohol intus hatte, um das ebenfalls verkraften zu können.

Zu allem Überfluss griff sie nach seiner Hand. Die Berührung ihrer zarten Finger jagte einen Schauer über seinen Rücken. Toru leistete Widerstand, ehe ihn Saori mit sich zurück auf die Tanzfläche zerren konnte.

„Shirosaki-sensei, lass uns erst austrinken", bat er.

Saori kicherte. Sie unschuldig wie ein kleines Mädchen kichern zu hören war wahrscheinlich ein weiteres Detail dieses Abends, das er nicht so schnell vergessen würde.

„Nenn mich Saori", sagte sie. „Ich darf dich doch auch Toru nennen, oder?"

Toru nickte. Wieder mal blieben ihm die Worte im Hals stecken. Er konnte nur daran denken, wie sie bereits viel zu lange seine Hand hielt und wie vertraut diese Geste war. Statt mit ihr zu tanzen, hätte er sie am liebsten gegen die Wand gedrückt und sie geküsst, aber es hatte dafür noch nie einen unpassenderen Abend als diesen gegeben.

Saori kippte den Inhalt ihres Glases regelrecht hinunter und sie drängte ihn dazu, es ihr gleich zu tun. Als er endlich geleert hatte, bekam sie ihren Willen und gingen zurück auf die Tanzfläche. Toru war erleichtert, dass Beats aus den Lautsprechern drangen, die Saori dazu veranlassten sich wild im Rhythmus der Musik zu bewegen, aber keinen direkten Körperkontakt zu ihm zu suchen. Die Temperaturen stiegen von Minute zu Minute an und er verfluchte sich dafür, dass er heute ein Hemd und Jackett trug. Er fühlte sich wie ein Fremdkörper unter den flackernden Lichtern und ausgelassen feiernden Menschen, während er krampfhaft versuchte es ihnen gleich zu tun.

Gefühlt vergingen unzählige Lieder und irgendwann spürte er plötzlich doch Saoris Körper. Sie war gegen ihn gesackt und Toru umschloss sie sofort mit seinen Armen, um einen Sturz zu verhindern.

„Alles gut bei dir?", fragte er besorgt und versuchte einen Blick auf ihr Gesicht zu erhaschen.

Sie hob den Kopf. Einige Haarsträhnen klebten ihr im verschwitzen Gesicht. Sie sah erschöpft aus, aber ein breites Lächeln lag ihr auf den Lippen. „Ich brauche wohl etwas frische Luft", sagte sie müde.

„Wir können gehen?", schlug Toru hoffnungsvoll vor.

Saori nickte. „Ja, wir sollten gehen."

Dieses Mal war er es, der nach ihrer Hand griff. Er befürchtete, sie würde sonst den Boden unter den Füßen verlieren. Gemeinsam verließen sie den Nachtclub und traten auf die schwach beleuchtete Straße. Die leiser werdenden Bässe und die frische Luft fühlten sich in Torus Ohren und Lungen wie ein Segen an. Er ging mit Saori gemeinsam Richtung der Taxistände, als sie sich plötzlich gegen eine der Hausmauern lehnte und ihn zum Stehenbleiben zwang. Ihr Blick fixierte ihn.

„Alles in Ordnung?"

„Ja, ich wollte mich bedanken." Sie lächelte wieder, doch zum ersten Mal wirkte ihr Lächeln wirklich aufrichtig. „Du hast es tapfer durchgezogen, obwohl du den ganzen Abend gehasst hast."

Toru fühlte sich ertappt. Natürlich hatte sie ihn durchschaut. Bemerkenswerte Leistung dafür, dass er sie für ziemlich betrunken hielt. „Ich habe nicht den ganzen Abend gehasst", sagte er gedehnt. „Die ersten zehn Minuten waren ganz interessant."

Während sie ihn lange ansah, lag noch immer ein Lächeln auf ihren Lippen und Toru bemerkte, dass sich in diesem Moment etwas zwischen ihnen veränderte. Ihr Blick war erwartungsvoll geworden. Er wollte ihre Hand loslassen und sich von ihr abwenden, doch es war zu spät.

