XXXII.


Das Erste, was Nummer Eins wahrnahm, als er wieder zu sich kam, war ein gewaltiger Kater – ungefähr so, als hätte er sich in der Nacht zuvor ein paar Dosen hochprozentiges corellianisches Ale zu viel hinter die Binde gegossen. Sein Schädel dröhnte, sein staubtrockener Schlund kratzte und brannte und er verspürte ein vages Unwohlsein in der Magengegend. Hinzu kam allerdings auch noch ein vielsagendes schmerzhaftes Prickeln in sämtlichen Gliedmaßen, was seine spontane Theorie, dass er einfach nur an den unangenehmen Folgen eines Alkoholrauschs litt, sofort widerlegte.

Tatsächlich wies er alle Symptome auf, die ein Betäubungsschuss auf kurze Entfernung verursachte. (Zumindest war es das, was seine Ausbilder ihm früher erzählt hatten. Er selbst hatte noch nie Gelegenheit dazu gehabt, diesen traurigen Zustand am eigenen Leib zu erleben – bis jetzt!) Und als er so darüber nachgrübelte, fiel ihm wieder ein, dass das Letzte, woran er sich erinnern konnte, eine Serie von bläulichen Energieringen war, die direkt auf ihn zugeflogen waren. Und dann erinnerte er sich auch daran, wer dafür verantwortlich war.

Der kleine Scheißer hat auf mich geschossen! Na warte, wenn ich dich in die Finger kriege...

Doch im Moment sah es leider nicht so aus, als würde Nummer Eins in absehbarer Zukunft irgendjemanden in die Finger kriegen, denn als nächstes bemerkte er, dass er seine Arme nicht bewegen konnte, was vielleicht daran lag, dass sie aus unerfindlichen Gründen über seinen Kopf hinaus ragten. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sein immer noch leicht benebelter Verstand schaltete und er begriff, dass seine Handgelenke an einen Gegenstand gefesselt waren, der sich unter seinen forschenden Fingerkuppen als Tischbein entpuppte. Jedenfalls nahm Nummer Eins das an, denn sehen konnte er es nicht, auch wenn er sich noch so sehr verrenkte. Er konnte absolut gar nichts sehen, weil es um ihn herum stockdunkel war.

Aber nach und nach wurde ihm weiterhin klar, dass er a) ausgestreckt auf dem Boden liegen und b) splitterfasernackt sein musste (abgesehen von seinen Boxershorts, die sein Angreifer ihm offenbar gnädigerweise gelassen hatte!), denn er konnte unter seinem eindeutig entblößten Rücken und seinen ebenso enthüllten Schenkeln und Waden (aber nicht unter seinem immer noch bekleideten Hinterteil!) die harten kühlen leicht gerillten Kunststoffplatten fühlen, die den Bodenbelag in der Durchschnittskabine ausmachten.

Nummer Eins zerrte zornig an seinen Fesseln...

Wahrscheinlich sind das sogar meine eigenen Handschellen... Ich mach diesen verdammten Fratz fertig!

… doch die stabilen Stahlschlingen (ein Standardmodell, aber von hervorragender Qualität!) gaben nicht nach. Nicht um einen Millimeter.

Nummer Eins stieß einen tiefen Seufzer aus, was sofort von einem Stöhnen unmittelbar neben ihm beantwortet wurde. Ein Stöhnen, das nur von seinem Kameraden kommen konnte.

„Crock? He Crock!"

„Jay? Ich kann nichts sehen... Ich bin blind!", jaulte Nummer Zwei, der eben erst aufgewacht war und sofort in Panik geriet, als er seine Augen in undurchdringlicher Finsternis aufschlug.

„Nein, bist du nicht. Der kleine Wichser hat nur das Licht ausgemacht, bevor er getürmt ist. Und nachdem er uns bis auf die Haut ausgezogen und uns hier angebunden hat!"

Nummer Zwei oder Crock, wie er sich inzwischen nannte, sann eine Weile über die ziemlich demütigende Situation nach, in der sie sich nun befanden.

„Oh Mann! Das ist jetzt aber richtig peinlich... Die anderen werden sich totlachen, wenn sie uns so finden."

„Deine Sorgen möchte ich haben", brummte Nummer Eins oder vielmehr Jay vor sich hin, denn er dachte bereits an eine gewisse andere Person, die sich garantiert nicht totlachen würde, wenn sie erfuhr, dass ihr Sprössling seine Wächter mühelos kampfunfähig gemacht hatte und ihnen entwischt war.

„Lord Vader wird uns das Fell über die Ohren ziehen – wenn wir Glück haben!"

„Er ist selber schuld daran."

„Ach ja? Ist ja ganz toll, Crock! Das kannst du ihm von mir aus gerne auf die Nase binden, wenn er uns fragt, wie wir die Sache verbockt haben. Ich bin jetzt schon gespannt, was er dir darauf antwortet. Wahrscheinlich gar nichts. Er wird einfach sein Schwert-Dingsbums nehmen und Hackfleisch aus dir machen – wenn du Glück hast!"

Crock schluckte, war aber nicht bereit zuzugeben, dass er nicht einmal im Traum auf die Idee verfallen wäre, Seiner Lordschaft Vorwürfe zu machen. Stattdessen machte er nun seinem genetischen Bruder Vorwürfe.

„Und deine Schuld ist es auch! Ich hab dir doch gleich gesagt, dass es schief geht, wenn wir es auf diese Tour abziehen. Habe ich dir nicht ausdrücklich gesagt, dass wir lieber erst mal versuchen sollten, mit dem Jungen zu reden? Er ist doch ganz vernünftig – also normalerweise. Wir hätten ihm nur sagen müssen, dass sein Daddy will, dass er in seiner Kabine bleibt, bis wir zu Hause sind, und dass wir zwei so lange auf ihn aufpassen werden. Mehr wäre doch gar nicht nötig gewesen.

Ja, Jay, wir hätten einfach mit ihm reden können, statt gleich mit Blastern in der Hand vor seiner Tür aufzutauchen. Das hat ihn verschreckt! Kein Wunder, dass er durchgedreht ist. Wir haben ihn vergrault. Und jetzt ist er uns abgehauen und wir kriegen jede Menge Ärger."

