Liebe, Lüge, Wahrheit

Kapitel 71 – André

Seine Oscar heiratete und trug das Kleid, in dem sie vor vielen Jahren mit ihm ein einziges Mal getanzt hatte. Und wie damals sah sie darin wunderschön aus, aber nicht er, André Grandier, war der glückliche. Graf de Girodel hielt ihre Hand und neigte seinen Kopf zu ihren süßen Lippen, um die Heirat zwischen ihm und ihr endgültig zu besiegelt. „Oscar, bitte nicht! Bitte heirate nicht, tu uns das nicht an...", schrie André aus voller Kehle und wollte sich zwischen die beiden stellen, aber sein Körper fühlte sich wie gelähmt an. Verdammt!

Oscar reagierte nicht auf seine Rufe und kehrte sogar ihm den Rücken – so, als würde sie sich schämen. Warum nur? Graf de Girodel dagegen schien ihn gehört zu haben und sah ihn mit einem breiten Grinsen an. „Ich habe dir schon ein Mal gesagt, dass, wenn du tot bist, ich Oscar zu Frau nehmen werde und deine Kinder werden mich an deiner statt Vater nennen."

Aber er war doch nicht tot! Er lag nur schwerverletzt bei Constance und konnte nichts unternehmen, solange seine Wunden es nicht zuließen! Plötzlich wurde alles dunkel um ihn herum. Seine Oscar löste sich in der Luft auf, ohne ein Wort zu ihm zu sagen oder gar ihn anzusehen. Graf de Girodel blieb aber da und verwandelte sich in eine breitschultrige und große Gestalt ohne Gesicht. In seiner Hand blitzte ein Bajonett auf und kaum dass André sich versah, wurde er niedergestochen. Mehrmals drang die schmale Metallspitze in seinen Körper ein und hinterließ nur unsagbaren Schmerz und viel Blut...

Bitte werde gesund Vater, wir brauchen dich alle so sehr... Besonders meine Mutter und mein Bruder...", hörte André aus dem Nichts eine ihm sehr bekannte Stimme, die wie ein wohltuender Balsam in seinen Ohren klang. Die gesichtslose Gestalt mit dem Bajonett verschwand augenblicklich und seine Atmung wurde ruhiger. „Oscar...", formten seine Lippen und er träumte von jenem Tag, an dem sein Sohn François geboren war.

Seine Oscar saß im Bett und hielt François in den Armen, aber es stimmte etwas nicht. Die Hebamme und ihre Gehilfin wickelten etwas in eine Wolldecke ein und gingen damit aus dem Zimmer. André glaubte ein Wimmern zu hören und wurde stutzig. Er stand auf und ging den beiden Frauen nach. „Wo bringt ihr meinen Sohn hin?"

Aber Monsieur, Euer Sohn befindet sich bei Eurer Frau.", sagte die Hebamme, an dessen Namen er sich nicht mehr erinnerte. Die Gesichter sahen ebenfalls verschwommen aus und André kam es so vor, als würde seine Sehkraft schwinden. Er drehte sich um und schaute auf das Bett. Er hatte sich getäuscht. Seine Sicht war klar und deutlich. Oscar saß unter der Decke und hielt ihren gemeinsamen Sohn in ihren Armen. Ihre blauen Augen glänzten vor Stolz wie kleine Edelsteine und ihre Lippen formten sich zu einem hinreißenden Lächeln. „Schau, Geliebter, unser François ist eingeschlafen."

André schüttelte ungläubig mit dem Kopf. Hatte er nicht gerade noch einen Sohn gesehen? „Aber was ist mit Augustin?"

Oscar senkte ihren Blick auf das Neugeborene in ihren Armen und ihre Gesichtszüge wirkten mit einem Mal ernst. „Wir haben keinen Sohn namens Augustin. Unser Sohn heißt Jean. Jean François Grandier de Jajrayes."

Das stimmt, Oscar, aber Jean Augustin gehört auch zu unserer Familie...", sagte André und der Traum verblasste, zusammen mit Oscar und ihrem gemeinsamen Sohn.

