AN: I don't own anything regarding Haikyuu!
Ein unerwarteter Kuss
Kapitel 1
Das Spiel war bahnbrechend gewesen. Welch Atmosphäre, welch Spannung!
Natsu konnte ihren Augen kaum glauben, als sie all diese verdammt guten Spieler auf einem Platz erleben durfte. Die Schweiden Adlers gegen die Black Jackals – lang ersehnt und endlich wahr geworden. Unfassbar. Es war ein Bankett voller Monster-Spieler, welches sich vor ihren Augen auf dem Platz versammelt und gespielt hatte, als gäbe es kein Morgen.
Dass das Team ihres Bruders im Endeffekt gewann, war beinahe unerheblich. Natsu war, wie so viele andere, die an diesem geschichtsträchtigen Tage in die Sendai Arena kamen, überwältigt vom Starauflauf der talentierten Sportler. Ob Fan der Adler oder der Schakale, hier kam jeder auf seine Kosten. Ganz zu schweigen von den Volleyball-Veteranen. Als ob ihre Anwesenheit nicht schon genug gewesen wäre, um jedem Fan das Wasser im Mund zusammenlaufen zu lassen. Nein, auch die Generation der Monster war da. Sie waren die dominierende Kraft auf dem Platz, und einer dieser Berserker war ihr eigener Bruder. Derjenige, der nichts richtig machen konnte und sich nur mit purer Entschlossenheit und Willenskraft bewegte, jedoch das Glück hatte, höher springen zu können als alle anderen, und ein Gefühl von nie endendem Optimismus versprühte, dass er es eines Tages mit der Welt aufnehmen könnte. Was er, offen gesagt, auch tat.
Obwohl ihr Bruder tatsächlich Erstaunliches vollbringen vermochte, galt Natsus Hauptaugenmerk einem anderen: Tobio Kageyama. Dieser Zuspieler war einfach der Wahnsinn! Sie musste ihn sehen, am besten aus der Nähe, und sie musste mit ihm sprechen, auch wenn es nur für wenige Sekunden möglich sein würde.
‚So ein Mist… der Kerl ignoriert mich total. Kann er mich überhaupt sehen? Warum bin ich auch nur so verdammt kurz geraten? Nicht dass es irgendetwas ändern würde. Ich bin nur ein Zuschauer und er? Er ist ein Monster, ein Teil dieser ganzen Monstergeneration. Die sind doch alle verrückt. Brilliant, klar, aber total durchgeknallt. Verdammt, was soll ich nur machen? Ich hab' doch gar nichts mit Kageyama zu tun. Aber ich will unbedingt. Egal, dann eben so…'
Das Gedränge vor ihr war nur eines der Hindernisse auf ihrem Weg hinunter zur Brüstung. Selbst wenn sie an all diesen Körpern vorbeikäme, wäre das trotzdem keine Garantie dafür, dass Tobio Kageyama, Scheidens phänomenaler Zuspieler, sie überhaupt wahrnehmen würde. Sie würde dann immer noch auf der Tribüne stehen, und er wäre unten auf dem Platz und würde weiterhin umringt von gefühlt einhundert Kindern und Fans brav seine Autogramme schreiben. Klar, sie konnte schreien und einen Aufstand anzetteln, aber was sollte das für einen ersten Eindruck geben? Sie war nicht groß genug, um sonderlich herauszustechen, und für eine Tonne Makeup, um wie eine Leuchtreklame magisch vor ihm aufzublitzen, fehlte ihr einfach die Zeit und die Geduld.
Eben jene Geduld hing am seidenen Faden und es fehlte nicht viel, dass dieser riss. Ein heftiger Stoß von hinten, ein dicker Kerl in Adler-Shirt, setzte sie schlussendlich in Bewegung.
Das machte es tatsächlich einfacher für sie. Jetzt und hier entschied Natsu, dass das Glück nur den Mutigen winkte und wenn sie hier und heute nicht mutig wäre, könnte sie nie mit dem Kageyama sprechen. Sie musste einfach mit ihm sprechen, wenn auch nur für wenige Sekunden. Es war nötig.
Denn Selbstzweifel und Selbstmitleid haben noch nie jemandem genützt, das war klar.
Wütend, jedoch voller Entschlossenheit schob sie die beiden Leute direkt vor ihr zur Seite, quetschte sich durch weitere hindurch, um sich schlussendlich über die Brüstung zu lehnen und mit ihren Händen nach Tobio Kageyama zu greifen. Sie packte sein Gesicht, ohne auch nur ein Wort zu ihm zu sagen und stellte somit sicher, dass der Star-Zuspieler sie ansehen musste.
