Kapitel 9

Den Tod vor Augen

Harry POV

Harry hatte keine Ahnung, wie lange er regungslos in diesem Gang vor dem Fenster gestanden und im grauen Morgenlicht auf diese Zeilen gestarrt hatte, bevor ihn wieder einmal die Kälte, die beißend in seine Kleider kroch zu Sinnen brachte, doch selbst dann tat er sich schwer Mühe zu begreifen, was er gerade gelesen hatte.

Was hätte er gemacht, wenn ich auf dem Gelände gewesen wäre? Dann wäre ich auch unter diesem Zauber und könnte gar nichts machen- war das Erste, was ihn einigermaßen zusammenhängend durch den Kopf ging und wieder einmal wünschte er, es wäre so. Alles war besser als das, was in den letzten Stunden über ihn hereingebrochen war und das, was Dumbledore da von ihm erwartete, machte es nicht besser.

WIE sollte er einen Zauber Voldemorts lösen? Und dann auch noch mit Snapes Hilfe? Ein Zauber, den Voldemort gelegt und Dumbledore so verändert hatte, dass er von Voldemort selbst nicht mehr aufgehoben werden konnte.

Der Sinn dieser Maßnahme war Harry klar; konnte Voldemort den Bann nicht mehr lösen, konnte er niemandem im Schloss mehr Schaden zufügen. Was ihm nicht klar war, war die Frage, wie ein Zauberschüler im fünften Hogwartsjahr einen Zauber lösen sollte, den die beiden mächtigsten Magier der Gegenwart gelegt und verändert hatten.

Dazu kam, dass der Schulleiter sich seiner Meinung nach sehr unklar ausgedrückt hatte. Was Harry wirklich nachvollziehen konnte, waren die Bedenken in Bezug auf Malfoy, doch er fühlte sich schon im Stande den Slytherin auf Abstand zu halten, wenn es um die Wahrung von Geheimnissen ging.

Das war eigentlich alles, was in seinen Augen wirklich eindeutig war, denn der Rest stellte seiner Meinung nach ein riesiges Problem dar. Wieso hatte Dumbledore beispielsweise nicht erklärt, wie er diese geheime Kammer öffnen sollte? Das konnte doch unmöglich mit Malfoys Anwesenheit zu tun haben.

Und wieso sollte er ausgerechnet Snape zurückholen, wo doch jeder wusste, wie sehr ausgerechnet dieser ihn verabscheute?

Und bei was sollte Snape ihm helfen? Die Zaubererwelt von Voldemort befreien? Das war so absurd, dass Harry es nicht einmal gedanklich in Betracht ziehen konnte.

Diese Nachricht war eine Katastrophe, auf die er absolut nicht vorbereitet war und allein der Gedanke überforderte ihn schon vollkommen. Wie kam Dumbledore auf die Idee, dass er in der Lage sein könnte, diese Aufgabe zu bewältigen?

Harry schloss einem Moment lang die Augen und schüttelte vorerst jeden Gedanken an diesen Brief ab. Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren und sich erst einmal in Sicherheit bringen. Immerhin hatte Dumbledore ihm auch befohlen, am Leben zu bleiben. Einen tiefen Atemzug nehmend, hob er den Zauberstab und richtete ihn auf sich selbst,

„Reducio veritae persona-" Er konnte ein Tingeln spüren, das langsam über seinen Körper rann. Offenbar war es ihm gelungen den Zauber zu sprechen, den der Schulleiter ihm genannt hatte, um magische Aufspürversuche abzuwehren und er fragte sich, ob sich das auch auf die Karte des Rumtreibers auswirken würde.

Ein Blick darauf zeigte ihm zu seiner Überraschung, dass er tatsächlich nicht mehr zu sehen war. Es entlockte ihm ein leises Seufzen, denn es machte ihm das Leben um einiges leichter, wenn es Voldemort in Zukunft schwerfallen würde, ihn zu finden.

Im nächsten Moment gefror ihm jedoch die Luft in den Lungen, denn er begriff, dass sich Draco Malfoy erneut in der Eingangshalle von Hogwarts befand – umringt von Todessern und zweifellos von Angesicht zu Angesicht mit seinem schlimmsten Alptraum; Voldemort.

Draco POV

Der Moment, in dem Draco versucht hatte, aus Hogwarts zu disapparieren, war der Moment, der ihn auf direktem Wege wieder in die Hölle beförderte.