„Also auf mich hat er nicht gerade verschreckt gewirkt!", knurrte Jay. „Und ich habe immer gewusste, dass er uns irgendwann Ärger macht. Von Anfang an habe ich das gewusst. Blödes verwöhntes Balg!"

„Ach komm schon, Jay! Er ist jung. Er ist gestresst. Wir waren in dem Alter doch genauso. Hatten wir nicht auch mal Stress mit unserem Vater?"

„Crock, wir sind Klone! Wir haben keinen Vater!"

Crock gab ein hörbares Schniefen von sich. „Und was ist mit Major Tahori?", fragte er heiser.

„Tahori war nur unser... na ja... unser Spender. Unser... Original. Kein Vater. Also nicht wirklich", erwiderte Jay.

Die unerwartete Wendung in ihrer Diskussion verstimmte ihn. Ihre Herkunft oder vielmehr die genaue Art ihrer Entstehung war zwar nicht gerade ein Tabuthema zwischen ihnen, aber er zog es trotzdem vor, diese Dinge nicht mehr zu erörtern. Das alles war Schnee von gestern und es war ohnehin völlig irrelevant – das war es jedenfalls, was er sich selbst einredete. Doch sein Kumpan war in dieser Hinsicht schon immer ungewöhnlich dünnhäutig gewesen. Crock war etwas exzentrisch für einen Klon.

„Tahori hat uns aber immer gesagt, dass wir ihn so sehen sollen. Als Vaterfigur."

„Ach du heilige Kakerlake! Wenn er damals für unsere ganze Einheit eine Vaterfigur hätte sein wollen, dann hätte er aber wirklich alle Hände voll zu tun gehabt – bei fast zweitausend Kerlen mitten in den Flegeljahren. Ja, Flegel! Nur gut, dass wir nicht alle so eine Heulsuse waren wie du... Und was hat das mit unserem Problem zu tun?"

„Gar nichts", murmelte Crock, der nun ernsthaft beleidigt war. (Heulsuse! Das hatte wehgetan.) „Ich finde nur... ach, ist ja egal."

„Ganz genau. Total egal! Strengen wir unseren Grips also lieber dafür an, wie wir diesen Schlamassel wieder geradebiegen, wenn wir hier rauskommen. Das heißt meinen Grips – bei dir bin ich mir nämlich gar nicht so sicher, ob du überhaupt so was wie Grütze im Kopf hast."

„Du hast ja sooo Recht, Jay", klang es mürrisch zurück.

„Ja, hab ich. Immer! Und jetzt halt die Klappe. Ich muss nachdenken."

Und so trat ein kontemplatives Schweigen ein, das anhielt, bis sie eine knappe Stunde später endlich befreit wurden...

… und zwar ziemlich genau elf Minuten, nachdem Luke Vader mit der inzwischen von ihm entführten Lambda-Fähre eine aufsehenerregende Flucht hingelegt hatte, ohne sich dabei von Admiral Ozzels wütendem Krakeelen (über Funk!) und dem eher zaghaften Beschuss durch eine sehr verwirrte TIE-Jäger-Staffel auch nur im Geringsten beeindrucken zu lassen...

oOoOoOo

Padmé war so erschöpft, dass sie sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Ihre Bandscheiben protestierten gegen das lange Herumstehen, das ihnen zugemutet worden war, und auch ihre wunden Füße bettelten förmlich darum, dass sie sich endlich irgendwo niederließ und möglicherweise sogar aus ihren eleganten, aber entschieden unbequemen Schuhen herausschlüpfte (was natürlich undenkbar war!).

Sie verließ die mit vielfarbigen Mosaik-Spiralen geschmückte Wand, gegen die sie sich irgendwann gelehnt hatte, um nicht einfach umzusinken, und tappte zu einem der hohen Bogenfenster hinüber, die den weitläufigen Korridor säumten. Der Sims darunter war schmal und so kalt wie eine Marmor-Grabplatte, aber sie hockte sich trotzdem darauf, um ihre verkrampften Muskeln wenigstens ein bisschen zu entlasten.

Sie starrte aus dem Fenster mit Augen, die vor Müdigkeit und auch aus anderen Gründen brannten.

Zu wenig Schlaf und viel zu viel Geflenne, dachte sie.

Draußen entlud sich gerade ein heftiges Gewitter. Es regnete in Strömen. Wassertropfen prasselten gegen die Scheiben wie Hagelkörner und rannen in silbrigen Sturzbächen daran herunter. Im Widerschein der mild leuchtenden kugelförmigen Laternen, die wie Miniaturmonde dahin schwebten und einen der zahllosen Innenhöfe auf dem Palastgelände nur mit sanfter Helligkeit erfüllten, glitzerten sie wie flüssiger Sternstaub, bildeten Perlenstränge aus Licht. Es hatte etwas Poetisches, eine beinahe magische Schönheit, aber Padmé hatte keinen Blick dafür. Nicht heute Abend. Nicht heute Nacht. (Tatsächlich war es schon weit nach Mitternacht. Wo war die Zeit geblieben? Sie konnte es nicht sagen.)

Sie sah zu den vier Gardisten hinüber, die eine riesige Tür flankierten, die zu den kaiserlichen Privatgemächern führte. Es war nicht dasselbe in scharlachrote Roben und Masken gehüllte Quartett, das bei ihrer Ankunft dort gestanden hatte, denn vor einer halben Stunde hatte ein Wachwechsel stattgefunden. Es waren jetzt andere Soldaten, ja. Aber ansonsten hatte sich nichts geändert. Die Neuankömmlinge belauerten jede Bewegung von Padmé mit demselben Argwohn, mit dem auch ihre Vorgänger sie beobachtet hatten, und packten dabei kampflustig die speerartigen Schäfte ihrer zwei Meter langen Stabwaffen, als rechneten sie jederzeit damit, sie einsetzen zu müssen.