André öffnete mühsam seine Augen und neben dem glühenden Schmerz an seinem Körper spürte er einen leichten Druck auf seinem Brustkorb. Dann entschwand der Druck und er sah in die blaugrünen Augen von Augustin. „Vater, du bist wach... ich habe dich endlich gefunden... Es wird alles wieder gut."

„Augustin..." André versuchte aufzusitzen, aber konnte nicht. Die, zum größten Teil verheilten, Wunden schmerzten und brannten noch immer wie Höllenfeuer.

Constance war sofort bei ihm und half ihm beim Aufsitzen. Dabei richtete sie ihm das Kissen hinter Rücken zurecht. „Er hat noch keine Kraft zum Aufstehen", erklärte sie dabei dem Knaben. „Er muss eigentlich noch liegen bleiben, um besser genesen zu können, aber er sträubt sich jedes Mal dagegen."

„Ich muss zu Oscar.", krächzte André mit vor Schmerzen verzogenem Gesicht und lehnte sich dankbar in die Kissen zurück. „Sie braucht mich."

Constance konnte sein Wunsch nachvollziehen. Allerdings so einfach und so schnell ging das nicht. „Aber wenn du aufstehst, dann fällst du wieder hin, André. Du hast das doch schon oft versucht und jedes Mal warst du gescheitert."

„Dann muss ich es versuchen, bis es klappt. Ich kann doch nicht mein ganzes Leben bei dir verbringen und darauf warten, bis Alain dich besucht." André war Constance sehr dankbar für alles, was sie für ihn getan hatte. Ähnlich wie vor etwa vierzehn Jahren für Oscar in Nizza. Sie hatte sich um Oscar gekümmert, die sich nach der Überfahrt von Korsika schlecht gefühlt hatte. Constance hatte mit ihm später einen Arzt geholt und es stellte sich heraus, dass Oscar schwanger war. Welch ein Zufall, dass dieselbe Constance ihm sozusagen das Leben gerettet hatte und ihn schon seit einer Woche pflegte. Und ausgerechnet diese Constance aus Nizza war eine Geliebte von Alain. André hatte die junge Frau gleich nach dem ersten Aufwachen erkannt und sie ihn auch. Sie hatte ihm erzählt, wie sie nach Paris gekommen war, wie ihr Mann gestorben war und wie sie Alain getroffen hatte. Nun ja, in der einer Woche gab es einiges zu erzählen...

„Vater, ich bin so froh, dich endlich gefunden zu haben!", hörte André Augustin sagen und schaute zu ihm. Constance hatte ihm etwas offenbart, woran er noch nicht so richtig glauben konnte: Der Junge kam aus demselben Dorf, in dem François geboren war und wuchs bei der Hebamme auf, die Oscar bei der Geburt geholfen hatte. Das wusste Constance wiederum von Alain, der bei seinen Besuchen öfters die Freunde seiner Tochter erwähnte. Wie viele Zufälle gab es noch auf dieser Welt? Und nachdem André das erfahren hatte, begannen ihn merkwürdige Träume heimzusuchen. Wie zum Beispiel, dass seine Oscar Zwillinge zur Welt gebracht hatte und dass Augustin einer von ihnen war. Aber wenn dem wirklich so wäre, dann hätten Oscar und er bei der Geburt von François das doch mitbekommen! „Vater..." Die besorgte Stimme von Augustin brachte ihn erneut in die Wirklichkeit zurück. „Ich werde gleich nach Hause reiten und allen die erfreuliche Kunde bringen, aber zuvor sage mir, wer dir das angetan hat?!"

„Ich weiß es nicht... Ich erinnere mich nur, dass Alain hierher ging und ich in die Kaserne wollte. Als ich gehen wollte, traf mich etwas Hartes auf dem Kopf und ich verlor das Bewusstsein. Als ich zu mir kam, lag ich in einer Gasse in meinem eigenen Blut. Ich verlor das Bewusstsein und als ich aufwachte, graute bereits der Morgen. Ich ging zurück zu diesem Haus, aber Alain war fort und ich wurde wieder bewusstlos. Beim nächsten Aufwachen lag ich hier im Bett mit einem großen Verband und Schmerzen." André schaute zu Constance. „Ich danke dir für deine Hilfe und für alles, was du für mich getan hast, aber ich muss wirklich zu Oscar. Deshalb werde ich gleich mit Augustin aufbrechen."