Er wusste, dass er nichts falsch gemacht hatte. Er war sicher, dass er am richtigen Ort erschienen wäre, wenn er die Chance dazu bekommen hätte, doch er hatte sie nicht bekommen. Er war an etwas abgeprallt und mit brutaler Gewalt auf einen steinernen Boden geschleudert worden, unfähig, auch nur einen Finger zu rühren. Da hatte er noch darauf gewartet, dass der Unnennbare erschien und ihn von seinem Vater töten ließ, doch nichts war geschehen. Er lag da, am kalten Boden wie festgenagelt und fürchtete das Schlimmste.

Zu Anfang hatte er sich geweigert, die Augen zu öffnen, unwillig seinem Schicksal entgegenzusehen, doch als die Minuten dahin tickten und nichts geschah, machte es die Ungewissheit schlimmer und schlimmer und er gab es auf, sich vor der Realität zu drücken.

Er lag wieder in der Eingangshalle, anscheinend genau in der Mitte zwischen Eingangsportal und Treppe. Es war noch immer Nacht, totenstill und er war vollkommen allein. Die Frage, worauf der Unnennbare wartete, begann in seinem Kopf zu kreisen. Warum brachten sie ihre Sache nicht zu Ende, wenn sie ihn schon abgefangen hatten? Das ihm der Tod dieses Mal gewiss war, bezweifelte Draco nicht. Er wusste, dass er schon beim ersten Mal sterben sollen hätte. Und doch geschah weiterhin nichts.

Die Nacht wurde dunkler, bevor der Morgen zu grauen begann und als der Tag anbrach, schloss Draco die Augen wieder. Er fühlte sich taub. Zu Anfang hatten seine Muskeln von der starren Position, in die sie gezwungen wurden, geschmerzt, doch dann war die Kälte des Bodens in seinen Körper gekrochen und inzwischen fühlte er sich taub – eisig kalt und taub. In gewisser Weise war das hier genauso Folter, als wenn man ihn mit einem Cruciatus oder einem andern Folterfluch aus dem Repertoire der Todesser quälte.

Er wäre zusammengefahren, hätte er gekonnt, als nach einer weiteren, kleinen Ewigkeit die eisige Stimme des Monsters ertönte und raschelnder Stoff die Ankunft seiner Peiniger ankündigte,

„Ich hätte nicht erwartet, dass unser Held dich so lange in dieser misslichen Lage schmoren lässt-", ließ sich der Dunkle Lord beinahe ein wenig höhnisch vernehmen. „Was denkst du, Draco? Hat er sich aus dem Staub gemacht?"

Draco schluckte schwer. Der-dessen-Name-nicht-genannt-wurde hielt sich ebenso, wie seine Anhänger, außerhalb seines Sichtfeldes. Er war einerseits froh darüber, denn so musste er weder das Monster noch seinen Vater sehen. Andererseits war es entnervend nicht zu wissen, was sie taten.

Darum also lag er hier halb erfroren am Boden. Sie hatten gehofft, Potter herauszulocken. Draco machte sich da keine Hoffnung. Der Schwarzhaarige hatte ihn einmal mit viel Glück gerettet. Ein zweites Mal würde ihm das nicht gelingen und Draco hoffte, dass er schlau genug war, das zu begreifen.

„Es scheint, als müssten wir ihm einen größeren Anreiz bieten-", hörte er den Unnennbaren da sagen. Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, was er damit meinte. Gleich darauf war alles, was noch in seinem Kopf Platz hatte, der Wunsch, dass jemand kam, um ihn zu retten, denn nun brach tatsächlich die Hölle über ihn herein. Es dauerte nur Augenblicke, bis er sich wünschte, Potter tauchte auf, um noch einmal sein Glück zu versuchen und sie beide noch einmal vor ihrem Schicksal zu bewahren.

Der Dunkle Lord hatte seinen Körper mit einem Zauber vom Boden gerissen und in die Höhe schweben lassen. Das allein war schon schmerzhaft gewesen, nachdem sein ganzer Körper vollkommen verkrampft war, doch dann hatten sich Seile um seine Hand- und Fußgelenke geschlungen und ihn in der Luft fixiert. Sie hatten dabei so hat an seinen Gliedmaßen gerissen, dass es unmöglich geworden war, einen Schmerzensschrei zu unterdrücken.

Dann hatte der Lord ihn gezwungen, ihn anzusehen.

„Hast du schon genug, mein Kleiner?- Das ist erst der Anfang." Die Karikatur eines Lächelns lag dabei auf seinen dünnen Lippen, bevor er beinahe zärtlich „Crucio-", flüsterte und Draco zu schreien begann.

