Anmerkung: Ich habe mich immer gewundert, warum Fran so herzlich zu Jocelyn war und ihr Benehmen auf der Hochzeit nie wieder Thema war. Daraus ist diese Geschichte entstanden.
Wiedersehen mit Jocelyn!
Fran stürmte in das Büro ihres Mannes und wollte gerade anfangen ihm von dem Besuch bei ihrer Mutter zu erzählen, als sie merkte er war gerade am Telefonieren. Maxwell Sheffield hatte einen genervten Gesichtsausdruck. „Selbstverständlich weiß ich, dass Andrew Lloyd Webbers neueste Show demnächst auf dem Broadway Premiere hat. Bei den Tonnen von Plakaten gibt es vermutlich in ganz New York keine Menschenseele, die davon nichts mitbekommen hat. Natürlich bin Ich mir auch völlig im Klaren, wie schwierig sich im Moment die Suche nach einem Hotelzimmer gestaltet, aber vielen Dank, dass du mich nochmal an diese Tatsache erinnerst."
Fran zuckte zusammen, so leise wie sie konnte, trat sie zu ihrem Mann und versuchte ihn zu beruhigen, indem sie ihm die Schultern massierte. Gleichzeitig brannte sie darauf zu erfahren mit wem er telefonierte und wer die Chuzpe besaß, ihn auf Andrew Lloyd Webber anzusprechen.
„Ja, na gut von mir aus. Ich werde Niles bitten, er soll ein Gästezimmer für dich vorbereiten. Ja ist schon gut. Wir sehen uns dann nächsten Freitag!"
Sichtlich gestresst und erschöpft legte Maxwell den Hörer auf die Gabel. Fran, noch neugieriger geworden, setzte sich an ihren gewohnten Platz auf dem Schreibtisch und sah ihren Mann an.
„Hast du die Güte mir zu verraten, wen wir ab nächsten Freitag beherbergen?"
Sie merkte, wie Maxwell mit seiner Antwort herumdruckste. Völlig entgeistert und entsetzt schrie sie.
„Doch nicht etwa deine Mutter?"
Ihr heftiger Ausbruch tat ihr sofort leid, als sie den Blick ihres Mannes vernahm und hastig fügte sie hinzu.
„Entschuldigung, das war jetzt nicht so gemeint... aber du weißt ja…"
Maxwell nahm seine Brille ab und rieb sich müde die Augen, „Ja ich weiß meine Mutter ist eine sehr spezielle Frau, aber ich kann dich beruhigen. Sie ist es nicht die uns besuchen will." Fran seufzte erleichtert auf, blickte ihn jedoch weiterhin fragend an. So lässig wie möglich, ohne Fran jedoch anzuschauen, antwortete er.
„Unser Besuch ist Jocelyn, sie will auf der Durchreise einige Freunde besuchen und konnte kein Hotelzimmer auftreiben." Fran sah ihren Mann mit offenem Mund an.
„Du meinst deine kleine Schwester?"
Maxwell merkte ihre Stimme an, wie sehr sie sich zusammenriss, um nicht wieder zu schreien. Halbherzig versuchte er einen Scherz zu machen.
„Soweit mir bekannt ist, habe ich nur eine Schwester, die Jocelyn heißt."
Er sah Fran an, ihre Augen funkelten vor Zorn, er zog sie auf seinen Schoß und versuchte beruhigend auf sie einzureden. „Darling, ich weiß, du magst sie nicht mehr besonders seit unsere Hochzeit, aber sie ist immerhin meine Schwester und sie bleibt ja auch nur für eine Nacht."
„Was heißt nicht besonders mag?"
Fran schrie nun, sodass sie sicherlich im ganzen Haus und bis weiter nach Queens zu hören war.
„Hast du vergessen, sie hat versucht mit allen Mitteln unserer Hochzeit zu verhindern, wie sie mit ihrem scheinheiligen Gerede vor der Trauung mir die ganze Vorfreude kaputt machen wollte und mir einreden wollte unsere Ehe würde sowieso scheitern, wie sie sowohl dir als auch mir unter die Nase gerieben hat, dass deine Mutter unsere Hochzeit und unsere Ehe niemals dulden wird, weil sie mich verabscheut." Während all dies aus Fran heraus sprudelte, kämpfte sie mit den Tränen. Zärtlich umarmte Maxwell sie noch fester und streichelte ihr über den Rücken und ihre Haare.