In diesem Moment fror die Zeit ein. Natsu war verwirrt. Was sollte sie jetzt nur tun? Sie hatte all die Leute vor ihr überwunden und stand nun endlich vor oder in diesem Falle, über Kageyama. Seit Jahren hatte sie ihn nicht mehr von Nahem gesehen. So nah war sie ihm tatsächlich noch nie gewesen, und gesprochen hatte sie auch noch nie mit ihm. Die Situation war einfach surreal. Da Natsu nicht mehr in der Lage war, einen klaren Gedanken zu fassen, reagierte sie einfach.
Bevor Kageyama auch nur den Hauch einer Chance hatte, herauszufinden, was gerade mit ihm passierte, spürte er bereits sehr warme Lippen, die sich heftig auf seine pressten.
Er sah auf, ganz durcheinander von der plötzlichen Aufregung, und blickte in ein paar karamellbrauner Augen. ‚So warm.'
Sie beide starrten sich wie fixiert an. Keiner brach den Augenkontakt. Ein Augenpaar blickte perplex und verwundert drein, das andere zielstrebig, so als hätte es einen Masterplan.
Kageyama wollte etwas sagen, irgendetwas, und das rätselhafte Mädchen vor ihm fragen, was sie tat, warum sie tat, was sie gerade tat, und warum um Himmels Willen sie nun mit dem aufhörte, was sie vor wenigen Sekunden noch getan hatte. Aber ihre weichen, dennoch sehr fordernden Hände hielten ihn fest an seinem Platz, und ihr entschlossener Blick machte ihn völlig sprachlos.
Natsu atmete einmal tief ein und wappnete sich für ihre nun folgende verbale Attacke auf den ahnungslosen Zuspieler. ‚Ich tu's, ich werde es sagen', sprach sie sich selbst Mut zu.
Ohne auf ihre Umgebung zu achten sowie die geduldig wartenden Fans völlig zu ignorieren, die immer noch Schlange standen, um ein Autogramm ihres Lieblings-Zuspielers zu bekommen, oder die genervten Reporter, die sich bereits darüber gestritten hatten, wer den genialen Zuspieler zuerst interviewen durfte, schrie sie Kageyama alles, was ihr durch den Kopf ging, direkt ins immer noch verwirrte Gesicht.
„Großartig! Du warst einfach unglaublich! Dass du den Ball nach der zweiten Berührung einfach so heruntergeschlagen hast, hat Miya-kun völlig sprachlos gemacht. Oder wie du diese hohen Zuspiele für Ushiwaka realiseren konntest, wow. Ich habe schon weiche Knie bekommen, nur weil ich dir beim Aufschlag zugesehen habe. Das nenne ich mal eine Kraftdemonstration. Du bist einfach inspirierend, Kageyama-san! Wenn man dir auf dem Platz zusieht, ist es so, als würde man ein Kunstwerk betrachten. Dein Stil ist so atemberaubend schön."
Danach verstummte sie.
Natsu schenkte Kageyama ein strahlendes Lächeln, das ihn wie ein Sonnenstrahl traf und von innen wärmte. Er war von ihr geblendet. Ihre Wangen nahmen einen zarten Rosaton an, das einzige Indiz für eine aufsteigende leichte Scham. Dann biss sie sich auf die Unterlippe, als wäre sie plötzlich verlegen.
Als ob sie gerade in diesem Moment bemerkte hätte, dass sie den Star-Zuspieler noch immer festhielt und sich zu ihm hinunterbeugte, ließ Natsu ihn abrupt los.
‚Schokolade', dachte er, bevor er den flüchtigen Kontakt zu ihr wieder verlor. ‚Sie schmeckt nach Schokolade.'
Natsu warf ihm einen letzten Blick zu und sah ihm noch einmal direkt in die Augen. Dann nahm sie die Beine in die Hand und verschwand in der Menge. Wie erstarrt sah Kageyama ihr nach. Man hätte meinen können, er sei auf der Stelle gestorben, als er dem Mädchen wie angewurzelt und ohne jegliche Regung hinterherstarrte.
Kageyama wurde heftig aus seiner Benommenheit gerissen und spürte dann ein hartnäckiges Ziehen an seinem Hemd. Er senkte seinen Blick und sah auf einen kleinen Jungen in einem Adler-Shirt mit seiner Mannschaftsnummer hinunter, der über das ganze Gesicht strahlte und wahrscheinlich geduldig darauf gewartet hatte, endlich sein Autogramm und ein Foto mit ihm zu bekommen.
„Kageyama-san, war das hübsche Mädchen Ihre Freundin?", fragte der Kleine unschuldig und schenkte ihm ein breites Grinsen, bei dem hier und da ein Zahn fehlte.
„Hn"
Wieder einmal wusste Tobio Kageyama nicht, was er sagen sollte. Dieses Mädchen hatte ihm den Atem und damit auch die Stimme geraubt.
‚Was zum Teufel war das?!'
