Hallo zusammen, was soll ich sagen? Es war ein Selbstläufer :D Eigentlich hatte ich geplant etwas zu Halloween zu schreiben. Es hätte auch ein anderes Genre werden sollen, allerdings hat das Setting dann einfach nicht gepasst UND gleichzeitig hat es auch zu gut zu meiner letzten Kurzgeschichte gepasst, obwohl ich eigentlich gerne das Ende hätte so stehen lassen wollen. Ich denke, dass es nun vier Teile werden. Nichts langes auf jeden Fall, da meine ganze Liebe eigentlich noch in Dornenstadt fließt. Hier ist also mein Werk zu Halloween, leider ohne Halloween und auch ein paar Tage vorher, denn ich bin dann zu dieser Zeit in Japan.
Kapitel 2 – Saori
Saori rieb sich angestrengt die linke Schläfe, während sie der Aussage über ihre Earbuds lauschte und mit verschwommenem Blick die Notizen vor sich besah. Plötzlich ließ sie ein Schatten über ihr erschrocken aufschrecken. Als sie in Higashis Gesicht blickte, stieß sie einen erleichterten Seufzer aus und nahm schnell ihre Stöpsel aus den Ohren.
Ihre Erleichterung hielt allerdings nur wenige Sekunden an, denn Bilder an ihre letzte Begegnung blitzten vor Saoris innerem Auge auf. Wildes Tanzen, sein Körper ganz nah an ihrem, seine Lippen, die zärtlich ihre Wange berührt hatten und der Kuss, der so verheißungsvoll zwischen ihnen in der Luft lag, aber zu dem es nie gekommen war. All das war nun einen Monat her und mittlerweile hatte sich Saori wieder zu einer Begegnung mit ihm mental bereit gefühlt, allerdings war es so unerwartet gekommen, dass es sich jetzt wie ein Schock anfühlt.
„Higashi-san, was machst du hier?" Saori biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte vorwurfsvoller geklungen, als beabsichtigt. Dass er sie so erschreckt hatte, nahm sie ihm allerdings auch etwas übel.
„Ich habe gesehen, dass noch Licht brennt und wollte sehen, ob alles in Ordnung ist", erklärte Higashi und legte die Stirn in Falten, als seine Augen streng über die Berge voller Papier auf ihrem Schreibtisch wanderten. „Weißt du wie spät es ist? Was machst du noch hier?"
Saori warf einen Blick auf die Uhr und stellte überrascht fest, dass es bereits halb elf abends war. Es hätte ihr bewusst sein müssen, denn zusammen mit ihrer Schreibtischlampe strahlte inzwischen seit einiger Zeit die Straßenbeleuchtung von Kamurochos Nachtleben in Gendas Anwaltskanzlei.
„Ich sitze an einem schwierigen Fall." Sie unterdrückte ein Gähnen und griff zur Kaffeetasse auf ihrem Schreibtisch, nur um dann enttäuscht festzustellen, dass diese wieder leer war.
„Ich glaube, davon hattest du heute bereits genug." Higashi nahm ihr entschlossen die Tasse aus der Hand. „Ich werde dir einen Tee machen."
Saori sah ihm nach, als er mit ihrer Tasse in der Küche verschwand und konnte nicht umhin festzustellen, wie sehr ihr seine umsorgende Art gefiel. Inzwischen war ihr Bürostuhl ziemlich unbequem geworden. Sie fühlte sich ausgelaugt und konnte sich kaum mehr konzentrieren, also trottete sie zur Sitzecke der Kanzlei und ließ sich schwerfällig in einen der Sessel fallen. Sie bereute es sofort. Das gemütliche Polster verführte sie regelrecht dazu kurz die Augen zu schließen und Saori gab erschöpft nach. Nach einigen Minuten zuckte sie wieder hoch, als Higashi die dampfende Tasse vorsichtig vor sie auf den Tisch stellte.
„Du solltest nach Hause gehen. Machst du das öfter?" Er setzte sich neben sie und beäugte kritisch ihr Gesicht, doch Saoris Blick blieb an seinen Lippen hängen.
Was vorgefallen ist, ließ sich nicht einfach verdrängen und sie schämte sich zutiefst. Sie hatte schon fast vergessen, dass sie ihm sogar Gefühle für sie unterstellt hatte.
„Hin und wieder."
Higashis Blick wurde vorwurfsvoll. „Wenn du wenigstens absperren würdest. Hier kann jeder einfach reinspazieren."
„Mit mir legt sich keiner an", erwidert Saori trotzig, aber ihr war bewusst, dass er natürlich einen Punkt hatte. Sie arbeitete seit Jahren in einem der härtesten Viertel Tokios und hatte schon das ein oder andere Mal unbeschadet einen gefährlichen Undercover-Einsatz hinter sich gebracht. Das hatte sie abgestumpft und vielleicht sogar unvorsichtig werden lassen.
„Und was sagen Genda-sensei und Hoshino dazu?"
Beim Gedanken an Hoshino überkam Saori leichte Panik. Ihr war klar, dass Higashi auf etwas ganz anderes hinauswollte, als ihr gerade in den Sinn kam. Das Problem war nicht das Wann, sondern das Wer.
„Könntest du mir einen Gefallen tun?"
„Welchen?"
„Würdest du vielleicht Hoshino gegenüber nicht erwähnen, dass wir beide hier zusammen waren?", fragte sie kleinlaut und wich peinlich berührt seinem Blick aus. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie seine Augenbraue in die Höhe schoss.
„Warum ist es ein Problem, wenn wir zusammen sind und bei Yagami oder Kaito wäre es keines?"