„Nein ich habe nichts davon vergessen, Darling. Aber sie ist nun mal meine Schwester und für einen Abend werden wir sie schon ertragen. Außerdem habe ich sowieso den Verdacht, diese ganze Geschichte geht nicht nur auf Jocelyns Konto, sondern meine Mutter wird sie vorher bearbeitet und entsprechend instruiert haben. Nachdem sie einsehen musste, mit ihrer Abwesenheit allein konnte sie die Hochzeit nicht verhindern. Jocelyn war unserer Mutter gegenüber, seit unsere Kindheit schon, immer sehr unterwürfig gewesen. Sie hat die wenige Beachtung und ständige Zurückweisung unserer Mutter noch nie gut ertragen können. Schon als kleines Mädchen hat sie immer alles versucht, es unserer Mutter recht zu machen. Das einzige Mal, wo sie nicht Mamis brave kleine Tochter war, war als sie Lester geheiratet hat und diesen Mut hatte sie wohl auch nur, weil die beiden hier bei uns in New York geheiratet haben und Mutter weit weg in England weilte. Sobald die beiden zurück nach London gereist sind und Jocelyn wieder unter dem Einfluss unserer Mutter stand, hat diese sie mit den Jahren Schritt für Schritt wieder in ihre kleine, artige Jocelyn verwandelt und das Ergebnis haben wir ja gesehen."
Fran war bei Maxwells Ansprache sehr ruhig und nachdenklich geworden. Seine ehrlichen Worte berührten sie tief und trafen sie mitten ins Herz. Sie hatte gespürt, wie sehr er zitterte, als er sprach. Sie hatte sich noch enger an ihn gekuschelt und ihre Finger hatten sanft seine Wangen und seine Hare gestreichelt. Seine Erläuterungen schienen Sinn zu ergeben und vermutlich trafen sie haargenau die Wahrheit. Ihre Wut ebbte nach und nach ab und sie empfand immer größeres Mitleid für ihren Mann und seine Geschwister. Wie schlimm musste es für Jocelyn, Maxwell und auch Nigel gewesen sein, eine Mutter zu haben, die sich nie wirklich um sie gekümmert und die Aufgabe der Erziehung immer Kindermädchen und Internaten überlassen hatte. So sehr ihre Mutter sie manchmal nervte, sie konnte sich kaum vorstellen, wie es wohl sein mochte, gerade als Tochter ohne wirkliche Mutterliebe durchs Leben gehen zu müssen. Versöhnlich stimmte sie zu.
„Na schön, gut für einen Abend werde ich schon irgendwie mit ihr auskommen, aber ich schwöre dir noch ein Wort, dass ich nicht zu dir passe und unsere Ehe nicht halten wird, dann kratz ich ihr, ihre hochnäsigen Augen aus."
Maxwell konnte nicht anders, er musste schmunzeln. Er kannte das Temperament seiner Frau sowie ihr großes Herz und er liebte beides. Seine Lippen strichen sanft über ihre, liebevoll rieb er seine Nase an ihre schließlich küsste er sie zärtlich und ihre Küsse wurden schnell intensiver. Jocelyn und ihr Besuch gerieten schon bald in Vergessenheit.
Der Freitag kam schneller als Fran lieb war und der gefürchtete Abend stand bevor. Maxwell war soeben zum Flughafen aufgebrochen, um seine Schwester abzuholen. Alle im Haus konnten es kaum erwarten, diesen Abend hinter sich zu bringen. Fran war in den letzten Tagen nur schwer zu ertragen gewesen. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, das Haus, die Kinder und sich selbst von der allerbesten Seite zu präsentieren, um Jocelyn zu beweisen, welche perfekte Gattin und Mutter sie war.
Selbst Niles, der in der Regel für all ihre Eskapaden Verständnis zeigte, ertappte sich mehr als einmal bei dem Gedanken Fran heimlich ein Schlafmittel zu verabreichen, damit sie außer Gefecht gesetzt war. Normalerweise überließ Fran die Haushaltsführung ganz Niles kompetenten Händen. Aber diese Woche hatte sich in jedes Detail eingemischt und Niles in den Wahnsinn getrieben. Jocelyns Gästezimmer hatte sie mehrmals täglich inspiziert und war nie zufrieden. Da fehlte noch ein Blumenstrauß, das Bild über der Kommode sollte Niles austauschen, der Obstkorb war zu klein und im Badezimmer fehlte das richtige Seife Arrangement. Zudem gab sie keine Ruhe, bis das Haus in ihren Augen nicht perfekt war, auf allen Teppichen im Haus fand man nicht mehr auch nur einen Fusel, nirgendwo war auch nur noch ein Staubkorn und in jeder Kachel konnte man sich spiegeln. Auch betreffend des Abendessens hatte sie jeden Tag neue Ideen und überfiel den armen Niles immerzu mit anderen Vorschlägen, Empfehlungen und Weisungen. Mittlerweile bekam Niles am ganzen Körper Gänsehaut, wenn er Frans nasale Stimme vernahm, die nach ihm rief.