„Ich warte auf deinen Kuss", flüsterte sie fast verschämt.

Sein Herz begann zu flattern. Er musste tief durchatmen. „Ich kann nicht."

Saoris Blick wurde traurig. „Das ist nicht echt."

„Warum sagst du das immer wieder?"

„Ich bin verkleidet. Hohe Schuhe, tiefer Ausschnitt, Make-up – das bin ich nicht. Es ist die hübsche Variante, die dir den Kopf verdreht, aber nicht mein wahres Ich."

Toru wusste wie unvernünftig es war ihr näher zu kommen. Plötzlich stand er direkt vor ihr, hatte seine Hand zwischen Hausmauer und ihren Rücken gelegt und drückte sie an sich. Der erste Impuls hätte ihn fast dazu verleitet alles über Board zu werfen und ihr zu zeigen wie aufrichtig seine Gefühle ihr gegenüber waren, aber dann wurde ihm fast im selben Atemzug noch bewusst, wie sehr er gerade dabei war sich die Finger zu verbrennen.

Er schluckte, während sie ihn lediglich mit großen Augen überrascht anstarrte. „Alles was ich fühle ist echt", sagte er mit fast rauer Stimme.

Saori Blick wurde wieder erwartungsvoller, war dieses Mal fast wie hypnotisierend. Ein Kribbeln rannte ihm über den Körper, als er mit seiner freien Hand ihren nackten Hals berührte. Ihre Haut fühlte sich kühl unter seinen Fingern an. Sie hielt ihren Atem an. Toru beugte sich zu ihr hinunter und berührte mit seinen Lippen sanft ihre Wange. Saori atmete wieder aus, als er sich von ihrem Gesicht entfernte.

Auf einmal griff sie nach dem Kragen seines Hemdes und zog ihn wieder an ihr Gesicht heran. Dieses Mal war er es, der die Luft anhielt. Einige Zentimeter vor seinem Mund verharrte sie allerdings.

„Tut mir leid", wisperte sie erschrocken. „Ich verhalte mich heute Abend wirklich unmöglich."

„Du scheinst einen schlechten Tag zu haben. Die hat jeder mal."

Alles in ihm wünschte sich, sie hätte es nicht selbst gestoppt, aber die kaum vorhandene Vernunft in ihm wusste, dass es so am Besten war. Ihr Schmerz war kein guter Nährboden dafür, ebenfalls Gefühle für ihn zu entwickeln.

Ein schwaches Lächeln umspielte Saoris Lippen, als sie ihn endlich wieder losließ. „Du bist zu gut für diese Welt", sagte sie und stieß sich wieder von der Mauer ab. „Ich sollte nun wirklich nach Hause gehen."

Toru nickte. Er wollte wieder nach ihrer Hand greifen, doch alleine der Gedanke daran fühlte sich wie Feuer auf seiner Haut an. Schweigend gingen sie nebeneinander her zu einem Taxi. Sie verabschiedeten sich, doch bevor Saori in das Innere des Autos verschwand, hielt sie nochmal kurz inne. Zum ersten Mal an diesem Abend war sie kaum in der Lage ihm in die Augen zu sehen.

„Du darfst nicht auf mich warten. Du könntest jemanden verpassen, der es ehrlich mit dir meint."

Sie sprach nichts aus, was ihm nicht selbst bewusst war, aber das so deutlich klar und direkt von ihr zu hören, riss ihm fast den Boden unter den Füßen weg. Er wartete darauf, sie würde weitersprechen, ihn darum bitten doch zu warten und ihm damit auch nur einen winzigen Funken Hoffnung geben, aber das tat sie nicht. Sie stieg ein, schloss die Tür und Toru sah dabei zu, wie das Taxi in der Nacht verschwand.

Toru realisierte, dass nicht nur sie in dieser Nacht zerbrechlich gewesen war.


Ende