Harry POV

Harry hatte den Gang im dritten Stock noch nicht hinter sich gelassen, als unmenschliche Schreie durch das verlassene Schloss zu hallen begannen. Seine Entscheidung fiel innerhalb von Sekundenbruchteilen. Er riss die Hand mit dem Zauberstab nach oben und stieß ein hastiges 'Accio Feuerblitz' hervor. Es war zwar fraglich, ob der Zauber funktionierte, doch er musste es versuchen. Die Nerven, noch einmal den Umweg über Geheimgänge zu nehmen, würde er nicht haben, wenn ihm die ganze Zeit Malfoys gequälte Schreie in den Ohren klangen.

Nur wenig später schepperte sein geliebter Besen vor ihm auf den steinernen Boden und Harry bückte sich, um ihn aufzuheben. 'Auf', lautete sein nächster Befehl und augenblicklich schwebte der Besen einsatzbereit vor ihm. Harry stieg auf und jagte hinaus ins Große Treppenhaus. Das winzige Tingeln in seiner Hand, als er den Besen aufgehoben hatte, war ihm vollkommen entgangen.

Harry wusste, dass Malfoys Folter eine Falle für ihn war, und er wünschte sich, einfach davonrennen zu können. Doch diese Schreie, die von Sekunde zu Sekunde in ihrer Intensität zunahmen, ließen es nicht zu, dass er sich umwandte und davonlief. Es war bedeutungslos, dass es Malfoys Schreie waren, es war auch bedeutungslos, dass es ihn vermutlich das Leben kosten würde. Er schaffte es nicht, Draco Malfoy seinem Schicksal zu überlassen.

Wenn sie beide dabei starben, starb er zumindest mit dem Bewusstsein, es versucht zu haben und musste sich keine Gedanken mehr über den wirren Auftrag machen, den Dumbledore ihm gegeben hatte. Er sprengte die Tür zur Eingangshalle mit einem Schleuderfluch, ohne noch darüber nachzudenken, doch einen Augenblick später endete sein rasanter Flug abrupt. Er prallte auf eine unsichtbare Barriere und ein hässliches Knirschen machte ihm klar, dass das sein letzter Flug mit seinem Feuerblitz gewesen war, denn der Stiel splitterte und brach, bevor er schwungvoll zu Boden ging. Für ihn selbst schien diese Barriere jedoch nicht zu funktionieren, denn er passierte sie, ohne gebremst zu werden.

So schnell wie er fiel, kam er auch wieder auf die Beine. Die Sicht, die sich ihm bot, entfachte eine Wut ihn ihm, die er nie zuvor verspürt hatte. Wie konnte Lucius Malfoy bei diesem Anblick danebenstehen und nichts tun?

„DIFFINDO-WINGGARDIUM LEVIOSA-" Malfoy stürzte in Richtung Boden und wurde kurz vor dem Aufprall durch den Wingardium Leviosa aufgefangen. Der Cruciatus war gebrochen, doch Voldemort übernahm sofort wieder die Kontrolle.

„Da ist er ja-", tönte er, während ein Wisch des Zauberstabs Malfoy gegen das Eingangsportal zur Großen Halle schleuderte und ihn diesmal dort fixierte. Ein weiterer Fluch schoss in Harrys Richtung, doch er wich aus. „ER. DARF. NICHT. NOCH. EINMAL. ENTKOMMEN!", ließ Voldemort sich weiter vernehmen, bevor er wieder mit ein wenig mehr Süffisanz meinte. „Vincent, mein Junge- du kannst deine Fähigkeiten ein wenig an deinem ehemaligen Hauskameraden trainieren- Tue ihm ordentlich weh- er hat mich verärgert."

Aus dem Schatten einer der Säulen am oberen Ende der Haupttreppe heraus, sah Harry, wie sich eine gedrungene Gestalt aus dem Kreis der Todesser löste und auf Draco Malfoy, der schwer atmend und von Panik gezeichnet wie gekreuzigt an der Tür hing, zuging. Harry schickte einen Stupor in seine Richtung und die Gestalt ging stolpernd zu Boden. Die Kapuze flog vom Kopf und er musste begreifen, dass es tatsächlich Vincent Crabbe war, den Voldemort da in seiner Truppe dabeihatte, doch er konnte nicht mehr länger darüber nachdenken.

Links und rechts von ihm erschienen nun je zwei schwarz vermummte Gestalten auf der Galerie und versperrten ihm den Weg. Unerbittlich kamen sie langsam auf ihn zu. Harry richtete sich auf und trat ans obere Ende der Haupttreppe.

„Ich bin hier- Lass ihn in Frieden", sagte er mit überraschend fester Stimme. „Du hast, was du willst-"

Er wusste, dass augenblicklich alle Augen auf ihn gerichtet waren. Selbst Malfoy starrte zu ihm herauf.