Niles war jedoch nicht das einzige Opfer, auch die Kinder blieben nicht verschont. Sie schleppte alle drei in jedes Kaufhaus der Stadt, bis sie für jeden das richtige Outfit fand und sie ging mit ihnen in die Chatterbox um sie von Kopf bis Fuß neu zu stylen. Maxwell zwang sie dazu, mit ihr auf Shoppingtour zu gehen, wobei er sich ständig fragte, warum sie ihn mitgenommen hatte. Sie hörte doch nicht auf seine Meinung und wehe, er sagte das Falsche. Sie war tödlich beleidigt gewesen und hatte bei Loehmanns einen fürchterlichen Weinkrampf bekommen, nur weil er gemeint hatte, Beige stünde ihr nicht so gut wie Rot. Am Abend hatten sie sich zwar wieder versöhnt und Fran versprach feierlich, einen Gang runter zu schalten, aber dies hielt nur an solange sie schlief. Nach schier endlosen Tagen war der Freitagabend nun endlich da.
Fran kam in einem eleganten, dunkelblauen Kostüm die Treppe hinunter. Niles war gerade dabei, im Wohnzimmer alles für den Aperitif vorzubereiten. Auf dem Tisch standen die Gläser für den Begrüßungscocktail und die Platten mit dem Imbiss. Fran schnappte sich eines der Häppchen und verschlang es genüsslich. Niles grinste.
„Lassen Sie den anderen freiwillig welche übrig oder soll ich die Platte nochmal mit in die Küche nehmen?"
Fran sah ihn mit einem leicht giftigen Ausdruck an.
„Ich kann mich schon noch zusammenreißen!"
„Sagt eine Frau, die mit Fine Genen geboren wurde!" erwiderte Niles mit einem schelmischen Grinsen. Entrüstet haute sie ihm auf die Schultern.
„Sehen Sie sich vor Niles. Ich bin gerade nicht in Stimmung für ihren britischen Humor." Niles grinste noch breiter.
„Verstehe, die große Begegnung mit der ach so geliebten Schwägerin. Versprechen Sie mir nur eins.."
Fran funkelte ihn an,
„…sollte es zum Ringkampf kommen, lassen Sie mich vorher die Kamera vorbereiten."
Fran schnaubte, rollte mit den Augen und zog eine Schnute. Dann rief sie mit lauter Stimme, so dass Niles zusammen zuckte und sich die Ohren zuhielt.
„Brighton, Maggie, Gracie kommt endlich runter, sie müssen jeden Moment da sein. Los! Los!" Die drei tauchten oben auf der Treppe auf und schritten langsam herunter, alle hatten die eleganten Kleider angezogen, die Fran für sie ausgesucht hatte. Brighton fühlte sich sehr unwohl in seinem Smoking. Er trug nie gerne Anzüge, in denen man sich kaum bewegen konnte. Außerdem nervte die Krawatte. Reichte es nicht, solche Dinger in der Schule tragen zu müssen. Gracie blickte eher mürrisch drein, sie fand ihr Kleid schrecklich. Es hatte Ähnlichkeiten mit dem Matrosenanzug, den einst Nanny Müller für sie gekauft hatte. Zudem fand sie, sie sei inzwischen wirklich zu alt, um eine Schleife im Haar zu tragen. Maggie konnte immer noch nicht fassen, welches Outfit Fran für sie ausgesucht hatte. Normalerweise war Fran die beste Modeberaterin der Welt, aber in diesem schwarzen Trägerkleid mit der weißen Bluse darunter, kam sie sich vor, wie eine Nonnenschülerin.
In all ihren Gesichtern war zu lesen, jeder fieberte dem Abend genauso entgegen wie Fran. Vor allem Brighton und Maggie waren sehr genervt davon, an einem Freitagabend zu Hause sitzen zu müssen und auf traute Harmonie zu machen. Fran ging auf die drei zu und kontrolliere nochmal, ob die Garderobe richtig saß und fuhr allen nochmal in die Haare. Brighton zog genervt seinen Kopf weg.
