Geteilte Träume!
Fran springt am nächsten Morgen in bester Stimmung aus dem Bett. Voller Vorfreude auf ihr Date mit Maxwell. Lange steht sie vor dem Kleiderschrank und findet nichts zum Anziehen. Sie entscheidet sich schließlich für ein rotes Kleid. Sie probiert viele Frisuren aus, bis sie mit dem Ergebnis vollkommen zufrieden ist. Sie möchte elegant und erwachsen aussehen. Sie ist gerade dabei, sich fertig zu schminken, als sie wildes Geschrei aus dem Kinderzimmer hört.
Eilig läuft sie hinüber, um nach den Mädchen zu sehen. Ihre Aufgabe war es, die Mädchen morgens fertig zu machen und sie zur Schule und in den Kindergarten zu bringen. Der Rest des Vormittags stand ihr zur freien Verfügung.
Fran hilft Meredith beim Anziehen ihrer Schuluniform und sucht ein Kleid für Susan aus. Sie frisiert beide Mädchen und wenig später sitzen sie alle beim Frühstück.
„Sie sehen heute besonders hübsch aus, Miss Fine! Haben Sie etwas Besonderes vor?" Fran errötet leicht.
„Nein, nicht wirklich, Mrs. Kent. Ich treffe nur die anderen Au Pairs."
Mrs. Kent wirft Fran einen misstrauischen Blick zu. Irgendetwas an ihrer Erscheinung war neu. Sie hatte letzte Nacht sehr wohl beobachtet, wie Fran den Großteil des Abends mit dem jungen Sheffield verbracht hatte. Sie hofft inständig, dass Fran sich nicht in ihn verlieben würde. Nichts gegen Maxwell Sheffield. Er war ein anständiger junger Mann, aber sie kannte seine Eltern und weiß, dass sie niemals ein einfaches Mädchen aus Queens in ihrem Haus dulden würden.
Fran hingegen fühlt sich wegen ihrer Lüge ziemlich unwohl. Aber sie will vorerst niemandem von Maxwell erzählen.
Maxwell war schon eine Stunde vor der Zeit beim Café. Er war so aufgeregt, ob Fran überhaupt kommen würde. Er schlenderte entlang der Geschäfte in der Nähe um sich die Zeit zu vertreiben. Dann fiel ihm ein, dass er kein Geschenk für Fran hatte. Während er in die Schaufenster rein schaute, überlegte er angestrengt, was ihr eine Freude machen könnte. Am Ende entschied er sich für eine Schachtel Pralinen in Herzform. Sie hatte ihm gestern erzählt, wie sehr sie Schokolade liebte. Immer wieder schaute er auf die Uhr. Kurz vor 9 Uhr kam er wieder im Café an.
Er nahm Platz und starrte nervös zum Eingang. Mittlerweile war es schon fünf nach neun. Er befürchtete bereits, dass sie nicht kommen würde.
Fran betritt das Café mit klopfendem Herzen. Sie hat den Rat ihrer Mutter befolgt und noch fünf Minuten gewartet. Ihre Mutter meinte immer zu ihr, es wäre gut, einen Mann ein wenig warten zu lassen. Sie erkennt Maxwell an einem ruhigen Tisch am Fenster. Sein Gesicht strahlt, als er sie sieht. Freudig geht er auf sie zu.
„Ich freue mich, dass du da bist!"
„Danke für die Einladung."
Etwas später, als sie beide ihren Kaffee trinken, plaudern sie amüsiert. Maxwell erzählt ihr, wie es derzeit sei für seinen Vater zu arbeiten.
„Meine Eltern würden mich gerne Jura studieren sehen, damit ich eines Tages das Geschäft meines Vaters weiterführen kann."
Fran bemerkt sein gequältes Gesicht.
„Und was möchtest du machen?" fragt sie Maxwell.
„Ehrlich gesagt sind Theater und Musicals meine große Leidenschaft. Ich habe schon als Kind davon geträumt, eines Tages ein berühmter Broadway-Produzent zu werden. Ich habe im Internat und am College ein paar Theaterstücke inszeniert. Jetzt lese ich in meiner Freizeit Shakespeares klassische Dramen und denke mir Bühnenbilder und Regieanweisungen aus."
Während er spricht, will Fran immer mehr hören. Sie ist beeindruckt von der Hingabe und Begeisterung, mit der er spricht. Sie ist absolut sicher, dass er seinen Weg gehen wird.
„Das musst du unbedingt machen, Max! Auf jeden Fall! Es wäre eine Schande, wenn all deine Ideen und dein Talent verschwendet würden. Ich bin sicher, deine Eltern werden stolz auf dich sein, wenn der Erfolg erstmal kommt."
