48. So viel zum Thema: Familie über alles. – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat, wurden sie in ein Handgemenge mit Edward verwickelt. Beide haben Verletzungen davongetragen und Sam lässt es sich nicht entgehen, sich Jacobs Geschichte noch einmal persönlich anzuhören. Gemeinsam mit Embry, Jenny, Leah und Seth stattet er ihnen einen Besuch ab. Jacob erfährt, dass Jess tatsächlich auf ihrem verletzten Auge erblindet ist, und muss sich damit auseinandersetzen, dass Sam für alle Eventualitäten – wie einen Angriff - vorbereitet sein will.
„Was sagst du da?", platze Seth heraus, als hätte er erst soeben gemerkt, dass er an diesem Gespräch teilnehmen durfte: „Erwartest du von uns, dass wir sie bekämpfen?" Sein Blick sprach Bände, offenbarte alles und jeden Gedanken, der ihm im Kopf herumspukte. So war Seth eben – offen und ehrlich und vor allem loyal…gegenüber seiner Familie wie auch seinen Freunden. Ich seufzte, als Sam ihm gewohnt herrisch antwortete: „Ich erwarte, dass ihr bereit seid, sie zu töten, wenn es nötig ist."
Seth sprang auf, als wäre er allergisch gegen dieses eine Wort, und schüttelte vehement den Kopf. Seine Wut schien ihn zu beherrschen, als er sagte: „Das ist nicht dein Ernst! Du alter, dickköpfiger Sack, hast du denn kein Gewissen? Kein Herz? Weißt du denn nicht, was wir alles füreinander getan haben – wer wir füreinander geworden sind?" Innerlich seufzte ich nur, denn diese Reaktion seitens Seth hatte man vorhersehen können. Und dazu war definitiv nicht nur ich in der Lage.
Sam mochte diese Aussage vielleicht doch ein wenig kratzen, aber er hatte es nicht nötig, sich mit anderen als seinen eigenen Rudelmitgliedern herumzustreiten. Und von ihnen ließ er sich auch mit Sicherheit nichts sagen – so ziemlich von niemandem, wenn man es genau nahm. Seine Stimmung kühlte hörbar weiter ab.
„Du wirst tun, was immer dir dein Leitwolf aufträgt. Oder willst du diese Kreaturen vor deinen eigenen Stamm stellen? Dann wechsele hier und jetzt die Seiten, Seth Clearwater."
„Was ein Glück, dass du nicht mein Leitwolf bist.", gab Seth nur zurück, setzte sich wieder und verschränkte demonstrativ die Arme. Denn genau das war der Punkt: wenn Sam etwas wollte, dann war das gut und schön. Er hatte Ansehen im Stamm und er hatte uns bereits viele Jahre entlang eines guten Weges geführt. Niemand, der ihn nicht näher kannte, würde es wagen, ihn anzuzweifeln. Es gab nur ein Problem dabei: sein Verhalten hatte die Rudel gespalten. Es gab drei davon und bevor er irgendeine Entscheidung treffen würde, lag die Schwierigkeit für ihn erst einmal darin, die beiden anderen Anführer zu überzeugen. Jenny, die bis jetzt kein Wort von sich gegeben hatte, weil sie entweder nichts überraschte oder weil ihr die Verhältnismäßigkeiten anderer sowieso egal waren, warf mir nun einen gelangweilten Blick zu. Dieses eine Mal bildete ich mir sogar ein, daraus lesen zu können.
„Dem muss ich beipflichten, Sam. Wenn Seth jemandem zu folgen hat, dann mir – und nur mir.", nahm ich Seth in Schutz, soweit ich es konnte: „Es wird ab sofort sicherlich anders laufen müssen. Wir haben eine Entscheidung getroffen, die gerechtfertigt war und zu der wir stehen müssen, das lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Außerdem ist bereits eine kriegerische Handlung erfolgt, und sie kam nicht von unserer Seite. Edward hat Jess und mich angegriffen und verletzt – aus niederen Beweggründen. Und das können wir nicht einfach ignorieren."
Seth sah mich zwiegespalten an. Er schien nicht ganz zu verstehen, worauf ich hinauswollte oder für wen ich mich damit eigentlich ausgesprochen hatte. Jennys Lippen kräuselten sich, als versuchte sie zu grinsen, aber es gelang ihr nicht so recht: „Mein Rudel wird kämpfen, gegen welchen Feind oder Freund auch immer, wenn es die Umstände erfordern."
Diese Art von Meinung hörte Sam nur zu gern. Er nickte anerkennend, und noch immer war ich verwirrt angesichts der Tatsache, dass die Schwestern so hoch bei ihm im Kurs standen. …und das nach gewissen Vorkommnissen. Für mich sah es so aus, als hätten sie entweder etwas dafür getan, um bei Sam zu punkten, oder sie beeinflussten ihn ganz nach ihren Bedürfnissen. Egal wie, ich war schon jetzt nicht glücklich darüber, dass Jess scheinbar nicht mit mir über derlei Dinge sprach. Ich sah sie an und erntete eine unerklärliche Miene, dann wandte sie sich Seth zu, der gerade zum Rückschlag ausholte: „Ihr wollt in den Krieg ziehen? Jake, denk doch mal nach. Was soll das denn bringen?"
„Es scheint mir, dass wir uns im kleineren Kreis beraten müssen, wenn wir zu Ergebnissen kommen wollen."