„Jetzt hör schon auf Fran, du benimmst dich ja schlimmer als eine Brautmutter am Hochzeitstag ihrer Tochter."
Fran blickte ihren Sohn streng an, ließ aber schließlich von ihnen ab und trippelte nervös im Wohnzimmer herum. Die drei Sheffield Kinder sahen sich mit eindeutigen Blicken an und verstanden, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um Fran noch weiter mit irgendwelchen Kommentaren zu reizen. Sie setzen sich alle auf die Couch und warteten bis ihr Vater mit ihrer Tante eintreffen würde.
Die Haustür ging auf und Maxwell erschien mit seiner Schwester in der Eingangshalle.
„Tut mir leid für die Verzögerung, aber der Flieger hatte enorme Verspätung."
Fran gab sich einen Ruck, setzte ein Lächeln auf und reichte ihrer Schwägerin die Hand.
„Hallo Jocelyn, schön dich wieder zu sehen. Wie war deine Anreise?"
Jocelyn reichte Niles ihren Mantel und ohne Frans Hand zu beachten, fuhr sie sich durch die Haare.
„Ach der Flug war ein einzige Tortur, was die manchmal als leichte Turbulenzen angeben und nicht mal einen anständigen Scotch hatten sie in der ersten Klasse. Ich sehe bestimmt fürchterlich aus, ihr entschuldigt mich"
Ohne jemanden zu begrüßen, stürmte sie ins Badezimmer. Fran tauschte mit Maxwell eindeutige Blicke aus, er legte einen Arm um ihre Taille, gab ihr einen Kuss auf die Wange. Er führte Fran zur Couch, setzte sich mit ihr hin und legte ihr einen Arm um die Schulter.
Jocelyn kam aus dem Badezimmer. Sie umarmte nun herzlich ihren Neffen und Nichten. Die Begrüßung zwischen ihr und Fran fiel beiderseitig eher kühl und steif aus. Jocelyn setzte sich auf eine Sofalehne und legte ihre Arme um Gracie.
„Ach ist das schön wieder hier zu sein!"
Niles hatte inzwischen drei Champagnergläser vorbereitet und für die Kinder Orangensaft. Maxwell erhob sein Glas.
„Nun Jocelyn, auf deinen Besuch!" und alle ließen die Gläser klirren.
Die weitere Unterhaltung verlief erstaunlicherweise relativ entspannt und freundlich. Jocelyn erkundigte sich bei allen drei Kids nach Neuigkeiten und wandte sich schließlich an Maxwell und Fran, sie richtete ihnen von vielen Verwandten Grüße aus, alle hatten begeistert von der Hochzeit geschwärmt.
Auch die Stimmung beim Abendessen war recht gelöst, es schien so als würde Jocelyn von der fröhlichen Stimmung, die im Hause Sheffield immer herrschte, angesteckt werden und schon bald erzählte sie lustige Anekdoten von verschiedenen Familienmitgliedern. Jocelyn schien den Abend bei der Familie ihres Bruders immer mehr zu genießen und taute immer mehr auf. Jedoch bemerkte sie sehr wohl, hinter Frans Freundlichkeit und Lächeln verbarg sich noch irgendetwas anderes. Sie spürte manchmal die Blicke ihrer Schwägerin und fühlte sich sehr unwohl dabei. Sie realisierte, sie vermisste Frans herzliche und mitreißende Art, irritiert fragte sie sich, weshalb Fran so kühl und reserviert ihr gegenüber war.
Als die Mahlzeit beendet war, saß die Familie an diesem Abend noch lange zusammen, bis Gracie immer mehr die Augen zufielen. Fran und sie machten sich auf den Weg nach oben, obwohl Gracie inzwischen 12 war und somit kein kleines Mädchen mehr, genoss sie es immer noch, wenn Fran sie abends ins Bett brachte. Maggie und Brighton zogen sich ins Wohnzimmer zurück, um sich einen Film anzusehen.
Schwester und Bruder blieben alleine im Esszimmer und so sprach sie ihn an.
„Kann ich einen Moment in deinem Büro mit dir unter 4 Augen reden?"
„Sicherlich!"
erwiderte er und führte Jocelyn in sein Arbeitszimmer und deutete ihr an, sie möge auf dem grünen Sofa Platz nehmen. „Also, worüber möchtest du mit mir sprechen?"
Jocelyn rieb sich nervös die Hände.