Padmé dagegen rechnete schon halb damit, dass man sie mit einer dieser berüchtigten Energie-Piken attackieren würde, wenn sie auch nur den geringsten Fehler machte. Wenn sie zum Beispiel zu laut atmete oder zu schnell oder sonst was. So etwas sollte bei anderen unerwünschten Besuchern gelegentlich schon vorgekommen sein, wenn man den Gerüchten Glauben schenken wollte. Diese Gardisten waren Elitesoldaten, die dem Imperator mit fanatischer Treue ergeben waren, und sie würden nicht einmal davor zurückschrecken, Lady Vader einen deftigen Elektroschock zu verpassen. (Oder sogar Schlimmeres als das!)

Padmé sagte sich, dass das unübersehbare Misstrauen der Männer viel über den gegenwärtig ziemlich degradierten Status von Lady Vader aussagte. Als ob ihre deutlich herabgestufte Position innerhalb der imperialen Hackordnung nicht allein schon dadurch bewiesen worden wäre, dass der Haushofmeister sie einfach in diesen gänzlich unmöblierten (und ziemlich zugigen) Flur gebracht und dort abgestellt hatte wie eine falsch gelieferte Postsendung, statt sie wie üblich in eine luxuriös ausgestattete private Lounge zu führen oder in eines der vielen offiziellen Wartezimmer, wo sie sich wenigstens hätte hinsetzen können.

Padmé begann zu frieren. Fröstelnd zog sie ihre schmalen Schultern zusammen und wickelte sich ein wenig fester in ihren leichten Kapuzenumhang, was aber auch nicht viel half, denn der hauchdünne Überwurf diente eher der Dekoration denn als echtes Kleidungsstück und darunter trug sie nur ein spinnwebzartes Spitzenkleid. Sie hatte nicht erwartet, dass sie an einem Ort stranden würde, an dem eine auf Hochtouren laufende Klimaanlage einen ununterbrochenen Strom von eisigen Böen ausspuckte, die stark genug waren, um nicht nur ihre Mantelzipfel flattern zu lassen. Entweder war man hier übertrieben besorgt um das Wohlbefinden der von Kopf bis Fuß eingemummelten Gardisten (obwohl deren Panzerungen doch sicher über eine ausreichende Luftzirkulation verfügten, nicht wahr?) oder die doch etwas extreme Abkühlung war mit bewusster Grausamkeit dazu gedacht, das Wohlbefinden von allen anderen Anwesenden so weit wie nur möglich zu beeinträchtigen. Diese Absicht hätte immerhin gut zu den fehlenden Sitzgelegenheiten gepasst.

Sie erwog, ihr Fenstersims, das mit jeder Minute härter und kälter zu werden schien, wieder zu verlassen und sich bis zu der breiten und sehr, sehr langen Treppe zurückzuziehen, die sie auf dem Herweg so mühselig erklommen hatte wie einen steilen Bergpfad. Im Treppenhaus wäre sie dieser Zugluft nicht ausgesetzt gewesen und sie hätte sich auf die vielleicht etwas gemütlicheren Stufen setzen können. Doch sie entschied sich dagegen, denn sie wartete nicht nur auf die Rückkehr des Haushofmeisters, der dank der Wachen (und der Überwachungskameras) genau gewusst hätte, wo er sie aufstöbern konnte, sondern auch auf Captain Dhorany, der schon vor über einer Stunde auf eine Art Furage-Mission gegangen war und sie nicht ohne Weiteres wiederfinden würde, wenn er zurückkam. (Es war ernsthaft zu bezweifeln, dass die Gardesoldaten sich dazu herablassen würden, ihr hochmütiges Schweigen lange genug zu brechen, um Dhorany mitzuteilen, wo seine Lady abgeblieben war.)

Und so blieb Padmé lieber doch, wo sie war. Ihre Geduld wurde belohnt (jedenfalls in dieser Hinsicht!), als nur wenige Minuten später Dhorany auf der Bildfläche erschien wie ein Geist, was übrigens auch ganz gut zu ihrer Umgebung gepasst hätte. (Wenn es irgendwo auf Coruscant von Geistern oder ähnlichen Manifestationen von Spukphänomenen geradezu wimmeln musste, dann garantiert hier, wo im Lauf der letzten beiden Jahrzehnte mehr unglückselige Wesen höchst unfreiwillig ihr Leben ausgehaucht hatten als in einem durchschnittlichen städtischen Sterbehospiz!)

Der Captain kam bemerkenswert hastig auf sie, obwohl sein Schritt nicht mehr ganz so schwungvoll war wie bei seinem Aufbruch. Er musste inzwischen ebenso müde sein wie Padmé – zumindest sah er genauso blass und übernächtigt aus wie ihr Spiegelbild im Fensterglas.

„Tut mir Leid, dass es so lange gedauert hat, Mylady. Ich habe mich wirklich beeilt, aber..."

Er beendete seinen Satz mit einem Achselzucken und bot ihr statt weiterer Erklärungen die Dose an, die er bis jetzt in der Hand gehalten hatte, und das mit der Grandezza eines galanten Kavaliers, der seiner Auserwählten ein erlesenes Geschenk überreichte.

Padmé nickte. Sie brauchte keine Details, ihr war auch so klar, dass Dhorany auf seiner Suche einen kleinen Marathonlauf durch unzählige kilometerlange Gänge hatte hinlegen müssen, bis er in dem riesigen unübersichtlichen Gebäudekomplex eine Region erreicht hatte, in der man gewillt war, den niederen körperlichen Bedürfnissen von unwichtigen Gästen immerhin so weit entgegen zu kommen, dass man einen Getränkeautomaten aufgestellt hatte und vielleicht sogar einen anderen Apparat, der etwas Essbares enthielt. Ihre Annahme wurde bestätigt, als der Captain gleich noch ein Mitbringsel aus seiner Jackentasche zauberte, einen länglichen Plastikzylinder mit einer Brotrolle, aus deren Enden die Zipfel eines geräuchertes Würstchens lugten.

„Ich habe mir gedacht...", Dhorany stockte erneut, zu verlegen, um seine fürsorgliche Ader näher zu erläutern. „Sie sollten auch etwas essen, Mylady", sagte er schließlich und übergab ihr die kleine Box.