„Du opferst dein Leben für Draco Malfoy, Harry? Glaubst du, dass er dasselbe für dich tun würde? Ich glaube es nicht, aber ich denke, wir sollten es herausfinden."

Vermutlich hatte er damit recht, dass Malfoy sein Leben nicht für ihn opfern würde, doch Harry war zu seiner eigenen Überraschung an dem Punkt, an dem ihm das egal war. Er hatte in dieser Nacht die Entscheidung getroffen kein unschuldiges Leben mehr zu opfern, wenn er die Chance hatte, es zu retten und davon würde er nicht mehr abweichen, auch wenn er genau wusste, dass Malfoy längst davongerannt wäre, wäre die Situation umgekehrt.

Draco Malfoy hatte in diesem Kampf nichts verloren. Es war nicht seiner und darum war er in Harrys Augen unschuldig und verdiente es zu Leben.

Wenn er dafür sterben sollte, so war das Schicksal. Auch, wenn Dumbledore das vermutlich anders sah. Harry starrte in Voldemorts rotglühende Augen und wartete ab, was geschehen würde.

Ein Wisch von dessen Zauberstab und Malfoy ging unelegant zu Boden. Crabbe, der sich wieder aufgerappelt hatte, machte hastig einen Schritt rückwärts, als der Blonde langsam aufstand, unübersehbar vollkommen irritiert.

„Gib Draco seinen Zauberstab, Vincent." Der ehemalige Slytherin starrte Voldemort an, als sei ihm ein Horn gewachsen. „Ich sagte, GIB Draco seinen Zauberstab, VINCENT." Harry sah Crabbe zusammenzucken. Er hastete zu einer anderen Gestalt im schwarzen Umhang, die ihm einen Zauberstab übergab, bevor er sich wieder zögerlich seinem früheren Hauskameraden zuwandte, unwillig, jedoch zu feige, sich Voldemorts Befehl zu widersetzen.

Harry begriff nicht, was Voldemort bezweckte, doch es wurde ihm schnell klar, als Draco Malfoy seinen Zauberstab wieder in den Händen hielt und sich mitausdrucksloser Miene in seine Richtung wendete. Sein erster Fluch verfehlte ihn nur um Haaresbreite.

Draco POV

Als Draco begriff, was der Unnennbare vorhatte, war es zu spät. Der Imperius-Fluch legte sich über ihn, wie eine kuschelige, warme Decke aus Gleichgültigkeit. Angst und Qual verschwanden genauso schnell aus seinem Kopf, wie jeder eigenständige Gedanke.

Hebe deinen Zauberstab und richte ihn auf Potter, Draco- wenn du tust, was ich dir sage, erfülle ich vielleicht doch noch den Herzenswunsch deines Vaters und mache dich zu einem der meinen-

Willenlos wandte er sich Potter zu, dem er deutlich ansehen konnte, dass er nicht verstand, was vor sich ging. Idiot!, tönte es irgendwo ganz weit hinten in seinem Kopf, doch das half ihm nicht. Seine Hand mit dem Zauberstab hob sich und er zielte auf den Gryffindor.

Sprich einen Repulso-

Die Stimme in seinem Kopf leitete ihn an, ohne, dass er auch nur darüber nachdenken musste, was er zu tun hatte und er konnte die Überraschung in Potters Gesicht sehen, als er einen Satz zur Seite machte, um dem Schleuderfluch auszuweichen.

Nun Kopsimo1, Draco-tue es einfach

Und wieder tat Draco, was ihm die Stimme in seinem Kopf befahl. Diesmal erwischte er Potter an der Schulter. Dessen Umhang wurde aufgeschlitzt. Er stolperte ein wenig rückwärts, sein Blick voller Verwirrung.

Noch einmal-ich will ihn bluten sehen!

„Kopsimo-", brüllte Draco erneut laut und erwischte Potters Unterarm. Der Ärmel des Umhangs und auch des Pullovers darunter wurde aufgerissen. Ein blutiger roter Striemen zeigte sich auf der hellen Haut und Blut rann daran herunter. Er stürzte und landete hart rücklings auf der Treppe, nun mit blankem Entsetzen auf seinen Zügen. Es schien ganz so, als sei er nicht in der Lage, sich zur Wehr zu setzen. Draco verspürte schwaches Unbehagen, doch die Stimme des Unnennbaren in seinem Kopf übertönte es.