„Es geht um Fran. Ich habe schon den ganzen Abend den Eindruck, mein Besuch ist ihr gar nicht recht. Sie wirft mir die ganze Zeit Blicke zu, die töten könnten. Zudem ist sie furchtbar kühl und abweisend."
Maxwell verschränkte die Arme, lehnte sich an seinen Schreibtisch und sah seine Schwester ernst an.
„Wundert dich das Jocelyn? Nachdem wie du dich auf der Hochzeit ihr gegenüber benommen hast. Ist dir eigentlich bewusst, wie sehr deine Worte sie verletzt haben? Du hast sie zutiefst verunsichert, sie hat geweint und war fast so weit die Hochzeit abzusagen, was ja wohl auch die Idee hinter dieser Ansprache war."
Jocelyn war von den ehrlichen Worten ihres Bruders überrascht. Sie hatte eher erwartet, er würde alles abstreiten.
Es war ihr sichtlich unangenehm, auf die Hochzeit angesprochen zu werden.
„Du musst mir glauben, mir tut diese ganze Geschichte inzwischen unsäglich leid. Aber Mutter hat die ganze Zeit nur davon geredet, wie sehr diese Ehe dir schaden würde und den Kindern. Sie hat so lange auf mich eingeredet, bis ich ihr schließlich versprochen habe, ich würde mein Möglichstes tun, um diese Ehe noch zu verhindern. Sie hat mich dermaßen mit ihren Argumenten überrollt, ich war wirklich der Ansicht, es wäre für dich das Beste die Hochzeit noch abzusagen. Immerhin ist die Ehe zwischen Lester und mir an unseren Unterschieden gescheitert."
„Jocelyn, eure Ehe ist nicht an euren Unterschieden gescheitert, sondern an der Tatsache, dass du es nicht geschafft hast, dich gegen Mutter zu behaupten und ihr Wunsch dir am Ende wichtiger war als deine eigene Ehe und dein eigenes Glück."
Jocelyn sah ihren Bruder entsetzt an, wagte aber nicht zu widersprechen, da sie insgeheim wusste, wie recht er hatte. Er nahm sie an den Schultern,
„Wann wirst du endlich begreifen, du bist inzwischen eine erwachsene selbständige Frau, du bist nicht mehr auf die Meinung unserer Mutter angewiesen! Du musst dein eigenes Leben führen und verspiel es dir nicht mit den Leuten, denen du wirklich am Herzen liegst. Du weißt genau so gut wie ich, Lester hat dich immer aufrichtig geliebt und auch Fran war dir gegenüber immer freundlich und offen."
„Ich weiß ja, du hast recht, aber du hast es ja auch einfach. Du bist hier tausend Meilen weit weg von unserer Mutter. Du bist ihr nicht ständig ausgesetzt. Nigel und du ihr habt euch aus dem Staub gemacht, aber ich sitze da und muss mir tagtäglich Mutters Sorgen anhören"
„Naja ist es nicht viel mehr so, dass du dir das zum Teil freiwillig antust. Du bist kein kleines Mädchen mehr, also nimm dein Leben endlich selbst in die Hand und bewerte die Menschen nach deinem eigenen Urteil und nicht nachdem welches Mutter dir aufzwängt"
Jocelyn sah ihren Bruder erstaunt an. So energisch und bestimmt, hatte er noch nie mit ihr gesprochen.
„Du hast sicherlich recht Bruderherz, die Ehe scheint dir jedenfalls zu bekommen. So überzeugend habe ich dich noch nie erlebt."
„Tja ich bin eben auch klüger geworden. Ich habe schließlich beinahe mit meinen Selbstzweifeln und meinem Zögern alles kaputt gemacht. Als Fran nicht vor dem Altar erschien und die Hochzeit canceln wollte, da habe ich mit einem Mal begriffen, wie sehr ich Fran liebe. Ich habe mit all meinen Worten darum gekämpft, ihr Jawort zu bekommen und ich will mir gar nicht vorstellen, wie das Leben von den Kindern und mir ohne sie verlaufen würde. Natürlich können durchaus Schwierigkeiten entstehen, wenn Arm und Reich sich ineinander verlieben, das möchte ich gar nicht bestreiten und Fran und ich, wir sind so unterschiedlich, du glaubst nicht, wie häufig wir streiten und argumentieren. Aber ein liebevoller Blick von ihr und all dies ist nicht mehr wichtig."
Jocelyn verstand die Botschaft ihres Bruders.
„Meinst du, Fran wird meine Entschuldigung annehmen?" Maxwell grinste.