„Du hast keine Ahnung (er lacht spöttisch). Wenn ich versuche, mit ihnen darüber zu reden, sagen sie nur, ich sollte erwachsen werden und drohen, mich zu enterben."
„Ugh, das ist furchtbar!" schreit Fran so laut, dass einige Leute in ihre Richtung schauen. Fran errötet.
„Ich finde nur, sie sollten dich unterstützen und dir keine Steine in den Weg legen."
„So läuft es in unseren Kreisen eben. Jeder hat seine Rolle und Pflichten zu erfüllen. Man wird nicht gefragt, es wird einfach von dir erwartet."
Fran lächelt ihn mitfühlend an. Sie beginnt zu verstehen, dass es wahrscheinlich nicht nur ein Privileg, sondern auch eine Bürde war, in eine reiche Familie hineingeboren zu werden. Sie nimmt seine Hände in ihre.
„Wenn das wirklich dein Traum ist, solltest du deinem Herzen folgen. Niemand kann von dir verlangen, ein unglückliches Leben zu führen. Ich glaube fest an dich."
Maxwell ist tief berührt von ihren Worten. Er streichelt ihre Hände mit seinen Fingern. Zum ersten Mal hat er das Gefühl, dass ihn jemand versteht und ihm echten Mut zuspricht. Er ist noch glücklicher als vor seiner Begegnung mit ihr.
Die nächsten Stunden reden sie weiter über das Theater, Bücher, die sie gerne lesen und ihre Lieblingsmusik. Es ist schon nach 12 Uhr, als Fran plötzlich hochschreckt.
„Oyy, ich muss los. Susan kommt gleich aus dem Kindergarten nach Hause."
Maxwell bedauert es, bietet ihr aber an, sie nach Hause zu bringen, damit sie nicht zu spät kommt.
So stehen sie kurze Zeit später vor der prachtvollen Villa der Familie Kent. Maxwell fällt etwas anderes ein.
„Warte Francine, ich vergaß. Ich habe ein Geschenk für dich!" Fran packt die Pralinen aus und bedankt sich mit einem Kuss auf die Wange. Der Abschied voneinander fällt beiden schwer. Maxwell fragt Fran, ob sie heute Abend mit ihm ausgehen möchte. Aber sie schüttelt nur traurig den Kopf.
„Ich fürchte, das geht nicht! Mr. und Mrs. Kent gehen heute Abend zu einem Konzert, also muss ich bei den Mädchen bleiben."
„Schade! Ich wünschte, ich wäre Kents kleiner Sohn, dann hättest du wahrscheinlich mehr Zeit für mich."
Fran lacht über seinen Witz. Schließlich gibt sie ihm ihre Telefonnummer. Sie hatte eine eigene Leitung in ihrem Zimmer. Sie drückt ihm noch einen Abschiedskuss auf die Wange und verschwindet im Haus. Maxwell winkt ihr nach, bevor er ins Auto steigt. Er beobachtet, wie in einem Zimmer die Lichter angehen und sieht Fran herum huschen. Er greift nach dem Telefon in seinem Auto und wählt ihre Nummer. „Fran Fine!"
„Hallo! Ich wollte nur sichergehen, dass du mir die richtige Nummer gegeben hast."
Wieder flattern Schmetterlinge in Frans Bauch. Dieser Typ war definitiv ein Volltreffer.
„Keine Sorge, so schnell wirst du mich nicht los. Aber ich muss mich jetzt umziehen."
„Dann leg auf."
„Nein, du legst zuerst auf."
„Nein, du."
So geht es eine Weile hin und her, bis sie beide lachend auflegen. Fran rennt zum Fenster und sieht ihm nach, wie er wegfährt.
Frans Nachmittag verläuft recht ereignislos. Sie spielt mit der kleinen Susan Puppenküche, bis Meredith von der Schule nach Hause kommt. Sie hilft ihr bei den Hausaufgaben und begleitet die Mädchen anschließend zur Ballettstunde. Nach dem Abendessen verbringen die Kinder noch etwas Zeit mit ihren Eltern im Wohnzimmer. Fran räumt derweil das Kinderzimmer auf und macht die Betten. Während sich das Ehepaar Kent für das Konzert fertig macht, badet Fran die Mädchen und lässt sich dabei ordentlich nass spritzen. Während die beide ihre Milch mit Keksen essen, liest sie ihnen eine Geschichte vor. Fran bleibt im Kinderzimmer, bis sie beide eingeschlafen sind.
Sie verabschiedet sich von den Kents und begleitet sie zur Limousine. Sie will gerade ins Haus zurückgehen, als sie einen Schatten sieht, der immer näher kommt. Sie ist kurz davor zu schreien, als ihr blitzschnell eine Hand den Mund zuhält und eine vertraute Stimme ihr zuflüstert:
„Pssst, sei ruhig, ich bin es nur!"