Sehr gut, Draco, hervorragend, Vinculum-

Der Fesselfluch erwischte Potter ungehindert und verschnürte ihn zu einem hübschen, wehrlosen Paket. Er hatte keine Chance mehr.

„Und Harry, wie fühlt sich das an-? Habe ich dir nicht gesagt, er wird sich nicht für dich opfern-!", höhnte der Dunkle Lord und er bekam Beifallbekundungen von seinen Anhängern dafür.

Draco Blick hing noch immer an Potters. Er konnte erkennen, als der Gryffindor aufgab – und wusste, dass es so vollkommen falsch war. Er wollte wegschauen, doch er konnte es nicht.

„Das hast du wunderbar gemacht, Draco!", sprach der-dessen-Name-nicht-genannt-wurde weiter „Hervorragend. Ich bin stolz auf dich. Ich wusste, du würdest die richtige Entscheidung treffen."

DAS WAR NICHT MEINE ENTSCHEIDUNG, schrie eine Stimme in seinem Kopf und Draco wusste, dass es diesmal seine eigene war. Er hat mein Leben gerettet. Ich bin ihm etwas schuldig-, dröhnte sie weiter, doch dann klinkte sich das Monster wieder ein.

Und nun Crucio, Draco, dann hast du mir bewiesen, dass du meiner Gnade würdig bist- keine Angst, ich helfe dir.

Wieder hob er den Zauberstab. Die Wärme und Geborgenheit des Vergessens war zu verführerisch und verdrängte seine eigenen Gedanken erneut, doch dann sah er Potter die Augen schließen und die Wärme des Vergessens verschwand aus Dracos Kopf, als er begriff, dass sich der Schwarzhaarige seinem Schicksal ergab und sich damit für ihn opferte. Die Vorstellung sprengte den eisernen Griff, mit dem der Imperius seinen eigenen Willen kontrollierte.

„NEIN- DIFFINDO-", brüllte er und versuchte, Abstand zwischen sich und Den-dessen-Name-nicht-genannt-wurde zu bringen, doch es nützte nichts. Ein Fluch ließ ihn erstarren. Er wurde vom Boden gerissen und rücklings gegen das Portal zur Großen Halle geschleudert, dass ihm schon der Aufprall schon beinahe das Bewusstsein raubte.

„CRUCIO!", brüllte dieser mit unüberhörbarer Wut in der kalten Stimme. Erneut schnitten glühende Messer durch seinen Körper, er wurde brutal gegen das harte Holz gepresst und seine Stimme überschlug sich noch schneller als beim ersten Mal.

Harry POV

Malfoys sich überschlagende Schreie schnitten in Harrys überforderten Verstand und sorgten dafür, dass er sich augenblicklich sammelte. Die Attacken des Blonden hatten ihn vollkommen aus der Fassung gebracht, auch wenn er schnell begriffen hatte, dass es nicht Malfoy selbst, sondern Voldemort gewesen war, der das Kommando hatte.

Es änderte nichts an den Fakten. Er war verletzt und ziemlich mitgenommen, doch er musste schnellstmöglich wieder zu Sinnen kommen, also versuchte er einen tiefen Atemzug zu nehmen. Es fiel ihm schwer und er musste gegen ein heftiges Schwindelgefühl ankämpfen, doch als Malfoys Schreie eine noch schrillere, ohrenzerfetzende Tonlage erreichten, sprang er, ohne nachzudenken wieder auf die Beine und versuchte einzuschreiten,

„HÖR AUF- LASS IHN-", brüllte er mit einer Kraft, die ihn selbst überraschte.

„Ach- Willst du etwa an seine Stelle treten? GERNE, Potter- GERNE." Und das war der Moment, in dem Voldemorts Cruciatus Harry traf.

Er hatte vergessen, wie dieser Fluch sich anfühlte, denn wenn er sich erinnert hätte, wäre er vermutlich nicht für Malfoy in die Bresche gesprungen. Es war egal. Der Schmerz überflutete seinen Verstand, riss ihn und Harry gab auf. Er schrie, bis ihm die Stimme wegblieb, bis er keine Luft mehr in seine Lunge bekam und gleisendes Licht hinter seinen Augenlidern explodierte. Er schrie, bis er nicht mehr konnte und dann übermannte ihn die Dunkelheit.

Draco POV

Draco riss die Augen auf, als Potters Schreien verstummte. Als der Unnennbare von ihm abgelassen hatte, war ihm ein wenig Zeit vergönnt gewesen, Luft in seine Lungen zu pumpen und die Nachwirkungen des Cruciatus-Fluches zumindest etwas abklingen zu lassen, obwohl er weiterhin mit Magie an das Portal genagelt war. Noch immer stand Crabbe ganz in seiner Nähe, doch das Schauspiel, das ihnen der Unnennbare mit Potter lieferte, sorgte dafür, dass man ihn kaum beachtete.

