40. Der Krieg – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Nachdem sich Eleazar, Carmen und Tanya verabschiedet hatten, nutzte ich die Gelegenheit, um Jasper aufgrund seines merkwürdigen Verhaltens zur Rede zu stellen. Nach anfänglichem betretenem Schweigen offenbarte er mir, dass das Mädchen ihre Familie getötet hätte und nun irgendeinen Plan verfolgte. Stolz erklärte er, dass sie sich rächen wollen würde an ihm, ihrem Schöpfer – er hatte sie zu einer ebenso grausamen Person gemacht, wie er es war. In einer Kurzschlussreaktion griff ich ihn an und es kam zu einem Handgemenge, in welchem er tatsächlich zugab, einen Krieg zur Vernichtung der Wölfe heraufbeschworen zu haben. Als Edward schließlich dazwischen ging, wurden meine schlimmsten Vorstellungen Gewissheit. Er glaubte nicht ein Wort, das ich ihm über Jasper erzählte und behauptete stattdessen, dass uns Jacob zuerst den Krieg erklärt hätte. Währenddessen Jaspers Plan bereits aufzugehen schien und Edward mich verständnislos zu Renesmee abkommandierte, wartete dort bereits das nächste Unheil: denn Renesmee war verschwunden.
Es mochte den Aufwand weniger Sekunden in Anspruch nehmen, um mich davon zu überzeugen, dass Renesmee tatsächlich verschwunden war. Nur um zu verstehen, was das bedeuten konnte, brauchte ich noch wesentlich länger. Ich suchte auch im Haus nebenan nach ihr, achtete dabei darauf, niemandem direkt zu begegnen oder auch nur den Anschein zu erwecken, dass irgendetwas nicht in Ordnung wäre. Es erforderte meine gesamte Anstrengung, die sich in dem Moment entlud, als ich in Renesmees Zimmer zurückkehrte und am Rande ihres Bettes zusammensackte. Ich strich über die Laken und schloss die Augen, doch die herannahenden Tränen ließen sich nicht wieder zurückdrängen. Sie benässten meine Wangen und bescherten mir das lange vergessene Gefühl von vertrockneten Salzspuren auf meiner nun granitenen Haut. Es gab nicht viele Möglichkeiten, wohin sie gegangen sein konnte. Wenn ich ehrlich zu mir war, dann gab es nur eine einzige. Ihre Trauer oder – was wesentlich schlimmer wäre – ihre Wut hatte überhand genommen und sie auf die überaus dumme Idee gebracht, Jacob mit seinen Handlungen zu konfrontieren. Um ihm zu zeigen, wie sehr sie litt. Vielleicht auch, um ihn ebenfalls leiden zu lassen. Allein bei der Vorstellung dessen krampfte sich mein Herz zusammen, da mochte es noch so tot sein. Aber was hätte ich erwarten sollen? Dass sie hier allein und verzweifelt saß und all dem Schmerz schutzlos ausgeliefert war, den ich als Mutter von ihr hätte fernhalten müssen? Ich hätte es wissen müssen. Nur war ich wieder nicht in der Lage gewesen, meine Pflicht zu erfüllen…ich hatte sie enttäuscht, ich enttäuschte mich selbst und wenn Edward davon erfuhr, dann würde ich auch ihn und alle anderen enttäuschen. Aber so weit durfte es nicht kommen. Ich musste handeln, ich musste Renesmee nachfolgen und sie finden…und das möglichst noch bevor sie die Grenze überschritt und sich damit in tödliche Gefahr begab.
Ich hätte nicht sagen können, was mich mehr verstörte. Allein das Wissen, dass sie sich im Gebiet der Wölfe befinden musste, machte mich unfähig, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Aber das war nicht alles. Wenn ich annehmen musste, dass sie tatsächlich Jacob aufzusuchen gedachte, hatte sie es entweder geschafft, bevor sie erwischt wurde, oder man hatte sie abgefangen. Was würden sie mit ihr tun? Sie würden sie ohne zu Zögern töten, wie sie auch mich fast getötet hätten. Nein…nein, das wollte ich – das konnte ich nicht glauben. Was, wenn sie mich nicht hatten töten wollen, sondern nur verletzen? Um dafür zu sorgen, dass wir uns auch in Zukunft von ihrem Gebiet fernhielten? Aber auch das war schlimm genug. Wenn Edward und Emmet nicht gewesen wären…ich vermochte nicht zu sagen, was dann passiert wäre. Ich konnte dazu keine definitive Aussage treffen, weil ich es schlicht nicht wusste.
Fakt war, dass Renesmee nirgends aufzufinden war. Ich hatte ein wesentlich größeres Gebiet und sogar eine gewisse Strecke entlang der Grenze abgesucht, als ich es mir vorgenommen hatte und war dennoch schweren Herzens abgezogen, nachdem ich erfolglos geblieben war. Unüberlegt das Gebiet der Wölfe zu betreten wollte ich nicht riskieren, nicht etwa aus Angst, erneut zwischen jemandes Fänge zu geraten, sondern weil ich dadurch womöglich verraten würde, dass sich noch jemand unter ihnen befand, der da nicht hingehörte – wenn sie das nicht bereits wussten. Ich wollte Renesmee auf keinen Fall in ihren Fokus rücken, also musste ich durchdachter vorgehen. Das jedoch fiel mir in Anbetracht der Umstände nicht unbedingt leichter. Im Versuch, klar zu denken, drückte ich meine Handflächen gegen meine Schläfen. Ich musste diese Situation analysieren. Ich musste mir klar werden, auf wessen Seite ich stand, um entscheiden zu können, was zu tun war. Nur was von all den Dingen, die mich beschäftigen, war von höherer Wichtigkeit? Und wie sollte ich darauf vertrauen, dass all das auch der Wahrheit entsprach? Ganz einfach, ich konnte es nicht.