„Das kann ich gut verstehen, aber du hast noch nicht die Kraft aufzustehen. Du schaffst nicht einmal bis zur Haustür." Constance riet ihm davon kategorisch ab und empfahl sogleich: „Warte wenigstens, bis Augustin zurück ist und Hilfe geholt hat."

„Also gut...", gab André widerwillig nach. Er war in der Tat nicht in der Verfassung, ohne fremde Hilfe aufzustehen und würde Augustin sicherlich mehr zur Last fallen, wenn der Junge ihn bis zum Anwesen de Jarjayes tragen würde. Da wäre eine Kutsche besser geeignet und ein paar Stunden mehr bei Constance zu verbringen, machte ihm auch nichts mehr aus. Hauptsache, er wurde gefunden.

„Das klingt besser." Constance lächelte zufrieden. „Ich mache für uns etwas zu essen." Sie verließ das Zimmer und André blieb mit Augustin alleine. Der Junge wollte der Frau folgen, aber André hielt ihn noch kurz auf. „Wie hast du mich eigentlich gefunden, Augustin, und warum bist du ohne François hier?" Das wollte André wirklich wissen. Denn ohne François war der Junge niemals unterwegs. Neben seinen körperlichen Schmerzen hatte er ein miserables Gefühl, dass etwas vorgefallen war.

Augustin blieb zwar auf der Bettkante neben ihm sitzen, aber wandte von ihm den Blick ab und senkte seinen Kopf. „François und ich haben uns bei der Suche nach dir getrennt."

Er log, das spürte André. „Das glaube nicht. Was ist passiert?"

„Ich erzähle es lieber später, wenn es dir besser geht, Vater." Augustin wollte nicht darüber reden, was mit François passiert war und was seine Mutter getan hatte.

André fasste seine Hand. Der Junge sah ein wenig verloren aus und ihn beschlich eine dunkle Vorahnung. „Ich will das jetzt hören! Muss Oscar jemanden heiraten? Sprich, verheimliche mir nichts, Augustin!"

Augustin schaute überrascht zu ihm. „Aber wie kommst du darauf?"

„Ich habe davon geträumt und vor vielen Jahren hatte Graf de Girodel zu mir gesagt, dass, wenn ich tot bin, wird er Oscar heiraten.", erklärte André knapp und bekam endlich die Antwort, die er eigentlich schon geahnt hatte.

Augustin öffnete baff den Mund und schloss ihn wieder zu. Er schluckte hart und bestätigte seinem Vater das, worauf er schon selbst gekommen war. „Weil du fort bist, will General de Jarjayes, dass Mutter Graf de Girodel heiratet. Aber sie will nicht und streitet mit ihrem Vater."

„Das ist noch ein Grund mehr, warum ich bei Oscar so schnell wie möglich sein muss.", seufzte André schwer und spürte, dass es noch nicht alles war. Augustin kaute etwas nervös an seiner Unterlippe und sah aus, als würde er noch etwas verheimlichen. „Jetzt erzähl mir, wie du mich gefunden hast und verheimliche mir nichts."

Augustin erzählte schweres Herzens über die Verletzung von François und wie seine Mutter ihn gestern vor die Tür gesetzt hatte. Er verschwieg nur den Teil, in dem er Oscar offenbart hatte, dass er ihr Sohn war. Sein Vater würde ihm höchstwahrscheinlich genauso wenig glauben, befürchtete er und beendete seine Erzählung mit: „...und so habe ich dich gefunden. Ja, so war es, aber es war ein Fehler und François liegt jetzt verletzt auf dem Anwesen der de Jarjayes. Aber bitte verjagt mich nicht wie Mutter. Das werde ich nicht ertragen, Vater."