Sam war bereits angesäuert, obwohl er sich noch nicht einmal auf eine richtige Diskussion hatte einlassen müssen. Ich wusste ja selbst nicht einmal, wie wir nun weiter vorgehen sollten – niemand hier schien das zu wissen. Weil ich mich gedrängt fühlte, setzte ich zu etwas an: „Wir müssen uns darauf vorbereiten, wie sie sich fortan verhalten werden, und für diese Fälle eine entsprechende Reaktion unsererseits vereinbaren. Grundsätzlich würde ich erst einmal Zurückhaltung üben und abwarten…" Zugegeben, mehr war mir nicht eingefallen.
„Die Wahrscheinlichkeit, dass sie diese Angelegenheit nicht auf sich sitzen lassen werden, erscheint mir sehr hoch – angesichts der Tatsache, dass bereits ein unmittelbarer Angriff auf uns erfolgte. Sie wissen nicht, wie ihnen geschieht, also werden sie erst einmal blind und taub um sich schlagen.", analysierte Jenny die Situation, woraufhin Jess ergänzte: „Oder sie suchen sich eine Anlaufstelle in unseren Reihen, auf welche sie vertrauen. Jemand, der ihnen mehr dazu sagen kann und der ihnen helfen wird, die Sache aufzuklären." Wir alle wussten, wer das sein würde. Und dieser Jemand schien ganz und gar nicht gewogen, im Falle des Falls auf unserer Seite zu sein.
„Sie werden zu mir kommen. Edward zumindest wird das.", sagte Seth von sich aus. Sein Blick war zu Boden gerichtet, weil er sich dessen bewusst war, was dies für uns bedeutete. Vor allem angesichts seiner aktuellen Einstellung dazu.
Sam schlug mit der Faust auf die Lehne meines Sessels, als würde das gute Stück ihm gehören: „Dann ist es wohl eindeutig, was zu tun ist? Wir konzentrieren die Überwachung auf diesen Bereich, natürlich ohne das restliche Reservat zu vernachlässigen. Wenn sie bei euch aufschlagen, haltet sie hin, bis genug Unterstützung vor Ort ist – bevor wir unserer Pflicht nachkommen." Das jedoch würde erst einmal voraussetzen, dass Seth seine Meinung änderte. Und im Moment sah es wohl eher nicht danach aus.
„Was ist mit Renesmee? Sie wird Jacob nicht einfach abschreiben."
Tatsächlich hatte ich gehofft, dass dieses Thema nicht auf den Tisch kam. Und dass es Jess war, die nun doch dafür sorgte, machte es nicht besser.
„Besteht diese Gefahr?", fragte Sam zurück, der scheinbar seinen Ärger über Seth überwunden hatte – oder das war jetzt doch meine Zuständigkeit.
„Gefahr? Ernsthaft?"
Jenny überging mich, warum auch nicht: „Allerdings. Sie wird am Boden zerstört sein. Ihre Liebe oder ihre Wut werden sie zu ihm zurücktreiben." Ich wusste nicht, was von beiden schlimmer war. Renesmee würde auch dieser Schwierigkeit mit nichts als ihrer kindlichen Art und Weise begegnen…und ich war froh, es nun auch so sehen und begreifen zu können. Wir passten nicht zusammen, unabhängig davon, ob uns das Leben dafür vorgesehen hatte oder nicht. Was wusste schon jemand anderes darüber, was ich wollte und wie ich mich fühlte? Das wusste ausschließlich ich allein – und manchmal nicht einmal das.
Sam akzeptierte diesen Einwand, offenbar weil er ebenfalls von Jenny kam: „Die Chance besteht sicherlich genauso. Lässt sich abschätzen, was früher eintritt?" Jess schüttelte den Kopf. Aber dennoch war ich der Meinung, dass sie das in Erfahrung bringen konnte. Sie wusste und konnte wesentlich mehr, als irgendjemand hier ahnte. Vielleicht traf das sogar auf mich mit zu.
„Meiner Ansicht nach – falls das denn überhaupt noch von Belang ist – sollten wir uns weder auf das eine noch das andere konzentrieren. Die Blutsauger sind nicht dumm, sie werden genau abwägen, was sie als nächstes tun. Unsere Priorität sollte ausschließlich der Stamm sein.", sagte Leah, zurecht: „Und da wir nun wissen, welche möglichen Anlaufstellen es gibt, können wir darauf vorbereitet sein und sind schneller vor Ort, falls nötig." Ich verfolgte, wie sie Sam ansah und wie er zurückstarrte. Und obwohl diese Ansicht meinen Zuspruch verdiente, war da immer noch Seth.
„Ich sehe nicht ein, wieso wir jetzt auf Kriegsmodus schalten sollen. Niemand ist zu Schaden gekommen und das wird auch nicht passieren, zumindest nicht, solange ihr keine weitere unsinnige Entscheidung trefft."
Ich atmete hörbar aus und übertönte damit beinahe Embry, der ja auch noch da war und leise zustimmte, dass Leah doch Recht hatte.
„Es ist ein Kompromiss.", stimmte Jess ebenfalls zu: „Findest du nicht, Seth? Es passiert doch erst einmal gar nichts und wir haben auch nicht die Absicht, dass es dazu kommt. Nur, sollen wir denn einfach weitermachen wie bisher – sollen wir über ihre Schuld hinwegsehen?" Ihr Blick war eindringlich genug, um meinen Teppich in Flammen aufgehen zu lassen. Und deshalb schaffte sie es auch, Seth damit zu fesseln. Er wollte sichtbar darauf antworten, verlor aber kein Wort. Seine Miene wurde leer, dann schluckte er merklich. Tat Jess gerade etwas? Beeinflusste sie ihn?