„Danke, Captain. Das ist so nett von Ihnen. Ich bin sicher, ein kleiner Snack wird mir gut tun", entgegnete Padmé mit Wärme, obwohl sie jetzt schon wusste, dass sie keinen Bissen davon herunterbringen würde. Für das mitgebrachte Mineralwasser aber war sie wirklich dankbar – sie kam fast um vor Durst.

Doch als sie den Verschluss der Dose aufriss und gierig den ersten Schluck trank, musste sie sofort wieder an ihre Tochter denken. Schuldbewusst fragte sie sich, wie lange es wohl her sein mochte, dass Leia etwas zu trinken bekommen hatte. Und wann hatte man ihr etwas zu essen gegeben? Saß auch sie jetzt frierend auf einem steinharten Untergrund in irgendeiner Zelle? Und litt auch sie an Schmerzen, vielleicht sogar an starken Schmerzen, die weit über die geringfügigen kleinen Unannehmlichkeiten hinaus gingen, die ihre Mutter erdulden musste? Hatte man Leia inzwischen etwa schon...

Padmé beendete ihre Überlegungen hastig, als sie spürte, wie sich ihre Kehle zuschnürte und neue Tränen in ihre Augen schossen. Die bloße Vorstellung des Martyriums, das ihre Tochter vielleicht gerade durchmachen musste, brachte sie an den Rand eines Zusammenbruchs. Aber genau das konnte sie sich hier nicht leisten. Sie durfte jetzt keine Schwäche zeigen oder sich gehen lassen. Sie musste sich beherrschen...

Für mein Kind...

… und sie musste Haltung bewahren.

HALTUNG!

Sie ballte die Fäuste, dass sich ihre gepflegten langen Fingernägel in ihre weichen Handflächen bohrten, und biss so fest die Zähne zusammen, dass ihre Kiefergelenke knackten. Ihre enorme Anspannung, ihre rigide Pose war so auffällig, dass die Wachposten sich rührten und unwillkürlich ihre Piken fester umklammerten, auf alles gefasst, während Dhorany einen Schritt näher trat, besorgt, dass sie jeden Moment wieder die Nerven verlieren würde wie bei Leias Verhaftung.

„Mylady... Ist Ihnen schwindelig? Wollen wir vielleicht für einen Augenblick hinausgehen?", erkundigte er sich.

Seine taktvolle Andeutung, dass Lady Vader nur kurz davor war, einen Kreislaufkollaps zu erleiden und in Ohnmacht zu fallen, wie es sich für eine empfindsame Dame auch gehörte, dass sie aber auf keinen Fall beabsichtigte, in einen gellenden Schreikrampf auszubrechen oder über die Leibwächter des Imperators herzufallen, um ihnen die Augen auszukratzen, wirkte auf alle gleichermaßen beschwichtigend. Die Gardisten entspannten sich wieder und Padmé atmete tief durch und riss sich am Riemen, wenn auch nur mühsam.

„Das wird nicht nötig sein, Captain", murmelte sie.

Dhorany setzte gerade zu einem milden Widerspruch an, als der Haushofmeister um die Ecke bog.

Baron Kyr Erassi war ein Chagrianer wie Großvisier Mas Amedda (einer der engsten Vertrauten des Imperators), aber im Gegensatz zu dem dröhnenden Organ seines berühmten Zeitgenossen und Mitbürgers waren die Töne, die seinen Stimmbändern entwichen, eher zarter Natur – ganz wie es sich für einen Höfling aus der allerobersten Schublade geziemte.

„Oh... Sie sind ja immer noch da", zirpte er und seine blaugrauen Lippen wurden schmal vor Missbilligung.

Dass er Padmé mit der Standard-Anredeform „Sie" ansprach (also mit dem Plural-Pronomen der gewöhnlichen Sterblichen!) statt mit der leicht antiquierten, aber bei Hof obligatorischen Höflichkeitsform „Ihr", war nur ein weiterer subtiler Hinweis auf diese neue Respektlosigkeit, diesen Mangel an Ehrerbietung, der dazu gedacht war, Lady Vader zu demütigen und sie in ihre Schranken irgendwo am unteren Ende der Nahrungskette zu verweisen.

Und zum ersten Mal kam es Padmé in den Sinn, dass ihr Ehemann eventuell auch mit dieser Abweisung zu kämpfen hatte, dass auch er gerade in der Luft hing, weil er sozusagen überall nur auf verschlossene Türen stieß. Das mochte sogar der Grund dafür sein, weshalb er keinen Kontakt mit ihr aufnahm, denn wenn Anakin bei seiner ungeduldigen und herrischen Natur etwas unter allen Umständen vermied, dann einen völlig sinnlosen Informationsaustausch über einen Sachverhalt, zu dem es noch gar keine echten Informationen auszutauschen gab. Er war nie besonders mitteilsam gewesen und redselig schon gar nicht. Er war ein Mann der Tat und kein Freund von überflüssigem Blabla – oder jedenfalls war es das, was er von sich selbst behauptete. Padmé war mittlerweile der Meinung, dass seine Wortkargheit eher auf einer soliden Dosis Arroganz und Überheblichkeit basierte (Lord Vader der Große und Mächtige hatte es nicht nötig, sich gegenüber niedrigeren Lebensformen zu erklären oder auch nur zu äußern!), doch das behielt sie klugerweise für sich. Aber immerhin...

Vielleicht will Anakin ja nur abwarten, bis er etwas Neues weiß, bis er definitiv weiß, was mit Leia geschehen wird. Vielleicht will er erst mit mir reden, wenn er mir sagen kann, dass alles wieder gut ist, dass unser Mädchen in Sicherheit ist.

Sie krallte sich an dieser erlösenden Vermutung fest wie an einem Rettungsring und das war auch gut so, denn Baron Erassi erteilte ihr jetzt eine endgültige Abfuhr.

„Es hat absolut keinen Sinn, dass Sie noch länger warten", piepste er in seinem etwas heiser klingenden Tenor geringschätzig. „Sie können heute nicht mehr mit einem Empfang rechnen. Seine Majestät hat sich bereits zurückgezogen und wahrscheinlich sogar schon zur Ruhe begeben."