Als Potter nun aufhörte zu schreien, befürchtete er sofort das Schlimmste, obwohl er schon lange nicht mehr wusste, was das Schlimmste war. Draco hatte längst keine Hoffnung mehr, dass sie ihrem Schicksal noch entgehen konnten. Die einzige Frage, die blieb, war, wie grausam ihr Tod sein würde. Mit dem Cruciatus zu Tode gefoltert zu werden, war kein schöner Tod.

Potter war jedoch nicht tot. Er lag dort oben auf der Treppe wie eine zerbrochene Puppe, doch seine Augen waren offen und seine Brust hob und senkte sich mit heftigen Atemzügen.

Der Unnennbare legte noch einmal nach; ‚Crucio', ,Kopsima', ,Repulso' waren nur einige der Flüche, doch Potter reagierte nicht. Der Kopsima hinterließ einen weiteren Riss, diesmal an der linken Schulter und auch dieser begann zu bluten, und offensichtlich brachte das für den Gryffindor das Fass zum Überlaufen, denn im nächsten Moment riss er die Hand, die noch immer seinen Zauberstab umklammerte, hoch und wehrte einen Fluch ab, den Draco nicht kannte. Das alarmierte alle Anwesenden, doch einigen nützte das nichts mehr, denn der Schwarzhaarige war so schnell auf den Beinen, dass er die meisten überumpelte.

Innerhalb weniger Augenblicke setzte er fünf Todesser außer Gefecht, darunter Crabbe, den ein Vinculum so verschnürte, dass er vor Schmerz aufheulte. Der Fluch, denn er stumm in die Richtung des Lords gesandt hatte, wurde jedoch abgewehrt.

„Du hast also immer noch nicht genug- und ich dachte es geht endlich zu Ende mit dir." Der-dessen-Name-nicht-genannt-wurde war zu Dracos Überraschung nun vollkonzentriert.

Er sah, wie Potter noch immer recht weit oben reglos auf der Treppe stand, seine Augen dunkel umschattet und die Miene unbewegt. Hätte Draco nicht gesehen, wie wachsam das Monster war, hätte er nicht den geringsten Zweifel daran, dass der Schwarzhaarige unter dem Einfluss von Imperius stand, doch offensichtlich konnte das nicht der Fall sein. Und trotzdem wirkte er wie ein vollkommen anderer Mensch. Er sah auf den Unnennbaren herunter, als sei ihm vollkommen egal, in welcher Situation er sich befand.

„Alle-jetzt", blaffte der Dunkle Lord nun und augenblicklich befolgen die Todesser seinen Befehl und griffen Potter aus allen Richtungen an, doch es schien unmöglich ihn zu erwischen. seine Schutzbanne schienen unerschütterlich und er setzte weitere Todesser außer Gefecht.

Leider ließ er dabei jedoch den Unnennbaren aus den Augen, denn dieser erschien im nächsten Moment hinter ihm und drückte ihm die Spitze seines Zauberstabes in den Nacken

„Crucio-", ließ dieser sich dabei vernehmen und die Auswirkungen waren Furchteinflößend.

Potter von Krämpfen geschüttelt, als hätte man einen Tarantallegra-Fluch auf seinen ganzen Körper angewendet. Er zuckte und zitterte, sein Rücken bog sie unerträglich durch und seine Hände ballten sich zu Fäusten, ohne dass er einen Ton von sich gab. Die grünen Augen verdrehten sich nach oben und der Mund klaffte offen, doch atmen schien er nicht zu können, denn schnell wurden seine Lippen blau und sein Gesicht noch weißer, als es eh schon gewesen war.

Und das Monster ließ nicht von ihm ab.

„HÖR AUF", schrie dieses Mal Draco.

„Hast du genug, kleiner Malfoy? ICH HABE SCHON LANGE GENUG-", fauchte der Unnennbare. Es schien tatsächlich, als sei alle Beherrschung von ihm abgefallen. Noch einmal brüllte er „Crucio, Crucio, Crucio-" und bei jedem Wort fuhr Potter von neuen Krämpfen geschüttelt zusammen, hing wie eine Marionette in der in der Luft, „IM-PE-RIUS-", setzte der Unnennbare dann nach. Potter erstarrte in der Bewegung. „Ich werde das jetzt beenden-" Sein Blick wanderte zu Draco und hätten diese Augen nicht eh schon rötlich geglüht, hatten sie vermutlich vor Hass Funken gesprüht. Draco wusste, dass das sein Ende war und er war definitiv nicht der einzige.