„Du weißt warum."
„Nein."
„Du weißt, dass es bei uns was anderes ist. Muss ich mich jetzt wirklich erklären?"
Higashi blieb stumm. So lange, dass Saori sich wieder dazu zwang ihm in die Augen zu sehen. Sein Blick war intensiv geworden, aber vielleicht war das auch nur wieder eine ihrer vermessenen Interpretationen, die sie besser nie wieder laut aussprach, um sich nicht wieder in eine unangenehme Situation mit ihm zu befördern.
„Seid ihr wieder zusammen?", fragte er schließlich.
„Nein."
„Gut."
Saoris Herz beschleunigte und dann sprach sie den ersten Gedanken aus, der sie neben ihrem Beinahe-Kuss und ihrem peinlichen Verhalten die letzten Wochen ebenfalls beschäftigt hatte. „Ich habe gehört, du datest Mari."
Higashis Augen weiteten sich vor Überraschung, gleichzeitig sah er plötzlich verlegen aus. „Woher-?"
„Kaito."
„Natürlich", presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Es war nur ein Abendessen. Eifersüchtig?"
„Nicht im Geringsten."
Was für eine Heuchlerin sie doch war. Es war ihre Bitte gewesen. Seitdem sie es erfahren hatte, bereute sie zutiefst, was sie im September zu ihm gesagt hatte und jetzt saß sie hier und konnte es nicht ehrlich zugeben.
„Gut."
„Gut? Seht ihr euch etwa wieder?"
„Vielleicht."
Saori seufzte frustriert. Das Gespräch mit ihm raubte ihr die letzte Kraft. Die dampfende Tasse Tee stand immer noch unberührt auf dem Tisch, doch Saori war nicht danach abzuwarten bis die heiße Flüssigkeit abgekühlt war. „Ich sollte jetzt nach Hause gehen."
Sie wollte aufstehen, doch Higashi griff nach ihrer Hand. Warm und fest schlossen sich seine langen Finger um die ihren und jagten ihr einen angenehmen Schauer über den Rücken. Irritiert sah Saori ihn an und hätte sich am liebsten losgerissen, weil sie sich von diesen Gefühlen überrumpelt fühlte.
„Süßes, sonst gibt's saures."
„Was-"
„Heute ist Halloween", erwiderte er leichthin.
„Du bist 36."
„Ich will diesen Kuss", sagte er plötzlich. „Ich hätte dich nicht einfach gehen lassen dürfen."
Higashi sprach auf ihre letzte Nacht an. Er hatte sich geweigert, war ihr ausgewichen. Saori war sich albern vorgekommen. Als hätte sie ihn bedrängt. Was sie definitiv auch hatte. Und doch saß er nun vor ihr und bat sie um einen Kuss, obwohl sie ihm mehrmals unterstellt hatte, dass seine Gefühle für sie Einbildung waren, weil er oberflächlich war, und ihm vermittelt hatte, dass sie ihn zwar begehrte, aber selbst sonst nichts empfand.
Nervös entzog Saori ihm ihre Hand und stand auf. Mit zu viel Alkohol im Blut hatte es sich leicht angefühlt mit ihm zu flirten und seine Blicke zu erwidern, aber ihr klarer Kopf war ihr nun im Weg. Sie ging zurück an ihren Schreibtisch und begann hektisch ihre Unterlagen zu sortieren, um ihren Arbeitsplatz einigermaßen ordentlich zu verlassen.
Sie hörte, wie Higashi ebenfalls aufstand. Plötzlich legte sich seine Hand von hinten auf ihren Bauch. Saori erstarrte, als sie seinen Körper an ihrem Hintern spürte.
„Ein Wort von dir und ich höre auf", wisperte er.
Sie schwieg.
Higashi strich ihr das Haar aus dem Nacken und seine warmen Lippen begannen sanft zärtliche Küsse auf ihrer Haut zu platzieren. Saori erschauderte unter seinen Berührungen, aber gewann dadurch die Kontrolle über ihren Körper zurück und drehte sich zu ihm um.
Sie waren wieder in der dunklen Gasse, hatten zuvor getanzt und getrunken. Saori fühlte sich gut, weil sie sich heute Abend als hübsch empfand, aber auch elend, weil sich ihr Herz so leer fühlte. Und da war er. Stark, verlässlich und so bemüht das Richtige zu tun. Er erregte sie. Nicht das erste Mal, aber es war das erste Mal gewesen, dass sie es zugelassen hatte.
Saori griff wieder nach dem Kragen seines Hemds, doch dieses Mal kam auch er ihr entgegen. Niemand zögerte mehr im letzten Moment. Sie schloss die Augen, als sich ihre Lippen berührten und trug die große Hoffnung im Herzen, der Kuss würde den Zauber und die Anziehung zwischen ihnen brechen, aber ihr Herz begann stattdessen wild zu tanzen die gläserne Hoffnung zersprang dabei in tausend Scherben. Saori wollte nicht so fühlen, es nicht so genießen. Sie war erst seit zwei Monaten getrennt und bald würde sich alles ändern. Hoshino hatte nicht verdient was sie ihm angetan hatte. Higashi hatte nicht verdient was sie ihm antun würde. Saori fühlte sich wie der schrecklichste Mensch auf Erden, weil sie es einfach nur genoss und ihm nicht sagte, was sie eigentlich sagen sollte.
Und als Higashi sich wieder atemlos von ihren Lippen löste und mit heiser Stimme „Komm mit zu mir" flüsterte, nickte sie einfach.
Fortsetzung folgt …