„Was?!", rief Padmé ungläubig. Und als das blassblaue Antlitz zwischen den gehörnten Kopfanhängseln sich angesichts von so viel aufdringlicher Impertinenz verdüsterte, etwas gedämpfter: „Ich meine... wann dann? Morgen früh?"

„Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Möglicherweise morgen Mittag. Frühestens."

Padmé, die sich völlig umsonst einen halben Tag lang die Beine in den Bauch gestanden hatte, umklammerte ihre Dose mit erstklassigem Wasser aus den Quellen von Raal und überlegte, ob sie das Ding nach dem Haushofmeister werfen sollte. Mit etwas Glück würde es zwischen den Hörnern auf seinem kahlen blauen Schädel hängenbleiben... Und Dhoranys Räucherwurst-Sandwich auch, wenn sie es gleich hinterher warf...

„Also dann morgen Mittag, ja?"

„Oder übermorgen. Oder erst nächste Woche", klang es ungnädig zurück. „Der Kaiser ist sehr beschäftigt, wissen Sie? Sein Terminkalender quillt über."

Irgendwie hörte sich das beinahe so an, als wäre der Baron heimlich empört darüber, dass Lady Vader überhaupt auf die absurde Idee gekommen war, auch nur eine Minute der kostbaren Zeit des Imperators für ihre doch wohl eher trivialen häuslichen Probleme zu beanspruchen.

Übermorgen... Oder erst nächste Woche... Oder auch gar nicht...

Es lief genau so, wie ihr Sohn befürchtet hatte. Der Imperator ließ sie tatsächlich einfach durch seine Lakaien abwimmeln.

Palpatine will mich nicht sehen, weil er Leia nicht begnadigen will, dachte sie mit niederschmetterndem Entsetzen. Er wird keinen Finger für sie rühren... Nicht wenn ich ihn darum bitte... Aber auf Anakin wird er hören. Ganz bestimmt. Er muss auf ihn hören!

Doch ihr eigener Kampf war verloren, bevor er überhaupt begonnen hatte. Dieses Schlachtfeld gehörte eindeutig ihrem Gatten und niemandem sonst, das sah sie durchaus ein. (Sie war davon überzeugt, dass der Imperator nicht einmal Luke zu sich vorlassen würde, um sich eine höchst unerfreuliche Auge-in-Auge-Konfrontation mit dem Erben seines Erben zu ersparen. Und was Padmé anging, so würde er sie einfach hochkantig hinauswerfen oder sogar selber verhaften lassen, wenn sie eine Szene machte.) Ihr blieb nun also nur noch ein halbwegs würdevoller Rückzug – wenn sie das überhaupt fertigbrachte.

Sie winkte kraftlos in Dhoranys Richtung und hauchte: „Gehen wir."

Es war nicht viel mehr als eine angedeutete Bewegung ihrer Mundwinkel, denn sie brachte kaum einen Ton heraus, aber der Captain sprang trotzdem sofort an ihre Seite und bot ihr seinen Arm an. Und Padmé war dankbar für diese Stütze, denn sie war unmittelbar davor, wirklich ohnmächtig zu werden. Ihr Magen drehte sich um, eine würgende Übelkeit stieg in Wellen in ihr auf und füllte ihre Speiseröhre mit ätzender Säure, während sie sich auszumalen versuchte, was Leia alles zustoßen konnte, wenn sie sich noch tagelang in den Klauen der ISB-Schergen befand, den Bluthunden des Imperiums hilflos ausgeliefert. Es war nicht auszudenken…

Später wusste Padmé nicht einmal zu sagen, wie sie ihren Wagen erreicht hatte. Als sie nach einer schier endlosen Wanderung durch die vielen ineinander verschachtelten Haupt- und Nebengebäude und Grünanlagen des Areals endlich auf den Rücksitz ihrer Limousine glitt, merkte sie nur, dass sie bis auf die Haut durchnässt war und dass das schwere geflochtene Knäuel ihres gleichfalls nassen Haars in ihrem Nacken hing wie ein kalter klumpiger Airbag. Und noch während sie entdeckte, dass Dhorany neben ihr ebenfalls triefte und auch sonst aussah wie ein begossener Pudel, kam auch schon ein Strom von Entschuldigungen von dem Vordersitz, der beiden Ankömmlingen galt.

„Das ist nicht meine Schuld, Sir! Bitte glauben Sie mir, Mylady, ich kann wirklich nichts dafür!", verteidigte sich der Chauffeur. „Die haben zu mir gesagt, dass wir nicht in der Tiefgarage für die ganz hohen Tiere parken dürfen, weil unsere VIP-Plakette plötzlich ungültig ist. Und dann haben sie mich einfach rausgeschmissen. Ich wollte dann da vorne im Hof bleiben, aber da haben mich die Wachen auch weggejagt. Ich musste den Wagen hier draußen abstellen, ich konnte gar nicht anders. Ich wollte Ihnen ja wenigstens noch mit einem Regenschirm entgegenlaufen, aber sie haben mich nicht mal mehr durchs Tor gelassen."

„Alles nur Schikane!", murrte Dhorany vor sich hin.

Er schüttelte den Kopf über die kleinliche Boshaftigkeit des Palastpersonals, ließ das aber schnell wieder sein, weil er dabei einen Tropfenschauer abgab wie ein zottiger Hund nach einem unfreiwilligen Bad in einem Teich. Er nahm seine pitschnasse Offiziersmütze ab und bedachte das durchgeweichte formlose Teil mit einem elegischen Blick.

Er nieste, stieß einen resignierten Seufzer aus und sagte zu dem Chauffeur: „Schon gut. Fahren Sie endlich los, Mann, oder wir müssen noch nach Hause schwimmen."

Seine Bedenken waren nicht ganz ungerechtfertigt, denn der Wolkenbruch, der sich über ihnen entladen hatte, war eben dabei, sich in eine mittelprächtige Sintflut zu verwandeln. Es machte fast den Eindruck, als hätten sich die Schleusen des Himmels geöffnet, um zumindest diesen Teil von Imperial City in göttlichem Zorn zu ertränken.