„Herr, ich flehe Euch an- Ihr wolltet-" Eine der schwarz gekleideten Gestalten fiel auf die Knie und Draco konnte nicht daran zweifeln, dass es sein Vater war.

„SCHWEIG, Lucius- Du hast mit eigenen Augen gesehen, dass er keiner von uns ist." Selbst nach allem, was geschehen war, flutete Scham durch Dracos Körper, als er mit eigenen Augen sehen musste, dass Potter ein weiteres Mal mit dem, was er vor nicht allzu langer Zeit gesagt hatte, recht behielt. Sein Vater rutschte vor seinem fürchterlichen Herrn auf den Knien. Er blieb sogar in dieser Position, als er sich langsam wieder entfernte. Erbärmlich- ging es ihm durch den Kopf, doch er hatte keine Zeit länger darüber nachzudenken.

„Steh auf, Harry-" Das Monster wollte weiterspielen und hatte sich dieses Mal den Gryffindor als Marionette ausgesucht. Draco versuchte sich damit abzufinden, dass er möglicherweise von Harry Potters Hand sterben würde und fragte sich nur noch, wie grausam sein Tod sein würde.

Er konnte beobachten, wie Potter langsam die Treppe herunterkam, unbeteiligt, so als wäre er nicht kurz zuvor aufs grausamste misshandelt worden. Sein Kopf war gesenkt und den Zauberstab hielt er nun locker in der Rechten. Der linke Ärmel seines Umhangs und auch das Sweatshirt darunter waren aufgerissen, die Haut blutig darunter blutig. Blut rann über seine Hand und tropfte von da auf den Boden. Der Anblick war unerträglich und Draco hatte das Gefühl, als schnüre ihm etwas die Brust ab. Wir sind verloren, Potter, bring es zu Ende, dass es endlich vorbei ist- Sie waren halbe Kinder. Sie hatten das nicht verdient. Draco spürte ein quälendes Brennen in den Augen und tief in sich den verzweifelten Wunsch, dass all das nicht so geschehen wäre.

„Du wirst jetzt Draco für mich mit Cruciatus töten. Ich helfe dir, wenn du es nicht allein schaffst", ließ der Unnennbare sich wieder vernehmen und Panik spülte alles andere weg.

Bitte, Potter, bitte lass das nicht zu- wenn ich schon von deiner Hand sterben muss, lass es schnell sein- Draco starrte auf Potters gesenkten Kopf und hoffte verzweifelt, dass der Schwarzhaarige sich nicht vollständig von diesem Imperius überwältigen ließ. Er hob den Kopf und ihre Blicke trafen sich. Die Leere in Potters grünen Augen, machte jeglicher Hoffnung ein Ende. Potter konnte unmöglich noch er selbst sein, doch Draco starrte ihn trotzdem unverwandt an. Er sollte sehen, wie er starb.

Im nächsten Augenblick flog die Hand mit dem Zauberstab in die Höhe und ein eisiges Lächeln erschien auf Potters totenbleichem Gesicht. Es war nicht zu hören, was er sagte, doch um sie herum brach Chaos aus. Zauberstäbe schwirrten durch die Eingangshalle und durchschlugen dann die Fenster, als sie davonsausten. Die Todesser schrien durcheinander. Draco war fassungslos angesichts des eisigen Funkelns in Potters Augen.

„ACCIO-", übertönte dessen klirrende Stimme einen Moment später alles andere, doch zu Dracos Überraschung war es der Schwarzhaarige selbst, der von den Füßen gerissen wurde und mit unglaublicher Wucht neben ihm gegen das Eingangsportal geschleudert wurde. Eisige Finger krallten sich um Dracos linkes Handgelenk und im nächsten Moment löste sich der Zauber, der ihn gefesselt hatte und sie landeten am Boden vor dem Portal. Keiner von ihnen konnte sich noch auf den Beinen halten, doch noch immer umklammerten Potters Finger eisenhart sein Handgelenk.

„Bring uns hier weg-", hörte er Potter heiser flüstern.

„Wir kommen nicht aus dem Schloss raus-", krächzte er und setzte nach, „Haltebann-"

„Zauberkunstkorridor-", war die schwache Entgegnung des Schwarzhaarigen.

„Okay-" Draco hatte keine Ahnung, ob es funktionieren würde, denn er war vollkommen am Ende, doch er musste es versuchen, wenn Potter schon alles daransetzte, mit ihm gemeinsam zu entkommen. Seine Finger krallten sich in seine Schulter.

