Lisa schaute dem wegfahrenden Taxi nachdenklich hinterher. Die Fahrt war aufgrund ihrer Träumerei viel zu schnell vorbei gewesen, und innerlich fühlte sie sich noch nicht bereit für die Konfrontation mit ihren Eltern. Sie hatte ihnen nichts von ihrer Rückkehr erzählt, da sie unsicher war, wie ihre Eltern reagieren würden. Auf jeden Fall hätten sie sich Gedanken über die Gründe für ihre Rückkehr gemacht und vermutlich auch nachgefragt, und so hielt sie es für das Beste, spontan zu reagieren, wenn sie dann da war. Mit diesem Gedanken ging sie zur Tür und klingelte. Trotz ihres Schlüssels erschien es ihr unhöflich, einfach einzutreten. Obwohl sie früher hierher gehörte, war dies nun schon lange nicht mehr ihr Zuhause. Die Sekunden fühlten sich wie eine Ewigkeit an, bis sich endlich die Tür öffnete, und ihr Vater vor ihr stand. Sein leicht genervter Blick verwandelte sich sofort in ein strahlendes Lächeln, als er Lisa erblickte.

"Schnattchen, was machst du denn hier?" Bernd zog Lisa sofort in seine Arme, und sie konnte die Freudentränen spüren, die in großen Mengen über ihr Gesicht strömten, während Bernd sie überschwänglich hin und her wiegte. In diesem Moment fühlte Lisa sofort dieses tiefe Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit. "Bernd, wo bleibst du denn solange? Die Spiegeleier werden doch kalt!", kam es von Helga aus dem Haus gerufen. Bevor Lisa oder Bernd darauf reagieren konnten, kam Helga auch schon auf die Haustür zu, und es war nur ein überraschtes, aber dennoch eindeutig glückliches "Lisa" von ihr zu hören.

Bernd lockerte die Umarmung, und im nächsten Moment fiel Helga ihrer Tochter auch schon um den Hals, während Bernd Lisas Gepäck von draußen reinholte und dann die Tür hinter ihnen schloss. Der Morgen verging mit den Erzählungen ihrer Eltern darüber, was gerade bei Kerima passierte, und auch bei ihnen und den Nachbarn vor sich ging. Lisa hatte zwar immer noch Kontakt zu ihren Eltern gehabt, aber da sie und David viel auf Reisen waren, hatte sie keinen regelmäßigen Kontakt zu ihnen. Nach den aktuellen Vorkommnissen hatte sie sich noch mehr zurückgezogen, da ihre Angst zu groß war, zugeben zu müssen, dass sie sich getäuscht hatte oder noch schlimmer, sie könnten gar nicht nachvollziehen, wo das Problem war.

Als ihre Eltern sie auf den neuesten Stand gebracht hatten, war es bereits Mittag. Helga erschrak, als sie einen kurzen Blick auf die Wanduhr im Wohnzimmer warf. Sie stand von der Couch auf und begann hektisch, den Frühstückstisch abzuräumen und mit der Vorbereitung für das Mittagessen zu beginnen. Als Lisa und Bernd dann alleine waren, passierte das, wovor sie sich gefürchtet hatte: "Und wo hast du den Seidel gelassen?", wollte Bernd freudestrahlend wissen. Lisa musste schlucken, als sie sah, wie ihr Vater zu strahlen begann, wenn er seinen Schwiegersohn erwähnte. Schließlich hatte Bernd sich so sehr gewünscht, dass Lisa ihn statt Rokko heiratet. Sie wusste nicht, wie sie ihm jetzt seine Freude nehmen sollte, also entschied sie sich für das einzig Richtige: Sie wich dem Thema vorerst aus, um sich dann in Ruhe zu überlegen, wie sie es ihren Eltern schonend beibringen konnte. "Lass uns jetzt nicht über David reden. Erzähl mir doch lieber noch mehr über eure Kreuzfahrt", sagte sie schnell in der Hoffnung, dass er nachgeben würde. Bevor er jedoch überhaupt etwas erwidern konnte, kam Helga zurück. "Jetzt lass sie doch erstmal ankommen. Sie konnte doch noch nicht mal ihr Gepäck verstauen", sagte sie, und in diesem Moment war Lisa ihrer Mutter wie so oft unfassbar dankbar. So machte sie sich erstmal auf den Weg nach oben in ihr Zimmer. Doch das Auspacken war schnell vergessen, als sie ihren Lieblingsplatz am Fenster erblickte. Sie machte es sich dort gemütlich und konnte der Erschöpfung der langen Reise schließlich nicht mehr entkommen, und so fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Lisa spürte den teuren Stoff ihres Hochzeitskleides zwischen ihren Fingern, die sich nervös an dem Kleid festklammerten, um ein bisschen von dem Gewicht zu nehmen, das sie zu Boden zu ziehen drohte. Der nebelbedeckte Weg zur Kirche war düster, und außer ihr war weit und breit niemand zu sehen. Eigentlich wollte sie nicht hier sein, und ein großer Teil ihres Verstandes sagte ihr, sie sollte nicht weitergehen. Aber irgendetwas zog sie fast magnetisch weiter in Richtung Kirche, also blieb ihr nichts anderes übrig, als dennoch weiter zu laufen.

