Es waren bereits einige Tage vergangen, seit Lisa wieder bei Kerima aufgetaucht war. Sie kam gerade heim. Wie üblich war sie morgens die Erste in der Firma und abends die Letzte. So wie früher auch, war die Arbeit eine sehr gute Ablenkung von ihren anderen Sorgen. Solange sie sich um die Probleme der Firma kümmerte, musste sie sich nicht ihren eigenen Sorgen stellen.
Sie betrat ihr Zimmer, welches vom Mondlicht erhellt war, und legte ihre Aktentasche sowie ihre Jacke ab. Ohne das Licht einzuschalten, ging sie langsam auf ihre Fensterbank zu und ließ sich, wie jeden Abend, auf ihrem Stammplatz nieder. Vorsichtig holte sie ihr Handy hervor und öffnete den Adressbucheintrag mit Rokkos Nummer. Das war etwas, das sie sehr oft tat, nicht erst seit sie wieder hier ist, sondern auch in all den Jahren zuvor. Sie hatte sich nie dazu durchringen können, seine Nummer zu löschen. Aber sicherlich hatte er seine Nummer mittlerweile geändert, oder? Immerhin war fast ein Jahrzehnt vergangen, seit sie die Nummer das letzte Mal gewählt hatte. Seither hatte sie es nie mehr gewagt, sich bei ihm zu melden. Nicht nur, dass sie kein Recht dazu hatte, ihn nach allem, was vorgefallen war, zu belästigen, sie hatte sich auch nie getraut.
Auch jetzt fehlte ihr der Mut dazu. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, falls er dranginge. Wenn er aber nicht dranginge oder vielleicht jemand anderes, weil Rokko in der Zwischenzeit schon längst eine neue Nummer hatte, was wäre dann? Oder viel schlimmer: Er geht dran und legt direkt wieder auf, sobald ihm klar wird, dass sie am anderen Ende ist. Wozu er auch jedes Recht hätte. Aber solange sie nicht wusste, was passieren würde, fühlte sie sich sicher, da ihr die Option, ihn zu kontaktieren, zumindest in dieser Ungewissheit und Fantasie noch offenstand. Eine Zeit lang saß sie noch da und grübelte.
Sie würde es nie herausfinden, wenn sie es nicht versuchte. Bevor sie sich ihrer eigenen Handlung wirklich bewusst werden konnte, hatte sie auch schon auf „Anrufen" gedrückt. Mit jedem Piepton des Telefons nahm ihr Herzschlag an Geschwindigkeit zu. Während sie da saß, mit dem Handy am Ohr, traf ihr Blick plötzlich auf die Uhr an ihrer Wand, die durch das helle Mondlicht an diesem Abend beleuchtet genug war, um sie daran zu erinnern, wie spät es eigentlich war.
Sie beschloss sofort aufzulegen. Egal, wem die Nummer gehört, das war keine passende Uhrzeit, um das herauszufinden. Sie hatte gerade den Entschluss gefasst aufzulegen und es wann anders zu versuchen, als am anderen Ende der Leitung der Piepton verstummte und sich eine Stimme meldete. „Rokko Kowalski", kam es vom anderen Ende der Leitung von einer Stimme, die sie nur zu gut kannte. Lisa war nicht dazu in der Lage zu antworten, egal wie sehr sie es versuchte, ihr blieben die Worte im Hals stecken. „Hallo?", kam es nach einer gefühlten Ewigkeit der kompletten Stille vom anderen Ende der Leitung. Ihr wurde klar, sie muss jetzt endlich etwas sagen, sonst würde er wieder auflegen und sie war sich sicher, dass sie nicht noch einmal den Mut finden würde, ihn anzurufen. „Rokko...", war alles, was sie schaffte zu sagen. Das war zwar schon mal ein Anfang, aber reichte bei weitem nicht, um all das zu sagen, was sie loswerden wollte und musste. Aber wie sollte sie all diese wichtigen Dinge, die sie zu sagen hatte, in Worte fassen. „Lisa?", sprach die zugleich überraschte als auch entsetzte Stimme ihres Ex-Verlobten. Jetzt oder nie: „Bitte nicht auflegen. Ich brauche dringend deine Hilfe. Kerima steckt in der größten Krise seit Jahren und ohne dich kommen wir da nicht wieder raus. Kerima braucht dich. Ich brauche dich", kam Lisas verzweifelte Bitte. Sie atmete tief aus. Sie hatte zwar nichts von den Dingen gesagt, die ihr seit Jahren auf der Seele brannten, wozu auch eine ausgiebige Erklärung und tausende Entschuldigungsentwürfe gehören, die sie über Jahre ausgearbeitet hatte, aber immerhin hatte sie es geschafft, überhaupt etwas zu sagen. Sie wartete nun schon eine Zeit lang auf eine Antwort auf ihre Bitte, doch es kam nichts. Es herrschte Totenstille in der Leitung. „Rokko?", hakte sie unsicher nach. Plötzlich hörte sie ein Tuten – er hatte aufgelegt.
Eine Woche später
Seit ihrem Telefonat oder eher ihrem Monolog mit Rokko vor einigen Tagen war keine Minute vergangen, in der sie nicht darüber nachdachte. Wie egoistisch und dumm war sie nur gewesen. Sie bekommt die einmalige Chance, ihm endlich alles zu erklären und im Bestfall um seine Vergebung zu bitten, und was macht sie? Aus lauter Angst ist alles, was sie macht, ihn zu bitten, die Firma des Mannes zu retten, für den sie ihn verlassen hat. Ganz toll, Lisa, dachte sie sich, als sie alleine in ihrem Büro saß. Auf ihrem Schreibtisch türmten sich mal wieder zahlreiche Geschäftsunterlagen, die sie noch durcharbeiten musste, um einen vollständigen Überblick über die finanzielle Lage der Firma zu bekommen. Doch langsam rauchte sogar ihr der Kopf bei der Menge. Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare und griff anschließend nach ihrer blauen Sonnenblumentasse. Wenn sie den Stapel Akten vor ihr noch durcharbeiten wollte, brauchte sie dringend mehr Kaffee. Sie versuchte, sich von der Rokko-Thematik abzulenken und wieder auf die Arbeit zu fokussieren. Sie stand auf und machte sich mit der Tasse in der Hand auf den Weg zum Catering, um sich Nachschub zu holen.
„Hallo Mäuschen, schön, dass du endlich mal eine Pause machst", wurde sie von ihrer Mutter begrüßt. „Ich mache keine Pause, Mama, ich brauche nur Kaffee." Helga begutachtete ihre Tochter mit einem besorgten Blick. „Willst du nicht wenigstens etwas essen? Ich kann dir schnell ein Sandwich machen. Wir haben auch frisches Obst da, falls du etwas Leichteres willst." Lisa, welche mit dem Rücken zum Kerima-Empfang stand, schüttelte nur den Kopf.
Sie sah von ihrer Position aus nicht, wie die Aufzugtür aufging, und sie sah auch nicht, wer dort herauskam. Sie ging mit ihrem Kaffee in der Hand wieder in Richtung ihres Büros. Ohne ihren Blick von ihrem Weg abzuwenden, war sie schnell wieder verschwunden und hörte somit auch nicht die überraschte Stimme von Max, der im Gegensatz zu ihr die eintretende Person bemerkt hatte. ''Herr Kowalski?''