André konnte erst einmal nichts sagen. Was bewog Oscar zu so einer Tat, fragte er sich insgeheim und es drängte ihn noch mehr, aufzustehen und nach Hause zu gehen. Er sorgte sich sehr um seinen Sohn und wollte ihn ebenso schnell sehen wie Oscar. Aber er musste sich noch etwas gedulden. Und im Gegensatz zu seiner Geliebten, hatte er nicht das Gefühl, dass Augustin nur Unglück brachte. „Das war nicht deine Schuld, Augustin. François und du, ihr wollt nur helfen."

Augustin nickte zustimmend und in dem Moment kam Constance herein. Sie trug ein beladenes Holztablett mit drei Tassen. „Das Essen ist bald fertig und ich bringe schon Mal den Tee." Sie stellte das Tablett auf einem Hocker ab, hob ihn hoch und stellte ihn neben das Kopfende des Bettes, näher zu André, ab.

Augustin erinnerte sich sogleich an seinen Proviant. „Ich habe auch etwas mit." Er verschwand schnell und brachte in Kürze sein Bündel mit Essen. „Ihr könnt alles haben, ich habe schon gefrühstückt.", sagte er beim Auspackten von Wurst, Käse und Brot.

Constance und André schmunzelten, während Augustin alles, was er noch hatte, für drei aufteilte und neben den warmen Tassen mit Tee legte. „Ich weiß nicht, ob André es dir schon gesagt hat, aber ich kenne ihn und auch deine Mutter.", meinte Constance.

„Wirklich?" Augustin wurde neugierig. Gleichzeitig fragte er sich, woher.

„Ja, wirklich.", bestätigte André. „Ich war auch überrascht, als sie mir bekannt vorkam und mir erzählte, wo sie mich schon gesehen hatte."

„Ich komme ursprünglich aus Nizza und vor 14 Jahren kamen drei Reisende in den Gasthof meines Vaters.", übernahm Constance für André die Erzählung weiter. „Einer von ihnen war eine Frau und diente in dem königlichen Garderegiment. Ihre zwei Begleiter waren aber Männer und hatten große Sorgen um die Frau, weil sie sich schlecht fühlte. Später holte ich mit einem der Männer den Arzt und es stellte sich heraus, dass die Frau schwanger war. Dein Vater erinnerte mich sehr an den Mann, der mich zum Arzt begleitet hatte und so habe ich ihn wieder erkannt."

Also hatten sie sich auf der Reise seiner Eltern vor etwa vierzehn Jahren kennengelernt, verstand Augustin. Jetzt lebte Constance in Paris und war eine Geliebte von Alain. Was für ein Zufall! Jedoch erfreute das Augustin nicht. Wenn Alain Constance besuchte, dann wäre es möglich, dass er ihr über Anna, François und ihn erzählt hatte. Das hieß, dass Constance auch eine Mitwisserin der Wahrheit sein könnte. „Aber wie kamt Ihr dann nach Paris?" Die Frage interessierte Augustin nicht wirklich. Viel mehr fragte er sich besorgt, ob Constance seinem Vater etwas über ihn und seine Herkunft offenbart hatte. Natürlich nur, wenn sie überhaupt selbst davon wusste. Leider konnte er sie in Anwesenheit seines Vaters nicht darüber ausfragen und das bereitete ihm ein mulmiges Gefühl.

„Das ist eine andere Geschichte, aber gut, ich erzähle sie trotzdem." Constance reichte eine Tasse an André und sprach weiter: „Wenige Monate später, nachdem deine Eltern schon fort waren, kam ein wohlhabender Händler in meine Stadt. Ich verliebte mich in ihn, wir heirateten und so kam ich zu ihm nach Paris."

Eine kurze Geschichte und erklärte so einiges. „Wo ist Euer Mann jetzt?" Auch das interessierte Augustin nicht sonderlich.

„Er ist tot." Constance bekreuzigte sich kurz.

„Das tut mir leid.", drückte Augustin sein aufrichtiges Beileid aus und schämte sich innerlich, dass er über ihren Mann gefragt hatte.

„Danke dir, Augustin. Aber das ist schon ein paar Jahre her und wie Alain es zu sagen beliebt, das Leben geht weiter.", beendete Constance und in dem Moment öffnete sich die Haustür. „Liebste, ich bin wieder zurück!"