Ich wusste lediglich, dass es seit Kurzem ein Mädchen an Jacobs Seite gab, das er seine Schwester nannte. Sie wiederum hatte ebenfalls eine Schwester, einen Zwilling, aber im Moment war das egal. Jedenfalls…war sie Teil des Stammes, hatte eine Mutter, die zu den Quileute gehörte, und war demnach ein vollständiges Mitglied. Wenn sie zurückgekommen war, um ihre Familie zu finden, dann war es ihr gelungen; sie war ein Teil von ihr geworden. Nur gab es da diese Dinge, die sie besonders machten. Sie konnte sich verwandeln und noch dazu ihre Gabe anwenden, wann immer sie wollte; eine Gabe, deren Stärke ich mir weder ausmalen, noch auch nur annähernd überblicken konnte. Als ich sie ansah, hatte sie auf mich menschlich gewirkt, gutaussehend und gleichzeitig Angst einflößend. Sie war womöglich verletzlich, das hatte Edwards Versuch eines Angriffs auf sie gezeigt. Aber vor allem war sie stark. Und Jacob vertraute ihr. Ich wusste nicht, ob sie tatsächlich ihre Eltern getötet hatte oder all die Menschen, deren Leichen gefunden worden waren. Jaspers Anschuldigungen war nicht zu trauen. Ich wusste zwar, dass sie Teil der Armee gewesen war, aber das bedeutete noch lange nicht, dass sie ein kaltblütiger Mörder war – zumindest nicht mehr - oder auch nur annähernd so hinterhältig wie Jasper. Ich konnte nicht sicher sagen, dass sie wirklich einen Kampf beschwören wollte…bei Jasper hingegen lag das auf der Hand. Was war da noch? Sie hatte gegen die Volturi gekämpft und sich ihnen verwehrt, aber dennoch war sie in deren Fadenkreuz geraten. Sie war nicht weniger in Gefahr wie jeder von uns, nur war sie womöglich stark genug, um sich auch weiterhin gegen Aro und seine Leibwache durchzusetzen. Da die Volturi auch unsere Feinde waren, zumindest musste man es gewissermaßen zu beurteilen, machte uns das nicht unbedingt zu Gegenspielern. Sie könnte uns helfen wie wir ihnen. Ich konnte ihr nicht misstrauen, solange ich nicht wusste, ob ich ihr vielleicht sogar vertrauen konnte. Nur beschäftigte mich noch immer, was Renesmee bezüglich Jacob über sie gesagt hatte: Sie hat ihn eingenommen. Sie kann ihn steuern. Sicherlich existierte eine Gabe, die ihr das hätte ermöglichen können – ob es Chelseas war oder eine ganz andere, war dabei egal. Ihre und Jacobs Verbindung schien tief zu gehen, laut Renesmee hatte sie ihm ja auch über Billys Tod hinweggeholfen. Nur konnte das nicht alles sein. Schließlich hatte sie von Edward abgelassen, womöglich weil Jacob es so wollte. Diese Verbindung zwischen ihnen war der Schlüssel…sie würde erklären, ob Jacob aus freien Stücken handelte oder sie ihm die Kündigung des Vertrages tatsächlich eingeredet hatte. Um einen Kampf herauszufordern, in welchem sie sich an Jasper rächen könnte.
Aber bei all ihrem Können, ihrer Gabe…sie wäre auch in der Lage, Jasper von uns zu trennen, um ihn allein und schutzlos anzugreifen. Stattdessen sollten wir alle darin verwickelt werden. Nur stand an diesem Punkt Aussage gegen Aussage. Jaspers gegen - ja, gegen meine. Vielleicht war all das auch nur ein Hirngespinst, das durch all diese widersprüchlichen und Misstrauen erregenden Geschehnisse zum Leben erweckt worden war. Vielleicht gab es eine ganz einfache Erklärung dafür: Jacob glaubte, dass wir Menschen getötet hatten. Er kündigte deshalb den Vertrag. Und er verließ Renesmee um ihrer Zukunft willen…oder doch, weil er das Mädchen liebte?
Es gab nur eine einzige Lösung. Nur ein Ziel, zu dem alle Wege führten. Ich musste Renesmee da raus holen, bevor sie irgendwelche Dummheiten beging. Oder bevor Jacob sie mit weiteren Worten verletzte, von Taten ganz zu schweigen. Und ich wollte in Jacobs Augen sehen, wenn er mir sagte, was in aller Herren Namen er im Schilde führte. Oder sie.
„Bella?"
Ich fuhr herum und beeilte mich, aus Renesmees Zimmer und zur Treppe zu kommen. Als ich einige wenige Stufen genommen hatte, sah ich Edward. Sein forscher Blick schien mich beinahe zu durchleuchten, als ahnte er etwas, doch ich konnte mich wieder einmal nur glücklich schätzen, dass er meine Gedanken nicht lesen konnte. Er durfte nicht erfahren, was passiert war und in welcher Gefahr Renesmee womöglich schwebte.
„Was ist?", fragte ich ihn und kam an seine Seite.
„Ich wollte dir Bescheid geben, dass wir uns jetzt noch einmal beraten. Es geht darum, wie wir vorgehen werden."
Ich wollte protestieren und einwenden, dass Carlisle doch jede Diskussion auf den folgenden Tag verschoben hatte, aber ein Seitenblick zur Uhr verriet mir, dass ebendieser Tag bereits angebrochen war – zumindest seit ein paar Minuten. Renesmee war bereits seit vier Stunden weg, jedenfalls soweit ich wusste.
Also nickte ich und ging mit ihm.