Padmé, die sich verständlicherweise in einer morbiden und auch ziemlich rachsüchtigen Stimmung befand, ertappte sich bei dem Wunsch, den Palast untergehen zu sehen wie ein sinkendes Schiff, sozusagen mit dem Bug voran in ein Seemannsgrab in den undurchdringlichen lichtlosen Tiefen eines höllischen Ozeans, mit Mann und Maus, Kaiser und Hofschranzen dem sicheren Tod und hoffentlich auch einem wahren Fegefeuer aus ewigen Qualen geweiht.

Obwohl das ziemlich lebhafte Bild vor ihrem inneren Auge ihr zuerst eine gewisse finstere Befriedigung verschaffte, versank sie auf dem Heimweg unweigerlich in absoluter Trostlosigkeit. Und als sie sich schließlich in der Eingangshalle der Vader-Residenz von Dhorany verabschiedet hatte und in ihre Gemächer hinein gewankt war, sehnte sich Padmé nur noch danach, sich in ihrem Schlupfloch mit einer bewährten Extradosis Valiin aus der unerträglichen Realität heraus zu katapultieren, um sich wenigstens für ein paar kurze Stunden gnädigem Vergessen hinzugeben.

Aber nicht einmal diese kleine Ruhepause war ihr vergönnt, denn kaum hatte sie ihr Wohnzimmer betreten, als auch schon Maalin und Zonia auf sie zu flatterten wie zwei Perlhühner, in deren Gehege ein mordlustiger Fuchs eingedrungen war, mit gesträubtem Gefieder und gackernd vor Panik.

„Oh Mylady! Wie gut, dass Sie endlich wieder da sind!"

„Wir haben uns solche Sorgen um Sie gemacht! Wir haben schon gedacht, dass Sie gar nicht mehr zurückkommen."

Padmé betrachtete die verstörten Gesichter ihrer Zofen und wusste sofort mit untrüglichem Instinkt, was die beiden jungen Frauen so in Aufruhr versetzt hatte.

„Mein Mann hat angerufen."

Es war eine Feststellung, keine Frage, aber Maalin, die sich grundsätzlich immer als Erste angesprochen fühlte, nickte wie ein kaputter Wackeldackel. Es war, als hätte sie einen Anfall von Schüttellähmung und könnte nie wieder damit aufhören.

Doch Zonia (die generell die Vernünftigere von beiden war!) antwortete: „Sogar schon zweimal. Oh, Ma'am! Seine Lordschaft ist gleich zornig geworden, als wir ihm gesagt haben, dass Sie in den Palast gegangen sind. Aber als Sie vorhin immer noch nicht zu Hause waren..."

„... da hat er uns angeschrien! Er hat gesagt, wir wären zwei hirnlose Trampel, die nicht einmal darauf achten können, dass Sie Ihr Komlink mitnehmen. Er hat gesagt, dass wir nicht einen lausigen Credit wert sind und dass wir gefeuert sind", wimmerte Maalin.

Padmé befingerte mechanisch den leeren Clip an ihrem Gürtel, an dem sonst immer ihr Komlink befestigt war, wenn sie ausging. Dass sie es ausgerechnet heute irgendwo hier in dieser Zimmerflucht liegen gelassen hatte, war so etwas wie Ironie des Schicksals.

Sogar schon zweimal... Ich habe genau zwei Anrufe von ihm verpasst. Und wie oft habe ich IHN heute schon angerufen? Hundertmal? Na ja, nicht ganz, aber es kommt ungefähr hin...

„Werden wir jetzt wirklich entlassen, Mylady? Nachdem wir Ihnen so viele Jahre treu gedient haben? Das ist einfach nicht fair!", jammerte Maalin.

Es war typisch für diese Frau, nur an ihren Job und das damit verbundene großzügige Einkommen zu denken. Aber Padmé brachte es nicht über sich, sie deswegen zu tadeln.

Stattdessen sagte sie müde: „Natürlich nicht. Über meine persönlichen Bediensteten entscheide immer noch ich, nicht Seine Lordschaft!"

Eigentlich war sie sich in diesem Punkt gar nicht so sicher (sie musste an Siri Te'Relkins Kündigung und ähnliche Präzedenzfälle denken!), aber sie hatte jetzt wahrhaftig kein Verlangen danach, sich mit den selbstherrlichen Chef-Allüren ihres Gatten zu beschäftigen. Es gab Wichtigeres zu tun. Zum Beispiel ihre Kleidung los zu werden, die mittlerweile an ihr klebte wie eine mit Raureif beschichtete Folie.

„Ach du meine Güte! Kommen Sie, Mylady, ich helfe Ihnen." Zonia (die auch immer der aufmerksamere und engagiertere Teil dieses Duos war!) trat sofort in Aktion und begann ihre Herrin zu entkleiden. „Worauf wartest du noch? Beweg dich endlich, Maalin!", schimpfte sie, als ihre Kollegin immer noch tatenlos da stand, während sie selbst Padmé bereits aus ihrem Unterrock herausschälte.

Die andere Zofe fing mit sichtbarem Widerwillen das klamme Stoffbündel auf, das ihr in die Arme geschleudert wurde, und entschwand damit.

„Und jetzt müssen Sie sofort ein schönes warmes Bad nehmen", kommandierte Zonia. „Sonst erkälten Sie sich noch."

„Nein, dafür habe ich keine Zeit. Nachher vielleicht. Gib mir einfach meinen Morgenrock. Den warmen roten Frotteemantel bitte, nicht dieses leichte Seidending."

„Dann lassen Sie mich Ihnen wenigstens einen Tee machen", erwiderte Zonia, während sie Padmé fachmännisch in den Frotteemantel verpackte, den sie hastig herbei geholt hatte. „Und essen müssen Sie auch unbedingt etwas. Sie haben seit gestern nichts mehr zu sich genommen, Mylady, nicht ein Häppchen! Sie klappen uns noch zusammen, wenn das so weiter geht. Sie müssen besser auf sich aufpassen." Was sie damit wirklich meinte, war, dass sie besser auf Padmé aufpassen musste. Und aufpassen würde sie auch.