„Mein Gott, Max, du hast mir Angst gemacht! Was machst du so spät noch hier?"
„Ich dachte, wenn die Kents weg sind, könnte ich dich besuchen kommen"
Fran lächelt, sie ist unglaublich froh, dass er hier ist, aber es gab ein Problem.
„Max, Mr. und Mrs. Kent dulden keine Herren ins Haus wenn sie weg sind. So gerne ich das auch würde, ich kann dich nicht ins Haus lassen."
„Ich verstehe, sie haben natürlich absolut recht, aber wir könnten uns auf der Veranda setzen. Dann wären wir nicht im Haus."
Fran findet das eine ausgezeichnete Idee, denn sie will auf keinen Fall, dass er wieder geht.
„Setz dich, ich bin gleich wieder da!"
Sie huscht ins Haus und kommt bald mit Tee und Keksen zurück. Also sitzen sie da, unterhalten sich und schauen in den dunkelblauen Himmel. Fran schaut regelmäßig nach, ob die Mädchen noch in ihren Betten sind.
„Du nimmst deine Aufgaben als Au Pair sehr ernst. Willst du später auch mit Kindern arbeiten?"
„Ja… vielleicht… mal sehen… wobei",
stottert Fran und wendet sich verlegen ab. Maxwell dreht ihr Gesicht zu ihm und sieht sie neugierig an.
„Also, ich habe eine Idee… aber es ist nur eine Fantasie… vergiss es!"
„Komm schon, Francine, ich will es gerne wissen."
„Nein, du findest das wahrscheinlich lächerlich… ich habe das noch nie jemandem erzählt."
„Komm schon! Ich habe dir auch meinen Traum erzählt."
„Also gut! Ich interessiere mich sehr für Mode. Ich habe schon als kleines Mädchen meine eigenen Outfits entworfen und gerne Kleider gezeichnet. Ich habe mir selbst das Nähen beigebracht und Kleider für meine Puppen entworfen. In New York gibt es eine sehr gute Schule für Modedesign. Viele berühmte Star Designer arbeiten mit dieser Schule zusammen und waren selbst dort Schüler. Aber es ist schwer angenommen zu werden. Sie nehmen nur die Besten."
Maxwell bemerkt das Leuchten und Funkeln in ihren Augen, als sie das alles erzählt. Ihre Leidenschaft war mindestens so groß wie seine.
„Das klingt toll, Francine. Da musst du dich bewerben."
Fran ist perplex. Bis jetzt war das immer der Traum eines kleinen Mädchens gewesen. Aber vielleicht hatte er ja recht.
„Kann ich deine Skizzen und Entwürfe irgendwann mal sehen?",
Fran, immer noch unsicher, überlegt. Sie hat ihre Mappe noch nie jemandem gezeigt. Schließlich gibt sie nach und als sie das nächste Mal nach den Mädchen sieht, holt sie die Mappe aus ihrem Zimmer.
„Aber du musst mir versprechen, mir deine ehrliche Meinung zu sagen!"
Er nickt und sieht sich all ihre Skizzen an.
Die Kleider waren sehr gut gezeichnet. Alle waren sehr bunt in leuchtenden Farben.
Er mustert sie lange, während Fran ihn nervös beobachtet.
„Ehrlich Francine, wenn diese Schule dich nicht nimmt, haben sie keine Ahnung" Fran fällt ihm um den Hals.
„Meinst du das wirklich?"
„Natürlich! Die sind ausgezeichnet! Alle Kleider sind im gleichen Stil und doch hat jedes seinen eigenen Reiz und das gewisse Extra. Vor allem spiegeln deine Entwürfe deine Persönlichkeit wieder. Nun, einige würde ich noch etwas überarbeiten. Sie sind vielleicht ein bisschen zu grell für den allgemeinen Geschmack."
Fran freut sich über seine ehrliche, offene, konstruktive Kritik. Er nimmt sie in den Arm.
„Du wirst schon sehen! Eines Tages werde ich ein erfolgreicher Broadway-Produzent sein und du wirst die Leiterin der Kostümabteilung sein."
„Oh ja!", stimmt Fran zu. „Zusammen werden wir die Nummer eins sein!"
Sie albern herum und träumen von ihrer strahlenden gemeinsamen Zukunft, bis es Zeit für Maxwell zu gehen. Beim Abschied schauen sie sich lange in die Augen. Maxwell haucht ihr einen zärtlichen Kuss auf die Lippen.
„Du bist ein wundervolles Mädchen, Francine! Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben!"
„Ich bin auch froh! Ich genieße jede Minute mit dir!"
Wieder treffen sich ihre Lippen zu einem schüchternen, sanften Kuss. Als Maxwell wegfährt, sieht Fran ihm lange nach. Ihre Finger streichen sanft über ihre Lippen.