Ohne noch weiter darüber nachzudenken, tat er, was Potter von ihm erwartete und einen Augenblick später landeten sie tatsächlich in einem unordentlichen Haufen am Boden des Korridors im dritten Stock. Draco schnappte wieder einmal nach Luft, als habe er zu lange den Atem angehalten.

„Und was nun?" Der Gryffindor lag neben ihm und atmete, wenn möglich noch schwerer als er selbst. Es war nicht zu übersehen, dass er ebenfalls vollkommen am Ende war. Draco hatte keine Ahnung, was sie hier wollten.

„Die Statue der einäugigen Hexe. Sie verbirgt den Eingang zu einem Geheimgang, der vom Schulgelände führt. So kommen wir hier raus."

„Ernsthaft?" Woher wusste Potter solche Sachen?

„Wahrscheinlich unsere einzige Chance-", krächzte dieser weiter. Draco begann sich mühsam aufzurappeln, doch Potter hielt ihn auf, „Warte- Reducio veritae persona-", brachte er schwach heraus, doch trotzdem spürte Draco, wie etwas über ihn hinweg tingelte und begriff, dass er einen Zauber gewirkt hatte, obwohl seine Kraft fast restlos verbraucht war.

„Was-?"

„Später-" Potter ließ sein Handgelenk los und Draco stand auf. Ohne nachzudenken, zog er dann auch den Gryffindor auf die Füße, denn allein hätte dieser das wohl nicht mehr geschafft.

Die Einäugige Hexe war nur ein paar Yard vom Zugang zum Treppenhaus entfernt und mit Potters Arm um Dracos Schultern machten sie sich auf den Weg dorthin. Er hatte das Gefühl, das der Gryffindor sich mit jedem Schritt, den sie taten, immer schwerer auf ihn stützte.

Gunhilda von Gorsemore stand auf dem Schild unter dieser wirklich hässlichen Statue. Draco hatte keine Ahnung, wer sie gewesen war. Er konnte sich nicht einmal erinnern, ob er sie jemals wirklich wahrgenommen hatte.

Potter hob seinen Zauberstab.

„Silentium-", murmelte er, „kriegst du einen Protego hin?"

„Ja-" Draco sprach den Zauber und schrak zusammen, als Potter ‚Bombada' krächzte. Der Hexenbuckel explodierte und verblüfft sah er, dass die Statue tatsächlich hohl war und sich darunter unverkennbar ein Gang öffnete.

„Wir müssen da runter-"

„Bist du dir da ganz sicher?"

„Wenn wir nicht apparieren können, brauchen wir einen anderen Weg. Das ist er. Du musst- musst- den Buckel wieder reparieren, wenn wir drin sind. Die Trümmer- sie würden uns verraten. Ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte-", gab er zu.

„Das kriege ich hin, Potter. Keine Sorge. Hauptsache weg hier." Er beobachtete, wie Potter mühsam in die Öffnung kletterte, die er mit seinem Sprengfluch geschaffen hatte.

Er schien sich seiner Sache absolut sicher zu sein. Draco brachte seine Zweifel zum Verstummen und fragte sich, wohin sie dieser Gang brachte, doch im Grunde war es gleich. Er hatte keine andere Wahl mehr. Es war Potter, der hier zu wissen schien, was er tat. Potter war es, der es immer wieder schaffte, dem Tod von der Schippe zu springen.

Entschlossen schob er sich ebenfalls durch die Öffnung. Der Schwarzhaarige saß auf dem schmalen Absatz und schien kurz vor einer Ohnmacht zu stehen

„Reparo-", Draco tippte gegen den Stein der Statue und beobachtete, wie die Bruchstücke wieder an ihren Platz flogen. Augenblicklich herrschte vollkommene Dunkelheit. Er tatstete nach Potter und fand dessen Schulter, während er gleichzeitig spürte, dass Potters Finger seinen Umhang fassten.

„Nach dir, Potter", meinte er leise und im nächsten Moment hatte er das Gefühl in einen Abgrund gezogen zu werden. Gleich darauf spürte er den kalten Stein der Röhre, auf die er einen kurzen Blick erhascht hatte, als er in den Geheimgang geklettert war unter sich und ergab sich in sein Schicksal.

Egal was vor ihnen lag, er konnte sich nicht vorstellen, dass es schlimmer sein würde als das, was sie hinter sich hatten. Die Finger noch immer in den Stoff von Potters Umhang gekrallt, folgte er dem Schwarzhaarigen in die Dunkelheit.

Es geht weiter in der Originalversion - Der Herr der Zeit - Kapitel 7