Padmé war gerührt von dem Eifer der Frau. Palpatine, seine Speichellecker und gewisse andere Leute in ihrer näheren Umgebung mochten sie behandeln wie eine Aussätzige, aber es gab immer noch treue Verbündete, die zu ihr hielten und sich um sie kümmerten, und das erfüllte sie mit mehr Wärme als eine Kombination aus heißem Tee, kuscheligen Morgenröcken oder angenehm temperierten Bädern vollbracht hätte.

„Ja. Ein kleiner Imbiss wäre gar nicht schlecht."

Sie dachte an Dhoranys verschmähtes Sandwich und wunderte sich, was wohl daraus geworden sein mochte. Hatte sie es nicht in die Tasche ihres Umhangs gesteckt? Falls ja, hatte Maalin es inzwischen wahrscheinlich schon gefunden und darüber die Nase gerümpft. Aber wen interessierte das schon?

„Danke, Zonia."

Die Zofe machte einen kleinen Knicks und huschte hinaus, entschlossen, im Handumdrehen mit allem zurückzukehren, was ihre Lady brauchen mochte.

Und so kam es, dass Padmé alleine war, als ihr Gemahl sich dazu herabließ, sie noch einmal zu kontaktieren und das ohne jede Rücksicht auf die späte Stunde.

Aber auf eine so banale Nebensächlichkeit wie die Uhrzeit hat er ja noch nie Rücksicht genommen... Wenn er hellwach ist und so aktiv wie ein Hamster in einem Hamsterrad, dann hat gefälligst jeder hellwach und aktiv zu sein – rund um die Uhr, wenn es sein muss!, dachte sie, als ihr Kom gebieterisch klingelte.

Trotzdem (und trotz all der anderen Zumutungen, die sie im Lauf von so vielen Ehejahren hatte hinnehmen müssen!) machte ihr Herz unwillkürlich einen freudigen kleinen Sprung, als das vertraute Gesicht auf dem Monitor auftauchte.

„Anakin... endlich!", hauchte sie. „Ich hatte schon Angst, dass du..."

Doch er fiel ihr prompt ins Wort.

„Du konntest es einfach nicht sein lassen, nicht wahr? Du musstest ihn unbedingt in diese widerwärtige Geschichte mit hineinziehen. Du musstest dich sofort auf ihn stürzen, eine Riesenshow abziehen und ihn damit so aufregen, ihn so auf die Barrikaden bringen, dass er komplett ausgerastet ist. Ich hoffe, du bist zufrieden mit dir, Padmé. Jetzt hast du es endlich geschafft, ihn gegen mich aufzuhetzen, so wie du es schon immer wolltest. Du hast alles verdorben. ALLES!"

Padmé war so bestürzt, dass sie kaum wusste, was sie dieser ungerechten Anschuldigung entgegen setzen sollte.

„Aber... ich war doch gar nicht beim Imperator! Ich wollte zu ihm, ja, aber er hat mich einfach vor der Tür stehen lassen. Ich hatte noch gar keine Gelegenheit..."

„ICH REDE VON LUKE!", donnerte Vader.

„Luke?! Aber warum... Was ist mit Luke? Was hast du mit ihm gemacht?", schrie Padmé, die sofort eine eigene Schuldzuweisung zurückschlug wie einen Smashball in einem Match, das eben in ein Duell auf Leben und Tod ausartete.

„SCHREI MICH NICHT AN!" röhrte Vader. (Dass er selber nie davor zurückscheute, seine Stimme zu erheben, schien ihm nicht aufzufallen.) „Gar nichts habe ich mit ihm gemacht", fuhr er barsch (und wieder etwas gemäßigter) fort. „Ich habe ihm einfach nur klipp und klar gesagt, dass ich dein verkommenes Balg nicht aus dem Morast heraus fischen werde, in den sie selber hineingesprungen ist. Das ist alles."

Padmé starrte ihn nur an, außerstande, auf die erbarmungslose Endgültigkeit in dieser Antwort sofort zu reagieren. Sie konnte fühlen, wie ihr Herz in tausend winzige Scherben zersprang, als ihre letzte Hoffnung so unerbittlich zunichte gemacht wurde.

„Du... du willst Leia im Stich lassen?", wisperte sie schließlich, immer noch fassungslos, ja, völlig entgeistert.

Sie hat mich im Stich gelassen! Ihr alle habt mich im Stich gelassen", entgegnete Vader mit einer Bitterkeit, die tiefer ging, als er jemals zugegeben hätte.

„Was meinst du damit?", rief Padmé. Und dann, von einer plötzlichen Ahnung heimgesucht: „Wo ist Luke? Wo ist mein Sohn?!"

„Er ist weggelaufen! Ja, mein Sohn ist weggelaufen! Führt sich auf wie eine verzogene Rotznase und brennt dann einfach durch... Verlässt sein Schiff, seinen Posten, setzt sich ab wie... wie ein ordinärer zwangsrekrutierter Kadett, der die Hosen voll hat... Desertiert wie ein Feigling!", fauchte Vader. „Aber damit kommt er nicht durch. Ich finde ihn! Und dann kann sich dieser Bengel auf etwas gefasst machen. Ich kann auch härtere Saiten bei ihm aufziehen. Ich werde..."

„HÖR AUF!"

Es bereitete Padmé keine Genugtuung, ihn tatsächlich verstummen zu sehen, nicht die geringste, aber es gab ihr immerhin genug Zeit, ihr bescheidenes Waffenarsenal zu sortieren und zum Gegenangriff zu blasen.

„Hör mir jetzt gut zu, du elender Rabenvater, denn ich sage das nur einmal: Du holst Leia da raus! Du bringst sie nach Hause – heute noch! Und du lässt Luke in Ruhe, wenn... falls er jemals zu uns zurückkommt.