„Mit Sicherheit und wenn du auf Nummer sicher gehen willst, lass einige Tränen fließen und mach ein betroffenes Gesicht, da kann sie nicht verstehen."
Die beiden Geschwister lachten, umarmten sich und verließen das Büro.
Sie traten ins Wohnzimmer, Fran saß allein auf der Couch und blätterte in einem „People" Magazin. Brighton wollte lieber in seinem Zimmer den Film zu Ende sehen und Maggie hatte sich mit dem Telefon zurückgezogen. Fran sah auf, als Maxwell und seine Schwester näher traten. Niles hatte ihr berichtet, die beiden hätten sich ins Arbeitszimmer zurückgezogen und so hatte sie gehofft, es sei zu einer ehrlichen Aussprache unter den Geschwistern gekommen.
Jocelyn wusste nicht so recht, wie sie anfangen sollte. Sie setzte sich neben Fran.
„Ach der Abend hier bei euch war so amüsant und entspannend, Ich bedauere wirklich, dass ich morgen früh schon wieder abreisen muss."
Maxwell entschied den beiden Frauen eine Gelegenheit zu geben, allein miteinander zu sprechen.
„Wie wäre es mit einem Schlummertrunk? Für dich Darling ein Kakao mit viel Sahne?"
Fran nickte begeistert.
„Was kann ich dir bringen Jocelyn?"
„Ich nehme auch einen Kakao, bitte!"
Maxwell sah seine Schwester verblüfft an, das letzte Mal als Jocelyn Kakao getrunken hatte, da war sie vier gewesen. Er verschwand in Richtung Küche.
Peinliches Schweigen trat ein. Schließlich gab Fran sich einen Ruck.
„Wohin fährst du denn morgen?"
„Ich besuche eine ehemalige Internatsfreundin. Wir haben uns damals aus den Augen verloren und jahrelang keinen Kontakt. Erst neulich sind wir uns auf einer Party wieder begegnet." „Oh das wird sicher lustig, ich finde es immer spannend zu erfahren, was aus den Leuten von früher geworden ist."
„Ja, sicherlich!"
Jocelyn überwand sich.
„Mhh Fran, ich möchte noch eine wichtige Sache loswerden….Also ich wollte mich für mein Benehmen bei eure Hochzeit entschuldigen, es war nicht in Ordnung, wie ich versucht habe dich zu verunsichern und dir die Freude zu verderben. Ich habe vorhin mit Maxwell geredet und er hat mir in einigen Punkten die Augen geöffnet. Ich weiß und habe heute Abend mit eigenen Augen gesehen, Maxwell und du; ihr liebt euch wirklich und ihr seid offenbar glücklich miteinander. Ihr und die Kinder seid eine so schöne Familie, das ist mir heute Abend bewusst geworden, du tust Maxwell und den Kindern gut. Ich hätte ehrlich gesagt nicht geglaubt, sie könnten nochmal so fröhlich sein. Von daher, tut mir wirklich aufrichtig leid."
Fran sah Jocelyn lange an und erkannte an ihrem Blick, diese Entschuldigung war ernst gemeint und kam von Herzen. Zum ersten Mal an diesem Abend lächelte sie ihre Schwägerin wirklich an.
„Ich weiß diese Entschuldigung sehr zu schätzen und es bedeutet mir sehr viel, was du eben gesagt hast. Also Schwamm drüber und ich würde mich wirklich freuen, wenn du uns mal längere Zeit besuchen kommst. Du bist jedenfalls jederzeit herzlich eingeladen."
In ihrer überschwänglichen Art nahm Fran Jocelyn schließlich in ihre Arme, die reagierte erst ein wenig zurückhaltend, freute sich dann jedoch von Herzen.
In diesem Moment kam Maxwell, mit zwei Kakaobecher und einem Brandy zurück.
„Ohh sieht so aus, als müsste ich Niles enttäuschen, der wollte gerade in Vorfreude auf den Ringkampf seine Kamera holen."
Jocelyn und Fran blickten ihn amüsiert an und nahmen ihre Tassen entgegen. Alle drei lehnten sich entspannt zurück und nahmen einen Schluck. Maxwell sah auf und konnte nicht aufhören zu grinsen.
„Was?" fragten Fran und Jocelyn aus einem Mund.
Dann sahen sie sich an. Beide hatten von der Sahne einen ganz weißen Bart. Plötzlich lachten beide schallend los und giggelten wie alberne Teenager.