Als sie in die Kirche eintrat, war sie komplett leer, bis auf eine Person, die mit dem Rücken zu ihr gedreht stand. Das konnte doch nicht sein, oder? Sie glaubte in der Ferne Rokkos Locken erkennen zu können. Sofort wurden ihre Schritte schneller. Wenn Rokko hier war, konnte es ja nicht so schlimm sein. Sie rannte schon fast auf ihn zu, aber als sie ihn erreichte und er sich umdrehte, stand plötzlich David vor ihr und grinste sie mit einem falschen Lachen an.

Lisa spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, als sie den Blick von David auf sich ruhen fühlte. Die Kirche schien sich zu verengen, und der Druck in ihrer Brust verstärkte sich. Sie wollte fliehen, aber sie spürte, dass ihre Beine sie nicht mehr trugen, als ob der Boden unter ihr nachgeben würde. David begann langsam auf sie zuzugehen, und sie konnte seinen verächtlichen Blick förmlich spüren.

Die Orgel begann, eine düstere Melodie zu spielen. Lisa versuchte David zu fragen, was er hier mache, aber ihre Stimme versagte. David kam näher, und sie konnte den Klang seiner Schritte auf dem harten Kirchenboden hören. Lisa drehte sich um und versuchte zu fliehen, doch die Türen waren verschlossen.

Plötzlich verwandelte sich die Kirche um sie herum. Die Wände schlossen sich langsam und erzeugten ein klaustrophobisches Gefühl. Sie schloss die Augen, als sie sie wieder öffnete, war sie nicht mehr in der Kirche, sondern in einem Spiegellabyrinth. Sie trug immer noch das Hochzeitskleid. Plötzlich erschien Rokkos Gesicht in einem der Spiegel. Er sah sie mit traurigen Augen an. "Wieso hast du mich verlassen, Lisa?" hallte seine enttäuschte Stimme durch ihren Kopf. Sie fing verzweifelt an zu weinen. "Wieso hast du mir solange etwas vorgemacht?" Mit jeder weiteren Frage wurde Rokkos Stimme in ihrem Kopf lauter, und Lisa wurde verzweifelter. "Lisa, Lisa, LISA!"

Lisa schloss ihre Augen und hielt sie so fest verschlossen, wie es ihr nur möglich war. "Es tut mir leid, es tut mir so leid, Rokko, das musst du mir glauben", wiederholte sie immer wieder. "Lisa, Lisa, Lisa!" hörte sie immer wieder und merkte, wie etwas oder eher jemand an ihr rüttelte. In ihr stieg kurz die Hoffnung auf, dass es Rokko war, der ihr verziehen hatte und sie jetzt zu trösten versuchte, so wie er es früher immer getan hatte. Doch dann öffnete sie die Augen und wurde fast geblendet von der Mittagssonne, die ihr plötzlich ins Gesicht schien und die Dunkelheit ihres Traumes ablöste.

Als Lisa begriff, wo sie sich befand, bemerkte sie auch Helga, die wohl diejenige war, die sie tatsächlich gerufen und gerüttelt hatte. Helga sah sie besorgt an, sagte aber zu Lisas Überraschung nichts weiter außer: "Lisa, Mäuschen, das Mittagessen ist fertig." Erleichtert darüber, dass Helga nichts über ihren Zustand sagte, aber dennoch etwas verunsichert, dass sie sie weiterhin besorgt begutachtete, folgte Lisa ihr nach unten zum gedeckten Tisch, an dem auch schon Bernd saß und fröhlich wartete. Ihre Mutter hatte doch nicht etwa gehört, wie sie nach Rokko gerufen hatte? dachte Lisa noch, bevor sie am Tisch ankam und Platz nahm. Diesen Gedanken schob sie allerdings erstmal wieder beiseite, als Bernd anfing, eine seiner Anekdoten aus seiner und Helgas Anfangszeit zu erzählen, während sie mit dem Essen begannen.