Ich schwöre dir, wenn einem meiner Kinder auch nur ein Haar gekrümmt wird, dann werde ich dir das niemals verzeihen. Und ich werde es dir heimzahlen! Ich werde dich ganz offiziell verlassen – und alle werden erfahren, warum ich das tue. Ich werde dich entlarven! Ich werde jeder Zeitung und jedem TV-Sender von hier bis zum hintersten Winkel der Galaxis ein Interview geben und allen erzählen, was der fabelhafte großartige Lord Vader hinter seiner glänzenden Fassade in Wirklichkeit ist: Ein mieser kleiner Emporkömmling, der aus der untersten Gosse herausgekrochen ist und sich von da aus systematisch in die oberste Liga hinauf gemordet hat. Ein psychopathisches Sith-Monster, das uns alle in Blut ertränkt, nur um seine Machtgier auszuleben.

Du glaubst, alle lassen dich im Stich? Du wirst noch sehen, was es bedeutet, wirklich alleine da zu stehen. Du wirst sehen, wie es dir da oben auf deinem einsamen Gipfel geht, sobald deine künftigen Untertanen wissen, was du so treibst und schon getrieben hast. Sie werden dich hassen wie die Pest! Alle! So wie wir."

Padmé schnappte nach Luft, etwas außer Atem nach diesem vernichtenden Monolog, der in einem Schwall aus ihr herausgeschossen war. Und für ein paar Sekunden genoss sie es, einmal in ihrem Leben Gift und Galle auf diesen Mann gespuckt zu haben – ganz abgesehen davon, dass sie sich endlich von der Seele geredet hatte, was schon viel zu lange in ihr gegärt hatte. Doch ihr Triumph war nur von kurzer Dauer...

Vader war kalkweiß geworden. Und als er sich nun vorbeugte und damit näher an die Kamera heran rückte, wodurch sein Gesicht und vor allem seine Augen Pixel für Pixel größer und deutlicher erkennbar wurden, sah Padmé, dass das gletscherhafte Azurblau seiner Regenbogenhäute einen beunruhigenden Bernsteinschimmer angenommen hatte, der vage an den intensiven topasgelben Raubtierblick des Imperators erinnerte. Es mochte an der Kamera liegen oder an der eher schummerigen Beleuchtung in Vaders Quartier... Oder an etwas ganz anderem...

Und seine Stimme sank zu einem eisigen Flüstern herab, war nur noch das Raunen eines Alptraums in der Nacht, als er sagte: „Ach ja? Dann solltest du jetzt lieber gut zuhören, Padmé, denn was ich dir zu sagen haben, ist keine leere Drohung. Im Gegensatz zu dir meine ich es vollkommen ernst. Also... Wenn du versuchst mich zu verlassen, wenn du auch nur irgendetwas unternimmst, um mich in aller Öffentlichkeit zu blamieren, DANN BRINGE ICH DICH UM!"

Padmés Blut gefror in ihren Adern – sie konnte es ganz deutlich fühlen. Er meinte es wirklich ernst, es bestand kein Zweifel daran...

Vader hielt einen Augenblick lang inne, bevor er ganz sachlich fortfuhr: „Ich bringe erst dich um und dann deine Familie... Ich töte jeden einzelnen Naberrie. Und ich töte auch jeden, der euch gekannt oder auch nur jemals euren Namen gehört hat. Ich lösche die gesamte Nachbarschaft aus... das gesamte Stadtviertel oder gleich ganz Theed... Vielleicht sogar ganz Naboo, wenn ich schon mal dabei bin!

Und bilde dir ja nicht ein, dass der Imperator mich davon abhalten wird. Er hat genug von dir und deinem Theater. Er ist deiner genauso überdrüssig wie ich. Das gilt übrigens auch für Naboo. Diese ewigen Protestnoten und Protestmärsche und was noch alles... Man hat nur noch Ärger mit diesem Planeten und Arbeit, Arbeit, Arbeit! Ein kleiner Denkzettel ist da sowieso schon überfällig. Wenn ich also am Tag X so richtig in Stimmung sein sollte..."

„Du bist wahnsinnig!", wisperte Padmé. „Ihr seid beide wahnsinnig!"

„Das kann schon sein", erwiderte Vader in aller Ruhe. „Ich kann natürlich nicht für Palpatine sprechen, aber wenn ich wahnsinnig bin, dann nur deshalb, weil Schwächlinge wie du mich einfach wahnsinnig machen!

Ich denke, ich habe mich klar genug ausgedrückt, Padmé. Also schlag dir diesen Unsinn lieber ganz schnell aus dem Kopf! Du wirst den Mund halten und die Füße still halten – so wie immer. Und du wirst parieren – so wie immer." Seine Stimme wurde härter, hart wie Obsidian. „Und du wirst nie wieder versuchen, Luke irgendwelche Flausen in den Kopf zu setzen! Das war das letzte Mal, dass du meinen Sohn gegen mich aufgewiegelt hast! Das allerletzte Mal! Verstanden?"

Padmé schwieg. Jedes weitere Wort wäre jetzt zu viel gewesen – wenn sie dazu fähig gewesen wäre, noch etwas zu sagen.

Doch Vader lächelte jetzt – es war unglaublich, aber es war so. Vorausgesetzt, dass man diesen Ausdruck puren Hohns noch als Lächeln bezeichnen konnte...

„Ach übrigens, bevor ich es vergesse... Ich muss leider noch einen kleinen Abstecher nach Carida machen. Aber in zwei oder drei Tagen komme ich nach Hause. Und ich bin ganz sicher, dass du es nach meiner langen, langen Abwesenheit kaum noch erwarten kannst, deinem liebenden Göttergatten endlich mal wieder in die Arme zu sinken. Und bis dahin: Gute Nacht, mein teures Weib! Schlafe süß und selig und träum was Schönes – wenn du kannst!"

Der Bildschirm des Koms erlosch und hinterließ nur noch flirrende Dunkelheit.

Und Padmé, so erschüttert, dass sie nicht einmal mehr weinen konnte, taumelte zu ihrem Bett hinüber, ließ sich darauf fallen und vergrub ihr Gesicht in den Kissen, als könnte sie sich so davor verstecken...


Fortsetzung folgt ...